Kapitel 77

Hinter Zeichen aus Kreide und Salz

Anna ließ sich in den folgenden zwei Wochen öfters im prächtigen Schankraum der Wüstenrose blicken. Manchmal saß sie dort, um zu essen, anstatt dafür wieder in ihr Kellerzimmer zu verschwinden. Sie hielt sich damit an Safi’s gutes Zureden und suchte ab und an ein wenig Kontakt zu den Angestellten des Hauses, damit sie neben Hjaldrist, der anmutete wie eine Puppe, nicht noch völlig vereinsamte. Also hielt sich die Frau auch heute Abend wieder für eine Weile im großen Hauptraum des Etablissements auf. Sie hatte den halben Tag lethargisch vor sich hin gedöst und sich daher dazu entschieden einfach einmal nach dem Geschehen hier oben zu sehen: Die Kurtisanen schmierten Besuchern Honig um die Mäuler, ließen sich auf den ein oder anderen Umtrunk einladen oder verschwanden mit ihren Gönnern für kurze Zeit in ihre Zimmer in den oberen Etagen des Hauses. Die stark Tätowierte, die Skorpion zu Safi’s Geburtstagsfest schöne Augen gemacht hatte, kam vorbei und lächelte Anna nett zu. Und auch der Hausherr war just hier und man sah ihn umherwandeln und überzogen freundlich mit seinen Gästen sprechen. Mittlerweile ahnte Anna, wieso er dies tat. Warum er stets so neugierig, zuvorkommend und offenherzig war. Selbst zu Fremden. Denn sein angesehenes Bordell war mehr, als nur ein gehobenes Hurenhaus. Gestern erst, hatte die Alchemistin aus dem Norden mitgehört, wie der besagte Zuhälter mit einem seiner vielen Angestellten geredet hatte. Sie hatten über einen hochrangigen Offizier aus Ofir gesprochen, aus dem man etwas über dessen Armee herausbekommen sollte, weil irgendeine Kommandantin der Herrscherin gut für diese Informationen zahle. Also war der ‘leichte Junge’ schief lächelnd losgegangen, um sich Verstärkung in Form einer Kollegin zu holen. Zusammen hatten sie sich den besagten Ofieri gekrallt und ihn den ganzen Abend lange geschickt bezirzt, ehe sie mit ihm nach oben verschwunden waren. Es war faszinierend gewesen, wie elegant sie das angestellt hatten. Ja, Safi’s Leute waren Spione. Sie allesamt waren richtig gute, hinterlistige Zuträger. Und das erklärte auch, weswegen Skorpion seinen weibischen Freund als mächtigen Mann Zerrikanterments beschrieben hatte. Tatsächlich schien der freundliche Serrikanier, der gerne offene Seidenmäntel trug, einige Fäden der Stadt zu ziehen. Dabei wirkte er so unscheinbar. Sehr hübsch, doch harmlos. Doch dieser Schein trog.

Anna, die unbeteiligt an der Theke der Schänke stand und Milch mit Kardamom trank, ließ den Blick ruhig wandern. Der ofirische Offizier war heute wieder da, um es sich gutgehen zu lassen und vermutlich erneut aus dem Nähkästchen zu plaudern, da er dachte, alle Huren seien stupide Bumsmäuschen. Dabei war ER der Narr. Es war amüsant und die Monsterjägerin verkniff sich ein Grinsen.

“Er ist ein Idiot.”, meinte Bahar, der hinter der massiven Ausschank stand, und lehnte die Unterarme auf die sauber gewischte Thekenfläche. Von der Seite sah der Schönling zu Anna und lächelte hintergründig. Die Frau sah indes ertappt auf.

“Und du bist aufmerksam.”, fügte der Mann und gute Seele der Wüstenrose hinzu. Die Konfrontierte zögerte kurz, ehe sie antwortete. Das würde sie auf ehrliche Weise tun, denn es brächte doch nichts sich herausreden zu wollen. Sie saß hier in einer Hochburg der Spioniererei. Bestimmt wusste man bereits alles über sie.

“Ich musste früh lernen meine Ohren überall zu haben. Auf der Monsterjagd überlebt man sonst nicht besonders lange.”, sagte die Kurzhaarige ruhig und suchte Augenkontakt. Belustigt betrachtete der dunkelhäutige Bahar sie. So, wie Safi, trug auch er einen kleinen goldenen Ring in der Nase. Dies aber nicht im Nasenflügel, sondern mittig, im Septum. Es stand ihm sehr. Schwer denkbar, dass diesem hübschen Mann, der stets nur ältere, weibliche Kundschaft unterhielt, irgendetwas nicht passen könnte. Er wäre selbst in den lächerlichsten Klamotten noch ansehnlich.

“Außerdem ist mir oft langweilig. Daher beobachte ich.”, endete Anna ihre Ansprache “Ist das ein Problem…?”

“Nein.”, gab Bahar zurück “Ganz und gar nicht.”

“Wahrscheinlich werde ich erstochen, sollte ich euch verraten, hm?”, lachte die Novigraderin halbernst und der bedeutsame Blick, den der Schankjunge ihr daraufhin zuwarf, bescherte ihr ein flaues Gefühl in der Magengegend. Anstatt aber darauf einzugehen, wechselte er das Thema.

“Wie geht es deinem Freund?”, fragte Bahar nach.

“Er ist seit Tagen sehr ruhig. Das ist gut, meine ich.”, seufzte die Nordländerin gleich “Ich habe einen Absud angerührt, der endlich ein wenig zu helfen scheint. Rist’s Körper wehrt sich immer seltener gegen das Gift und das lässt auch mich besser schlafen.”

“Das ist schön.”, fand der aufmerksame Serrikanier und klang dabei aufrichtig. Er war ein fürsorglicher Kerl. Als Anna losgezogen war, um mit Baschim den Basilisken der Kanalisation zu töten, hatte er solange ihren Platz eingenommen und über den damals sehr labilen Skelliger gewacht. Es war eine unsagbar nette Geste gewesen, zumal die jüngere Alchemistin an jenem Tag erst am Abend wieder zur Wüstenrose zurückgekehrt war. Sie hatte schlussendlich noch ihre Trophäe beim Stadtrat abgegeben, das gute Geld dafür kassiert und die Hälfte davon an Baschim abtreten wollen. Doch den hatte sie nicht wiedergefunden. Wer wusste schon, wo sich der Hexer und seine Mietklingen gerade aufhielten? Anna kam nicht oft und lange genug raus, um nach ihnen zu sehen.

“Ich gehe dann mal wieder runter…”, murmelte die Kurzhaarige, als sie ihre kalte Milch ausgetrunken hatte und schob Bahar dafür ein paar Kupfermünzen auf die Ablage “Danke.”

“Gute Nacht, Arianna.”, lächelte der dunkelhaarige Schankbursche mit dem harten Akzent und nickte der Kriegerin wohlwollend zu. Sie hob die Hand zum Abschiedsgruß und wandte sich ab, um sich aus dem gut besuchten Schankraum zu entfernen. Sie ging an ein paar neugierig gaffenden Besuchern vorbei und hielt müde auf die Stufen zu, die in den Keller führten. Ihr Weg durch den fahl beleuchteten Korridor danach war nicht lange, ehe sie die Tür zu ihrem Gästezimmer öffnete und eintrat. Ihr Blick fiel sofort auf Rist. Er war wach, doch sah äußerst dösig vor sich hin. Anna verkniff sich ein besiegtes Seufzen.

“Ey, du.”, machte sie “Liebe Grüße von Bahar.”

Dann näherte sie sich ihrem stummen Kumpel und trat sich auf dem kurzen Weg zu ihm die ledernen Stiefel von den Füßen. Bei Hjaldrist angekommen ließ sie sich ächzend auf der Kante der Schlafmatte nieder.

