Kapitel 82

Worte, wie Gift

Hjaldrist, der neben seiner miesgelaunten Freundin saß, tätschelte Anna beschwichtigend den schmalen Rücken. Sie beide hatten sich nach der Misere rund um das Monster aus dem Keller und der Gesichtsknolle zurückgezogen, um sich auf der unweiten Außenterrasse der Burg niederzulassen. Und hier waren sie nun; zu zweit auf einer langen Holzbank unter dem bewölkten Nachthimmel, der so gut zu ihrer schlechten Stimmung passen wollte. Der kurze Kampf gegen die verfluchte Frau war vorhin grausig geendet: Die Besagte war kurz, nachdem sie sich zurückverwandelt hatte, gestorben. Gejohlt und gefleht hatte sie, wie im Wahn und es war schrecklich gewesen. Dies war mitunter ein Grund dafür, dass die Abenteurer jetzt in der Düsternis der Nacht auf der Terrasse verweilten und durchatmen mussten. Anna schüttelte immer wieder schwach den Kopf und sah in die Ferne. Von hier aus konnte man den ganzen Forst vor Sturmfels überblicken und eine kühle Brise, die nach Waldluft roch, wehte einem um die Nase. Immerhin die war angenehm.

Der anwesende Skelliger seufzte leise und ließ die Hand an Anna’s Kreuz langsam wieder sinken. Kurz streiften seine Fingerspitzen dabei ihre Rückenmitte und hielten zögerlich inne. Da war der törichte Gedanke den Arm einfach eng um die Frau zu legen. Doch Hjaldrist atmete flach durch und besann sich auf das, was vor wenigen Minuten noch geschehen war. Die Hand am Rücken seiner Engsten sank und einmal wieder siegte seine Feigheit.

“Es ist blöd gelaufen…”, sagte er leise “Um es mal ganz plump auszudrücken. Aber wir können leider auch nichts mehr machen. Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan.”

“Ich weiß.”, gab Anna knapp zurück, verengte den Blick grüblerisch und der ältere Undviker musterte sie von der Seite aus. Anna tat zwar immer so stark, doch genau jetzt, da war sie absolut mitgenommen, das sah man. Der abscheuliche Tod der blonden Frau durch Balthar’s Hand, der widerwärtige Gestank nach verbranntem Fleisch und Haar und der Kontrollverlust über die gesamte Situation hatten der so und so schon entnervten Alchemistin wohl den Rest gegeben. Und auch Hjaldrist steckte der Schreck noch tief in den Knochen. Anders als Anna, schaffte er es aber damit umzugehen. Und er ahnte auch wieso: Es war nicht SEIN Vater gewesen, der vor seinen Augen eine arme Dame getötet hatte. Er war nicht derjenige, der den Kampf hatte abwenden wollen und versagt hatte. Sondern seine Gefährtin. Oder jedenfalls sah sie sich jetzt wohl als Versagerin an.

“Geht es euch gut?”, William’s Stimme drang von hinten an die beiden Abenteurer heran und Hjaldrist wand sich, auf der harten Bank sitzend, um. Er nickte.

“Wir sind nicht verletzt.”, versicherte er gleich und auch Anna hob den Blick langsam. William nahte und sah genauso geschlaucht aus, wie seine Bekannten. Das Mädchen mit dem Zopf und dem Jägerhut, das ihm am Tag der Ankunft der Vagabunden plappernd hinterhergelaufen war, war bei ihm. Zusammen mit dem Ritter hielt sie bei den Monsterjägern und betrachtete jene interessiert.

“Danke, dass ihr geholfen habt.”, äußerte der blonde Mann im orangen Gambeson und trat neben die Abenteurer, ohne sich zu setzen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sein Blick schweifte gedankenvoll in die Gegend vor der Burg. Aus dem Forst konnte man entfernt ein unmenschliches Zischen und Schnarren hören. Das waren die Schattenwesen.

“Ihr seid gute Leute.”, sprach William ganz offen weiter “Darum lud ich euch heute Nachmittag dazu ein mich und meine Kumpane in den Forst zu begleiten. Ich wollte, dass meine Freunde sehen, dass nicht alle Unholdjäger so sind, wie Balthasar.”

Hjaldrist betrachtete den Ritter mit der Bundhaube und der türkisenen Filzkappe abwartend, als jener sprach. Ein Lächeln zog an seinen Mundwinkeln.

“Es tut mir leid, was Euch deswegen widerfahren ist, Hjaldrist.”, endete William seine Ansprache aufrichtig und seine Augen suchten den Besagten “Ich habe gesehen, dass Euch die Schatten erwischt haben. Ich hoffe, es geht Euch gut.”

“Äh…”, antwortete der angesprochene Inselbewohner langsam “Ja… geht schon. Ich fühle mich nur etwas ausgelaugt. Besonders nach der Sache von gerade eben.”

William setzte gerade dazu an etwas zu sagen, als die junge Frau, die bei ihm war, dazwischen sprach.

“Du solltest etwas trinken.”, fand sie “Ein paar Kurze und dir geht es gleich wieder besser. Jedenfalls hätte Bruder Gunther das so gesagt, denke ich.”

“Maren...”, mahnte William sofort entnervt, doch Hjaldrist winkte leise lachend ab. Er sah, wie auch Anna im Ansatz grinsen musste. Endlich.

“Hm?”, machte die mit dem Zopf “Was denn?”

“Benimm dich, ja?”, bat der anwesende Ritter gezwungen geduldig und die junge Frau lächelte verlegen. Offenbar war sie jemand, der gerne Ärger anzettelte oder Dummheiten anstellte.

“Immer!”, versprach Maren und kam dann um die Bank herum, um sich vor die Vagabunden zu stellen. Sie taxierte die beiden kurz prüfend, ehe sie weiterplapperte.

“Ich bin Maren und komme, wie die meisten hier, aus Drakenstein.”, stellte sie sich ganz offiziell vor “Und ihr seid Anna von… äh... und…”

“Anna ist aus Novigrad. Und ich bin Hjaldrist. Von Skellige.”, erklärte der Mann und verkniff sich ein Schmunzeln, da er längst wusste, dass sich Außenstehende seinen Namen nie merken konnten. Es gab gar welche, die es nicht schafften jenen richtig auszusprechen. Dabei war er in seiner Heimat recht gewöhnlich.

“Hal…? Oh weh…”, seufzte die vermeintliche Bogenschützin und man hörte, wie Anna erheitert schnaufte. Hjaldrist lugte zu seiner besten Freundin hin, die neben ihm saß und dank des Mädchens mit dem Jägerhut schon wieder etwas besser gelaunt zu sein schien.

“Weißt du was?”, machte Maren dann, stemmte sich die Hände in die Seiten und strahlte, als habe sie eine großartige Idee “Ich nenne dich einfach... Bachpirat!”

Der Undviker, der sich die schulterlangen Haare im Nacken zusammengebunden hatte, stutzte.

“Ich habe gehört, wie dieser Balthar davon geredet hat, dass du von einer Insel bist.”, erklärte sich die Quasselstrippe weiter “Und dass dort, also auf diesem Skellige, nur dreckige Seeräuber wohnen.”

Von Anna’s Seite kam ein Laut, der sich anhörte, als wolle sie sich ein Auflachen verkneifen - was sie jedoch nicht so ganz schaffte.

“Also… nenne ich dich Bachpirat!”, schloss Maren breit lächelnd. Sie kam näher und ließ sich neben Hjaldrist nieder, um ihn schelmisch anzusehen.

“Maren…”, stöhnte William wehleidig.

“Ah, lasst sie nur. Ich finde das gerade ziemlich lustig.”, warf Anna ein und ihr Kumpel kräuselte die Brauen.

“Was soll denn ein Bachpirat sein…?”, wollte er wissen. Er hatte diesen Begriff noch nie gehört und vielleicht kam der ja von hier, dem Festland. Skeptisch äugte der Skelliger gen Maren, die auf eine Art zu grinsen begann, die er nur von Merle, seiner kleinen, 14-jährigen Schwester kannte. Jene heckte immer viel zu viel Mist aus und war oftmals richtig hämisch. Sicherlich hätte sie sich gut mit Maren verstanden.

“Ein Bachpirat ist jemand, der auf einem Holzbrett steht und um Kreis pinkelt.”, griente die Kumpanin von William nun “Das Brett wird dadurch zum Floß!”

Anna lachte laut auf und verschluckte sich dabei beinah.

