Kapitel 75

SIlber, Sand und Fächer

Die beiden Abenteurer kamen erst zum Stehen, als sie die bellenden Hunde des Dattelhofes und das grantige Schimpfen von deren Herrchen nicht mehr hörten. An diesem Punkt angekommen befanden sie sich bereits am Rande der Vororte Zerrikanterments und verlangsamten ihren Schritt, während sie die Blicke interessiert wandern ließen. Hier, zur offenen Wüste hin, gab es nurmehr wenige Häuser und die meisten von ihnen wirkten verlassen. Hjaldrist steckte Anna eine der stibitzten, süßen Datteln zu und die Hexerstochter hob den Kopf, um der weitläufigen Ferne entgegen sehen zu können, sie sich vor ihr erstreckte. Der Ausblick von hier war wunderschön. Da waren die leicht hügeligen Dünen mit ihrem goldenen Sand und der endlos erscheinende Horizont. Der große, helle Mond erhob sich in den sternenvollen Himmel und alles wirkte einfach nur so verdammt friedlich und ruhig. Ein Lächeln zog sich über die trockenen Lippen der Novigraderin, als sie fasziniert in die Ferne sah und tief durchatmete, um nach ihrer Flucht vom Bauernhof wieder zu etwas Luft zu kommen. Und Rist, der ließ sich einfach an Ort und Stelle im Sand nieder, nachdem er sich einen Dattelkern aus dem Mund geklaubt und weggeworfen hatte. Er seufzte dabei wohlig auf und sah den Sternen entgegen, die man hier so unheimlich deutlich erblicken konnte. Anna glaubte die funkelnden Lichter dort oben noch nie so hell und deutlich leuchten gesehen zu haben. Sie setzte sich zu ihrem Freund und klaute ihm beiläufig eine Dattel, da er davon weit mehr hatte mitgehen lassen, als sie. Großzügig ließ er das auch zu und hielt der Kurzhaarigen die offene Hand voller halb gedörrter Früchte hin, damit sie sich bedienen könnte. Eine ganze Weile saßen sie dann einfach nur so da und sahen der Wüste und dem dunkelblauen Nachthimmel entgegen. Es war angenehm, still, die Luft frisch und kühl. Entfernt roch es nach den Räucherwerken der Stadt und der pulvrige Boden fühlte sich angenehm weich an; vom vorangegangenen, sonnigen Tag war der Sand noch etwas warm. Eine Sternschnuppe zuckte über das Firmament und Rist gab einen erfreuten Laut von sich, als er das sah; ein leises triumphierendes Lachen. Anna hob die Brauen verblüfft und schielte von der Seite aus fragend zu ihm. Es war ein irritiertes Gaffen, das den grinsenden Jarlssohn gleich skeptisch werden ließ. Er legte die Stirn in Falten und taxierte Anna.

“Was? Hast du dir denn nichts gewünscht?”, wollte er munter wissen und seine Kollegin, die sich auf diese Frage keinen Reim machen konnte, starrte nur neugierig. Sie musste ja ganz schön dämlich aussehen, doch sei’s drum.

“Was wünschen? Wieso?”, fragte sie. Jaromir hatte in seinem leichten Verfolgungswahn immer gesagt, Bewegungen am Himmel hätten irgendetwas mit der Wilden Jagd zu tun. Dass sie selten etwas Gutes verhießen und dass er einmal gehört hätte, wie ein enormer Stein vom Himmel gefallen sei und einen gefährlichen Krater geschlagen hätte. Gelehrte nannten diese sogenannten ‘Steine’ Meteoriten. Und die hatten wenig mit Mystik, sondern mit Astronomie zu tun. Anna belächelte also jeden, der glaubte, die wütenden Götter würden als Strafe Felsbrocken vom Himmel werfen. Dennoch hatte sie wenig Lust solch ein Teil auf den Kopf zu bekommen. Sternschnuppen waren ihrer Ansicht nach also wenig romantisch.

“Wenn man ne Sternschnuppe sieht, darf man sich doch was wünschen, du Dödel.”, erklärte der im Sand sitzende Mann aus Skellige gutmütig und sein belustigter Blick maß Anna noch immer. Sie lächelte betreten.

“Oh.”, machte sie kleinmütig. Tatsächlich hatte sie noch nie von dem beschriebenen Brauch gehört, obwohl sie nach Rist’s Einwand geahnt hatte, dass es um solch einen ginge. War er skellischer Natur?

“Oh, bei der Weltenschlange...”, lachte der Undviker jetzt amüsiert auf, als er verstand “Du bist manchmal schon noch etwas weltfremd, Anna. Hat Balthar dir früher denn nur das Kämpfen, Männerhass und daneben nichts anderes beigebracht?”

Die arme Alchemistin brummte pikiert, doch grinste dabei schon wieder etwas. 

“Naja… er hatte kein Händchen dafür ein Kind großzuziehen, denke ich.”, hüstelte die Frau “Er ist halt ein Hexer.”

“Mannomann.”

Anna fuhr sich mit der Hand durch den Nacken, sah ein wenig unwohl berührt von ihrem Freund fort. Und sie ertappte sich wenige Augenblicke später bereits dabei, wie sie nach weiteren, glitzernden Sternschnuppen Ausschau hielt. Denn obwohl sie skeptisch war, wenn es um abergläubisches Wünschen ging, fand sie den Gedanken dahinter doch ganz schön. Ob sie Glück haben würde? Und was sollte sie sich überhaupt wünschen? Eine Kräuterprobe für Frauen zu entdecken und dann ihre ganz eigene Schule zu gründen, in der sie nur Mädchen ausbildete? Die sogenannte, ähm, ‘Fuchsschule’, um an ihr ungewolltes ‘Abenteuer’ und das gescheiterte Experiment Adlet’s auf Drakensund zu erinnern? Hm, nein. Sie würde keine Hexerschule eröffnen und kein Kind darin quälen. Die burschikose Kräuterkundige würde für immer durch die Welt reisen und das hoffentlich zusammen mit Hjaldrist. Anna würde ihre Forschungen niemals hergeben und es damit anderen Leuten versagen an jungen Leuten herumzuexperimentieren. Das, was sie tat, tat sie nur für sich allein. Und sollte sie irgendwann an einer abgewandelten, misslungenen Probe der Kräuter sterben, wäre sie deren einziges Opfer.

Die Aufmerksamkeit der beiden Ausländer senkte sich erst nach einem langen Schweigen und Beobachten des fantastischen Himmels auf die Dünen zurück. Denn Anna bildete sich ein dort ganz plötzlich etwas zu sehen und stieß den gedankenvollen Hjaldrist gleich sachte in die Seite, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Fragend sah er auf.

