Kapitel 83

Lass dir beistehen

Sechs Tage später waren die Abenteurer wieder auf der Straße. Sie hatten die Burg Sturmfels vor vier Tagen hinter sich gelassen und Anna war an diesem Punkt unheimlich gern aufgebrochen, um gen Toussaint zu ziehen. Um ehrlich zu sein, hatte sie es kaum erwarten können den verfluchten Fleck inmitten des Waldes voller Schatten zu verlassen und auch Balthar ‘Auf nimmer Wiedersehen’ zu sagen. Denn letzterer, so hatte Anna erkannt, war nicht der, für den sie ihn früher immer gehalten hatte. Zwar hatte er Hjaldrist gerettet, doch das war das einzige, das sie ihm zugutehalten konnte. Leider. Abgesehen davon hatte der wankelmütige Hexer den besten Freund seines ehemaligen Mündels unglaublich abfällig behandelt und so, als sei Rist ein notgeiler Frauenschänder und Narr. Es war gewesen, als beleidige der Mutant damit auch Anna selbst, denn die stand ihrem besten Freund schließlich sehr nah. Anstatt der große Held aus Ihrer Kindheit zu sein, hatte Balthar nur gesoffen, mit seiner Saira gevögelt und große Töne gespuckt. Er hatte die verwandelte Lydiah, die als Monster im Keller der Festung gelauert hatte, ohne zu hinterfragen angegriffen und abgestochen. Die Blonde war noch im Burghof und an ihren schlimmen Verbrennungen verstorben. Es war ein grauenvolles Bild gewesen, das Anna noch lange in Gedanken bleiben würde. Dass sie, ihr Freund aus Skellige und William den Fluch der Grasbestien tatsächlich gelöst hatten, indem sie das alraunenartige Gewächs aus den Kartoffelkisten Sturmfels’ genommen und zerschnitten hatten, war nur ein kleiner Triumph gewesen. Nebenher hatten sie nichts geschafft. Nicht einmal herausgefunden, woher die Gesichtsknolle genau gekommen war, hatten sie. Die Vagabunden hatten dennoch ordentliches Geld dafür kassiert, dass sie der Burgbesatzung hinsichtlich des Erdenäpfel-Fluches geholfen hatten. Nachdem die vermissten Zivilisten allesamt wieder nackt und verwirrt aufgetaucht waren und der verrückte Burgherr wieder zu sich gekommen und plötzlich gesundet war, hatte selbst William einige Münzen auf das Preisgeld für Anna und Rist draufgelegt. Nur was die vielleicht unbesiegbaren Schatten im Wald anging, hatten die Abenteurer schlussendlich nicht die Helden gemimt. Hjaldrist hatte nach seinem Nahtod nicht mehr in den Forst gehen wollen und Anna, die hatte das durchaus verstanden. Also hatten sie heute Morgen ihre Sieben Sachen gepackt und waren verschwunden. Anna hatte dem sprachlosen Balthar bloß knapp zugenickt, bevor sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Und der Einzige, dem die Giftmischerin, sowie Hjaldrist, die Hand geschüttelt hatten, war der gute William gewesen. Sie hatten dem Ritter von Herzen Glück bei seiner Queste bezüglich des Dracheneis gewünscht und auch Jouri und Maren noch einmal von der Ferne aus zugenickt. Und jetzt waren sie wieder unterwegs und auch das Frühlingswetter wurde immer besser. Endlich.

“Ich sehe was, das du nicht siehst und das ist… grün.”, sagte Anna, die hinter ihrem Freund auf Apfelstrudel saß und sich wieder gut von ihrer Vergiftung von vor wenigen Tagen erholt hatte. Sie hörte Rist brummen.

“Das Gras?”

“Nein.”

“Der Wald da hinten?”

“Knapp daneben.”

“Mein Mantel?”

“Jepp.”, seufzte die Monsterjägerin lethargisch.

“Ich sehe was, das du nicht siehst und… das hat Hunger.”, fing der Skelliger nun an.

“Ich.”, sagte die Novigraderin sofort.

“Naja, eigentlich meinte ich mich selber… aber ich lass es mal gelten.”, gab Rist nach und wie im Chor stöhnten die beiden Freunde wehleidig auf. Anna legte die Hände von hinten an die Schultern ihres Kameraden und ließ den Kopf zwischen dessen Schulterblätter sinken. Denn ihre Lage war ungut. Sie hatten keinen Proviant mehr und weit und breit war kein Dorf in Sicht. Zudem reisten sie einmal wieder der Sonne und den Sternen nach, weil sie, Anna, die brillante Hexerin in spe, ihre Karten in Serrikanien vergessen hatte.

“Ich wette, wenn wir nach Zerrikanterment zurückreiten und die Landkarten abholen, sind wir damit schneller in Beauclair, als wenn wir nun weiter planlos durch die Gegend reiten, Rist…”, jammerte die Novigraderin entnervt gegen das Oberteil des Besagten. Der Stoff dämpfte ihre Stimme dabei und sie hörte ihren Freund kurz lachen.

