Kapitel 78

Hjaldrist war zu ihrer neuen Familie geworden

Es wurde Frühjahr, bevor die Abenteurer es wagen konnten die beschwerliche Reise zurück gen Westen anzutreten. Die restlichen Wochen in Zerrikanterment hatten sie im Haus von Safi verbracht, der eisern und gastfreundlich darauf bestanden hatte Anna und Hjaldrist Obdach zu bieten. Schlussendlich waren sie Bekannte von Skorpion, in dessen tiefer Schuld der ansehnliche Zuhälter stand. Die beiden Monsterjäger hatten also nicht viele Ausgaben gehabt und nach einiger Zeit fad in den Tag hineingelebt. Jeden Abend hatten sie zusammen trainiert und waren dabei noch zwei, drei Mal den eigenbrötlerischen Mönchen der Stadt über den Weg gelaufen. Die unheimliche Ashbia-Plage Zerrikanterments hatte sich nicht verbessert, doch die Novigraderin und der Skelliger hatten sich dazu entschlossen sich nicht weiter in diese gefährlichen Belange einzumischen. Die Gesichtslosen mit ihren Fächern und Silberspänen hatten sich ihnen gegenüber schließlich nicht geöffnet und sie stattdessen ziemlich abwertend bedacht. Auch hatte man keine Bezahlung für die Erscheinungen vor den Stadtmauern ausgesetzt, da sich die vermummten Mönche um jene kümmern sollten. Deswegen hatten die Vagabunden aus dem Ausland nicht weiter gehandelt. Natürlich hatte die Misere sie brennend interessiert, doch am Ende waren sie keine Helden. Anna’s und Hjaldrist’s Aufgabe war es nicht die Welt zu retten. Das Leben war harsch und die Gegebenheiten Serrikaniens schlecht. Bei diesen Tatsachen hatten sie es belassen und sich von den gesichtslosen Wächtern und deren Auftrag Zerrikanterment zu schützen abgewandt. Besonders die zappelige Anna hatte es am Ende kaum erwarten können die erbärmlich heiße und trockene Wüste endlich wieder zu verlassen. Regelrecht gefreut hatte sie sich am Tag des Aufbruchs. Zusammen mit einer serrikanischen Händlerkarawane und ein paar Söldnern hatten die Abenteurer ihre größte Reise seit Monaten angetreten. Und als sie Wochen darauf über die grüne Grenze hinter den kargen, roten Steppen kamen, herrschte ein klammer Frühling. Es glich schon fast einem späten Winter. Also keinem eisigen Winter, wie man ihn vom rauen Skellige kannte, dennoch war das Wetter unangenehm kühl und der Boden matschig. Es musste vor kurzem sehr stark geregnet haben. Das war wunderbar. Seit einer Ewigkeit hatte der wohlig durchatmende Hjaldrist keinen Tropfen mehr vom Himmel fallen sehen und die stechende Sonne Serrikaniens hatte seine helle Haut so lange gequält, dass sie nun regelrecht gebräunt war. Bestimmt gab es kaum einen Skelliger, der gerade genauso aussah, wie er. Schlussendlich war das Klima auf den Inseln ein viel kälteres und dunkleres.

“Ah!”, jammerte Anna wehleidig und Hjaldrist warf der Frau, die hinter ihm am Pferd saß, einen Schulterblick zu. Auch ihr Teint war heute dunkler, als früher. Doch sicherlich verginge das bald wieder. Schlussendlich befanden sie sich nun wieder in Gefilden mit gewohntem Hundewetter.

“Scheiße, ist das kalt!”, schnappte die Giftmischerin.

“So schlimm finde ich es nun nicht…”, wand Hjaldrist ein, doch die Nordländerin schnaufte nur genervt.

“DU bist ja von den Inseln. Bei euch ist dauernd Winter.”

“Das stimmt nicht. Wir haben auch einen Sommer.”, meinte der Axtkämpfer grinsend und hörte als Antwort darauf nurmehr ein unverständliches Brummen. Seine Kollegin hielt sich an seinem dicken Mantel fest und Hjaldrist spürte, wie sie viel näher rückte, um seinem wärmenden Fellüberwurf näher zu sein. Eine ihrer Hände lag an seiner Seite und sie grub die Wange unglücklich an den Pelzkragen ihres Kumpels. Es… machte den Jarlssohn ein wenig nervös. Doch er ließ Anna. Immerhin saß sie nicht VOR ihm im Sattel, denn das hätte er keine halbe Stunde ausgehalten. Zwar nahm er es sich vor seine Gefühle für Anna zu begraben und war dahingehend wohl auf einem guten Weg. Nur könnte er es nicht gebrauchen ihren Hintern zwischen seinen Beinen zu wissen. Der war nämlich, untertrieben ausgedrückt, äh, nun ja… ganz ‘nett’. War aber auch egal. Anna saß hinten und das war gut so.

“Ich habe Hunger.”, drang es an die Ohren des armen Kriegers heran und er verkniff es sich mit den Augen zu rollen. Stattdessen seufzte er nachgiebig.

“Weiter vorne ist ein kleines Dorf.”, meinte er und nickte der weiten, bewaldeten Ebene entgegen “Dort. Siehst du den Rauch der Kamine? Es ist nicht mehr so weit.”

Der Skelliger spürte, wie sich Anna hinter ihm etwas gerader hinsetzte und sich an ihm abstützte, um mit gerecktem Hals über seine Schulter zu spähen. Apfelstrudel schnaubte unzufrieden und der Jarlssohn nahm die langen Zügel etwas kürzer.

“Da ist auch eine alte Burg.”, bemerkte die Alchemistin erleichtert und Hjaldrist nickte. Tatsächlich erhob sich über dem Ort eine Festung in den wolkenverhangenen Himmel.

“In etwa einer halben Stunde sind wir da.”, schätzte der Undviker “Hm. Mich würde es ja interessieren, wem die Burg gehört und wo genau wir überhaupt gelandet sind.”

“Mich auch.”, gab Anna stöhnend zu, denn es war in der Tat so, dass die beiden Reisenden die Orientierung schon vor drei Tagen verloren hatten. Die unordentliche Frau im Bunde hatte ihre teuren Landkarten der Nördlichen Königreiche und Nilfgaard in der Wüstenrose vergessen. Daher hatten sie sich nach dem dreiwöchigen Weg durch Serrikanien und Korath nurmehr auf skellische Art orientiert: An den Sternen. Und dies natürlich nur nachts. Tagsüber waren sie einfach nur immer ihren Nasen nach geritten, in der Hoffnung Glück zu haben. Und nun waren sie… irgendwo. Also müssten sie zusehen schnell mit Ortskundigen zu sprechen, um zu wissen, wie sie im Anschluss schnellstmöglich nach Toussaint kämen. Schließlich wollten sie ihren Freund Ravello besuchen und den beauclairer Professor finden, der Mutationen erforschte.