“Da vorn…”, meinte Anna verheißungsvoll und taxierte die Gestalt, die dort lief. Die Frau wurde unruhig, versteifte sich unsicher. Da war ein Mann. Er hielt auf die Stadt zu und das in Windeseile. Eine gold-silberne Rüstung schepperte und ein blau-weißer Wappenrock bauschte sich beim Laufen. Augenblicklich zuckte die Frau aus Novigrad zusammen. Diesen Krieger, der dort rannte, kannte sie doch! War das Ravello? Er lief, als ginge es um sein Leben, doch wieso? Und warum war er HIER, verdammt?

“Rist!”, machte Anna entrückt und war schneller auf den Beinen, als man sich versehen konnte. Sie sah zu ihrem älteren Kumpan hin, der den nahenden Mann erkannt haben musste und genauso verblüfft starrte.

“Wieso ist er allein?”, sprach die Kräutersammlerin ihre rasenden Gedanken laut aus und sah sich abermals nach Ravello, ihrem alten Freund aus Toussaint, um. Jener schrie ängstlich auf und dann stob direkt hinter ihm etwas aus dem aufwirbelnden Sand. Es sah aus, wie ein riesiger, geschuppter Wurm mit einem weit aufgerissenen, zähnegespickten Maul. Anna starrte entsetzt, wich einen Schritt weit zurück und fasste nicht, was geschah. Wieder johle Ravello panisch und riss die Hexerstochter damit aus ihrer Schockstarre. Sie zog das lange Schwert umgehend und baute darauf, dass Hjaldrist ihr sofort folgen würde. Denn sie wollte dem verfolgten Ritter helfen und es blieb keine andere Wahl, als dem riesigen Wüstenwurm jetzt völlig unvorbereitet entgegen zu hetzen. Als sie loslief, um dem armen Ravello beizustehen, hörte sie nicht, wie ihr bester Freund verdattert den Namen seines Bruders flüsterte. So, als sähe er jenen dort, in der Wüste, und nicht den Weißen Hasen aus Beauclair. Anna kam nur sehr wenige Schritte weit, ehe sie das wertvolle Medaillon an ihrem ledernen Gürtel vibrieren spürte. Merklich ruckelte das Amulett und die aufmerksame Novigraderin blieb ob dieser eindeutigen Warnung sofort stehen. Ihre Augen weiteten sich verdutzt und abermals sah sie zu Ravello, der vor dem Sandmonster fort und direkt auf sie zu rannte. Er schrie flehentlich um Hilfe, stolperte über seine eigenen Füße, fiel. Doch es war nicht real. Das Bild, das sich vor der schockierten Alchemistin auftat, war nicht echt und ihr Hexermedaillon unterstrich diese Befürchtung wild zuckend.

“Eine Illusion!”, schnappte sie atemlos und fuhr herum, um Hjaldrist sofort zu warnen. Oh, wie hatte sie nur so leichtfertig auf einen magischen Trick hereinfallen können? Es war doch so, so offensichtlich gewesen, dass es einer war. Ravello konnte gar nicht hier sein. Es war abstrus, dass ER durch die serrikanische Wüste kam und das auch noch alleine. Nie im Leben hätte er sich in dicker Metallrüstung hinter Korath gewagt, um zu seinen Freunden aufzuschließen. Und wenn doch, hätte er diese wochenlange Reise niemals überlebt. Trotzdem hatte Anna gerade eben vollends naiv gehandelt und so, als habe sie keine jahrelange Ausbildung in Kaer Morhen genossen. So, als hätte sie noch nie ein Bestiarium gelesen. Das, was da seine unsichtbaren Klauen nach ihr ausgestreckt hatte, musste sie also unglaublich geschickt in seinen Bann gezogen haben, bevor ihr Amulett hatte reagieren können. Die Monsterjägerin, die sich eigentlich so gut mit allen möglichen arkanen Dingen auskannte, war so schnell von irgendeinem Zauber übernommen worden, dass sie es nicht einmal bemerkt hatte. Das war beachtlich, gefährlich, angsteinflößend. Es jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken und stellte ihr die Nackenhaare auf.

Anna sah sich nach ihrem Kumpel von Undvik um und da war auf einmal… nichts und niemand. Nur eine sandige Weite. Ihr Gesicht entgleiste und ein erschrockener Laut entkam ihr. Sie… sie hatte gerade doch nur zwei, drei Schritte auf die Dünen und den Trugbild-Ravello zu gemacht. Warum stand sie auf einmal mitten in der Wüste? Wo waren die Vororte Zerrikanterments hin? Wo waren die hohen Dattelpalmen, die man schon von Weitem erspähen konnte? Und wo, verdammte Scheiße, war Hjaldrist?

“Oh nein…”, atmete die entrückte Frau schwer und war augenblicklich völlig außer sich “Oh nein! Rist!”

Ihr schlug das Herz bis zum Hals und sie wusste in diesem heiklen Moment nicht, was tun. Sollte sie einfach stehen bleiben? Sollte sie loslaufen? Was geschah hier bloß? Eine dunkle Ahnung beschlich Anna, packte sie und das Adrenalin ließ den Puls in ihren Ohren rauschen. Der aufziehende Sturm zerrte an ihrer gestreiften Jacke, durchwühlte ihre kurzen Haare und peitschte ihr den groben Sand entgegen. Ächzend rieb sie sich die Augen, schürzte jene unbeholfen und wandte sich immer wieder suchend um. Wo war Hjaldrist, verdammt? Er war doch gerade noch so knapp hinter ihr gewesen!

“Haldorn!”, brach eine entfernte Stimme durch die Nacht, in der der goldene Sand der Wüste umhergewirbelt wurde “Pass auf!”

Anna zuckte heftig zusammen, horchte angestrengt und hörte ihren besten Freund abermals nach dessen jüngeren Bruder schreien. Der gähnende Wind begleitete dieses panische Warnen, als lache er die kleinen Ungeheuerjäger aus. Er verschluckte das Rufen nahezu. Jenes kam von weiter vorn. Anna musste dorthin! Und obwohl ihr Amulett sie protestierend ermahnte und heftig vibrierte, konnte die nervöse Kriegerin nicht anders, als Rist’s heiserer Stimme zu folgen. Vielleicht war das Geschrei ja auch nur wieder eine Täuschung, um sie in eine Falle zu locken. Doch sollte der Skelliger wirklich dort, im Sturm stehen, konnte Anna ihn doch nicht einfach im Stich lassen. Sie ging das Risiko sich in große Gefahr zu begeben also ein, denn steckte doch eh schon halstief in der Scheiße, nicht wahr?

