Kapitel 8

Kräuterproben-Pläne

Nach einer Nacht, die zum Glück ereignislos verlaufen war, wenn man von der Begegnung mit Lin absah, trieben die Reisenden ihre Pferde schon früh durch den Wald. Der Göttling mit der bläulichen Haut und den hellen Augen war all die Stunden über geblieben und im Gegensatz zu Anna und Hjaldrist war er kein Bisschen müde gewesen. So hatte er die Zeit mit der jeweils wachen Person verbracht. Während Rist sich als erstes hingelegt hatte, um mit dem Rücken zu den Anderen zu schlafen, hatte sich Anna im Flüsterton mit Lin unterhalten. Irgendwann hatte sie ihre Gwent-Karten hervorgeholt und sie ihrem neuen Bekannten gezeigt. Tatsächlich hatte sie dann damit angefangen Lin beizubringen, wie das besagte Kartenspiel funktionierte. So leise, als möglich hatte sie dem gespannten Waldgeist also eines ihrer beiden Gwent-Decks - Monsterkarten - zugeschoben, um ihren zweiten Stapel, der aus Karten der Scoia’tael-Fraktion bestand, dagegen auszuspielen. Am Anfang war dies recht holprig passiert, doch schon nach etwa einer Stunde hatte Lin verstanden und damit angefangen die verspielte Begeisterung der Novigraderin zu teilen. Er mochte Gwent und hatte die schön gedruckten, etwas abgegriffenen Karten auch abseits des Spielens genau betrachtet. Viele der Monster darauf hatte er wiedererkannt und sich darüber erstaunt gezeigt, dass Künstler es schafften jene so detailgetreu zu zeichnen. Die Zeit in der Sägewerkshütte, die Anna damit verbracht hatte ‘Wache’ zu halten, war also schnell vergangen. Hjaldrist hatte ein paar Stunden geschlafen, bevor man ihn geweckt hatte, damit sich auch die Frau etwas ausruhen könnte. Bestimmt hatte der liebe Göttling auch den Skelliger gut und bis zum Morgengrauen unterhalten. Die Trankmischerin der Runde hatte davon jedenfalls nichts mehr mitbekommen, denn sie hatte unerwarteterweise geschlafen wie ein Stein.

“Und? Was habt ihr heute Nacht so gemacht?”, schmunzelte Anna, als sie von der Seite aus zu ihrem besten Freund hinsah, der auf Apfelstrudel saß und jenen neben Kurt her trieb. Die Pferde trotteten gemütlich durch den Wald und stiegen gemach über Wurzeln und Steine hinweg, die nicht völlig vom Schnee bedeckt waren. Der Atem aller stieg als heller Dunst auf, denn so früh war es noch sehr kalt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Doch bald würde sie das und dann würde es hoffentlich wieder tauen.

“Lin hat mich gefragt, ob ich Gwent spiele.”, erwähnte Rist und zog die Zügel etwas straffer. Seine Hände steckten in seinen alten, dicken Handschuhen. Die neuen aus Redgill waren schließlich nur Trugbilder gewesen; magisch angereicherte Luft, wenn man es denn so banal betiteln konnte.

“Und?”, grinste Anna abwartend. Tatsächlich fragte auch sie sich, ob ihr Freund ein Kartenspieler war oder nicht.

“Ich habe ein paar Karten. Die habe ich ihm gezeigt.”, gab der Undviker zu und zuckte mit den Schultern. Dann sah er sich forschend um, beinah schon verstohlen. Seine braunen Augen suchten Lin. Denn der Göttling hatte sich geweigert auf eines der viel zu hohen Pferde zu steigen. Er zog es vor von selbst durch den Wald zu gehen und hatte den Abenteurern versichert schnell genug zu sein, um mit dem Schritt der zwei Pferde mithalten zu können. Ob er dabei wirklich spazierte oder lief? Oder hatten eigenartige Wesen wie er andere Methoden sich schnell fortbewegen zu können? Vor Kurzem hatte Anna ihn noch im raschelnden Dickicht gesehen, nun war er wieder verschwunden. Bestimmt würde der freundliche Göttling aber bald wieder auftauchen. Spätestens dann, wenn Hjaldrist und die Ausländerin vom rechten Weg abkämen. Es war ein wenig befremdlich ein Waldwesen als Reiseführer zu wissen, doch es war auch sehr erleichternd und absichernd. Anstatt nämlich planlos umher zu reiten, konnten sich Rist und Anna auf den Kleinen mit den schwarzen Haaren und den seltsamen Klamotten verlassen. Das war doch was!

“Er ist eine große Hilfe.”, meinte die dankbare Novigraderin und zog die Aufmerksamkeit ihres dunkelhaarigen Kumpans damit wieder auf sich. Unter seiner wärmenden, fellbesetzten Kapuze sah der hübsche Axtkämpfer wieder her.

“Ich frage mich nur, ob er etwas dafür will…”, kritisierte der Krieger und das zurecht. Normalerweise verlangten Göttlinge irgendwelche Dinge oder Lebensmittel als Bezahlung für ihre ‘Dienste’. Der kleine Begleiter der beiden Vagabunden hatte bisher aber noch keine Belohnung gefordert. Vielleicht käme das ja noch. Später. Wenn sie die Druiden Gedyneiths erst einmal gefunden hätten.

“Wer weiß? Warten wir einfach ab.”, lächelte die Kurzhaarige unbeschwert, setzte sich im harten Sattel bequemer hin und streckte die Beine etwas aus, bevor sie die wadenhohen Stiefel wieder zurück in die Steigbügel stellte. Sie hatte letztere lang gelassen und mimte damit den skellischen Reitstil ihres Kollegen, der in der Tat entspannter war, als der ihre.

“Du machst dir keine Sorgen?”, wollte der unerfahrene Hjaldrist skeptisch wissen.

“Nein. Wenn Göttlinge irgendwelche Bezahlungen verlangen, dann sind die meistens recht trivial und klein. Man muss wirklich nichts befürchten, glaube mir…”, versicherte Anna lächelnd und trieb Kurt über eine dicke Wurzel, die aus der Schneedecke herausragte. Recht gleichgültig trottete das Pferd darüber hinweg, interessierte sich nicht sehr für die Umgebung und war deswegen auch generell schwer zu erschrecken oder aufzuscheuchen. Das war gut. Apfelstrudel aber, der hielt in diesem Moment vor der breiten Wurzel an, wie ein störrisches Maultier, das keine Lust mehr darauf hatte schweres Gepäck zu schleppen. Man hörte seinen Herrn im Morgengrauen murren, dann leise fluchen. Anna verkniff sich ein Lachen, als Rist es nur mit Mühe und Not schaffte sein widerspenstiges Tier über das feuchte Holz hinweg steigen zu lassen. Na, ging doch!

