Kapitel 81

Kartoffeln und schreckliche Biester

Anna folgte dem eigenartigen Kerl, der sie vor wenigen Momenten hart angerempelt hatte und dann in den Burggarten geflohen war, vorsichtig und achtete dabei darauf, wohin sie trat, um keine Geräusche zu verursachen. Durch das Gärtchen der Festung Sturmfels schlich sie also und hielt die Ohren gespitzt. Ihre braunen Augen suchten die nahe Gegend vor ihr im Dunkel des späten Abends ab und bald, da entdeckte sie auch schon einen Schemen und hielt sofort inne. Sie wich langsam zur Seite, um sich hinter den Stamm eines Apfelbaumes zurückzuziehen und verstohlen hinter jenem hervorzulinsen. Sie erkannte nicht viel von dem, was da in der hintersten Ecke des Gartens vor sich ging; zwischen blühenden Büschen und dekorativen Sträuchern. Doch das, was sie sah, reichte schon, damit sie die Augen ungläubig weitete: Der Mann von vorhin war auf die Knie gefallen und kauerte vornüber gebeugt im Gras. Noch immer kratzte er sich stöhnend und wie verrückt an den Armen. Sein Atem ging dabei so schwer, dass Anna ihn deutlich vernehmen konnte. Irgendwo, unweit im Forst, konnte man wen schreien hören, doch davon wollte sich die Alchemistin nicht ablenken lassen. Ihre ungläubigen Augen blieben fest an dem hängen, der plötzlich unmenschlich röchelte. Sein gebeugtes Kreuz wurde zum Buckel und schwoll so weit an, dass man Leinenstoff reißen hörte. Der Fremde unterdrückte einen Schrei und fasste sich ins Gesicht. Anna’s Finger suchten ihren gewickelten Schwertgriff, als sie Zeugin der grotesken Verwandlung wurde. Und mit morbider Faszination starrte sie, obwohl sie nur vage Details erkennen konnte. Der Mann, der zum Monster wurde, bäumte sich plötzlich auf und streckte den Rücken durch. Dann, als seine Finger im Dunkel der frühen Nacht anwuchsen und im Licht des aufgehenden Mondes spitz zulaufende Schatten warfen, stutzte Anna heftig. Sie verkniff sich ein Fluchen und spürte, wie das Amulett an ihrem Ledergürtel anschlug. Es war das zweite Mal an diesem Tag. Das geschah selten. Und, Scheiße, was passierte hier nur?

Anna blinzelte überfordert, als sich vor ihr ein Biest reckte, das sie plötzlich um zwei Köpfe überragte. Dessen Wollmantel sah jetzt aus, als sei er dem Schemen viel zu klein. Und dort, wo man vorher ein Menschengesicht ausmachen hatte können, prangte eine flache Schnauze. Ein Werwolf? Nein. Das hier war kein gewöhnlicher Tiermensch. Aber… aber WAS, zum Geier, war es dann? Der modrige Geruch nach abgestandenem Teichwasser stieg Anna auf einmal markant in die Nase. Und dann war da noch etwas Anderes. Diese faulige Note, die sie heute auch schon einmal beim Mittagessen gerochen hatte. Und auf einmal, da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ja. Ja, genau. Die Kartoffeln, die Rist und sie verschmäht hatten, hatten genauso gestunken, wie das Biest!

Anna duckte sich schnell hinter ihren Baumstamm, als sich das fremdartige Wesen umwand und leise Klackergeräusche von sich gab, die an das Drohen von Krabbspinnen erinnerten. Und sie starrte aus großen Augen vor sich hin, während ihr das Adrenalin unaufhaltsam in die Adern schoss. Verdammt. Bei den Göttern! Unruhig über die Schulter zurück zu dem Wesen lugend, das sich keine fünf Meter weit entfernt befand, beugte sich Anna ein letztes Mal vor, um abschätzen zu können, ob das Ungetüm bliebe oder nicht. Denn sie wollte so schnell es ging zur Taverne laufen. Die Kriegerin käme aber nicht weg, wenn hier ein potentieller Feind herumkreuchte. Sie wollte nicht das Risiko eingehen loszusprinten und damit Gefahr zu laufen angegriffen zu werden. Daher wartete sie ab und war dabei froh über den hereingebrochenen Abend. Denn die Dunkelheit, so glaubte sie, war gerade ihr Freund. Ganz anders, als die Nase des nahen Untieres. Leider. Denn wenige Herzschläge später schon, hörte Anna, wie das buckelige Ungeheuer damit anfing zu schnüffeln. So, als wittere es irgendetwas oder eher: Jemanden. Kacke! Anna drückte sich mit dem Rücken voran eng an den Apfelbaumstamm, der gerade einmal so breit war, dass er sie verdeckte. Wäre die Novigraderin dick oder ihre Ausrüstung bulliger gewesen, dann hätte sie sich hier kaum verstecken können.

Anna hielt den Atem an und hörte, wie sich das Monstrum regte. Das knöchelhohe Gras raschelte zwischen dessen Füßen und das schwere Schnauben kam näher. Es stank penetrant nach Moder. Die Monsterjägerin schlug die Lider kurz nieder und besann sich eisern auf Ruhe. Eine Sekunde lange dachte sie schon daran anzugreifen, um das Element der Überraschung noch auf ihrer Seite zu haben. Das Wesen war nun schon so nah, dass sie dessen Anwesenheit unangenehm im Nacken kitzeln spürte und Anna’s Hand klammerte sich fest und entschlossen an ihren Schwertgriff. Dass die Waffe, zu der jener gehörte, aus Stahl war, war gerade einerlei. Ein ordinäres Bastardschwert verletzte auch Monster. Dies vielleicht nicht so verheerend, wie Silber... aber egal. Durch den Körper der 24-Jährigen ging ein plötzlicher Ruck und sie wollte schon hinter ihrem Baum hervorbrechen, da schallte aus dem Burghof ein verzweifelter Schrei. Man hörte Rüstungsklappern und aufgeregte Leute.

“Heiler!”, rief jemand außer sich. War das William?

“Wir brauchen einen Heiler!”

Das Wesen hinter Anna zuckte merkbar zusammen, als es die Ohren spitzte. Es gab ein erneutes Klackern von sich, ehe es sich auf einmal in Bewegung setzte. Doch allen dunklen Befürchtungen zum Trotz, griff es nicht an. Es sprang nicht vor, um die zurückgekehrten Ritter anzufallen, sondern zog sich zurück, als habe es Angst. Anna sah auf und wendete den Blick gleich zu dem stinkenden Ungetüm herum. Jenes zog sich zwischen die Obstbäume zurück. Ja, es floh regelrecht. Im Lauf kam es auf vier Beine und hetzte nur so dahin. Anna fasste sich kurzentschlossen und stob ebenso los, um dem Ungeheuer sofort zu folgen, da sprang es schon an die Gartenmauer, kletterte spinnengleich daran empor und verschwand mit einem gewaltigen Satz dahinter. Über den hohen Burgwall kam es somit und Anna, die viel langsamer war, erreichte das Ende des Gärtchens kaum, bevor sie das Wesen aus den Augen verlor.

“Scheiße!”, stieß sie rüde aus und kam vor der Gartenmauer zum Stehen “Verdammt!”