“Hjaldrist!”, brüllte die Kurzhaarige aus vollster Kehle durch den pfeifenden Wind “Es ist eine Illusion! Fall nicht darauf rein!”

Die aufgebrachte Frau hustete kehlig und spuckte Staub aus, den sie beinahe verschluckt hätte. Die Sandkörner, die ihr entgegengeworfen wurden, prasselten unangenehm gegen ihre Haut und knirschten zwischen ihren Zähnen. Noch einmal hörte man den vermissten Skelliger zu weit entfernt etwas Unverständliches rufen. Und dann verstummte er plötzlich. Mit Panik im Blick rannte Anna einfach weiter; dorthin, wo sie ihren Kumpel vermutete. Sie trat in weichen Sand, der so nachgiebig war, dass er sie fast stolpern ließ. Anna hastete so schnell es ging, rief verzweifelt nach dem ebenso hier gefangenen Mann aus Undvik. Die burschikose Kriegerin strauchelte zur Seite, drehte sich hektisch suchend herum. Und als sie unter ihrem schützenden Arm angestrengt blinzelte, legte sich der starke Wind ringsum allmählich. Schwer und unregelmäßig atmete Anna und ihre Schultern sanken. Entgeistert beobachtete sie, wie der ockerfarbene Staub vor ihr niedersank und einem zähen, weißen Nebel über der Düne Platz machte. Nebel. In der Wüste. Das war so falsch. Trocken schluckte die Frau aus dem Norden, versuchte zu Atem zu kommen und wich ein, zwei Schritte weit vor den weißen Schwaden zurück. Irgendetwas unter ihrem wadenhohen Stiefel gab nach, knackte dabei vernehmlich und sie erschrak ob dem unsäglich. Sie erstarrte für wenige, tiefe Atemzüge wie zur Eissäule und horchte. Dann senkte sie den Blick aus weiten Augen gen Grund. Ein Knochen. Sie hatte gerade einen blanken Knochen zertreten. Und da lagen noch viele mehr: Große, kleine und vor allem menschliche. Ja, ganz eindeutig gehörten die vielen Gebeine nicht zu Tieren oder Monstern. Die bleichen Gerippe, die im Sand verstreut lagen, gehörten Menschen! Überwältigt stöhnte Anna und umklammerte das stählerne Schwert in ihrer Rechten krampfhaft. So, als sei diese Waffe ein rettendes Tau und das Einzige, das ihr gerade helfen könnte. Wie töricht sie doch war, so zu denken. Anna kaute sich auf der Unterlippe herum und ihr Blick wanderte unstet. Sie wollte wieder ratlos nach ihrem besten Freund rufen, doch es gelang ihr nicht. Es hatte der zerfahrenen Novigraderin die Sprache verschlagen und ihr ausgetrockneter Mund stand entsetzt offen, als sie zwischen zähem Nebel und unebenem Sandboden Tote sah: Mumifizierte Skelette, über die sich hier und da noch etwas ledrige, braune Haut zog, und ganz frische Leichen, die mit weit aufgerissenen, leeren Augen und hervorschwellenden Zungen vor sich hin starrten. Manche von ihnen trugen noch zerschlissene Stofffetzen an den Leibern, andere lederne Rüstungsteile. Eine der verdrehten Mumien hatte sogar einen ostländischen Helm am Kopf. Es stank bestialisch nach Verwesung. Oh, verdammt. All das hier durfte noch nicht wahr sein! Der magische Nebel umgab mittlerweile alles ringsumher und machte es der unruhigen Anna unmöglich viel weiter, als wenige Fuß zu sehen. Und sie war sich sicher, dass sie sich bald zu den Verstorbenen im Wüstensand zählen könnte, würde sie nun nicht wachsam sein und sich etwas GUTES einfallen lassen. Außerdem steckte Hjaldrist ganz sicher im selben Schlamassel und sie müsste ihn finden, damit sie sich hier zusammen heraus kämpfen könnten. Oh, ihm war doch nichts geschehen? Ein stechender Gedanke, der sich Anfühlte, wie ein tiefer Schluck Eiswasser auf nüchternen Magen. Anna beschlich eine leichte Übelkeit und am liebsten hätte sie frustriert geschrien und sich die braunen Haare gerauft. Und als wolle die schlimme Situation sie dabei verspotten, hörte sie Hjaldrist kaum eine Sekunde später vollkommen entsetzt nach ihr rufen. Anna glaubte, ihr rutsche das Herz in die Hose, als sie dies vernahm, und sofort setzte sie sich blind in Bewegung, um zu ihrem besten Freund zu hetzen. 

“Ich bin hier!”, gab sie ihm zurück und stolperte durch die milchigen Schwaden, die nichts Gutes verhießen. Die Hexerstochter rannte, fuhr herum, sah eine Bewegung links von sich. Eine graue Gestalt schälte sich vor ihr aus dem zähen Weiß und die verdatterte Kräutersammlerin wollte ob dem schon erleichtert aufatmen. Sie holte Luft, um ihren treuen Begleiter bei seinem Namen zu nennen, doch dann drehte sich die Person zu ihr um. Es war eine hübsche, schlanke Frau mit schmalem Gesicht und sie lächelte sanft. Anna blieb augenblicklich stehen.

“Anna…”, entkam es der Dame im weißen Kleid lieb und sie streckte eine Hand nach der Abenteurerin aus “Lass uns gehen.”

“Was-”, presste die Angesprochene hervor und stockte. Woher kannte diese Frau ihren Namen? Wer war sie? Oder eher… WAS war sie? Die misstrauische Nordländerin verengte die Augen prüfend.

“Es ist hier nicht sicher…”, kam der Singsang der Fremden mit dem wallend langen Haar und den feinen Zügen “Du musst fort oder die Geister der Toten holen dich.”

Ein Mundwinkel Annas zuckte überreizt und sie verharrte wie eine Statue an Ort und Stelle. Sie dachte nicht daran das Bastardschwert sinken zu lassen und war aufs Äußerste angespannt.

“Wo ist Rist?”, fragte sie leise und in ihrem Ton lag eine böse Drohung “WO ist er?”

Sie traute dem wohlwollend lächelnden Wesen vor sich kein Stück. Denn dessen Haar und das löchrige Kleid hatten die Farbe des fahlen Nebels und wehten hinter der Erscheinung her, wie beim Unterwassertanz. Die nackten Füße der Langhaarigen berührten den Boden nicht und hinterließen keine Spuren im Sand.

