Kapitel 73

Gestohlene Vergeltung

Skorpion passierte das Zelt der Abenteurer, das jene nahe dem Wasser und zwischen den Palmen aufgeschlagen hatten, gerade dann, als Anna und Hjaldrist zurück in die Oase kamen. Völlig abgekämpft sahen sie aus und obwohl der Weg von der Mantikor-Höhle bis nach Dattelgrund relativ kurz gewesen war, hatte die Sonne die Kräfte der beiden Ausländer noch weiter niedergedrückt. Die Alchemistin im Bunde atmete schwer und wischte sich mit der freien Hand über die schmerzende Stirn, während sich ihr Kumpel leicht an ihr abstützte, um in den ersehnten Schatten zwischen den Bäumen zu treten. Er hielt sich die verwundete Seite und einige verirrte, schwarze Haarsträhnen klebten ihm feucht an der Stirn. Kurzum: Die Monsterjäger sahen beschissen aus. Und dies brachte Skorpion dazu innezuhalten und die viel jüngeren Krieger skeptisch zu betrachten. Der großgewachsene Hexer verengte seine Vipernaugen leicht und beobachtete, wie Anna Rist bis zum Zelteingang half und ihn dann anwies sich auf einen kleinen Stein vor der Lagerstätte zu setzen.

“Zieh die Rüstung und die Tunika aus.”, meinte die Frau, als sie die Eingangsplane des Zeltes beiseite schlug und darin verschwand “Irgendwo hier hatte ich noch Alkohol…”

“Es geht schon… ich lege mich nachher einfach kurz hin…”, hörte sie ihren besten Freund brummen.

“Versorgen muss man die Wunde trotzdem.”, gab sie ihm gnadenlos zurück und ging vor ihren wenigen Habseligkeiten in die Knie, um in ihrer chaotisch durcheinander gewürfelten Alchemie-Ausrüstung zu kramen. Die Frau legte ein paar Zettel beiseite, schob Giftfläschchen fort, klaubte ein paar alte, getrocknete Kräuter hervor, die regelrecht zwischen ihren Fingern zerbröselten. Momente später kam sie dann wieder mit einer Flasche dreckig grünlichem Schnaps wieder zu ihrem Begleiter aus Skellige. Und ihr Blick verrutschte in eine unzufriedene Richtung, als ihr Kumpan noch in seiner vollen Montur herumsaß. Trotzdem schwieg sie. Anna reichte Rist die halbvolle Alraunenschnaps-Flasche und machte sich an dessen statt daran dem Undviker an die Rüstschnallen zu wollen. Sie fackelte nicht lange, beugte sich zu dem ermatteten Mann hinab und packte an den einen, breiten Riemen seines Ledertorsos, der noch ganz intakt war. Der zweite war schlussendlich zerfetzt worden.

“Hey…”, beschwerte sich der Schönling, doch hielt die schwappende Schnapsflasche brav fest und ließ es über sich ergehen den ledernen Brustpanzer über den Kopf ausgezogen zu bekommen. Etwas Sand rieselte darunter hervor und Blut machte ihm die verletzte Seite ganz feucht. Anders, als befürchtet, war der dunkelrote Fleck jedoch nicht allzu groß. Welch ein Glück!

“Warte mal.”, murrte der Skelliger unwohl weiter und sah verzwickt zu Anna auf, die nur helfen wollte. Sie stockte in ihrem Tun und hob eine Braue fragend an.

“Was denn?”, wollte sie wissen und verstand nicht so recht, warum ihr Kumpel hier so herumdruckste. Sie half ihm schlussendlich oft aus der Rüstung und war jedes Mal eine nervtötende Freundin, wenn er blutete. Denn die wissende Novigraderin hatte nicht nur einmal gesehen, wie es enden konnte, wenn man Verwundungen einfach ignorierte oder schlecht behandelte. Sie war bei Weitem keine Heilerin, doch sie wusste um die Wichtigkeit der Versorgung von frischen Verletzungen.

“Ich ziehe mich sicher nicht hier draußen aus.”, brummte Hjaldrist weiter, als er da leicht gebeugt auf seinem Stein saß und die Schnapsflasche mühsam entkorkte. Er nahm einen vorsichtigen Schluck von dem Mandragora-Destillat und musste ob dessen Stärke husten. Ein Skelliger, wie er nicht im Buche stand. Anna verkniff sich ein Schmunzeln.

“Dann geh halt rein.”, die Frau zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Kinn gen Zelt. Dass dieser Kerl hier manchmal aber auch so scheu war. Es war doch nichts dabei sich die Oberteile mal kurz hochzuziehen. Hjaldrist war ein Kerl und keine Frau, die damit wohl zu viel entblößt hätte. Aber nun gut…

“Mhm.”, machte der Mann folglich nur und erhob sich leise ächzend, um in das Zeltinnere zu verschwinden. Die Alkoholflasche nahm er mit sich. Und erst, als Anna den Blick noch einmal kurz schweifen ließ, bevor sie ihrem Freund folgte, bemerkte sie Skorpion. Der Hexer hatte die ganze Zeit über dagestanden und den entnervten Abenteurern zugesehen. Was er sich wohl dachte? Schwer deutbar, denn er zeigte keinerlei Emotion. Die Miene der Alchemistin wurde ein wenig härter, als sie dem Serrikanier schwach zunickte. Dann wandte sie sich ab, um in ihrem Zelt zu verschwinden und Rist mit scharfem Schnaps in Wunden und sarkastischen Kommentaren über das schnelle Genesen zu quälen.

“Skorpion stand gerade eben vorn.”, murmelte Anna, als sie zu dem besagten Kämpfer kam und die Zeltplane hinter sich zuzog. Sie sah sich nach dem Undviker um, der auf einem der Felle am Boden saß und sich endlich die dunkel befleckte Tunika vom Körper streifte. Der Mann wiegte den Kopf abschätzend.

“Ja, ich weiß.”, entgegnete er “Wundert mich ja, dass er keine dummen Fragen gestellt hat.”

“Die kommen sicherlich noch.”, schnaufte die Kriegerin aus dem Norden wenig amüsiert. Dann ließ sie sich bei Hjaldrist nieder, fummelte sich einen alten, doch sauberen Verband aus der Tasche. Zumindest einen hatte sie nämlich stets dabei. Man wusste ja nie. Dann wartete die Frau darauf, dass sich ihr Freund auch noch das Hemd auszog. Sie musste auf dies hin nicht länger herumtadeln oder -drängen; Hjaldrist fasste selbst nach der Schnapsflasche, die er neben sich abgestellt hat, und kippte sich davon einen großzügigen Schwall über die blutige Seite. Ein heftiges Fluchen im westlichen Dialekt entkam ihm dabei und er biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten. Anna nahm ihm die Flasche seufzend ab, stellte sie fort und beugte sich dann vor, um die Verletzung Rists genauer zu beäugen. Sie fischte einfach nach dem Hemd des Skelligers, das da lag, und wischte etwas von dem Blut fort, um sich ein besseres Bild machen zu können.

“Sieht nicht zu tief aus…”, kommentierte die Kurzhaarige ruhig “Ich glaube, das muss man nicht nähen...”

“Urgh…”, presste der Jarlssohn daraufhin hervor und eines seiner braunen Augen war noch immer schmerzlich zugekniffen “Hemdall sei Dank. Das Scheißvieh hat mich wohl mit den Zähnen erwischt.”

Anna verkniff sich ein Grinsen, als sie aufblickte. Sie wusste, dass ihr Kumpel Nadeln verabscheute. Er hatte das einmal anklingen lassen, als er angeheitert gewesen war: Haldorn habe ihm ja einmal den Arm genäht, nachdem Rist sich jenen bei einem Sturz von irgendeiner Felskante aufgerissen hatte. Die schockierten Jugendlichen hatten die ungute Sache verheimlichen und nicht zum Heiler der Stadt laufen wollen. Also hatte Haldorn Hand angelegt und seinen älteren Bruder damit malträtiert. Seither lief es dem geschädigten Jarlssohn kalt über den Rücken, wenn er kleine, spitze Nähwerkzeuge sah. Sein grobschlächtiger Bruder musste wahrhaftig ein ganz schöner, schlampig arbeitender Klotz sein. Oder vielleicht war die Geschichte von früher auch nur eine Ausrede für eine unerklärliche Angst vor Nadeln. Aber wie auch immer.

“Ich habe noch genug Salbe da.”, fing Anna wieder an, als sie Hjaldrist den zusammengerollten Verband in die Hand drückte und ihre Tranktasche mit spitzen Fingern öffnete. Ganz beiläufig fasste sie sofort nach dem richtigen Fläschchen: Einer kleinen Phiole mit dünner, weißer Salbe darin. Sie hatte nicht einmal hinsehen müssen, um nach dem richtigen Behältnis zu fassen, denn es war immer dort, an ihrem Gürtel; neben Salz, Pfeffer und Gift. Letzteres schluckte die wahnsinnige Alchemistin zwar immer nur morgens, doch es fühlte sich auf eine eigenartige Weise gut an es immer bei sich zu haben. Wahrscheinlich hing das mit ihrer Profession zusammen. Wer wusste das schon?