“Äääh…”, fiel es Hjaldrist dazu nurmehr ein und der Ritter, der neben der kleinen Gruppe stand, stieß ein langgezogenes Seufzen aus. Er schlug sich eine seiner behandschuhten Hände vors Gesicht.

“Oh… es wird nicht besser...”, fand William und musste sich ganz augenscheinlich ein Schmunzeln verkneifen. Womöglich gehörte Maren zu seinem Gefolge und er musste in ihrer Anwesenheit strenger sein, als er eigentlich war. Es hätte einiges erklärt.

“Ich bin aber kein Bachpirat.”, fand Hjaldrist unzufrieden. Denn tatsächlich verfügte seine Familie doch über eine ganze Flotte von verschiedenen Schiffen - und nicht über Bretter oder Flöße in Pissrinnen. Der Jarlssohn, der heute nur noch eine heimatlose Mietklinge war, hatte vor seiner ‘Flucht’ von Undvik sogar ein eigenes Boot besessen, obwohl er nie auf Raubzüge gegangen war. Während sein Bruder Haldorn förmlich auf seinem massiven Schiff, der ‘Seeschlange’, gelebt hatte und ständig mit seiner räudigen Mannschaft losgezogen war, um Schätze zu suchen oder fremde Crews zu plündern, war Hjaldrist’s Drachenboot vor allem ein Zeichen von Prestige gewesen. ‘Alda’ hatte dort am schmucken Rumpf gestanden. Es war der Name der Protagonistin seiner Lieblings-Sage aus seiner Kindheit gewesen; von einer Frau, die sich mithilfe eines magischen, grauen Seehundpelzes in einen Seehund verwandeln konnte. Er hatte diese Geschichte abgöttisch geliebt und immer und immer wieder gelesen. Ob… ob sein Vater den Namen nun vom prachtvollen Schiff hatte kratzen lassen, um einen neuen darauf zu schreiben oder das teure Boot gar namenlos der ordinären Flotte hinzuzufügen? Nun, da Hjaldrist fort war und nicht mehr gedachte heimzukehren? Der 28-Jährige senkte den Blick leicht und verlor sich ganz in alten Erinnerungen. Ja, er mochte früher zwar kein großer Seefahrer oder Pirat gewesen sein; er war lieber angeln gegangen, anstatt zu plündern, und dennoch hatte er seine ‘Alda’ geliebt. Das große Boot war unheimlich schön gewesen: Aus dunklem Holz, mit blau-grünem Segel und hübschen Verzierungen an der Reling und der Galionsfigur, die die eines Drachenkopfes gewesen war. Hjaldrist’s stolzer Vater hatte es ihm zum 16. Geburtstag geschenkt und der damalig so scheue Bücherwurm hatte geglaubt, er falle in Ohnmacht, als es geheißen hatte, er solle dem Schiff, SEINEM Schiff, einen Namen geben.

“Ich habe auch ewig gebraucht, um mir seinen Namen zu merken.”, erzählte Anna schief lächelnd und der nostalgische Undviker, um den es ging, sah fragend aus seinen Gedanken auf.

“Denke ich mir!”, lachte Maren.

“Nenne ihn einfach Rist.”, schlug die Alchemistin vor.

“Rist? Ja, das kann ich mir merken! Jedenfalls eher als Hald… Hai…”

“Hjaldrist.”, maulte der Westländer jetzt schnaubend und die Frauen, die mit ihm auf der Bank saßen, lachten belustigt. Sie drei blieben auch noch eine ganze Weile auf der schönen Außenterrasse der Burg Sturmfels sitzen. William ging bald, um nach den anderen zu sehen. Doch die freundliche Maren durfte bei den Abenteurern bleiben und ließ sich gerne etwas über das weite Meer, Skellige und dessen großartige Langschiffe erzählen, während sie sich der Kühle wegen in ihren dicken Umhang einwickelte.

Nach einer guten Stunde aber, machte sich das kleine Grüppchen auf, um zur Taverne zu gehen. Die zugige Terrasse, auf der es längst zu kalt geworden war, verlassend und auf den Hauptweg gen Festungseingang spazierend, erklärte Hjaldrist seiner neuen Bekannten aus Drakenstein gerade den Unterschied zwischen undviker Langbooten und ordinären Handelsschiffen, als ihnen Balthar und Saira entgegenkamen. Die Glöckchen am Knöchel der Letzteren klimperten bei jedem Schritt. Hjaldrist hielt nur einen Atemzug lange inne, als er den Hexer und dessen junge Tänzerin bemerkte, und wollte einfach stumm an ihnen vorbeihalten. Maren fragte gerade nach der Bedeutung von Drachen bei Drachenbooten. Und Anna… die blieb stehen. Und als der Skelliger das im Augenwinkel sah, stoppte auch er abrupt. Denn die Miene seiner besten Freundin war beachtlich finster und ihre braunen Augen ließen ihren Ziehvater nicht los. Das war nicht gut. Hjaldrist kannte diesen Blick und sah, wie die impulsive Frau die Hände zu Fäusten ballte. Balthar betrachtete Anna zweiflerisch und blieb stehen. Saira, die sich bei ihm untergehakt hatte, tat es ihm gleich. Und auch Maren verstummte endlich und mutete dezent verwirrt an.

“Anna.”, forderte Hjaldrist seine Begleiterin aus dem Norden auf, denn heute, GERADE, hatte er keine Lust mehr auf Streit oder weitere Kämpfe “Komm.”

Die Novigraderin hatte aber leider nicht dieselbe Einstellung, wie ihr geschaffter Freund, der nurmehr ins Gasthaus gehen wollte, um sich etwas zu trinken zu suchen. Und wenn Anna böse starrte, dann brachte nichts und niemand sie dazu ihre Einstellung zu überdenken einzuknicken oder einfach nur die Klappe zu halten. Dahingehend war die flatterhafte Alchemistin unkontrollierbar.

“Du Narr!”, entkam es der Besagten auf einmal laut, als sie Balthar am großen Steinweg gegenüberstand “Du hast sie umgebracht!”

“Was?”, schnappte der Hexer übellaunig und Saira ging allmählich und verunsichert hinter ihm in Deckung.

“Ich sagte vorhin, dass du aufhören sollst!”, spie die plötzlich so furiose Giftmischerin jetzt “Stattdessen treibst du ihr das Schwert durch den Körper und machst sie fertig! Als ob Igni nicht schon gereicht hätte!”

“Sie war ein Monster und gefährlich für alle.”, brummte der braunhaarige Vatt’ghern wenig begeistert und sah sich natürlich im Recht “Hätte ich sie nicht aufgehalten, hätte sie noch jemanden getötet.”

“Wir hatten die verfluchte Wurzel! Wir hätten sie zerstört und NIEMAND hätte sterben müssen!”, blaffe Anna “Du… du Mörder!”

“Ich bin kein Mörder.”, knurrte Balthar und die angespannte Atmosphäre kippte in eine unglaublich ungute Richtung. Die Luft zwischen den Parteien wurde so dick, dass man sie mit einer Axt hätte spalten können. Hjaldrist schluckte trocken und erhob eine Hand beschwichtigend.

“Anna.”, sprach er geduldig dazwischen. Denn er ahnte doch, dass es nichts brächte mit Balthasar zu reden. Der engstirnige Kerl würde sich nicht überzeugen lassen und betrachtete seine Ziehtochter als Laie. Er war ein sturer Mann. Viel, viel starrköpfiger noch als die Frau, die er aufgezogen hatte. Und er würde seine Augen vor allem verschließen, was jene ihm klarmachen wollte. Denn warum hätte er auch auf sie hören sollen?

“Doch, ein Mörder, das bist du!”, sagte die grantige Anna und ignorierte ihren besten Freund, der die Situation deeskalieren wollte, einfach “Du hast nicht einmal hinterfragt! Onkel Jaromir sagte immer, dass wir STETS hinter alle Begebenheiten sehen sollen! Nur deswegen habe ich versucht die Quelle für den Fluch zu finden und-”

“Sei still!”, schnitt Balthar der Jüngeren nun harsch das Wort ab. Es gefiel ihm offenkundig nicht, dass Anna ihn belehren wollte. Oder vielleicht verstand er ja, dass er einen Fehler begangen hatte und wollte sich dies nicht eingestehen.

“Nein!”, schrie die Schwertkämpferin weiter “ICH habe das Monster, das ich im Garten sah, nicht sofort attackiert! Ich wollte nachforschen, anstatt zu kämpfen! Wegen Jaromir! Und dann kommst du und machst alles kaputt!”

“Anna!”, grollte Balthar drohend. Er schob die klammernde Saira dabei von sich und sah todernst aus.