“Wenn wir wieder in irgendeinem scheiß Ort ankommen, in dem es vor Schatten und Gemüsemonstern, verrückten Leuten und beschissenen Hexern wimmelt, dann... dann flippe ich aus.”, murmelte Anna weiter und ließ den Kopf am Kreuz ihres Vertrauten liegen.

“Wo war Sturmfels überhaupt? Was ist das für ein Dorf gewesen? Bei Melitele’s Unterbuchse, ich habe keine Ahnung und mich noch nie so verloren gefühlt. Echt jetzt.”, quasselte die 24-Jährige weiter und hörte Rist entnervt schnaufen. Apfelstrudel’s beschlagene Hufe klapperten gemächlich über den Weg der Ebene. Jene war recht flach und dicht bewachsen. In der Ferne konnte man Berge ausmachen, deren Spitzen just, im späten Frühling, noch immer mit Schnee bepudert waren. Vor wenigen Stunden waren den Vagabunden Soldaten entgegengekommen, die sie nur kurz prüfend gemustert und dann für uninteressant eingestuft hatten. Es waren Schwarze gewesen, doch selbst das ließ zurzeit auf nichts schließen. Denn Nilfgaard reichte nun doch schon hoch bis zum Pontar. Jedenfalls war das der letzte Stand des Krieges gewesen, den die politisch uninteressierte Anna irgendwo aufgeschnappt hatte.

“Hör auf zu jammern, Anna.”, warf Hjaldrist ein, doch klang gutmütig dabei “Wir finden schon noch ein Dorf. Dort fragen wir nach einer Karte und dann gebe ich dir alles zu essen aus, was du haben willst.”

Die ausgehungerte und daher nervlich fertige Trankmischerin hob den Kopf.

“Alles?”

“Alles. Aber nur, wenn du jetzt aufhörst zu meckern.”

“Abgemacht!”

 

Hjaldrist und Anna kehrten erst viel später, abends, in einer Taverne ein. Den Göttern sei Dank hatten sie, als sie schon am Rande der Verzweiflung gewesen waren, den hiesigen Ort erblickt, der gefühlt irgendwo im nirgendwo lag. Jener nannte sich Dudno und befand sich auf einem Landstrich, dessen Wappen zum einen zwei weiße Fische auf rotem Grund und zum anderen drei goldene Kronen auf blauem Hintergrund zeigte. Weder Anna noch Rist hatten dies zuordnen können. Was sie aber auch erkannten, waren nilfgaarder Soldaten. Doch nicht viele von ihnen saßen gerade in der Schenke und sie muteten eher so an, wie Durchreisende oder Leute, die ihren Feierabend betranken. Diese Atmosphäre und auch, dass Dudno generell relativ idyllisch anmutete, sprach dagegen, dass man sich hier nahe der Nördlichen Königreiche befand. Täte man dies nämlich, hätte man Schlachtfelder, hunderte Ghule und weit mehr Schwarze gesehen; ganze Truppen von ihnen und schleimige Offiziere, die für den Geheimdienst arbeiteten und alte Wappen in Tavernen abnahmen, um sie mit der goldenen Sonne zu ersetzen. Hier war dem nicht so. Und als Anna an die Tavernentheke trat, erkannte sie an einem Stützbalken links einen Wimpel mit weißen Fischen und gelben Kronen. Jener hatte die anwesenden Soldaten also nicht gestört. Konnte es vielleicht sein, dass sie sich hier in Nilfgaard befanden? Also dem ‘älteren’ Land der Schwarzen, in dem man keinen Krieg mehr ausfechten musste? Hmpf. War ja auch egal.

“Hallo!”, begrüßte Hjaldrist den Wirt, als er neben seine Freundin trat. Der sehnige Tavernenbesitzer sah sich gleich nach den Neuankömmlingen um. Er war ein gepflegter Herr mittleren Alters, dessen brauner Schnurrbart an den Enden beachtlich eingezwirbelt war. Irgendwie erinnerte er an einen dürren Kater.

“Ah, willkommen im ‘Blauen Topfdeckel’.”, machte der Kerl mit den buschigen Brauen “Womit kann ich dienen?”

“Wir hätten gerne ein Zimmer.”, verkündete Rist und sah ziemlich geschafft aus “Und Futter für unser Pferd, wenn es geht.”

“Und Essen für uns.”, fügte Anna mit knurrendem Magen hinzu und hielt sich erwartungsvoll an der schmalen Tresenkante fest. 

Der Wirt betrachtete die Jüngeren musternd. Dann musste er leise lachen. Er war ein sympathischer Mann.

“Also gut. Eins nach dem anderen…”, schlug er vor “Ich nehme an, Reisende, wie ihr, wollt in Kupfer zahlen. Ein Zimmer kostet euch fünfzehn davon die Nacht. Hafer für das Pferd kostet fünf extra. Ihr bekommt das Futter bei Millie, meiner Tochter.”

