Kapitel 74

Von schlaflosen Nächten in Serrikanien

Die Gruppe hatte die Hauptstadt der serrikanischen Wüste einige Nächte später erreicht. Die Stimmung zwischen Skorpion und Anna war die ganze Zeit der restlichen Reise über recht kühl und angespannt gewesen. Man hatte dies aber nur bemerkt, weil sich die aufbrausende Hexerstochter dem Mutanten gegenüber sehr schnippisch verhalten hatte oder ihm grimmig aus dem Weg gegangen war. Skorpion selbst hatte, wie immer, kaum eine Gefühlsregung gezeigt und die Frau, die in seinen Augen mehr ein Mädchen war, als eine Erwachsene, einfach walten lassen. Über das, was in Dattelgrund geschehen war, hatten sie bis zum heutigen Tag nicht geredet und in Anna’s Augen war dies sicherlich auch nicht mehr nötig gewesen. Schlussendlich war die Truppe nun endlich an ihrem lang ersehnten Ziel angekommen. Anna und Hjaldrist hatten sich von den Söldnern und dessen Katzenauge getrennt. Kurz nach der heutigen, nächtlichen Ankunft in der großen Stadt war das mit ein paar knappen Worten geschehen. Sie hätten jetzt kaum mehr etwas zusammen zu schaffen und womöglich war das auch gut so. Auch Hjaldrist empfand die Vorstellung nicht mehr von Skorpion oder dessen Leuten abhängig zu sein, als unheimlich angenehm. Lieber zog er allein mit Anna durch die Gegend, als einem gefühlskalten Hexer hinterher zu laufen, den er nie richtig einschätzen konnte. Außerdem war es Tag für Tag mühsam gewesen die ruppigen Söldner, die der Vatt’ghern um sich geschart hatte, zu ertragen. Erleichtert atmete Hjaldrist also durch, als er neben seiner burschikosen Begleiterin auf einen der großen Plätze der Stadt trat, die die Einheimischen Zerrikanterment nannten. Sie beide waren also wieder alleine und hatten sich unlängst in einem der vielen Gasthäuser eingemietet, die so anders anmuteten, als die in ihren kühlen Heimaten. Hier, in der Wüste, schlief man auf dünnen Matratzen am Boden und saß auf großen Kissen, anstatt auf Stühlen. Wenn man in den Schänken etwas zu essen bekam, wurden die großen Teller einfach auf den Boden, zwischen alle Beteiligten, gestellt und ein jeder bediente sich gemeinschaftlich davon. Besteck gab es eher selten, denn die meisten Speisen, die hierzulande sehr pikant gewürzt waren, aß man mithilfe von dünnem, in Stücke gerissenem Fladenbrot. Man nahm jenes in die Hand und schaufelte sich damit scharfen Soßen, Kuskusi-Brei oder anderweitige Speisen in den Mund. Es war keine dumme Art zu essen, doch Hjaldrist war sich dennoch nicht sicher, ob es ihm wirklich gefallen mochte. All die neuen Eindrücke, die bunten Farben, die Räucherwerke, das kitschige Klimbim und die eigenartigen Kleider der ziemlich emotionalen Landsleute erschlugen seine Wahrnehmung noch etwas. Er konnte keine zwei Schritte weit gehen, ohne den Hals zu recken, um die Umgebung besser beäugen zu können. Und auch andersrum geschah dies. Zwar war die Hauptstadt geprägt vom florierenden Handel mit allen möglichen Orten und man sah daher auch andere Ausländer umherflanieren, doch in manchen Ecken wurde man als hellhäutiger Mensch ganz schön eingehend taxiert. Kleine Kinder gingen gar so weit einen interessiert an den Händen berühren zu wollen, weil sie glaubten, helle Haut fühle sich anders an, als dunkle. Erst vor wenigen Momenten hatten sich Hjaldrist und Anna in einer schmalen Seitengasse eine kleine Zwischenmahlzeit, bestehend aus Lammfleisch-Wurst und irgendeinem unerkennbaren Gemüse, gegönnt und waren dabei die einzigen ‘Andersartigen’ im kleinen Laden gewesen. Alle Serrikanier ringsum hatten sie eingehend gemustert und gar getuschelt oder gekichert. Und der Jarlssohn wusste nicht aus welchem der vielen Gründe heraus dies genau geschehen war, denn er und seine Kollegin unterschieden sich in so ziemlich allem von den Leuten hier. Vielleicht waren es Anna’s kurze Haare, die unüblich bunten Tätowierungen der Frau oder ihre auffallend rot-schwarz gestreifte Jacke. Womöglich hing es aber auch mit der ortsuntypischen Axt des Skelligers zusammen, seinen Stiefeln oder der westlich bestickten Tunika. Wer wusste das schon? Und obgleich er, anders als die paranoide Anna, nichts dagegen hatte angestarrt zu werden, müsste er seine Annahmen und Gefühle bezüglich Zerrikanterments noch einordnen.

“Sieh mal da!”, Anna riss ihren Freund damit aus seinen Gedanken und er sah auf. Seine dunklen Augen folgten ihrem Fingerzeig forschend, als sie in die Richtung der vielen Verkäufer hier deutete. Jene hatten, wie die in Korath, keine Marktstände aus Holz, hinter denen sie standen, sondern Teppiche oder Strohmatten. Viele von ihnen saßen dort auf alten Sitzkissen und priesen ihre Waren lautstark an; andere besaßen kleine, schiefe Hocker, auf denen sie verweilten. Nicht wenige von ihnen taten dies unter den Schatten von fließenden Tüchern und breiten Segelplanen, die man wie kleine Dächer über die Köpfe der Menschen gespannt hatte. Windspiele wiegten sich darunter in der warmen, trockenen Brise und klimperten lustig vor sich hin. Es war unheimlich laut und heiß. Es roch nach exotischen Gewürzen und Früchten, nach stark gewürztem Fleisch oder gebratenem Gemüse. Und es fiel auf, dass die meisten der Händler auf dem weitläufigen Platz männlich waren; Anders, als die Stadtwache, zu der sich vor allem kriegerische, im Gesicht tätowierte Frauen mit langen Speeren, Säbeln und Glefen zählten. Hjaldrist war es von Skellige gewohnt, dass auch die Frauen kämpften und in der Armee dienten. Sie fuhren genauso gern zur See, wie die Männer und konnten manchmal härter zuschlagen, als jene. Die berühmten Schildmaiden der Inseln gehörten zu den größten Kriegerinnen im Westen, die in Schlachten verheerend wirkten. Doch die Kämpferinnen Serrikaniens waren trotzdem so verdammt anders, als sie. Sie muteten viel, viel wilder an, herrisch und irgendwie verschlagen; beeindruckend, doch auch unsympathisch. Hjaldrist wusste nicht, wieso er lieber Abstand von den Wachen mit den luftigen Gewändern und Stangenwaffen nahm, doch er tat es wie instinktiv. Vielleicht, weil sie einfach so angriffslustig dreinsahen und er selbst nicht auf der Höhe war. Der angeschlagene Undviker hatte wenig Lust auf Auseinandersetzungen oder einen unnötigen Kampf, weil er eine der ortsansässigen Wachfrauen zu lange oder schief angestarrt hatte. Daher wich er ihren bissigen Blicken schnell aus. Denn die lange Wunde, die ihm der Mantikor vor Dattelgrund beigebracht hatte, verheilte schlecht und schmerzte noch immer oft. Dies gerade nachts, weswegen der Inselbewohner noch schlechter schlief, als sonst. Vor zwei Tagen hatte er dabei gar ein wenig gefiebert, doch Anna hatte ihm irgendetwas unglaublich ekelhaftes zu trinken gegeben, das schnell dagegen gewirkt hatte. Er hatte sie dafür verflucht und ihr im nächsten Atemzug auch gedankt. Zum Glück war Anna da.

