Kapitel 79

Von Vätern und Rattninchen

“Nachdem Berold zum Knappen wurde, verbot ihm sein Ritter jegliche Liebelei.”, erklärte der schmale Mann, der im Burggarten vor Hjaldrist stand “Es brach nicht nur ihm das Herz, sondern auch seiner Liebsten. Ich… nun ja, kümmerte mich in jener Zeit um sie. Und heute sind wir ein Paar. Es kam eben so. Meine Intentionen waren nicht böse.”

Anna legte den Kopf schräg und verschränkte die Arme vor der Brust, als sie das hörte. Sie schwieg schwach grinsend und überließ ihrem Freund das Reden. Man hörte, wie Rist abfällig lachen musste. Er musterte den Kerl mit den halblangen, braunen Haaren vor sich, der ihn wiederum skeptisch betrachtete. Jouri nannte man den, dem Berold’s Worten nach Schaden zugefügt werden sollte. Und dies augenscheinlich nur, weil der besagte Knappe mit dem spitzen Hut eifersüchtig war. Es war lächerlich.

“Warum fragt Ihr überhaupt?”, fragte der Unwissende nach und die Situation war für ihn zusehends befremdlich “Ihr seid fremd hier. Ich kenne Euch nicht.”

“Mh.”, brummte Rist auf dies hin “Herr Berold wollte, dass wir dich zusammenschlagen, Jouri. Blöd für ihn, dass ich niemandem für Geld die Nase einhaue, bevor ich den Hintergrund dafür weiß.”

“Was…?”, murmelte Jouri verblüfft und sah zwischen den beiden Abenteurern hin und her. Hjaldrist zuckte die Achseln und Anna stöhnte entnervt. Berold heuerte zwei Monsterjäger an, damit sie den Freund seiner Verehrten verhauten. Er war ein Narr.

“Und… werdet ihr tun, wofür man euch bezahlt hat?”, hakte der Verunsicherte nach. Er war bereits einen halben Schritt weit zurückgewichen und befürchtete wohl das Schlimmste. Nervös schob er sich seine Kappe zurecht und seine Augen wanderten ruhelos, als suchten sie zwischen duftenden Blumenbeeten und hölzernen Sitzbänken unter Apfelbäumen nach einem Fluchtweg.

“Hm… nein.”, gab Rist ganz locker von sich und Anna lenkte den Blick erleichtert zu ihm “Ich verprügle niemanden, der es nicht verdient hat. Auch nicht für Kupfer. Du hast nichts angestellt und wirkst wie ein netter Mensch.”

“Oh. Das… ist nobel.”, meinte Jouri aus Ermangelung anderer Worte und lächelte zerfahren. Seine Aufmerksamkeit fiel auf die wartende Novigraderin in der gestreiften Jacke zurück und er sah aus, als befürchte er trotz allem Konsequenzen. Vielleicht wollte er nicht, dass Berold erfuhr, dass dieses Gespräch hier stattgefunden hatte. Wäre ihm nicht zu verdenken.

“Hört… hört zu. Ich-”, fing er an, doch wurde jäh unterbrochen.

“Da bist du ja!”, drang eine nur allzu bekannte Stimme in den kleinen, lauschigen Garten der Burg Sturmfels. Anna horchte auf und ihre braunen Augen fielen einen Atemzug später auf Balthar, der zufrieden über seine Entdeckung daher spaziert kam. Schweigend taxierte sie ihn und wartete ab, während gemischte Gefühle ihre flaue Magengegend aufwühlten. Denn die gestrige, kurze Auseinandersetzung mit ihrem unfreundlichen Mentor lag ihr noch immer sehr schwer im Bauch. Es gefiel der Frau nicht, dass Balthar Hjaldrist verabscheute und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Gleichauf wirkte es noch so unwirklich, dass Balthar just tatsächlich auf sie zumarschierte. Ja, er war da und greifbar, obwohl sie noch gestern Morgen geglaubt hatte ihn nie mehr wieder zu sehen.

“Wölfchen”, sprach der selbstbewusste Hexer die Kurzhaarige ohne Umschweife an und ignorierte deren Begleiter und Jouri dabei vollkommen “Komm mit. Wir beide müssen etwas besprechen.”

Wölfchen. Anna wusste nicht, woher es plötzlich kam, doch es widerstrebte ihr ungemein so genannt zu werden. Und obwohl sie sich eigentlich über die Anwesenheit ihres Ziehvaters freuen sollte, wünschte sie sich just ganz weit fort.

“Was…?”, machte sie lau und rührte sich nicht vom Fleck, während der Vatt’ghern näherkam. Seine Vipernaugen streiften Hjaldrist dabei nur einmal kurz, dies dafür aber mehr, als nur missbilligend.

“Ich möchte mich mit dir unterhalten, Anna. Allein und ohne diesen…”, der Mutant mit dem schwarzen Lodenumhang hielt inne, als Hjaldrist seinen wenig begeisterten Blick erwiderte “Ohne diesen Fjordlachs dort.”

“Fjord-”, murrte der besagte Jarlssohn verdutzt “Wie bitte?”

Oh herrje…

“Kommst du nun, Wölfchen, oder nicht?”, wollte Balthar wissen und stemmte sich die Hände in die Seiten. Anna schlug die Augen nieder und atmete tief durch die Nase aus. Oh, sie bekam noch Kopfschmerzen. Balthar hatte sie früher erzogen oder es zumindest versucht. Sie hoffte nicht genauso zu sein, wie er.

“Worum geht es…?”, fragte Anna nach, ohne sich vom Fleck zu rühren, und ihr ruppiger Mentor lachte irritiert.

“Wir haben uns sechs Jahre lange nicht gesehen. Reicht das nicht als Begründung?”, schmunzelte der langhaarige Krieger und da lag eine kleine Herausforderung in seinem Blick. Eine, die die Alchemistin nicht ablehnen könnte. Außerdem hatte der Kerl schon Recht. Vielleicht sollten sie sich tatsächlich unterhalten.

“Also schön.”, entkam es Anna skeptisch und sie schenkte ihrem besten Freund einen beiläufigen Blick, ein stummes ‘Bin gleich wieder da’. Rist nickte, doch seine Miene sprach grummelige Bände. Ohne einen weiteren Kommentar wendete er sich wieder an Jouri und versuchte Balthar völlig auszublenden, der grimmig-amüsiert in seine Richtung schnaubte. Der Hexer sah aus, als hätte er dem Undviker gerade gerne eine Kartätsche entgegen geschleudert.

“Lass das…”, brummte Anna ob des Verhaltens Balthars, doch wurde geflissentlich überhört. Es fühlte sich eigenartig an solche Befehle an den Krieger aus Kaer Morhen auszusprechen. Im Vergleich zu früher fühlte sie sich ihm gegenüber viel erwachsener. Das war wohl etwas Gutes.

Still folgte sie dem Hexer dann auch über den kleinen Pfad, um den Garten zu verlassen. Vor innerlicher Unruhe etwas steif, ging Anna mit ihm und hielt erst an, als sie beide im Burghof standen. Mit einem nahezu überheblichen Lächeln auf den spröden Lippen sah sich Balthar nach seiner unschlüssigen Ziehtochter um.