“Ich habe nen mords Hunger… wir sollten gleich etwas essen.”, murmelte die Frau, als sie Augenblicke später Salbe auf die Verletzung ihres Freundes strich und sich dann mit seiner Hilfe daran machte ihm den hellen Verband anzulegen. Während der arme Kerl ein Stück der Bandage an Ort und Stelle festhielt, wickelte ihm Anna den Rest davon zweimal um die Mitte, erfasste dann beide Enden des Verbandes und verknotete sie fest. Protestierend ächzte der Dunkelhaarige ob letzterem, doch beschwerte sich daneben nicht weiter. Er grapschte lediglich wieder nach der Alraunenschnaps-Flasche und genehmigte sich mit verzogenem Gesicht einen weiteren, tiefen Schluck, um sich die Sinne ein wenig mehr zu betäuben. Anna tätschelte ihm die Schulter, als sie dies sah und setzte sich wieder gerade hin. Kurz und prüfend betrachtete sie Rist und ihr Blick blieb dabei ein wenig zu lang an dem unglücklichen Mann heften, der selbst jetzt noch richtig ansehnlich aussah. Ja, die Novigraderin machte eigentlich keinen Hehl daraus, dass sie ihren Kumpan schön fand. Oft überspielte sie das auch mit dummen Witzen oder scherzhaften Kommentaren. Und manchmal, da ertappte sie sich dabei ihn einfach nur anzustarren, wenn sie glaubte, er bemerke es nicht. Asche auf ihr Haupt. Nur gerade, da gaffte der aufmerksame Inselbewohner zurück und zog die Brauen skeptisch zusammen, als er die Flasche in seiner Hand sinken ließ. Er verkniff sich ob des Alkohols ein angewidertes Husten.

“Was?”, wollte er stattdessen krächzend wissen und Anna rührte sich wieder. Sie blinzelte kurz und sah dann schweigend fort, machte sich daran ihre Salbenphiole wieder in ihrer Gürteltasche zu verstauen. Hjaldrist schnaubte nach einem knappen Nachdenken belustigt, doch sagte nichts. Und die Alchemistin im Bunde kam sich dezent bescheuert vor. Wie ein untervögeltes Weib, das irgendwelchen Männern was wegstarren musste. Bei Melitele! Aber war sie das denn? Ein bisschen vielleicht. Und daher fand sie es auch ein wenig schade, dass sich Hjaldrist seit ihrem Aufbruch vor Vizima so untypisch distanziert verhielt. Also nein, er war nicht kalt oder unfreundlich, abwehrend oder dergleichen. Doch er führte sich nicht mehr so auf, als sei er Anna’s Angetrauter. So war es nämlich gewesen. Oft und besonders nach allem, was in Novigrad geschehen war, hatte die Trankmischerin das Gefühl gehabt, ihr bester Freund sei verliebt in sie. Sie war vielleicht nicht die Schnellste, wenn es um solche Angelegenheiten ging und auch kein Experte in Gefühlssachen, doch selbst ihr war das veränderte Verhalten ihres Kumpels am Rande aufgefallen. Sie hatte es bloß ignoriert und die Frage nach dem ‘Warum eigentlich?’ verdrängt. Diese kleine, vage Ahnung hatte sie ignoriert, niemals angesprochen und einfach ganz weit fortgeschoben. So viel gestand sie sich ein. Und offenbar hatte genau dies funktioniert. Hjaldrist verhielt sich wieder wie ein guter Kumpel, nicht wie mehr. Und obwohl dieses gewisse ‘Plus’, das sich vorher zwischen ihnen abgespielt hatte, damit auch Vergangenheit war, fühlte es sich wohliger an. Es war besser, man hatte einen besten Freund, mit dem man das Bett nicht mehr zum Spaß teilte, als einen heimlichen Verehrer, dem man Hoffnungen machte, indem man mit ihm schlief. Alles war gut so, wie es jetzt war. Nur wieso war da dennoch dieser kleine Funke Enttäuschung? Anna fühlte sich eigenartig und sehr gemischte Gefühle kratzten an ihr. Es ärgerte sie und sie wollte dies auch gar nicht weiter deuten.

“Also.”, entkam es ihr, als sie all ihre Sachen wieder fortgepackt und Rist sich ein frisches Hemd angezogen hatte “Essen wir was?”

Der angesprochene Skelliger wischte sich gerade mit einem alten, mit etwas Wasser befeuchteten Lappen Dreck aus dem Gesicht und reichte ihn seiner Kollegin schulterzuckend.

“Hmmm, ja. Von mir aus.”, meinte er und sein Ton erzählte davon, dass er jetzt schon ein klein wenig betrunken sein musste. Mandragora-Destillat stieg einem eben unsagbar schnell zu Kopf. Anna lachte leise und schüttelte das Haupt schmunzelnd.

 

“Ich sagte doch, Mehl ist super.”, grinste Rist, als er kaum eine halbe Stunde später vor dem Zelt saß und ein pampiges Gemisch aus dem selbigen weißen Zeug und Wasser in seine heiße, ölige Pfanne goss. Die Abenteurer hatten im Schatten der sich gen Horizont senkenden Sonne ein kleines Feuer entzündet und wollten Reste verkochen. Apfelstrudel, der unweit angebunden stand und döste, hatte man auch längst versorgt.

“Klar, es ist scheiße, wenn man statt Geld als Bezahlung für einen Auftrag Mehl bekommt. Aber am Ende kann man sich was daraus kochen.”, sinnierte der Schwarzhaarige froh. Der Schnaps von vorhin zauberte ihm noch immer dieses leicht trunkene Glitzern in die Augen, als er die gusseiserne Pfanne schwang. Kritisch betrachtete Anna das, was der Undviker briet solange: Dünne Pfannenkuchen ohne Ei und Milch. Und vor allem: Ohne Speck. Aber man konnte ja nicht alles haben. Immerhin hatten sie noch etwas Zucker über, den sie über das Zeug streuen könnten.

“Mh.”, murrte die Frau “Vielleicht sollten wir die Leute der Oase später nach Lebensmitteln fragen. Skorpion meinte doch, die verkaufen welche.”

“Wenn sie abends wieder aus ihren Löchern kriechen, ja.”, meinte Hjaldrist richtigerweise. Die meisten Bewohner Dattelgrunds schliefen tagsüber schließlich, denn in der Hitze der serrikanischen Wüste konnte man zu der Zeit unmöglich lange arbeiten. Selbst im Schatten war es gerade unangenehm warm und staubtrocken.

“Dann können wir denen auch erzählen, dass wir den Mantikor erledigt haben.”, fiel es dem selbsternannten Koch der Inseln ein “Und unsere Belohnung abholen.”

“Stimmt.”, nickte Anna und lächelte schon wieder etwas. Im Augenwinkel sah sie, wie sich zwei Gestalten näherten und sie blickte forschend auf.

“Ey.”, Hasenscharte und Pisser traten vor die Jüngeren “Können wir uns dazusetzen? Die anderen schlafen alle.”

“Klar.”, entkam es Rist gleichgültig und er schabte den ersten fertigen und buchstäblich abgespeckten Pfannenkuchen aus seinem Kochgeschirr, um ihn der ungeduldig abwartenden Anna zu reichen. Hungrig grapschte sie danach und verbrannte sich beinah die Finger.

“Ich weiß ja nich, wie die tagsüber pennen können, ne?”, lispelte Hasenscharte, nachdem er sich zu seinen Mitreisenden gesetzt hatte und in die kleine Runde sah “Also ich kann das nich. Is viel zu heiß hier.”

Anna, die auf den Pfannenkuchen in ihren Händen pustete, gab zu diesem Thema nur einen lethargischen Laut von sich. Pisser taxierte sie eingehend, ehe er auch zu Rist hinschielte.

“Wo wart ihr denn vorhin?”, wollte der Söldner wissen “Skorpion hat mit uns allen gesprochen und ihr wart nicht da.”

“Tja.”, gab die Alchemistin nur als Antwort und Hjaldrist schwieg. Es war ihnen klar, dass sie noch hier und da Blutspritzer an der Kleidung trugen, da sie sich noch nicht ganz umgezogen hatten. Lediglich die Rüstungsteile hatten sie sich von den Leibern geschnallt und Rist hatte als einziger im Bunde ein frisches Hemd an. Man hätte sich also denken können, was die Monsterjäger getrieben hatten, als man sie vermisst hatte. Jedenfalls, wenn man dazu fähig war sein Hirn zu benutzen und Pisser und Hasenscharte waren dahingehend nicht die hellsten, so schien es. Anna rollte mit den Augen und steckte sich den Rest ihres spärlichen Essens in den Mund.

