Kapitel 76

Augen, die starr zur Decke sehen

Die Leute Zerrikanterments erzählten sich, dass unter deren Stadt ein widerliches Monstrum hause. An allen Schwarzen Brettern warnte man vor jenem und hatte längst ein hohes Kopfgeld auf dieses Wesen - was auch immer es war - ausgestellt. Und wer wären die allzeit bereite Anna und der wackere Hjaldrist denn gewesen, hätte die Neugierde sie dahingehend nicht gepackt? Natürlich hatten die beiden Abenteurer einen der Auftragszettel an sich genommen, zwei Abende darüber gebrütet, und nun waren sie auf dem Weg in die Kanalisation der Wüstenstadt. In vollen Monturen und bis an die Zähne bewaffnet waren sie das. Anna hatte aus ihren alchemistischen Überresten gar noch ein paar Kartätschen gebaut und auch Rist zwei, drei davon zugesteckt. Gut vorbereitet und mit kleinen Fläschchen voller Waffenöle in den Taschen, spazierten die selbstbewussten Monsterjäger nun in die stinkenden Tiefen Zerrikanterments. Recht lange hatten sie nach einem Eingang zu jenen gesucht und sie schließlich abgelegen und unter einer Falltür der Unterstadt gefunden.

“Urgh…”, machte Anna, als sie die alte Öllampe hochhielt, die sie mitgebracht hatte. Es war hier unten duster und ohne Licht hätte man große Probleme mit dem Sehen gehabt. Hjaldrist hielt sich dicht neben seiner Freundin und hatte die Axt in der Rechten.

“Mhm.”, machte er wenig begeistert, um der angeekelten Nordländerin zuzustimmen. Wie in jeder Kanalisation stank es hier unten nämlich fürchterlich. Dass die Ausländer gerade knöchelhoch im bräunlichen Wasser standen, machte dies nicht gerade besser. Eine tote, halb gefressene Ratte tümpelte unweit vor sich hin und Anna wollte nicht darüber nachdenken, was man hier unten und neben einem berüchtigten Monster noch so auffinden könnte.

“Ich war ja noch nie in einer Kanalisation unterwegs…”, brummte Rist vor sich hin, als auch er seine Lampe höher hob und den unterirdischen Gang entlang stierte. Jener war knapp drei Meter breit und genauso hoch. Und es war beeindruckend, dass sich hier, unter der belebten Stadt solch ein gigantisches Wirrwarr aus steinernen Tunneln befand. Wenn man oben umher flanierte, dachte man gar nicht daran.

“Ich auch nicht.”, gab Anna ihrem Freund ehrlich zurück “Aber genauso, wie DAS hier, habe ich mir das Ganze vorgestellt. Komm...”

Und mit diesen Worten setzte sie sich zielstrebig in Bewegung, um den Tunnelgang entlang zu gehen. Vorsichtig setzte sie dabei einen Fuß vor den anderen, um nicht noch irgendwo rein zu treten, zu stolpern oder plötzlich eine Senke vor sich zu haben. Bei den düsteren Verhältnissen hier sah man schlussendlich wirklich wenig und nur von den Ritzen der gelegentlichen Falltüren über den Köpfen fiel etwas Sonnenlicht herein. Vermutlich brauchte man diese Öffnungen, um die unterirdischen Tunnel warten zu können. Sicherlich tummelten sich hier auch oft genug Kriminelle oder dergleichen. Das Labyrinth unter Zerrikanterment bot sich für so etwas doch richtig an und sicherlich fürchteten sich verruchte Banditen nicht vor Geschichten eines Monstrums, das in der Kanalisation hauste und Menschen bei lebendigem Leibe fraß. Was auch immer dieses Biest auch war. Es gab genug Viecher, die sich gern in feuchten, dunklen Höhlen aufhielten: Riesenspinnen, Zeugl, gewisse Drakoniden, noch unbekannte Wüstenbestien… man musste gerade wahrlich auf einiges gefasst sein. Und aus diesem Grund hatten die dahinwatenden Abenteurer gerade auch verschiedenste Öle und Waffen dabei.

“Was meinst du, was es ist?”, fragte Rist irgendwann von hinten, nachdem sie eine Weile durch die unterirdischen Gänge spaziert waren und das mit gespitzten Ohren. Mehr als gelegentliches Plätschern, Tropfen oder weit entfernte Stimmen von oben hatte man bisher aber selten gehört. Ein paar Ratten, die an irgendeinem aufgequollenen Kadaver oder einer Leiche genagt hatten, huschten piepsend auseinander und stoben davon. Anna beachtete sie nicht und versuchte sich nicht nach dem aufgequollenen, stinkenden Fleischhaufen umzusehen.

“Hmm…”, machte sie und wiegte den Kopf abschätzend “Weiß nicht. Die Städter erzählten von etwas Großem. Wobei der Begriff ja relativ ist, wenn man ängstliche Ahnungslose vor sich hat. Velen’s Bauern halten ja auch Ertrunkene für Riesen.”

“Wohl wahr.”, brummte der Skelliger belustigt “Dann drehen wir es mal anders hin: Was hoffst du, was es ist?”

Die überfragte Schwertkämpferin lachte leise und gab dann einen nachdenklichen Laut von sich. Sie riss den Blick nicht von ihrem Weg fort, während sie mit Hjaldrist sprach.

“Ein Märchen.”, sagte sie gleich “Oder nein… daran verdient mal kein Geld…”

Sie sah, wie der Krieger neben ihr schmunzeln musste.

“Ich hoffe jedenfalls, dass es KEIN Zeugl ist. Diese Viecher stinken erbärmlich.”, erklärte sie “Ich hatte früher einmal mit einem recht kleinen Exemplar davon zu tun. In Kaedwen. Und konnte mich im Kampf kaum konzentrieren, weil es so abartig gerochen hat.”

Nun war es der Undviker, der lachte.

“Wonach?”, wollte er wissen.

“Nach… faulen Eiern und Verwesung?”, seufzte die Novigraderin wehleidig, als sie an früher dachte “Es ist schwer zu beschreiben. Ich bekam den Gestank zwei Wochen lang nicht aus meinen Klamotten raus.”

“Oh Mann.”, kommentierte Rist dies nurmehr und konnte mit dem blöden Grinsen nicht aufhören. Bestimmt stellte er es sich gerade vor, wie Anna damals gegen das Monster gekämpft hatte und sich dabei beherrschen musste, um sich nicht vor Ekel zu übergeben. So ähnlich war es auch tatsächlich gewesen, zugegeben.

“Aber naja. Das Ding hat mir gutes Geld eingebracht.”, sie zuckte die Achseln “Was mitunter daran lag, dass ich die Dorfbewohner beschissen habe… aber egal. Ich erklärte ihnen nämlich, dass so ein Zeugl unheimlich giftig und tödlich sei. Sie nahmen mir das einfach ab und das nur, weil ich ein Hexeramulett habe.”

“Kluger Zug.”, fand der schelmische Axtkämpfer und seine Öllampe aus der Taverne, in der sie sich eingemietet hatten, quietschte bei jeder Bewegung leise. Das Ding rostete und es war nur eine Frage der Zeit bis sein Henkel abfiele.

“Mh. Man muss eben sehen, wo man bleibt, wenn man auf den Straßen daheim ist.”, entgegnete die Kurzhaarige noch “Aber wem erzähle ich das denn…”

Dann schwiegen die zwei Abenteurer wieder eine Weile, während sie durch die weitläufige Kanalisation Zerrikanterments wanderten. Stellenweise stand der Dreck hier gar so hoch, dass er einem bis zur Wade reichte und man versuchen musste ihn irgendwie zu umgehen, indem man sich an die feuchte Tunnelwand drückte und sich daran entlang schob. Hier und da wuchsen gar kleine Pilze, die in der Düsternis in einem fahlen Blau schimmerten und solch einen ätzenden Geruch verströmten, dass man sich das Halstuch vor Mund und Nase ziehen musste. Anna, die sich gerade an solchen büschelweisen Wucherungen vorbei bewegte, hielt kurz inne und überlegte, ob sie welche der ihr neuen Gewächse mitnehmen sollte. Doch sie entschied sich dagegen, denn sie hatte keine sonderliche Lust darauf die Stinkpilze, die einem das Wasser in die Augen trieben, in der Tasche mit sich herumzutragen. Zudem hätte sie dafür sicher einen harten, strafenden Klaps und einen bösen Blick seitens Hjaldrist kassiert. Also ging sie weiter, ohne Pilze zu sammeln, und schlug bald den Weg in einen rechts auslaufenden Seitentunnel ein, der ein wenig breiter erschien, als der Hauptgang.

“Uff…”, machte die burschikose Frau dabei hinter ihrem grünen Halstuch “Riechst du das?”

“Diese Pilze sind elend…”, stöhnte Rist zur Antwort und deutete in den Gang “Und da vorn sind noch mehr davon. Sieh doch mal.”

Aus dem Tunnel kam tatsächlich ein unverkennbar bläuliches Leuchten der besagten Gewächse. Und der Gestank wurde auch immer fürchterlicher, da der halbe Grund von den kleinen Pilzen bedeckt war.

“Ich will mir das mal ansehen…”, murmelte die interessierte Novigraderin und versuchte durch den Mund und nicht durch die Nase zu atmen. Sie ging weiter und direkt auf das blaue Schimmern zu. Rist folgte ihr mit gerümpfter Nase und keuchte leise, als der leichte, schwüle Luftzug des Ganges ihnen den scharfen, modrigen Geruch entgegen drängte. Es war abartig und erinnerte entfernt an Katzenpisse.

“Ich frage mich, warum hier so viele davon wachsen.”, meinte Anna leise und kam bei den lumineszierenden Pflanzen zum Stehen. Leicht beugte sie sich vor, um die Pilze mit den runden Kappen genauer betrachten zu können. Doch sie fasste jene nicht an. Sicher war sicher. Die Frau mit der Fuchssträhne war zwar in einem gewissen Maß giftresistent, doch das hieß nicht, dass sie gegen alle Toxine immun war. Leicht verengte sie die braunen Augen, als sie den Boden taxierte, auf dem die stinkenden Gebilde gediehen. Forschend betrachtete sie den Nährgrund der schwammigen Pflanzen und hob in einer plötzlichen Erkenntnis die Brauen.