“A d’yaebl aép arse! Es ist nur eine Wurzel!”, hörte man den wenig angetanen Krieger dabei maulen “Beim Seidenhöschen meiner Großmutter! Na, geh schon, du Esel!”.

Also schön, das war’s. NUN konnte die Novigraderin, die ihren braunen Wallach gezügelt hatte, um auf ihren Freund zu warten, das erheiterte Lachen nicht mehr zurückhalten. Amüsiert kicherte sie, wandte sich am Pferderücken ein Stück und sah sich nach Hjaldrist um.

“Deine Großmutter trägt Seidenhöschen? Na, ich wusste ja nicht, dass skellische Frauen gehobenen Alters auf so etwas stehen.”, bemerkte sie witzelnd und entlockte nun auch dem Käferschubser einen belustigten Laut. Apfelstrudel die Fersen noch einmal in die Flanken hebend schloss er zu Anna auf und grinste ein “Wenn du wüsstest…”

Wenn sie wüsste? Also sie war sich ja nicht sicher, ob sie wissen WOLLTE. Eher nicht. Sie hatte zwar nichts gegen Frauen, die hübsche Unterwäsche trugen - im Gegenteil - doch Omas in derselbigen waren dann eine grausige Vorstellung, die die Frau aus Kaer Morhen eher nicht brauchte.

 

Gegen Abend begann es zu regnen. Die Temperaturen waren so weit angestiegen, dass die Kälte auf den Inseln nicht mehr für dicke Schneeflocken ausgereicht hatte. So prasselte das Wasser, wie aus Kübeln vom schwarzen Himmel und verwandelte den Schnee ringsumher zu Matsch.

“Und DAS im Winter…”, schnappte Anna und rieb sich die Oberarme unwohl. Sie und die anderen beiden hatten es gerade noch so in eine Höhle geschafft, zu der Lin voran gelaufen war. So waren sie also nicht patschnass geworden und müssten sich die Ärsche nicht wegen durchgeweichter Kleidung abfrieren. Erleichtert atmete Hjaldrist durch und ließ seinen Rucksack scheppernd auf den steinernen Boden plumpsen. Die Grotte war nicht sehr groß und sie ging auch nicht tief in den Felsen, der zu einer kleinen Anhöhe inmitten des Waldes gehörte, hinein. Sie war verlassen und in der Mitte des Höhlenraums waren die rußigen Überreste eines längst verlassenen und erloschenen Lagerfeuers zu erkennen. Ein paar verkohlte Holzscheite markierten die Mitte der kleinen Zuflucht in einem kreisrunden Fleck. Ansonsten gab es hier keinerlei Anzeichen dafür, dass dieser Platz je von irgendwem besucht worden war - außer von Wildtieren und anderen Wesen, verstand sich. Der Forst war tief und sehr dicht. Schwer vorstellbar, dass sich hier je eine Menschenseele her verirrte.

“Lin, wie lange brauchen wir noch bis Gedyneith?”, wollte Anna wissen, als sie sich nach dem Göttling umsah, der sich neben Rist’s großen Rucksack auf den Boden gesetzt hatte. Der Kleine wiegte den Kopf nachdenklich und ließ die großen, eisblauen Augen ebenso grüblerisch wandern.

“Morgen sind wir da.”, meinte er daraufhin zuversichtlich.

“Morgen erst? Ich dachte, die Druiden seien nicht so weit weg.”, warf der anwesende Undviker ein und zeigte sich eher unzufrieden darüber, dass er es sich heute Nacht wieder auf dem kalten, steinharten Boden eines unfreundlichen Ortes bequem machen müsste. Der Mann runzelte die Stirn tief, doch regte sich nicht weiter auf. Auch Anna seufzte bedauernd.

“Dann bleiben wir wohl besser hier, bis der Regen nachgelassen hat. Wäre Gedyneith näher gewesen, hätte ich ja vorgeschlagen trotz des Scheißwetters weiter zu reiten.”, schlug die Hexerstochter vor und legte ihren schweren Rucksack jetzt ebenso ab. Leise klimperten die metallenen Schnallen daran dabei und als Anna das Gepäckstück los war, streckte sie sich einmal wohlig stöhnend.

“Ja, lass uns abwarten und weiterziehen, sobald es nicht mehr so pisst.”, murrte Hjaldrist. Er hatte sich zu seinem Zeug gehockt, wühlte darin herum und zog ein kleines Säckchen aus hellem Leinen daraus hervor. Dann machte er sich daran seine zusammengerollte Decke vom Rucksack zu binden. Man sah Kurt und Apfelstrudel vor dem Höhleneingang herumstehen; den Einen müde schnaubend, den Anderen am Boden nach Gras suchend. Der Regen schien ihnen nichts auszumachen. Schließlich blitzte und donnerte es nicht. Ein Gewitter hätte die beiden sicherlich verschreckt, aber ein ordentlicher Regenguss ging an den Wallachen vorbei, wie Eiseskälte an hartgesottenen Skelligern. Mittlerweile hatte Anna’s liebstes Exemplar der selbigen seine Decke am Höhlenboden ausgelegt und sich darauf niedergelassen. Rist öffnete das kleine Säckchen, das er aus seinem Rucksack gefischt hatte, und klaubte daraus eine Dörrpflaume hervor. Urgh. Anna hasste diese zähen, klebrigen Dinger. Im Gegensatz dazu schien Lin’s Interesse aber geweckt worden zu sein, denn sofort kam er zu Hjaldrist hin, beugte sich vor und warf einen eifrigen Blick in dessen kleinen Proviantbeutel mit dem braunen Verschlussbändchen.

“Hier. Willst du was davon?”, war der Krieger auf der Baumwolldecke gestern noch so misstrauisch und nahezu feindselig gewesen, wenn es um den anwesenden Göttling ging, so schien er heute viel gelassener und freundlicher zu sein. Er hielt Lin sein Trockenobstbeutelchen hin und sah den Kleineren abwartend fragend an.

“Was ist das?”, wollte das langhaarige Waldwesen wissen und pickte sich etwas aus dem Säckchen. Es betrachtete das Dörrobst eingehend.