 

Der Abend war noch nicht einmal richtig angebrochen, da waren Anna und Hjaldrist in der Höhle des toten Mantikors zurück. Und obwohl sie das gefährliche Monster heute Nachmittag schon besiegt hatten, bewegten sich die wieder gestärkten Abenteurer vorsichtig und still. Bis sie in das Gewölbe getreten waren, in dem der Kadaver des Ungetüms lag, hatte die Novigraderin wie gehabt ihre Lügenlampe eingesetzt, um für fahles Licht zu sorgen. Nun, als sie die Halle betraten, die vor Jahren verschüttet worden war, hängte sie sich das grünlich flackernde Licht wieder an den Gürtel, um beide Hände frei zu haben. Sie bräuchten hier nicht mehr so viel Laternenschein, denn durch die Löcher in der Hohen Decke fielen orange Sonnenstrahlen herein. Noch.

“Wir haben nicht mehr allzu lange Licht.”, erwähnte Anna, als sie voranschritt “Sehen wir uns also hastig um.”

Hjaldrist nickte und kam an seiner Freundin vorbei, um zu dem Mantikor zu gehen, der noch immer am ebenen Grund des Gewölbes lag. Eine Lache stinkenden Monsterblutes säumte den leblosen Körper, den das Braunöl völlig ausgeblutet hatte. Anna rümpfte die Nase, als sie in die dicke, nach wie vor nicht geronnene Flüssigkeit am Grund trat. Sie hatte keine andere Wahl, als dies zu tun, denn sie wollte schlussendlich an den Kadaver heran, um an dessen kostbares Gift zu gelangen. Dass der Mantikor seit etwa drei, vier Stunden tot war, spielte dabei keine Rolle. Das Toxin des Biestes sollte noch immer genauso gefährlich sein, wie zu dessen Lebzeiten.

Anna hielt inne, als sie nahe dem Mantikor eine Bewegung wahrnahm, doch ihre Anspannung ließ gleich nach, als sie sah, woher jene rührte: Kleine Sandkrabben hatten sich um das Aas geschart und labten sich bereits geschäftig daran. Man hörte, wie Rist verblüfft und kurz lachte.

“Ich dachte, Krebse gibt es nur am Meer.”, meinte er und kam näher. Er beugte sich den kleinen Krabben entgegen, die die Farbe des goldenen Wüstensandes hatten. Sie scherten sich nicht viel um den Menschen, der sie interessiert beim Fressen beobachtete.

“Hm, ja.”, antwortete Anna nachdenklich und als sie ihren Dolch aus dessen Scheide zog “Serrikanien ist schon ein komischer Ort.”

Dann machte sie sich bereits daran um den toten Mantikor herum zu gehen. Die Frau hielt an dessen Schweif an und machte sich an die Arbeit, während ihr Kumpel den Blick forschend wandern ließ.

“Hatte Dansha nicht erwähnt, ihr Bruder sei hierher gegangen, um den Mantikor zu töten?”, fragte der Schönling grüblerisch und seufzte skeptisch aus “Ich habe hier keine Leiche gesehen. Vielleicht hat das Monster ihn gefressen.”

“Kann sein.”, sagte Anna, die dem toten Biest am Boden den Schwanz aufschnitt, um nach der Giftdrüse zu suchen. Eine leichte, glänzende Chitinschicht erschwerte ihr das und penibel klaubte sie mit den behandschuhten Fingern im Fleisch des Mantikors herum.

“Mantikore fressen Menschen angeblich mit Haut und Haaren.”, sinnierte die Novigraderin weiter “Man sagt, dass ihr Name genau daher rührt. Ich weiß nicht genau in welcher Sprache ihr Name ‘Menschenfresser’ bedeutet, doch ich tippe einfach mal auf... Serrikanien.”

“‘Mantikor’ heißt ‘Menschenfresser’?”, hakte Hjaldrist interessiert nach und sah auf. In den letzten Wochen begeisterte er sich sehr für Erzählungen und Fakten rund um Ungeheuer und Monstren. Anna mochte das. Es freute sie. So konnte sie nämlich mit ihm zusammen fachsimpeln. Sie nickte, als sie die Giftdrüse des Kadavers, die sie überraschend schnell gefunden hatte, aus dessen schmatzenden Fleisch zog. Und die Alchemistin musste beinah würgen, denn der Gestank nach Moschus, nassem Hund und Scheiße war überwältigend.

“Ja…”, stöhnte sie “Wir können Skorpion später ja danach fragen…”

Auch Rist schüttelte es angeekelt und er zog sich das Halstuch vor Mund und Nase, ehe er abwich und sich lieber der restlichen ‘Höhle’ zuwendete. Schweigend begann er damit die Gegend zu durchsuchen.

 

Als die Abenteurer bei Anbruch der Nacht zurück zur Oase kamen, hing eine leicht angespannte Atmosphäre über dem Ort. Schon, als Anna zwischen die wenigen Palmen am Rande Dattelgrunds trat, fielen ihr Skorpion’s Männer auf, die unruhig vor ihrem Lager standen und ihren Anführer aufmerksam beobachteten, der am kleinen Hauptplatz mit ein paar Turbanträgern sprach. Die unschlüssige Novigraderin warf ihrem Freund aus Skellige also einen bedeutsamen Blick zu und hielt inne, um darauf zu warten, dass jener zu ihr aufschloss. Die Ärmel der burschikosen Frau waren blutbesudelt, denn sie hatte sich ein Stück Skalp des toten Mantikors als Trophäe aus dessen Nacken geschnitten. Auch die Gewinnung von dessen scharf stinkenden Gift war nicht ganz unsauber vonstattengegangen und Anna hatte sich die Handschuhe bis zu den Handballen mit schwarzgrünen Schleim eingesaut. Bis zu den Knien waren die Hosen Hjaldrists und seiner Kollegin staubig und der goldene, feine Wüstensand war ihnen in die Stiefel gerieselt. Abgesehen von all dem Dreck und den Überbleibseln des Mantikors hatten die zwei Freunde in den verschütteten Ruinen aber nichts von großem Wert gefunden. Nur einen zerbrochenen Speer mit serrikanischer Gravur am Schaft hatten sie entdeckt. Womöglich hatte jener einmal Dansha’s Bruder gehört, der seit kurzer Zeit als vermisst galt. Die besagte Serrikanierin mit den langen Haaren hatte doch erwähnt, dass der junge Mann aufgebrochen war, um das berüchtigte Monstrum vor Dattelgrund zu erschlagen und heldenhaft Rache für seinen kranken Großvater zu nehmen. Eine dumme Idee. Denn selbsternannte Helden starben zumeist sehr schnell und von dem dieses Ortes war demnach nurmehr eine kaputte Waffe übrig, die Anna und Hjaldrist seiner Familie zeigen müssten. Es stellte eine Tragödie für diese armen Leute dar. Und daher freute sich Anna nicht unbedingt darauf ihnen bald zu begegnen und zu verraten, dass der vermeintliche ‘fünfbeinige Schatten’ den übereifrigen Kerl gefressen hatte, dessen Name Anna schon längst entfleucht war. Unwohl war das Wissen über die alten Speerteile, die sie mit sich trug, also. Sie ragten ein Stück weit aus ihrem Rucksack und fühlten sich unsäglich schwer an.

Die skeptische Alchemistin runzelte die Stirn tief, als sie Skorpion erblickte, der am zentralen Platz mit ein paar Männern beisammen stand, die nach wie vor aufgeregt in ihrer abgehackten, kehligen Sprache redeten. Sie gestikulierten wild und waren ganz aufgebracht, während der Hexer bloß nüchtern lauschte und sich kaum rührte. Ihn schien es wenig zu beeindrucken, was seine Landsleute sagten, doch dieser Schein konnte auch trügen. Die Oasenbewohner zuckten ratlos die Schultern, schüttelten die Köpfe und der Mutant reagierte kaum.

“Worüber reden die wohl?”, murmelte Anna vor sich hin, als sie aus dem Augenwinkel zu ihrem Kumpan linste, der zu ihr kam und sich etwas Dreck vom grünen Rock klopfte “Was meinst du?”

Hjaldrist zuckte mit den Schultern. Er stand ein wenig schief da; die verbundene Wunde an seiner Seite schien ihm noch zu schmerzen und er wollte sich dies sicherlich nicht anmerken lassen. Später, da würde Anna ihn dazu bringen etwas von ihren ekelhaft bitteren Schmerzmitteln zu schlucken, die sie schon sein Oxenfurt mit sich herumtrug. Es konnte doch nicht eingehen, dass ihr bester Freund stillschweigend vor sich hin litt.

“Keine Ahnung.”, meinte der Mann seufzend “Vielleicht gibt es Ärger wegen seinen Leuten. Er selbst scheint hier ja äußerst willkommen zu sein, wenn ich so an das erste Aufeinandertreffen mit den Leuten der Oase denke…”

Damit hatte der Jarlssohn recht. Als die Gruppe rund um Skorpion unlängst hier angekommen war, hatte man den Mutanten aus der Wüste unerwartet nett begrüßt und ihm währenddessen ganz offensichtlich Respekt gezollt. Bestimmt war er früher schon einmal hier gewesen und kannte einige der Leute Dattelgrunds. Vielleicht hatte er gar einmal Aufträge für diese Menschen erledigt oder sie vor einem lauernden Unheil bewahrt, wer wusste das schon? Er kam schlussendlich aus der Gegend und war bestimmt nicht mehr der Jüngste. Hexer wurden im Vergleich zu Normalsterblichen uralt.