“Das”, fing Rist an und sprach dabei die Gedanken seiner besten Freundin aus “Sieht aus, wie Scheiße.”

“... und nicht wie die, die die Serrikanier hier runterkippen.”, fügte die wissende Kriegerin noch bei und richtete sich langsam wieder auf. Sie runzelte die Stirn und konnte nichts dagegen tun, dass drängende Nervosität nach ihr haschte. Der Skelliger wollte gerade noch etwas sagen und Anna sah sich nach ihm um, da geriet irgendetwas weiter vorn, im Dunkeln, in Bewegung. Ein Schatten, so hoch, wie ein großes Pferd und doppelt so lang, sprang in den blauen Schein der Höhlenpilze und ein grollendes, schnarrendes Krähen begleitete dies. Anna fuhr erschrocken herum und strauchelte instinktiv zurück, als das Monster nach ihr schlug. Es ging alles so schnell, dass sie kaum verstand, was passierte. Hjaldrist rief nach ihr und der schuppige, lange Schweif des Ungetüms folgte, peitschte nach der überrumpelten Frau. Es dauerte keinen Atemzug mehr, bis die Hexerstochter ihr Bastardschwert in der Hand hatte und zur Seite auswich. Sie fluchte laut.

“Scheiße!”, blaffte sie.

“Was zum Geier?”, bellte Rist zurecht und ließ seine scheppernde Öllampe achtlos fallen. Er stand an der gegenüberliegenden Seite des Ganges und zwischen ihm und der erbleichenden Nordländerin bäumte sich ein zorniges Biest auf. Sie weitete die Augen, als sie erkannte, worum es sich handelte.

“Ein Basilisk!”, stöhnte die Kurzhaarige überfordert. Wie hatten sie jenen nicht bemerken können? Hatte er ihnen etwa aufgelauert? Oh, das hier war schlecht. Richtig, richtig schlecht!

Wieder krähte das Monster wütend und fuhr herum, ging nun auf Hjaldrist los und hob mit dem spitzen, vogelähnlichen Schnabel nach jenem. Geistesgegenwärtig schlug der Jarlssohn mit der Axt dagegen und schaffte es den todbringenden Schnabel mit Erlklamm’s Breitseite fortzuschlagen. Knurrend stellte das Wesen seinen häutigen Scheitelkamm auf.

“Geh weg, Rist!”, schrie Anna gescheucht “Geh da vorne weg!”

“Was?”, maulte der Angesprochene irritiert zurück und bemerkte einen Augenblick später schon, was seine Gefährtin meinte. Denn der Basilisk blähte die froschartigen Wangen und spie ihm ätzenden Speichel entgegen, der die hohe Tunnelwand stinkend bespritzte. Um eine Haaresbreite verfehlte das grausige Ungetüm mit dem Echsenkörper und den verkrüppelten Schwingen den Schönling, der gescheucht davonstob, um in Anna’s Richtung zu kommen. Dabei trat das Monster mit dem Hinterbein nach dem kleineren Menschen und bugsierte ihn damit barsch fort.

“Rist!”, keuchte die anwesende Novigraderin und sah, dass der Dunkelhaarige in den Matsch gestürzt war. Doch sie konnte ihm gerade nicht hochhelfen. Sie müsste kämpfen und sich ganz schnell etwas sehr Gutes einfallen lassen. Denn, ja, sie und ihr treuer Freund hatten zwar einmal gegen einen Gallilisken gekämpft. Doch solch ein verfluchtes Wesen war etwas ganz anderes, als ein wahrhaftiger Basilisk. Beide sahen sich womöglich ähnlich, doch ein letzterer war um einiges gefährlicher. Denn er war hochgiftig. Sein Speichel tötete binnen Sekunden und sein Atem war ebenso verheerend: Er paralysierte und lähmte alle Muskeln. Auch die, die man zum Atmen brauchte oder diejenigen, die das Herz in der Brust schlagen ließen. Kurzum: Wurde man von jedwelcher Giftattacke eines Basilisken getroffen, sah es sehr schlecht aus. Anna hatte noch von niemandem gehört, der solch eine überlebt hatte. Als Hexer hatte man dahingehend vielleicht ganz kleine Chancen, aber nicht als Normalsterblicher.

“Er ist hochgiftig!”, blaffte sie noch und hoffte, dass Rist hörte. Dann schlug der Schwanz des Monstrums auch schon auf die Frau ein. Sie riss das Schwert schützend hoch und die scharfe Klinge grub sich dabei in die grünlich glänzende Schuppenhaut. Der Basilisk jaulte erbärmlich auf, doch wurde nur noch rasender. Er trampelte, warf den Kopf herum und schnappte nach der Kurzhaarigen, die nicht einmal dazu ansetzte den riesigen Schnabel des Wesens abwehren zu wollen. Sie rannte einfach nur eilig beiseite, um an die Flanke des Drakoniden zu kommen und die Gefahr, von dessen Atem oder Geifer getroffen zu werden, damit so weit zu minimieren, als möglich. Auch der nun dreckbeschmierte Hjaldrist stand wieder und kam hastig zu Anna. Während sie dem Basilisken in das Bein stechen wollte, um jenen in der Bewegung einzuschränken, hob der Inselbewohner Erlklamm in den peitschenden Schweif des Biestes. Er schaffte es gar dessen Spitze abzutrennen und das nach Kloake stinkende Monster dazu zu bringen markerschütternd und schmerzvoll zu krähen. Es stieg, riss das Haupt wild herum und pickte nach den Kleineren. Es geiferte, gurgelte böse und keifte. Und die Abenteurer hatten alle Mühe damit den flinken Attacken zu entkommen. Anna warf dem Vieh ihre flammende Öllampe entgegen und lenkte es damit nur flüchtig ab. Hjaldrist zündete eine Kartätsche und wollte sie dem Kopf des Basilisken entgegenwerfen, doch das schnelle Monstrum zog sich zurück und wich dem feurigen Knall damit aus. Es schnatterte verärgert und schnappte feindselig nach den gräulichen Rauchschwaden, die mit dem warmen Luftzug des Tunnels verweht wurden. Dann setzte es wieder vor, um auf Anna loszustürzen. Und oh, wie sehr jene es sich wünschte einfach nur etwas mehr Zeit zu haben, um Waffenöle auf ihr Schwert auftragen zu können! Doch daraus wurde leider nichts und als der Basilisk nach ihr spuckte, blieb ihr nichts Anderes übrig, als sich schreiend fortzuducken.

“Anna!”, konnte sie ihren Freund durch das Kampfgetümmel brüllen hören “Lenke ihn ab! Ich werfe noch ne Bombe!”

Und dies passierte dann auch. Jedoch mit weniger Wirkung, als erhofft. Der getroffene Basilisk schimpfte und kreischte zwar, doch eine billige Kartätsche streckte ihn noch lange nicht nieder. Mit verkohlter Seite griff er also abermals an und dieses Mal noch zorniger, als alle Male davor. Anna sah, wie das massige Biest auf sie zu kam und wollte reagieren, doch war zu langsam. Es war eine Sache von Sekundenbruchteilen und sie war einfach nicht schnell genug. Eine der sehnigen Vorderpranken des Monsters schlug auf sie nieder und warf sie um. Erschrocken schrie die Frau auf, doch ließ ihr Schwert nicht los. Als sie rücklings Bekanntschaft mit dem harten Kanalboden machte und sich dabei den Hinterkopf anschlug, presste es ihr die Luft aus den Lungen und für wenige Wimpernschläge lange wusste sie nicht, wo sie war. Benommen blinzelte sie und spürte das Gewicht der großen Vorderpfote auf sich, die sie nieder zwängte und sie eisern im Dreck fixierte. Das Biest presste sie zwischen Unrat und stinkenden Pilzen gen Grund und ehe Anna dies überhaupt so recht verstand, explodierte in ihrem Augenwinkel eine gleißende Bombe. Wieder krähte der Basilisk wütend und wich gescheucht ab. Er wendete den schrecklichen Kopf herum und atmete tief ein. In dem Moment sah die atemlose Novigraderin Hjaldrist. Wie er die Axt grantig hob und das Untier maulend von seiner Freundin weglocken wollte. Warnend rief sie seinen Namen, denn gerade, da unterschätzte er die Situation gewaltig. Doch wieder war sie zu spät. Als sich die schwitzende Kriegerin am morastigen Grund aufrichtete und auf die wackeligen Beine kam, spie der Basilisk dem unvorsichtigen Undviker seinen ätzenden Geifer entgegen. Der Skelliger wankte zur Seite, doch er tat zu wenige Schritte, um unversehrt zu bleiben. Anna weitete die Augen entsetzt und glaubte, ihr bliebe das arme Herz stehen. Sie schaffte es vor Empörung nicht einmal den Namen ihres getroffenen Gefährten zu schreien. Und sie stand da, wie versteinert, als der toxische Hauch des Basilisken den Undviker streifte. Der Mann ging noch ein, zwei Schritte. Dann hielt er auf einmal völlig desorientiert an. Er sah aus, als sei er plötzlich ganz weit fort, blinzelte überwältigt und fing an nach Atem zu ringen. Dieser Moment wirkte, als wolle er niemals enden und als stünde die Zeit plötzlich still. Anna’s große Augen wanderten unstet und der Mund stand ihr in ihrem Unglauben einen Spalt weit offen.