“Also. Wie ist es dir ergangen?”, wollte er wissen “Wo hast du dich herumgetrieben?”

“Ähm. Gut, nehme ich an.”, kam es als knappe Antwort zurück “Und… an vielen Orten. Skellige zum Beispiel. Dort habe ich Rist kennengelernt.”

“...Wenn er eine Hand an dich legt, töte ich ihn.”, erinnerte Balthar sogleich und Anna stutzte, ehe sie das Gesicht ärgerlich verzog. Oh, es war unglaublich welch ein Potential dieser Mann hier besaß sie wütend zu machen. War es früher auch schon so gewesen? Ja, manchmal. Die Frau hielt die Sprunghaftigkeit und Starrsinnigkeit ihres Gegenübers kaum aus. Und das, obwohl sie selbst stur war und selten von ihren Annahmen oder Meinungen fortrückte.

“Das tut er nicht. Wir sind nur Freunde.”, sagte sie abwehrend und ohne zu erwähnen, dass sich da zwischen ihr und ihrem hübschen Kumpel schon mehr befunden hatte, als das. Ja, Melitele bewahre, nicht auszudenken, was Balthar getan hätte, hätte man ihm erzählt, dass es Anna in den letzten Jahren nicht mehr mit beliebigen Mädchen aus Schänken und kleinen Dörfern getrieben hatte. Sondern mit Hjaldrist. Und dass sie auch heute noch mit jenem geschlafen hätte, hätte er sich dahingehend nicht längst von ihr distanziert, weil er… vermutlich mehr für die Schwertkämpferin empfand, als ihnen beiden lieb war. Ja, ob er das tat? Es würde wieder vergehen, wenn, ganz bestimmt. Denn Anna war niemand, in den man sich verlieben sollte oder den man dahingehend zu lange im Blick hatte. Sie war weder schön, noch sittlich; kein nettes Mädchen und manchmal sogar zu faul, um sich vor dem Schlafengehen die Montur auszuziehen. Sie aß zur Not ALLES mit bloßen Händen, war laut, unordentlich, jungenhaft und hatte einen abartigen Humor. Beziehungsmaterial für blaublütige Skelliger sah anders aus, so viel stand fest.

“‘Nur Freunde’? Ja, das sagen sie anfangs alle.”, knurrte der Hexer und sein Mündel blieb stumm. Es hätte doch keinen Sinn gemacht weiter gegen diesen Arsch zu reden, also schwieg Anna und wollte das Thema einen Atemzug später wechseln. Und das nicht nur, weil Balthar eine Wand war, gegen die man sprach. Es war der Giftmischerin unangenehm sich kleinmütig rechtfertigen zu müssen. Sie war eine erwachsene Frau von 24 Jahren. Ihr Ziehvater hatte ihr nicht mehr zu sagen, was sie tun sollte und was nicht. Oder? Mit ihrer damaligen Flucht aus Goldenau hatte sie sich dafür entschieden selbstständig zu sein und nur, weil Balthar jetzt wieder vor ihr stand, verfiele sie nicht in ihre alte Rolle eines Kindes zurück, das mit Zähnen und Klauen vor allem Fremden verteidigt werden müsste. Anna war heute besser, als das. Viel besser. Sie war auf dem Weg eine echte Hexerin zu werden, hatte bei Druiden gelernt und viele Länder gesehen; sie war der Ewigen Flamme entkommen und hatte einen Mantikor getötet. All das zusammen mit ihrem engsten Freund, der für sie mehr war, als es sonst ein Anderer jemals sein könnte.

“Wolltest du wegen Rist herumschimpfen oder hattest du ein wirkliches Anliegen?”, fragte die Schwertkämpferin also nach und tat sich, obwohl sie sich zuvor Selbstsicherheit eingeredet hatte, unsagbar schwer damit ihrem früheren Mentor so patzig zu antworten. Natürlich war sie in Kaer Morhen nie das bravste Kind gewesen. Sie hatte aus Langeweile viele Streiche gespielt oder beleidigt herumgeschrien, wenn ihr irgendetwas nicht gepasst hatte. Besonders während ihrer Mondblutung war sie immer rabiat gewesen und hatte manchmal gar heulend Geschirr oder Stühle nach den unsensiblen Männern der Festung geworfen. Doch nun, seit gestern, stellte sie sich zum ersten Mal ernsthaft gegen Balthar, indem sie sich bewusst auf der Seite ihres besten Freundes hielt. Das hier war kein kindliches Gemecker mehr. Und sie wusste: Würde der Vatt’ghern aus Brugge seine barschen Drohungen wahrmachen und seine Waffe gegen den Skelliger ziehen, stünde sie Rist bei. Denn nichts und niemand brächte sie heute mehr davon ab. Viel zu viel verband die beiden Freunde miteinander; Gutes, wie auch Schlechtes.

“Herumschimpfen?”, wiederholte Balthar und lachte trocken “Ich will dich nur zur Vernunft bringen und dich an deine alten Weisen erinnern, die ich dir beigebracht habe, Wölfchen.”

“Nenn mich nicht so.”, sagte Anna schnippisch. Dies jedoch viel leiser, als sie es eigentlich hatte wollen. Doch ihr ignoranter Ziehvater überging das geflissentlich und sprach weiter. Es schien ihn nicht zu interessieren, was sein Gegenüber wollte und was nicht.

“Apropos ‘alte Weisen’. Ich habe gehört, dass es im Wald Monster gibt.”, meinte der Hexer und seine Gesprächspartnerin spitzte etwas widerwillig die Ohren “Ich habe die Jäger heute davon reden hören und wollte mir das ansehen. Es gibt auch die ein oder andere Münze zu verdienen, meine ich. Wir sollten zusammen in den Wald gehen und uns die Sache genauer ansehen.”

Eine Braue Annas wanderte langsam, ganz langsam, in die Höhe, als sie das hörte. Balthar forderte sie also tatsächlich dazu auf mit ihm zusammen Monsterjagen zu gehen? Ob er das so meinte, wie er es damals immer gehandhabt hatte? Nämlich so, dass ER kämpfen ging und Anna auf Abstand hielt, damit sie ihm dabei zusah und sich bloß nicht in zu große Gefahr begab? Wahrscheinlich. Ein Mundwinkel der Frau zuckte pikiert zur Seite.

“Vielleicht”, antwortete die Kurzhaarige nun zögerlich “Sehe ich mir das später an.”

Dass Anna vorhatte dies mit ihrem Aard auf zwei Beinen zu tun, verschwieg sie. Denn Balthar hätte dafür so und so keine netten Worte übriggehabt.

“Später?”, fragte der etwas kleinere Ungeheuerjäger mit den Katzenaugen “Früher wolltest du stets unbedingt raus, um Abenteuer zu erleben. Und jetzt zierst du dich? Sag mir nicht, du hast alles vergessen, was ich dir beigebracht habe! Ziehst du den Schwanz ein?”