Anna kratzte sich nachdenklich am Kinn. Soeben richtete sich Skorpion an seine angespannten, männlichen Gefährten, die im Hintergrund warteten, und erhob eine Hand leicht und beschwichtigend. Die paar verdreckten Mietklingen in den unschönen Rüstungen und alten Kleidern tauschten unschlüssige Blicke untereinander aus, doch ihre Haltung löste sich endlich aus ihrer Starre. Ob sich Skorpion mit den Bewohnern der Oase gezankt hatte? Anna setzte sich in Bewegung, um sich den Sprechenden auf ein paar Fuß zu nähern. Als sie dabei Pisser und Hasenscharte erreichte, die am Rande des Geschehens verweilten, holte sie Luft zum Reden. Das Stück Mantikor-Haut mit den gräulich und schwarz melierten Mähnenhaaren, das sie locker geschultert hatte, klebte ihr blutig feucht und stinkend an Jacke und Kettenweste. Es scherte sie selbst kaum, doch sie kassierte ein paar verständnislose oder verunsicherte Blicke von den Personen ringsum. Sicherlich fragte man sich, woher sie das Stück Felles hatte, das zweieinhalb Ellen lang und etwa eine breit war. Es waren perfekte Maße für einen wärmenden Schulterüberwurf der seltenen Art.

“Was ist hier los?”, wollte Anna leise wissen und ignorierte Rotze, der sie aus seinen kleinen Schweineaugen angaffte. Sein wirrer Blick blieb an dem ganzen Blut an den Händen und der Schulter der Jüngeren kleben und zum ersten Mal starrte das lüsterne Arschloch nicht so, als stelle es sich Anna splitterfasernackt vor.

“Hm?”, der mit der entstellten Oberlippe, Hasenscharte, wendete sich der einzigen Frau zu “Na, der Boss und einer der Typen da vorn haben miteinander gestritten. Glaub ich. Deren Sprache klingt ja immer so, als wärn sie wütend.”

“Und deswegen steht ihr hier nun alle herum und mimt die Leibwächter?”, schmunzelte die Nordländerin mit gesenkter Stimme “Ist euch langweilig oder so? Skorpion kommt doch gut alleine zurecht.”

Pisser grunzte belustigt, doch sagte nichts. Sein hässlicher Kollege wirkte weniger amüsiert und zog die Nase grimmig hoch.

“Wenn die Leute da auf den Boss losgehen, dann helfen wir ihm.”, sagte er lispelnd und sein entschlossener Unterton zeugte davon, dass dies nicht das erste Mal war, dass der Söldner so dachte. Sicherlich hatte man Skorpion schon an vielen Orten angegriffen oder beschimpft. Das war eines der harten Lose eines Hexers und Anderlings. Schön, dass Skorpion’s Leute also treu hinter jenem standen und glaubten ihn beschützen zu müssen. Es war nett, wenngleich mehr als nur unnötig.

“Warum haben die gestritten?”, kam Anna auf das eigentliche Thema zurück und nickte gen Hexer und Oasenbewohner “Weißt du das?”

“Ne, tu ich nich. Die reden ja so komisch.”, schnaufte Hasenscharte und als hätte Skorpion dies gehört, drehte er der wartenden Gruppe den Kopf halb zu. Seine Miene war emotionskalt, wie immer. Er setzte zum Sprechen an, doch als seine Aufmerksamkeit auf Anna und Rist fiel, hielt er inne. Und die Alchemistin im Bunde glaubte in seinen dunklen Augen einen Funken Überraschung zu erkennen. Sie hob die schmalen Brauen.

“Gleich fragt er uns, warum wir aussehen, als kämen wir gerade aus einer Schlacht.”, hörte Anna Rist trocken wispern und es war schwer zu deuten, ob er soeben in den Kopf des alten Hexers hineingesehen hatte oder nur das Augenscheinliche abschätzte. Anna entkam ein kritischer Laut und Skorpion richtete noch ein paar kurze, wohl besänftigende und flüchtige Worte an seine Gesprächspartner. Dann kam er auch schon auf die wartenden Abenteurer zu.

“Kommt mit.”, forderte er rau und ging derweil bereits an den Jüngeren vorbei. Die Novigraderin, die den kritischen Blick ihres Freundes der Inseln auffing, verzog den Mund unzufrieden. Doch dann folgte sie dem Serrikanier mit dem großen, schartigen Säbel und der Lamellenrüstung. Dessen neugierige Männer taten es ihr und Hjaldrist zögerlich gleich. Und erst, als sie die Lagerstätten zwischen den Palmen am ruhigen Teich erreicht hatten, sprach Skorpion erneut zu den Monsterjägern aus dem Ausland. Dass seine Söldner auch anwesend waren, störte ihn kaum. Das tat es selten, denn sie alle waren eine eingeschworene Gruppe, die wenig voreinander verbarg. Er schickte Pisser, Rotze und die anderen also nicht fort.

“Warum seht ihr aus, als kämt ihr gerade aus einer Schlacht?”, wollte der Große sofort direkt und in seinem abgehackten Akzent wissen. Anna blinzelte perplex und wissend schielte sie zu Hjaldrist hin, der, ohne eine Miene zu verziehen, Luft zum Antworten holte. Der Mond warf einen fahlweißen Schein auf sein leicht abgekämpftes Profil und unweit flackerte ein Feuer, das die Mitreisenden der Monsterjäger entzündet haben mussten.

“In einer Höhle, nicht weit von hier, hauste ein Mantikor, der den Leuten Angst eingejagt hat. Ein Mädchen von hier erzählte uns davon und versprach eine Belohnung. Wir haben ihn also getötet.”, meinte der wackere Skelliger aufrichtig und hätte Skorpion mehr Gefühl besessen, wäre er nun sicherlich ins Stocken geraten. Anna schwieg schlicht und sah zwischen den beiden ungleichen Männern hin und her. Sie musste sich ein breites Grinsen verkneifen, als sie die Arme locker verschränkte und bemerkte, wie sprachlos all die Mietklingen ringsum stierten. Der Abend war angenehm; beinahe schon kühl. Das, obwohl kein Lüftchen wehte. Die Temperaturen konnten in der weitläufigen Wüste sehr schnell rapide sinken. Jedenfalls im Vergleich zu der plagend sengenden Hitze, die tagsüber herrschte.

“Ihr habt’n Monster getötet?”, kam es erstaunt von hinten.

“Beim fetten Arsch meiner toten Alten! Und DAS ohne den Boss?”, staunte ein anderer. Die dreckigen Söldner hatten Hjaldrist, seit er den prahlenden Frauen- und Kinderschänder der Runde vor einiger Zeit auf üble Weise verprügelt hatte, ja schon respektvoller behandelt, als sonst. Doch dass er und ‘sein rüdes Mädel’ nun angeblich ein berühmtes Monstrum erlegt hatten, brachte selbst die hünenhaftesten Krieger der Bande dazu anerkennend zu Raunen. Oh, diese Typen waren so simpel gestrickt.

“Wie hatt’n das Biest ausgesehen?”, wollte einer interessiert wissen.

“War das denn der Schatten, von dem man sich hier erzählt hat?”, warf Pisser dazwischen, kratzte sich im Schritt und drängte sich vor, um Anna dann auffordernd am Arm zu berühren “Erzähl!”

Die Giftmischerin rümpfte die Nase leicht und schlug die fremde Hand, die sie ungefragt an der Armschiene erwischte, fort. Rist’s Mundwinkel zuckte verhalten erheitert, doch er sagte nichts und wechselte nur abwartend das Standbein.

“Wenn du damit den meinst, der angeblich fünf Beine hatte, dann ja.”, meinte die Frau mit dem Rucksack, die sich nach dem Söldnerkollegen umsah, der sich die geschlagenen Finger rieb. Jener machte große Augen.

“Und? Hatte das Vieh wirklich fünf Füße?”, schnappte der stinkende Kerl sensationsgeil. Auch Skorpion lauschte, doch äußerst skeptisch. War ihm gerade nicht zu verdenken.

“Nein. Aber nen langen Schwanz hatte es. Wahrscheinlich dachte Dansha’s verwirrter Großvater, der den Mantikor vor Jahren einmal nachts gesehen hat, dass der Schweif noch ein Bein sei.”, die Alchemistin zuckte die Achseln und wiegte den Kopf abschätzend. Sie murrte irritiert, als sie den Ellbogen ihres undviker Gefährten auf einmal in der Seite spürte.

“Solche Geschichten schmückt man doch aus, Anna. NATÜRLICH hatte die Bestie fünf Beine. Und zwei Köpfe.”, der Kerl biss sich schelmisch auf die Lippe und die Leute ringsum lachten. Nur Skorpion, der betrachtete die jüngsten der Gruppe nach wie vor so kritisch, wie er es mit seiner steinernen Miene nur vermochte. Der Geruch nach harzigem Räucherwerk aus Korath und Zitrusölen lagen markant in der Luft. Letztere dienten dazu die gefährlichen Tsetse-Fliegen fern zu halten, die ihre Eier zu gern in lebende Wesen legten.