“Dein Freund? Er ist hier.”, summte die geisterhafte Frau beruhigend, drehte sich einmal tänzelnd herum und wich einen Deut zur Seite, um die Sicht auf jemanden frei zu geben, der direkt hinter ihr im Sand lag. Mit dem Gesicht voran am Boden tat er das; seine dunklen Haare hingen ihm wirr vom Kopf und seine grüne Tunika war zerfetzt worden. Erlklamm lag derweil unweit zwischen fremden Knochen und rostigen Rüstungsteilen. Anna entkam ein entsetztes Keuchen und ihr armes Herz sank nieder. Ohne zu zögern hastete sie auf den besiegten Mann im Sand zu, der leichenhaft anmutete. Aber… aber er lebte doch noch? Er MUSSTE! Die Frau im weißen, fließenden Kleid faltete die Hände friedlich im Schoß und sah der zutiefst empörten Novigraderin zu, als sich jene bei Hjaldrist auf die Knie fallen ließ. Sie packte ihn, rüttelte den Älteren und ignorierte die anwesende Erscheinung in ihrem Stress völlig. Und noch immer stank es so, so sehr nach altem Tod.

“Rist!”, bat Anna mit Nachdruck in der gequält klingenden Stimme “Komm zu dir! Rist!”

Sie fasste an die Schulter des Mannes und drehte ihn sich zu. Und als sie den starren Körper so auf den Rücken wendete, blickte sie in zwei tiefliegende Augenhöhlen und sah einen entsetzt aufgerissenen Mund. Eine Leiche mit gräulicher Haut gaffte aus trüben Augen an Anna vorbei gen Himmel. Dieses makabre Bild wurde begleitet von einem leisen Lachen einer zweiten weißen Frau, die sich fasziniert über Anna beugte und ihr eine Hand sanft auf den Kopf legte. Und obwohl die Hexerstochter spätestens jetzt realisierte, dass das, was sie sah, doch unmöglich wahr sein konnte, brach es ihr das Herz den bekannten Toten in der so vertrauten skellischen Tunika zu sehen. Zitternd atmete die Kurzhaarige aus, konnte ihren Blick nicht von dem eingefallenen Leichnam fortreißen. Jener sah aus, wie Rist. Es wirkte so echt. Doch das war es nicht, nicht wahr? All das hier war nicht echt. Anna’s Stimme wollte brüchig werden, als ihr ein unbeholfener Ton entkam. Und dann brach auf einmal ein entschlossener Kampfschrei durch den dicken Nebel. Die beiden Geisterfrauen über Anna wichen sofort scheu zurück und kreischten gellend auf, als ein Mann mit Axt durch die weißen Schwaden gesprungen kam und mit der Waffe planlos nach ihnen schlug. Dies natürlich vergebens, denn die Erscheinungen lösten sich dabei einfach in Luft auf. Genauso, wie der Tote in Anna’s Armen gerade zu feinem Sand zerfiel. Der gehetzt aussehende Skelliger, der so unerwartet aufgetaucht war, kam sogleich ernsten Blickes zu seiner Freundin, die am Boden saß. Er streckte ihr die Hand auffordernd hin und half der Kriegerin, die sich von ihrem Schreck noch kaum erholt hatte, auf die Beine. Vollkommen aufgerüttelt sah sie ihn an, musterte sein durchaus lebendiges Gesicht kurz. Dann fiel sie ihm einfach zutiefst erleichtert um den Hals und er wankte wirr blinzelnd, ehe er einen sicheren Stand fand.

“Anna!”, keuchte der Umarmte “Ich freue mich auch dich zu sehen, aber gerade ist ein ganz übler Zeitpunkt für das hier!”

Die beiden Geisterwesen stoben nämlich wieder aus dem dichten Nebel hervor, wirbelten herum und hatten die vorher so hübschen Gesichter zu hässlichen Fratzen verzogen. Sie fauchten und grölten schrill, als sie auf die Abenteurer zustürzten. Ihre jaulenden Stimmen waren so laut, dass es einem nur so in den empfindlichen Ohren klingelte und überwältigt taumelte Rist mitsamt Anna beiseite. Die weißen Frauen schlugen dort, wo die beiden Menschen gerade noch gestanden hatten, als klamme Schwaden ein, verschwanden abermals und tauchten blitzschnell hinter den Monsterjägern auf, um gierig nach ihnen zu haschen. Ihre dürren Finger wuchsen dafür zu langen, knochigen Krallen an. Anna wich hastig zur Seite aus und Rist tat es ihr geistesgegenwärtig gleich, war eng bei ihr. Denn sich hier, in diesem grauen Nichts, noch einmal aus den Augen zu verlieren, wäre verhängnisvoll gewesen, todbringend. Eine der geisterhaften Furien bäumte sich jetzt gehässig kichernd vor den Abenteurern auf und dort, wo sich zuvor noch ihr Bauch befunden hatte, brach ein riesiges Maul voller spitzer Zähne auf. Es blieb keinerlei Zeit, um nachzudenken oder sich einen Plan zurechtzulegen. Denn alles passierte viel zu schnell: Die Monstrositäten griffen an, Rist schrie überfordert, die tiefere Stimme eines zweiten Mannes mischte sich ein. Ein heftiger Windstoß kam von vorn und warf den Ausländern die nebligen Wesen mit den riesigen Mäulern regelrecht entgegen. Wie zarte Blätter im Sturm fielen die Geister auf sie zu. Doch als die langen, schmalen Zähne der großen Münder die geschockten Abenteurer erreichen, verwehte es die Erscheinungen, wie Rauch, den man einfach so fort pustete. Der milchige Nebel ringsumher wirbelte auf, stob in die Lüfte und trug etwas Sand mit sich. Es rauschte und toste laut, irgendwer rief und bellte unverständliche Worte in einer fremden Sprache. Anna stürzte rücklings und auch Rist konnte sich nicht mehr aufrecht halten, als ihn der plötzliche Luftstoß von den Beinen riss. Sie beide landeten weich im Wüstensand und hatten keine Zeit, um benommen fluchend liegen zu bleiben. Als die am Boden sitzende Frau im Bunde konfus, doch alarmiert aufsah, traten zwei vermummte Kerle vor sie. Sand rieselte ihr vom Haupt und sie wirkte völlig orientierungslos. Hjaldrist richtete sich neben ihr auf und ächzte abgekämpft. Doch so, wie seine angespannte Freundin war er nach wie vor bereit zu kämpfen und hielt Erlklamm fest in der Rechten.