“Was du da hast ist eine getrocknete Feige. Die kommen aus Serrikanien.”, erklärte der Skelliger in der grünen, bestickten Tunika geduldig und Lin hörte ihm gespannt zu.

“Wo ist Serrikanien?”, fragte das bläuliche Wesen sofort interessiert.

“Weit im Südosten.”, meinte Rist und schien sich offenbar gut mit Geografie auszukennen. Nicht jeder tat das. Bauern scherten sich nicht viel um das, was mehr als ein, zwei Meilen um ihren Hof herum geschah und normalen Bürgern waren zumeist nur die großen Städte der angrenzenden Ländereien bekannt. Vielleicht hatten sie ja schon von Serrikanien oder anderen, abgelegeneren Orten gehört, doch wo jene genau lagen, das wussten sie dann doch nicht. Der kluge Skelliger hier schien sich also für die weite Welt zu interessieren und vermutlich hatte er in der Vergangenheit Landkarten studiert oder mit Kundigen darüber gesprochen. Das war nicht überraschend. Mittlerweile hatte Anna nämlich durchaus bemerkt, dass Hjaldrist kein ungebildeter und einfältiger Kämpfer war, dessen einziges Talent darin bestand mit der Axt zuzuhacken. Der Mann hatte Köpfchen.

“Warst du schon einmal dort?”, fragte Lin, bevor er seine süße Trockenfeige probierte und dabei noch größere Augen bekam, als er sie eh schon hatte. Es schien zu schmecken.

“Nein.”, seufzte Rist “Aber ich würde es gerne einmal sehen.”

“Du könntest hingehen.”, schlug der Göttling naiv vor und steckte sich den Rest der serrikanischen Feige in den Mund, um daraufhin schon nach etwas zu fischen, das wie eine getrocknete Apfelscheibe aussah. Der Käferschubser musste leise in sich hinein lachen.

“Man geht nicht einfach mal so nach Serrikanien…”, merkte er an.

“Ist es so weit?”

“Ja…”

“Anna und ich können dich begleiten, dann wird es nicht langweilig.”, schlug Lin vor und sah sich jetzt lächelnd nach der stillen Novigraderin um, die zu ihm und Hjaldrist kam. Mit etwas erstauntem Blick, der der Tatsache galt, dass der Göttling gemeint hatte, er wolle mit in die Wüste, setzte sie sich langsam zu jenem und Hjaldrist auf die erdfarbene Decke am Höhlenboden.

“Äh…”, machte der Skelliger nurmehr und warf seiner Freundin einen zerstreuten Blick zu. Die vor den Kopf geschlagene Frau sah fort und hin zu Lin, der sie nach wie vor abwartend ansah.

“Du willst uns begleiten?”, hakte Anna ungläubig nach. Sie meinte damit nicht nur Serrikanien, denn eine Reise dorthin war erstmal eine weit entfernte Utopie. Sie hatte dabei eher die generelle Idee ihres kleineren Begleiters im Sinn. Denn Vorschläge, wie gemeinsames Herumziehen waren nicht gewöhnlich für eigenbrötlerische Waldgeister, die im Grunde sesshaft waren. Noch nie hatte sie von einem reisenden Göttling gehört oder gelesen.

“Ja, das wäre lustig!”, versicherte Lin und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Seltsamer Kerl. Rist schien sich dasselbe zu denken und sah über den Kopf des Göttlings unschlüssig zu der Novigraderin hin. Er zuckte die Achseln. Und auch Anna entschied sich dazu erst einmal nicht näher auf das Thema einzugehen. Wer wusste schon, wie ernst man Lin’s Worte nehmen konnte.

“Das wäre es wohl…”, entgegnete die Frau dem Waldgeist daher lasch. Sie würden ja sehen, was passieren würde, wenn sie Gedyneith erreicht hätten. Vielleicht waren Göttlinge ja wankelmütig und zu naiv, um ernsthaft über eine längere Reiseplanung nachzudenken. Kinder schlugen schließlich auch oft die fantastischsten Dinge vor und vergaßen sie kaum einen Tag später schon wieder. Bestimmt war die Frage nach dem gemeinsamen Herumziehen seitens des Waldgeschöpfes hier auch nur eine halbernste und ungewichtige Aussage gewesen. Schweigen breitete sich zwischen den drei Anwesenden aus und Anna lauschte dem Regen.

“Was willst du denn eigentlich so Wichtiges von den Druiden wissen?”, Hjaldrist sprach erst nach einer gefühlten Ewigkeit in die Stille hinein und drehte den Kopf zu Anna, die neben ihm auf der Decke saß und dem Höhlenausgang nachdenklich entgegenblickte. Noch immer regnete es stark und es roch nach nasser, karger Erde und feuchtem Holz. Es war anders als Sommer- oder Frühlingsregen, während denen man das feuchte Gras und die frische Natur riechen konnte, den weichen Waldboden und das Moos. Der Regen im Winter war kalt und unangenehm, man freute sich nicht über ihn.

“Hm?”, machte die angesprochene Novigraderin, die gerade mit offenen Augen vor sich hin gedöst hatte. Sie hatte die Beine angezogen, das Kinn auf den Knien. Lin saß etwas abseits und schien irgendetwas aus Stöcken und altem Laub zu basteln. Er war vollends konzentriert darauf mit den kleinen Ästen und den modrigen Blättern herumzuspielen.

“Ich suche die Formel für eine Art Trank.”, erklärte die Kriegerin aus den Nördlichen Königreichen dann und hob den Kopf, sah Rist aufrichtig entgegen. Jener wirkte nicht überrascht.

“Dachte ich mir fast.”, meinte er “Und welcher Trank ist das?”

“Hast du schon einmal von der Kräuterprobe gehört?”, wollte die Monsterkundige geheimnisvoll wissen. Nachdem ihr Freund mithalf und ihr in Zukunft wohl noch viel unter die Arme greifen würde - auch, wenn es um Experimente der Kräuterprobe ging -, schuldete Anna ihm ein paar Erklärungen, was?

“Äh, nein.”, gab Hjaldrist zu “Ich bin ja kein Alchemist, so wie du.”

“Ich bin keine richtige Alchemistin.”, lachte die Kurzhaarige “Ich weiß nur, wie man die ein oder andere Tinktur mischt.”