Doch all das Gefluche half nichts. Der verwandelte Mann mit den juckenden Armen war fort.

 

“Frau Arianna?”, Jouri, der schmale Mann, den der rachsüchtige Berold verprügelt sehen wollte, stand im Weg der Besagten, als sie Minuten später schon mit wehendem Mantel in den Burghof stürmte. Er betrachtete sie besorgt und trat ungeschickt beiseite.

“Könnt Ihr vielleicht helfen?”, stammelte er hervor und sah die ernste Frau hoffnungsvoll an. Denn im Hof versammelten sich gerade einige nervöse Krieger um fünf Verwundete, die man aus dem Forst hierhergebracht hatte. Auch Balthar war wieder zurück und mutete ganz konfus an. Er ging auf und ab, wie ein eingesperrtes Tier, und fasste sich kopfschüttelnd an die Schläfen. Vielleicht hatten die Schatten des Waldes ja auch ihn erwischt. Doch das war gerade nicht Anna’s Problem. Bestimmt gäbe es hier nämlich genug Heiler, die sich um all die verwundeten Menschen kümmern könnten. Und Balthar… der war ein Vatt’ghern und käme schon zurecht.

“Keine Zeit!”, schnappte sie also und eilte an Jouri vorbei. Der Mann mit den halblangen, braunen Haaren und dem simplen Leinenhemd sah ihr verwirrt nach. Er richtete sich die helle Kappe gerader. Die aufgebrachte Alchemistin, die den Weg zur Taverne einschlagen wollte, um dort nach Kartoffeln zu sehen, hielt derweil doch noch einmal inne. Sie wand sich auf dem Fuße um und kam entschlossenen Blickes und mit sich bauschendem Mantel zu Jouri zurück gestapft.

“Jouri.”, sprach sie ihn bedeutungsvoll an, denn sie hatte erkannt, dass dieser Kerl gerade nützlich sein könnte, anstatt nur unbeholfen herumzustehen und William dabei zuzusehen, wie er aufgescheucht zwischen den Verletzten umherlief.

“Ja?”, der Braunhaarige betrachtete seine Bekannte aufmerksam “Was ist?”

“Du musst mir helfen.”, eröffnete Anna, denn Hjaldrist war gerade nicht da. Der mitgenommene Jarlssohn ruhte gerade und das war gut so. Also wollte sie Berold’s Lieblingsfeind solange für sich gewinnen.

“Helfen? Wobei?”, fragte Jouri hellhörig nach und freute sich sichtlich darüber etwas tun zu können. Er war ein guter Kerl.

“Geh in die Taverne und nehme allen Leuten, die ein Gericht mit Kartoffeln vor sich stehen haben, das Essen weg.”, sagte Anna “Bitte.”

“Äh, was?”

“Die sind, uhm, vergiftet. Ich erkläre dir später mehr.”

“Wie?”, keuchte der Mann verdattert “Vergiftet?”

Doch er bekam vorerst keine Antwort, denn jene wäre zu lange gewesen.

“Wo werden die Kartoffeln gelagert? Weißt du das?”, hakte Anna stattdessen weiter nach und war ganz unruhig dabei. Sie vermutete, dass das Gemüse nicht direkt in der stickigen Schänke aufbewahrt wurde. Jene war klein und es hätte die Frau gewundert, hätte man all die Vorräte der Burg Sturmfels dort, irgendwo, liegen. Also tippte sie auf den einzig logischen Ort:

“Im Keller?”, fragte sie nach “Wo ist der? Sag schon!”

“Ja… ja, im Keller.”, nickte Jouri schnell “Die Treppe, die dort hinunterführt, befindet sich nahe dem Festungseingang. Du betrittst die Burg und gehst direkt auf sie zu.”

“Sehr gut!”, die zufriedene Kräuterkundige schlug die Handflächen kurz aufeinander. Sie wollte keine Sekunde mehr verlieren.

“Ich glaube, die Vorräte sind dort unten linkerhand.”, setzte Jouri noch nach “Rechts geht es in die Katakomben der alten Burgherren.”

Dies war eine wertvolle Information, die Zeit sparte. Anna war ihrem Bekannten dankbar dafür und daher nickte sie anerkennend.

“Ich laufe los.”, verkündete sie zielstrebig “Und Ihr vergesst die Taverne nicht! Es ist wichtig!”

Der angesprochene Kerl mit den halblangen Haaren gab einen zustimmenden Laut von sich und dann setzten sie sich beide in Bewegung. Kurz vor dem großen Burgtor trennten sich ihre Wege dann. Während Jouri gen Gasthaus lief, eilte Anna in die Festung und dort, in der Eingangshalle, schnurstracks auf den Kellerabgang zu. Jener war etwa so breit, wie zwei Mann hoch, und ein hölzernes Flügeltor versperrte ihn. Die Alchemistin in der gestreiften Jacke, die angelaufen kam, hatte die Türe die letzten Tage über schon gesehen und hoffte, dass sie nicht verschlossen war. Hoffnungsvoll kam sie also vor jene und packte an den kalten, schmiedeeisernen Griff der Pforte. Sie drückte jenen nach unten und tatsächlich sprang die Türe zum Keller auf. Anna’s Miene erhellte sich. Dann kam jedoch plötzlich jemand von rechts. Man sah ihn kaum kommen. Ein dicklicher Mann mit Glatze, ein Bürger des Ortes, versetzte ihr solch einen kraftvollen Schubs, dass ihr die Türklinke entglitt und Anna zur Seite stolperte. Beinahe fiel sie, doch fing sich gerade noch so.

“Scheiße!”, entkam es ihr reflexartig und sie strauchelte, ehe sie zu dem groben Bauern herumfuhr, der nach altem Schweiß stank.

“Nein.”, befahl jener und sah sie eigenartig an. Sein Ausdruck war leer und einen Atemzug später gesellten sich schon zwei weitere Leute zu ihm: Die blonde Tavernenwirtin mit der markanten Zahnlücke und ein zweiter, schlaksiger Kerl im grünen Leinenhemd. Anna hatte erst schimpfen wollen, doch jetzt stockte sie und beobachtete sprachlos, wie der Dicke die Pforte zum Keller behutsam schloss. Als wolle er den Durchgang mit seinem Leben beschützen, stellte er sich breitbeinig davor und seine beiden Kollegen taten es ihm gleich.

“Nein.”, brummte jetzt auch die Wirtin und hielt einen Kochlöffel demonstrativ drohend in der Hand. Anna stutzte.

“Was?”, keuchte sie “Nicht im Ernst!”

Ihr Wolfsmedaillon vibrierte sacht. Man konnte es kaum spüren, dennoch war es da.

“Keiner geht in den Keller…”, murmelte der stinkende Fette monoton. Dann setzte er sich direkt vor der Flügeltüre zum Abgang hin. Anna hätte nicht annähernd die Kraft dazu gehabt ihn von diesem Platz fortzubewegen und sicherlich hätte zu Schimpfen oder zu Schreien auch nicht geholfen. Die jungenhafte Frau, die sah, wie sich auch die Wirtin und Grünhemd am Boden vor der Holzpforte niederließen, verzog den Mund unzufrieden.

“Warum?”, fragte sie gleich ärgerlich “Weswegen darf ich nicht runter?”