 

“Habt ihr die Pest?”, krähte eine Frauenstimme hinter dem Burgtor den abgekämpften Abenteurern entgegen “Niemand, der die hat, kommt hier rein!”

Hjaldrist stutzte heftig und sah, wie Anna ihm einen irritierten Blick zuwarf.

“Ähm.”, entkam es ihm “Nein. Wir sind nicht krank.”

Dann öffnete jemand das kleine Sichtfensterchen in der Tür des geschlossenen Festungstors. Zwei strenge, prüfende Augen starrten dem Jarlssohn entgegen und wanderten dann auch einmal in Richtung seiner burschikosen Begleiterin.

“Wir trauen keinem Fremden!”, schnatterte die fremde Dame hinter dem massiven Tor weiter “Wenn ihr die Pest habt, dann geht wieder! Sonst hetzen wir die Hunde auf euch!”

Hjaldrist wollte ein Schatten über das Gesicht huschen. Er war jetzt schon genervt, doch er räusperte sich und straffte die Schultern, als er vortrat. Die hungrige und daher auch sehr grantige Anna wollte schon losschimpfen, das sah man ihr an. Doch mit einer knappen Handgeste ermahnte ihr vernünftiger Freund sie dazu zu schweigen und ihm das Reden zu überlassen. Er würde das hier schon regeln.

“Wir haben die Pest nicht.”, beteuerte der kluge Mann abermals “Ihr könnt uns gern untersuchen und euch davon überzeugen, dass wir nicht krank sind.”

Auf diese Worte hin verstummte die Frau im Burghof. Sie taxierte die ihr unbekannten Reisenden noch einmal und schlug dann ihr Sichtfenster zu, dass es nur so schepperte. Betretene Stille tat sich auf.

“Na toll.”, konnte man Anna brummen hören und sie steckte sich die Hände in die tiefen Taschen “Und jetzt?”

“Keine Ahnung…”, seufzte Hjaldrist und fuhr sich mit der kalten Hand ratlos durch den Nacken. Er runzelte die Stirn und verzog den Mundwinkel unzufrieden. Der Wind blies unangenehm und es roch nach Regen.

“Die Leute hier sind vielleicht ängstlich…”, kommentierte er und ließ den Blick müde über das Festungstor wandern. Zu gern wäre er jetzt eingelassen worden. Auch ihn plagten mittlerweile Hunger und Durst. Und sein Rucksack zog schwer an seinen rebellierenden Schultern. Viel hätte Hjaldrist gerade für ein großes, dunkles Bier und einen duftenden Braten gegeben. Die letzten Tage über hatten sich er und seine Gefährtin nämlich bloß von zähem Trockenfleisch und altem Brot ernährt. Die Reise durch Korath und die Grenzgebiete war anstrengend gewesen und er hatte es satt in einem kleinen Zelt zu nächtigen.

“Also-”, fing der Axtkämpfer mit erhobener Stimme an, doch kam nicht weiter. Denn auf einmal wurde die kleine, quietschende Türe, die in das hölzerne Burgtor eingelassen worden war, geöffnet. Zum Vorschein kam eine Frau mit strengem Blick, die einen Tellerhelm, einen grün-weißen Wappenrock und eine Hellebarde trug. Ein zweiter, hochgewachsener und sehniger Soldat mit grüner Gugel stand neben ihr und äugte misstrauisch heraus. Offensichtlich war man Ausländern gegenüber höchst argwöhnisch. War dies den Leuten zu verdenken? Offenbar hatten sie schlechte Erfahrungen gemacht oder waren wegen irgendwelcher anderer Ärgerlichkeiten übervorsichtig.

“Kommt herein.”, forderte die unfreundliche Dame mit der Stangenwaffe auf “Und zwar schnell.”

Hjaldrist’s Miene erhellte sich und er warf seiner besten Freundin einen bedeutungsvollen Blick zu. Sofort setzte er sich in Bewegung. Zusammen mit Anna, die ihm dicht folgte, betrat er den Burghof Momente später schon und ließ den Blick forschend wandern. Da war ein steinerner Weg, der leicht anstieg und zwischen wenigen, kleinen Nebengebäuden der Festung bis hin zum eigentlichen, großen Bauwerk hinführte. Eine große Außenterrasse erstreckte sich zu seiner Linken und die mächtigen, runden Türme der Burg waren an die vier Stockwerke hoch. Da waren einige geschäftige Leute, die zusammen lachten oder durch die Gegend huschten. Ein Ritter in voller Montur stolzierte gerade metallen klappernd den Weg herunter und jemand, der vermutlich sein Knappe war, ging wild gestikulierend sprechend neben ihm her. Ein rotblondes Mädchen mit Zopf, keckem Jägerhut und Bogen folgte den beiden und schnatterte aufgeregt vor sich hin.

“Es war keine Absicht!”, beteuerte die besagte junge Frau und der scheppernde Ritter, der wie ein Gockel vor ihr dahin schritt, verdrehte die Augen entnervt “Echt nicht, Sire William! Sei mir bitte nicht böse!”

Es war eigenartig nach vielen Monaten in der Wüste wieder an solch einem Ort zu sein. Er erinnerte entfernt an das farbenfrohe Toussaint. An ein dreckiges, wenig kitschiges und kleines Beauclair vielleicht. Da waren Wimpelchen in Weiß, Violett und Grün, die man an Schnüren über den Weg gespannt hatte und die in der klammen Brise wehten. Ein Banner in Lila, mit weißen Querstreifen in zweien der vier Wappenecken hing aus einem der hohen Turmfenster und bauschte sich ruhig im frischen Wind. Hörbar flatterte der dicke Leinenstoff.

“Zeigt eure Handgelenke her!”, schnatterte die Frau am Tor herrisch und baute sich vor den entkräfteten Abenteurern auf, die neugierig um sich sahen. Hjaldrist wurde durch ihre drängende Stimme in das Hier und Jetzt zurückbefördert und er horchte auf.

“Was?”, entkam es ihm wirr.

“Die Handgelenke!”, brummte die Wache mit dem stählernen Tellerhelm “Wir müssen uns dessen vergewissern, dass ihr nicht die Pest habt!”

Der bedrängte Skelliger runzelte die Stirn tief, doch wehrte sich nicht. Und obwohl er das hier gerade sehr überzogen und unnütz fand, zog er sich die Armschienen und Handschuhe aus, um sich die fleckigen Ärmel hochzukrempeln. Die bissige Fremde vor ihm beobachtete ihn dabei penibel von oben bis unten. Sie rümpfte die Nase und beäugte die Unterarme des Jarlssohns. Auch Anna war derweil von der zweiten, männlichen Wache dazu angehalten worden ihre Handgelenke herzuzeigen und man sah, wie sie allen Aufforderungen genervt folgte. Freya sei Dank muckte sie nicht laut auf, wie sie es sonst so oft tat. Offenbar hatte die Nordländerin gerade solch einen quälenden Hunger, dass sie alles über sich ergehen ließ, nur um bald etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Oder sie war einfach schon zu abgeschlagen, um zu zetern. Daher schnaufte sie nur entnervt und hielt dem viel größeren Soldaten bei sich die freigemachten, tätowierten Arme entgegen. Die Bilderchen auf ihrer Haut brachten jenen dazu die Stirn zu runzeln.