“Ja, und du hast unterwegs andauernd angehalten, weil du irgendwelches Unkraut oder ein schiefes Gebüsch gesehen hast. Genau das machen Alchemisten auch.”, grinste der schelmische Skelliger und es war klar, dass er seine Begleiterin gerade ein wenig aufziehen wollte.

“Hey, du wirst dich nochmal drüber freuen, dass ich das ‘Unkraut’ von letztens mitgenommen habe!”, beschwerte sich Anna und schaffte es nur mit Mühe und Not nicht zu schmunzeln “Spätestens dann, wenn du dir bei dem Mistwetter eine Erkältung holst! Das Unkraut ist nämlich Salbei. Und Salbei ist gut gegen Halsschmerzen.”

“Ich hole mir keine Erkältung.”, meinte der Undviker lässig und das konnte man ihm wohl genauso abnehmen. Ja, angeblich gab es hier auf den Inseln Leute, die in Eiswasser sprangen, um den Kreislauf anzukurbeln. Verrückt!

“Verschrei es nur nicht, mein Freund!”, konterte die Novigraderin dennoch und versuchte dabei verheißungsvoll zu klingen. Stattdessen hörte man ihr aber an, dass sie die kleine Diskussion hier genauso ernst sah wie Hjaldrist. Nämlich gar nicht. Gut, dass sie beide sich auf dieser Ebene so gut verstanden. Vermutlich war dies auch einer der Punkte, der dazu beitrug, dass es sich so anfühlte, als kenne Anna den Käferschubser schon ihr Leben lang.

“Ja, ja, ja. Aber was ist denn nun mit deiner Probe da, hm?”, lenkte jener das Gespräch wieder in eine andere Richtung und kam damit auf das Thema vom Anfang zurück: Anna’s Anliegen, das sie überhaupt erst nach Skellige geführt hatte. Die kurzhaarige Frau hielt kurz inne und die Atmosphäre in der Höhle wurde abrupt wieder ruhiger und strenger. Nicht todernst, aber auch nicht mehr so kindisch-neckend wie gerade eben noch.

“Hm. Die Kräuterprobe wird eingesetzt, um Menschen zu Hexern zu machen. Zu Mutanten, Vatt’ghern.”, eröffnete die Frau aus Kaer Morhen wissend und Hjaldrist horchte auf. Auf einmal wirkte er ziemlich interessiert und musterte seine zielstrebige Freundin aufmerksam. Der Mann rutschte etwas näher, wartete ab, und sein aufmerksamer Blick war eine stumme Bitte darum weiter zu sprechen.

“Das Problem ist, dass sie nur bei Männern funktioniert. Als Frau kann man sie nicht bei sich anwenden. Und genau darum geht es mir: Ich, ähm, will eine Kräuterproben-Formel finden, die man auch bei Frauen einsetzen kann.”, gestand Anna und wich dem Blick ihres starrenden Kollegen dabei langsam aus. Sie atmete seufzte und wirkte dabei so, als müsse sie am Rande gegen Resignation ankämpfen. Denn ganz ehrlich? Bisher war ihre anstrengende Suche nach der besagten, brisanten Alchemieformel ziemlich schleppend und ergebnislos verlaufen. Im Grunde war sie zwei Jahre lang durch die Nördlichen Königreiche gereist, hatte versiertere Trankmischer genervt, geforscht, Kräuter gepflückt und dabei gehofft, sie käme bald schneller voran. Oh Mann. Am Anfang, nachdem sie von Balthar fortgerannt war, war sie immens motiviert gewesen. Stur und ehrgeizig, doch mit wenig Plan, war sie losgezogen und hatte geglaubt, sie könne alles schaffen. Langsam aber sicher zweifelte sie aber an sich. Und sie wüsste nicht was tun, würden ihr die Druiden Skelliges nicht weiterhelfen können.

“Warte kurz…”, bat Rist nun endlich und fiel damit aus seinem Schweigen. Er runzelte die Stirn und wartete, bis Anna ihn wieder ansah. Dann sprach er langsam und konzentriert weiter.

“Es gibt einen Trank, der Männer zu Hexern macht. Du kannst ihn nicht nehmen, weil du eine Frau bist. Aber du willst eine Hexerin werden. Also möchtest du die Druiden fragen, ob sie eine Kräuterprobe für dich mischen können?”, wollte der schlaue Mann wissen und man konnte seinen Kopf förmlich arbeiten hören. Er schien mit der ganzen Angelegenheit noch nicht allzu viel anfangen zu können.

“So ungefähr, ja. Aber es ist etwas komplizierter, als das.”, antwortete die Novigraderin. Der Wind pfiff in die Höhle, trug ein paar vereinzelte Wassertropfen mit sich. Noch immer prasselte der Regen draußen nieder, als kippe jemand am Himmel einen bodenlosen Wassertrog über dem grauen Land aus.

“Die Kräuterprobe ist kein einfacher Trank, den man einfach so nimmt. Es ist vielmehr, naja, eine Art Prozess, der länger dauert. Es gibt Niederschriften darüber, in denen nur von einem Absud die Rede ist. In einem anderen Werk, das ich gefunden habe, sind die Rezepte für drei Tränke, die man in bestimmter Reihenfolge schlucken muss. Carla Demetia Crest, eine Zauberin der Aretusa-Akademie hat recht viel darüber verfasst. Jedenfalls… habe ich viel gelesen und nachgeforscht, habe versucht herauszufinden, wo genau der Haken bezüglich weiblicher Hexer ist und-”, weiter kam Anna nicht, denn Rist fragte dreist dazwischen.

“Was passiert denn mit Frauen, die versuchen die Kräuterprobe zu durchlaufen?”, wollte er wissen.

“Uhm.”, die Nordländerin räusperte sich und wurde kleinlaut “Sie sterben. Ihre Organismen halten die Prozedur nicht aus.”

“Bitte, WAS?”

“Ich sagte ja: Das Ganze ist nicht so einfach.”, stöhnte die Kurzhaarige hervor.

“Und du willst diese Formel hernehmen, verändern und an dir ausprobieren? Oder wie? Wie an einem Versuchskaninchen?”, Hjaldrist wirkte nicht sonderlich begeistert, im Gegenteil. In gewissem Maß bereute Anna es in diesem Augenblick schon, dass sie ihren Kollegen in ihre halsbrecherischen Pläne eingeweiht hatte.