Als der Mann sein Kind erwähnte, deutete er gen Schankraum, wo eine kleine, vollbusige Frau die Nilfgaarder bediente. Die drei Soldaten nickten dankend und Anna erwartete eine anzügliche Bemerkung oder grapschende Hände. Aber nein. Die Männer benahmen sich und Millie, die die braunen Haare hochgesteckt trug, kam unangerührt davon.

“Wir haben heute noch Hirsebrei mit Spiegelei und Kartoffeln über. Ihr könnt aber auch belegte Brote haben. Wie ihr wollt. Um diese Zeit kochen wir keine gesonderten Speisen mehr.”, sprach der Tavernenbesitzer weiter und Anna’s Augen ließen die Nilfgaarder wieder los, um zu dem dünnen Kerl mit der Schürze zu blicken.

“Wir nehmen beides. Also den Brei und ein paar Brote.”, entschloss Hjaldrist und drückte damit aus, dass er ähnlich hungrig war, wie Anna. Sie grinste ob dem zufrieden und der Wirt mit dem Schnurrbart nickte, ehe er Millie herbeirief, um sie darum zu bitten den neuen Besuchern mit deren Pferd zu helfen. Es schien so, als arbeiteten hier nur die junge Frau und ihr Vater. Und während der Wirt seine Tochter noch anwies, linste Anna zu Rist hin.

“Ich bringe Apfelstrudel das Futter.”, sagte der “Such du uns nen Platz und bestelle was zu trinken, ja?”

Die Novigraderin nickte sofort und sah ihrem Kumpel dann nach, als er mit Millie verschwand, um sich mit ihr um sein Pferd zu kümmern.

Als Hjaldrist wenige Zeit später wiederkam, saß Anna an einem Tisch am hinteren Ende der Taverne und vor ihr standen bereits zwei Humpen Dunkelbier und ein großes Brettchen mit belegten Broten. Eines davon fehlte schon und als sich der Skelliger zu seiner Freundin gesellte, kam auch das warme Essen: Zwei großzügig gefüllte Schüsseln mit Hirsebrei, Ei und gebratenen Kartoffeln. Froh sah die Alchemistin auf, die sich gerade den letzten Bissen eines gepfefferten Käsebrotes in den Mund steckte.

“Ich konnt mit dem Essen nich warten.”, nuschelte sie dabei “Aber mit dem Trinken!”

Sie fasste nach ihrem tönernen Krug und hob ihn ihrem hübschen Kumpel entgegen, der sich setzte und gleich schief lächelnd und in Alter Sprache mit ihr anstieß.

“Hael.”, sagte er zufrieden seufzend.

“Hael!”, kam es zurück. Und dann genehmigten sich die Abenteurer ein paar tiefe Schlucke. Sie hatten sie sich verdient und es blieb an diesem Abend auch nicht nur bei einem Krug Bier. Nach ein, zwei Stunden schon, waren die Abenteurer angeheitert und dabei zwei weitere Tavernengäste schamlos beim Würfeln abzuzocken. Die hinzugestoßenen Männer, die sich als die ‘Holzbrenner-Brüder’ vorgestellt hatten, trugen Gugeln in Grün-Schwarz und jeder von ihnen besaß eine große Armbrust. Sie seien von einem Adeligen angeheuert worden, um gen Norden zu ziehen. Der wolle nach Oxenfurt und brauchte dabei Leibwachen; Söldner, die ihn beschützten. Und auch Anna und Rist rochen bei dieser Gelegenheit Geld.

“Vielleicht können wir ja ein Stück mit euch gehen.”, schlug Letzterer soeben vor. Denn mittlerweile wusste er, dass sich Dudno in Maecht befand, einem Vasallenstaat Nilfgaards. Von hier aus müsste man bloß eine Woche in den Norden gehen und man landete früher oder später in Toussaint. Anshag, der blonde Holzbrenner-Bruder mit dem Vollbart und der schwarzen Kappe am Kopf, sah auf und auch der zweite, der sich als Sebald vorgestellt hatte und seinem Verwandten nicht unähnlich sah, äugte her. Anders, als sein Bruder trug er keinen Bart und war ein wenig dünner.

“Wir wollen nach Toussaint, um nen Freund zu besuchen.”, erzählte der Skelliger am Tisch ganz offen und die anderen beiden Männer verstanden.

“Ah!”, machte Anshag und nickte. Er war der freundlichere der beiden Brüder und seine blauen Augen sympathisch.

“Na, dann haben wir ja nicht mehr so viel zu tun, wenn wir noch zwei Mietklingen dabei haben…”, fand Sebald und kratzte sich am Kinn “Das ist mir lieb. Ich hasse es, wie ein blöder zu schuften und Monster sind mir so und so nicht geheuer.”