“Ihr habt einen Mantikor getötet?”, wollte der Hexer mit dem dunklen Teint schließlich wissen und Anna’s Schmunzeln erstarb mit einem Mal, als sie zu dem goldäugigen Krieger aufsah, der sie um gut einen Kopf überragte. Sie ließ sich mit der Entgegnung auf dessen Frage Zeit, denn ihr war bewusst, aus welcher Hexerschule Skorpion stammte. Man hatte ihn doch gar nach einem Körperteil eines Mantikors benannt. Und obgleich er sich selbst nicht mehr als Vatt’ghern betitelte, konnte es doch sein, dass er diese furchteinflößenden Bestien mit den Fledermausflügeln und Löwenköpfen als etwas ansah, das man nicht erledigen sollte. Anna hatte einmal gehört, dass die verschlagenen Hexer der Vipernschule Schlangen ganz gerne mochten und dass sich diese Reptilien überall in deren, heute stillgelegten, Feste in Nilfgaard getummelt hatten. Ob die verdammten Greifen Greifen verehrten und die ausgestorbenen Bärenhexer der Inseln echte Bären gehalten hatten? In Kaer Morhen hatte es nie wahrhaftige, zahme Wölfe gegeben. Schade eigentlich. Die kurzhaarige Frau runzelte die Stirn.

“Aye. Wir haben einen Mantikor getötet.”, antwortete der selbstbewusste Hjaldrist für seine gedankenverlorene Freundin und straffte die Schultern dabei “Und ja, wir wissen, wie solch ein Monster aussieht und sind uns daher auch sicher, dass es eines war.”

“Zweiteres hatte ich nicht bezweifelt…”, brummte Skorpion gleich und es war schwer zu deuten, was er gerade dachte, als er den kleineren Skelliger vor sich taxierte. Rist sah neben dem muskelbepackten Ostländer aus, wie ein Elfchen. Also gut, er war zum Teil tatsächlich eines, aber neben dem nicht unbedingt ansehnlichen Schrank aus Serrikanien merkte man ihm das mehr als nur an.

“Sollen wir nun ein schlechtes Gewissen haben?”, fragte Anna etwas patziger als gewollt dazwischen und richtete die braunen Augen geradewegs auf den Anführer der verstummten Söldner ringsum. Hatte sie die Arme zuvor noch leger vor der Brust verschränkt, so tat sie das nun fest. Ihre Haltung wirkte gar etwas steif und verkrampft, denn irgendwo in sich drin, da fürchtete sie Skorpion gerade ein wenig. So nett und vernünftig er sonst war, so wollte sie ihn nicht zum Feind. Sie reckte das Kinn kaum merklich und bereitete sich innerlich schon auf ein müßiges Wortgefecht vor.

“Ein schlechtes Gewissen? Weil ihr einen Mantikor getötet habt?”, wollte der Säbelkämpfer bedächtig wissen und überlegte kurz “Nein. Keineswegs.”

Erleichterung haschte sofort nach Anna’s schnell pochendem Herzen und man sah, wie eine Braue Rist’s in die Höhe schnellte. Keiner der beiden hatte damit gerechnet, dass das Katzenauge so gleichmütig reagieren würde, wenn es um einen abgeschlachteten Mantikor ging.

“Ich hatte bloß nicht damit gerechnet, dass ihr beide es schafft solch einen Hybriden zu töten.”, gab der Mutant mit den breiten Schultern dann zu “Viele Menschen geben sich großmäulig als tapfere Monsterjäger aus, doch die wenigsten von ihnen wagen es sich einem Biest zu nähern, das größer, als eine Kikimora ist. Und ein Mantikor, wiederum, ist ein äußerst gefährliches Biest.”

Ein stolzes Lächeln zog längst an den vom Durst trockenen Lippen der anwesenden Novigraderin und wieder spürte sie Hjaldrist’s Ellbogen drängend in der Seite. Dieses Mal wollte der Schönling sie aber nicht feixend tadeln, sondern dazu anstacheln sich einfach zu freuen und ihm eine Siegerfaust zu geben. Es war wie ein wortloses ‘Hast du gehört? Der große Hexer hat uns gerade indirekt gelobt!’. Und das hieß schon was. Hatten sie sich in früheren Zeiten, in Blandare, mit einer einzigen, verwundeten Endriaga abgemüht, so schafften sie es heute gar riesige Hybriden zu töten. Und nicht nur die.

“Naja, der Mantikor war schon alt… ähm, und vermutlich auch blind.”, lachte Anna leise in sich hinein und rieb sich unbeholfen den von der Sonne verbrannten Nasenrücken, wich dem Blick ihres Gegenübers aus. Sie konnte nicht gut mit Lob, Komplimenten und dergleichen umgehen und wollte alle weiteren Floskeln, die in diese Richtung gehen könnten, abwehren. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand etwas guthieß, was sie tat oder je getan hatte. Und auch früher schon hatte man sie selten, wenn überhaupt, gelobt. Was sie als Kind oder junger Erwachsener in Kaer Morhen vollbracht oder geschafft hatte, war bloße Anforderung mit Erwartung auf Steigerung gewesen. Hatte man es völlig atemlos geschafft die Strecke um die große Festung noch vor dem Mittagessen zweimal abzulaufen, hatte man nur zu hören bekommen, dass man es das nächste Mal doch dreimal versuchen sollte - was für einen Nicht-Hexer unmöglich war. Und hatte es die kleine Anna vollbracht einen der schnellen, fetten Hasen vor der Burg zu erledigen, um ihn freudestrahlend zum kargen Abendbrot beizusteuern, hatte man nur grimmig genickt und sie dazu angehalten das Tier doch endlich auszunehmen. Daher hatte die verbohrte Frau auch heute keine passenden Antworten parat, wenn ihr jemand sagte, dass sie etwas gut gemacht hatte. Sie sah in solchen unangenehmen Augenblicken stets nur fort und redete sich stammelnd heraus. Was hätte sie auch jetzt anderes tun sollen?

“Falsche Bescheidenheit steht dir nicht, Arianna.”, kommentierte Skorpion all dies nüchtern und hätte er Emotionen besessen, hätte er bestimmt schief gegrinst “Und so, wie es aussieht, habt ihr bereits erledigt, worum mich die Bewohner dieses Ortes vorhin gebeten haben…”

“Ihr habt also nicht gestritten. Sie wollten nur, dass du den Mantikor erledigst?”, wollte Hjaldrist wenig überrascht wissen “Da war Dansha wohl schneller, als der Rest. Sie hat uns in der letzten Nacht nämlich schon von dem vermeintlichen Schatten in der Höhle berichtet.”

“Ja, sieht so aus.”, nickte Skorpion geduldig und sein Blick streifte die haarige, verklebte Monstertrophäe, die Anna geschultert hatte, flüchtig “Ihr solltet euch eure Belohnung abholen. Und dann mit uns essen. Die Älteste hat mich zu sich eingeladen und bestimmt hat sie nichts dagegen, wenn mich die beiden neuen Helden Dattelgrunds begleiten, um ihr und ihrer Familie Gesellschaft zu leisten. Sicherlich brennt man auf die Geschichte rund um das nun tote Monster.”

“Meinst du das Vieh mit den fünf Beinen und den zwei Köpfen?”, grinste Rist schelmisch und auch Anna schnaubte erheitert, sah wieder auf.

“Ja, genau das…”, antwortete Skorpion und man hätte glauben können, er lächle ein wenig.

 

Die wenige Zeit vor dem ausgedehnten Essen bei der reichlich tätowierten Ältesten der Oase gestaltete sich als eher unangenehm. Schließlich hatten der betretene Hjaldrist und die wortkarge Anna die schwere Aufgabe gehabt Dansha’s noch so hoffnungsvoller Familie zu erklären, dass deren jüngster Sohn definitiv tot sei; gefressen von einer schrecklichen Bestie unweit seines Heims. Der kaputte Speer, den die Abenteurer in den verschütteten Ruinen gefunden hatten, hatte nebenher tatsächlich dem besagten Serrikanier gehört. Trotz der Trauerstimmung in dessen Hause hatte man den Ausländern aber ihre Belohnung gegeben: Und zwar tatsächlich viele Münzen und keine Lebensmittel wie Mehl. Mit einigen Silbern in den Taschen mehr hatten sie sich am späten Abend dann mit Skorpion getroffen, um ihm zur Lehmhütte von seiner alten Bekannten zu folgen. Erst dann hatte sich die Stimmung der zwei jüngeren Reisenden wieder etwas gelockert und sie hatten bei Fladenbroten, süß eingelegtem Fleisch, exotischem Dörrobst und viel zu viel serrikanischem Fusel über dumme Geschichten von zweiköpfigen Monstern gelacht. Selbst Hjaldrist, der vor dem relativ spontanen Besuch bei der Ältesten, die man Shura nannte, über seine verwundete Seite gemurrt hatte, war bester Laune, als er und Anna die Hütte der herzlichen Serrikanierin mit den ziervollen Tätowierungen im Gesicht nun des nachts verließen. Sie beide waren nicht mehr sehr angetrunken, doch nach wie vor heiter und glücklich darüber, dass einer der drei Männer von Shura ihnen die Rezeptur des traditionellen, süßen Wüstenschnapses ‘Kahul’ aufgeschrieben hatte.