“Nein…”, wisperte sie leise und sah, wie dem taumeligen Undviker dessen geliebte Waffe entglitt. Erst fiel Erlklamm zu Boden, dann ging der Jarlssohn nieder, wie ein nasser Sandsack. Anna fuhr zusammen und hörte ihren besten Freund laut würgen und feucht röcheln. Er rang mit plötzlicher Schnappatmung. Und der Basilisk krähte derweil und kam über den wehrlosen Mann am Boden, um ihn zu zerpicken. In diesem prekären Augenblick ging ein plötzlicher Ruck durch den Körper der Novigraderin und sie stob blind los. Sie schrie das angriffslustige Monster wütend an und schimpfte laut, schlug mit dem Schwert zu und vernachlässigte ihre Deckung dabei völlig. In diesem Moment trieb sie nur das Bild an, das sich ihr noch vor wenigen Sekunden geboten hatte: Hjaldrist, wie er geschlagen zu Boden sackte und damit anfing schwer zu keuchen. Und so stürzte sie einfach auf das hochgefährliche Biest zu, hob mit der langen Waffe danach und beschimpfte diese verdammte Missgeburt aufs Äußerste. Sie schaffte es damit den Basilisken zurückzudrängen, der von dieser plötzlichen, riesigen Rage des Menschen verwirrt erschien. Mit der freien Hand zog Anna ihren Dolch, den sie hinten, im Gürtel, stecken gehabt hatte und hob damit vor, zerschnitt dicke Monsterhaut und kam zwischen ihren Freund und das Ungetüm aus der Kanalisation.

“Verschwinde!”, bellte sie “Na los! Hau ab!”

Doch der wirre Basilisk floh natürlich nicht. Anna warf ihren Dolch ein knappes Stückchen in die Höhe, um ihn an der Klinge wieder zu fangen und ihn dem Biest folgend ohne zu zögern entgegen zu schleudern, denn jede Minute, in der Rist am Grund lag und sich wand, zählte jetzt. Tief grub sich die ellenlange Klinge in die weiche Brust des grünlichen Wesens und es gellte laut. Es mussten die enormen Schmerzen sein, die das Silber in der Wunde des Basilisken verursachte, das ihn dann, nach einem weiteren, aggressiven Aufbäumen, schlussendlich doch zum Rückzug drängte. Und nachdem er sich, mit dem Dolch der abgekämpften Monsterjägerin im Torso, in die Schatten geflüchtet hatte, zögerte die Besagte keinen Herzschlag lange, um sich umzuwenden und zu ihrem gequälten Begleiter zu kommen. Sogleich ging sie vor ihm in die Knie und betrachtete ihn gehetzt. Der Mann hatte rötlichen Schaum vorm Mund stehen und zuckte unkontrolliert. Anna’s Eingeweide verdrehten sich und ihre kratzige Kehle wurde ihr schmerzend eng, als sie das sah.

“Nein…”, keuchte sie, als sie den kollabierenden Undviker so ohnmächtig betrachtete “Oh nein, bitte nicht…”

Aufgebracht fasste sie aus Ermangelung anderer Ideen an ihren Gürtel und öffnete die kleine Tranktasche dort. Sie zog ein Fläschchen daraus hervor: Das mit dem dreckig grünen Gegengift, das ihr Hjaldrist sonst verabreichen sollte, sollte sie einmal ihrer morgendlichen Giftdosen wegen umfallen. Es war ein Absud, der gegen Wolfsbann oder Arenaria stand und nicht gegen die stärksten Gifte, die die Monsterwelt hergab. Doch egal. Gerade war doch alles, das Rist irgendwie retten könnte, recht. Die aufgelöste Frau wollte ihre Glasphiole öffnen, doch ihre kalten Finger waren zu fahrig. Anna zitterte, als sie den kleinen Korken daher mit den Zähnen aus dem Fläschchen zog und nach vorn fasste, um Rist’s Mund mit der freien Hand aufzuzwängen. Er krampfte so sehr, dass seine Freundin es nur mit Mühe und Not schaffte seine Kiefer ein kleines Stückchen weit aufzubekommen. Und als der japsende Undviker die Augen verdrehte, kippte sie ihm den gesamten Inhalt ihres starken Gegengiftes in den Rachen. Rist musste ob dem husten und drohte sich zu verschlucken, doch sie hielt ihm den Mund zu.

“Runter…”, flüsterte sie aufgebracht “Runter damit!”

Ihre Augen waren glasig, als sie dies hervorpresste und die Handfläche auf den Mund des angsteinflößend zuckenden Mannes drückte. Sie biss die Zähne zusammen und unterdrückte ein abruptes Schluchzen. Oh, sie dürfte nicht heulen. Nicht JETZT. Sie beide müssten raus hier. Und Hjaldrist musste überleben. Irgendwie. 

Anna entkam ein verzweifelt-erleichterter Laut, als sie ihren Kumpel bald reflexartig schlucken sah. Die zitternde Hand voller blutigem Schaum und Speichel, nahm sie die Finger wieder von den blassen Lippen des krampfenden Mannes und drehte ihn sofort zur Seite, damit er nicht noch erstickte. Sie starrte ihn darauf ein, zwei tiefe Atemzüge lange einfach nur regungslos an. Was sollte sie nur machen? Sie konnte nichts mehr tun. Sie hatte Angst.

“Rist?”, fragte Anna atemlos und obwohl sie wusste, dass sie keine Antwort bekäme. Denn der Undviker trat just weg. Seine Augen flimmerten abwesend und ratlos beobachtete die Kurzhaarige das. Noch einmal keuchte Hjaldrist. Und dann wurde er plötzlich ganz still. Anna starrte ihn voller Hoffnung an, doch jene war vergebens. Und als ihr zu viel Wasser in den Blick trat, um die Tränen zurückhalten zu können, erreichte sie eine dunkle Befürchtung. Sie traf die Brust der Knienden wie ein eisiger Speer. Anna beugte sich wie mechanisch zum Gesicht Rists hinab und horchte. Doch da war nichts. Er atmete nicht mehr und als die Novigraderin dies realisierte, verfiel sie in Panik. Sie wusste nicht, ob sie heulen oder fluchen sollte, als sie ihren Kumpan wieder auf den Rücken drehte. Sie funktionierte in diesem Moment nurmehr und tat die Hände aufeinander, um sie auf das Brustbein des Skelligers zu legen und sich mit dem ganzen Gewicht dagegen zu drücken. Mit ausgestreckten Armen tat sie das, zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal. So, wie Onkel Vadim es ihr früher einmal gezeigt hatte. Und immer wieder verfluchte sie Hjaldrist dabei und flehte ihn darum an nicht schlapp zu machen. Sie versprach erbärmlich jammernd, dass er ALLES bei ihr gut hätte, wenn er sie nur nicht alleine ließ. Den Skelliger dann am Kinn erfassend und dessen Kopf ein Stück weit in den Nacken zwingend, holte sie zwischen einem Schniefen und einem überforderten Keuchen Luft und beugte sich zu den halb offenstehenden Lippen des Sterbenden, um ihn zu beatmen. Dann begann das grausige Wiederbeleben von vorn und Anna glaubte dabei, sie würde noch wahnsinnig. Als sie zum erneuten, zwanzigsten Mal gegen die Brust des Liegenden drückte, gab unter ihren zittrigen Händen eine der Rippen des Älteren nach und die geschockte Novigraderin musste sich gewaltsam am Riemen reißen, um weiterzumachen. Sie zog die Nase hoch, wisperte eine brüchige Entschuldigung und verzählte sich. Noch einmal drückte sie die Brust des Mannes nieder. Dann beugte sie sich über Hjaldrist, gab ihm wieder Luft. Doch es brachte nichts. Es blieb demnach nurmehr eine letzte Option: Sich selbst im wankenden Geiste gut zuredend holte Anna mit geballten Fingern aus und schlug dem Mann mit voller Kraft auf das untere Brustbein. Und als sie die Hand daraufhin schwer atmend zurückzog, schnappte der Dunkelhaarige endlich, ENDLICH, nach Luft. Anna’s Gesicht entgleiste völlig, als der arme Skelliger einen unverständlichen Laut von sich gab und rötlich spuckte. Doch wirklich zu sich kommen, das tat er nicht. Er blieb ohne Bewusstsein liegen, tat das aber, den Göttern sei Dank, flach und unregelmäßig atmend. Die hin und her gerissene Trankmischerin, die das sah, hielt ihr Schluchzen jetzt zum ersten Mal nicht mehr gezwungen zurück und beugte sich nieder, um das Gesicht heilfroh und weinend an die Schulter des Älteren zu graben.

“Scheiße…”, entkam es ihr immer wieder kaum hörbar, als sie so über dem Mann gebeugt da kniete und sich an seinen Mantel krallte. Lange tat sie das aber nicht. Denn ihr war durchaus bewusst, wo sie beide hier waren und was hier unten lauerte. Anna müsste Rist von hier fortschaffen und das so schnell, als möglich. Denn der Basilisk hatte sich nur zurückgezogen, um sich die Wunden zu lecken.