“Ja, auf kurz oder lang will ich das machen.”, murmelte die burschikose Frau und erntete äußerst kritische Blicke dafür. Rist beugte sich etwas vor, sah die hadernde Novigraderin todernst an. Die Kriegerin riss sich am Riemen, um nicht ein Stück weit zurückzuweichen, blieb standhaft und sah ihren Freund aus Skellige stur an. Sie versuchte so entschlossen und selbstsicher auszusehen, als möglich. Was schwer war, denn sie wusste in der Tat über die Risiken der Kräuterprobe Bescheid. Doch diese Gefahren waren ein hohes Risiko, das sie hinnahm. Schmerzen oder körperliche Veränderungen waren der Preis, den sie zu zahlen bereit war. Niemand könnte dies ändern oder sie von ihrem prekären Vorhaben abbringen. Niemand.

“Mach dir keinen Kopf, Rist. Es wird gut gehen.”, versicherte Anna noch, bevor der Angesprochene protestieren konnte. In gewisser Weise war es ja wirklich lieb von ihm nun so finster und kritisch zu starren. Dass er es tat hieß nämlich, dass er sich sorgte und seine Freundin sehr mochte. Er wollte nicht, dass ihr etwas zustieß oder sie gar starb. Die Monsterjägerin musste lächeln.

“Pah.”, machte Rist, doch sein Ton war nachgiebig “Ich dachte mir damals, als du mir mit den vier Gabelschwänzen ankamst, ja schon, dass dich deine Sturheit irgendwann ins Grab bringen wird.”

“Wir haben die Viecher besiegt und dabei ganz schön viel Geld und Ruhm eingeheimst!”, fügte Anna gleich verteidigend hinzu und ihr Gegenüber schnaufte, verschränkte die Arme vor der Brust.

“Wohl wahr.”, sagte er.

“Also vertrau mir einfach. Ich werde jemanden finden, der mir mit der Kräuterprobe weiterhelfen kann und wenn du willst, kannst du mich dann ja dabei unterstützen damit klar zu kommen.”, entkam es der Kurzhaarigen und sie sah wie Hjaldrist die Stirn abermals in Falten legte. Er wirkte nicht überzeugt und das, wiederum, führte dazu, dass sich Anna etwas dämlich vorkam. Ein dümmliches Grinsen und ein Kratzen des Hinterkopfes seitens der ambitionierten Möchtegern-Hexerin waren Resultate von letzterem, genauso wie ein trockenes Schlucken und ein sehr, sehr flaues Gefühl in der Magengegend.

“Ich soll dann also versuchen dich wiederzubeleben, wenn du wegen deinem Kräuterkram aus den Latschen kippst und dir der Schaum vorm Mund steht.”, stellte Hjaldrist plump fest und traf damit den Nagel auf den Kopf. Und ganz ehrlich? Tatsächlich erhoffte sich Anna dies insgeheim, wusste aber auch, dass sie es nicht überheblich einfordern könnte. Denn es ging hier um sehr viel Verantwortung. Ja, was, wenn sie irgendwann wirklich damit anfangen würde zu experimentieren und wild zusammen gepanschte Absude zu trinken, in der Hoffnung eine Hexerin zu werden? Was, wenn sie dann kollabierte oder sonst was geschah? Rist, wäre er dann überhaupt noch bei ihr, wäre für sie verantwortlich, wie eine Mutter für ihr kleines, wehrloses Kind. Wie ein Heiler für seine kranken Patienten.

“Ja… das könntest du...”, sagte Anna betont langsam, denn herausreden könnte sie sich nicht mehr, und sah den abschätzigen Undviker dabei ziemlich kleinmütig an. Es wurde still in der kleinen Höhle und man hörte nur noch, wie Lin im Hintergrund mit einem Stock am dreckigen Boden herum schabte. Das Plätschern des kalten Regens begleitete dieses Kratzen, doch ansonsten war es ruhig. Die Anspannung, die sich in die klamme Atmosphäre mischte, war kaum auszuhalten. Anna wurde nervös, ihre Hände feucht. Und sie wusste nicht warum, aber sie bekam ein wenig Angst. Angst davor, dass Hjaldrist ihr nun sagen würde, dass sie sich zum Teufel scheren solle mit ihrer Kräuterprobe. Dass er seiner Wege gehen würde, weil er keine Lust darauf hatte bei wahnwitzigen und lebensgefährlichen Experimenten mitzuwirken. Anna wollte nicht wieder allein sein. Betreten und sich die Hände nervös knetend wartete sie ab und brachte es kaum zustande ihren Begleiter geradeaus anzusehen. Erst nach vielen, zu lang erscheinenden Momenten sah die betreten abwartende Novigraderin, wie sich der Skelliger die trocken gewordenen Lippen beiläufig mit der Zunge befeuchtete und Luft holte. Und während er das tat, vergaß Anna im Gegenzug darauf zu atmen.

“Du willst doch nur, dass ich dich küsse.”, brummelte der Mann nun und der armen Kriegerin blieb das Herz beinah stehen. Als sie aber realisierte, was Hjaldrist da gerade von sich gegeben hatte - eine dämliche, wie gewohnt feixende und etwas zynische Anspielung auf Mund-zu-Mund-Beatmung beim Wiederbeleben - fand sie wieder Luft zum Atmen und ihre so unruhige Miene rutschte in eine amüsiert-angewiderte Richtung. Mit einem Schlag lockerte sich ungute Stimmung in der kleinen Waldhöhle wieder, wurde angenehmer und leichter. So, wie sie es zwischen Freunden auch sein sollte. 

“Pah.”, machte Anna abfällig, um die Sache mit dem Küssen nicht kommentarlos auf sich sitzen zu lassen. Und dann, als sie den Gesichtsausdruck ihres schief lächelnden Kumpels sah, fühlte sie tiefe Erleichterung. Denn sie hatte jetzt das Gefühl, dass Hjaldrist ihr weiterhin helfen würde. So oder so.

 

*

 

Gedyneith hatte keine Taverne.