“Die Scheiße schmeckt richtig gut und ist auch noch einfach herzustellen!”, freute sich Anna ehrlich, als sie voller Tatendrang neben Rist her stakste. Wenn man leicht betrunken war, war es gar nicht einmal so leicht durch den Wüstensand zu gehen. Dies, obwohl jener hier, in der Oase, plattgelaufen und daher nicht allzu nachgiebig war.

“Ich besorge in der Hauptstadt welche dieser serrikanischen Hölzer, die man in den Rum einlegt und dann setzen wir ein paar Flaschen davon an. Was sagst du?”, lächelte die muntere Alchemistin und hakte sich freundschaftlich bei ihrem gleich großen Kumpel unter, der eifrig nickte. Er war beim Saufen wählerischer, als sie, doch der dunkle Kahul schmeckte auch ihm sehr.

“Ja, klingt super!”, flötete der Skelliger froh, ehe die flatterhafte Anna schon das Thema wechselte. Beinahe stolperte sie über ihre eigenen Füße, doch Hjaldrist bewahrte sie vor einem unsanften Sturz auf die Nase und rollte dabei grinsend mit den Augen.

“Und hast du gesehen? Diese Shura hatte drei Ehemänner.”, plapperte die Kurzhaarige weiter und wusste nicht, ob sie dieser fremdartige Umstand empören sollte “Ich hatte keine Ahnung, dass sowas überhaupt geht und dass es ein Land gibt, in dem die Frauen das Sagen haben!”

“Hmmm? In meiner Heimat kann man auch mehrere Angetraute haben. Jedenfalls nur als Mann, denn anders als hier, herrscht dort kein ausschließliches Matriarchat.”, kommentierte der schulterzuckende Undviker sogleich unbeeindruckt “Ein Jarl kann zum Beispiel so viele Frauen sein Eigen nennen, wie er möchte.”

“Was?”, staunte die perplexe Novigraderin nicht schlecht und zog die Brauen unschlüssig zusammen, als sie ihrem Begleiter einen skeptischen Blick zuwarf “Hat dein Vater auch mehrere offizielle Geliebte?”

“Nein.”, gluckste Rist und sein Amüsement über Anna war ihm durchaus anzusehen, als er aus dem Augenwinkel zu seiner gesprächigen Freundin hinsah “Er hat nur eine und ich glaube, sie war damals sogar seine erste überhaupt.”

“Nur eine? Warum?”, wollte die Gutgelaunte weiters wissen. Und obwohl sie Beziehungen zwischen ‘nur’ zwei Partnern als gewohnt und daher auch als besser empfand, fragte sie sich, warum ein Kerl nicht mehrere Ehefrauen haben wollte. Männer waren doch so, dass sie oftmals vielen Weibern nach gierten, nicht wahr? Unter ihnen gab es sicherlich nicht viele Romantiker, die sich aufrichtig einer einzigen Dame verschworen. Zu viele verheiratete Bastarde vögelten nebenher doch anderweitig herum; sie belogen und betrogen und dies gehörte zu ihrem Alltag.

“Keine Ahnung.”, entgegnete Hjaldrist und sah nachdenklich vor sich hin “Meine Mutter ist eine großartige Frau und eine sehr gute Mutter. Daneben kann sie auch unglaublich gut mit dem Bogen umgehen und in jüngeren Jahren war sie einmal der Faustkampf-Champion Kaer Troldes. Sicherlich hat Vater keine gefunden, die ihr auch nur entfernt nah kommt. Also wozu sollte er sich noch eine zweite Ehefrau holen?”

“Ha.”, entkam es der Trankmischerin “Macht Sinn.”

“Ja, nicht?”

“Und was ist mit dir?”, wollte Anna nach einer ganz knappen Schweigepause wissen und bemerkte, wie ihr konfrontierter Kumpan beinahe stehen blieb, als sie dies fragte. Sie lächelte wölfisch, doch gleichzeitig verspürte sie eine leichte Unruhe, die anfing an ihr zu nagen. Das schleichend und mit ganz schön spitzen Zähnchen. Nur weswegen?

“Mit mir?”, hustete der bekanntlich eher schüchterne Skelliger leise.

“Na, du wirst doch früher oder später ein Jarl. Zumindest in der Theorie.”, sinnierte die junge Kräuterkundige weiter und irgendwo tief in sich drin wünschte sie es sich, sie hätte dieses ungute Thema mit dem blauen Blut gerade nicht angeschnitten. Verdammter serrikanischer Fusel!

“Hä? Na und? Ich gehe ganz sicher nicht nach Undvik zurück. Ich habe mich dahingehend nicht umentschieden, Anna.”, brummte der Kerl in der grünen Tunika selbstsicher und auch ein wenig beleidigt “Und mein Vater kann mich mal kreuzweise. Soll er doch Haldorn auf den Thron setzen. Genauso, wie er es so und so immer geplant hatte. Weswegen auch immer… denn mein Bruder ist und bleibt ein Idiot und ich bin mir sicher, dass seine Heldengeschichten nur daher rühren, dass seine Mannschaft im Suff viel erzählt und stark übertreibt...”

“Tse.”, grinste die kopfschüttelnde Anna und sie ertappte sich dabei die Aussage ihres älteren Freundes willkommen zu heißen. Ihr Schmunzeln wurde langsam zu einem aufrichtig zufriedenen Lächeln. Denn was hätte sie nur gemacht, wäre Hjaldrist auf einmal doch in seine winterliche Heimat zurückgegangen, um der Anführer der Clans dort zu werden? Sie hatte keine Ahnung und wollte sich dies auch gar nicht so genau ausmalen. Ja, die unternehmungslustige Kriegerin wollte für immer mit ihrem besten Freund durch die weiten Lande ziehen, Monster jagen, Unsinn anstellen, trinken, spielen und, naja, einfach nur reisen eben. Alleine zu sein, wie zum Beginn ihres Abenteuers, erschien Anna als unheimlich unangenehmes, kaltes und elend einsames Bild. Unbewusst umfasste sie den Arm, bei dem sie sich untergehakt hatte, fester. Rist wäre doch auch dann noch da, wenn sie ihr Lebensziel eine Hexerin zu werden erreicht hätte, oder? Durch sein Elfenblut würde er doch sicherlich auch älter werden, als ein normaler Mensch und Anna würde ihn nicht um viel zu zahlreiche Jahre überleben müssen.

“Aber WENN ich Jarl wäre, hätte ich ganz sicher, ähm, fünf Frauen.”, warf der Jarlssohn plötzlich in die Stille hinein. Ein bewusst überzogen selbstzufriedenes Lachen folgte, das davon erzählte, wie unsagbar ironisch der Narr dies meinte. Dennoch fühlte es sich an, wie ein stumpfer Spieß, den man Anna nervend stichelnd in die Seite piekte. Ein lautes Seufzen entkam ihr, bevor sie ihr Missfallen mit Humor überspielte. Das tat sie leider viel zu oft und glaubte dabei auch noch, es sei das Richtige.

“Nur fünf?”, feixte sie und ihr Ausdruck blieb dabei viel ernster, als geplant “Warum nicht sieben? Dann hättest du eine für jeden Tag.”

Wieder lachte der Undviker auf, doch maß seine Freundin schnell mit einem belustigt-abfälligen Blick. Jene setzte erneut zum Sprechen an, um einen dämlichen Scherz über sieben teure Hochzeiten und Platzmangel in Festungen zu machen, da fiel ihr auf, wie sich unweit etwas oder jemand in den dichten Schatten der Zelte rührte. Sofort hielt die witzelnde Frau inne und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit richtete sich in die Nacht.

“Rist? Hast du das gesehen?”, wollte sie schnell flüsternd wissen. Doch ehe der Gefragte antworten konnte, schälte sich bereits ein schmaler, schwerfälliger Schemen aus der spärlich vom Mond ausgeleuchteten Dunkelheit. Es war ein Mann; vermutlich einer der Anwohner. Und er sah die zwei ausgelassenen Abenteurer nur schweigend an. Es war unheimlich und viel erkannte man nicht von ihm. Bloß den dick gewickelten Turban am Kopf und die weiten Gewänder, die für die Gegend gewöhnlich waren, Schnabelstiefel und Pluderhose. Anna jagte unerfindlicher Weise ein kalter Schauer über den Rücken.

“Hm?”, hörte man den unbekümmerten Hjaldrist nahezu freundlich fragen “Hallo?”