 

*

 

Hjaldrist kam nicht wieder zu sich. Oder jedenfalls nicht wirklich. Drei Tage nach dem Angriff des Basilisken hatte er die Augen erst wieder aufgeschlagen und die zutiefst besorgte Anna hatte sich darüber gefreut, wie ein kleines Kind. Doch das war es dann auch schon gewesen. Der vergiftete Mann konnte sich seither nicht mehr rühren. Er blinzelte oder seine Augen sahen müde um sich und manchmal schaffte er es sogar die Finger ein klein Wenig zu bewegen. Mehr, als das, ging jedoch nicht. Und jetzt, zwei Wochen nach dem schrecklichen Vorfall in den Kanälen, wusste Anna langsam nicht mehr weiter. Als sie Hjaldrist damals wieder mit an das Tageslicht gebracht hatte, hatte sie das vollends abgekämpft und verzweifelt getan. Sie hatte nicht gewusst wohin, also war sie mit dem regungslosen Undviker am Arm in die Wüstenrose gelaufen. Aufgebracht und mit vom Heulen geröteten Augen war sie in den bunten, geschäftigen Schankraum gekommen. Vollends aufgelöst und wie ein kleines, weinerliches Kind hatte sie dort nach Skorpion gefragt, doch jener war nicht da gewesen. Die leichten Mädchen des Hauses hatten sich an seiner statt gleich mitleidig um die zerfahrene Schwertkämpferin und ihren weggetretenen Freund gekümmert. Man hatte sie nicht fortgescheucht. Und dann, später, hatte der glatzköpfige Mantikor-Hexer Anna dazu eingeladen sein Zimmer im Bordell zu beziehen. Safi, der geduldige Besitzer des freizügigen Etablissements, hatte sich nicht dagegen ausgesprochen und nun wohnte die Frau aus dem Norden im Keller des nobelsten Hurenhauses Zerrikanterments. Dies zusammen mit ihrem Freund, der stets wie ein Toter auf der weichen Matratze in der Ecke lag. Anna, die das Haus nur selten verließ, kümmerte sich also seit zwei Wochen ununterbrochen um ihn und war es ihr am Anfang so unglaublich schräg erschienen, so war es heute kaum mehr unangenehm, wenn sie ihn waschen musste. Es war zum nicht länger peinlichen Alltag geworden. Und das Waschen war auch nur ein kleiner Part von allem. Die ratlose Hexerstochter sorgte dafür, dass der apathische Rist genug trank und zermatschte ihm regelmäßig Essen, weil er nicht kauen, sondern nur schlucken, konnte. Sie machte ihm das Bett jeden zweiten Tag, damit er sich wohl fühlte, und trug ihn zum Abort, wo sie gewisse Aufgaben ebenso für ihn übernehmen musste. In den ersten Tagen hatte sich dies angefühlt, wie ein schlechter Traum. Als sei alles nicht real und als wache die gepeinigte Anna bald wieder auf. Doch das tat sie nicht. Die vernichtende Misere war echt und der Skelliger, der in ihrem Rücken auf der niedrigen Matratze lag, tatsächlich vollends gelähmt. Er konnte nicht einmal mehr sprechen und nur mit einer riesengroßen Anstrengung etwas von sich geben, das sich wie ein verunglücktes Flüstern anhörte. Es brach der sonst so starken und sturen Kurzhaarigen allmählich das Herz. Und sie verzweifelte von Stunde zu Stunde mehr. Denn es zeigte sich seit mehr als einer Woche keinerlei Besserung und sie dachte darum viel nach. Tagein tagaus grübelte und überdachte Anna. Die Monsterjägerin fragte sich in den schlimmeren Stunden, wie sie bloß weitermachen sollte. Ob sie und Rist jemals wieder zusammen loslaufen und Spaß haben könnten; so, wie früher. Ob er irgendwann wenigstens wieder reden könnte, anstatt bloß still vor sich hin zu sehen, wenn er wach war. Anna wusste es nicht. Sie hatte keine Ahnung. Und diese stichelnde Tatsache, diese unsagbare Unsicherheit und die klammernde Angst, trieben sie immer weiter in die Enge. Doch sie würde nicht gehen. Niemals im Leben hätte sie Hjaldrist allein gelassen. Nicht nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten. Er war ihr allerbester Freund, ihr Seelenbruder, und sie liebte ihn dafür. Und vielleicht tat ihr sein Zustand auch deswegen so, so weh. Denn sie war seine engste Vertraute und hatte ihn einfach so in die Fänge eines gefährlichen Basilisken laufen lassen. Oh, Anna hätte es doch viel besser wissen sollen. Sie war in Kaer Morhen aufgewachsen, verdammt. In Kaer Morhen! Warum war sie nur immer so kopflos? Warum hatte sie nicht damit gerechnet, dass in einer Kanalisation ein giftiger Drakonid hauste? Sie war eine verfluchte Närrin. Und wegen ihr war Rist nun… krank. Das womöglich bis ans Ende seiner Tage, wer wusste das schon? Vielleicht wäre es für ihn besser gewesen, sie beide hätten sich niemals getroffen...

Anna’s Blick hing abwesend auf dem unordentlichen Schriftwerk, das vor ihr am antiken Schreibtisch lag. Eine rote Kerze auf der Ablage warf ein warmes Licht auf ihr Gesicht und ihre Hand, in der eine Schreibfeder ruhte. Die stille Trankmischerin hatte eben noch ein paar alte Rezepte übersetzt und sich Notizen zu gewissen Giften gemacht. Theorien über Basiliskentoxine hatte sie nachgelesen. Nur seit einigen Augenblicken starrte sie nurmehr gedankenvoll vor sich hin. Langsam sank ihre Hand mit dem Schreibwerkzeug darin. Dann legte sie es weg und stützte die Stirn schwer durchatmend auf beide Hände. Und so saß sie dann da, konnte sich absolut nicht mehr konzentrieren und zermarterte sich das Hirn dennoch. Ihr Kopf tat weh. Melancholie wollte sie harsch an den Schultern packen und durchbeuteln, doch es widerstrebte Anna ihr nachzugeben und einzuknicken. Sie wollte nicht schon wieder heulen. Das hatte sie in den letzten Tagen viel zu oft getan. Nur unbeschwert leben konnte sie doch auch nicht. Denn sie war just so planlos. Sie wusste nicht, was sie jetzt mit Hjaldrist oder sich selbst anfangen sollte und stand ständig irgendwo am Rande der Resignation. Dabei redete sie sich schon so oft einen frohen Mut ein. Nur ließ jener sie manchmal einfach so im Stich.

Es verging eine halbe Ewigkeit, bis sich die ermattete Novigraderin wieder rührte. Sie ließ die Hände am Gesicht sinken und setzte sich wieder gerader hin. Mehr als Bruche und Hemd trug sie nicht, denn sie würde heute - wie auch so oft - nicht mehr rausgehen. Außerdem war es längst tiefste Nacht. Und obwohl sie schlecht schlief und ob ihrer klammernden Gedanken kaum müde war, müsste sie sich hinlegen. Also stand die Alchemistin auf und atmete noch einmal tief durch. Nach einem ihrer Kräuterbücher am Tisch fischend, sah sie sich nach Hjaldrist um, der, wie immer, auf seiner Matratze lag und aus halb geöffneten Augen vor sich hin starrte. Anna zwang sich zu einem Lächeln und straffte die Schultern, dann ging sie auf den Mann zu. So, wie jede Nacht, setzte sie sich zu ihm und legte sich ihren ledergebundenen Wälzer auf den Schoß, klappte jenen auf.

“...Es ist ein Jammer, dass die Märchenbücher hierzulande alle in Serrikanisch verfasst sind.”, sagte sie ruhig “Ansonsten könnte ich dir viel spannendere Dinge vorlesen, als Magielehre oder Kräuterkunde.”

Ein bedauerndes Seufzen entkam der Nordländerin und sie senkte den Blick kurz zu ihrem Kumpan. Seine braunen Augen sahen abwartend zu ihr auf und sie machte gute Miene zum Trauerspiel. Ob sie Hjaldrist langweilte? Sie hoffte nicht. Schließlich las sie ihm doch immer nur deswegen vor, damit er in seinem Tristen Dasein hier wenigstens irgendeine Unterhaltung hatte. Sie meinte es nur gut.

“Ähm… also…”, die unsichere Alchemistin sah auf ihr Buch zurück “Wir sind gestern bei den Büschelkrautblüten stehen geblieben. Diese Blumen haben rote Blütenblätter, die leicht halluzinogen wirken. Die Scoia’tael stellen daraus so etwas wie Fisstech her. Jedenfalls habe ich das einmal gehört.”

Stille. Anna war es schon gewohnt, dass sie längst keine Antworten mehr bekam. Sie befeuchtete sich den Daumen flüchtig mit der Zunge und blätterte um.

“Büschelkraut wächst am besten auf feuchtem Untergrund, also kann man es oft in Sümpfen finden…”, las sie weiter vor. Und dies tat sie dann, bis sie etwa fünfzehn Seiten später bei den Alraunenwurzeln ankam und bemerkte, dass Rist eingenickt war. Forschend wichen ihre Augen zurück zu ihm, musterten ihn kurz. Dann lächelte sie schwach und atmete tief durch die Nase aus. Es war ein Lächeln, das schwand, als sie zurück auf ihr dickes Kräuterbuch sah und es langsam zuklappte, um es beiseite zu legen. Sie zögerte, ehe sie zu ihrem Freund zurückblickte und eine Hand hob, um sie nach seiner farblosen Wange auszustrecken. Vorsichtig berührte sie jene mit den Fingerspitzen. Der leichenblasse Hjaldrist war eiskalt. Das war er schon seit zwei Wochen und nichts half dagegen. Keine drei Decken, kein warmer Tee, keine aufgeheizten Bettpfannen, nichts. Und dennoch klaubte die bekümmerte Frau nach der wollenen Bettdecke, um, so, wie in jeder Nacht, unter jene zu schlüpfen und zu ihrem schlummernden Freund zu kommen. Im Schein der kleinen Kerze am unweiten Tisch, die in wenigen Stunden niederbrennen würde, zog sie die dicke Decke bis zu den Nasenspitzen hoch und legte den Arm um den ausgekühlten Undviker. Anna drückte Rist leicht an sich, denn vielleicht brachten ihm diese Form von Beistand und die fremde Körperwärme ja etwas. Der bedrückten Anna selbst half es ab und an nämlich sehr bei Hjaldrist zu schlafen. Denn es beruhigte sie zu spüren, wie der Mann vor ihr ruhig atmete. Wie sich sein Brustkorb regelmäßig leicht hob und senkte und sein Atem ihren Nacken dabei streifte. Es beschwichtigte sie, denn es bedeutete, dass er noch lebte.

 

“Anna.”, drang eine Stimme an die Ohren der seicht schlafenden heran und sie zuckte zusammen. Schlaftrunken blinzelte sie und murrte dabei leise vor sich hin. Sie spürte, wie sie jemand sachte an der Schulter berührte und schreckte augenblicklich hoch. Sofort fiel ihr Blick auf Rist, der da bei ihr lag. Doch der schlief und Enttäuschung machte sich ob dem in der Hexerstochter breit. Oh, war sie gerade etwa so dumm gewesen zu glauben, ihr Freund spräche ganz plötzlich wieder mit ihr und berühre sie…?