“Alles gut soweit?”, fragte sie und ihr Freund zögerte, bevor er die Augen einmal langsam schloss und wieder öffnete. Es war ein Ja und eine der wenigen Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren. Vor längerer Zeit schon hatten die beiden Abenteurer sich darauf einigen können, dass sie sich durch Blinzeln seitens Rist miteinander verständigen sollten: Einmal lang war eine Zustimmung, zweimal kurz ein Nein und ein längeres Augenschließen ein Zwischending wie ‘Weiß nicht’ oder ‘Vielleicht’. Außerdem war der Undviker manchmal gar dazu aufgelegt mit den Augen zu rollen, wenn Anna wieder einmal damit begann ihm etwas über Kräuter oder Monster vorzupredigen, um ihn zu unterhalten. Es war eine kleine Sache, eine minimale Bewegung, und dennoch solch eine Erleichterung in argen Zeiten, wie dieser.

Die Ungeheuerjägerin drehte sich ein wenig, um sich rücklings neben ihren Kumpel auf die Matte sinken zu lassen. Sie faltete die Finger auf Taillenhöhe ineinander und sah nachdenklich gen Decke.

“...Mir ist heute wieder etwas eingefallen, über das Adlet damals einmal gesprochen hat.”, fing die Kurzhaarige bald an “Er erwähnte einen Wissenschaftler in Toussaint, der viel mit der Kräuterprobe zu tun hat und Mutationen erforscht. Weißt du noch? Nachdem wir Ravello hiernach besuchen wollen, könnten wir uns die Sache doch mal näher ansehen. Oder? Vielleicht weiß er ja, wie man die klassische Probe der Gräser zu einer macht, die auch Frauen vertragen können.”

Die Kriegerin drehte ihrem Kollegen den Kopf zu und sah ihn abwartend an. Anstatt in irgendeiner Weise zu blinzeln, um ihr eine Antwort anzudeuten, sah der aber bloß weiter vor sich hin. Und dies sprach Bände, obgleich sich Hjaldrist kein Stück rührte. Er glaubte nicht daran jemals wieder nach Beauclair gehen zu können, nicht wahr?

“Hey.”, machte Anna sanftmütig und musste sich selbst im Geiste gut zureden, um die Fassung zu behalten “Du bist bald wieder wohlauf, du wirst sehen. Denn schließlich hilft dir der neue Trank, den ich zusammengepanscht habe, ja etwas. Und dann werde ich dich so hartnäckig durch die Steppe gen Nordwesten hetzen, dass du darum betteln wirst dich einmal wieder hinlegen zu dürfen.”

Keine Reaktion. Anna schnaufte entnervt und verengte den Blick forschend. Dann rollte Rist plötzlich doch noch leicht mit den Augen und sie grinste froh.

“Wir sind das letzte Mal viel zu früh aus Toussaint verschwunden, weil wir glaubten, ich fände bei diesen Arschlöchern der Flammenrose, was ich suche. Was für ein Reinfall.”, seufzte Anna brummig und sah zur Decke zurück “Wir hätten in Beauclair bleiben und nach dem unbekannten Wissenschaftler suchen sollen, den Adlet erwähnte. Aber naja… umso besser, dass wir Ravello bald besuchen wollen. Ich frage mich ja, wie es dem alten Schürzenjäger so geht. Ob er sich einmal wieder ein paar Mädels angelacht hat?”

Die Frau in dem etwas zu großen Leinenhemd schwieg daraufhin eine kleine Weile. Sie schlug die Augen nieder und lauschte der entfernten Melodie des Barden, der oben, im Schankraum Bambusflöte spielte. Und als sie so dalag, wurde es ihr einmal mehr schmerzlich bewusst, wie sehr sie es vermisste, dass Hjaldrist ihr die Ohren gutgelaunt vollplapperte. Dass er von irgendwelchen utopischen Kampfstrategien erzählte oder sich laut über irgendwelche, dämlichen Kleinigkeiten aufregte. Es war seit eineinhalb Monaten zu still. Viel zu still.

Anna öffnete die braunen Augen wieder und ihr Ausdruck verrutschte in eine traurige Richtung. Ihr Blick wanderte ein wenig, als sie nach Worten suchte. Dann sprach sie wieder, doch dieses Mal leiser, als vorhin.

“Safi hat einen Dschinn, der Wünsche erfüllt.”, erwähnte sie verschlagen “Er hat es mir vor zwei Wochen so erzählt. Der Genius ist der Grund dafür, dass er so jung aussieht und mit Skorpion befreundet ist.”

Die Trankmischerin erklärte ihrem Freund in diesem Zuge nicht, dass Skorpion auch Baschim hieß und ein bekannter Hexer war. Das hatte sie dem Skelliger nämlich schon längst ganz aufgeregt erzählt. Nur über den Dschinn hatte sie bisher geschwiegen.

“Er wünschte sich drei Dinge: Schönheit, einen Mann und dass sich der Dschinn an ihn binden sollte. Das ging natürlich gewaltig in die Hose. Skorpion musste ihm aus dieser Misere heraushelfen, indem er das Wesen in eine Schnapsflasche sperrt.”, sprach Anna langsam weiter “Und diese Flasche ist hier irgendwo.”

Die leicht nervöse Kriegerin befeuchtete sich die trockenen Lippen beiläufig mit der Zunge und gab einen zweiflerischen Ton von sich.

“Ich hatte zuerst daran gedacht den Dschinn zu benutzen, Rist. Ich hatte mich gefragt, ob ich die Flasche stehlen könnte, um dir zu helfen und mir ein Kräuterproben-Rezept für Frauen zu besorgen.”, gab die Kurzhaarige ganz offen zu “Aber… aber es war eine scheiß Idee. Dschinns verdrehen Wünsche und ich will nicht, dass wir uns dadurch noch mehr Ärger aufhalsen. Außerdem will ich Safi nicht zum Feind, denn er ist ein mächtiger Mann. Verstehst du das…?”

Wieder sah Anna zu Hjaldrist hin. Er schloss die Augen einmal kurz. Es war eine Zustimmung. Dies zauberte seiner Gefährtin ein erleichtertes Lächeln aufs Gesicht.

“Dann sind wir ja einer Meinung… den Göttern sei Dank.”, seufzte sie zufrieden. Denn zugegeben? Hätte sich Rist jetzt gegen ihre Entscheidung gewehrt den Luftgenius Safis in Ruhe zu lassen, hätte sie es wahrhaftig wieder in Erwägung gezogen das Wesen zu stibitzen und zu befreien. Schließlich saß der Skelliger neben ihr so tief in der Scheiße, dass es kaum schlimmer ging. Er konnte weder allein essen, noch zum Abort gehen oder sich waschen. Alles musste Anna für ihn machen und sicherlich fühlte er sich damit unsagbar schlecht. Andere Leute in seiner Situation hätten das Risiko einen Dschinn zu beschwören bestimmt auf sich genommen. Doch trotz seines bemitleidenswerten Zustandes war der Jarlssohn hier nach wie vor vernünftig, so schien es. Das war gut. Anna lächelte schwach.

“...Werde schnell wieder gesund.”, entkam es ihr nach einer Pause leise und ohne jeglichen Witz in der Stimme “Ja?”

 

*

 

Als Hjaldrist erwachte, lag Anna vor ihm. So, wie immer in letzter Zeit, war sie gestern Nacht zu ihm unter die Wolldecke gekommen, weil er gefroren hatte. Es hatte ein wenig geholfen und er hatte der Anwesenheit der anderen wegen verhältnismäßig schnell einnicken können. Ihrem Freund zugewandt schlief die Kräuterkundige jetzt und ihr Gegenüber hatte eine Hand auf ihrem Arm liegen. Müde und mitgenommen sah der Skelliger der schlummernden Frau zu. Eine Öllampe brannte am hölzernen Beistelltischchen neben der Schlafmatte am Grund und warf einen fahlen, warmen Schein auf die Anwesenden. Anna hatte die Lampe bisher immer akribisch nachgefüllt und darauf geachtet, dass sie nie erlosch. Schließlich besaß das Kellerzimmer keine Fenster und die Frau war zudem sehr paranoid. Wie hätte sie, im Wissen, dass es ihrem Freund schlecht ging, ohne Licht schlafen können? Der vergiftete Jarlssohn erlitt des nachts öfters heikle Anfälle. Daher war es klug die Lampe stets anzulassen.