“Niemand geht in den Keller.”, wiederholte sich der feiste Mann am harten Boden und Anna wünschte sich soeben ihr Aard auf zwei Beinen herbei. Doch nein. Rist war angeschlagen und brauchte dringend Schlaf. Anna müsste das hier alleine regeln. Und als sie sich auf dieses Vorhaben besann, ging sie im Geiste die vielen Kapitel ihres Buches über Flüche und Besessenheit durch. Denn von irgendetwas oder jemandem beeinflusst waren die Menschen hier doch. Und sie wollte herausfinden wo dahingehend das Problem lag. Ja, natürlich hätte Anna die Zivilisten nun mit körperlicher Gewalt fortjagen können. Sie befürchtete aber, dass Schläge und Tritte nichts gebracht hätten. Die drei Menschen vor ihr waren dermaßen abwesend und fremdgesteuert, dass nur ein Schwert ihren Protest beendet hätte, solange man alleine gegen sie vorging. Und, bei Melitele, die Frau aus dem Norden tötete keine Zivilisten. Generell verabscheute sie es Leute umzubringen und schlug nur dann verheerend gegen sie, wenn jene ihr auch mit Waffengewalt kamen. Anna war keine Mörderin. Also arbeitete ihr Hirn just auf Hochtouren. Sie fuhr sich nachdenklich über das Kinn, als von den Stufen, die unweit in die oberen Stockwerke führten, jemand kam. Ein Schritt, ein Klacken, ein Schritt, ein Klacken und ein dunkelhaariger Mann mit Klemmbrille und lila Gewandung trat in die Eingangshalle. Er sah kränklich aus, als er sich beim Gehen auf einen Stock stützte und schwer atmete. Sein Gehrock und sein Chaperon waren aus Brokat und er wirkte, als sei er ein Kerl, der viel Geld besaß. Anna, die aus dem Augenwinkel zu ihm linste, bemerkte, dass auch sein Blick auf sie fiel. Und er hielt direkt auf sie zu; hinkend und keuchend. Ein Schritt, Klack, noch ein Schritt. Die Hexerstochter runzelte die Stirn.

“Was geht hier vor?”, wollte der Fremde mit dem schwarzen Bart im fahlen Gesicht wissen “Was tut Ihr hier?”

“DAS frage ich mich auch.”, gab Anna zu und nickte in die Richtung derer, die ihr den Weg in den Keller versperrten “Die drei sind völlig besessen davon-”

“Was IHR tut, habe ich gefragt.”, sagte der Adelige streng und die plappernde Frau mit den kurzen Haaren hielt inne. Sie hob die Brauen verdutzt an. Es wirkte, als empfände dieser herrische Typ hier es als gewöhnlich, dass Menschen, die wie Schlafwandler anmuteten, vor der Kellerpforte saßen und abwesend starrten.

“Ich will diese Leute hier weghaben.”, erklärte die Novigraderin sofort und sah keinen Grund darin zu lügen “Und in den Keller gehen.”

“Niemand geht in den Keller.”, schnaufte der Mann mit dem Gehstock und Anna glaubte, sie verhöre sich. Der Dunkelhaarige hustete kehlig und seine Hände zitterten merkbar, als er sich ein Stofftüchlein aus der Tasche zog. Er würgte und hustete erneut, spuckte Blut in sein Tuch. Die Monsterjägerin weitete die Augen ratlos.

“Ähm, das-”, fing sie an, doch der arrogante Mann ließ sie nicht ausreden.

“Geht! Ihr Unholdjäger habt euch nicht in unsere Belange einzumischen.”, krächzte der Fremde “Verschwindet!”

“Bitte, wie?”, entkam es Anna und sie ballte die behandschuhten Hände zu Fäusten “Habt Ihr denn überhaupt eine Ahnung, was hier vor sich geht?”

Der wohlhabende Bärtige sah sie unbeeindruckt an, während sie mit erhobener Stimme zu Anschuldigungen ansetzte.

“Da draußen laufen Schatten und irgendwelche Kartoffelmonster rum!”, drückte sich die 24-Jährige ungeschickt aus und deutete grantig gen Burgausgang.

“Ich will helfen, ohne einen direkten Auftrag dafür angenommen zu haben, und dann kommt ihr vier Idioten und wollt mich aufhalten? Echt jetzt?”, maulte die Burschikose außer sich und hätte sich gern die Haare gerauft “Wer oder was hat euch ins Hirn geschissen?”

Der Mann in Lila verzog das Gesicht zu einer pikierten Maske.

“Dieser Ort hier ist vollkommen am Arsch! Menschen sterben oder werden verletzt, weil im Wald irgendwelche Spektren lauern und hier, in eurem Garten, verwandeln sich Menschen in Monster!”, beschwerte sich Anna weiter “Mein bester Freund ging heute fast drauf und Ihr sagt mir, dass ich mich aus allem raushalten soll? Oh nein! Wer glaubt Ihr denn, wer Ihr seid, Puderquaste?”

Auf dies hin humpelte der Fremde näher und sein Ausdruck war steinern, nahezu feindselig. Kurzum holte er mit seinem Stock aus und schlug damit nach der ungeliebten Ausländerin. Gerade noch so wich sie zur Seite aus. Und an diesem Punkt angekommen, hatte die sie Schnauze voll. Anna zog ihr langes Schwert. So fest umklammerten ihre Finger dessen Griff, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

“Zurück!”, befahl die Frau schnippisch, als die Situation zu eskalieren drohte.

“Niemand geht in den Keller!”, stieß der Adelige auf ein Neues hervor und holte wie von Sinnen aus, um seinen Gehstock erneut auf Anna niedergehen zu lassen. Und sie, wegen der Sache mit Hjaldrist und all dem Rest noch völlig neben sich, riss das Stahlschwert hoch. Eine metallene Breitseite klirrte laut gegen Holz und der Stock des Dunkelhaarigen mit der Brille flog im weiten Bogen durch die Luft. Klappernd kam die Gehhilfe meterweit entfernt am Boden auf und rollte dort weiter, bis sie an die Wand stieß. Der Mann vor der Nordländerin starrte eben jene aus großen Augen an. Es hatte ihm vor Empörung den Atem verschlagen und Anna, die vom Adrenalin in ihren Adern fahrig war, ließ das Schwert bloß langsam wieder sinken.

“Bei Ordon!”, donnerte eine heisere Stimme durch den Raum “Was soll das?”

Eine der Burgwachen, ein Mann mit rotbraunem Schnauzbart, stob gerade in Begleitung von Berold daher. Letzterer strafte Anna bösen Blickes, während der Wachmann mit dem Topfhelm am Haupt völlig außer sich war. Die Hellebarde fest in den Händen lief er daher und seine Rüstung schepperte bei jedem Schritt. Verdammt. Anna machte die Lippen schmal und sah sich nach den Neuankömmlingen um.

“Legt die Waffe fort!”, schrie die Wache.

“Ja, ja… ganz ruhig.”, murmelte Anna, doch man hörte nicht auf sie. Man sah sie an, als sei sie geisteskrank.

“Schwert weg! Aber schnell!”, bellte der Gerüstete mit dem Schnauzer und kam zwischen die Ausländerin und den Adeligen in Lila. Zögerlich bückte sich Anna jetzt, um ihr Schwert vorsichtig neben sich auf den Boden zu legen. Dann erhob sie die Hände abwehrend.