“Oh nein…”, jammerte Anna, als sie mit Kurt am Zügel die weitläufige Gegend betrat, die recht hügelig war. Dies war nicht ungewöhnliche für Skellige, doch was ihr auffiel war, dass diese besagten Hügel teils bewohnt wirkten. Also nicht so, dass jemand sein Zelt DARAUF aufgeschlagen hatte, nein. Es mutete an, als wohnten Menschen IN den Hügeln. In Höhlen, die in eben jene geschlagen worden waren. Gleich die erste Anhöhe, die sie sah, verfügte an der steilen Vorderseite über eine kleine, schiefe Holztür, die von zwei Blumentöpfen gesäumt war, aus denen verdorrte Stängel ragten. Auf dem größten der kleinen, verschneiten Berge hier wuchs ein massiver Baum, der bestimmt Jahrhunderte alt sein musste. Wie ein riesiger Wächter, der seine dicken Arme nach allen Seiten ausstreckte, ragte er über den Ort, in dem Feuerschalen und Bänke standen und aus dem auch hier und da eine Stimme an die Ohren der Reisenden drang. Aber es gab kein Gasthaus. Außer, man hatte eines in einen der blöden Hügel gegraben, doch das bezweifelte Anna stark. Dabei hatte sie sich schon so auf ein deftiges Essen und etwas Umtrunk gefreut. Dennoch verdunkelte sich ihre Miene nicht lange. Denn von Weitem erkannte sie bereits eine Gestalt, die durch Gedyneith wanderte: Einen gebückten Mann mit einem langen, weißen Rauschebart und einem seltsamen Hut am Kopf, der mit den Flügeln irgendeines braun melierten Vogels geschmückt war. Der offensichtliche Druide stützte sich auf einen knorrigen Holzstab und trug eine alte, verwaschene Robe, die reich mit Knotenornamenten bestickt war. Und als Hjaldrist und Anna langsam näherkamen, blieb er stehen, sah fragend auf. Eines seiner Augen war milchig-weiß, vermutlich blind. Der Alte hatte tiefe Lachfalten im runzligen Gesicht und betrachtete die Neuankömmlinge abwartend. Die anwesende Novigraderin drückte ihrem Freund die Zügel von Kurt energisch in die Hand.

“Hallo!”, Anna beschleunigte ihren Schritt jetzt, als sie rief, und winkte dem Druiden zu. Jener blieb weiterhin stehen und wartete geduldig ab. Erst, als die Frau bei ihm angekommen war, nickte er zum Gruße.

“Einen schönen Tag wünsche ich, Töchterchen.”, sagte der Fremde mit dem Stock. Er lächelte warmherzig und man sah dabei, dass einer seiner schiefen Eckzähne fehlte. Seine Stimme war rau und klang besonnen.

“Guten Tag.”, begrüßte der Mistelschneider dann auch Rist, als jener mit den zwei Pferden an den Zügeln daherkam. Lin war nirgendwo zu sehen, doch er war in der Nähe und hielt sich versteckt. Der Göttling wollte nicht von den Bewohnern Gedyneiths gesehen werden, hatte dies vor weniger Zeit klar gemacht.

“Kann ich etwas für euch tun?”, wollte der Druide wissen und sofort rückte Anna mit der Sprache heraus. Sie hatte zu mühsam gesucht und war zu lang herumgereist, als dass sie nun um den heißen Brei herum reden wollte.

“Ich suche jemanden, der sich mit der Kräuterprobe auskennt.”, meinte sie aufgeregt und trat von einem Bein nervös auf das andere. Hjaldrist sah sie von der Seite aus ganz eigenartig an.

“Hmmm…”, machte der bucklige Druide nachdenklich und stützte sich schwer auf seinen mannshohen Spazierstab, an dem ein paar klappernde Holzperlen und Federn baumelten. Mit der freien Hand fuhr er sich bedächtig durch den langen, silbergrauen Bart und musterte erst die jüngere Frau vor sich, dann den dunkelhaarigen Mann mit den hübschen Zügen. Er hob die buschigen Brauen etwas, fing wieder damit an zu lächeln und Anna sah dies schon als Bestätigung. Vorfreudig wartete sie ab, als der Alte langsam und grüblerisch nickte.

“Ja… mh...”, machte er, strich sich wieder durch die dichte Gesichtsbehaarung.

“Töchterchen, ich habe noch nie von solch einer Probe gehört.”, sagte der Trankmischer dann auf einmal freundlich und mit ungebrochener Ruhe im Blick. Anna stutzte heftig. Auch Hjaldrist verzog irritiert das Gesicht.

 

Es stellte sich am Ende heraus, dass kein Druide Gedyneiths etwas über die Kräuterprobe wusste. Manche von ihnen hatten einmal am Rande etwas davon gehört, ja, auch unter anderen Namen, doch das war es auch schon. Einer der Alchemisten, ein sehr verwirrter, hatte Anna weismachen wollen, dass zwei Schlucke von Weißer Möwe aus jedem einen Hexer machten. Ein anderer Kerl hatte die hoffnungsvolle Frau und ihr Anhängsel aus Undvik fortscheuchen wollen, weil sie so neugierig und hartnäckig nachgefragt hatten. Mit dem schiefen Stab hatte er nach den Jüngeren geschlagen und gemeint, dass sie sich doch nach Mörhogg scheren sollten. Ein Bekannter dieses aufbrausenden Arschlochs hatte sich schnell dafür entschuldigt. Im Großen und Ganzen war die Aktion sich von Lin zu den Druiden führen zu lassen, also vergebliche Müh gewesen. Ein völliger Reinfall, wie immer. Und die ratlose Anna, die wusste nicht mehr weiter. Seit sehr langer Zeit hatte sie sogar einmal wieder geheult, wie ein Schlosshund und das hieß schon was. Normalerweise flennte die sture Kriegerin aus Kaer Morhen sehr selten, aber vorhin hatte sie erbärmlichst jammernd in den Armen Rists gehangen. Sie wüsste ja nicht was machen und sei so dumm. Sie habe keine Ahnung, wo sie noch hin sollte, wo sie, verdammt nochmal, weitersuchen könnte. Sie sei ja in so großer Hoffnung nach Skellige gereist und das auch noch auf solch einem verkackten, schaukelnden Scheißschiff. Und sie hasse ihr Leben.