“Dort hinten gibt es Kräutersachen!”, setzte die besagte Frau freudig fort, schlug die Handflächen derweil einmal aufeinander und sah von der Seite aus freudestrahlend zu ihrem Kumpel hin “Kaufen wir uns die Zutaten für den serrikanischen Fusel? Apfelstrudel kann den tragen, wenn wir später mal weiterreisen.”

Hjaldrist musste lächeln, als er Anna so motiviert und ausgelassen sah, und nickte zustimmend.

“Mein Pferd soll die ganzen Flaschen tragen? Wenn wir was von dem Zeug überlassen, meinst du wohl.”, grinste er wissend.

“Wir setzen einfach genug davon an, dann bringen wir Ravello bei der Heimreise was davon vorbei!”

“Gute Idee. Das freut ihn bestimmt.”

Hjaldrist folgte seiner Kumpanin dann über den geschäftigen Platz, drängte sich dabei zwischen ein paar lautstark diskutierenden Leuten hindurch und machte große Augen, als er an einer Ecke einen alten, dürren Mann sah, der zur Schau eine große, braun melierte Schlage mit bloßen Händen reizte. Das Tier war mindestens zwei Meter lang und bäumte sich drohend fauchend auf, doch die Zuseher ringsum lachten bloß heiter. Mit einem letzten, skeptischen Schulterblick zu dem lebensmüden Reptiliendompteur, schloss Hjaldrist dann zu Anna auf, die bereits von dem Verkäufer von getrockneten Kräutern und pikanten Gewürzen behelligt wurde. Dabei versuchte der Jarlssohn nicht auf das leise Wispern in fremder Sprache zu hören, das in seinem Kopf widerhallte. Der Skelliger zog die Brauen zusammen und schüttelte das Haupt, als wolle er die Stimmen darin verscheuchen, wie lästige Fliegen. Freya sei Dank schaffte er es in letzter Zeit mehr und mehr sich nicht mehr von dem Geschrei und Gemurmel in seinem Hirn durcheinander bringen zu lassen. Ja, er fing langsam damit an mit seiner Misere dahingehend zurechtzukommen obwohl es ihm auf gut besuchten Plätzen, wie dem Markt Zerrikanterments, noch etwas schwer fiel.

“Kahul?”, maulte der Gewürzhändler mit dem Turban lachend, als er mit Anna sprach “Ja, dafür habe ich alles hier, was Ihr braucht! Seht her!”

Der sehnige Kerl kramte in seinem umfangreichen Angebot herum, in farbenfrohen Schächtelchen und Körbchen, und hielt der Alchemistin dann eine Hand voll dunkler, getrockneter Hölzchen hin. Ohne, dass Anna zum Nachfragen kam, fischte der Sehnige schon nach einem blau gefärbten Leinenbeutelchen und ließ die Zutaten für den traditionellen, serrikanischen Schnaps darin verschwinden. Er drückte jenen der perplexen Frau in die Hand und wollte ihr dann auch noch irgendein Gewürzöl zum Kochen und dunklen Minztee andrehen.

“Gebt Honig und Pinienkerne in den Tee und er schmeckt vorzüglich!”, riet der ältere Mann, während die Novigraderin ihn bloß überfordert ansah und sich an ihrem blauen Leinensäckchen festhielt “Außerdem sagt man, er helfe gegen Müdigkeit! Oder wollt Ihr lieber etwas, das die Potenz steigert? Das wäre doch bestimmt etwas für Euren Raben.”

Hjaldrist zog die Stirn auf diese Meldung hin kraus, doch schwieg, als ihm der beschwingte Händler ein vielsagend breites Grinsen schenkte. Der arme Axtkämpfer verschränkte die Arme vor der Brust und wich den wölfischen Augen des Handeltreibenden unruhig aus. Tee, um besser Bumsen zu können, was? Welch ein Blödsinn. Und was hatten all diese Ostländer immer mit ihren Raben-Metaphern? Der Jarlssohn verstand schon, was dahintersteckte, nur waren er und Anna nicht-

Ach, war doch auch egal.

“Äh… Pinienkerne?”, konnte man die Kurzhaarige zerstreut fragen hören und der Serrikanier in der Pluderhose lachte herzlich auf. Im Hintergrund konnte man immer wieder laute ‘Ooohs’ und ‘Aaahs’ der Zuschauerschaft des Schlangendompteurs vernehmen. Die meisten dieser Leute waren sicherlich nicht von hier.

“Das Gift der Kobra tötet binnen einer halben Stunde!”, rief der, der mit dem verärgerten Reptil ‘tanzte’ und zwang die Menschentraube um sich damit zu etwas mehr Abstand “Aufgepasst!”

Dann wieder ein erstauntes Raunen und ein erschrockenes Stöhnen, als die Schlange ihren Dompteur beinahe mit den Fängen erwischte.

“Frisches Trockenfleisch! Das beste Fleisch der Stadt! Rind, Zebra, Lamm, Schwein!”, grölte jemand aus einer anderen Ecke und schwang ein Beil, ehe er damit einen dicken Räucherschinken zerteilte.

“Mein Rauchkraut vertreibt sogar den mächtigsten Dschinn!”, rief ein anderer Mann “Glaubt mir! Und heute kostet das Beutelchen nur einen Rial!”

Während Anna ihren halben Geldbeutel mit der frisch gewechselten Währung der Wüste für Kräuterzeug und Tee leerte, wendete sich Hjaldrist ab, um dem Blick aufmerksam schweifen zu lassen. Serrikanien war so fremdartig und dennoch erweckte es seine Neugierde. Hier, am nicht enden wollenden Markt, gab es so viel, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Und er glaubte, dass er und seine beste Freundin heute noch den ganzen Tag damit zubringen würden hier herumzubummeln. Und dann würden sie die Augen auch noch nach Anschlagtafeln der Stadt offenhalten. Bestimmt gäbe es in der Gegend richtig viel zu tun. Einiges an lohnender Arbeit erwartete sie.

 