“Tragt Ihr Gifte bei euch?”, fragte der Wachmann vor der besagten Hexerstochter nach einer kurzen Pause plötzlich und nicht nur sie versteifte sich dieses Nachhakens wegen abrupt. Auch Hjaldrist, der sich die fingerlosen Lederhandschuhe wieder anziehen durfte, erstarrte für ein, zwei Atemzüge lang, wie zur Eissäule. Er wollte gar nicht erst wissen, wie sich seine arme Begleiterin, nun fühlte. Anna war eine versierte Giftmischerin. Und das, was sie in ihrem Rucksack bei sich trug, hätte der gesamten Burgbesatzung im Nullkommanichts die Hufe hochreißen können. Die Kurzhaarige hatte von Hexern und einem verrückten Druiden Skelliges gelernt und ihre Toxine waren verheerend.

“...Nein. Tu ich nicht.”, konnte man die lügende Kriegerin gezwungen gefasst sagen hören und sie bemühte sich um eine harte Miene. Von der Seite aus sah Hjaldrist zu ihr und versuchte nicht entgeistert zu starren. Nervosität haschte mit gierigen Fingern nach ihm und brachte ihn dazu trocken zu schlucken.

“Hm.”, brummte der schlaksige Gerüstete vor der Kurzhaarigen und beäugte sie vom Scheitel bis zu den Zehen. Der anwesende Undviker erkannte, wie seine aufgeregte Kollegin die Hände zu Fäusten ballte und wie ihre Kiefermuskulatur arbeitete, als sie die Zähne zusammenbiss. Sicherlich war ihr das schnell pochende Herz in die Hose gerutscht, doch noch mimte sie die gelassene Reisende, die sich keinerlei Schuld bewusst war. Ach, wenn die hiesigen Leute nur wüssten! Anna trug unter anderem Mantikor-Gift mit sich herum, als sei dieses weltweit stärkste Sekret ein unbedenkliches Wässerchen. Nur wenige Tropfen davon, in den örtlichen Brunnen gegeben, hätten aus diesem Ort eine Geisterstadt gemacht.

“Gut.”, murrte der Wachmann jetzt und all die Anspannung, die Hjaldrist soeben noch gepackt gehalten hatte, ließ von ihm ab. Noch immer hing sein Blick auf Anna, die just sichtbar tief durchatmete. Nervös lächelte sie dem Soldaten vor sich entgegen.

“Schönen Tag noch.”, brummte der “Und benehmt euch.”

“Klar. Immer.”, schnappte Anna und es war ein Wunder, dass sie damit durchkam. Welch ein Glück musste man bitteschön haben, um als Kräuterkundige so einfach an höchst skeptischen Burgwachen vorbeizukommen? Bestimmt hätte der Soldat, der die verschlagene Novigraderin angesprochen hatte, bald Schichtwechsel und nurmehr wenig Motivation dafür nach irgendwelchen Giftfläschchen oder toxischen Kräutern zu suchen. Den Göttern sei Dank. Wäre dem nämlich nicht so gewesen, hätte man die Reisenden umgehend rausgeworfen und ihnen damit die Gelegenheit auf warmes Essen, etwas zu Trinken und ein Bett verwehrt. Oder viel schlimmer noch: Womöglich hätte man Anna ja sogar festgenommen und eingesperrt. Hjaldrist wusste schließlich nicht, wie es die Autorität hierzulande mit dem Besitz von hochgefährlichen Giften und dem dreisten Lügen darüber sah; mit dem Hereinlegen der pflichtbewussten Burgwache und guter Miene zu bösem Spiel. Vielerorts standen die meisten dieser Punkte nämlich unter Strafe.

 

Nachdem man die Abenteurer endlich guten Gewissens eingelassen hatte, hatten sie sich erst einmal knapp bei den ansässigen Leuten umgehört. In die Schänke waren sie spaziert, um nachzusehen, was es zu essen gäbe und schnell hatten sie nebenher herausgefunden, dass sie auf Burg Sturmfels gelandet waren. Und dass der Lehnsherr des verschlafenen Ortes gar zu einer großen Jagd ausgerufen hatte, an der sie teilnehmen könnten. Nach dem anfänglichen Misstrauen der Wachen am Tor, hatten sich die Menschen hier recht umgänglich und gesprächig gegeben. Man hatte Anna und Hjaldrist zuvorkommend die Taverne gezeigt; sie dabei aber auch gescholten, weil sie keine Kopfbedeckungen trugen. Das, so hatte ihnen die entrüstete Schankmagd mit der breiten Zahnlücke gesagt, sei in diesen Landen unzüchtig. Keinen Hut oder keine Bundhaube zu tragen bedeute nackt zu sein. Die belustigten Vagabunden hatten sich auf diese Erklärung hin ein Schmunzeln verkniffen und sich die Kapuzen über die Häupter gezogen. Und nun, kaum eine Stunde später, saßen sie mit reichlich Bier auf der großen Außenterrasse neben dem Tor beisammen, um den Tag bei einem lustigen Würfelspiel ausklingen zu lassen. An mehr war heute, nach der ewigen Reise zu Pferd, nicht mehr zu denken. Eine Frau, die ebenso nicht von hier war, hatte sich zu den beiden Freunden gesellt: Saira, eine angebliche Tänzerin. Sie sah aus, als käme sie aus dem Osten oder einem Zirkus, trug einen Rock aus fliederfarbenem Leinen und ein knappes Oberteil, das gerade einmal so ihre Brüste bedeckte. Der kühle Wind schien ihr nichts auszumachen und sie lachte triumphierend, als sie die erste Würfelrunde gewann. Sie war eine eigenartige Gesellin, fand Anna. Die kurzhaarige Alchemistin rollte schmunzelnd mit den Augen, als sie ihren nächsten Einsatz in Form einer serrikanischen Kupfermünze auf den Tisch schnippte. Jene war hierzulande so gut wie nichts wert. Und Saria schien das nicht zu wissen. Offenbar kam sie ja doch nicht aus dem dürren Land, aus dem Hjaldrist und seine Kollegin unlängst zurückgekehrt waren.

“Die nächste Runde gewinne ich!”, grinste Anna überheblich und die etwa gleichaltrige Tänzerin lachte schelmisch.