Zwei Männer in lockeren, braunen Tuniken und Pluderhosen sahen stumm auf die Monsterjäger herab. Und in ihren Rücken lag der ruhige Vorort Zerrikanterments. Der Wind legte sich. Es war, als seien Rist und Anna gerade gar nicht fort gewesen. Verwirrt starrte die kurzhaarige Frau, kam zögerlich und wackelig auf die Beine. Sie wich von den fremden, dunkelhäutigen Männern zurück und sah jene an, als verstünde sie die Welt nicht mehr. Diese Kerle waren verschleiert. Man konnte, unter erdfarbenen Turbanen und hinter halb durchsichtigen Stoffbahnen vor Mündern und Nasen, nur deren stechende Augen sehen. Einer von ihnen - der mit den für diese Gegend ungewöhnlich blauen Pupillen - brummte irgendetwas und wirkte dabei nicht sonderlich zufrieden. Eher so, als ärgere er sich über die, die sich nachts schutzlos an den Rand der Wüste getraut hatten. Die Fremden, die wie sehnige Krieger in luftiger Stoffkleidung anmuteten, hatten hölzerne Kampfstäbe bei sich und einer von ihnen - der mit den dunklen Augen - besaß einen übergroßen Fächer aus naturfarbenem Segeltuch, den er just in aller Ruhe zusammenfaltete. Das Ding war im zugeklappten Zustand so lang, wie ein Zweihänder und konnte mittels zweier Lederriemen zusammengehalten werden. Anna starrte ungläubig. Rist und sie tauschten einen knappen Blick aus, während der Braunäugige seinen zusammengeklappten Stofffächer locker schulterte. Sein abschätzender Blick maß die Ausländer und er schwieg.

“Geht.”, forderte Blauauge in einem harten, serrikanischen Akzent, den man kaum verstand. Seine raue Stimme war tief und mochte nicht so richtig zu ihm passen, denn seine Statur glich der Rists. Anna erkannte an der Hüfte des Fremden einen Trankgürtel und eine Umhängetasche aus grobem Leinen schmiegte sich an seine Hüfte. Man hörte eine Rüstung leise knarzen, weitere Schritte kamen näher, Metall klapperte leise. Und dann erschien ein bekannter Hexer zwischen den beiden eigenartigen Serrikaniern, sah gewohnt kühl auf die zwei kleineren Abenteurer herab.

“Skorpion!”, erkannte Anna verdutzt. Hjaldrist’s Brauen zuckten überrascht in die Höhe und der Hüne brummte.

“Ich sagte euch schon oft: Die Wildnis Serrikaniens ist nicht so ungefährlich, wie die Wälder und die Weiten im Westen.”, kommentierte der Katzenäugige emotionslos “Ihr tätet gut daran nachts nicht von den Wegen abzukommen.”

“Wir sind von keinem Weg abgekommen!”, beschwerte sich die völlig geschaffte Novigraderin und deutete gen Boden, auf dem sie stand. Noch immer ging ihr Atem unruhig.

“Wir waren die ganze Zeit über genau hier!”, maulte sie. Doch als die drei serrikanischen Männer vor ihr vielsagend starrten, bröckelte ihr sicherer Ausdruck und ihre Augen wanderten unstet.

“...Glaube ich.”, gab sie dann leiser zu.

“Wer sind die?”, fragte Hjaldrist dazwischen und zeigte auf den mit dem Riesenfächer und dessen Kollegen. Vielleicht dachte er, sie seien die Mantikor-Hexer, die man Fledermaus und Löwe nannte. Es wäre doch so naheliegend gewesen. Doch Skorpion bestätigte diese vage Annahme nicht.

“Wächter.”, antwortete der Vatt’ghern knapp “Mönche, die die hungrigen Seelen von Zerrikanterment fernhalten.”

Die verschleierten Männer in den braunen, knielangen Tuniken sahen die Abenteurer ungebrochen ernst an. Anna blinzelte verblüfft, als sie die sogenannten ‘Mönche’ taxierte.

“Sie sind Monsterjäger?”, entkam es ihr und Skorpion schüttelte das glatzköpfige Haupt über diese naive Frage. Und dabei beließ er es dann auch. Den Wächtern zunickend deutete er ihnen an, dass sie ruhig gehen könnten. Er käme schon mit den beiden, unvorsichtigen Abenteurern aus dem Ausland zurecht.

“Sind sie Freunde von dir?”, hakte Rist neugierig nach.

“Die Gesichtslosen sind niemandes Freunde.”, entgegnete der Hexer gleichgültig “Doch ich arbeite ab und an mit ihnen. Sie schätzen meine alchemischen Rezepturen.”

“Mh.”, murrte der Undviker “Leuchtet ein…”

Und dann schwiegen die Anwesenden lange, weil weder Anna, noch Rist, gerade passende Worte einfielen. Sie waren noch vollends zerfahren und mussten sich erst wieder richtig fassen. Die beiden Mönche, die die kreischenden Geisterfrauen vertrieben hatten, gingen und unterhielten sich dabei kritisch miteinander. So, als hätten sie Grund zu streiten oder als sei irgendetwas geschehen, womit sie nicht gerechnet hätten. Es sollte ihre Sorge sein.

“Also.”, fing Skorpion irgendwann geduldig an “Was habt ihr um diese Zeit hier draußen gemacht?”

“Wir waren spazieren.”, antwortete Anna sofort und es war nicht einmal eine Lüge “Wir… konnten nicht schlafen und sind deswegen raus. Aber warum interessiert dich das überhaupt?”

“Es interessiert mich immer, wenn sich Bekannte ganz töricht in eine unbekannte Gefahr begeben und ich weiß, dass ich etwas dagegen tun kann.”, sagte der kühle Mann und die Hexerstochter stutzte. Schlussendlich waren sie und Skorpion nach ihrer Ankunft in Zerrikanterment nicht unbedingt wohlwollend auseinandergegangen. Und jetzt stand der alte Vatt’ghern hier und gab sich gutmütig? Die Frau lachte kurz und verblüfft auf.

“Also… ich will ja nicht drängen, aber könnten wir uns vielleicht woanders unterhalten?”, sprach Hjaldrist murrend dazwischen, während er seine wertvolle Waffe holsterte “Die Gegend hier macht mich jetzt nämlich etwas nervös.”