Einige Einkäufe und einen langen Spaziergang durch den großen Ort später saßen die Abenteurer dann in dem großen Gasthaus, in dem sie sich eingemietet hatten. Sie waren die Stunden davor nicht nur am Markt unterwegs gewesen und hatten sich nach Monster-Aufträgen umgehört, sondern hatten auch einen Kürschner besucht, der Anna’s Mantikor-Trophäe für ein paar serrikanische Silbermünzen bearbeiten würde. Umgerechnet war dies nicht viel. In der hiesigen Bank hatte man den erstaunten Abenteurern erklärt, dass eine novigrader Krone oder ein halber Florin so viel wert seien, wie elfeinhalb serrikanische Rial. Demnach fühlte sich die Geldkatze des Skelligers gerade um einiges schwerer an. Daher wettete man damit auch viel lieber und der Undviker hatte bei Schwarztee mit Gewürzwein und getrockneten Kaktusfeigen einen Heidenspaß dabei ein paar Stadtbewohnern Würfelspiele aus dem Norden beizubringen. Anna spielte natürlich auch mit und zusammen hauten sie gerade ein Dreiergespann aus der Gegend übers Ohr. Hjaldrist hatte sich die Namen der drei Männer nicht gemerkt, die ihm gegenübersaßen, denn jene klangen hier alle viel zu kompliziert. Doch das müsste er auch nicht. Für ihn waren die Leute einfach ‘Der mit dem Bart’, ‘Der ohne Turban’ und ‘Der, dem der Schneidezahn fehlt’. Und sie alle waren unheimlich lustige Gesellen, die großzügige Spieleinsätze auf das lederne Glückshaus-Spielbrett warfen und ihren neuen Bekannten immer wieder lachend auf die Rücken schlugen. All das, ohne betrunken zu sein, wohlgemerkt. Menschen anderer Länder - Skellige ausgenommen - gaben sich nüchtern nicht so auffallend gesellig und freundschaftlich. Es war also schön einmal wieder in einer Taverne zu sitzen, obwohl diese hier anders war, als die Schänken aller anderer Himmelsrichtungen. Es scherte Hjaldrist nicht sehr, dass es keine Tische und Bänke, sondern nur Sitzkissen gab und dass er sich die reichlich beladenen Teller mit den vier anderen teilen musste. Denn die Atmosphäre war gut und spaßig, die Menschen nett und die Kurzweil nach der langen Anreise durch die karge, trockene Wüste mehr als nur willkommen. Es war toll mit ordentlichen, gepflegten Leuten zu würfeln, anstatt zwischen stinkenden, rüden Söldnern gedrängt dasitzen zu müssen, die sich in keinerlei Weise benehmen konnten und nicht damit aufhörten Anna anzustarren. Hjaldrist genoss den Abend also in vollen Zügen und schelmisch schmunzelnd schob er seiner Kollegin aus Novigrad unbemerkt zwei gezinkte Würfel zu. Augenblicke später gewann sie auch schon haushoch und riss die Arme jubelnd in die Luft. Ja, der heutige Abend war gut und es versprach eine noch bessere Nacht bei leckerem Essen und heiterem Spiel zu werden. Morgen, da würden die zwei Freunde erst einmal lange ausschlafen. Und danach würden sie ein paar der verzweifelten Leute befragen, die laut den Schwarzen Tafeln Zerrikanterments dringend nach Ungeheuerjägern suchten. Drei Anschläge hatten Anna und Hjaldrist mit sich genommen. Einer, der von einem riesigen, menschenfressenden Ungeheuer unter der Stadt erzählte, klang am interessantesten, denn er versprach viel Gold. Die anderen beiden Gesuche waren die nach einem verschwundenen Sohn eines hoch angesehenen Händlers und ein Monsternest auf einer unweiten Dattelfarm vor der Stadt. Letztere würden sich die Monsterjäger vermutlich als erstes vornehmen. Denn Nester von Bestien auszuräuchern, hatte Anna gemeint, gestaltete sich für gewöhnlich als recht direkte und schnelle Angelegenheit: Man sah sich die Lage an, erschlug ein paar Viecher und brannte deren Nest dann aus. Hjaldrist fragte sich, ob sich das Ganze wirklich als so simpel gestalten würde.

 

*

 

Da waren nicht wenige Leute, die den orangen Flammen stumm und andächtig entgegensahen. Eingehüllt in dicke Wintermäntel sahen sie dem wärmenden Feuer in ihrer Mitte dabei zu, wie es im leichten Nieselregen vor sich hin flackerte. Ein paar von ihnen summten leise Lieder und andere hielten sich an den Händen, während ihre langen Schatten in ihren Rücken tanzten. Es war friedlich hier, wenngleich auch etwas kühl. Und Hjaldrist hatte das drängende Gefühl schon einmal hier, am weitläufigen Burghof, gestanden zu haben. Nur wann? Der Ort kam ihm so bekannt vor, obwohl ihm gerade nicht in den Sinn kommen mochte, wo er sich überhaupt befand. Gehörte das Land hier zu Redanien? Die Leute und die Feste muteten so nördlich an.

Der stille Mann hob den Blick vorsichtig an, ließ ihn schweifen. Er war unerklärlich nervös, knetete sich die kalten, feuchten Hände. Und dann fiel ihm wieder ein, was er soeben vorgehabt hatte. Sofort linste er aus dem Augenwinkel zu Anna, die da zu seiner Rechten stand und die so, wie all die anderen Anwesenden, in das knisternde Lagerfeuer sah. Sie trug ihr rotes Kleid aus dem Caed Myrkvid und zog sich den Wollmantel an der Vorderseite gerade enger zu. Obwohl sie etwas frösteln musste, lächelte sie. Und dieser Ausdruck ermutigte den vollkommen verunsicherten Skelliger. Hjaldrist straffte die Schultern und atmete einmal tief durch. Augen zu und durch...

“Anna?”, fragte der Westländer mit gesenkter Stimme, um die Menschen ringsum nicht zu stören. Außerdem wollte er nicht, dass jedermann mithörte. Sein Herz pochte ihm wie wahnsinnig in der schmerzenden Brust und er musste trocken schlucken, als sich sein Magen verknoten wollte. Seine angesprochene Freundin sah her und ihre frohe Miene war ungebrochen heiter. Ob sie gleich, nachdem ihr Kumpan ganz aufrichtig gesprochen hätte, auch noch lächeln würde? Er hoffte es so sehr. Was würde sie ihm antworten? Würde sie überhaupt irgendetwas von sich geben?

“Hm?”, machte die Braunhaarige mit der Fuchssträhne und beäugte Hjaldrist abwartend. Sie war so hübsch, obwohl sie für gewöhnlich nicht so viel auf Äußerlichkeiten gab. Der unruhige Axtkämpfer schlug die Augen nieder, holte Luft zum Sprechen, ballte die Hände zu Fäusten. Aberplötzlich überkam ihn grollender Ärger. Und als er wieder aufsah, blickte er in das blasse Gesicht einer offensichtlich sehr kranken Frau in dreckiger, rot-schwarz gestreifter Jacke. Dunkle Ringe untermalten ihre Augen und sie war viel zu dünn geworden. Hjaldrist wusste nicht, was mit Anna los war, doch… doch es interessierte ihn auch nicht länger. Oder jedenfalls glaubte er das. Es war besser, man redete sich ein sich um niemanden mehr zu scheren, als sich erneut in quälende Dramen verwickeln zu lassen. Hjaldrist war jene leid. Ein kurzes, abfälliges Schnauben entkam dem Dunkelhaarigen, als er die Novigraderin eiskalt taxierte. Dann warf er der, die er einst von ganzem Herzen geliebt hatte, ein langes Bündel vor die Füße. Eingewickelt in ein Tuch der Farben seines Clans fiel das Schwert zu Boden und Anna erschrak beinah, wich einen halben Schritt weit zurück. Oh, wie überfordert und ratlos sie gerade nur aussah. Beinahe so, als überrasche sie es ihren alten Gefährten hier zu sehen. Hjaldrist lächelte schmal und er wusste nicht, ob es eine verdrängte Trauer war, die ihm die Kehle ganz eng machte, Wut oder einfach nur das stechende Gefühl, dass Anna und er sich wie einander Fremde verhielten. Waren sie das denn? Ja, am heutigen Tage schon und diese Tatsache sollte sie nie wieder ändern.

“Hier, dein Sold. Damit ist meine Schuld beglichen, Hexerin.”, brummte der Undviker und deutete mit dem Kinn gen Bündel am Grund. Er verabscheute dabei, wie entgeistert seine ehemalige beste Freundin ihm entgegensah, doch zeigte dies nicht. War sie etwa schockiert? Sprachlos? Gut. Das hier war das Ende von etwas, das Hjaldrist nun schon viel zu lang plagte. Und doch… und doch wollte er das nicht. Er wollte das hier nicht. Was war passiert? Was war mit Anna los? Angst haschte abrupt und ohne jegliches Vorzeichen nach Hjaldrist, erfasste ihn hart und wollte ihn gnadenlos beuteln. Er stöhnte verzweifelt, wich verwirrt vor Anna zurück, die ihn ansah, als wäre sie in diesem Augenblick am liebsten gestorben.

“Es tut mir leid.”, beteuerte sie in einer Manier, die den Skelliger unheimlich harsch traf. Und waren ihre Augen etwa glasig? Hoffentlich würde sie nicht weinen. Er wollte nicht, dass SIE wegen ihm Tränen vergoss.