“DAS werden wir ja sehen!”, gab Saira herausfordernd zurück und ahnte nicht, dass Hjaldrist seiner besten Freundin unter dem Tisch drei gezinkte Würfel zuschob. Unschuldig lächelte der Skelliger und lehnte sich dann vor, um gespannt auf das lederne Spielbrettchen zu sehen. Anna versuchte nicht zu breit zu lächeln, als ihre Gegenspielerin eine Sechzehn würfelte. Die Neunzehn war in diesem Spiel namens ‘Kutsche’, die höchste Zahl. Und jene würde die schummelnde Novigraderin gleich würfeln, sollte sie nicht immenses Pech haben. Sie nahm den punzierten Würfelbecher erwartungsvoll an sich, als sie die Wache unweit am Tor laut maulen hörte. Dunkle Wolken näherten sich vom waldgesäumten Horizont. Nicht mehr lange und es würde regnen.

“Habt Ihr die Pest?”, fragte die Soldatin mit dem Tellerhelm laut und indirekt anschuldigend. Hjaldrist lachte ob dem leise in sich hinein und schüttelte den Kopf ungläubig.

“Ich bin ein Hexer. Ich werde nicht krank.”, kam die Antwort des Neuankömmlings prompt und Anna, die Rist’s gezinkte Würfel gerade ins Spiel bringen hatte wollen, erstarrte von einer Sekunde auf die nächste. Ihr irritierter Freund sah sie mit hochgezogenen Brauen an, als er bemerkte, wie sie augenblicklich stockte und den Würfelbecher in ihren Händen sinken ließ. Beinah entglitt der Giftmischerin das braune Becherchen sogar.

“Hm?”, machte der Undviker im grünen Rock “Anna...?”

“Was? ‘Hexer’?”, keifte einer der Soldaten am Tor “Ein Unholdjäger seid Ihr?”

“Ein was?”, gab der besagte Vatt’ghern durch die Abriegelung zurück. Er klang äußerst pikiert. Und vor allem kannte Anna dessen Stimme. Oh ja, jene war ihr so vertraut, dass sie sie unter hundert anderen erkannt hätte. Verdammte Kacke. Ihr wurde schlecht. Heiß und kalt zugleich lief es ihr den schmalen Rücken hinunter und sie stellte den billigen Würfelbecher fort. Rist beäugte sie besorgt.

“Wie heißt Ihr?”, fragte der sehnige Wachmann weiter “Seid Ihr Balthar von Brugge? In diesem Fall solltet Ihr besser ganz schnell von hier verschwinden, Ihr Gotteslästerer!”

“Nein, ich will rein!”, gab der konfrontierte Hexer zurück und Anna schaffte es noch immer nicht sich zu rühren. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie glaubte, es hüpfe gleich aus ihrer schmerzenden Brust hervor. Aus großen Augen starrte sie vor sich hin und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Und weil sie nur ein klein wenig Atem fand, wisperte sie bloß ein hilfesuchendes ‘Rist’.

“Bei Freya’s Titten!”, entkam es dem besagten Krieger aus dem Westen und er sah sich höchst interessiert nach dem Tor um, das keine zehn Meter entfernt vor dem Steinweg zur Feste lag. Man hätte glauben können, er steige gleich auf die Holzbank, um mehr sehen zu können, der Idiot.

“Rist.”, keuchte Anna abermals drängend und bemühte sich darum nicht zu laut zu sein “Wir müssen weg.”

“Hä?”, der schaulustige Schönling blickte sich nach seiner Freundin um, die sich die Kapuze mit fahrigen Fingern schief über den Kopf zerrte. Die panische Kriegerin zog das Haupt ein und stand hastig auf. Unbeholfen klaubte sie nach ihrem Rucksack und verschnürte ihn ungeschickt.

“Warum willst du weg?”, fragte der Jarlssohn jetzt “Der Hexer vorn draußen... Das ist Balthar. Ist er nicht der, der dich großgezogen hat?”

“Ja.”, murmelte die aufgerüttelte Novigraderin nickend “Deswegen müssen wir weg.”

“Aber…”, wand Rist ein “Willst du ihn denn nicht sehen?”

“Nein.”, sagte die Kurzhaarige schnell und sah befangen unter ihrer weiten, wollenen Kopfbedeckung auf. Sie schluckte schwer und drückte ihren Rucksack an sich.

“Meine Fresse, Flohbeutel…”, kommentierte der Skelliger bei ihr ganz gelassen und musste nachgiebig lachen “Du siehst ja aus, als sei ein Bies hinter dir her.”

“Bies?”, keuchte die aufgebrachte Frau “Das… das hier ist viel, viel schlimmer, als ein Bies. Lass uns gehen. Bitte, Hjaldrist.”

“Ich muss mit meinen Kontakten sprechen! Also lasst mich rein!”, bat das Katzenauge vor dem großen Tor drängend “Herr Berold wird für mich bürgen!”

“Herr Berold?”, fragte die Burgwache zweiflerisch und gab einen abfälligen Ton von sich.

“Rist!”, entkam es Anna nun noch einmal mit viel Nachdruck. Sie starrte ihren Kumpel aufgebracht an und war so nervös, dass sie am liebsten von einem Fuß auf den anderen getreten wäre. Ihr ganzer Körper war angespannt und ihre Eingeweide verknoteten sich. Kalter Schweiß wollte ihr ausbrechen.

“Beruhige dich doch, Anna.”, wand Hjaldrist aber nur wieder ein und die Angesprochene hätte ihn dafür am liebsten geschlagen “Setz dich hin. Dir passiert schon nichts.”

“Doch… doch! Ich bin damals, in Goldenau, einfach so abgehauen. Balthar wird unheimlich böse auf mich sein. Und… es ist nicht gut, wenn er böse ist. Ganz und gar nicht gut.”, fand die Kurzhaarige und klammerte sich nach wie vor an ihren Rucksack, den sie sich unlängst vom Boden gefischt hatte. Es wirkte so, als MÜSSE sie sich just daran festhalten und alles in ihr schrie hysterisch danach zu fliehen. Und zwar sofort. Denn tatsächlich fürchtete sie sich immens. Nicht nur, weil sie ein unsagbar schlechtes Gewissen plagte und sie nicht wusste, was sie sagen sollte, sollte sie Balthar gegenüberstehen. Sondern auch, weil sie sich in diesem Augenblick mit Grauen daran erinnerte, wie er früher immer agiert hatte, wenn sie etwas Törichtes angestellt hatte. Es war nicht selten vorgekommen, dass man der kleinen, vorlauten Anna Schläge versprochen oder jene Drohungen gar wahrgemacht hatte. Es war völlig normal gewesen.

“Böse? Ich denke eher, er wird sich freuen dich zu treffen.”, lächelte Rist schief und kam zu seiner Freundin, um ihr eine Hand zuversichtlich auf die Schulter zu legen “Er hat dich seit vier Jahren nicht gesehen und bestimmt glaubt er, du seist tot.”