“Was bist du nur für ein Hexer!”, beschuldigte die Kräutersammlerin “Der große Held Balthasar von Brugge, ha? Der, der seinen Engsten immer erzählt, wie groß und schlau er ist! Aber das bist du nicht! Du bist gar nichts von alldem, hörst du?”

“Du weißt nichts, Mädchen.”, gab Balthar bärbeißig zurück.

“Mag sein!”, blaffte Anna weiter und Hjaldrist sah beunruhigt zwischen den beiden hin und her “Nein, GANZ SICHER weiß ich nichts von dir! Du hast mich ja immer nur belogen und mich vor allem abgeschottet. Aber was ich hier von dir mitbekommen habe, reicht mir vollkommen!”

Der Vatt’ghern verengte die goldenen Augen böse und rümpfte die Nase zornig. Hjaldrist sah, wie er schwer durchatmete. Offenbar versuchte er sich zu fassen, doch schaffte es nicht. Maren war längst auf Sicherheitsabstand gegangen.

“Anna… komm jetzt. Das hier ist sinnlos.”, appellierte der anwesende Undviker ein letztes Mal und kam vor, um zu seiner Freundin zu gehen. Er berührte sie auffordernd am Arm, doch sie schlug seine Hand grob weg. Hjaldrist zuckte zusammen und seine Kumpanin zeterte einfach weiter. Nun, da er so nah neben ihr stand, erkannte er, dass ihre Augen ganz glasig wurden. Die Frau biss die Zähne knirschend zusammen und zeigte anschuldigend auf Balthar.

“Du bist ein verdammter Hurensohn!”, fand sie mit zitternder Stimme “Du bist nicht der Balthar, den ich glaubte zu kennen!”

Und dies war der Punkt, an dem ein Ruck durch den konfrontierten Hexer ging und er steifen Schrittes näherkam. Er hielt erst, als er knapp vor seiner ‘Tochter’ stand.

“Du!”, fing er bitterböse an und Hjaldrist trat planlos zurück, als der Mann Anna mit dem Zeigefinger an das Brustbein stieß “Reiße deine dumme Klappe nicht so weit auf.”

Anna’s Gesicht wurde zu einer Maske aus Abscheu.

“Du denkst, du kannst dich wichtig aufspielen, weil du fortgelaufen bist und glaubst, dass du auf eigenen Beinen stündest. Vielleicht tust du gerade auch nur so klug, weil dein kleiner, perverser Fjordlachs zusieht.”, lachte Balthar verächtlich “Aber wichtig und klug, das bist du nicht. Du bist ein dummes, naives Mädel!”

“Halt’s Maul!”, fauchte die Frau und wich von dem Finger an ihrer Brust zurück.

“Du hast nicht einmal eine richtige Hexerausbildung abgeschlossen. Ja, du warst damals immer so schlecht beim Training und meinst MICH nun belehren zu müssen? Sieh dich doch an. Du bist wirklich albern.”, lächelte der Mutant kalt und sah Anna an, als hielte er sie tatsächlich für ein kleines Kind. Hjaldrist sah dem vollends entrückt zu. Denn ja, er hatte auch oft mit seinem Vater gestritten. Gerade ihre allerletzte Auseinandersetzung war heftig gewesen. Nur so respektlos, wie die ‘Diskussion’ hier, war das nie abgelaufen. Es fehlte nurmehr, dass Balthar Anna schlug.

“Du bist zwar in Kaer Morhen groß geworden, doch das macht dich nicht zur Hexerin. Du wirst auch niemals eine sein. Es gibt in unseren Reihen nämlich keine Frauen.”, merkte der Mutant an und seine direkten Worte waren schneidend “Also markiere nicht die heldenhafte Vatt’ghern. Das bist du nämlich nicht, Arianna. Du kommst nicht einmal einem Hexernovizen gleich!”

Hjaldrist erstarrte, als er das vernahm. Und ihm schwante Übles. Nicht nur, dass Balthar sein damaliges Mündel als Idiotin darstellte, die ihre Ausbildung nie vollendet hatte und in dem, was sie tat, schlecht war. Nein, er griff auch noch das unsagbar sensible Thema ‘Hexerin’ auf. Das war schlecht.

“Balthar!”, stieß der Undviker also aus und starrte den Älteren verärgert an “Lass es!”

Anna indes, war komplett verstummt. Sie stand da, bloßgestellt, sprachlos, und musste sich sicherlich am Riemen reißen, um nicht loszuheulen. Hjaldrist wollte ihr also beistehen und kam schützend zwischen die 24-Jährige und ihren Rabenvater. Sein Einschreiten kam wahrscheinlich viel zu spät.

“Geh.”, murrte der Skelliger dem Hexer drohend entgegen, obwohl er wusste, dass er gegen ein Katzenauge keine Chance hätte. Und dennoch… eher riskierte er ein gebrochenes Gesicht, als dass Balthar Anna nun noch weiter fertigmachte. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.

“Verschwinde! Oder ich hau dir in die Fresse, du Arschloch!”, begehrte Hjaldrist mit Nachdruck auf und der verschissene Mutant sah ihn fast schon mitleidig an.

“Tse.”, machte Balthar und schüttelte den Kopf ungläubig.

“Balthar…”, wand nun auch Saira ein und fasste von der Seite nach dem Arm ihres Liebsten “Lass Anna. Und komm…”

Das Katzenauge sah sich flüchtig nach der hübschen Tänzerin um, die einen entschuldigenden Blick gen Hjaldrist warf. Sie nickte dem schlecht gelaunten Skelliger in einer stummen Bitte zu verschwinden zu und jener verstand sofort. Er wandte sich um, um sich seine Freundin zu schnappen und zusammen mit ihr zu gehen. In die Taverne, den Garten oder sonst wohin. Hauptsache weg. Nur Anna hatte bereits kehrtgemacht und ging soeben, mit hängenden Schultern und verschränken Armen, den großen Pflasterweg hinab und fort von der versammelten Gruppe.

“Anna?”, rief Maren ihr besorgt nach, doch Hjaldrist winkte gleich ab. Seine Kollegin wollte gerade alleine sein und das war verständlich. Sie hatte es nie gemocht, wenn sie jemand weinen sah. Und obwohl der Axtkämpfer der Alchemistin am liebsten hinterhergelaufen wäre, verharrte er an Ort und Stelle.

“Ist in Ordnung, Maren…”, murmelte er “Sie kommt schon wieder.”

Der Westländer warf Balthar noch einen letzten, abfälligen Blick zu, ehe er sich dann mit William’s Freundin zurückzog, um in die Schänke zu gehen. Anna würde früher oder später wieder zu ihnen stoßen, ganz bestimmt.

 

“Hier.”, Hjaldrist legte dem verblüfften Knappen Berold die paar Kupfer, die jener ihm dafür gezahlt hatte Jouri zu verprügeln, auf den Tisch. Als er in die Taverne gekommen war, hatte er Berold gleich erblickt und sich dazu entschlossen sich zu jenem zu setzen. Maren war solange losgeeilt, um Getränke für sich und ihren ‘Bachpiraten’ zu holen.

Berold sah Hjaldrist unschlüssig an, als er seine Vorauszahlung zurückbekam.

“Ich verhaue keine Unschuldigen…”, erklärte sich der aufrichtige Skelliger “Euren Zwist solltet ihr untereinander klären.”

Der Knappe in Orange runzelte die Stirn und sah wenig zufrieden aus. Dennoch beschwerte er sich nicht und nahm seine Münzen wieder an sich. Der Undviker bei ihm wechselte das Thema sofort.

“Geht es allen gut…?”, wollte er wissen “Kamen alle Ritter aus dem Wald zurück?”

“Mh, ja.”, nickte Berold “Es gibt zwar Verwundete, doch sie sind allesamt stabil. Und vorhin… naja, vorhin kam bis auf die Verfluchte niemand zu Schaden.”

“Gut zu hören.”, lächelte Hjaldrist leicht. Es war zwar fürchterlich, dass eine Frau hatte elendig sterben müssen, doch keine weiteren Verluste zu beklagen war trotzdem schön.

“Offenbar hatte diese Knolle, die ihr aus dem Keller geholt habt, auch etwas mit dem Zustand unseres Herrn Hagen zu tun.”, sprach der Blonde mit dem Spitzhut weiter “Er kam vorhin völlig verwirrt hierher, war wieder ganz er selbst und brauchte keinen Gehstock. Wisst Ihr, er war die letzten Wochen über todkrank. Und jetzt? Plötzlich ging es ihm von einer Stunde auf die nächste wieder einigermaßen gut.”