Anna schwieg, während der Langhaarige sie berechnend taxierte. Er lehnte sich dafür leicht vor und machte die goldenen Augen kritisch schmal. Ein unerträglich spöttelndes Lächeln lag auf seinen Lippen. Der Mann überlegte kurz, dann holte er Luft für eine Frage.

“Was ist der Unterschied zwischen einem Ghul und einem Alghul, Wölfchen?”, wollte er wissen “Hm?”

Die burschikose Alchemistin versteifte sich, als sie das hörte und ihre Miene wurde hart, als sie an ihren ersten Ausflug ‘nach draußen’ von vor neun Jahren dachte. An den Abend, an dem sie Zeugin eines fürchterlichen Ghul-Angriffes auf ein armes Bauerndorf geworden war. Ihr Blick wurde finster, als sie den ihres Gegenübers suchte. Und Anna wusste nicht, ob Balthar ihr die Frage bezüglich der Leichenfresser als böse Provokation stellte oder ob er einfach nur zu dämlich war, um zu verstehen, was die eigentlich so simplen Worte in der viel Jüngeren auslösten. Anna schluckte schwer. Sie wollte aus Ratlosigkeit mit einem Schimpfwort antworten, da stolzierte Hjaldrist auf den gepflasterten Platz. Aus dem Garten kam er und das mit suchender Miene. Offenbar sah er sich nach seiner Begleiterin um und erkannte sie auch gleich: Wie sie vor Balthar stand und jenen angewidert anstarrte. Und natürlich verstand er somit sofort, dass Anna gerade lieber woanders sei, als hier, bei dem Mann, der sie aufgezogen hatte und nun arrogant verlachte. Dafür musste man kein Telepath sein.

“Hey, Anna!”, rief der Undviker der Besagten gutmütig zu und steckte sich die Hände in die Taschen “Gehen wir was essen?”

Die novigrader Trankmischerin horchte auf und riss den Blick von Balthar, dessen Ausdruck kurz dunkler zu werden schien. Über die Schulter des Hexers linste sie zu Rist und musste nicht lange darüber nachdenken, bevor sie nickte. Die erleichterte Kriegerin wendete sich von dem Vatt’ghern ab, der dies aus unzufriedenen Augen beobachtete, und wollte zu ihrem Freund aufschließen, da fasste Balthar abrupt nach ihrem Handgelenk. Es war eine stille Aufforderung - nein, ein Befehl - an sie zu bleiben.

“Ich rede gerade mit meiner Tochter.”, sprach Balthar mit erhobener, herrischer Stimme und sah sich nicht nach Hjaldrist um, als er dies tat. Sein Griff um Anna’s Unterarm war so bestimmend und fest, dass er schmerzte. Die keuchende Kurzhaarige kniff ein Auge zu und gab einen unwohlen Laut von sich. Die kühle Frühlingsbrise, die durch den Hof zog, passte zu gut zu dem Szenario.

“Lass mich los.”, schnauzte die Braunhaarige “Wir sind hier fertig!”

“Nein.”, machte Balthar unbeeindruckt “Sind wir nicht. Wir müssen noch über die Kreaturen im Wald reden.”

“Ich will nicht reden. Du… du machst dich nur wieder über mich lustig!”, gab Anna zurück und spürte, wie wahrhaftiger Zorn in ihr aufwallte. Denn, oh, erst beleidigte Balthar sie und nun hielt er sie fest, um sie zum Bleiben zu zwingen? Sie war doch nicht sein Besitz! Die beleidigte Alchemistin reckte das Kinn trotzig und wollte ihrem Mentor die Hand entreißen. Doch er war leider ein Hexer und damit so viel stärker, als sie.

“Balthar!”, entkam es der Schwertkämpferin mahnend und als Rist das sah und hörte, kam er näher. Es war ihm sicherlich bewusst, wie hilflos Anna gerade war. Denn auch seine zuvor noch so entspannte Miene war steinern geworden und es war klar, dass er eingreifen würde, würde der bestimmende Vatt’ghern die anwesende Frau nicht sofort loslassen. Die Hände, die er gerade noch tief in den Taschen vergraben hatte, zog der Skelliger wieder hervor und seine braunen Augen wanderten von seiner besten Freundin zu deren Ziehvater. Rist wollte gerade etwas sagen, da ließ Balthar Anna unerwartet los. Und sie, die sich gerade noch so mühsam zerrend aus dem Griff des viel Älteren hatte winden wollen, stolperte durch den Schwung fort. Mit der Schulter voran lief sie in Hjaldrist, der sie auffing und verhinderte, dass Anna auf die Nase fiel. Er hielt sie fest und drückte sie sanft von sich, damit sie wieder einen festen Stand fand. Dies, wiederum, mochte dem missgünstigen Balthar nicht gefallen, denn in seinem voreingenommenen Kopf fasste der jüngere Mann SEINE ‘Tochter’ falsch an und kam ihr zu nah. Ja, bei den Göttern, wie konnte es dem Schönling von den Inseln nur einfallen das ach so unschuldige Mädchen aus dem Norden an Taille und Oberarm zu berühren, um sie wieder gerade hinzustellen? Bestimmt hätte er, so dachte Balthar wohl, ihr gern an den Arsch gegrapscht oder sonst was.

Anna rieb sich das schmerzende Handgelenk und bedankte sich leise bei ihrem Freund in der grünen Tunika. Da schimpfte Balthar auch schon drauflos. Anschuldigend zeigte er auf Rist, der die Stirn tief runzelte.

“Vergiss nicht, was ich dir vorhin gesagt habe, Bursche.”, warnte der langhaarige, beachtlich wankelmütige Hexer “Lass deine gierigen Finger von ihr!”

“Bei Freya’s Titten…”, murmelte der Jarlssohn und wahrscheinlich überlegte er es sich just, ob er streiten oder einfach nur gehen sollte. Anna erleichterte ihm den Entschluss, als sie ihn flüchtig am Unterarm berührte.

“Gehen wir…”, bat sie und warf einen letzten Schulterblick gen Balthar, der vor Ärger brodelte. Vielleicht war es ja auch ein Funke Eifersucht, wer wusste das schon? Die Kräutersammlerin mit der Fuchssträhne rollte mit den Augen. Die ganze Situation war ihr zuwider.

“Es bringt nichts.”, glaubte sie und dies war einer der sehr, sehr seltenen Momente, in denen SIE diejenige war, die ihrem Kumpel vernünftig zuredete. Normalerweise war es doch immer Rist, der bedächtige Worte für sie übrig hatte. Die Schulter Hjaldrists brüderlich klopfend wollte Anna an dem Mann vorbei, um mit ihm zum Mittagessen in die nahe Schänke zu gehen. Doch Balthar konnte sein dummes Maul nicht halten.

“Kleiner, dahergelaufener Taugenichts…”, entkam es dem Vatt’ghern und sein Ausdruck konnte sich nicht zwischen Hohn und Feindseligkeit entscheiden “Du setzt meiner Anna Flausen in den Kopf und bringst sie von ihrem Weg ab.”

Rist, der sich gerade abwenden wollte, um seiner Lieblingsnovigraderin zu folgen, hielt inne.