Es dauerte viele Momente, bis Hjaldrist allmählich realisierte, dass seine Finger an dem Handgelenk seiner stillen Gefährtin ruhten. So, als habe er jene selbst dorthin gelegt. Er hielt inne. Seine dunklen Augen suchten nach seinen Fingerspitzen, die die warme Haut der ruhig atmenden Novigraderin berührten. Leicht und prüfend verengte er den Blick. Und dann zog er seine Hand ganz langsam, mühsam, an sich. Seine Miene entgleiste ein Stück, als er daraufhin auf seine Handfläche sah und die Finger bewegte. Es funktionierte nicht gut und war ungeheuer anstrengend, aber dennoch. Es… es klappte! Dem Krieger begann das Herz bis zum Hals zu schlagen. Sein Atem beschleunigte sich, als er aufsah. Er wollte den Oberkörper aufrichten, doch schaffte es nicht beim ersten Versuch. Beim zweiten gelang es ihm nur halb und sehr ungeschickt. Den Ellbogen auf der weichen Matratze, stemmte er sich hoch und um Halt zu finden, fasste er nach vorn, an die Schulter seiner Kollegin. Mühsam hielt er sich fest

“Anna…”, entkam es ihm und er nuschelte ein wenig. Mehr, als Flüstern, ging nicht. Aber die wachsame Novigraderin, die in letzter Zeit immer seicht schlief, schreckte trotzdem hoch. Durch die abrupte Bewegung verlor der fahrige Undviker beinah den Halt und versuchte sich fester an die Schulter Annas zu krallen. Doch es ging nicht. Er hatte absolut keine Kraft dafür und ein angestrengtes Keuchen entkam ihm, bevor er schon in die großen Augen seiner besten Freundin sah. Beinah sank er nieder und hielt sich nur mit Mühe und Not ein wenig aufrecht. Erst entsetzt und dann völlig entrückt starrte Anna ihn derweil an. So, als sei der Viertelelf ein Geist. Sie schien nicht zu glauben, was hier gerade geschah und Hjaldrist holte Luft, um irgendetwas zu sagen, doch schaffte es nicht ein gerades Wort herauszubekommen. Gerade so brachte er ein ‘Ich…’ zustande, doch das genügte schon. Ein merkbarer Ruck ging durch den Körper der Kurzhaarigen in dem weiten Hemd und sie setzte sich auf, wandte sich ihrem kraftlosen Kumpel eilig zu. Bei Hemdall… trug sie unter ihrem langen Oberteil schon wieder keine Unterhose?

“Was-... du kannst dich bewegen!”, atmete die Chaotin und ihre Miene erhellte sich “Du kannst dich rühren, Rist!”

Der Skelliger versuchte zustimmend zu Grinsen, doch mehr, als ein kaum merkliches Lächeln wurde daraus nicht. Oh, alles war gerade so schwierig. Und dann erwischte Anna ihn auch schon und zog den Überforderten in eine enge Umarmung. Hjaldrist hob die Hände mühsam an und schaffte es sogar die Geste ungelenk zu erwidern. Zwar konnte er seine Kumpanin nicht drücken, doch er war stolz darauf, dass er es wenigstens vermochte ihr die Finger ans Kreuz zu legen. Jene zitterten leicht und Hjaldrist fror noch genauso, wie in den letzten Wochen. Doch er konnte sich bewegen. Ja, Scheiße, er fröstelte, doch war nicht mehr gelähmt! Und diese Erkenntnis schien Anna gerade so sehr zu erleichtern, dass sie wahrhaftig losheulte. Einfach so und wie ein Schlosshund. Sie sagte nichts mehr, als sie das Gesicht am hellen Kragen ihres Begleiters vergrub und ungewohnt schamlos flennte. Im letzten Monat hatte sie oft verzweifelt geweint und vielleicht geglaubt, Hjaldrist bemerke es nicht. Doch das hatte er. Und es hatte ihm das Herz gebrochen. Nur gerade, da waren die Tränen ganz andere. Sie brachten den Jarlssohn dazu die Augen froh niederzuschlagen.

Was an diesem Tag folgte, waren die ersten kleinen Schritte in die Richtung eines Lebens, in dem man sich wieder um sich selbst kümmern konnte. Nachdem sich Anna am Morgen wieder beruhigt und Hjaldrist an den Schultern erwischt hatte, um ihn aufgeregt zu schütteln und ihm verheult vorzujauchzen, wie sehr sie sich freute, hatte sie sich bald geschäftig darum bemüht Frühstück zu besorgen. Mehr, als den grünen Linseneintopf von gestern, hatte sie in der Küche der Wüstenrose aber nicht gefunden. Doch egal. Mit großer Erwartung im Blick hatte sie ihrem Freund, der auf seiner Schlafmatte gesessen hatte, eine dampfende Schüssel mit der recht gut duftenden Pampe hingestellt und er hatte es geschafft sie quälend langsam, aber doch, leerzuessen. Danach, da hatte Anna ihn dazu gebracht die Finger zu ballen und ihr eine leicht verunglückte Siegerfaust zu geben. So, als sei das Essen ein großer Gegner gewesen, den er besiegt hatte. Und jetzt, keine Stunde später, wusch sich der Undviker das Gesicht und zwar selber. Es fühlte sich an, wie ein riesiger Triumph, als er auf seiner Schlafgelegenheit saß und sich das Wasser aus der Waschschüssel auf seinem Schoß in das Gesicht spritzen konnte. Seine Freundin aus dem Norden saß solange neben ihm und aß die Reste des kalten Frühstück-Eintopfes auf. Sie beobachtete ihn mit einem breiten Lächeln im Gesicht und es war unübersehbar, dass sie so schnell nicht mehr mit dem Grinsen aufhören würde. Denn, ja, das hier, die ganze Situation, war so, so erleichternd. Hjaldrist glaubte noch immer, er sei ausnahmsweise einmal in einem wunderbaren Traum gelandet. Doch das hier war keiner. Es war echt und er konnte sich wieder rühren. Unglaublich, dass er es einmal als solch einen großen Sieg verrechnen würde seine nassen Hände wieder anheben zu können, um sich damit die Haare nach hinten zu streichen. Denn ganz ehrlich? Er hatte in den letzten Wochen längst resigniert. Sein Zustand war erbärmlich gewesen und der schockierte Inselbewohner hatte schon daran gedacht lieber sterben, anstatt gelähmt herumliegen zu wollen. Es waren Tage gewesen, in denen er sich mehr als nur ohnmächtig gefühlt hatte; überflüssig, machtlos, deprimiert. Es war erniedrigend gewesen nicht einmal selbst zum Abort gehen zu können und der Stolz des Jarlssohns war weggefegt worden, weil er darauf angewiesen gewesen war gefüttert zu werden. Er konnte all das, die angsteinflößenden Eindrücke der letzten Wochen, kaum in Gedanken, geschweige denn in Worte, fassen. Es gab auf der Welt sicher nichts Schlimmeres, als das, was ihm widerfahren war. Und oft hatte er es sich gewünscht, dass ihm Anna in der Kanalisation Zerrikanterments nicht das Leben gerettet hätte. Doch das hatte sie. Und sie war nicht von der Seite ihres besten Freundes gewichen. Diese Frau konnte sich ja gar nicht vorstellen, wie dankbar Hjaldrist ihr dafür war. Genauso, wie er seinen vergangenen Zustand nicht fassen konnte, würde er es nicht schaffen passende Worte für die zu finden, die da neben ihm saß und sich leise fluchend mit dickem Linseneintopf bekleckerte. Ein ‘Danke’ hätte nicht ausgereicht. Eine lange Umarmung auch nicht. Und er hatte das Gefühl irrsinnig tief in der Schuld dieser burschikosen Giftmischerin zu stehen, obwohl sie enge Freunde waren. Denn das, was Anna für ihn getan hatte, war nicht selbstverständlich, fand er.