“Was ist mit denen, die das Kellertor blockiert hatten?”, wollte der Skelliger weiter wissen und ertappte sich dabei nicht einmal zu überrascht bezüglich der guten Neuigkeiten rund um den Lehnsherren zu sein. Er hatte damit gerechnet, dass der Knollenfluch Einfluss auf vieles hier gehabt hatte.

“Die sind auch wieder zu sich gekommen.”, erzählte Berold “Sobald der Kampf im Hof vorüber und die Wurzel mit dem Gesicht zerstört war, war jeder wieder der Alte.”

Der Knappe deutete, um dies zu unterstreichen, auf die Tavernenwirtin, die schon wieder lachend und Leute ohne Kopfbedeckung anpöbelnd im Schankraum stand. Auch sie war heute festgenommen worden, bevor Hjaldrist und Anna in den Keller gegangen waren. Nun sah sie aus, als sei dies nie passiert.

“Erinnert sie sich daran…?”, wollte der Mann im grünen Rock wissen und Berold schüttelte den Kopf. Maren kam wieder und stellte sich und Hjaldrist je einen schäumenden Humpen Bier hin. Der Jarlssohn bedankte sich freundlich dafür.

“Maren!”, rief William warnend durch all die Tavernengäste hindurch. Er saß an einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke, bei einem Mann mit Gitarre, und hatte seine Begleiterin gut im Auge.

“Übertreibe es nicht!”, forderte er.

“Niemals!”, lachte die junge Frau mit dem Jägerhut und ließ sich dann bei Berold und Hjaldrist nieder, um mit ihnen anzustoßen. Folgend unterhielten sich die drei über die jüngsten Geschehnisse und mutmaßten über den Ursprung der verfluchten Knolle aus dem Vorratsraum. Sie fragten sich, wie jene wohl dorthin gekommen war und wieso. Am Ende befanden sie es für logisch, dass sie irgendjemand, der den Burgherren weghaben wollte, dort platziert haben könnte. Denn dies lag doch nahe. Bestimmt gab es einen Neider, der alles daran legen wollte Herrn Hagen als Lehnsherren abzuschaffen; Und wenn dies auch durch einen Fluch geschah, der alle Leute in Monster verwandelte und Hagen selbst gesundheitlich in die Knie zwang. Doch dies, so befand Hjaldrist, war eine Nummer, in die er sich nicht einmischen würde. Er und Anna waren Monsterjäger und keine Menschen, die ihre Nasen in Politik oder zwischenmenschliche Beziehungen steckten. Sie beide hatten den Fluch der Burg Sturmfels zusammen mit deren Bewohnern gebrochen. Das sollte reichen. Und nun wollte Hjaldrist den unglaublich anstrengenden Tag ruhig ausklingen lassen; Ein, zwei Bier trinken und dann schlafen gehen. Er hoffte nur, dass seine beste Freundin auch bald wieder auftauchte und sich beruhigte. Vielleicht würde er sie nachher noch zur Seite nehmen, um ihr gut zuzureden, denn das hätte sie gerade bitter nötig, fürchtete er. Doch derweil verschnaufte der Undviker noch und beobachtete das muntere Treiben im Gasthaus eine ganze Weile lange. Die Stimmung war nach allem, was heute Abend geschehen war sehr gedrückt gewesen. Der lustige Mönch, den Hjaldrist am Anreisetag kurz erblickt hatte, hatte dies natürlich bemerkt und nun, nachdem er einfühlsam mit mehreren Leuten gesprochen und ihnen dabei die Hände gehalten hatte, ging er dazu über seine ‘Schäfchen’ aufmuntern zu wollen. Dieser bärtige Kerl, den alle ‘Bruder Gunther’ nannten, war ein sympathischer Mann und lächelte sanftmütig vor sich hin, als er aufstand und seinen großen, hölzernen Bierhumpen anhob.

“Wir wollen uns nicht von finsteren Begebenheiten in Unsicherheit und Trauer stürzen lassen.”, begann er und viele hörten ihm sofort interessiert zu “Und wir trinken auf die, die heute gelitten haben. Und auf Lydiah, die sterben musste. Ordon sei ihr gnädig!”

Stille breitete sich in der stickigen Schänke aus. Manche Leute nickten, andere schlugen die Augen traurig nieder.

“Lydiah war eine fröhliche Dame. Was hat sie nur immer gelacht und getanzt!”, setzte der Geistliche fort und auch Hjaldrist lauschte ihm an diesem Punkt gespannt “Ich glaube nicht, dass sie es nun wollen würde, dass alle in Trauer versinken. Oder? Ich denke, sie würde wollen, dass wir für sie lachen und tanzen.”

Zum Abschluss seiner kurzen Rede nickte Bruder Gunther einmal leicht und nippte symbolisch an seinem Getränk.

“Auf Lydiah.”, sagte er dann lieb und alle betrachteten ihn mit großen Augen. Man konnte förmlich fühlen, wie die Atmosphäre in der Taverne lockerer wurde; Wie die verbitterten Leute zu lächeln versuchten und wie die, die nicht so betroffen waren, einander auf die Tote zuprosteten. Zufrieden sah der Mönch in die Runde. Seine Aufgabe als Seelsorger beherrschte er, das musste man ihm lassen.

“Und nun…”, lächelte er “Mein Lied!”

Der Musiker, der bei William saß, fing damit an wissend zu grinsen und richtete sich die abgegriffene Gitarre am Schoß zurecht. Und dann begann er ein Stück zu spielen, in dem es darum ging, dass das Bier alle war. Es war eine lustige, hüpfende Melodie und manch einer mochte meinen, sie passe gerade nicht nach Sturmfels. Doch das tat sie. Oh, ja, gerade jetzt war sie nötig. Die Anwesenden, die zuvor noch lustlos oder ängstlich herumgelungert waren, sahen nämlich auf. Bruder Gunther stieg plötzlich auf die Tavernenbank, raffte mit der freien Hand seinen braunen Kuttensaum und fing damit an so wild zu tanzen, dass sich die Sitzgelegenheit unter ihm durchbog. Und immer, wenn der Refrain kam, in dem davon die Rede war, dass das Bier alle sei, ließ er seinen Robensaum los, nahm den kleinen Holzknüppel, der ihm am Gürtel hing, in die Rechte und zeigte damit in einer Parodie einer anschuldigenden Drohgebärde auf die Zuschauer. Es war ein Bild für die Götter und schon nach wenigen Augenblicken lachte die ganze Tavernenbelegschaft heiter, klatschte oder sang mit. Der Unmut und die Ratlosigkeit von vorhin waren dank Gunther wie weggeblasen.

“Kommt Ihr morgen zur Gerichtsverhandlung?”, fragte Berold derweil in die Runde am Tisch und sah Hjaldrist erwartungsvoll an “Schließlich geht es um den Vater Eurer Freundin.”

Der Angesprochene wurde hellhörig.

“Verhandlung?”, fragte er irritiert und ließ seinen Bierkrug sinken “Worum geht es genau?”

“Ähm…”, räusperte sich der Knappe jetzt und Maren brach in schallendes Gelächter aus “Balthasar… hat Gotteslästerung betrieben und soll dafür eine gerechte Strafe bekommen.”

Hjaldrist blinzelte fragend.

“Die… Sache mit dem Altar…?”, fragte er vorsichtig “Man erzählte uns heute davon.”

“Genau.”, nickte Berold “Die Verhandlung ist eine offene. Jeder kann sie sich ansehen. Und ich dachte, sie könnte Euch oder Frau Anna interessieren.”

Der Skelliger hob die Brauen, doch dann erhellte sich sein Gesicht langsam etwas.

“Tse…”, lachte er leise “Ja, vermutlich wird das lustig. Vielleicht bringe ich faule Obst mit...”

“Die kriegen sicher Keuschheitsgürtel angelegt!”, kicherte Maren und nahm einen tiefen Schluck ihres Bieres “DAS will ich unbedingt sehen!”

“Herrje…”, grinste Hjaldrist, doch war da ganz bei der jungen Frau. Ja, er hoffte sogar, dass Balthar eine schlimmere Strafe erhielte, als nur eine Unterbuchse aus Eisen. Gerade, da wünschte er ihm alles Schlechte an den Hals. Dafür, dass er Anna so rüde beleidigt hatte.

“Die Gerichtsverhandlung beginnt morgen. Kurz vor Mittag. Der Ausrufer wird kurz davor eine Runde machen.”, berichtete Berold noch und sein skelliger Bekannter nickte anerkennend.