“Bitte, was?”, knurrte er ungläubig.

“Wegen dir lief sie so weit weg, nicht?”, glaubte Balthar “Alleine wäre sie damals nie so weit gekommen. Sie hätte umgedreht und wäre zurück nach Kaer Morhen gelaufen, weil sie ohne meine Hilfe nichts zustande gebracht hätte.”

Hjaldrist schwieg und seine Lippen standen ihm aus Ungläubigkeit über die respektlosen, abwertenden Worte Balthars einen kleinen Spalt weit offen. Ja, er fasste es sicherlich nicht, dass ein vermeintlicher Vater so von seinem Kind sprach, als sei jenes vollkommen einfältig und zurückgeblieben.

“Ja, sie wäre zurückgekommen, weil sie sich in der Welt nicht zurechtgefunden hätte.”, schnaufte der Ältere abfällig “Stattdessen läuft sie heute mit solch einem Wilden, wie dir, umher. Mit irgendeinem Herumtreiber der Inseln, der sie manipuliert, um ihr seinen Schwanz-”

“Halt die Fresse!”, brach es jetzt aus dem Angeschuldigten hervor, doch Balthar hörte nicht auf.

“Was denn? Habe ich etwa Recht? Natürlich habe ich das, du Barbar.”, spottete der Hexer und Anna, die dem Ganzen sprachlos zusah, beobachtete, wie sich der Skelliger bei ihr den metallbeschlagenen Gürtel öffnete. Er zog sich den Lederriemen aus dem Hosenbund und nahm die böse verengten Augen nicht von dem, der seinen Stolz hier so sehr beleidigte. Rist war ein lieber Kerl; viel, viel netter und einfühlsamer, als alle Männer, die Anna bisher kennengelernt hatte. Er hatte Geduld und redete lieber, bevor er zuschlug. Doch wenn man seine Schwachpunkte traf, dann wurde auch er schnell wütend. Und wenn es so weit war, war es schwer bis unmöglich ihn davon abzuhalten seinem Gegner das Gesicht zu brechen. Anna wusste das nur zu gut und trotzdem fasste sie nach dem Hemdärmel ihres ärgerlichen Kollegen. Denn dessen Konkurrent war kein normaler Mann. Sondern ein Hexer. Balthar war viel, viel stärker als Rist und konnte zudem arkane Zeichen sprechen. Der Vatt’ghern war gefährlich.

“Du bist so dumm, Arianna!”, maulte jener gerade und reckte den Hals leicht, um an Hjaldrist vorbei, zu Anna sehen zu können “Wenn du dich schwängern lässt, bist du neun Monate lange außer Gefecht gesetzt! Das habe ich damals schon immer gesagt. Neun Monate lang kannst du dann kein Geld verdienen, weil du nicht arbeiten kannst! Und dann?”

Rist legte sich den beschlagenen Gürtel um die Hand und ballte die Finger darum.

“Er wird dir ein Balg einpflanzen und dich dann links liegen lassen, dieser Wildling!”

Dann ging alles ganz schnell. Mit einem Mal kam der Skelliger vor und man konnte sich kaum versehen, da holte er aus und schlug wuchtig zu. Seine Faust, um die er den stahlbewehrten Gürtel gewickelt hatte, traf Balthar direkt am Kiefer, doch riss dessen Kopf nicht ganz so weit herum, wie erhofft. Der Hexer reagierte erwartet schnell und stieß Rist von sich. Anna schrie erschrocken auf. Dann schlug auch Balthar zu. Man sah, wie der getroffene Undviker am Platz weit zurücktaumelte und sich wie durch ein Wunder auf den Beinen hielt. Benommen wankend blinzelte er, stöhnte leise und fasste sich an das Gesicht. Seine Nase blutete und zwei der Burgwachen liefen alarmiert heran. Rist holte kehlig Luft.

“Scheiß Hexer!”, bellte er Balthar aggressiv entgegen und setzte sich abermals in Bewegung “Verblendeter Bastard!”

Der konfrontierte Mutant lachte einmal kurz auf, als er das hörte. Dann bekam er die Faust seines Gegners abermals in die Visage und schmiss Hjaldrist folgend von sich, als sei jener ein Püppchen. Erschrocken presste sich Anna die Hand vor den Mund.

“Was ist hier los? Was soll das?”, schrie einer der Wachmänner, die dahergelaufen kamen und die langen Hellebarden kampfbereit in beiden Händen hielten “Auseinander, aber schnell!”

Die rüstungsklappernden Soldaten kamen zwischen den Hexer und den Skelliger, der sich mithilfe seiner aufgescheuchten Freundin wieder auf die Beine rappeln konnte. Die zwei Kämpfer funkelten sich bitterböse an und Balthar hatte einmal wieder nur einen dummen Spruch übrig:

“Ihr solltet ein Auge auf diesen kleinen Krawallmacher werfen!”, fand er, als er sich direkt an die Wachen richtete “Das nächste Mal attackiert er noch einen der Bürger. Dann geht die Sache nicht so gut aus, wie gerade eben. Ihr solltet ihn einsperren, diesen Halunken!”

Hjaldrist entkam ein grantiges Stöhnen und schwer stützte er sich auf seine Kollegin.

“Halt’s Maul, Balthar!”, untermalten Anna’s harsche Worte all das “Halt einfach die Fresse!”

Der Hexer lachte, als mache er sich über die beiden Abenteurer lustig. Sein ehemaliges Mündel holte zu einem erneuten Fluch aus, doch Hjaldrist, der sich ob der Anwesenheit der Soldaten Sturmfels’ um Fassung bemühte, schüttelte nurmehr das brummende Haupt.

“Der ist verrückt…”, sagte er schwer atmend und wischte sich mit dem behandschuhten Handrücken über die blutende Nase. Der pochende Schmerz hatte ihm Tränen in die Augenwinkel getrieben und er fluchte leise in seinem Dialekt. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch bei sich war, nachdem ihn ein wahrer Vatt’ghern eine ordentliche Rechte verpasst hatte. Einmal wieder wurde er seinem alten Straßenkämpfernamen ‘Felsen’ gerecht.

“Der Typ ist vollkommen durchgeknallt…”, murmelte der stöhnende Jarlssohn fassungslos. Seine Augen suchten Anna, die aufgebracht neben ihm verweilte, und als sich ihre Blicke trafen, atmete der Undviker tief durch. Er schwieg eine Weile und starrte nur, ehe er weitersprach.

“Ich brauch nen Schnaps. Oder zwei.”, meinte er, während Balthar im Hintergrund noch klugscheißerisch mit den Wachmännern sprach “Gehen wir, bevor ich mit der Axt auf deinen… ‘Vater’ losgehe.”

Das Wort ‘Vater’ sprach der Mann mit größter Abscheu aus. Unglücklich musterte die Alchemistin das Blut im Gesicht ihres Kumpans derweil. Sie schloss den Mund, zog die Brauen zusammen. Dann nickte sie langsam.

“Taverne?”, murmelte sie und sah fragend auf.