Anna schloss den Mund, als sie das hörte und sah ihren optimistischen Kumpel äußerst unschlüssig an. Sie hatte Angst. Oh ja, es gab wenig, vor dem sie sich fürchtete, doch Balthar gehörte definitiv zu einem ihrer wenigen Albträume. Er wäre sicherlich so, so wütend auf sie. Sie wollte nur noch weg von hier und jedwelche Konfrontation vermeiden.

“Also komm mal runter.”, endete Hjaldrist seine besonnene Ansprache “Warte einfach mal ab. Und wenn er reinkommt, dann sprich ihn an. Es wird schon nichts passieren und wenn doch, dann bin ich auch noch da, hm?”

Die schweren Schultern der Frau sanken weit und sie musste trocken schlucken. Ja, ihr treuer Gefährte, ihr bester Freund, war bei ihr. Und zusammen hatten sie schon gegen so viele fürchterliche Monster gekämpft. Er wäre da, sollte Balthar ausrasten. Und-

Ja, vielleicht sollte sich Anna tatsächlich einfach am Riemen reißen und… und ihrem Ziehvater Hallo sagen. Einfach so. Sie war sonst doch immer so mutig.

“Komm schon. Gib dir nen Ruck.”, drängte Rist nun und sah Anna ermunternd an, stieß ihr auffordernd gegen den Oberarm. Da öffneten die Torwachen Balthar die Pforte und man hörte, wie er durchsucht wurde.

“Zeigt Eure Arme her.”

“Da.”

“Tragt ihr Gifte bei Euch?”

“Nein.”

Der Hexer log.

“Na dann. Schönen Tag noch und benehmt Euch.”

“Danke.”

Leicht geduckt sah sich Anna indes zu dem Weg um, der vom Haupttor der Feste zum großen Burgtrakt hinaufführte. Nur aus dem Augenwinkeln und unter ihrer schweren Kapuze lugte sie dorthin und erkannte Balthar sofort; Den schwarzen Umhang mit den Flicken, die beiden Schwerter, die schulterlangen, braunen Haare, die unter der Kapuze hervor fielen, den Gang, das Gehabe. Er war es, tatsächlich.

“Scheiße.”, wisperte die nordländische Kriegerin mit zittriger Stimme, als der Vatt’ghern, ihr Ziehvater, den Weg zwischen den Nebenhäuschen nahm und dabei weder nach links, noch nach rechts blickte. Zielstrebig hielt er auf die Burg zu und hatte Anna noch nicht gesehen.

“Los.”, sagte Hjaldrist und berührte seine Gefährtin dabei auffordernd am Handrücken. Der Schönling nickte in die Richtung des Mutanten, der die Hälfte der Straße gen Haupthaus schon hinter sich hatte.

“Sag ihm Hallo.”, forderte der Skelliger frohen Mutes auf. Und Anna atmete einmal tief durch. Sie holte Luft, um einen Einwand zu schnappen, einmal, zweimal. Doch am Ende schwieg sie und setzte sich einfach in Bewegung, um loszulaufen. Oh, Augen zu und durch. Melitele, steh ihr bei...

“Balthar!”, rief die Kräuterkundige laut und ihre Stimme versagte dabei beinahe. Die Kriegerin nahm die drei Stufen, die von der Terrasse auf den Steinweg hinunterführten und stolperte dabei fast über ihre eigenen Füße. Sie hastete zwei, drei Schritte weiter, ehe sich der angesprochene Hexer auch schon suchend umwandte und erstarrte, als er sein Mündel erkannte. Auch Anna hielt sogleich an und atmete unruhig, als sie dem bärtigen Kerl aus Kaer Morhen entgegen starrte. Scheiße. Was sollte sie nun tun? Was sollte sie machen? Hjaldrist war knapp hinter ihr und wartete mit verschränkten Armen ab. Er war soeben der einzige Halt, den die verunsicherte Anna hatte, und seine Anwesenheit fühlte sich ungemein beschwichtigend an. Die aufgeregte Frau war ihm endlos dankbar dafür, dass er ihr beistand.

“H-Hallo!”, entkam es der kleinmütigen Alchemistin planlos. Und dann kam Balthar stumm auf sie zu. Dem Drang wegzulaufen widerstehend, verharrte Anna eisern an ihrem Platz und die Farbe war ihr längst aus dem Gesicht gewichen. Sie biss die Kiefer aufeinander und hielt die Luft an, als ihr Ziehvater mit wehendem Mantel vor sie kam und sie todernst ansah. Da war keine Wiedersehensfreude in seinem kalten Blick und seine schwarze Kapuze warf einen Schatten auf seine goldenen Augen mit den schlitzförmigen Pupillen. Leicht rümpfte der Mann, der ein, zwei Zentimeter kleiner war, als seine ‘Tochter’, die Nase und der Blickkontakt zu ihm war quälend.

“Tse…”, machte Balthar nach Momenten des Taxierens abfällig und Anna fühlte sich, als habe man ihr gerade einen Eimer voller Eiswasser entgegen gekippt. Ihre trockenen Lippen standen ihr ungläubig einen kleinen Deut weit offen und ihre braunen Augen begannen damit unstet zu wandern. Sie wollte weg. Das hier war eine dumme Idee gewesen.

“Wie fühlt es sich an eine Verräterin zu sein?”, wollte Balthar wissen und die Abscheu in seinem stechenden Blick tat weh. Sie traf die Nordländerin, wie ein spitzer Speer. Anna atmete flach ein und wollte etwas sagen. Doch sie bekam nur ein leises, unverständliches Gestammel heraus. Sie… sie hätte vorhin gehen sollen. Sie hätte sich Hjaldrist schnappen und dann ganz eilig von hier verschwinden sollen, verdammt. Eine schneidende Stille tat sich zwischen ihr und dem verdreckten Wolfshexer auf. Sie war vernichtend und das aufziehende Unwetter mochte so gut zu der schlechten Atmosphäre passen. Erste, kleine Regentropfen fielen hernieder.

Nach einer zähen Ewigkeit, rührte sich Balthar endlich. Er schlug die unmenschlichen Augen kurz nieder, atmete aus. Dann kam er vor und umarmte Anna ganz plötzlich, drückte sie eng an sich und die Frau glaubte, sie falle in dieser unfassbaren Sekunde noch tot um. Der Vatt’ghern hielt die viel Jüngere fest und seine Stimme wurde im Vergleich zu vorhin ungewohnt weich, als er sprach.

“Ich dachte, du seist tot...”, sagte er aufrichtig. Die burschikose Trankmischerin fand ihre Sprache indes nicht, denn sie stand noch immer völlig hin und her gerissen da; überwältigt und atemlos. Balthar hatte sie noch nie umarmt.

“Wir alle haben geglaubt, du seist gestorben, Anna. Wo warst du nur?”, fragte der Wolf jetzt und ließ seine Ziehtochter langsam wieder los, um sie prüfend anzusehen. Er zog die Brauen zusammen und musterte sie eingehend, als er sie an den Oberarmen festhielt.