“Das trifft sich dann ja wirklich gut. Also... sollte euer Auftraggeber auch einwilligen, versteht sich. Er muss uns schließlich bezahlen.”, lächelte Hjaldrist und all das Bier hatte ihm bereits eine leichte Röte aufs Gesicht gezaubert. So, wie seine Freundin hatte er ein wenig über den Durst getrunken, war aber noch vollkommen bei Sinnen.

“Wir sind Ungeheuerjäger, müsst ihr wissen.”, grinste der Inselbewohner “Meine Freundin hier ist eine Hexerin.”

Anna, die gerade mit dem Würfeln dran war, sah fragend auf.

“Hä?”, machte Anshag, doch Sebald wirkte gleich überaus interessiert.

“Tatsächlich?”, fragte er und griff nach seinem Metkrug “Ich hatte noch nie die Gelegenheit mit solch einer zu reden.”

“Ähm, tja…”, war das einzige, das Anna dazu einfiel und sie legte die flache Hand auf den ledernen Würfelbecher, um jenen zu schütteln und die fünf kleinen Knochenwürfelchen darin auf den Tisch zu leeren. Gleich äugte sie erwartungsvoll auf jene und klaubte nach den vier Würfeln, die sie nach den Spielregeln noch einmal werfen dürfte. Sie war nicht interessiert daran mit ihren neuen Bekannten darüber zu reden, dass sie in Kaer Morhen aufgewachsen war oder sie dahingehend aufzuklären überhaupt keine richtige Vatt’ghern zu sein. Es ging die Männer nämlich nichts an. Außerdem wollte sie spielen, anstatt über ihre Vergangenheit und ihren beschissenen ‘Vater’ zu palavern. Dieses Thema lag ihr seit Sturmfels noch immer sehr schwer im Magen und sie ärgerte sich darüber, dass es dies überhaupt tat. Manchmal war es eben doch nicht so einfach alte Bilder seiner ‘Familie’ abzuschütteln, so schien es.

 

Der Abend blieb gesellig und unterhaltsam. Hjaldrist und Anna hatten die Holzbrenner-Brüder am Ende dermaßen ausgenommen, dass jene darum gebeten hatten nicht mehr würfeln zu müssen. Stattdessen lehnten sie nun gemütlich da und erzählten von der Heimat und ihrer Aufgabe als Beschützer des Adeligen, der ebenso in dieser Taverne untergekommen war. Mittlerweile war die Luft in der Schänke stickig und durchsetzt vom Geruch nach Bier, Schweiß und Bratkartoffeln. Millie öffnete gerade ächzend eines der Fenster.

“Damian und seine Frau aßen heute früh und verschwanden dann in ihr Zimmer.”, erklärte Anshag und lallte schon leicht “Die sind so weich, diese Adelsleute!”

“Pff, also ich sag, dass Herr Damian nur deswegen so’n Weichling is, weil ihn seine Alte am Schwanz hat.”, fand Sebald “Er is eigentlich ein toller Kerl, aber wenn sie dabei is, dann isser brav und geht vor Mitternacht schlafen!”

Hjaldrist verkniff sich ein Lachen.

“Seid ihr euch sicher, dass die beiden nicht einfach nur deswegen schlafen gegangen sind, weil sie von der langen Reise erschöpft waren?”, warf er ein “Adelige sind es nicht gewohnt tagelang zu marschieren oder zu reiten.”

“Hört auf Rist, der kennt sich mit sowas ganz gut aus!”, lachte die angeheiterte Anna und ihr Kumpel trat ihr dafür unter dem Tisch auf den Fuß.

“Aua!”, maulte sie.

“Hmm… macht Sinn!”, kommentierte Anshag grüblerisch und winkte Millie herbei, um sich noch mehr Gewürzwein zu bestellen. Der war hierzulande eine Spezialität, wie die Schankmagd vor einiger Zeit erklärt hatte.

“Was? Nein…”, schnaufte Sebald “Das glaub ich nicht! Weiber machen die Birnen aller Kerle weich, sag ich!”

Sein Bruder lachte verlegen und Anna runzelte die Stirn tief. Als Sebald dies bemerkte, winkte er ab.

“Nix für ungut!”, machte er und Anshag wiederum, lugte interessiert über den Tisch, um Hjaldrist und Anna zu taxieren.

“Was is überhaupt mit euch zweien?”, wollte er betrunken nuschelnd wissen “Seid ihr zusammen?”

“W-was?”, atmete Rist sofort verwirrt.

“Äh, nein.”, antwortete Anna, die den hintergründig grüblerischen Seitenblick ihres Kollegen nicht bemerkte.

“Ah. Gut zu wissen!”, grinste Anshag und Anna lachte abfällig. Sie rollte mit den Augen und machte sich daran den letzten Schluck ihres Dunkelbieres zu leeren.