“Taverne.”, pflichtete der verletzte Inselbewohner bei und sah noch einmal aus dem Augenwinkel zu Balthar, der ihm längst wieder desinteressiert den Rücken zugekehrt hatte. Hätten Blicke töten können, wäre der überhebliche Vatt’ghern just mausetot umgekippt. Und, Asche auf ihr Haupt, gerade, da hätte Anna dies gerade sogar befürwortet.

 

“Ist alles in Ordnung mit Euch?”, ein blonder Kerl mit gepflegtem Bart hielt vor dem kleinen Tisch von Anna und Hjaldrist, als er die rot triefende Nase des Letzteren sah. Der Skelliger, der sich das Blut aus dem Gesicht wischte, sah auf und wiegte den Kopf kritisch abschätzend. Dann nickte er aber. Denn tatsächlich war seine Nase nicht gebrochen und sein pochender Kopf gäbe bald wieder Ruhe. Anna verkniff sich ein Schmunzeln und schob ihrem Freund eine kleine Phiole mit dreckig grünlichem Schmerzmittel zu. Dann winkte sie die blonde Schankmagd mit der markanten Zahnlücke herbei, um etwas zu Trinken und die Empfehlung des Tages zu bestellen. Der Fremde, der vor den Abenteurern stand, wirkte verblüfft über diese Beiläufigkeit; Darüber, dass Rist nicht jammerte und so tat, als sei es alltäglich einen Hieb ins ungeschützte Gesicht zu bekommen. Beide Abenteurer trugen derweil ihre weiten Kapuzen. Hätten sie dies nicht getan, hätte die herrische Schankmagd sie sicherlich der Obszönität der nicht bedeckten Schädel wegen getreten.

“Ich sah, wie Ihr Euch mit dem Unholdjäger Balthar von Brugge geschlagen habt.”, gab der Mann mit der blauen Gugel zu. Er trug eine türkise Kappe aus Wolle auf seinem Haupt und ein wattiertes Gambeson in Orange. Eine eigenartige Farbkombination, wie Anna fand, doch keine schlechte.

“Mhm. Das ist richtig.”, machte Rist hinter seinem Stofftaschentuch und näselte dabei etwas “Und ich hätte auch noch weitergemacht, wären die Wachen nicht auf den Plan getreten. Hmpf. Balthar, dieser Hurensohn...”

Der Blonde, der den Undviker außerordentlich überrascht betrachtete, lachte leise. Dann besann er sich jedoch und hüstelte.

“Ich bin Sire William.”, stellte er sich vor “Darf ich mich zu euch beiden setzen?”

Anna zuckte gleichgültig die Achseln und ihr Kumpel nickte abermals. Also ließ sich der Ritter bei ihnen nieder.

“Ich bin Hjaldrist.”, machte der Anwesende mit der blutigen Nase und deutete gen Frau neben sich “Und das ist Anna.”

Letztere musterte William solange interessiert. Dieser Kerl war also einer der Ritter hier? Sie bildete sich ein ihn gestern, nach ihrer Ankunft, die Straße zum Burgtor hinunter marschieren gesehen zu haben. Verfolgt von dem schnatternden Mädchen mit Jägerhut und Zopf, das sich so hektisch bei ihm entschuldigt hatte. Ob jenes zu seinem Gefolge gehörte? Rittersleute scharten doch des Öfteren ihnen unterstellte Leute um sich.

“Und Ihr seid die Tochter von Balthasar?”, fragte William vorsichtig, als er sich an die Alchemistin wendete, die ihn so neugierig ansah. Augenblicklich wurde deren Miene wieder genervter und sie stöhne leise.

“Tut mir leid…”, beschwichtigte der Ritter sofort, doch Anna winkte ab.

“Er ist nicht mein wahrer Vater. Er hat mich nur großgezogen, nachdem er mich im Kindesalter entführt hat.”, erklärte sie gleich und machte damit kein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit. Mitleid mischte sich in William’s Blick.

“Entführt?”, hakte er nach.

“Mh. Hexer machen sowas. Passt schon. Dadurch kam ich wenigstens dahin, wo ich heute stehe...”

“Und ihr beide kommt dennoch nicht gut miteinander aus.”, stellte William nach einer kurzen Pause fest.

“Sieht so aus.”, gab die Trankmischerin abfällig schnaufend zurück. Ihr Blick erhellte sich erst, als die Schankmaid Schwarzbier und zwei Pinnchen Birnenschnaps brachte und versprach gleich noch Schweinebraten mit Kartoffeln zu holen. Hjaldrist bedankte sich bei der Bediensteten dafür und erntete ein wohlwollendes Lächeln. So war das oft. Der gut erzogene Undviker kam bei den Mädchen in den Tavernen immer gut an. Entweder, weil er immer brav Danke sagte und dabei verschmitzt lächelte oder weil er ein Schönling sondergleichen war. Oder beides. Anna grinste schwach und verkniff es sich über ihren Gedankenzug mit den Augen zu rollen, als sie nach ihrem Bierkrug fasste.

“Und ihr seid auch Unholdjäger?”, fragte William weiter. Er war ja echt neugierig. Ob es gerade einen bestimmten Grund dafür gab?

“Ja. Wir jagen Monster, falls du das meinst.”, bestätigte Rist, der nach einem der zwei Schnapspinnchen fischte. Wie immer und so, wie es sich für einen Mann der Inseln gehörte, duzte er seine neue Bekanntschaft sofort. Übertriebene Förmlichkeit war ihm noch nie gelegen und William schien sich keineswegs daran zu stören, obwohl er von hohem Stand war. Der Rittersmann schien ein guter Kerl zu sein. Jedenfalls war er sympathisch.

“Das trifft sich gut.”, fand er “Denn vielleicht könntet ihr ja helfen, wenn es um gewisse Belange des Ortes geht.”

“Vielleicht.”, machte Hjaldrist und schnäuzte sich vorsichtig prüfend in sein eingesautes Taschentuch, das er hiernach wegwerfen könnte. Er keuchte dabei leise und gequält. Das Schmerzmittel seiner persönlichen Giftmischerin wirkte also augenscheinlich noch nicht.

“Kommt auf die Bezahlung an.”, fügte Anna noch hinzu “Außerdem… ist Balthar nicht längst hinter euren ‘Ungeheuern im Wald’ her?”

“Es schadet nicht mehrere wachsame Leute hier zu haben, wenn Unholde im Forst ihr Unwesen treiben.”, antwortete William räuspernd und faltete die Finger auf der fleckigen Tischplatte vor sich ineinander. Sein Ausdruck war ernst geworden. Die Schankmagd kam wieder, um das Mittagessen aufzutischen. Der hungrige Rist machte große Augen, als er den Braten mit der dicken Kruste sah und vergaß sein schmerzendes Gesicht, so schien es.

“Man spricht von Wesen, deren Körper über und über mit Moos und Gras bedeckt sind.”, eröffnete der Mann mit der blauen Gugel verheißungsvoll “Ich selbst habe sie noch nicht gesehen, doch sie sind sehr gefährlich. Und sie sollten vernichtet werden, bevor hier noch mehr schlimme Dinge geschehen.”