 

Es vergingen drei Tage, bis Hjaldrist wieder allein aufstehen und umhergehen konnte, und eine Woche, bis er es schaffte wieder völlig selbstständig zu sein. Der Mann, der nach wie vor oft fror und deswegen nachts eine besorgte Schwertkämpferin an der Backe hatte, schaffte es wieder Treppen zu steigen und ein wenig den Kellergang des Bordells auf und ab zu laufen. Von seiner langen Bettlägerigkeit waren seine Muskeln die Bewegung nicht mehr gewöhnt und alles fiel ihm anfangs noch so schwer. Anna hatte Hjaldrist oft im Blick. Irgendwann schlug sie es ihm vor ein wenig zu trainieren und da sie keinen Übungsplatz hatten, nutzten sie ihr Zimmer in der Wüstenrose dafür. Sie übten sich zusammen im Nahkampf und die Novigraderin stachelte ihren Kumpel immer öfter dazu an Liegestützen oder Kniebeugen zu machen. Sie scheuchte ihn die Treppen des Hurenhauses hoch und runter. Und dann, einen Monat nachdem der Skelliger wieder ‘zu sich gekommen’ war, folgte er ihr im Laufschritt um die Stadtmauern Zerrikanterments. Es war Abend und demnach kühl, als er ihr nur in Hose und lockerem Hemd gekleidet, hinterherrannte. Es tat gut zu laufen. Es gab Hjaldrist das unglaubliche Gefühl wieder frei zu sein.

“Komm schon, Käferschubser!”, lachte Anna, ohne sich nach dem abgekämpften Undviker umzublicken. Seit einigen Tagen schon hetzten sie beide jeden Abend einmal um die große Stadt. Die Frau wollte damit die anfängliche, noch leichte Hexerausbildung mimen, die sie in Kaer Morhen als Kind mitgemacht hatte, und beachtete dabei sogar, dass man am Weg um die Hauptstadt des Ostens über manche Hindernisse springen musste: Über ein paar umgefallene Palmenstämme, eine breite Rinne eines ausgetrockneten Bachlaufes, Zäune oder Lagerkisten der Leute, die in den Vororten hausten. Es fiel Hjaldrist noch immer etwas schwer seiner motivierten Kollegin nachzukommen, doch er strengte sich an und war ganz verbissen. Er wollte wieder der werden, der er vor dem Basilisken-Angriff gewesen war, und gab sich demnach große Mühe. Anders, als Anna, die ihre volle Montur trug, schaffte er ihren langen ‘Hexerlauf’ um Zerrikanterment aber noch nicht gerüstet. Oftmals musste er auch leicht gekleidet stehen bleiben, weil ihm die Puste ausging oder ihm sein Kreislauf einen Strich durch die Rechnung machte. Doch es wurde besser und diese Tatsache spornte den zielstrebigen Dunkelhaarigen an. Ein wenig ungelenk stieg er über eine umgekippte Palme, anstatt darüber hinweg zu springen und legte dann angestrengt einen Zahn zu, um zu Anna aufzuschließen. Das war auf dem teils sehr sandigen Boden nicht leicht.

“Ich mach nochmal nen waschechten Hexer aus dir, du wirst sehen!”, schmunzelte die Frau unter schwer gehendem Atem und hielt nicht an. Von der Seite aus sah Hjaldrist zu ihr und ein entnervtes Stöhnen entkam ihm, als er grinsen musste. Er wischte sich mit dem Arm über die schweißfeuchte Stirn.

“Aber bitte ohne die Kräuterprobe.”, bat er witzelnd “Von Giften habe ich erstmal genug...”

Anna, die das Rezept der besagten Prozedur vor Jahren von Adlet bekommen hatte, lachte wissend und setzte über einen niedrigen Gartenzaun hinweg. Ihr Kumpan folgte ihr viel schwerfälliger und lief ihr weiterhin über Stock und Stein nach. Eine leichte Brise wehte ihm dabei um die Nase. Sie trug den Geruch nach den Räucherharzen mit sich, die die Menschen der armen Vorstadt entzündeten, weil sie irrtümlich glaubten, dies vertreibe böse Geister und Dämonen. Es roch nach süßem Rauchwerk, den Feuern Zerrikanterments und nach Sommernächten. Es war wundervoll und Hjaldrist freute sich darüber hier sein zu können, anstatt regungslos im Bett liegen zu müssen. Er kletterte nach Anna über eine alte Holzkiste, eilte um ein umgekipptes Fass herum und kam auf wieder etwas offenere Ebene. Als der Skelliger bemerkte, wie seine Begleiterin vor ihm langsamer wurde, tat er es ihr gleich. Dies aber nicht, ohne irritiert zu blinzeln und sich zu fragen, was denn los sei. Normalerweise legte die Frau niemals Pausen ein, wenn Hjaldrist sie nicht atemlos und taumelig darum bat.

“Anna?”, fragte er und schloss zu der Kriegerin auf, die soeben stehenblieb. Und als er ihrem Blick folgte, erkannte er auch sofort warum. Weiter vorn, direkt zwischen den kleinen Hütten der Wäscher vor den Stadtmauern, hatte sich einer der sogenannten ‘Gesichtslosen’ aufgebaut. Ein zweiter dieser seltsamen Mönche war bei ihm und gestikulierte in die Richtung der breiten Straße, die von Zerrikanterment fortführte. Hellwach beobachtete Hjaldrist, was geschah und sein verdutzter Ausdruck wurde augenblicklich hart, als er erkannte, was die verschleierten Männer in den braunen Tuniken taten: Sie kämpften. Oder eher: Sie versuchten fauchende Erscheinungen zu verscheuchen, die ungewohnt nah an die Stadt herangekommen waren. Drei der weißen Frauen wirbelten soeben vor den Mönchen in die Luft und heulten kehlig auf. Riesige Münder mit spitzen Zähnen klafften in ihren Bäuchen auf und schnappten gierig zu.

“Oh Scheiße.”, konnte man Anna murmeln hören “Was zum…”

“Ich dachte, diese Geister kommen nicht so nah heran.”, entkam es Hjaldrist gleich und er erinnerte sich an die warnenden Worte Skorpions. Der Hexer hatte die Abenteurer getadelt, weil sie damals, bevor SIE von den gespenstischen Weibern angegriffen worden waren, zu weit an den Rand der Wüste spaziert waren. Das waren sie heute aber nicht. Sie hielten sich bei ihrem abendlichen Trainingslauf stets nah bei Zerrikanterment und auch heute waren sie noch ewig weit vom gefährlichen Wüstenrand entfernt. Die Vororte waren weitläufig und für gewöhnlich sicher vor den Illusionen der Weißen Weiber. Jene, die weiter vorne wüteten, schrien und eine von ihnen spie etwas aus, das aussah, wie ein verzerrter, großer Augapfel mit haarigen Spinnenbeinen. Stumm sprang dieser groteske Schemen auf die Stadtwächter zu.