“Du…”, fing er zögerlich an “Du riechst nach Wolfsbann und Arenaria...”

Hallo, dritter Herzinfarkt des heutigen Abends. Anna stand nach wie vor da, wie eine Statue. Sie klaubte verzweifelt nach passenden Worten, doch fand keine. Was sollte sie denn sagen? Sie wollte nicht, dass Balthar wusste, dass sie Toxine schluckte, um sich zu immunisieren. Er sollte nicht davon erfahren, dass sie auf dem Weg war eine Kräuterprobe für sich selbst zu finden, um eine echte Hexerin zu werden. Denn er hatte seinem ambitionierten Mündel zu große Pläne, wie diesen, immer ausreden wollen.

Nah kam Balthar an Anna heran und roch an ihr, wie ein Raubtier an seinem Jungen. Er schnupperte an ihrem Nacken, ihrem Hemd, dem Arm, an den braunen Haaren. Oh, bitte nicht.

“Du riechst nach Gift…”, fand der Katzenäugige abwertend und verzog das Gesicht unzufrieden. Sein Blick stach abermals unangenehm.

“Und nach einem Mann.”, setzte er noch nach und erschien darüber noch viel grantiger, als über die Sache mit den toxischen Kräutern. Böse brummte Balthar und verengte die Vipernaugen verstimmt. Anna war es indes schwindelig geworden. Sie blinzelte ohnmächtig und wusste nicht, was äußern. Doch zum Glück kam ihr Rist, als glorreicher Retter in der Not, endlich zu Hilfe.

“Hey.”, machte der muntere Skelliger und kam neben seine zerfahrene Freundin “Du bist also Balthar? Hallo.”

Die Aufmerksamkeit des etwas kleineren Hexers fiel auf den gelassenen Undviker, der jetzt dicht, wie eine Leibwache, neben Anna stand.

“Ich bin Hjaldrist.”, stellte der sich nett vor und erhob eine behandschuhte Hand zum Gruße. Doch die tierisch anmutenden Augen des Mutanten hefteten sich nicht genauso zuvorkommend auf den Jüngeren, sondern höchst zweiflerisch. Von Anna ablassend starrte Balthar Rist an, als sei jener ein ungewollter, hinterhältiger Eindringling. Und er antwortete dem Axtkämpfer nicht, sondern richtete sich wieder streng an seine Ziehtochter.

“Wer ist er?”, wollte Balthar von Anna wissen, als er Hjaldrist finster ansah “Schläfst du mit ihm?”

Die so direkt konfrontierte Frau verschluckte sich an der eigenen Spucke und musste husten. Man sah, wie der betroffene Skelliger ganz plötzlich unruhig lächelte. Doch er fing sich kaum einen Wimpernschlag später schon, um zu einer Abwehr anzusetzen. Zum Glück, denn Anna hatte ihre Stimme verloren.

“Oh! Jetzt mal langsam!”, maulte der Kämpfer in der grünen Tunika und erhob die Hände besänftigend “Wir sind nur Freunde! Klar?”

Melitele sei Dank erwähnte Rist dabei nicht, dass sich Anna früher nur allzu gern von ihm hatte flachlegen lassen und vice versa. Dass sie zwei betrunken miteinander herumgemacht und einmal gar mit einem Trank gespielt hatten, der die gierige Anna rattig gemacht hatte, wie Nachbar’s Köter. Dass ER derjenige war, der die Kriegerin in Sachen ‘Männer’ entjungfert hatte. Oh, ja, zum Glück hielt er dahingehend die Klappe und mimte den Unschuldigen.

“Freunde?”, brummte Balthar und sah Anna anschuldigend an “Du reist mit ihm?”

“J-ja…”, nickte die Kurzhaarige nun und schaffte es allmählich wieder zu reden “Schon eine ganze Weile. Äh, drei Jahre. Oder so.”

“Pah. Du weißt, was ich dir über Kerle gesagt habe? Oder hast du all meine Lektionen längst vergessen? Sind dir meine Worte SO wenig wert?”, knurrte der unzufriedene Hexer weiter und es war klar, dass er den besten Freund und Seelenverwandten seiner Tochter nicht akzeptierte. Er kannte Hjaldrist noch nicht einmal und hasste ihn bereits abgöttisch. Großartig.

“Du riechst nach ihm.”, wiederholte Balthar sich patzig “Was, wenn du schwanger wirst? Neun Monate lang musst du das Balg dann austragen und kannst nicht arbeiten! Das habe ich dir so oft gesagt. Und was tust du, Mädchen? Männer sind nichts für dich. Sei keine Närrin.”

“Ich-... wir sind nur Freunde, Balthar!”, wehrte sich die Novigraderin endlich unbeholfen und holte tief Luft “Nur… nur, weil ich mit Rist reise, heißt das nicht, dass wir etwas miteinander haben! Er ist vollkommen in Ordnung!”

“Dennoch riechst du, wie er, Arianna!”, blaffte der finster starrende Vatt’ghern beständig und im lauten, verärgerten Ton.

“Meine Fresse!”, beschwerte sich Hjaldrist nun mit erhobener Stimme und warf die Arme empört in die Luft “Wir teilen uns ein Zelt, ja? Anna leiht sich Hemden von mir aus, weil sie ihre eigenen immer einsaut. Da riecht sie halt mal nach mir oder andersherum! Sie ist meine engste Freundin und das heißt nicht, dass ich sie schwängere. Ja, WAS zum Geier?”

Balthar schnaufte überaus genervt und sah aus dem Augenwinkel zu dem zornigen Skelliger hin. Hätten Blicke töten können, wäre der arme, bewusst missverstandene Jarlssohn nun mausetot umgefallen. In der Ferne sah man Wetterleuchten und der Wind brachte kalte Regentropfen mit sich.

“Du fasst meine Tochter nicht an, Junge!”, drohte der langhaarige Wolf feindselig “Ich töte dich, wenn du es tust.”

“Pah!”, machte Rist nurmehr ungläubig und Anna hätte sich am liebsten die Hände vor das Gesicht geschlagen. Ja, sie beide hätten vorhin abhauen sollen, definitiv. Welch ein Schlamassel...

“Du hast mir nicht erzählt, dass dein Vater solch ein Arschloch ist, Anna.”, merkte der Undviker verstimmt an und dies ohne den Blick von Balthar zu nehmen “Nach deinen Erzählungen dachte ich, er sei ein halbwegs guter Kerl. Also abgesehen davon, dass er dich geschlagen hat, als du klein warst.”

Der betretene Blick der Giftmischerin sank und verrutschte in eine zutiefst betroffene Richtung. Sie schwieg und kaute sich auf der Unterlippe herum.