Doch der eigenartige Fremde antwortete nicht, sondern atmete nur einmal hörbar tief und kehlig durch. Sofort fühlte sich die gerade noch so beschwingte Anna wieder nüchterner. Irgendetwas stimmte hier absolut nicht und sie bemerkte, wie sich auch ihr skellischer Begleiter ein wenig versteifte. Jener öffnete die Lippen noch einmal, um zu einer weiteren Frage anzusetzen, da hastete der Serrikanier aus dem Schatten los: Er wankte einmal kurz zwei Schritte weit, doch lief dann schnurstracks auf die beiden Monsterjäger zu, als sei irgendein rasender Dämon in ihn gefahren. Die zwei Reisenden stutzten heftig, ehe sie auch schon in Bewegung gerieten: Anna ließ Hjaldrist’s Arm sofort los und hatte die Finger schneller an dem rot gewickelten Dolchgriff an ihrem Gürtel, als man sich versehen konnte. Und auch ihr Kumpan fasste nach seinem Messer, da er seine teure Axt vorhin im Zelt gelassen hatte; So, wie Anna, die ihr Bastardschwert auch nicht mit zu dem Essen bei der alten Shura genommen hatte. Man gesellte sich schlussendlich nicht schwer bewaffnet an einen gastfreundlich gedeckten Tisch, um locker beisammen zu sitzen.

“Was zum-”, presste Anna hervor, als der Fremde auf sie zu stürzte und sie nur sehr knapp mit den grapschenden Fingern verfehlte. Dies hatte sie dem aufmerksamen Rist zu verdanken, der den Mann noch rechtzeitig am Kragen erwischt hatte und eben jenen jetzt von der überrumpelten Novigraderin fortzerrte. Der Skelliger riss den Kerl mit bösem Blick beiseite und wollte ihn zu Boden wuchten, da wandte sich der Fremde herum und biss zu. Wie ein wildes Tier bohrte er die Zähne knurrend in den freien Unterarm seines Gegners. Es war schieres Glück, dass Hjaldrist dabei die fingerlosen, doch dicken Lederhandschuhe trug, deren Stulpen ihn davor bewahrten blutig gebissen zu werden. Dennoch kniff er ein Auge mit einem Gemisch aus Irritation und Schmerz im Gesicht zusammen. Und dann stach Anna ohne nachzudenken zu. Ihr Silberdolch bohrte sich tief zwischen die Schulterplatten der verdächtigen Gestalt, die Hjaldrist anfallen wollte, als sei sie ein tollwütiger Köter. Der Fremde stöhnte verärgert auf, als sich die blutdurstige Schneide von hinten durch seinen Torso schob, und der anwesende Undviker entriss ihm den Arm ruckartig. Über die Schulter des Abgestochenen sah Anna im Mondschein, wie Rist den Blick überfordert weitete, als er dem mit dem lockeren Turban am Kopf lange entgegen sah und seine Lippen etwas wie ‘Bei Hemdall!’ formten.

Anna, hingegen, entkam nur ein verwirrtes ‘Was?’. Denn der, dem sie den silbernen Dolch gerade wie im Affekt durch den Körper getrieben hatte, um Rist zu verteidigen, schien sich absolut nicht um die Waffe zu scheren, die tief in ihm steckte. Er blieb aufrecht stehen und ging erneut schnarrend und laut jammernd auf Hjaldrist los, der sprachlos rücklings taumelte und gerade ganz augenscheinlich nicht so recht wusste, was er tun sollte. Der dunkelhaarige Jarlssohn starrte bloß und sein Mund stand ihm einen verdutzten Spalt weit offen.

“Weggenommen...!”, krähte der fremde Serrikanier in solch einem schlampigen, ostländischen Akzent, dass man ihn kaum verstehen konnte “Ihr habt sie… weggenommen!”

Dann fiel es Anna erst auf, dass dem Kerl ein Arm fehlte. Und dass an seiner Seite eine riesengroße Wunde aufklaffte, aus der Gedärm heraushing. Zuvor hatte sie gedacht, er trüge eine lange Schärpe, deren Enden er verknotet hatte, damit der Stoff locker von seiner Hüfte hängen konnte. Doch was sie da erblickte, war kein Kleidungsstück. Es stank bestialisch süßlich nach Verwesung, als Anna eine unheimlich dunkle Vorahnung beschlich. Beißend kroch der Schwertkämpferin der üble Geruch nach Gegärtem und Unrat in die Nase und sie verfluchte die behindernde Finsternis ringsum.

“Oh, Scheiße!”, war das einzige, das der Frau aus Kaer Morhen noch einfiel. Denn das, was sie da sah, brachte Erinnerungen an den verhängnisvollen Sumpf nahe Riedbrune zurück. An den nebeligen Ort nahe des Sees Loc Monduirn, in dem der überhebliche Geist Valeries gehaust hatte. Dort hatte sie schon einmal aufrecht gehende, aufgequollene Wasserleichen gesehen und es schien, als sei dies gerade nicht nur ihr wieder eingefallen.

“Der Bruder…?”, entkam es Hjaldrist nämlich soeben verblüfft und er musste dem nichts mehr hinzufügen. Der taumelige Mann, dieses Ding hier, war Dansha’s vermisster Verwandter. Ganz bestimmt. Und wenn er nicht gerade aus SEHR unerfindlichen Gründen schwer verwundet und wahnsinnig durch die Gegend stieg, war er ein Toter. Ja, er MUSSTE einer sein. Eine wandelnde Leiche. Nur wieso?

Zornig schreiend und nass röchelnd warf sich der wankende Serrikanier erneut auf Hjaldrist, als sei jener sein wahrer Todfeind.

“Weggenommen!”, kreischte er wie von Sinnen, warf den Kopf herum, setzte vor und das, was zuvor noch schlapp aus seiner Hüfte geragt hatte, klatschte durch die schnelle Bewegung unschön nass zu Boden. Anna verkniff sich mit Mühe und Not ein Würgen und versuchte die Luft anzuhalten, presste eine Hand vor Mund und Nase. Grauen schüttelte sie. Gleichauf rasten ihre Gedanken. Warum war der Bruder Danshas hier? Warum ging er umher, obwohl er tot war oder zumindest verstorben sein musste? Der Mantikor vor Dattelgrund hatte ihn nicht, so wie befürchtet, aufgefressen. Was war also geschehen? Warum lief hier eine lebende Leiche herum und nuschelte etwas vom ‘Wegnehmen’?

Hjaldrist hob mit seinem scharfen Kampfmesser zu und traf den wütenden Toten damit verheerend. Tief schnitt die scharfe Klinge in fauliges Fleisch, zerriss dabei dickes Leinen und trennte dem Verwesenden den Ärmel und die madenzerfressene Haut unschön auf. Dunkles, zähes Blut tropfte in zähen Schlieren hernieder, doch wieder störte dies den verdammten Bruder kaum. Mit dem langen Dolch, der ihm aus dem Kreuz ragte und einem unförmigen, schwarzen Darmstück, das er hinter sich durch den befleckten Sand schleifte, schlug er mit dem aufgeschnittenen Arm rasend nach dem Undviker vor sich. Stinkendes Untotenblut spritzte und besudelte die hübsche Tunika in Grün, Fliegen sirrten vernehmlich. Anna eilte vor, warf sich dem Rücken von Dansha’s Bruder entgegen und wollte ihn festhalten, obwohl es ihr mehr als nur zuwider war dessen stinkendem Fleisch nahe zu kommen. Doch die Leiche war stark. Wie ein Mensch im Adrenalinrausch wütete sie und schüttelte die schwächere Hexerstochter sofort ab. Anna schimpfte leise, packte zu und schaffte es zumindest ihre wertvolle Waffe wieder an sich zu nehmen, indem sie jene barsch aus der lädierten Wirbelsäule des schrecklichen Bruders riss. Rist, der verstanden hatte, dass man die nächtlich wandelnde Gestalt nicht töten könnte, steckte das Messer fahrig fort und kam seiner Freundin abermals zu Hilfe.

“Pack ihn!”, blaffte die überforderte Kriegerin, die den gierigen Fingern des Untoten gescheucht auswich. Und sie gab einen überwältigten Lauf von sich, als sie dem Bruder zum ersten Mal von Nahem in die leeren, glotzenden Augen sah. Das Wesen war, obwohl es früher einmal eine dunkle Haut besessen haben musste, sehr blass. Seine Lippen waren bläulich angelaufen und schwärzlich zogen sich ein paar Adern über sein eingefallenes, ausgezehrtes Gesicht. Der Turban der Leiche war zu locker geworden und eine der Stoffbahnen hing ihr in das Sichtfeld, doch das störte sie nicht. Grantig mit den Zähnen klappend, wollte sie nach der Alchemistin, die immer wieder auswich, grapschen. Dicke, weiße Maden schlüpften dem Verwesenden aus Augen und Nase. Ein paar von ihnen fielen zappelnd zu Boden, als er weit ausholte.