“Was?”, entkam es dem zunehmend wirren Skelliger und die anwachsende Angst ließ ihn nicht los, wurde zu einer unerklärlichen Panik “W-was tut dir leid? Was soll das hier?”

Anna antwortete nicht, sondern sah ihn bloß so an, als heule sie gleich tatsächlich wie ein Schlosshund los. Warum sah sie so bleich aus? Was war mit ihrem Gesicht passiert? Ihre Augen sahen so seltsam aus und waren pechschwarz. Wieso? Hjaldrist machte sich Sorgen, wollte auf seine geliebte Freundin zu gehen, aber wich stattdessen noch weiter ab. So, als sei sie die reißende Quelle seiner panischen Angst, ein böses Omen und der Untergang. Warum? Hjaldrist wollte nur noch weg. Doch er konnte nicht. Plötzlich waren seine bleiernen Füße am Boden festgewachsen und er selbst wie paralysiert.

“Nein!”, schnappte der bedrängte Krieger, wollte das rechte Bein bewegen, doch konnte nicht. Er wollte weglaufen, doch es gelang kein Stück. Und noch immer sah Anna ihn so, so verbittert an. Hjaldrist wollte das nicht. Es verletzte ihn. Die vielen Stimmen in seinem armen Kopf sprachen auf einmal wieder mit ihm. Sie wurden immer lauter, wollten ihn warnen und schallten viel zu gellend durch seinen pochenden Schädel. Es tat weh.

“Hört auf!”, stöhnte Hjaldrist flehend und fasste sich an die Schläfen. Er blinzelte sich das Wasser aus der Sicht, kniff die Augen schmerzlich zu. Wieder wollte er laufen, doch es ging nicht. Er spürte seine Beine kaum mehr und der leere Blick Annas hielt ihn an Ort und Stelle fest, wie eine unsichtbare Fessel, die man nicht zerreißen konnte. Wie ein Schraubstock. Es wurde kalt. Die abgemagerte Schwertkämpferin fing damit an schief zu Grinsen.

“Hört auf.”, keuchte Hjaldrist und zwischen zusammengebissenen Zähnen presste er die Worte an Anna und die unzähligen Stimmen hervor “Hört bitte auf!”

“Nein.”, bekam er als sofortige Antwort und verstand kaum “... ist nicht echt.”

Irgendeine der wispernden Frauen flüsterte seinen Namen. Es machte ihm solche Angst. Er wollte weg, einfach nur fort, doch konnte sich nicht rühren. Warum konnte er sich nicht bewegen? Er wollte das hier nicht!

“Rist!”, hallte es in seinem Schädel wider und der Jarlssohn vergrub das Gesicht zwischen seinen Händen. Er zitterte wie Espenlaub, fühlte sich ausgeliefert, wehrlos, ohnmächtig. Es raubte ihm den Atem und trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Oh, wurde es ihm schwindelig? Ihm war schlecht.

“Ey! Hallo?”, kam es fordernd. Dann ein Schlag, eine ordentliche Backpfeife. Hjaldrist riss die Augen auf und kaum einen Atemzug später setzte er sich hektisch hin. Irgendein unartikulierter Laut verließ seine blassen Lippen gehetzt, ehe er überhaupt verstand, wo er war und wer da gerade mit ihm redete. Dass da keine unnatürlichen Stimmen waren, die er sich einbildete, sondern eine wahrhaftige, schockierte Person.

“Verdammte Scheiße.”, stöhnte Anna leise und fasste ihrem Kumpel an die Schulter, hielt ihn daran fest und wollte ihm in die feuchten Augen sehen. Er fuhr zusammen und musste sich darauf besinnen, dass er gerade wieder geträumt haben musste. Geträumt. Ja, er saß hier auf seiner dünnen Matratze in der serrikanischen Schenke am südlichen Rand Zerrikanterments. In dem nach Räucherwerk duftenden Gastzimmer mit den bunten Vorhängen, den vielen kleinen, weichen Teppichen und den Kissen als Sitzgelegenheiten. Er und Anna hatten vorhin mit drei neuen Bekannten der Stadt gewürfelt. Und dann waren sie relativ früh in ihr kleines, angemietetes Zimmer gegangen, um sich hinzulegen. Sie hatten vor dem Einschlafen noch über knappe, fast schon durchsichtige Kleider geredet, die sie am Markt erspäht hatten. Jeder von ihnen beiden war auf seinem ‘Bett’ herumgelungert und hatte noch etwas Trockenobst in sich gestopft und Minztee mit Pinienkernen getrunken, obwohl jener doch eigentlich munter machte. Anna hatte gelacht, als Hjaldrist dumme Witze über Pluderhosen gemacht hatte. Sie hatte von ihrer Schlafgelegenheit aus versucht ihm gedörrte Beeren in den Mund zu werfen. Und dann… dann hatten sie sich irgendwann eine Gute Nacht gewünscht und die Öllichter ausgemacht. Ja, so war das gewesen.

Flach und langgezogen atmete Hjaldrist aus. Erst dann hörte er damit auf vor sich in die düstere Leere zu sehen und sah sich nach Anna um, die neben ihm saß. Der Schein einer flüchtig entzündeten Laterne erhellte ihre besorgte Miene spärlich und sie sah ziemlich verschlafen aus. Das zu große Hemd, das sie immer trug, wenn sie ins Bett ging, hing ihr schief von der Schulter und ihre Haare waren wirr. Sie musste selbst erst erwacht und hierhergeeilt sein.

“Hallo?”, fragte sie murrend und schnippte einmal vor der Nase des Elends von Übersee “Flohbeutel an Käferschubser. Bist du wieder da?”

“Äh.”, atmete Hjaldrist tonlos, dann nickte er aber schwerfällig. Der Ausdruck der Novigraderin entspannte sich daraufhin deutlich und sie atmete erleichtert auf. Sie ließ die Hand an der Schulter ihres Gefährten wieder sinken.

“Was hast du denn diesmal geträumt?”, wollte sie wissen. Das fragte sie stets, wenn sie Hjaldrist einmal wieder aus seinen fürchterlichen Albträumen riss. Entweder interessierte sie sich wirklich dafür oder sie wollte nur eine gute Freundin sein und mit einem hoffnungslosen Träumer über dessen Probleme sprechen.

“Ich…”, fing der Undviker schleppend an und befeuchtete sich die trockenen Lippen beiläufig mit der Zunge, zog die Brauen weit zusammen und wich dem aufmerksamen Blick Annas wieder aus. Er sah hinab, auf seine Knie, und zog sich den Kragen des durchgeschwitzten Leinenhemdes angewidert etwas weiter. Normalerweise erzählte er der burschikosen Frau immer von seinen vagen Visionen. Denn es half tatsächlich sich auszusprechen und gewisse Traumbilder zu bereden. Oftmals hatte die Alchemistin auch nette Worte übrig oder rieb Hjaldrist einfach nur beschwichtigend den Rücken. Nur… nur gab es manchmal Träume, über die er nicht reden wollte. Es war völlig irrational und er wusste selbst nicht genau wieso er sich Anna gegenüber auch jetzt wieder verschloss. Doch immer, wenn es um diese eine Vision ging, in dem sie beide mit den vielen fremden Leuten vor dem Lagerfeuer standen, bekam Hjaldrist kein Wort heraus. Es war, als blockiere ihn irgendetwas. Und er hatte Angst. Ja, tatsächlich. Er, der sonst so pragmatisch war und vernünftig sein sollte, wollte nicht sprechen. Er KONNTE einfach nicht und fühlte sich elend deswegen.

“Ich weiß nicht…”, antwortete der dunkelhaarige Mann seiner Freundin lasch und sie maß ihn nach dieser Lüge mit einem unschlüssig musternden Blick. Schnell lichtete sich ihr Gesicht aber, wurde sanfter.