“Ich bin in der Taverne.”, kommentierte Rist zuletzt schnippisch und wand sich ohne weitere Umschweife zum Gehen. Abfällig winkte er dabei ab. Na, toll. Und nun? Was sollte Anna machen? Hier, bei Balthar, bleiben? Oder ihrem allerbesten Freund folgen? Ach, es war doch eigentlich klar: Die Schwertkämpferin zögerte nur einen Wimpernschlag lange, bevor sie los eilte, um Hjaldrist hinterher zu laufen. Es war beachtlich, wie leicht ihr diese Entscheidung in diesem Moment fiel.

“Rist!”, bat sie “Warte auf mich!”

Nur einen Herzschlag lange hielt der Angesprochene auf das Rufen inne, ging dann aber einfach beleidigt weiter. Anna schloss laufend zu ihm auf und ihre Kapuze rutschte ihr vom Kopf. Sie sah von der Seite aus und durch den langsam stärker werdenden Regen zu Rist hin, um ihn prüfend zu betrachten. Die Kurzhaarige fühlte sich schlecht, obwohl sie doch keine Schuld am schrecklichen Verhalten Balthars hatte. Der Regen fiel ihr kühl in das noch immer etwas blasse Gesicht und weit entferntes Donnergrollen kam durch den satten Forst hierher.

“Gehen wir was trinken…”, murrte Hjaldrist in seinen Dreitagebart und linste aus den Augenwinkeln zu seiner Freundin “Ich brauche gerade etwas Stärkeres, als Bier. Sonst haue ich dem verschissenen Vatt’ghern noch die dumme Fresse ein.”

Verunsichert lächelte Anna und nickte zustimmend. Und sie hoffte, dass ihr Ziehvater ihnen vorerst nicht folgen würde. Es wäre besser, er ließe die zwei Jüngeren nach seiner unmöglichen Tirade in Ruhe und die ungute Gelegenheit etwas abkühlen. Ja, es war unglaublich, wie bissig sich der alte Hexer gerade eben verhalten hatte. Er hatte einem wütenden Kampfhund geglichen. Doch sollte sich Anna überhaupt darüber wundern? STÄNDIG hatte Balthar seinem gut behüteten ‘Wölfchen’ früher vorgebetet, wie schlecht die notgeile Männerwelt doch sei und seine ‘Tochter’ klug wäre sich niemals mit einem der widerlichen, verlausten Kerle abzugeben. Zum blinden Männerhass hatte er Anna erzogen und die anfangs etwas weltfremde Vagabundin hatte sich nach ihrer Flucht aus dem Nest ewig lange sehr schwer damit getan sich Rist gegenüber zu öffnen. Ja, man musste doch nur daran denken, wie sie ihn angespien hatte, als er sie damals, auf Drakensund, aufgeweckt hatte, nachdem sie im Badezuber Adlets eingenickt war. Außer sich war die Unbekleidete gewesen, weil sie außer Balthar’s warnenden Worten und der ganzen, damit verbundenen Vorurteile nichts über Männer gewusst hatte. Sie hatte damals, im kleinen Zuber, genauso wütend gemurrt und Gift gespuckt, wie ihr motzender Ziehvater vor wenigen Minuten. Doch sie hatte sich geändert. RIST hatte sie verändert. Einfach so war er in ihr Leben getreten und hatte einen etwas besseren Menschen aus ihr gemacht, dessen war sie sich ganz sicher. Und aus diesem Grund folgte sie ihm nun mit gutem Gewissen gen Feste, anstatt brav bei Balthar zu verweilen und sich kleinlaut zu entschuldigen. Hjaldrist war zu ihrer neuen Familie geworden. Und sie fühlte sich ihm so viel näher, als dem launischen Hexer und ihrem Mentor, der sie zwölf Jahre lange großgezogen und ausgebildet hatte. Diese Erkenntnis traf sie just hart. Anna verlangsamte ihren Schritt für wenige Atemzüge lange, als sie dem Rücken ihres Freundes entgegensah, der die gemütliche Taverne soeben betrat. Denn mit einer gewissen Überwältigung, die sie atemlos machte, realisierte die Trankmischerin plötzlich, wie immens wichtig Hjaldrist ihr im Gegenzug zu allen anderen war. Neben ihm wirkten Vadim, Balthar und Jaromir auf einmal so klein. Oh, es war immer so gewöhnlich erschienen, dass Hjaldrist Anna begleitete und einfach nur, naja, da war. Dass sich der schief lächelnde Undviker stets an ihrer Seite hielt, Tag und Nacht ein offenes Ohr hatte und freudige Bereitschaft zum gemeinsamen Reisen zeigte. Und die Kräutersammlerin liebte ihn dafür. Sie schätzte ihn so viel mehr, als ihren Adoptivvater und all die anderen Wölfe, die sie in ihrem früheren Leben begleitet hatten. Und das nun so offenkundige Bewusstsein darüber erwärmte der gerade noch so verzwickten Anna das Herz, als sich Rist nach ihr umdrehte und sie fragte, was sie denn trinken wolle.

“Die haben selbstgebrannten Schnaps aus Walnüssen.”, sagte der Undviker, der sich leger auf die abgegriffene Verkaufstheke stützte “Willst du? Die erste Runde geht auf mich.”

Ein frohes Lächeln zog an den trockenen Lippen der Ungeheuerjägerin und sie nickte. Es war erleichternd, dass ihr Kumpan so gewöhnlich mit ihr sprach, obwohl er just sehr aufgebracht sein musste; und dass er ihr nicht böse war.

“Ich suche uns einen Platz.”, verkündete Anna und wandte sich ab, um im Gasthaus nach einem freien Tisch zu sehen. Es wurde Abend und daher füllte sich die Taverne allmählich. In einer der Ecken saß ein angeheiterter Mann und spielte fröhliche Melodien summend auf seiner Gitarre. Ein feister Jemand, der anmutete, wie ein fröhlicher Priester oder Mönch in brauner Kutte, saß neben dem Musikanten und schunkelte leicht, während er sich zufrieden einen großen Humpen Bier in den Rachen kippte.

“Hey!”, maulte die blonde Schankmagd mit der markanten Zahnlücke, die die ausländischen Vagabunden kurz nach ihrem Eintreffen in der Burg gesehen hatten und erhob einen hölzernen Kochlöffel drohend “Was habe ich Euch über Kopfbedeckungen gesagt, Mädel? Bei Ordon! Wenn Ihr schon auf Besuch seid, dann passt Euch wenigstens unseren Gebräuchen an!”

Anna zuckte ertappt zusammen und lachte unwohl berührt, ehe sie sich die wollene Kapuze wieder auf den regenfeuchten Kopf zog. Auweia.