Hjaldrist hatte Anna derweil nur unbeholfen den Rücken oder den Kopf getätschelt und kaum etwas gesagt. Was hätte er auch murmeln sollen? Er hatte ja auch erst vor Kurzem erfahren welchen Plänen Anna nacheiferte und hatte selbst keine Ahnung von Hexerdingen. Also hatte er nur da gesessen und die starke Schulter zum Ausweinen gespielt. Es hatte geholfen. Denn nun saß die geknickte Novigraderin mit den leicht geröteten Augen schon wieder recht gefasst da und kaute lustlos auf einem Brot herum, das dick mit Butter und Honig bestrichen war. Der bucklige Druide, den sie beim Eintreffen in Gedyneith getroffen hatten, der alte Nielson mit dem blinden Auge, hatte sie zu sich nach Hause eingeladen. Dies damit sie die ungnädige Winternacht unter einem Dach und in der Wärme verbringen konnten. Er war zwar ein quälend langsamer, doch liebevoller Mann, der eine immense innere Ruhe ausstrahlte. Soeben legte er in seinem alten, knarrenden Ofen ein paar trockene Holzscheite nach. Der Bärtige hatte den viel jüngeren Besuchern zu essen aufgetischt, Tee gekocht und ihnen angeboten auf ein paar Fellen auf seinem Boden zu schlafen, denn Gästezimmer gab es in Druidenhöhlen nicht. Jene bestand nämlich aus einem einzigen Raum, in dem alles Nötige stand. Nielson’s Heim war demnach sehr sporadisch eingerichtet, doch nicht ungemütlich. Es war jedenfalls besser als eine weitere Nacht unter dem freien, verregneten Himmel.

Ein Seufzen verließ Anna’s kratzende Kehle; es war das gefühlt zwanzigste innerhalb der letzten halben Stunde. Im rostigen Ofen knisterte das wärmende Feuer und man hörte, wie der Regen auf den Boden vor der Druidenhöhle prasselte. Nielson kam zu der stummen Nordländerin und ihrem Kollegen an den Tisch, setzte sich ächzend dazu und schenkte jedem etwas von seinem dunklen Tee nach. Ohne zu fragen löffelte er dann noch ein paar Löffel Zucker in jede Tasse, zog ein kleines Fläschchen hervor, dessen Inhalt stark nach Selbstgebranntem roch, und gab davon jedem noch einen kräftigen Schluck in das warme, süß duftende Getränk.

“Mein Großvater Sondre pflegte immer zu sagen…”, fing der bedächtige Alte an “Dass Alkohol konserviert. Wenn man bedenkt, wie alt ich nun schon bin, hatte er wohl recht. Möge er in Frieden ruhen.”

Hjaldrist musste verhalten grinsen und fasste nach seiner Tasse, um mit einem Holzlöffelchen darin herum zu rühren. Doch Anna verzog die Miene kaum. Schnöde Welt.

“Mädchen, sei doch nicht so traurig.”, meinte der herzliche Druide daher liebenswürdig und schob ihr ihre gut gefüllte Teetasse wohlwollend zu. Das Aroma nach Schwarztee mit Zucker und starkem Alkohol stieg der Kurzhaarigen wohlig in die Nase.

“Ich bin mir sicher, dass du finden wirst, was du suchst…”, versicherte der Mann lieb “Das tut man immer, wenn man nur hartnäckig genug darauf besteht.”.

Rist nickte schwach und zustimmend, war sicherlich froh über die moralische Unterstützung durch Nielson und sah von der Seite aus zu seiner niedergeschlagenen Freundin in der rot-schwarz gestreiften Jacke hin.

“Ja, mach doch nicht so ein langes Gesicht, Anna. Wir fragen einfach anderswo.”, schlug er erstaunlich zuversichtlich und locker vor.

“Und wo?”, murmelte die Novigraderin und sah nicht von ihrem unangerührten Honigbrot auf, das vor ihr auf einem Holzteller lag.

“...Ich hätte eine Idee.”, gab der Krieger zu und nach dieser Aussage hob Anna den Kopf, um ihn Hjaldrist sofort fragend zuzuwenden.

“Welche Idee?”, wollte sie wissen und wirkte um einen Deut wacher, jedoch noch nicht überzeugt.

“Es kann sein, dass ich da wen kenne.”, sagte der Skelliger hintergründig und sah die Monsterjägerin aufmunternd an. Irgendetwas in seinem Blick sprach aber gleichzeitig dafür, dass es ihm schwer fiel von diesem ‘Bekannten’ zu sprechen.

“Wen?”, hakte die Hexerstochter mit der trüben Miene nach.

“Ähm, ich kenne da noch einen Druiden nahe Hindarsfjall. Er ist ein ziemlich ‘eigener’ Eremit, doch er wird mit uns sprechen.”, versicherte Hjaldrist wohlwollend und rang sich zu einem Lächeln durch, das Anna mit einem unschlüssigen Blick quittierte. Ihre schmalen Schultern waren ein Stück weit gesunken, doch sie nickte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer war immerhin besser, als gar keiner.

 

“Hier.”, Hjaldrist warf Anna am übernächsten Morgen eine etwas fleckige Pergamentrolle zu. Überrascht fing die Frau jene auf und sah fragend drein.

“Was ist das?”, wollte sie wissen und linste über das alte Papier zu ihrem Freund hin. Der Skelliger faltete gerade seine dicke Baumwolldecke zusammen, um sie daraufhin zusammen zu rollen und an seinem Rucksack zu befestigen. Sie beide hatten zwei Nächte in Gedyneith verbracht, bei relativ gutem Essen und unterhaltsamer Gesellschaft durch den alten Nielson und dessen besten Freund, einem weiteren Druiden namens Pak. Eigentlich hatten sie nicht so lange bleiben wollen, doch nachdem sie sich nicht so gut und schnell erholt hatten, wie erhofft, hatten sie sich dazu entschieden noch etwas länger im verschlafenen Druidenhain zu bleiben. Es war eine gute Entscheidung gewesen und schlussendlich hatten sie es ja nicht eilig.

“Eine Karte. Ich habe sie gestern von Nielson’s Kumpel bekommen. Er kartographiert Vorkommen von irgendwelchen magischen Orten auf Skellige oder so ähnlich.”, erläuterte Rist, der am Boden hockend aufsah und sich dann daran machte den Ledergurt festzuzurren, der seine Decke an seinem gut gefüllten Gepäckstück hielt. Anna machte große Augen, senkte jene dann aber schnell auf die Papierrolle in ihren Händen und entfaltete sie. Ihr Blick fiel auf eine detailreiche Zeichnung der Skellige-Inseln. Noch nie hatte sie sich das Inselarchipel in einem Atlas angesehen und ehrlich gesagt hatte sie daher auch keine so richtig geografische Ahnung über die Landschaft hier gehabt. Nur eine ungefähre. Wenn sie bisher gereist war, dann nämlich durch das Mitfahren auf Bauernkarren und Händlerwägen. Sie hatte sich durchgefragt, nach Wegweisern Ausschau gehalten. Und in den Nördlichen Königreichen hatte dies auch gut geklappt. Dort war die Gegend schließlich weniger verwildert und auch flach, überschaubarer. Skellige, das war dahingehend ein ganz anderes Kapitel, verwinkelt, bergig und mit sehr viel Wildnis zwischen den kleinen Örtchen.