“Dachte ich auch.”, gab Anna ihrem Kumpel nun zurück und schenkte ihm einen ernsten Blick. Unweit kreischte eine der widerwärtigen Geisterfrauen markerschütternd auf und einer der Gesichtslosen warf ihr etwas entgegen. Das war bestimmt das Silberpulver, von dem Skorpion erzählt hatte, denn die Mitternachtserscheinung mit dem Schlund im Bauch fing an wie wild zu fuchteln und zu zetern, als sie getroffen wurde. Der Mönch mit dem großen Fächer hatte längst einen festen Stand eingenommen und holte weit aus, um den weißen Wesen einen harten Luftstoß entgegen zu schlagen. Sein Kollege schleuderte Silber in den Wind und Anna’s Medaillon sirrte so sehr an ihrem Gürtel, dass es selbst Hjaldrist vernahm. Er berührte seine Freundin auffordernd am Handgelenk. Zwei weitere Spinnenaugen krochen aus den Kleidern der Wüstengespenster hervor und hinterließen schleimige Spuren im Sand.

“Was machen wir?”, fragte Hjaldrist geschäftig nach und ertappte sich dabei nicht fortlaufen zu wollen, obwohl er ungerüstet und unbewaffnet war. Und obwohl er seine Gegner so gut wie gar nicht kannte. Der Undviker hatte seit eineinhalb Monaten nicht gekämpft. Also jedenfalls nicht ernsthaft gegen irgendwelche Monstren, sondern nur zum Training und gegen Anna. Im waffenlosen Nahkampf übten sie sich ab und an, weil ihnen für das Ausholen mit den Waffen der Platz im Hurenhauszimmer fehlte. Und wollten sie in der Öffentlichkeit kämpfen, bekamen sie Ärger mit den strengen Stadtwachen. Das, was keine zwanzig Meter weit entfernt geschah, reizte Hjaldrist also sehr und machte ihn ganz hibbelig. Es stichelte den Monsterjäger in ihm an.

“Was wir machen…?”, fragte die Nordländerin bei ihm und erneute Schreie der Weißen Weiber durchbrachen die Nacht. Sie schickten ihre grausigen Spinnen vor, damit jene auf die aufgebrachten serrikanischen Mönche losgingen. In den Hütten ringsum brannte kein einziges Licht. Doch sicherlich waren alle Bewohner wach, versteckten sich und zitterten in ihren Häusern, deren verriegelte Türrahmen mit Schutzzeichen beschmiert waren. Ja, bestimmt beteten sie just zu ihrem Goldenen Drachen, sodass er sie schützen möge. Doch da war kein über sie wachender Drakonid. Sondern nur zwei Kerle mit Turbanen und einem riesigen Fächer aus hellem Segeltuch, die langsam aber sicher in Bedrängnis gerieten. Denn zwei weitere Geisterwesen waren über die Hüttendächer gekrochen und stürzten sich wie die Raubtiere auf die Wächter. Im Zwielicht der Vollmondnacht wirkten sie, wie dicker, grauer Nebel.

“Passt auf!”, entkam es der angespannten Anna ganz unbedacht, weil sie die Menschen sofort warnen wollte. Hjaldrist zuckte zusammen, als er seine Freundin hörte und in dem Zuge sah, wie sich eine Weiße Frau nach ihnen umwendete. Die Bestie bleckte die langen Zähne aggressiv.

“Oh.”, entkam es dem dunkelhaarigen Mann “Schlecht. Anna?”

“Verfickte Kacke.”, keuchte die Kurzhaarige, die einmal schneller geschrien hatte, als zu überlegen. Sofort zog sie sich den Silberdolch, den sie hinten im Gürtel stecken gehabt hatte, und sah sich nach ihrem Kumpan um, der in lockerem Hemd und einfacher Hose dastand. Gescheucht starrte er sie an und ihre Antwort darauf war eine knappe Geste: Sie legte ihre Rechte kurz auf ihre Schwertscheide und nickte dann gen Stahlklinge, die darin steckte. Hjaldrist verstand sofort, erwischte den Griff der Waffe und zog sie in einem Schwung. Als er dies tat, glomm in seinem Augenwinkel schon irgendetwas orange auf. Es war ihm vertraut. Quen. Und dann war die Erscheinung bereits bei ihnen und Anna kam schützend vor ihren Kollegen, der bekanntlich noch nicht wieder auf der Höhe war. Einer der Serrikanier weiter vorne blaffte etwas in seiner Muttersprache, doch Hjaldrist überhörte das. Er hatte gerade weit besseres zu tun, als darauf zu achten, was der Mönch im Erdfarben Kittel tat. Der Jarlssohn wich zwei, drei Schritte zurück und hielt den rot gewickelten Griff von Anna’s Schwert fest umklammert. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als sich die Weiße Frau vor der Novigraderin aufbäumte und man ihre zwei Reihen spitzer Zähne im aufgerissenen Maul erkannte. Sie grollte und ihr langes Haar stellte sich nebelgleich hinter ihr auf. Ihr langes Kleid wirkte, als schwebe es unter Wasser dahin und aus der Geisterkleidung kroch eine Augenspinne.

“Na komm, du Fotze!”, maulte Anna das Weib aggressiv an und ignorierte die achtbeinige Spinne dabei “Dieses Mal legst du mich nicht rein!”

Die Erscheinung vor der Kurzhaarigen verdrehte die Augen weit und fauchte laut. Sie zog sich ein kleines Stück weit zurück, als wolle sie Schwung holen. Dann stürzte sie auf die Hexerstochter herein, doch Anna wich flink aus. Das eigenartige Auge folgte. Auch Hjaldrist, der hinter seiner Gefährtin gestanden hatte, wich zur Seite ab und fuhr sofort zu der Weißen Frau herum, die sich ärgerlich nach ihnen umsah und sich die langen Haare gellend raufte. Sie heulte erbärmlich auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und verschwand sie mitsamt ihrem vielbeinigen Schwergen mit einem Mal. Sogleich näherte sich der anwesende Undviker Anna und stieß dabei mit seinem Kreuz an das ihre. Es war so, wie früher. So, wie immer. Wenn sie beide nicht wussten, aus welcher Richtung der Feind zuschlagen würde, gaben sie sich stets Rückendeckung und mussten sich gar nicht erst dazu auffordern.

“Vadim sagte stets, ich solle das verdammte Pfeffer und das Salz aus meiner Tranktasche nehmen und sie durch Silberspäne und Schmerzmittel ersetzen.”, brummte Anna hinter Hjaldrist und seine Braue zuckte hoch, als er das vernahm “Hätte ich mal auf ihn gehört.”