“Danke fürs Bescheid-Sagen.”, lächelte Hjaldrist und freute sich schon darauf Anna davon zu berichten, dass sie morgen dabei zusehen könnte, wie man ihren Ziehvater vor Gericht zerrte. Dies wäre schließlich eine kleine Genugtuung für den Streit von vorhin. Denn: Balthar bezeichnete sein ehemaliges Mündel als idiotisch, doch würde selbst wegen Sex auf einem heiligen Altar vor einen Richter geführt? Glorios!

 

Anna kam kaum eine Stunde später in die Schänke. Ja, tatsächlich tauchte sie auf. Hjaldrist sah von seinem halb leeren Getränk auf, als die Jüngere kam. Er wollte ihr schon Platz machen, damit sie sich setzen könnte, da kam sie näher und der Krieger stockte. Denn seine Kameradin sah schlecht aus. Auffallend schlecht.

“Frau Anna…?”, hakte Maren sehr verunsichert nach. Denn Anna’s Augen waren gerötet und sie selbst merklich blass um die Nase. Sie wollte sich gerade etwas fahrig setzen, da hielt Hjaldrist sie auf, indem er sich erhob und sie eindringlich ansah. Ihre Pupillen waren riesengroß und ihr engster Freund ahnte schon, weswegen. Oh, Scheiße.

“Ist alles in Ordnung?”, fragte Berold sofort nach und auch Maren sah bekümmert her. Hjaldrist nickte schnell.

“Ja…”, log er “Der heutige Tag hat sie wohl ziemlich fertiggemacht.”

“Was…?”, fragte Anna wirr “Es ist-”

“Komm.”, wendete er sich an sie “Gehen wir an die frische Luft. Du siehst nicht gut aus.”

Und damit zwang er die Kurzhaarige buchstäblich dazu mit ihm zu gehen. Hjaldrist erwischte Anna, drehte sie dem Tavernenausgang zu und bugsierte sie sanft, doch bestimmend vor sich hin und aus dem belebten Gasthaus hinaus. Man konnte sich gar nicht versehen, da waren die Vagabunden im Freien und Hjaldrist kam im Schein der Fackeln vor der Pforte betroffen vor die problematische Kräuterkundige.

“Was hast du getan?”, wisperte er ihr aufgescheucht zu, doch bekam keine Antwort. Doch, ach, eigentlich brauchte er auch keine, um zu ahnen, was los war: Anna hatte Gift genommen. Und das, obwohl sie sich heute Morgen schon ihre übliche Dosis zum Gemüt geführt hatte. Das war zu viel. Viel zu viel, zumal sie zurzeit wieder ganz selbstbewusst dabei war neue Grenzen ihres Körpers auszutesten und härtere Dinge als konzentrierte Arenaria zu nehmen.

“Anna…”, sagte Hjaldrist nervös. Er erfasste die Besagte an beinen Oberarmen und sah ihr ernst in die Augen, deren Pupillen so groß waren, dass das Schwarz das Braun fast völlig einnahm. Es war erschreckend.

“Was hast du genau genommen? Mandragora? Wolfsbann?”, fragte er und sie schwieg. Diese Idiotin wirkte absolut aufgelöst und zunehmend verwirrt.

“Bei Freya, Flohbeutel…”, seufzte der Skelliger und wollte irgendwie nach ihrer labilen Aufmerksamkeit haschen “Warum tust du sowas? Es kann doch nicht sein, dass du dich derart von Balthar provozieren lässt, dass du dich in Lebensgefahr begibst.”

“Es… ist alles in Ordnung.”, wehrte sich die Frau, deren Lippen unnatürlich fahl geworden waren, ungeschickt. Ihr Atem ging merklich unruhig und sie schwitzte.

“Nein. Ist es nicht.”, stellte Hjaldrist fest und wurde banger “Hast du Gegengifte da?”

“Ja…”, murmelte Anna heiser.

“Wo?”, wollte ihr Freund drängend wissen.

“Oben, in meinem Rucksack. Aber…”, atmete die Frau und hatte Mühe beim Sprechen “Aber ich brauche keines. Ich halte das aus...”

“Wie? Spinnst du?”, stöhnte Hjaldrist leise “Nein, wir gehen jetzt nach oben und dann nimmst du etwas gegen das, was du geschluckt hast.”

Es war grässlich Anna so zerfahren zu sehen. Sie bibberte leicht und sah aus, wie eine Tote. Es machte dem Undviker Angst.

“Komm jetzt.”, sagte der Mann beachtlich unruhig und Anna murmelte irgendetwas Unverständliches. Sie blinzelte benommen. Und dann geschah das, wovor sich Hjaldrist stets fürchtete. Das, wegen dem er die Götter jeden Morgen leise um Beistand anrief: Seine Gefährtin stieß ein leises Jammern aus und japste. Blut hing ihr plötzlich an den bleichen Lippen, lief ihr aus dem Mundwinkel, und sie schaffte es kaum mehr die flimmernden Augen offenzuhalten. Und dann… dann fiel sie einfach um.

“Anna!”, stieß Hjaldrist aus und kam sofort zu seiner besten Freundin, um sich vor ihr hinzuknien. Die Novigraderin wollte schreien, doch bekam Schnappatmung und fing damit an zu krampfen. Der Axtkämpfer wollte sie zur Seite drehen, weil sie damit anfing mehr Blut, vermischt mit Speichel, zu spucken, doch es gelang ihm nicht. Anna röchelte und fasste orientierungslos und hilfesuchend zur Seite; so, als suche sie nach Halt. Doch sie griff bloß in die Leere. Hjaldrist glaubte, sein Herz bliebe ihm stehen. Aus geweiteten Augen starrte er und konnte im ersten Moment keinen klaren Gedanken fassen. Er fühlte sich so unbeholfen.

“Hey…”, versuchte er seine kollabierende Freundin anzusprechen, doch sie reagierte längst nicht mehr “Scheiße.”

Hjaldrist überlegte nicht mehr lange. Er sammelte seine röchelnde Gefährtin beherzt vom kalten Grund auf und hob sie hoch. Der zuvor noch so abgekämpfte Mann, der heute schon von Schatten attackiert worden war und von einem Kellermonster fliehen hatte müssen, wusste nicht, woher seine plötzliche Kraft kam. Er lief los, funktionierte einfach und versuchte zu ignorieren, dass ihm Anna die Tunika völlig einsaute. Ihr Gesicht war an seine Brust gesunken und das Blut, das ihr von den Lippen rann, beschmierte ihm den bestickten Mantel und das weiße Hemd darunter. Verbissen eilte der keuchende Undviker mit dem Häufchen Elend auf den Armen nach oben, in den großen Schlafsaal, und stolperte auf seinem Weg einmal beinahe über eine Tasche. Und dann - es ging so schnell - kam er bei Anna’s Bett zum Stehen. Er legte sie auf die harte Matratze, sah sich in der Düsternis hektisch nach ihren wenigen Sachen um und fing damit an panisch darin herumzuwühlen. Jemand, der unweit geschlafen hatte, hob den Kopf schimpfend an, doch Hjaldrist hörte nicht zu. Er fand Anna’s Alchemiezeug, das leider aus mehr, als einer Sorte von Absuden, Elixieren und Tinkturen bestand. Anna hortete wertvolle Kräutersachen und Phiolen mit allem möglichen Kram. Und jedes Teil in ihrer Trankmischerkiste war irgendetwas anderes.

“Kacke…”, wisperte der Skelliger atemlos, als er eine Handvoll Fläschchen betrachtete, die er hervorgefischt hatte. Er hatte keine Ahnung, was davon was war. Er hatte nur einen einzigen Anhaltspunkt: Anna hatte Gifte mit roten Bändchen und Gegengifte oder Schmerzmittel mit blauen Wollfäden markiert. Dies, damit ihr bester Freund in Notsituationen, wie dieser hier, ungefähr wusste, was er nehmen könnte oder nicht. Und was er der Hexerstochter selbst unbedenklich in den Rachen kippen durfte, sollte sie ihrer Gifte wegen einmal ohnmächtig werden. Oh, WENN sie doch nur besinnungslos geworden WÄRE und nun ruhig hier liegen würde! Das war in der Vergangenheit schon zweimal passiert und sie war nach wenigen Minuten einfach wieder zu sich gekommen. Jetzt aber, da wirkte Anna, als kämpfe ihr fahriger, sich sträubender Leib ums Leben. Es war grauenvoll, entwaffnend und warf Hjaldrist’s Fassung völlig in den Wind.