“Was denkt Ihr, wer Ihr seid?”, maulte die Festungswache und richtete die Stangenwaffe drohend auf die Jüngere. Na großartig. Der Tumult lockte weitere Schaulustige an, die sich hinter Berold als tuschelnde Traube bildeten.

“Ich bin eine Unholdjägerin.”, sagte Anna kühl, um sich zu wehren “Und ich will meiner Arbeit nachgehen, aber diese Leute hier behindern mich.”

Ach, wäre Rist gerade nur hier gewesen. Er konnte im Gegensatz zur seiner verbohrten Freundin gut reden und verhandeln. Der Schönling besaß diplomatisches Geschick. Ganz anders, als Anna.

“Ihr habt unseren Lehnsherren angegriffen!”, schnauzte der Wachmann mit dem rotbraunen Bart und eine seiner eher kleingewachsenen Kolleginnen zwängte sich gerade durch die Zuseher hindurch, um ihm beizustehen. Der angebliche Burgherr beobachtete dies grimmig und eine Frau in Blau schälte sich aus der Menschentraube bei Berold, um besorgt zu ihm zu eilen und ihn zu stützen. Denn ohne seinen Gehstock stand er beachtlich schief.

“Hagen!”, stöhnte die hübsche Dame nervös “Geht es Euch gut? Was hat die Unholdjägerin Euch nur angetan? Wie kann man nur einen Kranken attackieren?”

“W-was?”, entkam es Anna nach den argen Anschuldigungen und ihr Blick fiel zurück auf den Lehnsherren. Ach du Scheiße. Sie hatte nun ein Problem, nicht wahr? Ein gewaltiges.

“Ich wusste nicht-”, wollte sie sich verteidigen. Jouri kam derweil schwer atmend in die Halle gelaufen, stoppte und sah sich verwirrt um.

“Anna?”, fragte er verunsichert und sah zwischen allen Beteiligten hin und her. Und dieser Anblick machte der Giftmischerin just wieder etwas Hoffnung. Sofort holte sie Luft zum Sprechen und fing sich wieder ein Stück.

“Da!”, machte sie und deutete auf ihren braunhaarigen Bekannten mit der naturfarbenen Kappe “Er hat mir geholfen. Fragt ihn!”

Der Wachmann runzelte die Stirn.

“Was?”, fragte er verwirrt und durch die Schaulustigen ging ein tiefes Raunen. Berold verschränkte die Arme abwartend vor der Brust und rümpfte die Nase verärgert.

“Was?”, machte jetzt auch Jouri, doch verstand gleich “Ach so! Ja! Hier gehen seltsame Dinge vor! Es ist wahr!”

Anna atmete erleichtert durch.

“Ich habe im Garten ein Monster gesehen. Einen verfluchten Menschen.”, sagte sie und ihre Worte wollten sich überschlagen “Und ich glaube, dass irgendetwas mit euren Kartoffeln nicht stimmt. Daher wollte ich in den Keller, um mir die Vorräte anzusehen!”

Die beiden Wachen starrten verwirrt und ihre Augen wichen gen Burgherr Hagen. Jener wiederum, stierte Anna bitterböse an.

“Keiner darf in MEINEN Keller! Niemand darf das! Auch ich nicht!”, brummte er auffallend zornig und brodelte nahezu. Und dies brachte nun die halben Versammelten dazu verdutzt innezuhalten. Berold kniff die Augen forschend zusammen und schwieg.

“Habt ihr gehört?”, fragte Anna. Sie fühlte sich beklommen und nackt, weil so viele Menschen sie angafften. Sie HASSTE dieses Gefühl.

“Euer Burgherr und seine drei Freunde dort”, die Monsterkundige wies zu denen, die vor dem Kellerabgang saßen “Wollen mich nicht in die Vorratskammer lassen, um nach Quellen eines Fluches zu sehen. Sie barrikadieren die Tore und ich weiß nicht warum! Irgendwas stinkt hier zum Himmel.”

Jouri blinzelte wirr und Berold schüttelte den Kopf ungläubig. Letzterer, in Orange und Beige und mit seinem hohen Spitzhut am Kopf, trat vor. Und war er zuvor noch derjenige gewesen, der die Wachen geholt hatte, so war er jetzt der Mann, der seine eigenen Leute am kritischsten betrachtete.

“Was sagt Ihr da?”, fragte er Anna langsam, doch wartete keine Antwort ab. Er hielt einfach an ihr vorbei und ging gen Keller. Und als er dann vor die drei Leute trat, die dort vor der Pforte kauerten, wurden jene sichtlich unruhiger.

“Nein.”, sagte die Wirtin.

“Nein…”, stimmte der miefende Dicke mit ein. Und auf einmal kamen noch drei weitere Männer aus der schaulustigen Menschentraube heraus. Sie gingen schnurstracks auf Berold zu. Einer von ihnen erwischte den Blonden von hinten an den Schultern und zerrte ihn harsch vom Kellereingang fort. Hagen biss die Zähne wütend aufeinander. Blut klebte ihm am Mundwinkel. Und Anna, die Zeugin dessen wurde, verkniff sich ein triumphierendes Lächeln. Denn gerade entpuppte sie sich vor den Augen aller, die noch normal denken konnten, als Unschuldige. SIE, die ‘Unholdjägerin’, der man ja nicht trauen sollte. Pah! Von wegen!

“Seht ihr?”, richtete sie sich an die beiden Wachen, während Berold den abschüttelte, der ihn an den Schultern gepackt hatte “DAS meinte ich! Das ist doch nicht normal!”

“Das… das ist wahr…”, stotterte die anwesende Wachfrau nun und schien ihren Augen kaum zu trauen. Sie haderte erst mit sich, als ihre Schultern sanken. Dann, nach einer Denkpause, machte sie entschlossenen Blickes kehrt.

“Ich hole die anderen!”, damit meinte sie wohl ihre Arbeitskollegen. Anna nickte dankbar, aber Hagen fuhr seine Soldatin harsch an.

“Halt!”, johlte er “Niemanden holt Ihr!”

Die kleine Frau, die schon zum Tor hatte eilen wollen, um ihre Freunde zu alarmieren, blieb stehen und erstarrte vollkommen.

“Ja, ihr werdet nun alle gehen!”, befahl der Burgherr in Lila und klang völlig irre dabei “Geht eurem Tagwerk nach. Das hier hat euch nicht zu interessieren! Es ist alles in Ordnung.”

Stille. Berold stand der Mund einen ungläubigen Spalt weit offen, als sein Blick den Annas suchte. Die wissende Novigraderin sah ihn ernst an.

“...Geh, Sona.”, entkam es dem Knappen mit dem Spitzhut aus Filz dann und er richtete sich damit an die hadernde Wachfrau “Das Wohl aller steht über dem Wort eines Wahnsinnigen.”

“Was?”, empörte sich Hagen laut und gegen seinen Willen geriet alles in Bewegung. Sona lief hinaus und rief dort Leute zusammen. Der Wachmann mit dem Schnauzbart, der noch da war, wandte sich an den Burgherren und entschuldigte sich bei jenem, weil er ihn ‘nun in Schach halten müsse’. Und Jouri und Berold kamen zu Anna, um sie aufgeregt anzusehen.

“Der Koch gibt keine Kartoffeln mehr raus.”, berichtete Ersterer “Ich habe ihn aufgeklärt.”