“Hm.”, meinte Anna und zuckte mit den schmalen Schultern. Ob sie es ihrem Kollegen tatsächlich abnahm, dass er sich nicht an einen Albtraum erinnerte, der ihn einmal wieder hatte im Schlaf schreien lassen? Hjaldrist hatte keine Ahnung, doch er war ihr dafür dankbar, dass sie nicht weiter nachhakte. Eine kurze Stille tat sich zwischen den Abenteurern auf; eine, die die jüngere Frau im Bunde dann gutmütig brach.

“Du kannst jetzt nicht mehr schlafen, was?”, wollte sie wissen “Sollen wir spazieren gehen oder so?”

Die Trankmischerin traf damit den Nagel auf den Kopf. Denn wie hätte Hjaldrist gerade nur daran denken können sich einfach wieder hinzulegen und friedlich einzuschlummern? Er wollte nicht schlafen, denn was, wenn die verzerrten Bilder des Feuers und der unnatürlich blassen Hexerstochter wiederkämen? Der Vorschlag etwas raus zu gehen, war also mehr als nur willkommen. Darum nickte der Undviker. Und als er Anna noch einmal ansah, als sie ihm brüderlich den Rücken klopfte, fragte er sich, ob sie manchmal vielleicht einfühlsamer war, als sie sich sonst gab. Meistens mutete die Frau doch an, wie die rauen Männer, bei denen sie aufgewachsen war: Hart, oberflächlich, unnahbar und dezent stupide, wenn es um Emotionen ging. Nur Hjaldrist kannte sie auch anders. Und er war unsäglich froh darüber, dass Anna in kritischen Situationen, wie dieser hier, sensibel genug sein konnte, um jene zu entschärfen. Sie kam nicht völlig nach den Hexern Kaer Morhens. Denn anders, als die, hatte sie Gefühle. Noch. Denn schlussendlich strebte sie doch danach die Kräuterprobe zu durchlaufen. Oh, das könnte in späterer Zukunft ja noch was werden. Sollte sich Hjaldrist Sorgen machen…? Bisher hatte er das prekäre Thema rund um die Folgen von Anna’s halsbrecherischen Experimenten ja immer gekonnt ausgeblendet. Er hatte nicht weiter gedacht, als bis zu dem Punkt, an dem sie es tatsächlich schaffte ein katzenäugiger Mutant zu werden. Dass sie lang davor oder durch die hochgiftige Probe der Kräuter sterben könnte, hatte Hjaldrist immer gekonnt verdrängt. Und dass die Chance, dass sie zu einem kalten Klotz, so wie dem unnahbaren Skorpion, werden würde, bestand, hatte der Jarlssohn auch nie beachtet. Doch nun, da ihm all dies so in den Sinn kam, beschlich ihn großes Unbehagen. Denn er wollte für immer mit seiner besten Freundin durch die Gegend ziehen. Nur wie wäre das, wenn sie später keine lieben Worte mehr für ihn parat hätte? Was, wenn ihr das Ergehen Hjaldrists nach dessen schlimmen Albträumen dann einerlei wäre? Sie würde ihn auch sicherlich nicht länger so besorgt ansehen, wie sie es gerade tat. Jedenfalls nicht, wenn sie werden würde, wie der serrikanische Hexer, den sie beide vor Vizima kennengelernt hatten.

“Rist?”, hakte Anna abermals vorsichtig nach.

“Ah. Ja. Entschuldige...”, entgegnete der Angesprochene etwas zerfahren, seufzte und fuhr sich mit der Hand über das matte Gesicht “Lass uns spazieren gehen.”

 

Eine gute halbe Stunde später trat Hjaldrist neben Anna auf die staubigen, nächtlichen Straßen Zerrikanterments. Obwohl es weit nach Mitternacht sein musste, tummelten sich hier und da noch Leute in der Stadt. Die meisten von ihnen waren betrunken und vermutlich auf dem Weg nach Hause oder in das nächste Gasthaus. Auch wenige, zwielichtige Gestalten konnte man in den Seitengassen erspähen, doch die bescherten den bewaffneten Abenteurern kein bemerkenswert schlechtes Gefühl. Eigenartig, oder? Hjaldrist war im Grunde immer ein guter Kämpfer gewesen und hatte sich früher, in Skellige, schon souverän mit bloßen Händen geschlagen. Dennoch hätte er damals nie daran gedacht nachts ganz unbekümmert durch eine Stadt zu gehen, die größer war, als Kaer Trolde. Und im Vergleich zu Serrikanien war Skellige winzig. Niemals hätte sich der eigentliche Bücherwurm damals also auf die finsteren Straßen solch einer unfassbar riesigen Hauptstadt getraut; was auch zu einem großen Teil damit zusammenhing, dass er mit dunklen Gassen absolut nichts Gutes verband. Das tat er bis heute nicht. Doch der Unterschied zu seiner Denkweise von früher, in der ihm Alrik aus jeder düsteren Ecke entgegen gegrinst hatte, war, dass er mutiger geworden war, selbstbewusster und stärker. Hjaldrist hatte es zusammen mit Anna mit Gabelschwänzen, Untoten und einem Mantikor aufgenommen. Wie könnte er sich da noch vor Menschen fürchten? Allein der Gedanke daran nicht aus dem Haus zu gehen, weil irgendwo irgendwelche Kriminellen und Vergewaltiger lauern könnten, war doch lächerlich. Auch bewegte das Bild seines damaligen Peinigers kaum noch etwas in Hjaldrist. Ein schwaches, selbstzufriedenes Lächeln zog an den Mundwinkeln des Undvikers, als ihm dies gewahr wurde. Als er verstand, wie sehr er in den letzten Jahren gewachsen war und dies auch dank seiner manchmal viel zu sturen und unvorsichtigen Freundin aus dem Norden. Sie war eine Idiotin, doch die Beste. Zusammen überstanden sie alles, dessen war sich der ermunterte Jarlssohn sicher.

“Diese Weiber sind wirklich eigenartig, findest du nicht?”, meinte Anna, als sie neben ihrem Freund her ging und Hjaldrist sah von der Seite aus zu ihr “Kommen sich wohl ganz großartig vor.”

Der suchende Blick des Mannes folgte dem seiner Gefährtin und heftete sich auf die beiden Kriegerinnen, die das nahe Stadttor bewachten. Jenes war nachtsüber geschlossen und die dunkelhäutigen Frauen in den fließenden Gewändern lehnten mit ihren langen Speeren an der dicken, lehmverstärkten Steinwand, die Zerrikanterment umgab. Der ganze Ort glich damit einer Feste. Die Mauer war nämlich höher, als die Novigrads oder Oxenfurts und es wirkte, als müsse man sich vor einer Übermacht aus der kargen Wüste beschützen. Doch gab es die denn überhaupt? Oder erzählten die massiven Ausmaße der Stadtmauer nur von früheren Tagen des beinharten Krieges gegen wen auch immer?

“Sie wirken ziemlich wild, das stimmt.”, pflichtete Hjaldrist bei “Aber ich glaube, das rührt auch von der hiesigen Mentalität her.”

“Mhm.”, machte Anna und steckte sich die Hände in die Taschen “Frauen sind hier ja angeblich viel mehr wert, als Männer.”

“Darum stolzieren diese Damen auch so herum, als seien sie die Größten.”, grinste der Inselbewohner und hörte auch seine Kollegin leise lachen.

“Sollen wir mal sehen, ob die uns rauslassen?”, fragte sie dann schelmisch und Hjaldrist blinzelte irritiert. Er hielt inne und wendete sich Anna zu.

“Raus?”, wollte er wissen und ertappte sich währenddessen dabei schon bei dem Gedanken eine kleine, schleichende Abenteuerlust zu verspüren “Vor die Stadt?”

“Genau.”, nickte die braunhaarige Kriegerin und lächelte erwartungsvoll.