Ein zweiter Kerl, der hier oben schlief, setzte sich nun auf und fragte, was los sei. Eine Frauenstimme bat um Ruhe und ein Vierter, der am Bett gegenüber geruht hatte, zündete ein Öllicht an. Oh, Hemdall sei Dank! So konnte Hjaldrist wenigstens erkennen, welche Farben die Bändchen an den Phiolen zwischen seinen Fingern hatten! Hastig legte der die Fläschchen mit den roten Bändchen fort und nahm einfach wahllos eines der blau markierten Behältnisse, das nach Gegengift oder Schmerzmittel aussah. Dann kam er zu Anna auf das Bett.

“Bei Ordon!”, machte der fremde Mann, der die Laterne gerade entzündet hatte und keine drei Meter entfernt auf seinem Bett saß “Ist alles gut? Was ist mit ihr?”

Hjaldrist antwortete ihm nicht, denn er hatte gerade viel, viel Wichtigeres zu tun. Nämlich zu verhindern, dass seine beste Freundin heute starb. Jene hatte sich auf ihr Kissen und das Laken übergeben und war mittlerweile so kraftlos geworden, dass sie sich kaum mehr rührte. Stoßweise atmend lag sie da und sah aus, als trete sie gleich weg. Tränen standen in ihren starren Augen. Hjaldrist’s Kehle verließ ein Fluch und er kam zu ihr. Die Vergiftete aus dem eigenen Erbrochenen ziehend, drehte er sich die Frau zu und schob ihr eine Hand in den Nacken, um sie zu stützen. Mit den Zähnen entkorkte er das vermeintliche Gegenmittel aus der Alchemiekiste und schob Anna die Öffnung der Phiole, in der es grünlich schwappte, zwischen die Zähne. Da die Leidende nicht mehr krampfte, gelang dem Jarlssohn das auch sofort. Er schüttete seiner Freundin deren Trank also in den Rachen und musste erleichtert aufatmen, als er sah, wie sie reflexartig schluckte. Der Mann warf das leere Absudfläschchen daraufhin achtlos beiseite und zog die Kurzhaarige, die völlig apathisch wirkte, augenblicklich an sich heran. Der feiste Typ vom Nebenbett hatte sich erhoben und war nähergetreten. Eine besorgte Frau aus dem Schlafsaal kam ebenso heran, um zu starren. Doch das war dem aufgewühlten Skelliger just egal. Er drückte Anna an sich und schloss die Augen, als er leise mit ihr sprach und die Nase hochziehen musste.

“Komm schon…”, wisperte er ihr zu, immer wieder und wie eine Beschwörung. Mittlerweile war auch ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Er wippte leicht vor und zurück und kämpfte gegen das ihn beutelnde Grauen in seinen Gliedern an. Gerade, da schien er erst zu verstehen, was in den letzten Momenten passiert war, und diese Bilder und Annahmen ließen ihn schwer schlucken. Anna stöhnte leise und gequält gegen seinen Hals und Hjaldrist ließ sie nicht los. Oh, diese Närrin. Was hatte sie nur getan? Warum ließ sie sich von jemandem wie Balthar nur so sehr provozieren, dass sie zu viel Gift trank? Ja, das Katzenauge hatte viele gemeine Dinge gesagt und genau gewusst, wie er die Alchemistin hart treffen könnte. Nur warum, WARUM, nahm Anna deswegen viel zu viel Toxin zu sich? Hatte sie sich selbst etwas beweisen wollen? Oder ihrem Ziehvater? Hatte sie zeigen wollen, dass sie nicht unfähig war und jegliches Gebräu aushielt? Dass sie das Zeug zu einer echten Hexerin hatte? Das war doch absoluter Wahnsinn! Und was, wenn sie so etwas noch einmal versuchen würde? Oh, Hjaldrist wollte gar nicht daran denken! Ja, er hatte am Anfang ihrer gemeinsamen Reise bedingungslos eingewilligt Anna zu helfen. Er hatte ihr versprochen sie zu unterstützen, wenn es um ihren Lebenstraum ging, komme was wolle. Jeden verschissenen Morgen sah er seither dabei zu, wie sie einfach so stark verdünntes Gift trank, um sich zu immunisieren. Am Anfang war es nur das Viertel eines kleinen Fläschchens gewesen. Heute war es ein ganzes mittelgroßes. Das war zu viel. Genau, irgendwann war es genug. Es war SOWAS von genug und das, was heute passiert war, setzte dem noch die Krone auf. Der einfühlsame Mann aus Undvik wusste, dass er es nicht aushalten würde seine Gefährtin noch einmal so zu sehen, wie gerade eben. Wie sollte er auch? Sie war seine engste Freundin, verdammt. Und... er liebte sie. Noch immer.

Anna regte sich nach viel zu vielen schweren Atemzügen und schmerzverzerrtem Keuchen langsam wieder. Ihr ausgezehrter Körper schien sich allmählich zu beruhigen und sie selbst wieder einigermaßen zu sich zu kommen. Offenbar hatte Hjaldrist trotz seiner Panik also das richtige Gegengift erwischt. Und es war so, so beruhigend, als er Anna’s Hand nach einer halben Ewigkeit ganz plötzlich an seiner Brust spürte. Sie drückte sich daran sacht von ihm, um sich schwerfällig hinzusetzen. Der Dunkelhaarige ließ dies zu und hielt die Kurzhaarige nicht weiter fest. Abwartend beobachtete er sie, wie sie sich mit zusammengepressten Lippen und zitternden Fingern über das blasse Gesicht fuhr und den Kopf hängen ließ. Sie sah nicht auf. Und sie würde heute auch kein einziges Wort mehr sprechen.

 

*

 

Als Anna am nächsten Morgen erwachte, blieb sie einfach liegen: Sie zuckte leicht zusammen, blinzelte schlaftrunken und atmete tief aus. Und dann rührte sie sich kein Stück. Sie fühlte sich vollkommen abgeschlagen. Aber… aber sie lebte noch.

Müde sah die Frau mit den wirren Haaren vor sich hin. Erst gedankenvoll in die Leere, dann in den Raum vor sich. Es war schon hell im weitläufigen Ruhesaal und die spartanischen Betten, die sie sah, leer. Anna selbst lag nicht auf ihrer Schlafgelegenheit in der hinteren, rechten Ecke des Zimmers, sondern auf dem Bett ihres besten Freundes. Hjaldrist hatte ihr in der vergangenen Nacht nämlich noch hochgeholfen, damit sie sich die vollgeblutete Jacke ausziehen und das Erbrochene von der Wange waschen konnte. Er hatte das eingesaute Kissen und das dreckige Laken von ihrem Bett rauswerfen müssen und dann hatte er Anna gutmütig auf sein Bett verfrachtet. In eine Decke eingewickelt hatte er sie und sie gebeten sich auszuruhen. Ob er… heute bei ihr geschlafen hatte? Sie konnte sich nicht erinnern, war irgendwann völlig geschafft weggetreten.

Anna schlug die Augen leise stöhnend nieder und fasste sich an das Gesicht, das wieder mehr Farbe hatte, als gestern. Dennoch fühlte sie sich, als habe sie nächtelang durchgezecht und dabei weder etwas gegessen noch Wasser getrunken. Ihre Zunge klebte ihr schal am trockenen Gaumen und ihre geröteten Augen schmerzten. Ihr Kopf brummte höllisch und ein unangenehmes Ziehen in den Seiten plagte sie.

“Ah…”, atmete sie mit verzerrtem Gesicht und drehte sich auf den Rücken “Kacke…”

Sie hob den Arm, um ihn sich über die brennenden Augen zu legen. Und so verweilte sie dann und glaubte, dass es besser gewesen wäre gestern zu verrecken, anstatt das hier gerade fühlen zu müssen. Oh, ihr tat alles weh und ein mieser Kater war nichts gegen ihren momentanen Zustand. Ja, sie lebte und das wurde ihr gerade quälend bewusst.

“Guten Morgen, Sonnenschein.”, drang eine bekannte Stimme nach einigen Momenten des Leidens an die Ohren der Alchemistin heran und sie ließ den Arm vor ihrem Gesicht etwas sinken, um dahinter hervorlugen zu können. Ihre dunkel untermalten Augen fielen auf Rist. Der Mann wiederum, sah ungemein erleichtert aus. Und obwohl er versuchte schief zu grinsen, merkte man, dass er sich ehrlich freute. Er hatte eine kleine Schüssel und eine Kanne dabei. Frühstück. Oh, bitte nicht...