Es dauerte daraufhin keine Stunde, bis die neuen Bekannten der Abenteurer damit anfingen Anna mit eindeutig zweideutigen Sprüchen zu bedenken. Und die Frau, die erheitert gluckste, hätte ihren letzten Humpen Bier nicht trinken sollen, denn sie verstand längst nicht mehr, wovon die schmierigen Holzbrenner sprachen. War es sonst sie, die anzüglich wurde, wenn sie getrunken hatte, so stand sie heute als die Beute da und realisierte dies nicht, weil ihre Gegenüber ihre dummen Sprüche in Metaphern über Essen verpackten. Und wenn Anna schon immer auf etwas eingegangen war, dann auf das.

“Kennst du das Holzbrenner-Brötchen?”, fragte Anshag sie. Er hatte die Unterarme auf den fleckigen Tisch gestützt und lehnte sich leicht vor, um die jüngere Frau vor sich schmunzelnd zu betrachten. Sebald lachte laut und haute sich dabei auf den Oberschenkel.

“Was?”, machte Anna und klang dabei so naiv, dass es wehtat “Nein. Was issn da drin?”

“Na, schau, Sebald is ne Brötchen-Hälfte und ich bin auch eine…”, sagte der mit der schwarzen Kappe schelmisch “Und wir nehmen da gern wen dazwischen.”

Die wirre Monsterjägerin hob die Brauen und sah zwischen den Brüdern hin und her, als sie allmählich kapierte. Doch in ihrem alkoholverhangenen Kopftheater waren diese beiden Kerle just vor allem Brötchen mit Beinen und Armbrüsten - und das machte die Situation keineswegs besser. Sie lachte schallend drauflos und Anshag schob ihr großzügig seinen Krug zu. Denn Anna hatte nichts mehr zu trinken, da Hjaldrist der Schankmaid einen bösen Blick zugeworfen hatte, als jene der Beschwipsten mehr Bier hatte bringen wollen. Generell war der Undviker in der letzten halben Stunde still geworden. Und im Vergleich zu seinen drei Gegenübern mutete er absolut nüchtern an. Von der Seite aus sah er zu seiner besten Freundin, dann zu Anshag und Sebald. Seine Begeisterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

“Brötchen, ha?”, kicherte Anna, die hier nur Spaß machte und im Grunde nicht darauf aus war den Holzbrennern Platz für Hoffnungen auf eine gemeinsame Nacht zu schaffen. Dabei scheiterte sie dank des Alkohols, der sie verruchter sprechen ließ, als gewollt, ordentlich.

“Das müsst ihr mir mal zeigen...”, grinste sie.

“Ja?”, fragte Sebald nun amüsiert “Wir haben auf unserem Zimmer ein Holzbrenner-Brötchen. Und manchmal gibt es Käse oder Brokkoli dazu.”

Anshag stieß auf dies hin ein erheitert-angeekeltes Lachen aus. Offensichtlich benutzten die Kerle ihre Sinnbilder des öfteren, um Frauen aufzureißen. Und mit Brokkoli und Käse waren keineswegs Lebensmittel gemeint.

“Eugh… Bruder!”, beschwerte er sich glucksend.

“Oder weiße Soße.”, ergänzte der Söldner noch und Anna, die vom Gewürzwein rote Wangen hatte, lächelte nur dümmlich. Hjaldrist’s Gesicht war solange steinern geworden. Er lachte schon lang nicht mehr.

“Anna.”, grätschte er just dazwischen “Du gehörst ins Bett.”

“Was?”, die übermütige Monsterjägerin sah zu ihrem Kumpan, der gerade ihren Leibwächter mimte, und blinzelte verwirrt “Ich bin aber nicht müde.”

Ein eindringlicher Blick des Undvikers durchbohrte die Kämpferin und am Rande ihrer Vernunft verstand sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Nur was?

“Du kannst auch zu uns ins Bett!”, warf Anshag ein und Rist bemühte sich darum eisern Blickkontakt zu Anna zu halten, anstatt anschuldigend zu dem Holzbrenner zu sehen, der seine versaute Klappe nicht halten konnte. Die Novigraderin kräuselte die Brauen.

“Hm…”, machte sie und verzog den Mund unzufrieden. Doch das Starren ihres Begleiters war so drängend, dass sie nicht mehr auf die Meldungen der Söldner am Tisch reagierte. Sie war zwar besoffen, doch noch nicht unzurechnungsfähig, glaubte sie. Und jetzt, als Hjaldrist so bitterernst und fast schon beleidigt aussah, fühlte sie sich gleich etwas klarer.

“Wir gehen.”, entschloss des Skelliger endgültig und seit Ton duldete keine Widerrede “Es ist spät.”