“Raus ist sicherlich kein Problem. Doch rein?”, fragte sich der Skelliger, obwohl er schon eine Entscheidung getroffen hatte: Er wäre auch gern vor die Tore der beengenden Stadt gegangen, um dort einfach ein wenig herumzustromern und sich den Vorort anzusehen. Dort, so hatte er bei der Ankunft mit den Söldnern Skorpions bemerkt, gab es einen großen Dattelhof, eine Färberei und ein ärmeres Viertel, in denen er Landsleute beim Straßenkampf erspäht hatte.

“Na, wir werden sehen. Komm.”, grinste Anna und zupfte dabei auffordernd am Ärmel ihres Begleiters. Dann setzte sie sich auch schon in Bewegung und er folgte ihr schmunzelnd. 

 

Die beiden Wachfrauen am Tor bemerkten die Abenteurer sehr bald und lösten sich aus ihrer legeren Haltung. Sofort standen sie wieder, als hätten sie Stöcke in ihren Ärschen und taxierten die sich nähernden skeptisch. Anna und Hjaldrist ließen sich davon aber nicht einschüchtern und traten nach ihrem kurzen Weg einfach vor die Serrikanierinnen.

“Gepriesen sei der goldene Drache.”, entkam es jenen und dies schien eine Art Begrüßung zu sein. Anna blinzelte überrascht, nickte dann aber und auch ihr Begleiter ließ ein kurzes ‘Hallo’ von sich hören. Goldener Drache? Verehrte man hier solch einen? Die Wüstenlande gestalteten sich ja als immer eigenartiger.

“Kann man euch helfen?”, richtete sich die eine Wache, eine schlanke Frau mit schwarzen, langen Haaren, an Anna. Die zweite Speerträgerin mit dem kahlgeschorenen Kopf, über den sich eine längliche, kunstvoll geschwungene Tätowierung zog, musterte die Abenteurer von oben bis unten. Sie und ihre Kommilitonin muteten jetzt schon weniger angespannt an, als vor noch einem Moment. Offenbar waren sie ganz für sich zum festen Entschluss gekommen, dass die zwei Fremden weder gewaltbereit oder kriminell, noch zu gefährlich seien.

“Wir würden gerne raus.”, sagte Anna und sah die Ostländerinnen auffordernd an.

“Hinaus?”, hakte ihre Gesprächspartnerin irritiert nach “Zu dieser Zeit?”

“Ihr seid töricht.”, warf die zweite Wachfrau ein und Hjaldrist runzelte die Stirn tief, doch schwieg.

“Oder sie wissen es nicht besser.”, korrigierte die Langhaarige und stützte sich locker auf ihre Stangenwaffe.

“Nachts ist es gefährlich dort draußen. Daher verschließen wir nach der Dämmerung die Tore.”, erklärte die Glatzköpfige. Obwohl sie keine Haare hatte, war sie sehr hübsch. Aus dunkel geschminkten Augen sah sie von Anna fort und hin zu Rist. Es kam unerwartet, dass sie ihn nicht abfällig, sondern respektvoll ansah. Anna musste die dunkelhäutigen Damen der Stadt falsch als verbohrte Männerhasserinnen eingeschätzt haben. Im Norden, da galt man als Frau wenig und viele Kerle betrachteten einen wie ein Stück Fleisch ohne Rechte. Zu oft hatte man Anna in Redanien schief und abfällig angesehen, vor ihr ausgespuckt oder in ihrer Nähe schmerzlich mehrdeutige Gesten gezeigt. In einem Matriarchat schien diese stupide Abschätzung für das andere Geschlecht aber nicht vorhanden zu sein. Vielleicht achtete man Männer hier ja, obwohl sie als schwächer oder irgendwie niederer galten.

“Man kann also nicht raus?”, wollte der Skelliger wissen.

“Doch.”, sagte die Schwarzhaarige langsam “Seid jedoch gewarnt. Zu viele Banditen und Gauner treiben sich in den Vororten herum. Und nicht nur die. Die nachtaktiven Wesen der Wüste sind gefährlich.”

“Hm. Gegen Banditen erwehren wir uns schon.”, versicherte die anwesende Hexerstochter selbstbewusst “Und wir haben nicht vor die Vororte zu verlassen, um auf irgendwelche Biester zu stoßen.”

“Wir sind nämlich zu lange durch die Wüste marschiert, um hierher zu kommen.”, warf Rist noch ein und lächelte schief dabei “Wir bleiben erst einmal lieber in Stadtnähe.”

Die Wachen mit den langen Speeren tauschten kurze Blicke untereinander aus, traten dann aber beiseite und die mit der Glatze deutete mit dem spitzen Kinn gen Tor. Ihre Kollegin schritt zu der schmiedeeisernen Tür, die darin eingelassen war und schloss sie auf, um nicht die große Pforte öffnen zu müssen, die Zerrikanterment vor der Nacht da draußen abschottete. Von der Seite aus sah Anna triumphierend zu Hjaldrist hin und auch er schenkte ihr ein zufriedenes Grinsen. Die Angelegenheit hier hatte sich ja als einfacher herausgestellt, als man sie sich vorgestellt hatte. Ja, die Stadtwachen waren sogar richtig nett. Wer hätte sich das gedacht?

“Feuer des Drachen auf eurem Weg.”, kam es als leiser Abschiedsgruß und dies war sicherlich gut gemeint. Bei Gelegenheit würde Anna sich einmal über die hiesige Religion erkunden. Sie war neugierig geworden.

“Danke.”, nickte der Undviker, als er an den Wachen vorbei und hinaus ging. Anna folgte ihm auf dem Fuße. Und als sie so vor Zerrikanterment traten und die schwere Tür im Tor der Stadt in ihren Rücken verschlossen wurde, erstreckte sich eine dunkle Gegend vor den Monsterjägern. Nur wenige Lichter brannten in den Lehmhütten, die sich hier vereinzelt neben der Hauptstraße aneinanderreihten. Das Viertel fächerte sich nach links und rechts auf und erinnerte Anna ein wenig an die Vororte Novigrads. Dort, vor der Handelsstadt und deren Wassern, wohnten viele Leute. Unter anderem auch Anna’s Familie. Ihre Mutter und die jüngsten Geschwister hausten in einer kleinen, alten Fischerhütte nahe dem Tor des Hierarchen; ihr großer Bruder und dessen Frau lebten nicht weit von ihnen entfernt. Und während sich die Handwerker und ärmeren Leute Novigrads dort, im Süden, an die Stadtmauern drängten, gab es weiter östlich ein Viertel, in dem nur Anderlinge hausten: Arette. Rist und Anna hatten dort vor langer Zeit den sogenannten ‘Nachtgiger’ gestellt. Den widerlichen Mörder, der tote, zerhackte Kinder in seinem Keller versteckt gehalten hatte.

Die Vororte der freien Stadt waren also groß und weit gestreut. Und sicherlich war dem hier, vor Zerrikanterment genauso. Im Vergleich zu Novigrad war der andersartige Ort nämlich riesengroß. Anna freute sich schon darauf die Gegend zu erkunden. Und gerade nachts war dies viel angenehmer, als am Tag, wo einem die sengende Hitze brutal auf den Kopf knallte. Heute wehte sogar ein kühles Lüftchen und das war unsagbar angenehm. Fahl erleuchtete das Mondlicht den Weg und tauchte die nahen Gebäude in einen matten, weißlichen Schein. Es sah fast schon gespenstisch aus.