“Du kannst nicht den ganzen Tag nur herumliegen.”, meinte Safi und Anna sah sich nach ihm um, richtete sich schwerfällig auf. In seinem seidenen, wallenden Gewand war der gutmütige Serrikanier hier, vor der Matratze, in die Hocke gegangen und lächelte geduldig. Es war nicht das erste Mal, dass er nach den Abenteurern sah. Und er hatte recht: In den letzten Tagen lag Anna sehr oft lethargisch herum. Was sollte sie auch sonst machen? Sie konnte nicht ununterbrochen konzentriert lesen, schreiben, heilende Absude für Rist ausprobieren und an Formeln für die Kräuterprobe tüfteln. Da platzte einem doch der Schädel.

“Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht mehr im Schankraum gesehen.”, seufzte der weibische Bordellbesitzer und klemmte sich eine seiner dunklen Haarsträhnen hinter das Ohr “Willst du denn nicht mit hochkommen?”

“Mh…”, entkam es der Kriegerin, die sich etwas bequemer hinsetzte und sich seufzend durch das kurze Haar fuhr. Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern.

“Ich denke, ich bleibe hier.”, sagte sie dann abwehrend und Safi runzelte die Stirn. Er erhob sich wieder und strich sich den vorne offenen Mantel beiläufig glatt.

“Mädchen, du kannst dich doch nicht hier verkriechen. Das tut dir nicht gut.”, fand der Zuhälter gutmütig “Man sieht dich immer nur dann, wenn du rauf musst, um etwas zu Essen zu kaufen. Oder wenn du Wasser holst. Ist dir mein Etablissement etwa unangenehm?”

“Nein. Ich... lasse Rist nur ungern alleine.”, wehrte sich die unwohl berührte Nordländerin. Sie verstand, was ihr Gegenüber meinte, doch ihr schlechtes Gewissen und die Sorge um den besten Freund verboten es ihr einfach für ein paar Stunden zu gehen, um sich zu amüsieren, und den armen Hjaldrist einfach einsam hier liegen zu lassen.

“Deine Loyalität in allen Ehren, Anna. Aber wenn du dich einfach nur zu sehr sorgst, dann kann sich auch Bahar etwas um Hjaldrist kümmern.”, wand Safi ein und meinte es nur gut. Bahar war der, der jeden zweiten Abend hinter der Theke der großen Schänke stand. Tagsüber sah man ihn oftmals putzen oder aufräumen. Man konnte meinen, er sei die gute Seele der Wüstenrose. Und dabei war er auch noch recht hübsch. So, wie fast alle hier. Schlussendlich stellte Safi, seinen eigenen Worten zufolge, nur ‘Juwelen’ ein. Als Besitzer des gehobenen Hurenhauses des reichen Viertels der Stadt konnte er sich dies leisten.

Anna seufzte leise und wich dem Blick des stehenden Mannes aus, als sie sich dabei erwischte über seinen Vorschlag nachzudenken. Vielleicht sollte sie wirklich einmal nur für eine kurze Zeit nach oben oder an die frische Luft gehen. Das ausnahmsweise nicht, um ‘mal schnell einzukaufen’, sondern einfach der Kurzweil wegen. Und um den Kopf freizubekommen. Denn hier, im fensterlosen Kellerraum, war das nicht so leicht. Erst recht nicht, wenn man mit ansehen musste, wie der beste Kumpel wie eine lebende Leiche vor sich hinsiechte. Die Frau zupfte sich den Ausschnitt nachdenklich zurecht und zog die Brauen zusammen. Wie immer, wenn sie im Bett herumlungerte, war sie nur leicht bekleidet. Doch dies brachte Safi nicht aus dem Konzept. Entweder stand er auf Männer, was Anna stark annahm, oder er war der vielen leichten Mädchen um sich herum wegen abgestumpft. Dennoch zog die betretene Braunhaarige die wollene Bettdecke etwas weiter über sich. Sie zeigte nicht gern viel Haut und die einzigen, neugierigen Augen dahingehend, erlaubte sie Hjaldrist. Schlussendlich hatte der sie doch schon oft genug nackt gesehen. Und das auch noch aus mehreren Winkeln, wenn man an frühere ‘abenteuerliche’ Nächte in kleinen Tavernenzimmern oder kalten Zelten dachte. Leider gehörten diese seit Vizima aber der Vergangenheit an. Rist war seither eigenartig abweisend geworden und Anna fragte sich längst nicht mehr warum. Die Novigraderin glaubte nämlich verstanden zu haben, weswegen ihr Begleiter nicht mehr zu Versuchen ansetzte ihr unter das Hemd zu fassen. Warum er sich nicht mehr einfach so, zum Spaß, küssen ließ und lieber allein und mit dem Rücken zu Anna schlief. Ja, sie wusste Bescheid, war schließlich nicht ganz so dumm. Doch sie schwieg das bedrückende Thema lieber tot, anstatt es anzusprechen.

“Ich habe heute Geburtstag.”, erklärte Safi schließlich und gab damit zu verstehen, warum er hier gerade so viel Nachdruck wirken ließ “Und ich würde mich freuen, wenn du dich nachher zu uns gesellst. Skorpion kommt auch und wir wollen zusammen anstoßen. Also überlege es dir, hm?”

Der Schönling nickte Anna noch einmal freundlich zu und wendete sich dann ab, um zu gehen. Schweigend sah sie ihm nach.

 

Tatsächlich fasste sich Anna dann, gegen späten Nachmittag, ein Herz und schlüpfte in Hose und Jacke, um nach oben zu gehen. Hjaldrist war in der Zwischenzeit einmal kurz wach gewesen und hatte sich dazu breitklopfen lassen etwas Getreidebrei mit Dattelstücken und Honig zu ‘essen’, doch nun schlief er schon wieder. Das tat er viel, seit er bettlägerig war. Das Gift in seinem Körper schien ihn nicht nur zu lähmen, sondern auch immens müde zu machen. Das war… vermutlich gut. So bekam er nicht so viel von den zähen Stunden mit, in denen er nichts Anderes tun konnte, als regungslos an die Decke zu starren. Bestimmt dachte er dabei auch viel zu viel nach. Und er musste eine enorme Angst davor haben nie wieder gehen zu können. Seine beste Freundin konnte es sich gar nicht ausmalen, wie es sein musste, in Rist’s Haut zu stecken. Wahrscheinlich hätte sie in seinem Fall irgendwie verständlich gemacht, dass man sie töten sollte. Denn so, wie er hätte sie keinen Tag leben wollen. Eher wäre sie gestorben, so hart dies auch klang.

Die Frau lenkte den Blick nachdenklich gen Skelliger. Und im Geiste nahm sie es sich vor nicht allzu lange fort zu bleiben. Auch, wenn Rist schlief, war sie lieber bei ihm, als sonst wo. Denn wer wusste schon, ob er sie bräuchte oder sich sein Zustand wieder verschlechterte? Nicht umsonst ruhte die Kurzhaarige nachts stets nah bei ihm. So bekäme sie es nämlich sofort mit, wenn irgendetwas passierte. Die Angst davor ließ sie selten tief einnicken und daher wachte sie stets auf, wenn sie auch nur das kleinste Geräusch vernahm. Die Alchemistin fühlte sich innerlich unruhig und so, als säße sie permanent auf heißen Kohlen. Und obwohl sie oft lange döste oder herumlag, fühlte sie sich in letzter Zeit abgeschlagen und matt.

“Ich bin bald wieder da…”, murmelte Anna leise, als sie den schlummernden Mann auf der weichen Matte im Zimmer betrachtete. Dann atmete sie einmal durch und verließ das Zimmer auf leisen Sohlen, um nach oben, in den Schankraum zu gehen.

Dort war das Fest schon im vollen Gange. Denn wenn Serrikanier neben dem Herstellen von Süßkram und dem Züchten von tierisch scharfen Pfefferonen noch etwas konnten, dann lange feiern. Und heute hatte auch noch der verehrte Hausherr Geburtstag. Bestimmt würde es hier, im Bordell, noch bis morgen Früh richtig lustig zugehen. Es war ein eigenartiges Bild in den weitläufigen, farbenfroh geschmückten Schankraum zu kommen und alle Angestellten, die sonst immer halbnackt umher stolzierten, in ihrer gewöhnlichen Kleidung zu sehen. Zwar war jene teils auch recht freizügig, da die Charaktere der Frauen und Männer hier sehr, nun ja, ‘offen’ waren, und dennoch sah man, dass sie heute die Gäste der Wüstenrose darstellten. Die dreißig Kurtisanen und ihre männlichen Kollegen saßen auf den schönen, bunten Kissen, die man anstelle von Stühlen vorfand. Sie unterhielten sich angeregt, stießen an und lachten. Ein engagierter Musiker trällerte fröhliche Lieder und manche tanzten zu seinem spaßigen Gesang. 

Sich aus großen Augen umsehend, entdeckte Anna Safi bald und näherte sich ihm. Er saß mit zwei Frauen, Skorpion und einem weiteren Mann beisammen und plauderte froh mit ihnen. Die unsichere Novigraderin kam bei ihnen zum Stehen und sah, wie ihr der anwesende Hexer grüßend zunickte. Auch Safi blickte auf und lächelte, als er Anna erkannte.

“Heute arbeitet hier niemand?”, bemerkte sie und der Bordellbesitzer lachte leise.

“Nein. Zu meinem Geburtstag ist das Haus immer geschlossen, damit all meine Mädchen und Jungs mit mir feiern können.”, erklärte der Schwarzhaarige und deutete auf das rot-grün-gelbe Sitzkissen neben sich “Setz dich.”