Kaum, als die Kriegerin zu Ende gesprochen hatte, brach die Erscheinung von eben direkt vor dem Skelliger aus der kühlen Nachtluft. Mit den halbtransparenten knochigen Händen schlug sie rasend nach ihm, doch er wich erschrocken zurück und rempelte seine beste Freundin dabei beiseite. Die Weiße Frau verfehlte ihn nur um eine Haaresbreite, wand sich um und wollte über den Ausländern hereinbrechen, wie eine Welle aus grauem Dunst. Da kam ein Windstoß von rechts und er war so heftig, dass sich Hjaldrist nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Feine Körnchen wurden ihm mit dem Luftschlag entgegen geschleudert und fühlten sich an, wie Sand, der einem vom Sturm zugepeitscht wurde. Da waren die beiden Mönche. Der eine hatte sein Silberpulver in der behandschuhten Hand, während der andere gerade wieder seinen genähten Fächer sinken ließ. Die Mitternachtserscheinung, die mit einem Mal zurückbugsiert wurde, jammerte und krähte wütend. Sie fasste sich schmerzverzerrt an das grausige Gesicht und die Ostländer riefen ihr irgendetwas auf Serrikanisch zu, das ungemein aggressiv klang. Der Undviker am Platz sah sich nach dem fremdartigen Wesen in dem weißen Kleid um und erkannte in diesem Moment, dass dessen Körper nicht mehr ganz so nebelhaft anmutete. Seine Miene lichtete sich in einer vagen Erkenntnis und sogleich hetzte er mit erhobenem Schwert los. Anna, die an dasselbe gedacht haben musste, wie ihr Kumpel, tat es ihm gleich. Mit einem Schlag des Bastardschwertes aus der Wolfsschule traf Hjaldrist die vom Silber stofflich gemachte Erscheinung frontal. Es überraschte ihn beinah, dass die Klinge nach dem vertikalen Hau von oben tatsächlich durch die Schulter des Weißen Weibes ging, wie durch Butter. Es war, als erschlage man einen Menschen. Und als sich Anna’s Dolch in die Seite des kreischenden Monsters grub, wich jenes völlig desorientiert zurück. Es zuckte, wollte fort, doch kam nicht mehr allzu weit. Als stolpere die offenbar recht zerbrechliche Erscheinung, stürzte sie und kam hart am sandigen Boden auf. Und so, wie sie den Grund berührte, zerfiel sie zu einem schleimigen Haufen aus fahler, gallertartiger Masse. Hjaldrist weitete die Augen, als er das sah. Doch es blieb keine Zeit, um die Überreste des Geistes zu betrachten, denn dessen Kolleginnen waren hier. Die zwei Gesichtslosen machten Anna und ihren Kumpel auf jene aufmerksam, indem sie ihnen zuriefen und die Abenteurer zum sofortigen Rückzug aufforderten. Der Skelliger fuhr zusammen, sah auf. Und da waren so viele Erscheinungen und Geisterspinnen, dass er es nicht vermochte sie auf einen Schlag zu zählen. Der Mönch mit dem Fächer warf den Wesen einen mächtigen Windstoß entgegen, in den sein Begleiter Silberspäne streute. Damit verschafften die Ostländer den Freunden wertvolle Sekunden, um sich zurückzuziehen. Hjaldrist eilte hinter die versierten Serrikanier und Anna folgte ihm sofort. Die großen Augen auf die Umgebung gerichtet, eilte der Skelliger dahin und ließ den Blick hektisch wandern. Er bemerkte, dass die Mitternachtswesen tatsächlich einen Bogen um die Häuser machten, an deren Türen und Fensterläden Schutzzeichen aus Kreide prangten. Sie dachten nicht daran den Türschwellen und Fensterbänken, die mit Salz bestreut waren, zu nah zu kommen. Und in Anbetracht der plötzlichen Übermacht der Geister, kam Hjaldrist eine rettende Idee. Während die zwei Gesichtslosen immer weiter zurückwichen und sich mit Mühe und Not mit Fächer und Silberpulver erwehrten, lief der Jarlssohn wahllos zum nächsten Lehmhaus und pochte an dessen hölzerne Tür. Die Erscheinungen aus der Wüste kamen mittlerweile von allen Seiten. Aus Gassen und über die Dächer. Hjaldrist hörte, wie Anna planlos nach ihm rief.

“Mach auf!”, blaffte der Dunkelhaarige, als er drängend an die Haustüre vor sich klopfte. Dabei achtete er darauf nicht auf die Linie aus Salz vor dem Eingang zu treten.

“Öffne die Türe!”, bellte er laut. Und tatsächlich hörte er, wie in dem quietschenden Schloss ein Schlüssel umgedreht wurde. Derweil wurden die Mönche und Anna immer weiter abgedrängt. Eines der fürchterlichen, nebligen Monster schwebte soeben zwischen sie und Hjaldrist, dem die Haustüre tatsächlich geöffnet wurde. Er sah sich um und rief nach seiner besten Freundin aus dem Norden.

“Kommt herein!”, der alte Serrikanier vor dem Viertelelf sprach jenen gescheucht und voller Angst in den dunklen Augen an.

“Anna! Schnell!”, rief Hjaldrist gehetzt und bemerkte mit Erleichterung im Blick, dass sich die besagte endlich zu ihm umdrehte. Sie wirkte zunächst verwirrt, doch verstand dann sofort und lief los. Die beiden Wächter Zerrikanterments taten es ihr gleich. Man sah, wie Anna über eine Mulde sprang, den Dolch fest in der Hand. Sie lief der Erscheinung, die zwischen ihr und ihrem Kumpel stand, direkt entgegen und verlangsamte ihren Schritt keineswegs. Das Wesen, indes, kreischte laut und ging zum Angriff über. Es holte aus und wollte durch die Alchemistin hindurchfahren, doch die Kriegerin wich flink aus. Nur die Hand der Geisterfrau streifte sie und schlug dabei durch ihre linke Schulter. Anna’s magischer Schild zerbrach nicht, sondern schwand einfach kurz flackernd. So, als habe man ihn einfach so weggewischt. Die Hexerstochter stockte kurz und stolperte beinah. Ihr Ausdruck wurde abrupt völlig wirr und Hjaldrist lief es eiskalt über den Rücken, als er das sah. Er wollte schon losrennen, um seiner Freundin entgegen zu kommen, da war der Mönch mit den Silberspänen zur Stelle und hakte sich barsch bei der getroffenen Nordländerin unter, zerrte sie mit sich. Zusammen erreichten sie das Haus, vor dem Hjaldrist ganz aufgebracht wartete. Die von den Geistern Verfolgten zögerten keine Sekunde mehr damit durch die Türe des kleinen Heims hinein zu stürzen. Erst schubste man die strauchelnde Anna vor, dann kam der mit dem Silber. Hjaldrist folgte den zweien schnell und der mit dem Fächer schlug die Haustüre hinter sich zu, nachdem er ebenso hereingesprungen war. Sofort sperrte er die Pforte ab und wich mit großen Augen vor ihr zurück. Es dauerte keine Sekunde, da krachte irgendetwas gegen die Türe und Hjaldrist schreckte heftig zurück. Er wand sich herum und horchte. Das Kreischen der Weißen Frauen und das Zischen der Augenspinnen schien von allen Seiten zu kommen.

“D’yaebl!”, fluchte er schwer atmend, doch dann fiel sein Blick im spärlich erhellten Raum auf Anna, die sich erst einmal setzen musste. Ganz blass war sie plötzlich und der runzlige Bewohner der Lehmhütte half ihr gastfreundlich auf einen schiefen Holzstuhl, der da stand. Hjaldrist’s Schultern sanken, als er seine Freundin musterte. Dann kam auch er zu ihr und das ungeachtet des Pochens an der Tür und des Scharrens an den Hauswänden. Die Wesen aus der Wüste wollten herein. Doch die simplen Schutzzauber aus Kreide, Farbe und Salz hielten sie davon ab. Blieb nur zu hoffen, dass die Zeichen hielten.

“Anna.”, sprach der Skelliger seine Kumpanin gleich an, als er bei ihr war. Sie sah vollkommen abwesend aus und er berührte sie an der Schulter, schüttelte sie daran sachte. Die Kurzhaarige schreckte ob dem hoch und blickte auf. Sie sah abgekämpft und krank aus. Es war erschreckend.

“Kacke…”, hörte man sie keuchen “Das war knapp…”

Konfus wanderte der Blick der Frau. Doch es war zumindest erleichternd, dass sie ansprechbar war und schon wieder schimpfen konnte. Hjaldrist atmete befreit durch und tätschelte die Schulter Annas im stillen Beistand. Ein lautes Krachen, das vom Dach kam, ließ alle Anwesenden zusammenfahren. Sie hoben die Köpfe. Niemand wagte es mehr ein Wort zu sprechen, als etwas über die Dachlatten schabte. Ein tiefes Heulen durchbrach die Nacht und ein grantiges Schnattern begleitete dies. Der alte Mann, der den Abenteurern und den Wächtern seine Tür geöffnet hatte, sah panisch aus. Er war so weit zurückgewichen, dass er mit dem Rücken an sein altes Holzregal stieß und sich dann dort gen Boden sinken ließ, um sich auf jenen zu setzen. Er zog die Beine zitternd an und verharrte dann regelrecht regungslos. Hjaldrist blieb dicht bei Anna, stützte sich auf deren Rückenlehne und seine Augen folgten den Geräuschen von draußen. Es wurde an den geschlossenen Fensterläden gerüttelt. Und abgesehen von dem Schein der Vollmondnacht, der durch die Ritzen der besagten Läden hereinfiel, war es düster. Der angstvolle Bewohner des Hauses hatte schließlich kein Licht entfacht.