Und damit erhob er sich ohne den zwei Söldnern vor sich eine Gute Nacht zu wünschen. Anna sah noch einmal zu den Mietklingen mit den schwarz-grünen Gugeln und zuckte die Achseln, als sie jenen einen entschuldigenden Blick zuwarf. Dann setzte sie dazu an ihrem besten Freund zu folgen. Hjaldrist sagte Sekunden später nichts, als er voranging und die knarrende Holztreppe nach oben nahm. In der ersten Etage des Gasthauses gab es sechs Zimmer und der Raum im schmalen, dunklen Korridor ganz hinten, rechts, wäre heute nacht der der Vagabunden. Der verstimmte Jarlssohn im Bunde hielt vor dessen Tür, machte sie auf und trat ein. Und sobald Anna ihm gefolgt war und die Türe hinter sich geschlossen hatte, wandte er sich zu ihr um und atmete einmal tief durch. Er hatte sich davor nicht einmal die Mühe gemacht ein Licht zu entzünden und daher sorgte nur der Mondschein, der zu den Fenstern hereinfiel, dafür, dass man irgendetwas erkennen konnte.

“Spinnst du?”, entkam es dem Undviker im Zwielicht tadelnd “Bist du völlig daneben?”

“Was?”, schnappte Anna pikiert “Warum?”

Ja, gerade, da wurde sie wieder nüchtern oder jedenfalls fühlte es sich so an. Die Ausgelassenheit schwand aus ihren Gliedern, die sich jetzt leicht anspannten. Und das leichte Gefühl sich gehen zu lassen und nach einer langen, anstrengenden Reise etwas zu feiern, machte dem Ärger und Verwirrung Platz.

“Ist dir klar, was diese Typen da unten wollten?”, fragte Hjaldrist und deutete in die ungefähre Richtung des Schankraumes. Anna stockte.

“Das war so ekelhaft! Ich will nicht einmal wiederholen, was die gesagt haben.”, brummte der gut erzogene Undviker betroffen “Die machen dir ein widerliches Angebot und du gehst darauf ein? Du hast heute nicht einmal so viel getrunken, wie sonst, Arianna!”

Die Ungeheuerjägerin klappte den Mund zu und stierte ihren Freund schweigend an. Unbewusst ballte sie die Hände zu Fäusten.

“Bei Jörmungandr, du hättest dich sehen sollen!”, warf Rist ihr vor und klang furios. Er redete sich hier gerade in Rage und das gefiel seiner jungenhaften Gefährtin nicht. Sie hasste es, wenn man sie anschrie. Es machte sie wütend.

“Du sitzt da, kicherst und trinkst aus dem Krug von diesem Arschloch, das dich behandelt, wie ein Stück Fleisch!”, sagte der Westländer und gestikulierte mittlerweile beim Schimpfen “War dir das überhaupt klar?”

“Er hat mich nicht angefasst.”, entkam es der Alchemistin lasch.

“Ach, Worte sind dir nun schon egal?”, wollte Hjaldrist wissen.

“Die… die beiden haben gescherzt und über Brote geredet!”

“Was?”, lachte der Skelliger negativ überrascht auf “Holzbrenner-Brötchen. Ist dir nicht klar, was die meinten?”

“Rist...”, murrte Anna mit harter Miene.

“Die wollten dich mit aufs Zimmer schleppen, um dich zwischen sich zu nehmen!”, keuchte Hjaldrist ungläubig “Wie bescheuert bist du denn, dass du das nicht verstehst? Du warst dort unten gerade solch eine leichte Beute für die! Und du kennst sie noch nicht einmal!”

Die Frau reckte das Kinn leicht, als ihr Kollege sie als bescheuert und leicht zu kriegen betitelte. Ärgerlich atmete sie durch die Nase aus. Gerade, da realisierte sie zwar, dass sie vielleicht etwas über die Stränge geschlagen hatte, doch sie war zu stur, um einzuknicken und kleinmütig zu werden. Es passte ihr nicht, dass Rist sie gerade behandelte, wie ein kleines Kind. Und sie war stolz genug, um sich das nicht gefallen zu lassen. Auch, wenn er vielleicht im Recht war.

“Muss ich andauernd auf dich aufpassen?”, schimpfte Hjaldrist weiter “Das kann es doch nicht sein! Werde endlich mal vernünftig! Meine Fresse! Wie alt bist du denn?”

“Ja, Papa.”, sagte die provozierende Anna auf dies hin trocken, obwohl sie ihrem Gegenüber gerade viel lieber direkt Eine verpasst hätte. Nicht mehr lange und sie würde das auch tun.

“Bitte was?”, fragte der Undviker empört.

“Hör auf dich zu verhalten, als seist du mein Vater oder mein Mann.”, sagte Anna und klang dabei fast schon feindselig “Ich bin erwachsen und kann selbst entscheiden. Und wenn ich mit den anderen beiden mitgegangen wäre… na und? Ich bin mein eigener Herr. Fick dich doch!”