“Und jetzt?”, wollte der Zweite wissen.

Die Monsterjägerin sah erst etwas überwältigt aus, fand die Konzentration dann aber gleich wieder. Sie glaubte es ja kaum, dass sie soeben davongekommen war und man ihr Vertrauen schenkte. Das kam nicht oft vor, wenn sie mit Fremden zu tun hatte.

“Zuallererst muss ich in den Keller.”, sagte sie und bückte sich nach ihrer Waffe “Die Leute vor der Tür müssen also weg.”

“Dafür werden die Wachen sorgen.”, nickte Berold “Sie werden sie fort sperren, bis sie wieder sie selbst sind.”

“Mh. Ich werde mich dann unten umsehen und herausfinden, was es mit den Kartoffeln auf sich hat.”, erklärte die Frau in der gestreiften Jacke “Ich glaube nämlich, sie sind verflucht oder dergleichen. Und dass Leute, die sie essen, verrückt werden oder sich in eigenartige Schrate verwandeln.”

Die beiden Männer vor Anna sahen sie entrückt an und sie lächelte ob dem nur scheu.

“Ich erkläre euch all das später, ja...?”, sagte sie, als Sona wiederkehrte und drei weitere Wachen bei sich hatte. Sofort eilten die rüstungsklappernden Soldaten zu den Besessenen am Kellertor und machten sich daran jene aus ihren sitzenden Positionen zu zerren. Wie verrückt fingen die sechs Zivilisten ob dem an herumzuschreien. Sie schlugen und traten, fuchtelten herum und brüllten. Anna sah kritisch auf und Jouri und Berold folgten ihrem Blick.

All das Tamtam hatte letztlich auch Hjaldrist alarmiert. Der verschlafene Skelliger erschien soeben an der Treppe, die von der oberen Etage herunterführte. Er trug nicht mehr, als Hose, Hemd, Stiefel und die grüne Tunika, und sah fertig aus. Wortlos und mit Erlklamm in der Hand ließ er die Treppe hinter sich und dies noch immer etwas wackelig.

“Anna?”, rief er mit schlimmer Vorahnung im Ton durch den Raum und die Angesprochene sah sich nach ihm um. Der Undviker kam sofort näher und heftete die Augen solange auf die zeternden Bürger, die gerade von der Festungswache festgenommen wurden. Auch den Burgherren, der grantig blaffte, hielt man zurück.

“Ihr seid nicht bei Sinnen, Herr Hagen!”, beschwor jenen der Wachmann, der ihn festhielt “Beruhigt euch!”

“Anna, was ist hier los?”, wollte Hjaldrist perplex wissen und lenkte seine Aufmerksamkeit unschlüssig auf seine beste Freundin zurück “Was ist mit all den Leuten?”

“Sie beschützen den Keller. Und ich kann nur mutmaßen, wieso.”, murrte die aufgeregte Novigraderin.

“Und…?”, hakte der matte Undviker nach.

“Die Kartoffeln in der Vorratskammer scheinen giftig oder, naja, verflucht zu sein. Irgendetwas ist damit, das die Burgbewohner durchdrehen lässt. Und vorhin, im Garten, sah ich, wie sich jemand in ein eigenartiges Geschöpf verwandelte. Dieses Monster stank, wie unser Essen heute Mittag, Rist.”

Der Inselbewohner blinzelte all dieser neuen Informationen wegen überfordert und brauchte ein paar Momente, um diese Worte zu verarbeiten. Dann entkam ihm ein ratloses ‘Äh’.

“Genau.”, nickte Anna, die dabei zusah, wie man die schreienden Besessenen abführte. Sie verschränkte die Arme unwohl und verengte den Blick. Berold sah indes taxierend zu Hjaldrist, dann zu Jouri. Er wirkte unzufrieden, doch sprach es vor all den Anwesenden nicht aus. Er wunderte sich wohl, warum die Abenteurer plötzlich mit dem gutherzigen Braunhaarigen, den er hasste, zusammenarbeiteten, anstatt ihn zu verhauen. Der Knappe mit dem Spitzhut sah also wenig begeistert aus, als er sich mit der Zunge über die Backenzähne fuhr. Aber gerade, da war für Konkurrenzdenken und Prügel kein Platz. Es gab Wichtigeres zu tun, als wegen einer verflossenen Liebe zu schimpfen. Jedenfalls sah Anna das so.

“Also… ich gehe jetzt in den Keller”, entschloss die Alchemistin wacker, da man all die verwirrten Zivilisten abgeführt und den Burgherren mit sanfter Gewalt dazu gezwungen hatte die Halle zu verlassen “Und sehe mich dort um. Hat jemand eine Lampe für mich?”

“Die Wachen haben Öllaternen. Ich hole eine.”, sprach Jouri und lief unaufgefordert los.

“Ich komme mit dir, Anna.”, sagte Hjaldrist derweil sofort. War klar.

“Bist du dir sicher…?”, die Nordländerin musterte ihn nicht ohne Besorgnis im Blick. Denn noch immer waren die braunen Augen ihres Freundes dunkel untermalt und sein Auftreten kraftlos.

“Ja. Warum nicht?”, murrte der Mann und legte den Kopf etwas schräg, als er die Stirn in Falten legte “In einem Vorratskeller nach Kartoffeln sehen kann ich schon noch. Ich bin zwar fertig, aber ich gehe JETZT doch nicht wieder hoch, um zu schlafen. Was denkst du denn?”

“Mh.”, gab Anna zweiflerisch zurück, doch nickte dann, weil sie wusste, wie neugierig ihr Gefährte war. Man würde ihn nicht dazu bringen können sich aus der momentanen Misere herauszuhalten, um sich auszuruhen. Wenn sich Anna nämlich in kleine Abenteuer stürzte, dann folgte er ihr selbstverständlich. Dahingehend waren sie seit jeher unzertrennlich. Darum wirkte Hjaldrist zufrieden, als sich seine Freundin nicht gegen ihn aussprach. Und während sie beide noch auf Jouri warteten, hakte er bezüglich dessen nach, was Anna in der letzten Stunde gesehen hatte.

“Wie sah das Monster im Garten aus?”, wollte er interessiert wissen “Du meintest, dass sich jemand in diese Gestalt verwandelt hat? Was war es genau?”

Daraufhin erklärte die Kurzhaarige ihrem Kumpel alles. Im Detail sprach sie von dem modrig miefenden Wesen zwischen den Apfelbäumen und davon, wie es geflohen war, als es Schreie im Burghof vernommen hatte. Rist betrachtete Anna nachdenklich und ließ sie reden. Er kratzte sich am Kinn und sah planlos aus, obwohl er viel über alle möglichen Bestien wusste. Ja, auch er durfte sich mittlerweile Monsterjäger schimpfen. Seine Kollegin hatte ihm alles über Untiere beigebracht, was sie wusste. Dahingehend stand er ihr kaum noch in etwas nach. Doch genauso, wie sie, konnte er sich keinen Reim auf das machen, was in Sturmfels vorging.

“Hmm… ich bin ja mal gespannt, was mit den Kartoffeln los ist und ob sie tatsächlich etwas mit alldem zu tun haben…”, seufzte Hjaldrist “Nimm’s mir nicht übel, aber die Annahme klingt so verquer.”