Und es wurde auch nicht besser. Lange kratzten die Geister am Dach der Hütte und scharrten schrill schreiend an den Wänden des kleinen Heimes. An der Türe wollten sie rütteln und hereinbrechen, doch dies blieb ihnen verwehrt. Es war erstaunlich, wie wirksam die simplen Schutzzeichen, die man an das schiefe Haus angebracht hatte, waren. Und dennoch war die Lage schrecklich. Selbst die beiden serrikanischen Mönche tauschten oft nervöse Blicke aus und standen nah beieinander. Sie muteten kampfbereit an und waren für den Fall, dass die Erscheinungen doch noch hereinkämen, bereit. Der eine mit dem Fächer faltete seine Waffe nicht zusammen, sondern wartete höchst angespannt. Der andere hatte die Hände in seiner Leinentasche, die vor Silber schwer wog. Auch dachte Hjaldrist nicht daran das lange Schwert fortzugeben. Nur Anna, die sich noch vom dem Angriff des Wüstenwesens vorhin erholen musste, hatte den Dolch vor sich, auf den winzigen Tisch gelegt. Sie stützte die Ellbogen auf die Ablage und das Gesicht auf ihre Hände. Leise stöhnte sie.

„Alles gut?“, wollte ihr besorgter Freund flüsternd wissen und sah, wie sie den Kopf unschlüssig wog. Ob sie bei der Berührung der Weißen Frau vorhin deren Sterbegedanken gefühlt hatte? Oder hatte man Anna wieder in eine Illusion gestoßen, wenngleich nur am Rande? Hjaldrist runzelte die Stirn und lehnte das Schwert der Frau an die Tischkante. Dann ging er bei ihr in die Hocke und sah zu Anna auf.

„Hey.“, machte er und stieß sie in die Seite „Flohbeutel.“

Die Kurzhaarige nahm die Finger von ihrem Gesicht fort und ließ den Blick zerstreut auf den Undviker sinken. Fragend sah sie ihn an.

„Was ist passiert?“, hakte der Inselbewohner nach und versuchte das Gezische, Geschrei und das Schaben von draußen auszublenden. Ernst hielt er Augenkontakt zu der Novigraderin vor sich. Er wollte, dass sie sich am Riemen riss denn es wäre gerade sehr gefährlich die Nerven zu verlieren. Anna sollte einen kühlen Kopf bewahren, auch, wenn das in ihrer Situation schwer fiel.

„Ich…“, fing die Jüngere genauso leise an, wie Hjaldrist, und zog die Brauen angestrengt zusammen. Sie sah für wenige Atemzüge lange fort, dachte nach.

„Ich habe wieder Dinge gesehen.“, erinnerte sie sich „Aber… aber so, als seien sie hier. Nicht so, wie damals, als alles um mich herum ein Trugbild gewesen ist. Irgendwie hat sich die Realität mit dem Trugbild vermischt…” 

„Was hast du gesehen?“

„Balthar.“, entkam es der Frau dann „Und Vadim. Sie waren da. Inmitten der Erscheinungen. Und die Geister haben sie umgebracht. Sie haben ihnen die Köpfe abgebissen. Und dann… dann war da schon der Mönch und hat mich mit zur Hütte hier gezogen.“

Die Burschikose nickte knapp in die Richtung des Mannes mit dem Silberpulver. Der Serrikanier beachtete sie nicht und Hjaldrist seufzte nachgiebig.

„Es war nicht echt.“, sagte er.

„Ich weiß.“, wisperte Anna.

Auf dies hin schwiegen die Abenteurer wieder. Der Undviker erhob sich, sah im düsteren Raum um sich und biss die Zähne zusammen, als es sich so anhörte, als würfen sich soeben zehn der Biester vorne draußen gleichzeitig gegen die knarrende Hüttentür. Der Besitzer des Hauses, der in seiner Ecke kauerte, weinte vor Angst und schien stumm zu beten. Es machte die unangenehme Atmosphäre im Zimmer nicht besser.

„Rist?“, die gesenkte Stimme Annas fischte bald nach der Aufmerksamkeit des Älteren „Was hast du damals gesehen?“

Der Inselbewohner sah sich auf diese Frage hin zu der Novigraderin um. Er zögerte eine Weile, ehe er antwortete. Als er das tat, lehnte er sich bei seiner Freundin und neben deren Schwert an die Tischkante. Hjaldrist verschränkte die Arme unwohl vor der Brust.

„Meinen Bruder.“, gab er zu und die Bilder von jenem Tag kamen wieder zurück. Sie waren grauenvoll, denn sie hatten so verdammt real gewirkt, obwohl es dem sonst so schlauen Skelliger bewusst sein hätte sollen, dass sie es nicht waren. Er hatte mit angesehen, wie vermummte Serrikanier Haldorn in den Sand stießen und gehört, wie sie ihn einen elenden Banditen schimpften. Getreten hatten sie ihn, mehrmals und brutal, und ihm gesagt, dass sie mit ihm das machen würden, was einem Verbrecher der dreckigen Inseln zustünde, der es wagte Handelsschiffe Zerrikanterments zu plündern. Sie wüssten schon über die ekelhaften Methoden Skelliges Bescheid. Einer der Fremden hatte den schreienden Haldorn dann an den dunklen Haaren auf die Knie gezogen. Der andere hatte ihm den Rücken aufgeschnitten und Hjaldrist hatte an dem Punkt gewusst, weswegen. Denn die fantasierten Serrikanier hatten schlussendlich über Hinrichtungsmethoden des Westens gesprochen. Sie hatten die Rippen des jüngeren Falchraite demnach brechen und nach außen biegen wollen, ihm die Lungen aus dem geöffneten Kreuz klauben. Blutadlern kam auf den Inseln vor. Und sicherlich wurde diese Prozedur auch in einigen Geschichtsbüchern hierzulande detailgetreu beschrieben.

„Irgendwelche Leute hatten ihn hinrichten wollen.“, erzählte Hjaldrist weiter und spürte, wie die Augen Annas aufmerksam auf ihm ruhten. Sein Blick verdunkelte sich ein Stück.

„Ich ging dazwischen. Dann hörte ich dich rufen. Du hast geschrien, es sei nicht echt und erst dann fing ich an nachzudenken.“, wisperte der Undviker und schüttelte den Kopf im Unglauben über sich selbst „Den Rest kennst du.“

„Mh.“, machte die sitzende Frau zustimmend und nickte kurz „Es war ein mächtiger Zauber. Diese Furien da draußen sind richtig gefährlich. Ich habe so etwas noch nie erlebt.“

„Ja, sie sind gefährlich. Darum geht man nachts auch nicht vor die Tore, ihr Narren.“, warf nun der mit dem Silberpulver und den stechend blauen Augen hinter dem Gesichtsschleier ein. Er sah streng herüber und man sah, wie der Mundwinkel Annas pikiert zuckte. Anders, als die Ausländer, bemühte er sich nicht darum zu flüstern.