Hjaldrist’s eines Auge zuckte bitterböse. Das tat es immer nur dann, wenn er wirklich, wirklich zornig war. Er machte die Lippen schmal und starrte seine freiheitsliebende Gefährtin nurmehr sprachlos an. Die Stille, die sich daraufhin im Raum ausbreitete, war unglaublich unangenehm und stechend. Und keiner der beiden Abenteurer brach sie. Stattdessen wandte sich Anna nach vielen, beachtlich unguten Momenten des Starrens einfach ab und ging mit laut knallender Tür im Rücken. Sie ließ ihren Freund einfach zurück, denn sie bräuchte gerade einen langen Spaziergang an der frischen Luft. Sollte Rist sich doch denken, was er wollte…

Noch immer auf etwas unsicheren Sohlen, doch grantig, machte sich Anna also wieder auf den Weg nach unten. Im schwülen Schankraum ging es noch immer feuchtfröhlich zu, doch die Kriegerin würde heute zu keinem der laut singenden und saufenden Gäste mehr werden. Kurz streifte ihr Blick die Holzbrenner, die soeben die gerötete Millie auf Brokkoli ansprachen. Dann bahnte sich Anna finsteren Blickes einen Weg durch die gut besuchte Stube und hinaus in die Nacht. Gerade, da könnten sie alle mal kreuzweise. Ja, sie war wütend. Und als sie über den kleinen Vorplatz der Taverne ging, verstand sie auch immer mehr wieso genau: Sie war zornig auf sich selbst. Denn natürlich hatte Rist Recht gehabt. ER hatte immer Recht, dieser Arsch mit seinem noblen Stammbaum und der exzellenten Erziehung. IHN musste man nie ermahnen oder auf das Zimmer zwingen, weil er wohl immer ganz genau wusste, wie man sich zu verhalten hatte. Er hatte früher liebe Leute gehabt, die sich um ihn gekümmert hatten und ihm erklärt hatten, wie alles funktionierte. Nicht so, wie Anna, die mit siebzehn Jahren - mit SIEBZEHN Jahren - erst zum ersten Mal wirklich kapiert hatte, wie Sex funktionierte und warum sie jeden Monat blutete. Verdammte Scheiße. Es war Balthar im Grunde doch immer egal gewesen, wie seine Ziehtochter sich aufführte, oder nicht? Solange sie nichts von Männern wissen hatte wollen, hatte das verdammte Katzenauge doch auf sie geschissen! Belogen hatte er Anna und sich aufgeplustert; Wie ein legendärer Held hatte er von seinen Ausflügen erzählt, auf die die dumme, kleine Anna ihn nie begleiten hatte dürfen. Dabei war er kein Held, oh nein. Er war nicht besser, als das Chaos auf zwei Beinen, das er mit Mühe und Not aufgezogen hatte. Jenes, das sich immer wieder in irgendwelche Scheißsituationen hineinritt oder Gelegenheiten in den Sand setzte, weil es zu dämlich war, um zu verstehen, wie die Welt funktionierte. Ja, so war dem doch, nicht wahr? Anna war wie Balthar und es widerte sie an.

Ein frustrierter Laut entkam der zähnemahlenden Giftmischerin und sie trat mit voller Wucht gegen einen der Pfosten des Zaunes, der das Grundstück der Taverne eingrenzte. Zweimal tat sie das, dreimal, bis ihr Fuß rebellierte und sie innehalten musste. Die Frau biss sich auf die Innenseiten der Wangen und riss den Blick voller Gram von dem taillenhohen Holzpfosten fort.

“Ich hasse dich.”, presste sie leise zwischen ihren Zähnen hervor und wusste nicht, ob sie damit Balthar oder sich selbst meinte. Die beiden vernehmlich rülpsenden Betrunkenen vor der Taverne, die nun irritiert hersahen, ignorierte sie. Sollten… sollten sich diese Arschlöcher doch in die Knie ficken!

“Das ist doch alles Bullenscheiße…”, wisperte die Braunhaarige vor sich hin und schluckte schwer. Dann wendete sie sich ab, um hinkend den Weg zu nehmen, der vom Gasthaus fort führte. Leicht fröstelnd tat sie das, denn die Nacht war kühl. Wieder fluchte sie leise, doch drehte nicht um, um ihren Mantel zu holen. Sie würde den Teufel tun jetzt noch einmal bei Hjaldrist im Zimmer aufzutauchen. Also ging die gekränkte Novigraderin ohne wollenen Überwurf durch die Nacht, die nur entfernt von den Lichtern vor der Taverne und den Lampen an wenigen Häusern Dudnos erhellt wurde. Und am Ende des kleinen Dorfes, wo der warme Schein der Laternen und Fackeln nicht mehr hin reichte, blieb Anna nur das fahlblaue Licht des Halbmondes. Immerhin war der Himmel heute klar; so sah man just mehr.