“Also, wo hin?”, fragte die Frau ihren Kumpel beschwingt. Ihre Müdigkeit war ihr schon längst aus den Gliedern gewichen und obgleich sie viel zu wenig geschlafen hatte, war sie unternehmungslustig. Und auch Hjaldrist sah froh aus, obwohl er vor kaum einer Stunde noch schlimme Dinge geträumt hatte. Es war das erste Mal seit Langem gewesen und Anna hatte sich richtig erschrocken, als ihr bester Freund im Schlaf aufgeschrien hatte. Irgendetwas vom Aufhören hatte er dabei gesagt und es hatte gewirkt, als folterte ihn etwas oder jemand. Als verfolge ihn ein Monstrum. Armer Kerl.

“Sehen wir uns den einen Hof mit den ganzen Bäumen an?”, schlug Rist vor, als er neben Anna her ging und schenkte ihr einen aufgeregten Seitenblick “Bestimmt kommen wir dort an welche der Datteln ran.”

Die Kurzhaarige kicherte leise und setzte zu einem gespielt strafenden Blick an, der ihr einfach nicht gelingen wollte.

“Du willst Datteln stehlen?”, schnaubte sie “Die Seite kenne ich ja gar nicht an dir.”

“Was?”, machte Hjaldrist ertappt “Ach, bei den Mengen, die es hier davon gibt, fällt es schon nicht auf, wenn eine Handvoll fehlt.”

“Wohl wahr.”, lachte Anna leise und nickte dann “Also los.”

Der Weg der Abenteurer trieb sie folgend durch die dunkle Vorstadt. Es fiel auf, dass man keine Menschenseele antraf und die Türen und Fensterläden der öden Hütten fest verriegelt waren; ganz anders, als innerhalb der Stadtmauern, wo man weniger Angst zu haben schien. Nur wovor fürchteten sich die Menschen? Vor Räubern? Monstern? Anna gab einen grüblerischen Laut von sich, als sie im Vorbeigehen ein Lehmhaus musterte, dessen Türschwelle mit irgendetwas weißen, pulvrigen bestreut worden war. War das Salz? Auch die schmalen Fensterbänke waren voll damit und die Türrahmen der Leute waren mit fremdartigen Zeichen versehen worden. Es mutete an, als wollten sich die Serrikanier, die hier lebten, dank einfachster Mittel vor unmenschlichen Eindringlingen schützen. Vor Erscheinungen zum Beispiel. Ob dies mit den berüchtigten Sandweibern zu tun hatte, die weit draußen, in der Wüste hausten und Reisenden Trugbilder zeigten, um sie in den sicheren Tod zu locken? Anna hatte Skorpion davon erzählen gehört. Der hünenhafte Hexer hatte Hasenscharte und Rotze erklärt, dass sich diese nymphenartigen Ungeheuer zwischen Treibsand bewegten, in den sie ihre Opfer zogen. Das war Sand, in dem man ertrinken konnte, wie in Wasser. Unheimlich.

“Hier vorne…”, meinte Rist, als er gen Straße deutete, die nach einigen ärmlich aussehenden Häusern einen Knick nach rechts machte “Ich glaube, der Bauernhof war irgendwo dort hinten.”

“Gut, dass du dir sowas merkst.”, grinste Anna sogleich aufrichtig erleichtert “Hier sieht es nachts ganz anders aus, als letztens, bei unserer Anreise am Tag…”

“Wir kamen aus dem Westen. Also ist auch der Dattelhof dort, denn seine hohen Bäume waren das erste, das wir von Zerrikanterment gesehen haben.”, erklärte der Undviker, als sei es gerade völlig selbstverständlich, dass er wusste, wo Westen war. Dabei bemerkte er den wirren Blick seiner Freundin und musste grinsen.

“Die Sterne…”, erinnerte er die stirnrunzelnde Alchemistin gleich “Ich habe dir schon einmal erklärt, dass man sich an denen orientieren kann, hm?”

“Ähm.”, entgegnete Anna lasch, während ihr vieles klarer wurde “Ja, schon. Ich wusste nur nicht, dass du das permanent machst.”

“Naja, nachts tue ich das halt. Und wenn ich muss.”, der Skelliger zuckte die Achseln “Auf See kann man sich nur so orientieren. Daher lernt man es auf den Inseln schon als Kind. Mein Vater sagte immer: ‘Wer die Sterne nicht zu deuten weiß, ist verloren.’”

Wieder lachte die Novigraderin leise und sah von Hjaldrist fort, um auf ihren Weg zu achten.

“Daher wundert es mich, dass du noch nie verloren gegangen bist, Anna.”, feixte der Jarlssohn und in seinem Ton lag eine stumme Herausforderung.

“Ha?”, schnappte die Kurzhaarige und da war ein Funke Amüsement in ihrer Stimme. Sogleich sah sie sich wieder nach ihrem vorlauten Begleiter um.

“Wenn du wüsstest! Ich ging schon oft genug verloren.”, gab die Trankmischerin ganz offen und schlagfertig zu “Aber was macht das schon, wenn man so und so auf der Straße lebt?”

Sie hörte ihren hübschen Kumpel auflachen.

“Auch wieder wahr.”, schnaufte er belustigt und wer wusste schon, was er sich genau dachte. Ob er sich gerade vorstellte, wie Anna alleine und völlig verplant durch die tiefste Wildnis spazierte? Wie sie es tagelang nicht aus einem finsteren Wald herausschaffte, weil sie mehr oder minder im Kreis lief? Letzteres war sogar einmal wirklich geschehen. Es war die Zeit gewesen, in der sie sich einen Pfeil der Scoia’tael eingefangen hatte. Die Tätowierung an ihrem rechten Arm galt ihr heute als Memento dafür und sie musste kopfschüttelnd lächeln, als sie an damals dachte. Ja, sie war wirklich verloren gewesen: Kurz nach ihrem Reißaus, als sie noch nicht einmal ein Jahr lang allein unterwegs gewesen war, hatte sie sich hoffnungslos in den Wäldern vor Kaedwen verlaufen. Der Forst war damals richtig dicht gewesen. Man hatte den Himmel ob der vollen Baumkronen kaum mehr gesehen. Wölfe, Nekker und fauchende Neblinge hatten sich dort zuhauf getummelt; letztere waren vor allem abends aufgetaucht und daher hatte die unerfahrene und weltfremde Anna ihre unbequemen Nächte auf Bäumen verbracht, um kein Opfer von nachtaktiven Raubtieren oder Monstern zu werden. In der Dunkelheit konnte sie nämlich nicht sehen und sie war lieber auf Nummer sicher gegangen und bei tiefster Nacht nicht durch das Unterholz geklettert. Tagsüber war sie dann gelaufen, in der Hoffnung den Weg nach draußen zu finden. Nur hatte sich dies als eher vergebens herausgestellt. Und dann, irgendwann, hatte sie der Elfenpfeil von hinten erwischt und ihr die Schulter sauber durchbohrt. Es war das erste Mal gewesen, dass die unerfahrene Anna solch ein wahrhaftiges Geschoss abbekommen hatte und dementsprechend hatte ihr Körper auch auf den ihr noch unbekannten Schmerz reagiert: Sie hatte kämpfen wollen, hatte überfordert geschrien und den Forst dabei verflucht. Doch dann war die junge Frau nach wenigen gebrüllten Schimpfworten und einem kampfbereiten Herumfahren ohnmächtig geworden. Schon ulkig, wenn sie heute daran dachte. Aufgewacht war sie dann als Gefangene einer kleinen Rebellengruppe, die sie mehr als nur skeptisch beäugt hatte. Man hatte drängend wissen wollen, woher Anna kam und zu wem sie hielt; wie sie Anderlinge sah und warum sie alleine reiste. Die damals unsäglich eingeschüchterte 18-Jährige hatte das Dutzend Spitzohren und die drei Zwerge daraufhin nicht belogen und dies hatte ihr vermutlich das erbärmliche Leben gerettet. Man hatte ihr die schmerzenden Fesseln durchtrennt, nachdem man verstanden hatte, dass sie sich Andersartigen näher fühlte, als normalen Leuten. Und man hatte der armen Verirrten etwas zu Essen gegeben, nachdem sie wehleidig geseufzt hatte, nicht zu wissen, wie sie wieder aus dem Wald herauskommen sollte. Frisch versorgt und für ein paar Münzen und Tränke als Entschädigung hatte man sie dann, am nächsten Tag, bis zum Rand des Forstes begleitet. Und jener war nur einen Zweistundenmarsch weit entfernt gewesen. Ganz schön peinlich. Aber sie hatte daraus gelernt und war nie wieder allein zu weit in einen Wald gegangen.