“Da, rechts drüben, ist Hindarsfjall.”, murmelte die Frau mehr zu sich selbst, als sie sich die schöne Karte vor die Nase hielt und die peniblen Beschriftungen darauf musterte, die mit schöner, geschwungener Handschrift und schwarzer Tinte angebracht worden waren.

“Und wo ist…”, wisperte die Kriegerin weiter “Gedyneith. Ah, da… oh je…”

Ja, oh je. Denn um nach Hindarsfjall zu kommen müsste man über das Meer. Anna hasste das Wasser abgrundtief. Sie hatte ja gehofft ihr neues Ziel sei irgendeine Stadt auf der großen Hauptinsel aber dem war nicht so. Hindarsfjall war eine kleine, eigene Insel. Mist.

“Rist, wie weit ist es von hier bis zum Meer? Wir werden ein Boot brauchen.”, die laienhafte Trankmischerin schielte noch einmal prüfend auf die Karte. 

“Hm…”, brummte der anwesende Skelliger nachdenklich. Sie beide waren hier, in Nielson’s Höhle, allein. Der Alte war früh losgegangen, um irgendwelche magisch geladenen Nordlichter zu sehen. Oder so ähnlich. War ja auch egal.

“Hm, fünf Meilen, schätze ich. Kaer Trolde und Kaer Muire sind zusammen an die 40 Meilen breit und 45 lang.”, schätzte der kundige Landsmann und erhob sich, nachdem er all sein Zeug in seinem großen Rucksack verstaut hatte. Er selbst trug bereits seine volle Montur und war daher reisebereit. Auch Anna müsste sich nurmehr das lederne Schwertgehänge umschnallen.

“Also brauchen wir bis zum Meer keinen Tag?”, wollte sie verunsichert wissen und ließ die Karte in ihren Händen sinken.

“Ja. Sollten wir nicht wieder in irgendein Fettnäpfchen treten, dann sollten wir bald dort sein. Und dann suchen wir uns eine Möglichkeit nach Hindarsfjall überzusetzen.”, meinte Hjaldrist und kam näher, nahm die Landkarte der Inseln wieder an sich, um selbst einen guten Blick darauf zu werfen.

“Siehst du die kleinen Inseln da? Im Norden der großen? Da müssen wir hin.”, erklärte Rist und deutete auf zwei längliche Inselchen, die sich geografisch über der Hauptinsel Hindarsfjalls befanden. Weit weg vom größten Dorf Larvik und vermutlich auch entfernt von jeglicher Zivilisation lagen sie. 

“Ich schätze, in zwei Tagen sind wir an unserem Ziel. Also solange wir nahe dem Walfriedhof jemanden finden, der uns auf seinem Boot überschiffen kann, eben. Schwimmen ist ja mal keine Option.”

“Gut, das kann ich nämlich nicht.”, schnaubte Anna mürrisch.

“Wie? Du kannst nicht schwimmen?”, als er dies fragte, sah der Käferschubser ein wenig perplex von seiner neuen Karte auf, die ihm Pak für ein paar Kupfermünzen vermacht hatte. Die Novigraderin nickte und schien sich nicht besonders dafür zu schämen, dass sie in Wasser unterging wie ein Stein. Mittlerweile stand sie eben dazu.

“Nein, kann ich nicht.”, sagte die geständige Frau und schmunzelte ein wenig verlegen.

“Man wollte es mir früher einmal beibringen. Aber nachdem mich Onkel Vadim damals einfach so in den Fluss nahe Kaer Morhen geworfen hat, weil er dachte, man bringe Kindern genau so das Schwimmen bei, habe ich mich später mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Ich bin nämlich fast ersoffen. Du hättest Balthar sehen sollen, als er das erfahren hat…”, lachte Anna leise. Rist schüttelte daraufhin ungläubig grinsend den Kopf, wurde aber schnell wieder etwas ernster.

“Das erklärt wohl auch, warum du immer so über Schiffsreisen schimpfst. Tse. Du solltest Schwimmen lernen, Anna.”, riet er.

“Ach, ich gehe einfach nicht ohne Boot zu tief in irgendwelche Gewässer.”, konterte die Schwertkämpferin, doch sie hatte die vage Befürchtung, dass ihr zäher Kumpel diese Antwort nicht akzeptieren würde. Früher oder später würde er die arme Nichtschwimmerin sicherlich in irgendeinen See tunken und sie darüber belehren, wie das mit dem Kraulen und Tauchen funktionierte.

“Und was, wenn das besagte Boot kentert?”, wollte Rist hartnäckig wissen und stemmte sich eine Hand in die Seite. Sein Blick war wissend, ein klein wenig überlegen. Denn im Grunde argumentierte er einmal wieder gut und hatte vermutlich auch Recht. Doch Anna hatte trotzdem kein sonderlich großes Verlangen danach ins kalte Meer zu springen. Dass sie als Siebenjährige beinah ertrunken wäre, steckte ihr noch immer tief im Hinterkopf und hinderte sie bis heute daran weiter als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen. Sie wollte es nicht noch einmal durchleben müssen so viel davon zu schlucken, dass man sich übergeben musste, oder das Mistzeug in die Lungen zu bekommen und sich die Seele aus dem armen Leib zu husten. Was das anging war sie aus guten Gründen ein Angsthase.

Anna verzog die Mundwinkel mit abfälliger Miene und wandte sich, um zu ihrer Ausrüstung zu gehen, die sich unweit auf einem der alten Eichenholz-Stühle befand. Ihr Rucksack stand auf dessen Sitzfläche, ihr Schwertgurt hing über der schiefen Lehne. Sie fasste nach letzterem und warf dabei einen prüfenden Blick auf Schnalle und Eisennieten.

“Hier in Skellige wird einem das Schwimmen schon im Kleinkindalter beigebracht.”, erzählte Rist währenddessen weiter und wollte das Thema, das Anna so sehr nervte, nicht ruhen lassen. Denn in seinen Augen erschien es wohl als besonders wichtig. Gerade hier, im Westen.

“Ihr wachst ja auch alle am Meer auf. Das gab es da, wo ich lebte, nicht.”, entgegnete Anna, als sie sich ihre Waffen umschnallte und den Rucksack schulterte. Damit war das Thema 'Schwimmen' für sie gegessen.

“Gehen wir?”

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