“Ja. Das ist wahr.”, antwortete seine Freundin aus Novigrad. Dann schwiegen sie und warteten darauf, dass man ihnen eine Lampe brächte. Und dies geschah bald. Jouri kam Momente später wieder und dies mit einer alten, scheppernden Öllaterne in der Rechten. Er atmete schnell, als er zu den Abenteurern und Berold zurückkam und überreichte Anna die rostige Lichtquelle. Sie nickte dem Braunhaarigen dankend zu.

“Na gut. Dann los.”, entkam es der Kriegerin an Rist gerichtet. Und mit diesen Worten setzten sich die wagemutigen Abenteurer in Bewegung, um den großen Keller der Burg Sturmfels zu betreten. Berold und Jouri sahen ihnen nach und würden solange vor der Treppe, die nach unten führte, warten. Vielleicht würden sie auch etwaige Übermotivierte oder Sensationsgeile davon abhalten den Ungeheuerjägern zu folgen. Gut wäre das.

“Schreit, wenn etwas ist!”, rief Berold den Jüngeren noch nach.

“Ja, ja.”, gab Anna beiläufig zurück. Und dann trat sie mit Rist in den dunklen Gang, der sich vor ihnen auftat. Keine zwei Dutzend Steinstufen führten hier in die klamme Schwärze hinab, die nur mäßig von der geliehenen Öllampe erhellt wurde. Das kleine Feuerchen eben jener warf ein warmes Licht auf Gesichter und Wände, ließ die Schatten tanzen und versprach etwas Sicherheit. Das war gut, denn, oh, Anna war es mulmig zumute. Es war wohl lächerlich, dass jemand wie sie so dachte, aber die Treppe gen Keller und der ebene Gang, auf den sie just trat, machten sie ganz beklommen. Nervös sah sie um sich und wartete auf Hjaldrist. Sie tauschten Blicke aus und gingen weiter.

“Jouri meinte, links sei der Vorratskeller.”, murmelte die Giftmischerin und flüsterte beinahe “Rechts geht es in irgendwelche Katakomben von früheren Baronen oder so…”

“Katakomben?”, gab der Undviker sarkastisch grinsend zurück “Wie beruhigend. Ich LIEBE Katakomben. Warum sehen wir nicht dort nach irgendwelchen Fluchquellen? Es wäre so klischeehaft...”

“Weil ich bezweifle, dass es bei den Gräbern Kartoffeln gibt.”

“Wer weiß? Vielleicht mochte einer der alten Barone ja Gemüse und wurde mit Kartoffelbeigaben zur Ruhe gelegt? So etwas würde übrigens auch zu dir passen, Vielfraß.”

“Ah ja. Rist Falchraite, wie er leibt und lebt. Und ich dachte, dir geht es schlecht.”, grinste Anna vor sich hin.

“Nicht so schlecht, dass ich keine blöden Witze machen könnte.”

“Mh-hm…”

Der Henkel der kleinen Öllampe in Anna’s Hand quietschte leise bei jedem Schritt, als die Freunde durch den Korridor gingen, der in der Breite keine zwei Meter maß. Da waren geschmiedete Fackelhalterungen an den feuchten Steinwänden, die man offenbar nicht benutzte. Wahrscheinlich kamen die Tavernenbediensteten auch immer nur mit Laternen hierher, weil der Burgherr Pechfackeln sparen wollte. Es war kühl hier und zur Unruhe der anwesenden Nordländerin, ruckelte ihr Amulett erneut an ihrem Gürtel. Sie schluckte trocken, doch schwieg, als sie Momente später und wenige Fuß entfernt eine Türe sah. Hjaldrist war direkt neben ihr und sah nicht minder argwöhnisch aus.

“Die Tür zur Vorratskammer?”, schätzte er.

“Vermutlich.”, antwortete Anna und ging weiter “Komm. Aber vorsichtig… mein Medaillon schlägt an.”

“Ohweia…”, seufzte der Skelliger leise, schloss dann aber gleich wieder zu seiner Freundin auf und zusammen kamen sie an die Pforte zum Vorratsraum. Jene war nicht versperrt und ließ sich locker öffnen. Nichts geschah soweit, also trat die Novigraderin ein und hob ihre alte Lampe an, um besser im Dunkel sehen zu können. Regal um Regal reihte sich hier auf. In die Wände zur Rechten waren urige Weinfässer eingelassen worden und große Lagerkisten säumten die Wege zwischen den vollgeräumten Stellagen. Auf leisen Sohlen trat Anna zwischen zwei dieser massiven Holzregale und ließ den Blick aufmerksam wandern. Hjaldrist tat es ihr gleich und stöhnte gleich angewidert.

“Riechst du das?”, wollte er wissen und stöhnte verhalten.

“Kartoffeln.”, bestätigte die Kurzhaarige neben ihm “Sie stinken so, wie die heute Mittag. Und wie das Monster im Garten. Ich bin mir absolut sicher.”

“Ha…”, machte Rist abfällig, doch kommentierte all dies nicht weiter. Er wartete, bis Anna weiterging und folgte ihr tiefer in das finstere Gewölbe hinein. Dessen Decke war hoch und der gesamte Raum so breit, dass die hiesige Taverne dreimal hier reingepasst hätte. Irgendwo tropfte es leise und rhythmisch, doch sonst war es still. Richtig unheimlich war es hier. Dennoch machten sich die Vagabunden motiviert daran Kisten und Regale zu suchen, in oder auf denen Gemüse gelagert wurde. Sie hielten an dicken Räucherschinken und Würsten vorbei, die man aufgehängt hatte; an beschrifteten Fässern voller Mehl, Salz oder Bier. Zwei, drei Regalreihen grasten sie ab, bis sie schlussendlich Möhren und Rüben erkannten. Anna’s Miene erhellte sich und geschäftig ging sie weiter. Und dann, endlich, fand sie, was sie suchten. An der hinteren Hallenmauer standen drei Kisten voller Kartoffeln, die penetrant nach abgestandenem Wasser stanken. Der Geruch war so dick, dass er schon fast unerträglich erschien. Die Nase angeekelt rümpfend trat die Hexerstochter an die genagelten Vorratskisten heran und stützte die freie Hand auf den Rand von einer der selbigen. Hjaldrist kommentierte dies froh.

“Kartoffeln. Wer sagt’s denn?”, lächelte er “Und nun?”

“Äh, ich weiß nicht…”, grübelte Anna und ließ die Augen im orangen Laternenschein über die braunen Knollen wandern. Ihr Wolfsamulett vibrierte mittlerweile merklich und das besorgte sie nicht zu knapp. Es reagierte auf irgendeine Art von Magie. Nur auf welche? Und wo war deren Quelle? Sie musste verdammt nah sein.

“Siehst du irgendetwas Ungewöhnliches?”, fragte die Kriegerin ihren Kumpel daher.