Der anwesende Hexer nickte und auch Anna pflichtete ihrem besten Freund schnell bei. Und als sie von der Seite aus zu ihm sah, musste sie erleichtert lächeln. Ihn nach der vorangegangenen Misere und der erschreckenden Illusion seiner Leiche wohlauf zu sehen, tat echt gut. Der dunkelhaarige Skelliger, der Skorpion gerade hatte folgen wollen, um zurück zur Stadt zu gehen, bemerkte das Starren seiner frohen Kumpanin und hielt ob dem noch einmal inne. Er verstand ihren Blick ohne nachzufragen, deutete ihr an zu kommen und als sie das tat, legte er einen Arm brüderlich um sie, um sie fest an sich zu drücken. Froh aufatmend spürte Anna den Kragen ihres Freundes an der Wange kitzeln und wie sich sein breiter Gürtel durch ihr Hemd an sie presste. Ein wohliges seufzen entkam ihr, denn es tat gut den älteren Mann nun endlich kurz und ohne Bedrohung im Rücken umarmen zu können. Gleichzeitig beruhigte seine Anwesenheit sie, wie es sonst nichts und niemand vermochte, und drängte sie dazu sich wieder völlig am Riemen zu reißen.

“Komm, gehen wir Einen trinken.”, riet der Undviker dann nett, als die Alchemistin wieder lockerer ließ “Das haben wir gerade wirklich nötig.”

“Oh ja.”, lachte Anna leise, ließ die Hände vom Kreuz Rists sinken und wandte sich frohen Mutes gen Skorpion, der auf sie wartete “Und wir nehmen Katzenauge mit. Ich hätte da nämlich ein paar Fragen an ihn...”

 

Die beiden Abenteurer waren Skorpion in die ‘Wüstenrose’ gefolgt; einem großen, zweistöckigen Etablissement, das der Hexer auf ihrem Weg hierhin als ‘Schänke eines guten Freundes’ betitelt hatte. Doch einer ostländischen Taverne glich diese Einrichtung keineswegs. Eher einem gehobenen Hurenhaus, in dem die leichten Frauen und Männer nicht schmerzhaft ordinär waren, sondern mit Würde im Blick umher spazierten. Anna, die nach dem Mantikor-Hexer in dieses geräumige Haus trat, sah sich aus großen Augen um, als ihr sofort der Duft nach süßem Räucherzeug und Wein entgegenschlug. Zwei junge Damen in halb durchsichtigen, farbenfrohen Kleidern und schön zurückgeflochtenen, langen Haaren warfen ihr und Hjaldrist kokette Blicke zu, doch sprachen sie nicht an. Ein Kerl in wallendem Gewand und mit viel Schmuck an den Händen kam mit einer Flasche in der Hand an ihnen vorbei und musterte Anna eingehend von oben bis unten. Anders, als die aufdringlichen Huren der Nördlichen Königreiche, blieben die Leute dieses Hauses jedoch erst einmal auf Abstand. Sie deuteten keine perversen Gesten an, pfiffen einem nicht nach und zogen sich nicht ungefragt aus, um einem einen Vorgeschmack auf das zu geben, was man von ihnen bekommen könnte. Entweder lief es hierzulande also ganz anders, wenn man ein Bordell betrat, oder Skorpion war der Grund für den eigenartigen Respekt, den man den Neuankömmlingen entgegenbrachte. Die Novigraderin war jedenfalls unsagbar froh darüber.

“Oh je…”, konnte die aufmerksam um sich blickende Hexerstochter Hjaldrist leise hinter sich murmeln hören und musste verhalten schmunzeln. Sie schwieg, duckte sich hinter Skorpion unter ein paar seidenen, bunten Stoffbahnen hindurch und kam in den Schankraum des Etablissements. Dutzende, dicke und große Sitzkissen mit Samtbezug lagen hier am Grund und die silbernen Beistelltischchen zwischen ihnen waren hübsch. Eine Musikerin mit einem Instrument, das an eine Laute mit langem Griffhals erinnerte, spielte sanfte Melodien und aus kleinen Räuchergefäßen, die hier und da am Rande standen, stieg tanzender Qualm auf. Es roch unheimlich angenehm hier und die Atmosphäre war ruhig, der Boden und die nahe Theke sauber. Ein paar Gäste des Hauses lehnten auf den bequemen Sitzgelegenheiten hier und wurden von den leichten Mädchen in den lockeren Kleidern umschwärmt oder bedient. Manche der leicht geschminkten Frauen räkelten sich auf Kissen und boten sich dar, doch niemand fasste sie mit gierigen, barschen Händen an. Anna sah einen untersetzten Kerl, der mit einem viel jüngeren Mann, der leger auf seinem Schoß saß, heiter lachte und trank. Sie küssten sich und niemand starrte die beiden an oder beschimpfte sie als arschfickende Hurensöhne. Es war eigenartig.

“Kommt.”, meinte Skorpion nüchtern, als er sich nach seinen beiden Begleitern umsah. Er schien längst bemerkt zu haben, dass der arme Hjaldrist verzwickt dreinsah und auch Anna sich hier eher befremdlich fühlte. Daher wollte er die Kleineren nicht dazu drängen hier, im belebten Gastraum zu bleiben.

“Mein Zimmer ist unten.”, meinte der Vatt’ghern und deutete mit dem bärtigen Kinn geh Treppe, die in den Keller des Gebäudes führte. Anna blinzelte irritiert, denn wer hauste schon dort, wo für gewöhnlich Lebensmittel dunkel und kühl aufbewahrt wurden? Dennoch fragte sie nicht nach und wartete, bis Rist zu ihr aufgeschlossen hatte. Der Inselbewohner, so neugierig er auch um sich sah, wirkte nahezu eingeschüchtert. Ach, er war manchmal wirklich zu lieb für diese Welt. Zusammen folgten sie Skorpion dann nach unten und der säuselnde Gesang der Bardin und der Duft nach Rosenholz begleitete sie. Mit leise scheppernder und knarzender Lamellenrüstung ging Skorpion voran, die steinerne Treppe hinab, die in einem Gang endete, der mit einem roten, ornamental verzierten Teppich ausgelegt war. Auch hier hingen schöne, fließende Stoffe an den Wänden und runde Papierlaternen in Orange und Gelb verströmten ein warmes, fahles Licht. Ein schmaler Mann mit schulterlangen, im Nacken zusammengebundenen, schwarzen Haaren kam der kleinen Gruppe entgegen und nickte Skorpion dabei freundlich zu. Der glattrasierte Serrikanier sah, wie all die Angestellten des Hauses, gepflegt aus und ein dezentes Parfüm hing an seiner Haut. Außer einer weiten Pluderhose und einem ärmellosen Seidenmantel, der in der Körpermitte von einer schmucken Schärpe zusammengehalten wurde, trug er nichts. Eine goldene Kette wand sich um den Nacken des Schönlings und teuer aussehende Armreifen wanden sich um seine Handgelenke. Ein kleiner, goldener Ring prangte in einem seiner Nasenflügel.