“Mh.”, kam Anna’s laue Antwort knapp zurück. Sie hätte gerne gelächelt, doch sie schaffte es nicht. Dies nicht, weil sie sich elend fühlte, sondern… sondern weil ihr schlechtes Gewissen soeben Hallo sagte. Es lauerte irgendwo unter ihrem Scheitel und stichelte dort schadenfroh. Anna wich Hjaldrist’s Blick aus, als er sich zu ihr setzte.

“Du siehst scheiße aus.”, fand er vorlaut “Iss was.”

“Uh… nein…”, stöhnte die Vagabundin abwehrend “Geh mir weg mit Essen…”

“Was?”, staunte der Skelliger “DAS ist neu.”

Der sonst so verfressenen Novigraderin entkam ein grimmiges Murren und ein unverständliches Fluchen. Sie ließ den Arm vor dem müden Gesicht jedoch ganz sinken und machte Anstalten sich aufzusetzen. Rist schenkte ihr solange etwas zu trinken ein. Tee. Oh ja, Tee war gut.

“Danke…”, sagte Anna mit belegter Kehle, als sie einen Tonbecher dieses dampfenden Getränks an sich nahm. Es duftete nach Minze und Thymian und die mitgenommene Frau roch wohlig seufzend daran. Sie zog die Beine an und pustete in ihren heißen Becher. Sie trug keine Stiefel mehr. Ihr treuer Kumpan musste sie ihr gestern noch ausgezogen haben. Anna erinnerte sich nicht daran.

“Wie geht es dir…?”, fragte Hjaldrist nach, als er die Besagte beobachtete. Auf der Bettkante sitzend, betrachtete er Anna wieder etwas besorgter, als noch zuvor. Die Angesprochene sah von ihrem Tee auf. Sie holte Luft, um irgendetwas zu sagen, doch schloss den Mund gleich wieder und blieb still. Erst nach einem zweiten Anlauf redete sie. Und zwar nicht über ihren kränklichen Zustand.

“Tut mir leid.”, sagte sie mürrisch. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan sich aufrichtig und mit kleinmütiger Miene zu entschuldigen. Daher brummelte sie etwas vor sich hin und war froh darüber, dass ihr bester Freund sie soweit kannte, dass er ihr das nicht übel nahm.

“Lass gut sein.”, entgegnete Rist schlicht “Nur… tu so etwas bloß nie wieder, ja? Du hast mir einen mords Schrecken eingejagt.”

Anna, die ihren kleinen Becher zwischen den kalten Fingern drehte, nickte schwach. Ihre Gedanken schweiften daraufhin eine Weile, bis sie an dem hingen blieben, was Balthar gestern gesagt hatte. Die Worte, die der grantige Hexer seiner entsetzten Ziehtochter entgegengeworfen hatte, hatten sich angefühlt, wie tausend Messerstiche.

“...Er hatte Recht.”, sagte die Kurzhaarige plötzlich leise.

“Was?”, Hjaldrist horchte auf.

“Man hat mich nicht so ausgebildet, wie einen Hexer, Rist.”, gab die Frau zu und fühlte sich, wie ein getretener Straßenköter “Ich habe manche Übungen mitgemacht, ja… aber nicht alle. Weil man mich nicht ließ. Balthar hatte immer Angst, dass mir etwas zustößt. Darum durfte ich die gefährlichen Trainingseinheiten nie mitmachen.”

Der Undviker schwieg.

“Damals, in Kaer Morhen, bin ich einmal auf die südliche Burgmauer. Dort… dort gab es einen dicken, hängenden Stamm, den man mithilfe eines Seils an einem hohen Balken befestigt hatte. So, dass er senkrecht über der Mauer schwingt.”, erzählte Anna mit gedämpfter Stimme und betrachtete ihren trüben Tee abwesend “Die Männer trainierten dort, auf einem schmalen Steg balancierend. Mit verbundenen Augen versuchten sie es dem schwingenden Stamm auszuweichen und ihn so oft mit dem Schwert zu treffen, wie es ging. Knapp daneben ging es an die zwanzig Meter steil nach unten. Ein Fehler und man riskierte es also tief zu stürzen. Ich fand das aufregend und wollte es auch einmal versuchen. Also schlich ich dorthin. Und als ich auf den Steg kletterte, war Balthar da und riss mich zurück. Bei Melitele… ich habe dafür die Standpauke meines Lebens kassiert.”

Noch immer sagte Hjaldrist nichts, sondern hörte nur zu. Er hatte damit angefangen in seinem mitgebrachten Rührei mit Speck herumzustochern.

“Ich habe öfters versucht nachzumachen, was die Kerle stets taten…”, erklärte Anna und lächelte matt “Einmal habe ich Balthar’s Silberschwert genommen und wollte damit vor das Burgtor, um damit irgendwelche kleinen Tiere zu jagen. Ich war so froh darüber EINMAL ein Langschwert aus Silber halten zu können. Und, Mann… diese Dinger sind so verdammt leicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut sich diese Waffen führen lassen.”

“Was hat Balthar zu der Sache mit seinem Schwert gesagt?”, wollte der anwesende Krieger wissen.

“Er hat mich keine halbe Stunde, nachdem ich mich aus der Festung geschlichen hatte, am Ohr zurück nach Hause gezerrt.”, berichtete Anna und ihre Miene wurde wieder härter “Dann habe ich eine Ohrfeige bekommen, dass mir der Schädel noch drei Tage lange gescheppert hat.”

Hjaldrist verengte die Augen.

“Also… ja. Balthar hatte gestern Recht. Meine Ausbildung war… sehr rudimentär.”, sagte die Burschikose missmutig “Aber nicht, weil ich es so wollte. Sondern weil er mich behandelt hat, als sei ich dumm und viel zu schwach.”

“Balthar ist ein Idiot.”, fand Rist nun “Eine ‘echte’ Hexerausbildung abgeschlossen zu haben, heißt nichts. Du bist auch ohne stark genug, Anna. Und du bist nicht dumm, obwohl du manchmal etwas… naja, unweise handelst. So, wie gestern.”

Die betretene Alchemistin äugte stumm zu ihrem Freund. Sie atmete langgezogen aus.

“Weißt du...”, fing der Skelliger nachgiebig an und lächelte dabei lieb “Ich habe nie wen getroffen, der so endlos lange über Monster, Übernatürliches und Trankmischerei reden kann, wie du. Ja, du weißt dahingehend so viel, dass es mich manchmal echt unglaublich nervt, wenn du klugscheißerst. Aber du tust das, weil du es eben kannst.”

Anna verkniff sich ein Schmunzeln.

“Und vielleicht sind unsere Methoden nicht so konventionell… aber ich finde, dass wir zusammen mindestens so gut sind, wie ein echter Hexer.”, sagte der Mann noch. Und das stimmte schon… irgendwie. An Anna’s Lippen zog ein leichtes Lächeln.

“Und bezüglich Balthar…”, fing Hjaldrist dann noch an und fing damit an wölfisch zu grinsen “Der hat heute eine Gerichtsverhandlung. Wegen der Altar-Sache. Das sollten wir uns ansehen, findest du nicht?”

Nun wurde die Giftmischerin hellhörig. Ihre Brauen wanderten nach oben.

“Huch?”, machte sie “Echt?”

“Ja.”, nickte Rist “Berold erzählte mir gestern davon. Und ich wette, das wird richtig, richtig lustig. Stell dir nur vor: Balthar wird wegen dieser beschissenen, absolut dummen Sache vorgeführt und sieht, dass du unter den Zusehern bist. Welch ein Licht wirft das wohl auf seine Worte von gestern?”

Anna blinzelte verblüfft. Doch dann konnte sie nicht anders, als sich vom Gegrinse ihres Kumpels anstecken zu lassen.

 

Bruder Gunther, der im großen Anhörungssaal der Burg Sturmfels vor das Gericht trat, räusperte sich vernehmlich und zog sich ein ordentlich zusammengelegtes Zettelchen aus der Tasche. Vor allen Anwesenden hatte er ein gezimmertes Sprecherpult betreten und entfaltete seine Notizen soeben. In seinem Rücken saßen der Richter, Burgherr Hagen und ein paar weitere Leute, die wichtig aussahen. Balthar und Saira hatte man vor eben jenen auf zwei Stühlen Platz nehmen lassen. Und die Schaulustigen der Runde saßen vor dem Szenario auf alten Bänken und tuschelten und raunten leise. Auch Hjaldrist und Anna waren da. Letztere hatte sich wieder gefangen und sogar ein paar Bissen gegessen. Und nun beobachtete sie, wie Bruder Gunther für seinen Zeugenbericht ausholte.