“Was? Uhm…”, murmelte Rist und beugte sich suchenden Blickes den gut gefüllten Kisten entgegen. Er überlegte kurz und packte dann einfach an: Der Mann fasste nach vorn und fing damit an in den miefenden Kartoffeln zu herumzuwühlen. Seine Freundin, die das erst skeptisch beobachtete, tat es ihm nach einer kurzen Weile schon gleich. Sie hob die mitgebrachte Öllampe an, die leise schepperte, und klaubte mit der freien Rechten welche der Knollen beiseite, die man auf Skellige auch ‘Erdenäpfel’ nannte. Ein eigenartiger Name, doch auch irgendwo passend. Schlussendlich wuchs das vielseitige Gemüse doch in der Erde, nicht wahr? Damals, in Kaer Morhen hatte es auch einen Garten gegeben, in dem Onkel Jaromir stets irgendwelches Gemüsezeug oder Kräuter angepflanzt hatte. Nur waren seine Kartoffeln dort nie so gut gediehen. Musste am ausgezehrten, steinigen Boden gelegen haben.

“Anna.”, atmete Rist nach einer Weile plötzlich und haschte damit nach der Aufmerksamkeit seiner Kumpanin “Sieh mal.”

Sogleich blickte die Frau zu ihm und erkannte, wie er etwas zwischen den vielen, dicken Kartoffeln hervorzog, das alles andere, als ‘erdenapfelig’ aussah: Eine längliche, dunkelbraune Wurzel, die so verwachsen war, dass es so aussah, als habe sie ein faltiges Gesicht. Ein grünes Büschel fransigen Krautwerks prangte darauf, wie ein langer Haarschopf. Und schadenfroh grinste den Vagabunden dieses gruselige, holzige Gewächs entgegen. Anna stutzte. Eine Alraune? Nein. Das Grünwerk von Mandragora-Wurzeln sah anders aus und die Farbe der Knollen war auch viel heller. WAS war das hier also?

“Lass es los.”, forderte die Kriegerin ganz abrupt.

“Was?”

“Lass es los, Hjaldrist!”

Der zusammenzuckende Axtkämpfer aus dem Westen folgte der plötzlichen Aufforderung sofort und ließ die fremdartige Wurzel fallen, die womöglich toxisch oder verwunschen war. Er trug keine Handschuhe. Anna aber schon. Und daher fasste sie nun beherzt nach dem Pflanzengesicht, das so dick war, wie zwei Fäuste. Rist war nicht dumm und daher verstand er die Beweggründe seiner Kumpanin von gerade eben sofort. Erschaudernd wischte er sich die Hand am grünen Rock ab, roch dann daran und gab einen wenig begeisterten Ton von sich. Das silberne Medaillon seiner Begleiterin sirrte stark gegen deren ledernen Gürtel und er schenkte ihr einen beunruhigten Seitenblick. Rist war es durchaus bewusst, dass er nicht gerüstet und zudem auch noch geschwächt war.

“Nehmen wir dieses Ding mit”, wand er deswegen ein “Und verschwinden wir von hier.”

“Ja… ja, gute Idee. Hauen wir ab.”, pflichtete die Burschikose bei. Denn das flaue Gefühl in ihrem Magen wurde nicht besser, im Gegenteil. Sie wusste nicht, wieso, doch schleichende Paranoia streckte die gierigen Finger nach ihr aus und machte ihr die Brust ganz eng. Sie fühlte sich, als beobachte sie irgendetwas oder jemand und in diesem Augenblick war sie heilfroh darüber ihren treuen Kampfgefährten bei sich zu haben. Beim Arsch der Melitele, nicht auszudenken, wie sie sich just gefühlt hätte, wäre sie alleine hier unten!

“Gehen wir.”, wiederholte sich die Frau besorgt und wand sich zum Gehen. Sie tat einen Schritt vor und ganz plötzlich stand da etwas im Schein der geliehenen Lampe. Es überragte die Monsterjäger um ganze zwei Köpfe und hatte zotteliges, grünliches ‘Fell’ aus Gras. Eine flache Nase, ähnlich der einer Fledermaus, prangte in dem hässlichen Gesicht, aus dem kleine Schnweineaugen hervorglotzten. Spitze Fänge prangten im unnatürlich breiten Maul der Kreatur und seine Klauen waren lang. Anna erstarrte vor Schreck und riss die Augen überwältigt auf. Die Gesichts-Knolle in der einen Hand und das Öllicht in der anderen, stand sie da und glaubte, ihr armes Herz sacke ihr augenblicklich gen Knie. Sie hörte Hjaldrist erschrocken aufschreien. Und auf einmal geriet alles in Bewegung.

“Lauf!”, brüllte der Skelliger aus vollster Kehle und weil der Kopf der schockierten Anna gerade nicht richtig funktionieren wollte, erwischte er sie am Unterarm und zerrte sie mit sich. Sie beide hatten die Kellerwand und Kartoffelkisten in den Rücken, also mussten sie wohl oder übel an dem Pflanzenbiest vorbei. Rist erkannte das schnell, rannte mit Anna im Gepäck los und duckte sich unter einem plötzlichen Hieb der Monsterpranke davon. Die Schwertkämpferin, die am Ärmel mitgezogen wurde, brüllte überfordert auf und hastete ihrem Freund nach. Sie hatte das Licht, also nahm sie die Beine in die Hand und überholte Hjaldrist, nachdem sie das Untier passiert hatten.

“Lauf, lauf!”, schrie der und das Ungeheuer, das ihnen nun folgte, klackerte laut und zornig. Anna fluchte panisch; Rist sah zu, dass er dicht auf ihren Fersen blieb und stöhnte eine entnervte Bitte an Hemdall. Die stinkende Grasbestie holte die gescheuchten Freunde beinah ein, denn sie war groß und hatte lange Beine. Doch die Holzstellagen des Vorratskellers behinderten sie. Und als Anna in der Finsternis um ihr Leben rannte, hörte sie, wie irgendwo hinter ihr ein riesiges Regal umgeworfen wurde und krachend Bekanntschaft mit dem Boden machte. Das Biest, das kam, war unsagbar stark und es wäre töricht gewesen sich ihm hier unten zu stellen. Schwert und Axt hin oder her, Hjaldrist und Anna müssten hier weg und zwar schnell. Aufgescheucht stürmten sie zusammen aus dem Gewölbe und zurück in den dunklen Korridor, in dem ihre Schritte widerhallten. Rist schlug dabei die Tür des Vorratskellers hinter sich zu doch dies hielt das rasende Kartoffelgeschöpf nicht auf. Ein dumpfes Krachen und Splittern von Holz hinter den Monsterjägern, die hier gerade die Gejagten waren, und das klickende und schnarrende Ungetüm war ebenso im langen Gang. Es brüllte auf und dieser Schrei dröhnte laut. Anna fuhr heftig zusammen und stürzte beinahe, als sie an die Treppe nach oben kam.

“Weg!”, schrie sie in der Hoffnung, dass der wartende Berold und Jouri sie hörten und fortlaufen würden. Sicherlich standen die zwei verfeindeten Männer noch oben, an der Tür zum Keller.