“Besuch?”, fragte der Serrikanier den viel größeren und breiteren Hexer und jener brummte zustimmend. Als würde er verstehen, nickte der Angestellte mit den feinen Zügen und schenkte auch Anna und Hjaldrist einen anerkennenden Blick. Ein ehrliches Lächeln zog an seinen Lippen.

“Ich bringe euch Wein.”, versprach er, als sei dies selbstverständlich und Anna ertappte sich dabei den Kerl interessiert zu taxieren. Sie hatte noch nie einen Mann gesehen, der so feminin wirkte. Hätte sie ihn von hinten gesehen, hätte sie ihn wohl für eine wahrhaftige Frau gehalten.

“Danke, Safi.”, meinte Skorpion auf das nette Angebot hin und sah sich abermals nach den beiden Ausländern um, die er mitgebracht hatte. Nach Anna, die den Prostituierten noch immer anstarrte und Rist, der die Stirn deswegen argwöhnisch runzelte. Der Mann der ‘Wüstenrose’ lachte einmal sanftmütig, dann deutete er eine leichte Verbeugung an und ging. Sein luftiger, blauer Seidenmantel bauschte sich beim Gehen hinter ihm.

“Ihm gehört das Haus.”, erklärte Skorpion lethargisch, als man Safi nachsah “Ich erledigte einst einen Auftrag für ihn, rettete ihm das Leben. Seither glaubt er auf ewig in meiner Schuld zu stehen. Er ist ein guter Kerl. Und er hat hier, in Zerrikanterment viel Macht.”

Überrascht wandten die ungläubigen Abenteurer die Köpfe wieder zu ihrem Bekannten und Anna fragte sich einen Moment lang, ob man sie veralbere.

“Dem da”, machte sie und deutete in die Richtung, in die der freundliche Zuhälter verschwunden war “Gehört die Bude? Er… er sieht nicht danach aus.”

“Ja, ich weiß.”, antwortete Skorpion bloß kurz und erklärte nicht weiter, sondern setzte sich wieder in Bewegung, um zu seinem Gästezimmer zu gelangen. Oh, mittlerweile häuften sich die Fragen, die Anna ihm stellen wollte, immer mehr. Und daher folgte sie ihm nun auch erwartungsvoll auf dem Fuße, um das Gemach zu betreten, das er im Bordell behauste. 

 

Jenes, so zeigte sich gleich, war spartanisch, doch gleichzeitig schön. Vielleicht lag es ja an der farbenfrohen serrikanischen Einrichtung, doch Skorpion’s Gemach wirkte richtig einladend, obwohl man darin nicht viel vorfand. Eine mit bunten Decken bestückte Matte zum Schlafen lag da in einer der Ecken, schöne, große Sitzkissen in einer anderen. Letztere reihten sich um einen niedrigen, kunstvoll verzierten Tisch. Es gab eine Kommode, einen Schreibtisch und ostländische Tücher mit schönen Mustern, die die Wände locker fallend zierten. Die vier Lampen, die der Hexer vor wenigen Augenblicken mit einem simplen Schnippen entzündet hatte, verströmten ein warmes Licht und sorgten für eine gemütliche Atmosphäre.

“Setzt euch, wenn ihr wollt.”, sagte der emotionskalte Vatt’ghern und deutete in den Raum “Ich denke, nach dem, was euch widerfahren ist, könnte das nicht schaden.”

Hjaldrist ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hielt auf das Eck mit den dicken Sitzkissen zu und lehnte Erlklamm dort angekommen an die Wand. Ein kleines Mobile aus bunten Hölzchen klimperte leise, als er es mit dem Kopf streifte und irritiert sah er sich danach um.

“Ich beziehe dieses Zimmer jedes Mal, wenn ich einmal wieder hier, in der Heimat, bin.”, erwähnte Skorpion, während Anna zu ihrem besten Freund aufschloss und ihr Schwert neben dessen Waffe stellte “Es ist unsagbar angenehm hier zu hausen, wenn es tagsüber extrem heiß wird.”

“Deswegen sind die Zimmer unterirdisch angelegt…”, erkannte die Frau aus Novigrad nach dieser Erläuterung “Und ich fragte mich schon, wozu du uns in den Keller verschleppst.”

Rist schnaubte belustigt, doch sparte sich einen Kommentar. Er ließ sich auf dem Kissenhaufen vor dem niedrigen Beistelltischchen im Raum nieder und lehnte sich erleichtert durchatmend zurück. Die Augen niederschlagend fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht.

“Bei Freya’s Titten…”, seufzte er dabei und rekapitulierte die letzte Stunde “Und ich dachte, wir würden einfach nur spazieren gehen.”

Anna gab einen zustimmenden Laut von sich und ließ sich schwerfällig neben dem geschafften Schönling nieder. Sie wollte gerade etwas sagen, da klopfte es an der Tür und die Abenteurer horchten auf. Safi, der Bordellbesitzer von vorhin, trat einen Herzschlag später ein und hatte ein silbernes Tablett dabei, auf dem eine tönerne Karaffe und vier Gläser standen. Der Anzahl der Trinkgefäße nach zu urteilen gedachte er wohl zu bleiben. Und während Skorpion die Schnallen seiner Armschienen öffnete, um sich jene abzustreifen und sich daraufhin daran machte sich aus seiner Lamellenrüstung zu schälen, gesellte sich der feminine Serrikanier der Wüstenrose zu Anna und Hjaldrist. Er stellte sein Tablett auf dem Tisch vor ihnen ab und lächelte ihnen wohlwollend zu. Dann setzte er sich im Schneidersitz auf eines der großen Sitzkissen und lud sich damit einfach selbst ein.

“Ich hoffe, ich störe nicht.”, meinte der weibische Kerl “Ich kenne die Leute, die mein Haus betreten nur gern.”

Anna blinzelte irritiert und auch eine Braue ihres älteren Gefährten wanderte in die Höhe.

“Äh, nein. Ihr stört nicht.”, entgegnete die Alchemistin, die den dunkelhäutigen Mann mit den Goldketten und dem Ring in der Nase zugegebenermaßen recht interessant fand. Dies nicht im sexuellen Sinn, sondern seiner Verbindung mit Skorpion wegen. Und weil er für einen Zuhälter richtig jung aussah. Er wirkte, als sei er gerade einmal zwanzig Jahre alt und das war eigenartig. Hatte er sein Etablissement vielleicht geerbt? Nein, das wäre doch schräg.