“Hmm…”, machte Anna grüblerisch und sah von der Seite aus zu Hjaldrist, der gerade bestimmt an dasselbe dachte, wie sie. Er blickte von seinem verlockend duftenden Essen fort, um die Stirn in tiefe Falten zu legen.

“Kann es sein, dass ihr ein Waldschrat-Problem habt…?”, überlegte die Novigraderin laut.

“Äh.”, machte der Ritter verwirrt “Schrat? Ich weiß nicht. Ich kenne mich mit derlei Dingen nicht aus.”

“Es wäre denkbar.”, glaubte Hjaldrist, dessen Nase endlich damit aufgehört hatte zu bluten und er steckte sein dunkelrot beflecktes Taschentuch fort “In dem Fall muss man wirklich vorsichtig sein. Anna und ich sind einmal solch einem Biest begegnet und das war, ähm, alles andere, als schön.”

Der besagten Giftmischerin lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an den uralten Waldschrat nahe Redgill dachte. An den, der sie damals, vor vier Jahren, beinah getötet hätte. Und obwohl sie wusste, dass sie und Rist solch einem grausigen Wesen heute vielleicht gewachsen wären, war sie nicht sonderlich erpicht darauf eines zu treffen. Die Frau schob sich die leicht verrutschte Kapuze des roten Wollmantels wieder zurecht.

“Was wurde denn schon gegen die oder das Wesen im Wald getan…?”, fragte sie langsam nach “Gibt es Opfer? Spuren vielleicht?”

“Unser Hofalchemist meinte, das Blut von Rattninchen helfe gegen Ungeheuer. Daher haben wir unsere Jäger auf diese Nager angesetzt.”, erklärte William.

“Rattninchen...?”, entkam es Anna wirr. Sie hatte noch nie von solchen Wesen gehört und ehrlich gesagt klang deren Name in ihren Ohren wie ein Ammenmärchen. Welch einen Stümper hatte man hier denn bitteschön als Hoftrankmischer eingestellt?

“Ja.”, nickte William lächelnd.

“...Aha.”

“Abgesehen davon gibt es keinerlei Hinweise und keine Toten. Noch nicht. Aber es sind bereits zwei unserer guten Leute verschwunden. Spurlos. Und wir befürchten, dass die Wesen des Waldes sie geholt haben. Ich hoffe ja noch immer, dass sie einfach gegangen sind, weil sie Angst bekamen.”, seufzte William bedauernd “Zudem… naja… verhalten sich manche der Bürger eigenartig. Vielleicht haben die Unholde sie verflucht. Oh, Ordon steh uns bei...”

“Inwiefern verhalten sie sich ‘eigenartig’?”

“Sie wirken irgendwie lethargisch. Manchmal auch aufgekratzt und wirr. So, als seien sie nicht sie selbst.”

Wieder tauschten Anna und Rist Blicke aus. Und es war klar: Das Problem der Burg Schattenfels war größer, als bis gerade eben noch angenommen. Pflanzenwesen im Wald? Entführungen? Eigenartig handelnde Dorfbewohner? Das war nicht gut. Aber es war gleichzeitig auch eine potentielle Geldquelle. Daher setzte die Schwertkämpferin am Tisch gleich zum Sprechen an und lehnte sich auf der abgesessenen Tavernenbank zurück. Ruhig betrachtete sie den Ritter, der ihr gegenübersaß.

“Wie sieht es mit der Belohnung für diesen Fall aus?”, wollte sie wissen und Hjaldrist lauschte abwartend, während er seinen Zinnhumpen am Tisch an sich zog “Wenn der Sold stimmt, sehen wir uns euren Wald gern einmal genauer an.”

“Wir sprechen hier von einer Belohnung im Wert von sechs Goldstücken.”, sagte William gleich ganz hoffnungsvoll “Und wenn ihr unser Problem löst, so bin ich bereit diese Bezahlung auf sechs Gold pro Kopf zu erhöhen.”

Anna fuhr sich nach dieser Aussage nachdenklich über das Kinn. Es überraschte sie, wie großzügig der Ritter ihr gegenüber war. Sein Handeln sprach davon, wie dringend die Angelegenheit rund um die Forstmonster sein musste. Außer den drei neu angekommenen Monsterjägern gab es hier niemanden, der sich mit Ungeheuern und Flüchen auskannte. Die Burgbevölkerung war also auf Anna, Hjaldrist und Balthar angewiesen. Nicht wahr? Normale Jäger oder Waldläufer kämen mit einem Waldschrat oder ähnlichen Wesen kaum zurecht.

“Mhm.”, machte die Frau, doch wollte die Meinung ihres Freundes hören, bevor sie ganz zustimmte “Rist?”

“Vor mir aus.”, gab der Undviker zurück “Warum nicht?”

“Gut.”, lächelte sie schmal “Wir sehen uns die Problematik einmal an.”

William atmete zutiefst erleichtert auf.

“Vielen Dank.”, freute er sich gleich aufrichtig “Doch passt bitte auf euch auf. Ich will nicht, dass euch etwas passiert.”

“Klar. Immer.”, schmunzelte die Kurzhaarige und ließ sich von ihrem Freund Besteck zuschieben. Dann äugte auch sie auf ihr dampfendes Mittagessen. William, der verstanden hatte, dass seine neuen Bekannten ganz gerne in Ruhe aßen, nickte zum Gruß und erhob sich dann mit einem wohlwollenden Lächeln auf den Lippen.

“Guten Hunger.”, wünschte er nett “Wir sprechen miteinander, sobald ihr euch im Wald umgesehen habt. Und… seid heute eingeladen. Trinkt und esst genug und sagt dem Wirt, dass ich heute für eure Speisen aufkomme.”

Und mit diesen Worten ging er und ließ die staunenden Reisenden mit ihrem Braten mit Kartoffeln allein.

“Ein lieber Kerl. Ich mag ihn.”, fand Anna, als William mit seiner Einladung auf den Lippen und keinerlei Dank erwartend ging und Hjaldrist nickte zustimmend. Er schnitt sich sein Fleisch bereits klein und steckte sich den ersten Happen davon in den Mund, als Anna dazu ansetzte ihre Beilage in der braunen Soße zermatschen zu wollen. Mit dem Löffel zerdrückte sie eine halbe Kartoffel und hielt einen Atemzug später inne. Denn ihr stieg ein Geruch entgegen, der ihr bekannt vorkam, den sie aber nicht genau einordnen konnte. Er war ganz schwach und dennoch da. Rist kommentierte das wenig später schon mit leicht gerümpfter Nase.

“Ich glaube, die Kartoffeln sind nicht mehr gut…”, meinte er “Die riechen irgendwie gammelig, obwohl sie noch gut aussehen.”