“Äh!”, stieß die angeekelte Novigraderin am Platz ratlos aus und bekam einen Atemzug später solch einen übermenschlich harten Schlag gegen das Schlüsselbein versetzt, dass sie fast rückwärts fiel. Kurz ruderte sie mit einem Arm. Melitele sei Dank fand Anna das Gleichgewicht somit sofort, während sie verhalten schmerzlich stöhnte und sich an die Brust fasste. Ein, zwei Herzschläge lange war ihr die Luft gar vollends weggeblieben und sie musste schmerzerfüllt aufseufzen. Und dann - sie wusste nicht, ob es nur reiner Zufall war, dass Hjaldrist im selben Moment lossprang - brüllte sie aus Ermangelung weiterer Ideen ein heiseres ‘Aard!’. Das besagte Hexerzeichen auf zwei Beinen tat den Rest. Man sah nurmehr, wie sich der Viertelelf beherzt gegen den fauligen Widersacher warf und zusammen mit der stöhnenden, lebenden Leiche zu Boden stürzte. Sand wirbelte auf, die beiden Männer rollten durch den Schwung zusammen ein Stück durch den Dreck, Därme schmatzten und Anna zögerte keine Sekunde, obwohl ihr der Oberkörper nach wie vor pochend schmerzte. Sie eilte zu Hjaldrist, der den wild keifenden Bruder, der geiferte und röchelte, am Grund fixieren wollte. Der vom vielen Staub hustende Undviker saß halb auf dem zappelnden Toten, drängte dessen Arme mithilfe der Knie in den Sand und zwängte den hungrig schnappenden Schädel mit beiden Händen von sich. Es war klar, dass er dies nicht sehr lange schaffen würde, daher kam die kurzhaarige Frau ebenso auf den soeben Umgeworfenen, kniete sich hinter Rist über jenen und wollte seine strampelnden Beine festhalten. Beinahe kassierte sie dabei einen Knietritt und man hörte, wie Hjaldrist verärgert und unbeholfen zugleich schimpfte. Ein skellischer Fluch verließ seine kratzige Kehle, bevor er abermals husten musste. Der untote Bruder Danshas warf den gepackten Kopf wild hin und her, wollte freikommen.

“Und was jetzt?”, wollte der Undviker gehetzt und mit erhobener Stimme wissen.

“Ein Seil wäre großartig!”, stöhnte Anna gehetzt.

“Na super!”, fand ihr Kumpel.

“Rache...!”, gurgelte der madengespickte Kerl am Boden feucht und bespuckte den angewiderten Jarlssohn auf sich, als er stoßartig ausatmete “Weggenommen! Meine… Rache!”

Anna stockte abrupt in ihrem chaotischen Tun, als sie dies hörte. Gleichzeitig war es auch schon zu spät, um eine vage Mutmaßung anzustellen, denn ganz plötzlich war Skorpion da.

“Runter.”, hörte man den hünenhaften Hexer rau und herrisch fordern und die jüngeren Abenteurer reagierten in diesem prekären Augenblick ohne weiter zu überlegen. Hastig erhoben sie sich, wichen viele Schritte weit ab. Anna stützte Rist, der sich die unlängst vom Mantikor verletzte Seite entnervt rieb, kurz. Dann war da der alte Säbel des großen Mutanten, der auf die lebende Leiche niederging, um ihr den Schädel gezielt abzutrennen. Ein Aufkreischen des körperlosen Kopfes, dann Igni. Feuer. Hitze. Der zerteilte Bruder Dansha’s wand sich als schwarzer, verbrennender Klumpen toten Fleisches im Wüstensand und die züngelnden, magischen Flammen an und über ihm erhellten die sonst so idyllische Nacht bedrohlich flackernd. Dies für viel zu lange Momente, die einfach nicht enden wollten. Anna und Hjaldrist starrten derweil nur. Dann, irgendwann, hörte das gellende, unmenschliche Schreien des schmelzenden Untotenhauptes auf. Ein paar besorgte, alarmierte Bewohner der Oase stoben aus ihren kleinen Häusern und kamen angerannt. Unter ihnen waren auch Dansha, deren Vater und Shura, die sich schwer atmend auf ihren krummen Stock stützte. Pisser und Rotze waren da, Hasenscharte und der angebliche Vergewaltiger, der seit der ordentlichen Tracht Prügel Rists in den letzten Tagen ganz kleinlaut war. Und sie alle glotzten genauso verwirrt, wie Anna und der besagte Inselbewohner es taten.

“Was?”, machte Dansha’s Vater, der Herr über die Palmen der Oase, als sich unwohle Stille über den Ort gelegt hatte.

“Was ist geschehen? Was war hier los?”, hakte die tätowierte Älteste nach, als auch einer ihrer Männer besorgt zu ihr aufschloss und sie im stummen Beistand an der Schulter berührte.

“Scheiße, stinkt das hier!”, beschwerte sich der lispelnde Söldner mit der Hasenscharte und seine Kumpanen nickten zustimmend grunzend.

“Boss?”, entkam es Rotze, der näher trat, um zu Skorpion zu kommen. Der angesprochene Hexer blieb unsäglich ruhig und hatte seinen schartigen, blutbefleckten Säbel längst wieder gesenkt. Er sah seinen mittlerweile klein gewordenen Flammen dabei zu, wie sie über dem verkohlten Haufen, der da lag, vergingen. Anna blinzelte atemlos, als sie neben Hjaldrist stand, der ebenso nur stumm abwartete. Alles war so schnell passiert, sie konnten noch immer nicht fassen, was in den letzten paar Momenten geschehen war.

“Alles in Ordnung.”, brummte Skorpion schlicht und brach damit das abermals zähe Schweigen zwischen den Dattelbäumen, um Dansha’s Vater und Shura zu antworten “Es war nur ein wilder Jaguar.”

“Also-”, keuchte Anna verdutzt, um einen lauten, bissigen Einwand zu schnappen, doch der harte Blick des hochgewachsenen Katzenäugigen brachte sie augenblicklich zum Verstummen. Ihre Miene wurde ernst und ihr Mund klappte zu. Sie atmete am Ende nurmehr schwer aus und zog sich des widerlichen Gestanks nach verbranntem Haar wegen das grüne Batist-Halstuch vor Mund und Nase, sah zur Seite hin weg. Ihr Blick wurde umso finsterer, desto mehr sie über das nachdachte, was Skorpion hier getan hatte.

Dansha’s Bruder hatte etwas davon geröchelt, dass man ihm seine Rache ‘weggenommen’ hätte, richtig? Der Wunsch nach Vergeltung für seinen geliebten Großvater musste ihn auch nach seinem fürchterlichen Ende aufrecht gehalten haben. Was, wenn man ihm noch hätte helfen können? Irgendwie? Vielleicht wäre er dann nicht als sabberndes Unding gestorben und lieblos verbrannt worden. Man hätte ihn ordentlich bestatten können, nicht wahr? Doch nun hatte man ihm einfach einen jähen Tod beschert und mit Igni hingestreckt. Mit viel Pech käme er sicherlich als bösartige Erscheinung wieder, um seinen endgültigen Frieden zu finden. So war dem doch immer.

Die bestürzte Novigraderin biss die Kiefer so fest zusammen, dass ihre Backenzähne knirschten und hörte schon gar nicht mehr zu, als Skorpion mit den Anwohnern sprach und jene mit beruhigenden Versprechungen wieder zurück in ihre Hütten schickte. Erst, als alle, außer der viel zu neugierige Pisser fort waren, holte Anna tief Luft für einen unfreundlichen Gutenachtgruß an Skorpion.

“Jetzt verstehe ich, warum du dich nicht mehr zu deiner Zunft zählst!”, maulte sie laut “Ein echter Hexer hätte das, was du angestellt hast, niemals einfach so getan! Pah! Und ich dachte, ICH sei manchmal vorschnell und nachsichtig!”

Skorpion schwieg und die anderen beiden Männer beobachteten einfach nur still, was passierte; Wie eine junge Vagabundin aus dem Norden einen Veteranen aus Serrikanien anschrie, als müsste sie den heiligen Kodex einer Hexerschule vertreten, zu der sie sich als Frau eigentlich nicht so recht zählen sollte. Und als sie dies tat, wusste sie nicht, was sie mehr aufregte: Dass Skorpion überhaupt nichts sagte oder dass er sie so, so gleichmütig ansah. Einmal wieder fühlte sie sich nicht ernst genommen und sie verabscheute diese Empfindung abgrundtief. Dass sie Hjaldrist’s Hand spürte, die sich beschwichtigend an ihren Unterarm legte, nützte nicht viel.

“Man hätte sich zumindest fragen können, warum er war, wie er war!”, beschwerte sich die Kurzhaarige mit geballten Fäusten “Und ob man ihm helfen kann, bevor man ihn einfach blind umbringt!”

Der anwesende Hexer atmete flach durch die Nase aus. Es kam einem dezent erheiterten Schnaufen gleich, das man von sich gab, wenn man ein ungeschicktes, kleines Kind sah, das irgendwas Dämliches, doch Niedliches anstellte. Die Antwort darauf war ein grantiges Stöhnen seitens Anna. Sie winkte zornig ab, dann ging sie einfach. Und Rist folgte ihr.

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