 

“Man kann euch also anheuern?”, ein Mann mit blondem Bart und in orange-beiger Kleidung ließ sich bei Anna und Hjaldrist nieder. Die beiden Monsterjäger hatten längst ein paar Kurze intus und hatten sich soeben prächtig über alte Geschehnisse der Inseln unterhalten. Über eifersüchtige Vildkaarle und sturzbesoffene Druiden zum Beispiel, über Riesenmäuse und Straßenkämpfer mit Fischfressen. Nun aber, da sich der Fremde mit dem spitz zulaufenden Filzhut zu ihnen gesellte, stockten sie in ihrem heiteren Geplapper und sahen fragend auf. Anna’s Blick fiel sofort auf die Kopfbedeckung des Kerles und sie wusste nicht, ob sie sich ein amüsiertes Lachen verkneifen sollte oder nicht. Oh, welch ein dummer Hut!

“Uns anheuern?”, machte Hjaldrist derweil und lugte unter seiner Kapuze hervor “Ja, das kann man vielleicht. Warum?”

“Ah, das kommt mir sehr gelegen.”, lächelte der in Orange zufrieden und lehnte sich zurück, als er zwischen den Ausländern hin und her sah. Er setzte zum Weitersprechen an, doch bemerkte, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte und hielt leise hüstelnd inne. Der Musiker von vorhin spielte noch immer Gitarre und der begeisterte Mönch neben ihm mutete an, als spränge er am liebsten auf die schmale Tavernenbank, um darauf zu tanzen.

“Verzeiht.”, sagte der Unbekannte und Anna’s Brauen wanderten in die Höhe. Sie war ein wenig angetrunken. Vielleicht war es gerade keine sonderlich gute Idee irgendwelche Geschäfte zu besprechen. Auf der anderen Seite käme die ein oder andere Kupfermünze sehr gelegen und womöglich war der Auftrag des Dummhutes ja gar nicht einmal so groß oder zu schwer.

“Mein Name ist Berold von Krähenau.”, erklärte der Typ nett und die Frau am Tisch taxierte ihn sogleich viel interessierter. Berold? Balthar hatte diesen Namen doch in den Mund genommen, bevor man ihn eingelassen hatte. Zum Glück war der Hexer bisher noch nicht in der Schänke aufgetaucht. Ob Dummhut etwa ein Freund von ihm war?

“Ich bin Hjaldrist.”, entgegnete der anwesende Undviker gleich ebenso freundlich und deutete auf seine Kollegin in der schwarz-roten Jacke. Ehe er sie jedoch vorstellen konnte, sprach sie ihm dazwischen.

“Anna.”, entkam es der Kurzhaarigen knapp und Berold betrachtete sie verblüfft, als nichts weiter ihre Lippen verließ. Er brauchte ein paar Atemzüge, ehe er verstand, dass man ihm keine Titel oder Familiennamen nennen würde.

“Einfach nur Anna und Hal-...?”

“Hjaldrist.”, korrigierte der besagte Axtkämpfer mit dem komplizierten Namen bestimmend.

“Ja, genau.”, nickte der Orangene ein klein wenig betreten.

“Mhm, einfach nur Anna und Hjaldrist.”, versicherte Anna’s bester Freund und musste schmunzeln. Er verschränkte die Arme locker vor der Brust.

“Verstehe…”, antwortete Berold stirnrunzelnd und ging nicht weiter auf die Nachnamen seiner neuen Bekanntschaften ein. Waren jene denn wichtig? Wohl kaum. Außerdem, so wusste Anna, erwähnte Rist seinen langen, vollen Namen - Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite von Caer Gvalch’ca - nur sehr ungerne. Denn der brachte ihn unmissverständlich mit seiner adeligen Abstammung und seinem verhassten Vater in Verbindung. Und der Krieger in der grünen Tunika wollte in den Augen anderer nicht als potentieller Jarl der westlichen Inseln gelten. Er sah sich selbst als einen einfachen Ungeheuerjäger und ewig Reisenden an, losgelöst von seiner reichen Familie auf Skellige. Und dies würde sich sicherlich niemals wieder ändern. Nicht, nachdem sein ruchloser Vater Halbjørn ihn damals mithilfe seiner Zuträger einfangen und zurück nach Undvik hatte schleifen wollen. Und nicht, nachdem einer der besagten Jarlsschatten die widerspenstige Anna beinahe getötet hätte. Die raue Winterinsel, unter der Führung der Falchraites, war eine Vergangenheit, die man nur allzu gerne vergaß. Und die Hexerstochter war unsäglich froh darüber, dass sie sich dessen gewiss sein konnte, ihren engsten Kumpel für immer bei sich zu haben. Ja, diese Hoffnung zauberte ihr in dieser Sekunde ein leicht dümmliches Lächeln aufs Gesicht.

“Also.”, seufzte Hjaldrist nun und lehnte sich, wie sein Gesprächspartner, abwartend zurück “Um was geht es, Herr Berold?”

“Es gibt hier jemanden, der mir ein Dorn im Auge ist.”, eröffnete der Blonde jetzt verschwörerisch “Und ich möchte, dass ihr ihm einen ordentlichen Denkzettel verpasst.”

Rist gab einen skeptischen Ton von sich, als er beobachtete, wie Berold schon dabei war sich drei Kupfer aus der klingelnden Geldkatze zu klauben. Sollten die eine Anzahlung sein? Oder die volle Belohnung? Drei Kupfermünzen war eine mickrige Summe für einen Gefallen.

“Wir töten Monster, keine Menschen.”, wehrte sich der Skelliger mit dem pelzbesetzten Schulterüberwurf gleich und Anna nickte dem beipflichtend “Tut uns leid.”

“Ach, ihr sollt ihn doch nicht umbringen.”, meinte Dummhut beschwichtigend und lächelte dezent nervös. Er legte das Geld auf die Tischplatte und schob es Hjaldrist zu. Dessen Freundin betrachtete dies kritisch und schnaubte unzufrieden.

“Das ist wenig.”, kommentierte Anna die Summe brummig “Außerdem nehmen wir unsere Bezahlung nie im Voraus.”

“Es ist ein Vorschuss. Nehmt ihn an.”, bat der Mann mit dem dicken Geldbeutel gutmütig.

“Hmpf.”

“Schlagt die Zielperson zusammen.”, forderte Berold weiter “Haltet mich aus der Sache heraus und ihr bekommt eure volle Bezahlung. Zehn Kupfer für jeden von euch.”

Auf dies hin schwiegen die Ausländer und tauschten Seitenblicke aus. Anna, die holte Luft für eine entschlossene Absage, doch ihr älterer Kumpan kam ihr zuvor. Und, sie wusste nicht, ob Hjaldrist schon zu betrunken war, doch er nickte, was dafür sprechen musste. Der Tor stimmte tatsächlich zu und klaubte nach den drei Münzen auf der Ablage, um sie in seiner tiefen Tasche verschwinden zu lassen.

“Also gut. Prügeln können wir. Anna und ich waren früher einmal Straßenkämpfer...”, sagte er leichthin und die burschikose Alchemistin neben ihm starrte ihn verständnislos an “Wir sehen uns den Fall also einmal an. Wie sieht der, den wir verhauen sollen, denn aus?”

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