„Wären wir heute nicht gewesen und wäre Rist nicht auf die Idee gekommen sich hier zu verbarrikadieren, wäre die Sache nicht gut für euch ausgegangen!“, beschwerte sich die kurzhaarige Alchemistin, doch der besagte Undviker dämmte die Lage gleich, da er das Thema gekonnt umlenkte:

„Sie kamen heute irrsinnig weit an die Stadt heran.“, bemerkte er „Ist das nicht unüblich? Skorpion sagte uns früher einmal, dass wir nicht an den Rand der Wüste gehen sollen. Von den großen Vororten hat er nicht geredet.“

Der mit dem Fächer seufzte hinter deinem braunen Schleier leise. Dann nickte er.

„Die Ashbia kommen selten bis hierher. Und wenn, dann sind es nur einzelne von ihnen.“, meinte der Serrikanier und hatte solch einen schlimmen Akzent, dass man ihn kaum verstand. 

„Seit Wochen dringen sie aber immer weiter gen Stadt. Wir haben bereits damit begonnen auch die Stadtmauern mit den Schutzmarkierungen zu versehen. Bisher war das nicht nötig.“

Hjaldrist zog die Stirn kraus und betrachtete den Sprechenden kritisch.

„Vielleicht werden sie von irgendetwas angelockt.“, schätzte Anna „Oder ein mächtigeres Wesen, das ihnen gefährlich werden könnte, ist da draußen, in der Wüste. Ich half einmal Dörflern in Velen mit einer Kikimoren-Plage. Normalerweise leben diese Viecher in Sümpfen. Doch damals kamen sie bis an einen Ort abseits des Moors. Am Ende stellte ich fest, dass sich im Sumpf ein Wyvern breitgemacht hatte, der die Kikimoren attackierte. Er sah sie als seine Beute an und fraß sie. Daher flohen sie nach außerhalb.“

Die beiden Wächter sahen die Frau eigenartig an, als sie erzählte, und Hjaldrist konnte sich zusammenreimen, weswegen: Entweder überraschte es die Männer, dass sie es hier mit einer Ungeheuerjägerin zu tun hatten. Oder sie waren verblüfft, weil eine FRAU solch einem dreckigen Beruf nachging. Hierzulande galt der weiblichen Bevölkerung schlussendlich Bequemeres. Jedenfalls, solange sie nicht als Kriegerinnen der Herrscherin im Dienst standen.

„Was ist?“, maulte Anna, als sie die äußerst skeptischen Blicke der Fremden bemerkte „Und wie heißt ihr überhaupt? Ihr seid doch die zwei von letztens?“

Der anwesende Skelliger musste sich ein Grinsen verkneifen, als seine beste Freundin so patzig mit den Gesichtslosen sprach.

„Ich bin der Wind.“, sagte der mit dem Fächer daraufhin und bezeichnete damit wohl seine Aufgabe innerhalb seiner Gruppierung.

„Und ich Silber.“, meinte der andere. Anna starrte die beiden verdutzt an und wollte schon irgendetwas sagen, da sprach ihr Hjaldrist dreist dazwischen, wofür ihm die Männer einen tadelnden Blick schenkten. Eine Frau zu unterbrechen war in Serrikanien wohl verpönt.

„Ich bin Aard.“, sagte er trocken und so, als meine er das tatsächlich ernst „Und sie heißt Knu-“

„Quen.“, brummte Anna und kam ihrem feixenden Kumpel zuvor, um die Mönche ebenso zu veralbern „So heiße ich.“

Die Wächter taxierten die Ausländer eingehend. Dann nickten sie jedoch respektvoll. Oh Mann. Hjaldrist erntete sich einen schiefen Blick von seiner Begleiterin und er musste ihre Gedanken nicht lesen, um zu verstehen, was sie ihn im Stillen fragte. Ihr Starren war ein vorwurfsvolles ‚Wolltest du mich gerade als Knappe Knut vorstellen?‘. Der Undviker zuckte die Achseln schurkisch Lächelnd. Ein Krachen gegen die Hüttenwand ließ sie einen Atemzug später zusammenzucken und alle Anwesenden sahen sich nach der Hausseite um, von der es gekommen war.

„Götter!“, keuchte Anna erschrocken hervor und saß plötzlich kerzengerade da. Hjaldrist, der nicht minder aufgebracht war, murmelte etwas, das eigentlich ein Scherz hätte werden sollen:

„Ich dachte, du bist nicht religiös?“

„Heute werde ich das noch…“, ächzte Anna leise.

„Und was ist mit euch?“, wollte der Skelliger daraufhin wissen, als er die zwei Mönche im Raum ansprach „Ihr kommt doch aus einem Kloster?“

„Ja.“, meinte Silber knapp „Das tun wir.“

„Es liegt im Osten der Stadt. Man kann es nicht verfehlen.“, fügte der viel sympathischere Wind hinzu.

„Und ihr betet den Goldenen Drachen an?“

„Ja.“, kam es wieder schlicht von Silber und Wind setzte fort:

„Er errette uns und sein feuriger Atem reinigte dieses Land.“, schwärmte der magisch Begabte „Er verwandelte Serrikanien in eine Wüste, die all das Böse verschlang und nur die Würdigen übrigließ. Gesegnet sei er.“

„Ähm… verstehe.“, gab Hjaldrist zurück und versuchte nicht zu irritiert zu klingen „Und wie viele seid ihr?“

„34.“, antwortete Wind offen „Wobei sechs davon noch Novizen sind.“

„Und ihr widmet euch dem Verscheuchen von Geistern?“, sprach der Undviker weiter. Er ertappte sich dabei sich ruhiger zu fühlen, wenn er sich in diesem heiklen Moment unterhalten konnte. Wieder schabte etwas laut über das Dach. Ein gellender Schrei erklang so laut, dass er nur so in den Ohren klingelte.

„...Wir halten unter anderem die Ashbia im Zaum, ja.“, kam es nach einer kurzen, unruhigen Schweigepause „Wir haben aber auch andere Aufgaben. Wir bewahren die Geschichte und den Glauben Zerrikanterments in unseren großen Bibliotheken.“

„Bibliotheken…?“, frage Anna dazwischen „Kann man sich die mal ansehen?“

„Der Tempel steht Außenseitern nicht offen.“, entgegnete Silber nun „Nur Gesichtslose haben Zutritt.“

„Schade.“, brummte die Dunkelhaarige mit der Fuchssträhne.

 

Die Erscheinungen vor dem Haus verschwanden erst mit der Morgendämmerung. Und die, die sich vor ihnen versteckt hatten, hatten in den letzten Stunden kein Auge zugemacht. Vor allem der betagte Bewohner der Hütte war nervlich am Ende, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Ritzen in den Fensterläden hereinbrachen. Anna saß mittlerweile neben Hjaldrist am harten Boden. Nur die beiden Wächter hatten sich kein einziges Mal niedergelassen und unablässig wachsam um sich gesehen. Nun, da der Morgen kam, wich die Anspannung aber auch aus ihnen. Alle hier versammelten waren hundemüde und dies zeigte sich allmählich auch. Wind war der erste, der sich rührte und nach einer langen Zeit des Schweigens etwas sagte. Er klappte seinen großen Fächer endlich zusammen und sicherte dessen Enden leger mit Lederriemen.

„Es ist vorbei.“, kommentierte er „Wir gehen.“

Sein Kumpel nickte beipflichtend und ließ die blauen Augen noch einmal auf die zwei Abenteurer fallen, die zusammen am Boden an der Hauswand lehnten. Anna war in den letzten Minuten eingenickt und hatte den Kopf an Hjaldrists Schulter liegen. Sie zuckte zusammen, als der Serrikanier sprach, und sah verschlafen auf.

„Ha?“, machte sie verwirrt „Ich habe nur kurz meine Augen zugemacht.“

Hjaldrist schnaufte amüsiert, kommentierte dies aber nicht weiter. Seine matte Freundin setzte sich wieder gerader hin und lauschte angestrengt. Doch da war kein Geschrei mehr, kein Poltern, Kratzen und Rütteln. Sie hatten die verhängnisvolle Nacht unbeschadet überlebt.

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