“Gut.”, lächelte Safi zufrieden und fasste nach der Weinkaraffe. Folgend schenkte er in jedes der mitgebrachten Gläser etwas davon ein.

“Wie gefällt es euch in Zerrikanterment?”, wollte er wissen, als er jedem etwas zu trinken eingeschüttet hatte. Sein Hexer-Freund legte im Hintergrund just seine Rüstungsteile beiseite und streckte sich einmal kurz, knackte mit dem Nacken.

“Naja…”, fing Anna auf die Frage hin langsam an “Abgesehen von der Hitze ist es ganz gut hier.”

“Und wenn man nicht an die Erscheinungen denkt, die einen töten wollen, wenn man die Stadt verlässt.”, setzte Hjaldrist dem noch brummig nach. Der Skelliger, der noch immer etwas Sand in den Haaren hatte, fischte nach einem der kleinen Gläser am Tischchen und trank einen Schluck.

“Oh.”, machte Safi nun “Ihr war nachts außerhalb der Mauern?”

“Die Ashbhia wollten sie in die Wüste zerren.”, kommentierte Skorpion und trat endlich näher “Die Wächter haben daraufhin Alarm geschlagen.”

Der Bordellbesitzer kräuselte die Stirn und taxierte die zwei Ausländer kritisch.

“Ihr hattet Glück.”, fand er “Normalerweise geht so etwas sehr selten gut aus.”

“...Da waren Leichen. Und Menschenknochen.”, erinnerte sich Anna in dem Zuge und zog die Brauen zusammen, als sie nachdenklich vor sich hin sah “Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob sie überhaupt echt waren.” 

Dass die Nordländerin Rist’s Leiche dabei gesehen hatte, ließ sie aus. Sie wollte keine Sekunde zu viel an dieses schreckliche, peinigende Bild denken müssen. Safi nickte.

“Sie zeigen einem schlimme Dinge und treiben einen in damit die Verzweiflung.”, erklärte der Mann mit den verdammt feinen Zügen “Sie ergötzen sich am Leid ihrer armen Opfer und zehren an deren Lebenswillen, bis die Gefangenen an gebrochenen Herzen sterben.”

“Jedenfalls erzählen sich das die Leute so.”, ergänzte Skorpion trocken und setzte sich ebenfalls zu der Runde “Im Grunde sind sie nichts anderes, als ruhelose Geister derer, die in der Wüste umgekommen sind. Mitternachtserscheinungen. Ihretwegen sind wir letztens tagsüber angereist und nicht im Dunkel der Nacht. Denn solche Wesen haben es an sich das Gefühl auszustrahlen, dass sie kurz vor ihrem Tod zuletzt erlebten...”

Anna nickte zögerlich, als sie verstand, und warf Rist dabei einen hintergründigen Blick zu. Sie beide hatten damals, zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise, mit solch einem Wesen zu tun gehabt: Lena, dem kleinen Geistermädchen, das nach der vermissten Katze Mimi gesucht hatte. Damals, als die Trankmischerin aus dem Norden gegen dieses tieftraurige, heulende Geschöpf gekämpft hatte, hatte sie sich selbst so gefühlt, als habe man ihr alles genommen, das ihr wichtig war. Der Verlust hatte sich tief in ihre Brust gebohrt, wie tausend kleine Messerchen, und sie wäre unter dieser heftigen, schlimmen Emotion beinahe niedergegangen. Nur hatte Lena ihr keine Trugbilder gezeigt. Das, was da nachts in der Wüste vor der Hauptstadt lauerte, war also viel, viel stärker, als sie.

“Und diese eigenartigen Mönche von früher bekämpfen die Erscheinungen?”, wollte Hjaldrist jetzt wissen.

“Sie vertreiben sie.”, antwortete Skorpion, der soeben einen Schluck Wein getrunken hatte “Die Spektren tauchen immer in zu großer Zahl auf und sie alle ein für alle Mal ins Jenseits zu schicken, ist unmöglich. Viele gute Leute sind bei dem Versuch ums Leben gekommen und selbst wir Hexer taten uns in der Vergangenheit schwer. Daher gibt es die Wächter, die nachts um die Stadt wandern und Ausschau nach den Erscheinungen halten. Sie haben sich Methoden angeeignet jene effektiv zurückzutreiben.”

“Welche Methoden?”, wollte Anna wissen.

“Windmagie und Silberstaub.”, klärte Skorpion schlicht auf “Sie tragen Taschen voll mit letzterem bei sich und besitzen teils große Fächer, um die Magie der Luft gezielt zu kanalisieren und gegen ihre Gegner zu schicken.”

“Silber ist teuer…”, wand Rist ein und runzelte die Stirn.

“Die Wächter unterstehen unserer Herrscherin. Sie walten in ihrem Interesse und daher bezahlt sie die Männer auch.”, lächelte Safi leicht und schenkte dem anwesenden Inselbewohner großzügig Wein nach. Anna gab nach den Schilderungen rund um die Wächter Zerrikanterments und die Geisterwesen der Wüste davor nurmehr einen verblüfften Ton von sich. Ihr war nun vielen klarer. Und gleichzeitig verwunderte es sie immer wieder sehr, welche Eigenarten diese fremde Stadt hier aufwies. Ob sie wohl einmal mit einem der Wächter sprechen könnte? Sehr freundlich waren die beiden von vorhin ja nicht gewesen…

 

Die beiden Abenteurer verbrachten noch eine lange Zeit bei Skorpion und Safi und unterhielten sich unerwartet gut mit den ungleichen Männern. Der süße Wein der Wüstenrose half Anna und Hjaldrist dabei die schlimmen Bilder zu vergessen, die die sogenannten Ashbhia ihnen gezeigt hatten und drängte die Trankmischerin im Bunde dann auch tatsächlich dazu sich bei dem Vatt’ghern aus der Wüste zu entschuldigen. Zwar empfand sie es nach wie vor nicht als gerecht, was jener in Dattelgrund getan hatte, doch sie hatte ihm versprochen damit zu leben und ihn nicht länger zu kritisieren. Und als sie das teure Bordell dann, zusammen mit dem ebenso angeheiterten, vor sich hin summenden Hjaldrist, verließ, um im Morgengrauen zur Taverne zurück zu spazieren, fühlte sie sich richtig beschwingt. Trotz allem.

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