“Dort, die Bäume.”, kommentierte Hjaldrist und riss Anna damit aus ihren Erinnerungen. Sie sah auf und erblickte tatsächlich die Schemen der Dattelpalmen, die sich in den sternengefluteten Nachthimmel reckten. Ihre Miene erhellte sich und bekam einen wölfischen Ausdruck, ehe sie ihren Schritt plötzlich beschleunigte und anfing zu laufen. Ein flüchtiges ‘Der Letzte gibt morgen nen ganzen Humpen voll Gewürzwein mit Kahul aus’ verließ die grinsenden Lippen der Frau, ehe sie ihrem Freund schon meterweit voraus war. Hjaldrist stockte, doch dann hörte Anna, wie auch er die Beine in die Hand nahm, um morgen nicht derjenige sein zu müssen, der die Getränke in der Taverne bezahlen musste. Dummerweise war er als Kind aber nicht jeden Tag den Pfad um Kaer Morhen gerannt. Und als Anna zielsicher lossprang, um die Kante der Mauer zu erreichen, die den Dattelhof umgab, keuchte er entnervt. Ein kurzes, triumphierendes ‘Ha!’ entkam der trockenen Kehle der Alchemistin, dann war sie schon über dem Schutzwall und auf dem Gelände des Bauern, dem der große Hof mit den vielen Palmen gehörte. Schwer atmend hielt sie an, um den Blick schweifen zu lassen. Und kaum einen Herzschlag später, spürte sie einen Schubs von hinten. Beinahe stolperte sie, fing sich gerade noch so und linste zum schmunzelnden Rist zurück, der tief durchatmend zu ihr aufschloss. Auch er hob den Blick just, um sich die nächtliche Gegend anzusehen, die vor ihm lag.

“Ich mag den Wein halb-halb mit Kahul. Das wird teuer, Kollege.”, grinste Anna schadenfroh und Hjaldrist schnaubte amüsiert.

“Bei dem Geld, das ich sonst so für dich ausgebe, weil du selbst nicht sparen kannst, macht das auch nichts mehr.”, antwortete der Schönling wissend, doch keineswegs böse. Stattdessen schenkte er seiner Gefährtin einen wissenden Blick aus amüsierten Augen. Es war dieses eine, gewisse Starren, dieses wortlose ‘Du treibst mich noch in den Ruin, aber ich mag dich trotzdem’. Dazu fiel der Novigraderin nichts mehr ein. Hjaldrist hatte Recht. Also zuckte sie bloß mit den schmalen Schultern.

“Wenn ich später, als echte Hexerin, mal besser verdiene, dann mache ich das gut. Du wirst schon sehen.”, maulte Anna.

“Ja klar.”, feixte Hjaldrist zur Antwort, lenkte seine Aufmerksamkeit aber wieder gen Dattelhof.

“Sehen wir uns um.”, forderte die Frau im Bunde, als sie dies bemerkte. Und das taten sie dann auch. Sie stromerten eine kleine Weile über den Platz mit den vielen Bäumen und erreichten dann eine große, grob gewebte Strohmatte, auf der Berge von Datteln lagen, die man zum Trocknen ausgelegt hatte. Man konnte die dunklen Früchte, die man als ‘Brot der Wüste’ bezeichnete, hier getrost zum Dörren liegen lassen, denn Regen war in Serrikanien rar. Anna’s Miene erhellte sich, als sie das sah, und auch Rist gluckste freudig. Einmal linste er prüfend zum Bauernhaus, doch kein Licht brannte in der kleinen Hütte aus Lehm. Zufrieden bückte sich seine Freundin derweil nach den Datteln am Boden und fischte sich davon zwei, drei Stück. Eine steckte sie sich sogleich in den Mund, dann erhob sie sich wieder aus der Hocke und ließ den wachen Blick weiter schweifen. Irgendetwas bewegte sich unweit am Boden und die aufmerksame Kurzhaarige weitete die Augen etwas, um im Dunkel besser sehen zu können. Da war eine der kleinen Sandkrabben, die dieselbe Idee gehabt zu haben schien, wie die beiden Ungeheuerjäger. Seitwärts durch den Sand huschend verschwand das Tierchen mit einer Dattel. Und Anna, die die Krabben mit den gescheckten Panzern und hochgereckten Scheren ja ganz putzig fand, lachte leise. Auch Hjaldrist stand schon wieder und spuckte einen Dattelkern im weiten Bogen aus. Und dann war da plötzlich lautes Gebell. Zwei Köter liefen einen Atemzug später um die Hausecke und stoben auf die Abenteurer zu. Anna entkam ein unartikulierter Laut, als sie ganz schön erschrak. Und Rist, der eigentlich ein gutes Händchen für Hunde hatte, fuhr mit blasser Miene zusammen.

“Scheiße!”, fiel es der Giftmischerin nurmehr ein und sie lief los. Ein Mann, der eine Glefe grantig schwang, erschien in ihrem Sichtfeld und schimpfte laut in seiner kehligen Muttersprache. Die zwei Einbrecher aus dem Ausland hatten gar nicht bemerkt, wie jener zuvor die Öllampe in seinem Fenster entzündet hatte. 

“Lauf!”, blaffte Rist und Anna ließ sich das nicht zweimal sagen. Der zornige Dattelhofbesitzer brüllte seinen Kötern etwas zu und zähnefletschend hetzten die Biester auf die frechen Abenteurer los. Sie waren riesig und der vermeintliche Bauer hinter ihnen mutete neben den Hunden an, wie ein Kind. Anna lief solange so schnell sie nur konnte und eilte Hjaldrist hinterher, der sie längst überholt hatte. An der Mauer des Hofes angekommen blieb der Dunkelhaarige stehen und sah sich nach seiner Kollegin um, die angelaufen kam, als sei ein wahrhaftiger Dämon hinter ihr her. Sie machte einen Satz, packte mit den behandschuhten Händen nach der Mauerkante und zog sich hoch. Und auch Rist holte Anlauf und sprang. Spitze Hundezähne klappten in die Leere, als der keuchende Skelliger sich gerade noch so über den Wall zog, und ein aggressives Gekeife der Vierbeiner begleitete das. Als sich Anna draußen angekommen hektisch nach ihrem besten Kumpel umsah, kam der schwer atmend zu ihr, doch grinste schon wieder. Er hielt sich die Seite, die im Kampf gegen den Mantikor vor ein paar Tagen verwundet worden war. Die Frau beobachtete dies skeptisch, doch der Jarlssohn lachte schon wieder atemlos.

“Das war knapp!”, fand er und sein schelmisches Lächeln war ansteckend. Nichts desto trotz erkundigte sich Anna nach seinem Ergehen.

“Alles gut?”, wollte sie wissen und er nickte. Sie entspannte sich wieder etwas. Dann gaben sie sich auf ihre gelungene Flucht vom Dattelhof die Siegerfaust. Die Hunde des Bauern keiften noch immer laut und man konnte ihre Krallen an der anderen Seite des Mauerwerks scharren hören. Die burschikose Kriegerin atmete heiter durch und erwischte ihren Begleiter am Arm, um ihn mit sich zu ziehen. Zusammen machten sie sich von Dannen und ließen den schreienden Hofbesitzer und dessen Wachköter lachend zurück.

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