“Vor der Allwissenheit und Unfehlbarkeit Ordons gebe ich, Gunther Bullenauge, dem gemeinen Volke als Bruder Gunther bekannt, folgende Erklärung an Eides statt ab.”, fing er an und sein Gesicht war dabei ungewohnt ernst “Eine Woche nach der Ehrung des heiligen Arvandus von Eichenthron im Gutshaus zum reisenden Pilger, begleiteten Bruder Albrecht von Weide und ich eine Drakensteiner Delegation zum Kloster Noctur nach Pandoria. Die Einzelheiten der Reise seien hier vernachlässigt. Um den unsrigen Mitreisenden das Seelenheil zu gewährleisten, errichteten Bruder Albrecht und ich eine Behelfskapelle und einen Altar in den Gemäuern des Klosters. Im Sinne der zwei mal acht Gebote, die Ordon uns gegeben hat, priesen wir Ordon als unseren Herren mit heiligen Messen und Predigten. Leitsätze der Predigten waren stets das Führen eines ordonsgefälligen und tugendhaften Lebens, frei von Sünde und Schande.”

Soweit so gut. Anna verschränkte die Arme locker und warf Rist einen Blick zu. Der Mann wirkte richtig vorfreudig und ruckelte auf seinem Platz herum.

“Der sogenannte Unholdjäger, bürgerlich bekannt als Herr Balthar von Brügge, der sich in regelmäßiger, wie obskurer Selbstdenunziation als Hexer bezeichnet, wohnte den Messen bei. Nach der abendlichen Hauptmesse am Samstag, dem fünften März, kam Balthar von Brügge auf mich zu und bat um die Vermählung mit der Mogolinerin Saira. Offensichtlich ein unbedarftes Mädchen aus dem fahrenden Volke, die an dem Unholdjäger ihren Gefallen gefunden hatte. Die Hochzeit wurde durch mich geleitet und im Sinne des Kirchenrechts und nach guter, frommer Sitte wurden beide ordnungsgemäß miteinander vermählt. Während der Trauung gab ich den Beiden noch einige zur Ehe passenden Gebote mit. Im Verlauf des Abends - Bruder Albrecht und ich pflegten gerade mit Ludo und Rauke aus Kornwall einen ökumenischen Austausch - erklangen aus Richtung des Altars ekstatische Schreie.”

Anna’s Blick fiel auf Balthar, der Saira soeben dreist zugrinste. Die kokette Tänzerin lächelte schief und betrachtete ihren Hexer, als existiere just nichts und niemand anderes für sie.

“Ebenso erklangen bereits empörte Rufe anderer Klosterbesucher. Bruder Albrecht und ich schritten schnell in die Kapelle und entdeckten Balthar von Brügge und sein frisch anvertrautes Eheweib beim innigen Beischlafe auf dem Altar.”, brummte Bruder Gunther verstimmt und verzog das Gesicht angewidert “Um keine Zweifel an der schändlichen Szenerie aufkommen zu lassen und der aufrichtigen Anklage, sowie dem ehrenwerten Gericht volle Kunde abzugeben, sei das Geschehen noch weiter detailliert.” 

“Oh nein… Details?”, flüsterte Hjaldrist leise, verkniff sich ein Lachen und Anna starrte den vortragenden Gunther entrückt an.

“Das Ehepaar befand sich auf der rechten Seite des Altars im heftigen Geschlechtstriebe. Das Eheweib Saira saß mit den Bollen auf dem Altar, die Beine weit gespreizt und den Rock hoch über die Knie geschlagen, um ihren Ehemann Balthar zu empfangen. Balthar stand aufrecht vor Saira und seine Lendengegend stieß in regelmäßigen Abständen in die Scham seines Eheweibes vor. Dazu hatte der Ehemann den Schamlatz seiner Hose hochgeschlagen. Seine Arme weilten derweil in zupackender Absicht auf den Außenseiten der Oberschenkel seines Eheweibes.”, las der schwer getroffene Mönch aufgebracht und die Schaulustigen im Raum brachen in empörte Buh-Rufe aus.

“Widerwärtig!”, johlte wer.

“Gotteslästerung!”, ein anderer.

Anna schlug sich die Hände vor das Gesicht und Rist fing damit an laut zu lachen.

“Ruhe!”, donnerte der Richter und man fragte sich, WIE zum Geier er so verdammt ernst bleiben konnte. Mit der flachen Hand haute er auf den antiken Tisch vor sich und Gunther hüstelte, um sich wieder Gehör zu verschaffen. Denn er war noch nicht fertig.

“Saira’s linker Arm war am um den Hals ihres Ehemannes geschlungen. Ihren rechten Handrücken drückte sie sich gegen ihre schweißfeuchte Stirn. Die Augen waren zugepresst und der Mund formte ein ebenso tonal zu hörendes ‘Oh!’.”, sagte Bruder Gunther und seine Impression von Saira’s hohem ‘Oh!’ brachte einige Anwesenden erneut dazu zu kichern. Balthar grinste stolz und seine Frau betrachtete ihn schelmisch. Diese beiden Idioten empfanden offenbar keinerlei Reue und konnten sich nicht einmal hier, vor Gericht, benehmen.

“Ich bitte um Ruhe!”, brüllte der Richter wieder in den Tumult hinein und erneut verstummten alle. Der Geistliche in der braunen Kutte führte fort:

“Saira’s rechter Arm war zur Seite ausgestreckt. Es steht daher zu vermuten an, dass unkontrollierte Armbewegungen, vermutlich in Tateinheit mit Balthar’s Lendenstößen, sowohl das Ordonskreuz, als auch das Bildnis des heiligen Greguar von Draken vom Altar stießen. Auf meine unmittelbare akustische Intervention mit den Worten ‘Nicht auf dem Altar!’, reagierte kein Teil des Ehepaares. Daher mussten Bruder Albrecht und ich mit kurzen Knüppeln den Beischlaf beenden und beide Sünder vom Altar und aus der Kapelle treiben.”, las Gunther weiter und wieder buhten ein paar der anwesenden Bauern. Ein welker Salatkopf und ein Ei flogen und verfehlten Balthar und Saira nur knapp.

“Das Eheweib Saira ließ sich im Laufe des Abends nicht mehr blicken. Der Unholdjäger, Balthar von Brügge jedoch, brüstete sich vor fremden Andersgläubigen. Auf das direkte Ansprechen meinerseits, ob seiner Schandtaten, kamen nur herumdrucksende Ausflüchte aus seinem Mund.”, schloss der arme Mönch seinen langen Bericht allmählich “Auf der Rückreise nach Drakenstein kehrte ich exakt eine Woche später mit dem Knappen Berold von Krähenaue und Borris aus Moorland in die Taverne zwischen den Welten ein. Dort traf ich erneut auf das Ehepaar und wurde von Saira der übertriebenen Gewaltanwendung bezichtigt. Darüber hinaus gab Herr von Brügge noch zum Besten, nunmehr eine Pilgerreise zu den Altären der Sankti Maxima beginnen zu wollen, um zusammen mit seinem Eheweibe Ordon ganz nah bei sich spüren zu wollen. Vor Ordons allwissendem Auge und seiner Unfehlbarkeit schwöre ich, Bruder Gunther, dass sich die Dinge so zugetragen haben, wie von mir berichtet.”

Und damit sah der Geistliche einmal streng in die Runde, faltete seinen Notizen wieder zusammen und nickte schwach.

“Danke.”, seufzte der Richter entnervt und Gunther verließ das Rednerpult. Er wischte sich geschafft über die feuchte Stirn und begab sich kopfschüttelnd zu den Zusehern, um sich neben Anna auf die unbequeme Holzbank zu setzen. 

“Ordon steh uns bei…”, flüsterte der Mönch dabei und die jungenhafte Monsterjägerin verkniff sich ein Kichern. Hjaldrist schaffe dies aber nicht, und während sich der Großteil der Anwesenden über die Geschichte Gunthers empörte und noch ein Ei nach Balthar geworfen wurde, drückte er seine Ungläubigkeit lachend aus.

“Scheiße…”, fand Hjaldrist glucksend und Gunther nickte beipflichtend “Das ist echt hart.”

Oh ja, das war es wohl. Und es unterstrich in Anna’s Augen, welch ein Narr der angeklagte Mutant war, der weiter vorne, vor dem Richter, saß und breit grinste. Er legte einen Arm um Saira, zog sie an sich heran und küsste sie innig. Es war… widerlich.

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