Er hatte Recht. Anna verzog den Mund unzufrieden und hob den Kopf, um Ausschau nach der geschäftigen Schankmagd zu halten. Die kleine Taverne platzte gerade, mittags, aus allen Nähten und die Bediensteten hatten demnach alle Hände voll zu tun. Dennoch wollte sich die hungrige Novigraderin beschweren, denn sie sah es nicht ein, dass William Geld für Speisen zahlte, die man nur zur Hälfte essen konnte. Die laut lachende Schänkenbedienstete trat gerade mit zwei schäumenden Bierhumpen an einen der kleinen Tische nahe dem Ausgang, als Saria eintrat; die Tänzerin, mit der Anna und Rist gestern gewürfelt hatten. Dass die freizügige Frau hereinmarschierte, wäre eigentlich kein besonderes Bild gewesen… wäre Balthar ihr nicht sichtlich aufgebracht gefolgt. Die anwesende Novigraderin, die das sah und die Hand gerade erhoben hatte, um der Zahnlücken-Schankmaid zuzuwinken, ließ die behandschuhten Finger langsam wieder sinken und beobachtete, was sich gleich zwischen ihrem langhaarigen Mentor und Saira abspielen sollte. Und auch Hjaldrist hatte innegehalten, um dem Blick seiner besten Freundin aufmerksam zu folgen.

“Ach, komm schon…”, bat Balthar, als er gestikulierend hinter der viel Jüngeren her marschierte “Ich-”

“Nein! Sei still!”, schimpfte die Tänzerin, als sie sich genervt nach dem Hexer umsah “Das kannst du nicht wieder gutmachen! Du bist einfach gegangen!”

“W-Weil ich musste!”, rechtfertigte sich der Vatt’ghern und buckelte regelrecht. Anna’s Gesicht entgleiste und sie hörte, wie sich Rist neben ihr ein Lachen verkniff. Dies funktionierte nicht besonders gut, weswegen sein Amüsement in einem Grunzlaut resultierte.

“Nein, oder?”, murmelte der Skelliger mit einem Gemisch aus Unglauben und Schadenfreude in der Stimme.

“Was…?”, wisperte seine Kollegin ihm zu, ohne die Augen von Balthar und Saira zu nehmen. Natürlich verstand SIE nicht sofort.

“Tse!”, blaffte die besagte Tänzerin nun, wandte sich Balthar zu und stemmte sich die Hände in die Hüfte. Ihr Gesicht war wütend verzerrt und langsam aber sicher haschte die dramatische Szene zwischen ihr und ihrem Gegenüber nach der Aufmerksamkeit aller. Sogar der fette Koch steckte den Kopf zur Küchentür heraus und Zahnlücke vergaß gar darauf darüber zu schimpfen, dass Hexer und Unterhalterin keine Kopfbedeckungen trugen.

“Du hast gesagt: ‘Auf immer und ewig’! Du hast versprochen, dass wir miteinander reisen werden!”, schimpfte Saira laut und scherte sich nicht um all die neugierigen Augen “Stattdessen verschwindest du einfach so! Nachts und ohne Abschied!”

Balthar entkam ein unschlüssiger, nahezu hilfloser, Ton, als er die Hände abwehrend erhob und Saira’s Namen beschwichtigend murmelte. Welch ein Bild!

“Oh…”, entkam es nun auch Anna abfällig, die sich allmählich denken konnte, was hier passierte. Ihre Miene sprach Bände und jene waren alles andere, als begeistert.

“Mhm.”, machte ihr Kumpan von den Inseln hintergründig.

“Ich wäre zurückgekommen!”, beteuerte der Hexer im Schankraum kleinlaut und es war klar, dass er log, um die Dame vor sich zu beruhigen “Ich liebe dich doch, Saira.”

Anna verschluckte sich an der eigenen Spucke, als sie das vernahm und in diesem Zuge auch im Hinterkopf hatte, wie alt die Tänzerin mit dem bauchfreien Oberteil war. Nämlich etwa in ihrem Alter. Saira hätte Anna’s Schwester sein können und ob dieser Tatsache bemerkte die sprachlose Trankmischerin, wie Hjaldrist unwohl erschauderte und dabei einen angewiderten Laut von sich gab.

Nach dem Liebesgeständnis hielt die wutschäumende Saira kurz inne und taxierte Balthar eingehend. Sie überlegte wohl, ob sie ihm verzeihen sollte oder nicht.

“Fall bloß nicht drauf rein…”, flüsterte Hjaldrist leise und so, als spräche er mit der Schwarzhaarigen weiter vorn. Doch klarerweise hörte sie ihn nicht und er hatte nicht die Absicht einen Dialog mit ihr zu führen.

Es dauerte darauf kaum einen Moment, da holte die knapp Bekleidete aus und verpasste Balthar eine klatschende Ohrfeige, die sich gesalzen hatte. Ein tiefes Raunen der schaulustigen Gäste ging durch die gerade so stille Taverne und die angespannte Atmosphäre war zum Schneiden dick. So weit, so gut. Man hätte meinen können, Saira schicke den gespielt reumütigen Mutanten mit den Katzenaugen, der viermal so alt war, wie sie, nun gleich grantig fort. Doch stattdessen grinste sie nur angetan, schnaufte erheitert und fiel Balthar dann um den Hals. Rist schlug sich die Hand ob dem fassungslos vors Gesicht und Anna beobachtete das Geschehen genauso sprachlos. Sie starrte perplex, als sich ihr Ziehvater und dessen hübsche Unterhalterin küssten, ehe ihre Mimik in eine unsäglich angeekelte Richtung verrutschte.

“Ach du Scheiße…”, wisperte die Kurzhaarige dabei vor sich hin “Uh. Ernsthaft…?”

Und als sei all das hier nicht schon genug gewesen, erblickte Balthar Anna, nachdem er sich wieder von seiner gebändigten Geliebten gelöst hatte. Als sei nie etwas Schlimmes zwischen Ziehvater und Mündel geschehen, erhellte sich das Gesicht des wankelmütigen Mannes und er holte Luft, um zu Anna zu sprechen.

“Ah, Wölfchen!”, machte er unbeschwert und auch Saira, die er noch eng in den Armen hielt, sah sich interessiert nach der Giftmischerin um.

“Ich… glaube, ich habe keinen Hunger mehr...”, murmelte Anna Hjaldrist gescheucht zu und der Undviker nickte knapp unter seiner Kapuze.

“Gehen wir raus. Ich habe auch keinen Bock auf den.”, entschloss er, als Balthar tatsächlich Anstalten machte auf ihren Tisch zukommen zu wollen “Wir haben noch Trockenfleisch und Brot übrig. Vergiss den Braten. Lass uns später und in Ruhe etwas Ordentliches essen.”

Es dauerte daraufhin nurmehr wenige Sekunden, bis sich die empörte Anna und der schmunzelnde Hjaldrist erhoben, um die volle Taverne fluchtartig zu verlassen.