Dankend nickte die Alchemistin aus Kaer Morhen. Sie war nicht gut im Umgang mit Leuten, fand selten schnell Anschluss und freute sich daher darüber gleich so gastfreundlich eingebunden zu werden. Anna selbst hätte sich dabei schwer getan aktiv einen Sitzplatz zu suchen, um sich folgend locker mit irgendwelchen Personen zu unterhalten. Triviale Gespräche mit Fremden fand sie schwierig.

“Langsam verstehe ich, warum deine Leute so aussehen, als arbeiteten sie gern für dich, Safi.”, lächelte die Frau schief und sah dann einmal in die Runde. Die beiden Kurtisanen am Tisch kannte sie vom Sehen. Die eine trug einen orangen Kaftan und hatte dunkle, lange Haare. Die andere hatte kurzes Haar und einen Ausschnitt, der bis zu ihrem Bauchnabel reichte. Sie präsentierte sich wohl gern, war auch stark tätowiert. Den Mann neben Skorpion kannte Anna aber nicht. Wie der Hexer hatte er eine Glatze und sehr harte Züge. Doch er lächelte sympathisch. 

“Ich bin Amir.”, stellte sich der freundliche Mann vor, als er Anna’s musternden Blick bemerkte. Sie blinzelte ertappt und musste sich räuspern.

“Äh. Anna.”, gab sie zurück “Freut mich.”

“Amir ist ein alter Bekannter.”, erklärte Safi nett “Wir besuchten früher einmal zusammen die Akademie.”

“Es gibt hier eine Akademie?”, hakte die Nordländerin gleich interessiert nach und die Männer nickten.

“Ja, doch Außenstehende haben keinen Zutritt. Student zu werden ist recht kostspielig, daher achten die Wachen sehr darauf, dass tatsächlich nur akademische Mitglieder das Haus betreten.”

“Verstehe… ist wohl so, wie in Aretusa.”, murmelte Anna und ein kleiner Funke Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit. Gerne hätte sie sich die örtliche Universität einmal genau angesehen. Bestimmt gab es dort, in der Bücherei, viele Niederschriften über die Trankmischerei, Kräuterkunde oder Ungeheuer der Wüste.

“Ihr kommt aus dem Norden?”, fragte Amir gleich nach, um ein Gespräch mit Anna in Gang zu setzen und sie nickte. Safi zog eine gläserne Karaffe an sich heran und schenkte der neu hinzu gestoßenen Kriegerin großzügig vom gewürzten serrikanischen Wein ein.

“Ja.”, nickte die Alchemistin derweil “Aus Novigrad bin ich.”

“Ah. Ich habe Händler-Kontakte dort.”, kommentierte der Glatzköpfige angetan “Novigrad ist eine wirklich schöne Stadt!”

“Naja…”, lächelte Anna unschlüssig “Zurzeit eher nicht.”

Auf dies hin musste sie Amir erst erklären, dass die Ewige Flamme in Novigrad stark präsent war und sogenannte Anderlinge, Magier und deren Freunde hingerichtet wurden. Sie erzählte von ihrem längeren Aufenthalt und all den Schwierigkeiten dort, vom lustigen Wanderzirkus und, als Safi wissbegierig nachhakte, von der Passiflora. Letzteres war schließlich das größte und nobelste Hurenhaus der großen Handelsstadt im Norden. Die Leute der Runde am Tisch sprachen über dies und das, lachten zusammen und unterhielten sich gut. Und dann, irgendwann, kamen sie auf das Monsterjagen zurück. Anna war schon etwas angeheitert, als der schmale Zuhälter der Wüstenrose aus dem Nähkästchen plauderte:

“Skorpion half mir einst mit einem übernatürlichen Wesen.”, erzählte Safi geheimnisvoll und schenkte dem besagten Katzenauge ein anerkennendes Nicken. Die kurzhaarige Nordländerin horchte gespannt auf. Sie hatte schon immer wissen wollen, was die zwei ungleichen Freunde verband, doch immer darauf vergessen dahingehend nachzuhaken.

“Früher, da hatte ich einmal an die ausgeschmückten Märchen rund um die Dschinns geglaubt. Als Normalsterblicher, der mit dem Monsterjagen nichts zu tun hat, stellt man sich diese Wesen als gönnerhafte, gute Geister vor. Schon im Kindesalter hört man die Geschichten über die großen Entitäten, die einem drei Wünsche erfüllen.”

“Du bist einem Dschinn begegnet…?”, fragte Anna ungläubig nach und ihr Interesse war geweckt worden. Sie selbst hatte noch nie einen der besagten Luftgenien gesehen. Sie kannte jene nur aus ihren Büchern.

“Die kommen hierzulande häufiger vor.”, warf Skorpion wissend ein, nachdem er einen Schluck von seinem Kahul getrunken hatte. Bedächtig ließ er seinen kleinen Becher mit dem süßen Wüstenschnaps darin zwischen seinen Fingern kreisen. Schon seit geschlagenen zwei Stunden soff er nichts Anderes und war noch immer nicht betrunken. Es war immer wieder erstaunlich, wie viel Alkohol Hexer vertrugen. Sogar Anna musste sich wundern. Sie selbst war längst zu Tee übergegangen, weil sie sich nicht betrinken wollte. Schlussendlich müsste sie sich später noch um Rist kümmern können. 

“Tatsächlich?”, wollte sie wissen, nachdem Skorpion die Häufigkeit von Dschinns in Serrikanien angesprochen hatte.

“Ja. Weit draußen, in der Wüste und in alten Tempeln, findet man sie öfters.”, meinte er geduldig “Doch das Exemplar, mit dem Safi zu tun hatte, war dennoch eines der seltenen Sorte. Denn der Genius war irrsinnig intelligent.”

“Ich reiste damals unter großen Anstrengungen und zusammen mit einer Karawane meines Vaters zu einem der alten Grabmäler der Herrscherinnen. Man erzählte sich, dass man dort einen Dschinn eingeschlossen habe, der einem drei Wünsche erfülle. Man müsse ihn nur aus seinem Gefängnis - einer kleinen, goldenen Lampe - befreien und er sei einem wohlgesinnt und dankbar.”, redete Safi weiter “Ich hatte früher alles, musst du wissen. Meine Eltern waren stinkreiche Händler. Ich konnte mir alles leisten. Nun ja… BEINAHE alles.”

Anna hob die Brauen langsam und ahnte bereits, wie die Geschichte enden würde. Doch sie schwieg und lauschte gespannt.

“Ich reiste zu dem Grabmal, weil ich niemals alt werden wollte. Weil ich mich nach jemanden sehnte, den ich nie bekommen könnte, und weil ich mehr Macht haben wollte. Daher wollte ich mit dem Dschinn sprechen.”, sagte Safi ehrlich und die Trankmischerin am Tisch kam nicht umher verblüfft zu starren. Sie taxierte den Sprechenden, der so auffallend jung anmutete. Hatte ihm der Genius seinen ersten Wunsch etwa tatsächlich erfüllt? Was war der Haken gewesen? Bei Wesen, wie Dschinns, gab es doch immer einen. 

Im Hintergrund sang der bärtige Musiker ein Lied über zwei wunderhübsche Frauen aus der Wüste, die den sogenannten Goldenen Drachen begleiteten, wenn er als Mann durch die Lande zog. Und es roch angenehm nach süßlich-harzigem Räucherwerk.

“Wir kamen also bei dem Grab an und betraten die tiefen Katakomben bald. Dort fand ich tatsächlich eine goldene Öllampe. Anders, als alles andere in dem Grab, war sie nicht verwittert, sondern blitzblank. Ich nahm sie mit mir und versteckte sie, während ich in den Büchern der Bibliothek der Akademie nach Wegen suchte, um Dschinns zu befreien.”, meinte der Zuhälter und es störte ihn keineswegs, dass Amir und die beiden Kurtisanen zuhörten. Letztere sahen gar so aus, als kannten sie die Geschichte ihres Arbeitgebers bereits und als langweile jene sie.

“Nach drei Jahren fand ich schließlich einen Weg die kleine Öllampe zu zerstören. Ein Ritual, um den Dschinn aus ihr herauszuziehen.”, erzählte Safi weiter und Anna beugte sich leicht vor, um ihm gespannt zu lauschen. Sie konnte nicht anders, als nachzufragen.

“Wie hast du das geschafft? War die Lampe ein Artefakt?”, wollte sie wissen.

“Ja, so etwas in der Art. Sie wirkte, wie ein Bannzauber. Und jenen löste ich.”, nickte der Schönling “Der Genius kam frei und versprach es mir mir drei Wünsche zu erfüllen. Also bat ich um ewige Schönheit. Ich forderte den Dschinn dazu auf den, den ich heimlich verehrte, zu meinem Mann zu machen. Und ich äußerte den wahnsinnigen Wunsch danach, dass der Genius mir doch zu Diensten bleiben solle.”

“Was…?”, fragte Anna verdattert “Und dann?”

“Alles ging den Bach runter.”, setzte Safi fort “Ich war zwar hübsch, doch nicht unsterblich. Heute bin ich fünfzig Jahre alt und fühle mich auch dementsprechend. Ich sehe zwar jung aus, werde aber genauso, wie alle anderen sterben. Der, den ich liebte, ehelichte mich, doch erwiderte meine Gefühle nicht und wählte bald den Freitod, weil man ihn aus seinem Leben gerissen hatte. Und der Genius… der verfolgte mich jahrelang, wie ein Poltergeist. Er war tatsächlich bei mir geblieben, doch diente mir nicht. Er hatte all meine Wünsche verdreht und sich an meinem Leid ergötzt.”

“Als er mich anheuerte, war er ein gebrochener Mann.”, erwähnte Skorpion jetzt. Sein Tonbecher war leer und die Kurtisane mit den Tätowierungen schüttete ihm reichlich Kahul nach. Sie schenkte ihm dabei schöne Augen, doch der Krieger ignorierte sie.

“Tja… aber dem Goldenen Drachen sei Dank rettete mich mein Freund hier aus meiner Not und sperrte den Dschinn wieder ein.”, lachte Safi leise und hob sein Trinkgefäß auf seinen hochgewachsenen Hexerkumpel.