“Haut ab!”, blaffte die Kurzhaarige und stolperte die Stufen nach oben. Rist war nach wie vor dicht hinter ihr und leider nicht nur er. Mit einem markerschütternden Kreischen sprang das Pflanzenbiest hinter den Abenteurern aus dem Kellergang, nachdem Anna und Rist diesen panisch verlassen hatten. Und während die beiden Menschen schreiend weiterliefen, um ihre Ärsche vor Schlimmem zu bewahren, bäumte sich das Monstrum aus der Vorratskammer in der Eingangshalle der Burg auf. Berold und Jouri, einige kreischende Schaulustige und Sire William stoben auseinander. Das Chaos brach los. Und aus Ermangelung aller anderen Optionen holte Anna tief Luft und rief hilfesuchend nach Balthar. Er war ein Hexer. Er wüsste, was tun und war viel, viel stärker, als alle hier. Anna ließ Lampe und Gesichtsknolle fallen und fuhr herum. Der geschwächte und ungerüstete Hjaldrist war klug genug um sich hinter sie zu begeben und er weitete die Augen, als das widerliche Monstrum zu ihnen auf den nächtlichen Burghof kam. Es ging auf allen Vieren und geiferte. Seine schwarzen Augen hielten die beiden Vagabunden fest, als es auf sie zu schlich, wie eine Raubkatze.

“Scheiße.”, keuchte Anna außer Atem und schluckte schwer. Sie zog ihr Schwert und zeichnete mit der freien Linken Quen in die kühle Luft. Ein oranges, beruhigendes Glimmen stach ihr daraufhin in die Augenwinkel und sie umklammerte ihre Waffe fest. Mit Hjaldrist im Kreuz wich sie weiter zurück, um Platz zu schaffen, und versuchte sich am Riemen zu reißen. Doch bei der momentanen Bedrohung und dem, was dahintersteckte, war das nicht so leicht.

“Ja, komm her!”, brüllte sie das Ungetüm mit dem Fell aus Gras an und das, obwohl sie absolut verunsichert war. Denn ja, sie könnte schon kämpfen. Sie hatte sich bereits gut gegen größere Monstren geschlagen und weit gefährlichere Viecher niedergemäht, als dieses hier. Doch das Untier vor ihr war jemand. Bestimmt war es ein Burgbewohner, der sich des Fluches der Gesichtspflanze wegen verwandelt hatte; So, wie der Mann, den sie jüngst im Burggarten erblickt hatte. Man dürfte das Monster also nicht töten. Nur wie, zum Geier, sollte man es bändigen oder beruhigen? Anna hatte nichts dafür zur Hand; kein Netz, keine Silberspäne, kein lähmendes Gift und keine blendende Bombe.

William stürmte aus der Festung und hatte seinen Knappen Dankward dabei. Beide ehrenhaften Männer erhoben die Schwerter nun ebenso und brüllten kampfbereit.

“Nein!”, rief Anna ihnen zu “Verletzt es nicht!”

Und während Ritter und Gefolgsmann verdattert dreinsahen und die Klingen wieder ein Stück sinken ließen, loderte ein Feuerschwall in den Hof. Igni. Die Novigraderin erschrak nahezu, als es gleißend hell und unsäglich heiß aufflammte und das Ungeheuer vor ihr verheerend getroffen wurde. Dessen Brüllen ging einem durch Mark und Bein, als sein Körper Feuer fing, und es fuchtelte wild mit den krallenbewehrten Pranken. Entsetzt sah sich Anna nach ihrem vorschnellen Ziehvater um, der auf den Plan getreten war und mit gezogenem Silberschwert auf die qualmende Bestie zuhielt.

“Balthar, nein!”, johlte die Braunhaarige, da stieß der Hexer dem noch halb brennenden Monster das Schwert bis zum Heft in die Schulter. Es stank nach verbrühtem Fleisch und beißendem Rauch. Grantigen Blickes formte Balthar Yrden und heftete das Biest damit hart an den Grund. Mit halb verbrannter Seite und erbärmlichem Geheul lag jenes jetzt unkontrolliert zuckend da, umfangen von einem Schein in Fahl-Lila. Es blutete und gurgelte.

“William!”, keuchte Hjaldrist plötzlich und der besagte Rittersmann, der dem unwirklich erscheinenden Szenario im Burghof sprachlos zusah, horchte auf.

“Die Wurzel!”, rief der schlaue Undviker dem Blonden zu und zeigte auf das Gewächs mit Gesicht, das nahe dem Festungstor lag “Zerstöre sie!”

Der aufgeforderte Mann in der Rüstung fragte nicht nach, sondern handelte nach diesen Worten bloß. Während der grimmige Balthar sein runenbesetztes Schwert wieder aus dem Kartoffelwesen zog, lief William sofort los, um zu der verfluchten Knolle zu hetzen. Dort angekommen hob er einfach mit dem scharfen Langschwert zu und zerhackte das braune Gewächs mit einem Mal in zwei Teile. Der Schrei, der daraufhin durch den weitläufigen Hof gellte, war so schrill, dass es einem nur so in den Ohren klingelte. Er war so unheimlich laut, dass Anna glaubte, ihr platze der schmerzende Schädel. Die ächzende Kriegerin taumelte zurück und stieß mit dem Rücken an ihren besten Freund. Sie presste sich die Hand zähneknirschend an den pochenden Kopf und kniff die Augen schmerzverzerrt zu. Man hätte glauben können, die Fenster der Burg erzitterten ob des Schreis der Wurzel, die William soeben heldenhaft gespalten hatte, und Anna’s Medaillon hüpfte nur so an ihrem Ledergürtel. Die Abenteurerin stöhnte gequält und spürte, wie Rist sie festhielt und dabei selbst taumelig wurde. Wäre er nicht gewesen, wäre Anna sicherlich in die Knie gegangen. Es dröhnte und toste. Und dann… dann war es vorbei. So schnell, wie hier ein Heidendurcheinander ausgebrochen war, so plötzlich wurde es auf einmal wieder totenstill. Das hohe Gellen der zerstörten Wurzel verstummte, das hässliche Brüllen des Grasmonsters verebbte und alles geriet ins Stocken. Und als Anna, die noch immer von ihrem engsten Kumpel gestützt wurde, aus schmalen Augen aufsah, erkannte sie, wie William vor einem kleinen Haufen aus erdfarbener Wurzelhaut, fransigem Kraut und rotem, gallertartigem Fleisch stand; Vor den Überresten einer verfluchten Pflanze, deren Blut sein Schwert rot beschmierte. Anna’s Augen wanderten hastig weiter und sie sah Balthar, dessen Yrden nachließ. Der schwer atmende Hexer stand vor einer nackten Frau mit durchstochener Schulter und völlig verbrannter Seite. Das Fleisch an ihrem Gesicht war so versengt, dass sie keine Lippen mehr hatte und man ihre weißen Zahnreihen auf Wangenhöhe sah. Sie wand sich jammernd und keuchend im Dreck, während ihre helle Haut Blasen schlug. Sie heulte, stöhnte und krümmte sich. Es war fürchterlich, albtraumhaft. Dankward kam sofort entsetzt zu ihr, um zu helfen, und auch Berold und Jouri waren auf einmal wieder da. Es stank nicht länger nach Abwasser und Moder, sondern nach Blut, verkohlten Körpern und altem Tod. Und Anna war bei dem Anblick des Burghofes, der schmerzverzerrt schreienden Frau vor Balthar und all der verwirrten oder ängstlichen Gesichter froh über den Arm Hjaldrists, der sie hielt. Den Blick nicht von der sterbenden Frau im Hof reißen könnend, lehnte sich Anna ihm schwerfällig entgegen und wisperte leise, ungläubige Worte. Dann legte sie einen Arm brüderlich um die Schultern ihres schwachen Freundes, um auch ihm etwas Halt zu geben.

Kommentare zu Kapitel 81

Kommentare: 0