 

“Ich glaub’s nicht.”, stöhnte Anna, als sie ihrem Freund wenige Zeit später durch den nahen Forst folgte. Eigentlich hatten sie beide Ausschau nach Monstern halten wollen, doch nachdem die drei Jäger der Burg Sturmfels vor ihnen losgelaufen waren und viel zu laut durch den Wald streiften, hatten die Ungeheuerjäger die Hoffnung auf eine Sichtung jeglicher Wesen oder Tiere verloren. Ja, die sogenannten Waldläufer spazierten sich lachend unterhaltend zwischen den Bäumen umher und sprachen von Rattninchen. Man konnte sie, obwohl sie sich eine Weile entfernt befanden, bis hierher vernehmen. Diese Narren. Wahrscheinlich hatten sie alle Waldbewohner längst vertrieben. Und wenn nicht, würde man es bei einem Monsterangriff hören können, wie die Jäger plötzlich verstummten oder aufschrien. Anna und Rist hatten längst nicht mehr die Motivation diesen Leuten folgen zu wollen, um sie zu warnen oder zu ermahnen. Also war ihre erwartungsvolle Pirsch zu einem lockeren Spaziergang geworden, auf dem sie sich einfach nur leise miteinander unterhielten und nebenher auf das Wolfsmedaillon Annas achteten. Man wusste, trotz allem, ja nie.

“Sie sind verheiratet.”, sagte Hjaldrist, nachdem sich Anna das Maul grantig über Balthar und Saira zerrissen hatte “Ich bin mir sicher.”

Der armen Trankmischerin entkam ein unartikuliertes Wort, als sie stutzend von der Seite aus zu ihrem Freund sah. Der, wiederum, grinste nur.

“Woher willst du das wissen?”, fragte Anna schnell und stammelte beinahe. Oh, nicht auszudenken, wenn ihr Ziehvater die Tänzerin wirklich zur Frau genommen hätte! In dem Fall wäre Saira nämlich so etwas wie… Anna’s Mutter. Diese knapp bekleidete Gleichaltrige. Ach, du Schande!

Rist tippte sich selbstsicher lächelnd an die Schläfe, um daran zu erinnern, dass er die Gedanken mancher Leute viel öfter hören konnte, als er dies überhaupt wollte.

“DESWEGEN bin ich mir sicher.”, kommentierte er das “Das Flüstern in meinem Kopf war ihres. Da besteht kein Zweifel.”

Die Novigraderin mit dem Langschwert am breiten Rüstgürtel atmete tief aus und schlug beide Hände vors Gesicht. Ihr fiel zu der gesamten Situation kaum noch etwas ein.

“Mach dir keinen Kopf, Anna. Wir erledigen den Auftrag hier und dann verschwinden wir wieder.”, gab Rist von sich “Danach siehst du Balthar und diese Saira nie mehr wieder.”

“Mh…”, murrte Anna leise, als sie wieder hinter ihren Fingern hervor sah und nach ihrem Freund über eine dicke Wurzel hinweg stieg “Hoffentlich...”

“Und wenn wir den Auftrag nicht abschließen können, weil die unheimlich ‘begabten’ Jäger Sturmfels’ unsere Beute stets verjagen, dann hauen wir einfach früher ab.”, entschloss der Skelliger noch “Denn um ehrlich zu sein, will ich mich nicht länger in der Nähe deines idiotischen Vaters aufhalten, als ich muss.”

“Er ist nicht mein Vater.”

“Gut, dass du das nun so siehst… er ist nämlich ein ziemliches Arschloch. So, wie du immer von ihm geredet hast, dachte ich ja, er sei netter. Es wirkte auf mich stets so, als sei er dein großes Vorbild.”

“...Das dachte ich auch.”, murmelte Anna vor sich hin und starrte dem feuchten Waldweg vor sich entgegen, als sie weiterging. Hjaldrist’s Blick kitzelte sie von der Seite, als sie sich an etwas Gestrüpp vorbei schob.

“Hm. Verstehe…”, machte der Mann nach einer kurzen Denkpause und die Novigraderin in der rot-schwarzen Jacke war ihm dankbar dafür, dass er sie nicht veralberte. So gern er sonst auch witzelte oder seine beste Freundin triezte, so wusste er, wann er dies besser lassen sollte. Daher gab er sich auch just wieder verständnisvoll, anstatt Anna schief grinsend mit Balthar zu vergleichen. Ein Grund, weswegen die betretene Alchemistin nun offen weiterredete und sich nicht mit gezwungenen Scherzen bewaffnet verschließen musste.

“Früher wirkte er auf mich immer so… erhaben und stark.”, sprach Anna ehrlich vor sich hin und Rist lauschte ihr stumm “Er war tatsächlich mein großes Vorbild. Genauso, wie Vadim oder Jaromir es auf gewissen Gebieten waren. Und nun? Jetzt treffe ich hier einen verkorksten Narren, der meinem besten Freund irrsinnig dumm kommt, mich behandelt, als sei ich sein Besitz, und irgendeiner Halbnackten hinterher kriecht. Entweder bin ich viel erwachsener geworden oder er hat auf seinen Reisen einen zu harten Schlag auf den Schädel abbekommen.”

“Hm.”, machte der anwesende Undviker und schob den kleinen Ast eines Gebüsches beiseite, damit der ihn nicht kratzend im Gesicht streifte “Das kenne ich. Erst sieht man zu seinem Vater auf, dann wird man enttäuscht. Ich hätte mir damals auch nie gedacht, dass Halbjørn mich so… so hinterhältig zurückholen wollen würde, wie an dem Tag, als uns die Skrugga angegriffen haben. Weißt du noch? Ich hätte nie geglaubt, dass er mich entführen lassen würde. Und das ohne Rücksicht auf alles und alle anderen. Er war nie so, sondern herzlich, liebenswürdig und geduldig. Oder jedenfalls dachte ich das viel zu lang.”

Anna’s Mundwinkel zuckte entnervt zur Seite, als sie zu Hjaldrist hin linste. Und einmal wieder wurde sie daran erinnert, dass sie beide sich manchmal so verdammt ähnlich waren. Es war ein Fakt, den man schnell vergaß, wenn man bloß ihre Grundzüge betrachtete, die sehr unterschiedlich ausfielen: Der Eine war ordentlich, die Andere das Chaos auf zwei Beinen. Rist hatte Köpfchen, während Anna zwar mutig war, doch zu oft sehr vorschnell handelte. Aber hinsichtlich ihrer Beweggründe und Gesinnungen waren sie gleich. Und das erleichterte die Nordländerin mit den kurzen Haaren sehr. Schwach lächelte sie. Dann gab sie ihrem Kumpel einen freundlichen Schubs.

“Ach, Scheiß drauf.”, seufzte sie “Familie kann man sich eben nicht aussuchen.”

“Wie wahr.”, gab Rist zurück und lächelte schon wieder breit. Ja, wozu bräuchten sie beide denn schon Väter, die ihre Leben kontrollieren wollten? Sie hatten doch einander. All die anderen, die sie belehren, anschreien oder verschleppen wollten, konnten sie ganz gepflogen kreuzweise. Und vielleicht schmunzelte Hjaldrist gerade auch nur so verschlagen, weil er nun schon seit vier Jahren mit seiner freiheitsliebenden Seelenverwandten durch die Lande zog. Die Einstellung der aufmüpfigen Kriegerin färbte offenbar ein wenig auf den sonst so bedachten Jarlssohn ab. Und das war gut so, wie Anna fand.

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