“Und zwar in eine leere Schnapsflasche.”, ergänzte der Vatt’ghern so trocken, wie eh und je. Anna musste auflachen, doch der Emotionslose verzog keine Miene.

“Du hast den Genius in eine Flasche gesperrt?”, gluckste sie.

“Ja, hier im Haus.”, erklärte Safi und kicherte ebenso “Auf die Schnelle fanden wir kein anderes Gefäß. Es war das reinste Chaos und nach dem Kampf Skorpions gegen das Wesen, musste ich lange renovieren.”

“Und dann?”

“Ich bewahre die Flasche seither sicher auf. Es wäre zu riskant sie einfach aus den Augen zu lassen oder sie zum Herrscherinnengrab zurückzubringen. Das Märchen des Wunscherfüllers des Grabmals ist ein bekanntes und ich will nicht wissen, wie viele Menschen schon dorthin sind, um nach der goldenen Lampe zu suchen. Es ist also besser, ich halte den Dschinn hier unter Verschluss.”, meinte der weibische Zuhälter weiter und Anna nickte verständnisvoll. Doch sie ertappte sich gleichzeitig dabei sich zu fragen, wo die Schnapsflasche mit dem Genius wohl sei. Ja, Asche auf ihr Haupt, doch gerade, und wenn sie verzweifelt an den armen Hjaldrist dachte, erschien ihr der Luftgenius Safis beinahe, wie ein wertvoller Ansprechpartner. Ihre braunen Augen begannen damit zu wandern, als sie daran dachte; An ihren gelähmten besten Freund und auch an ihr angestrebtes Lebensziel eine Hexerin zu werden. Ein wunscherfüllender Dschinn war plötzlich etwas, das der Frau vorkam, wie ein Ausweg aus all ihren Miseren. Obwohl sie wusste, wie verhängnisvoll es war, mit übernatürlichen Wesen zu handeln, konnte sie nicht anders, als sich fragen zu müssen, wie es wohl sei, mit einem Genius zu sprechen; Ihn darum zu bitten Hjaldrist zu heilen und sie zu einer Mutantin zu machen. Man müsste lange und gut über die Formulierungen dieser Wünsche nachdenken. Und dann… dann könnte es doch funktionieren sie erfüllt zu bekommen, ohne großes Unglück anzuziehen. Oder? Oh, es war so verlockend. Und der Dschinn befand sich auch noch hier, im Haus…

 

*

 

Ein lederner Geldbeutel fiel zwei Tage später klimpernd auf den niedrigen Tisch, an dem Skorpion im Schneidersitz saß und der Hüne sah von seinem Mittagessen auf. Seine goldenen Augen fielen Auf Anna, die mit verbissener Miene vor ihm stand. Ewig hatte sie nach diesem Kerl gesucht, Leute nach ihm gefragt und ihn dann, unweit des Marktes, in einer der farbenfrohen Schänken aufgefunden. Auf einer dicken Sitzmatte lungerte er herum und hatte eine Schüssel Pfefferlinseneintopf mit Fladenbrot vor sich stehen.

“Ich habe einen Auftrag für dich.”, sagte die Frau direkt und der Mann starrte sie einfach nur weiterhin an. Schwer zu sagen, was er von ihrer unangekündigten Aktion hielt, denn schlussendlich vermochte er es nicht Gefühle zu zeigen. Der Löffel in seiner Rechten sank. Seine ledernen Handschuhe lagen neben ihm am Tisch und von der Straße gegenüber konnte man einen Marktschreier bis in den Schankraum brüllen hören.

“Das hier ist mein letztes Geld.”, fügte die Kurzhaarige noch bei und in diesem Augenblick blitzte die stechende Verzweiflung durch, die sie heute hierher getrieben hatte “Bitte nimm es.”

Die burschikose Schwertkämpferin schluckte schwer. Die vergangene Nacht war schlimm gewesen. Sie war wach geworden, weil Rist kehlig und zu unregelmäßig geatmet hatte. Er hatte gekeucht, war ganz blass gewesen, und Anna hatte geglaubt, er sterbe noch. Sie hatte ihren besten Freund panisch zur Seite gedreht, als er sich übergeben hatte und es einmal wieder deutlich geworden war, wie labil sein körperlicher Zustand war. Das Gift in ihm schwand einfach nicht und hielt ihn fest umklammert. Anna wusste nicht mehr, was sie tun sollte, hatte schon so viele heilende Absude an ihrem besten Freund ausprobiert, und hatte zuletzt nurmehr eins im Kopf: Rache. Sie wollte, dass der Basilisk starb, der Hjaldrist zugerichtet hatte. 

“Ich bin kein Hexer mehr.”, brummte Skorpion jetzt schlicht und das, ohne zu dem Geldbeutel auf der ornamental verzierten Ablage zu linsen. Darin befanden sich, in serrikanische Währung umgerechnet, drei Kronen und ein paar Silberstücke.

“Ich weiß.”, sagte Anna “Darum bezahle ich dich auch im Voraus.”

Auf diese Worte hin fiel dem Mann in der gewachsten Lamellenrüstung nichts mehr ein. Er legte seinen Holzlöffel fort und sah einmal bedächtig auf das Lederbeutelchen vor sich. Man hörte ihn tief ausatmen. War er etwa genervt? Es war der zerfahrenen Nordländerin einerlei. 

“Bitte.”, entkam es ihr und ihre Stimme war ob ihrer engen Kehle ganz heiser “Ich schaffe es nicht alleine.”

“Es geht um den Basilisken.”, stellte der schlaue Krieger fest und seine Vipernaugen suchten die viel Jüngere, die da mit hängenden Schultern stand, wieder. Sie nickte.

“Er ist kein Mensch, ein Mörder, dem du mit Rache gerecht werden kannst, Mädchen.”, fand der Serrikanier mit dem schwarzen, geölten Bart, klaubte nach einem Stofftaschentuch und wischte sich damit über den Mund. So, als sei er jetzt mit dem Essen fertig.

“Er ist ein Monster, das einfach nur instinktiv und aggressiv gehandelt hat.”, endete der Mann “Ihr seid in sein Revier eingedrungen.”

“Ich weiß.”, meinte Anna abermals beständig “Und es ist mir egal.”

Hätte Skorpion Emotionen besessen, hätte er nun wahrscheinlich grimmig-amüsiert gelacht. Stattdessen erhob er sich und fasste dabei nach seinen Handschuhen und dem Geldbeutel Annas, der noch am Tisch gelegen hatte. Er steckte letzteren aber nicht ein, sondern warf ihn der abwartenden Abenteurerin zu. Bitterkeit machte sich auf Anna’s Miene breit, als sie das klimpernde Säckchen auffing. Der Vatt’ghern würde ihr nicht helfen. Nahm er es etwa SO ernst sich nicht mehr zu den Monsterjägern zu zählen? Warum?

“Du wirst gleich allein in die Kanalisation gehen, um gegen ihn zu kämpfen.”, glaubte Skorpion, als er die Frau in der gestreiften Jacke ruhig ansah. Sie trug ihre volle Montur: Kettenweste, Armschienen, Kniekacheln. Sie hatte ihr Schwert dabei, Öle und eine letzte Kartätsche. Anna sah wie jemand aus, der vorhatte in die Schlacht zu ziehen.

“Nein.”, entgegnete sie jedoch unerwartet “Ich würde sterben.”

“Tatsächlich?”, fragte der große Kerl “Diese Antwort verwundert mich.”

Anna schwieg und sah ihr kantiges Gegenüber an, als fühle sie sich gekränkt. Hatte Skorpion wirklich gedacht, sie liefe allein einem rasenden Basilisken entgegen? Sie war manchmal unvorsichtig, ja. SO dumm war sie jedoch nicht. Wer sollte außerdem auf Hjaldrist aufpassen, wenn sie nicht mehr da wäre? Sie trug ihre Rüstung nur, weil sie ganz naiv geglaubt hatte, dass der Mutant vor ihr für ein paar Münzen mit ihr käme.

“Skorpion.”, damit setzte die Ausländerin zum letzten Versuch an ihren Bekannten für sich zu gewinnen. Sie fühlte sich schlecht, hatte Angst um ihren Freund aus Undvik und glaubte, sie müsse gleich losflennen. Gerade so schaffte sie es die Fassung zu bewahren. Die letzten Wochen waren hart gewesen und sie wusste nicht mehr weiter. Rist konnte sich nun seit einem Monat nicht mehr rühren und es wurde nicht besser.

“Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich kann Rist nicht helfen und es macht mich wahnsinnig. Und… ich will wenigstens das Vieh tot wissen, das uns das angetan hat. Bitte hilf mir.”, flehte die Kurzhaarige abermals und hielt dem Hünen ihr Geld hin “Ich weiß nicht, wen ich sonst fragen soll.”

“Dir helfen? Dafür bin ich gerade eben aufgestanden.”, gab Skorpion von sich und die Augen der geknickten Alchemistin weiteten sich. Was? Ein enormer Felsbrocken fiel ihr just vom Herzen und sie glaubte ja fast nicht, was sie eben gehört hatte.

“Und behalte deine Münzen.”, forderte der Mann noch auf und schlüpfte in seine fingerlosen Lederhandschuhe “Ich nehme von Leuten, wie dir, kein Geld an.”

Erleichtert atmete Anna durch, als sie den gutmütigen Hexer beobachtete, der nach seinem großen Säbel fasste, der neben ihm an der Wand gelehnt hatte. Ein Lächeln zerrte an ihren Lippen.

“Also.”, endete Skorpion “Wo finden wir das Biest?”

 

“Zur Seite!”, rief der Hexer und Anna folgte dessen lauter Aufforderung sofort. Mit dem blutbeschmierten Bastardschwert in der Hand wich sie nach rechts aus, als der Basilisk auf sie zusprang. Sie strauchelte kurz, doch fand schnell wieder einen festen Stand und setzte vor, um mit der Klinge nach dem Monster der Kanäle unter Zerrikanterment zu schlagen. Der anwesende Serrikanier war sofort bei ihr und kam mit dem Säbel nah an das rasende Biest heran. Mit beiden Händen hielt er den Griff umfasst und ließ seine alte Waffe blitzschnell auf den Drakoniden niedergehen. Tief schnitt die schartige Klinge in schuppige Haut und der keifende Basilisk verlor seinen Schwanz. Wild zuckend blieb das Gliedmaß am Grund liegen und fegte zarte, bläulich schimmernde Pilze fort.

“Augen!”, bellte der Hexer und seine wissende Begleiterin, mit der er sich vor dem Kampf besprochen hatte, hob sich den linken Arm schützend vors Gesicht. Sie wollte hier unten, im Düsteren, nämlich nicht geblendet werden. Im nächsten Atemzug schon spürte sie, wie sich vor ihr eine sengende Hitze ausbreitete und das explosionsartig. Igni. Es zischte und rauschte, stank verbrannt und der Basilisk krähte markerschütternd auf. Skorpion’s lederne Rüstung knarzte, als er sich wieder in Bewegung setzte. An diesem Punkt sah Anna wieder gescheucht auf. Kleine, rote Glutfunken wirbelten noch umher und sie erkannte, wie eine der Pranken des Monsters auf den Vatt’ghern niederging. Sie rief dessen Namen warnend, doch zu spät. Die mächtigen Klauen des Drakoniden, dem der Silberdolch der Frau seit dem vorigen Kampf in der Brust steckte, trafen Skorpion frontal. Anna erstarrte, als sie dies sah. Und ihr Gesicht entgleiste, als die Zeuge dessen wurde, was einen Wimpernschlag später passierte: Der hässliche Basilisk wurde zurückgeschleudert, als sei ER derjenige, der soeben von einer übergroßen Pranke getroffen worden war. Der unerschrockene Hexer vor ihm blieb dafür unversehrt, als das Ungetüm hart an die steinerne Höhlenwand zurückgeschleudert wurde und aufjaulte, weil es sich durch die heftige Wucht des Aufpralls irgendetwas brach. Aard? Nein, Skorpion hatte gerade kein Hexerzeichen gesprochen. Aber was-

Anna fiel es wie Schuppen von den Augen. Und sie erinnerte sich an die Geschichte, die man ihr vor der Korath-Steppe erzählt hatte: Der dicke, herzliche Händler dort, Enes, hatte ihr von einem legendären Mann aus seiner Kindheit erzählt. Von einem Hexer, den ein jeder kannte, und dem eine Rüstung gebaut worden war, die Angriffe zurückwarf. Enes’ Vater, ein begabter Runenschmied, habe jene dem Katzenauge namens Baschim einst angefertigt. Verdutzt stand Anna da und starrte zu dem Mann hinüber, der seinen Säbel voller Flugrost dafür nutzte dem schreienden Basilisken der Kanalisation den Schädel zu spalten. Ihre Augen wanderten zur Rüstung des Glatzköpfigen, der dem Basilisken so schnell den Garaus gemacht hatte, dass sie sich gar nicht hatte versehen können. Skorpion, so wild er zuvor auch gekämpft hatte, sah aus, als sei er überhaupt nicht aus der Puste. Er zog seinen Säbel wieder aus dem Scheitel des gurgelnden Basilisken und trat dann vor, um an den Griff von Anna’s Dolch zu fassen. Auch jenen zog er ruckartig aus dem blutenden Leib des erschlaffenden Drakoniden, der widerlich nach verbranntem Horn stank. Die sprachlose Frau hatte ihr öliges Stahlschwert längst ungläubig sinken lassen und stand da, wie angewurzelt. Mit unschlüssigem Blick sah sie dabei zu, wie Skorpion nun auf sie zukam und ihr den Silberdolch, den er an der Klinge hielt, hinstreckte.

“Hier.”, sagte er trocken und Anna zuckte zusammen, als sie damit in das Hier und Jetzt zurück bugsiert wurde. Überwältigt blinzelte sie und sah auf die kleine Waffe hinab, nahm sie stumm entgegen. Dann holte sie sofort Luft zum Sprechen.

“Du bist Baschim.”, sagte sie und suchte Blickkontakt. Die Augen des Hexers sahen hier unten, im fahlen Licht der miefenden Leuchtpilze, gespenstisch aus. Sie schluckte trocken.

“Ja.”, sagte der Krieger schlicht und schulterte seine Waffe.

“Einer der Händler vor Korath hat mir von dir erzählt.”, platzte es aus der Jüngeren heraus. Der faulige Gestank hier unten, die ekelhafte Basiliskenscheiße und der Monsterkadaver waren ihr soeben einerlei. Denn wenn man Enes’ Worten Glauben schenkte, war Skorpion - nein, Baschim - in den Wüstenlanden ein berühmter Mann. Ähnlich, wie Geralt von Riva. Oder nicht?

“So?”, machte Katzenauge wenig beeindruckt “Das kommt vor, nehme ich an.”

Und als Anna ihr viel größeres Gegenüber so ansah, erinnerte sie sich daran, wie all die Serrikanier stets auf Baschim reagiert hatten: Respektvoll. Abgesehen von der betrunkenen Gruppe vor Korath hatte ihn niemals jemand verspottet oder bespuckt. Die Bewohner von Dattelgrund hatten ihn sogar offenherzig willkommen geheißen, obwohl er mit einer Truppe dreckiger Banditen aufgetaucht war. Sie hatten die Räuber und Mietklingen einfach so in ihrer Oase lagern lassen. Und das bestimmt nur wegen dem, den man auch Skorpion nannte.

“Lass uns gehen. Und nimm dir eine Trophäe mit. Auf den Basilisken steht ein hohes Kopfgeld.”, forderte der Serrikanier Anna nun auf und ging nicht weiter auf seine Herkunft und seine vergangenen, großen Taten ein. Er wand sich einfach ab und ging los. Anna sah ihm irritiert nach und machte sich gescheucht daran zu dem toten Monster zu laufen, um sich eine von dessen Krallen abzuhacken. Dann schloss sie zu dem Hexer auf, der, Melitele sei Dank, auf sie gewartet hatte. Von der Seite aus sah sie zu ihm auf und trug die blutige Basiliskenkralle, als schleppe sie einen kleinen, schmalen Stamm mit sich herum.

“Warum hast du nicht gesagt, wer du bist?”, wollte sie wissen, als sie losgingen, um zu verschwinden.

“Das habe ich.”, meinte der Säbelkämpfer einfach “Mein Rufname ist keine Lüge.”

“Das… das meine ich nicht!”

“Es ist nicht wichtig, was ich nebenher tue oder bin.”, fand Baschim dann “Ich habe in den letzten achtzig Jahren einfach meine Arbeit getan. Was die Leute erzählten, interessierte mich nie.”

“Aber für sie bist du so etwas wie… ein Held!”

“Mag sein.”, kommentierte der Ostländer und damit war das Thema für ihn auch schon gegessen. Anna’s Augenbrauen zuckten hoch und sie wusste nicht, ob sie lachen oder genervt brummen sollte.

“Aber warum sagst du, dass du kein Hexer mehr seist?”, wollte sie wissen und dies war nur eine der vielen Fragen, die ihr im Kopf herumspukten.

“Ich sage es nicht. Ich zähle mich tatsächlich nicht mehr zu ihnen.”

Ein unangenehmes Schweigen tat sich auf diese Aussage hin zwischen denen auf, die durch die dunkle Kanalisation gingen und immer wieder sah Anna erwartungsvoll zu ihrem Gefährten hin. Sie fühlte sich, als nerve sie ihn. Sie wollte noch mehr nachhaken, doch glaubte, keine direkten Antworten mehr zu bekommen. Dennoch konnte sie nach einer angespannten Weile nicht anders. Anna umklammerte ihre Monsterkralle und holte Luft zum Sprechen.

“Und was ist mit deinen beiden Freunden? Mit Fledermaus und Löwe?”, fragte sie nach und der Hüne sah flüchtig zu ihr. So ernst, wie immer, sah er dabei aus. Baschim überlegte. Dann erbarmte er sich aber endlich.

“Löwe ist tot.”, sagte er “Und Fledermaus fort. Er verriet unsere Schule und ich stand für ihn ein. Dennoch verschwand er, nachdem wir aus der Festung verbannt worden waren.”

“Man… man hat euch ausgeschlossen? Einfach so?”, keuchte Anna ungläubig und trat in schmatzenden Matsch. Aufgeschreckte Ratten stoben fiepend auseinander.

“Nein. Nicht ‘einfach so’. Diese Entscheidung war durchaus gerechtfertigt.”, glaubte der Hexer, der ruhig durch den Dreck watete, nachgiebig “Wegen Fledermaus starben viele unserer Brüder. Auch Löwe hat er umgebracht. Er war nicht von Sinnen, also bürgte ich am Ende für ihn. Und die Strafe war der Rausschmiss. Man nahm uns unsere Amulette und die Silberschwerter ab. Dann durften wir gehen und dies mit dem Versprechen nie mehr wiederzukehren.”

Die aufgeregte Novigraderin, die mittlerweile hinter dem im Dunkel sehr gut sehenden Baschim herging, um nicht in die größten Pfützen des Ganges zu treten, wusste erst nicht, was sagen. Das, was der Mann da erzählte, war harsch und sie verspürte Mitleid mit dem Kerl. Befangen sah sie seinem breiten Rücken entgegen.

“Du warst ein guter Freund, Baschim.”, sagte sie dann, nach einer längeren Weile, ganz aufrichtig in die Stille hinein.

“So, wie du.”, gab der andere zurück und die Angesprochene hielt irritiert inne “Ich hoffe für dich, dass DEIN Begleiter dies später zu schätzen weiß, anstatt dich im Stich zu lassen, wenn du ihn einmal brauchst.”

Kommentare zu Kapitel 76

Kommentare: 0