Die Arme ob der Kälte eng verschränkend und mit schmerzendem Fuß, stiefelte die abgekämpfte Alchemistin weiter. Böse sah sie vor sich hin und schielte ab und an nach links und rechts, um die Gegend im Auge zu haben. Kurz vor dem Dorftor, das nicht bewacht wurde, hielt sie dann an und blickte sich nach dem Schwarzen Brett des Ortes um. Denn ja, auch hier gab es eines. Schwer atmete die Frau durch. Dann hielt sie auf die breite Anschlagtafel zu, um jene gedankenverloren zu betrachten. Erst tat sie das, ob ihres Kopfes, der noch irgendwo in Kaer Morhen oder beim schimpfenden Rist hing, völlig abwesend. Doch bald beugte sich Anna vor, um die Zettelchen am Brett tatsächlich zu lesen - oder um es zumindest zu versuchen, denn es war recht dunkel. Kleinere Texte konnte sie kaum entziffern, doch immerhin konnte sie einige Überschriften ausmachen. 

“Gesucht.”, las sie leise und erkannte im Mondschein einen Steckbrief mit einem Bildnis eines bärtigen Mannes darauf.

“Achtung. Monster im Wald.”, stand auf einem anderen Zettel.

“Sucht Ihr einen passenden Deckel für Euren Topf?”, lautete eine weitere Überschrift und Anna’s vergrämte Miene lockerte sich wieder etwas, als sie das im Flüsterton las. Sie musste schmunzeln, dann leise lachen.

“In Dudno werden Deckel aller Art hergestellt.”, kam eine tiefe Stimme mit sattem nilfgaarder Akzent plötzlich von rechts “Man handelt hier mit einem Dorf in Toussaint, das Töpfe produziert, um am Ende nicht nur einzelne Deckel verkaufen zu müssen. Bescheuert.”

Anna erschrak fürchterlich, als sie das hörte. Sie machte gar einen Satz und schrie überfordert auf, denn sie hatte den Fremden weder kommen sehen noch gehört. Sofort wich sie zur Seite ab und fasste an ihr Schwert. Und als sie alarmiert aufblickte, sah sie in zwei goldene Augen, die das ferne Lampenlicht reflektierten, wie die einer Katze. Eine Narbe verlief dem blassen Mann quer über das weibische Gesicht und er sah sein Gegenüber unbeeindruckt an. Anna weitete die Augen und hatte sich dabei erwischt den Atem anzuhalten.

“Kater!”, stieß sie überwältigt aus und glaubte es kaum. Joris sah sie stumm an. Seine weite Kapuze warf einen Schatten auf seine Augen, die gespenstisch funkelten. Jeder normale Mensch hätte sich spätestens jetzt vor dem Hexer mit dem Katzenmedaillon gefürchtet. Gerade auch wegen dem letzteren hätte man sich in die Hose gemacht. Denn die Leute dieser Sippe waren selbst unter den anderen Hexerschulen verschrien.

“Kratzbürste.”, entkam es ihm “Welch eine Überraschung.”

Neben dem Vatt’ghern lag irgendetwas haariges, pelziges mit gedrehten Hörnern am Grund. Es stank metallen-bitter nach Monsterblut und reichte dem Krieger bis zur Mitte der Oberschenkel. Joris zog die Nase unbeeindruckt hoch.

“Was machst du hier?”, wollte er wissen.

“Äh…”, entgegnete Anna und war noch immer ganz perplex. Träumte sie oder passierte das hier gerade wirklich? 

“Bin spazieren.”, sagte sie lau.

“Aha.”, eine der Brauen des Mannes wanderte im Schatten seiner Kopfbedeckung hoch. Und endlich verzogen sich seine blassen Lippen zu einem schiefen Lächeln. Er war zwar ein mieses Arschloch, doch er freute sich offensichtlich darüber seine Freundin wiederzutreffen. Ja, Freundin. Denn damals, nachdem sie sich nach der vergeblichen Suche nach Rist getrennt hatten, hatten sie das im Guten und einem Hoffen auf ein Wiedersehen getan. Joris mochte hinterhältig, oft sehr desinteressiert und unfreundlich sein, doch vor Jahren hatte er Anna beigestanden. Dies erst nur, weil seine Freundin Violeta das so hatte wollen, doch zum Schluss war er von Herzen da gewesen, um zu helfen. Bei Melitele, er war seiner zeitweisen Schülerin damals eine enorme Stütze gewesen, als sie geglaubt hatte, Hjaldrist sei tot. Und er hatte bewiesen, dass nicht alle Kater absolute Psychopathen waren. Jedenfalls nicht so ganz.

“Oh Mann.”, gab Anna verdattert von sich und konnte nicht damit aufhören breit zu lächeln “Ich freue mich echt dich zu sehen.”

“Umarme mich und ich steche dich ab.”, kam es als Antwort seitens des Stinkstiefels, doch die Alchemistin wusste, dass dies nur eine leere Drohung war. Sie kam demnach vor und legte die Arme kumpelhaft um den etwas Größeren, um ihn kurz zu drücken und ihm dabei den Rücken zu klopfen. Dabei starb sie tatsächlich keines grausamen Todes durch Hexerklingen, sondern hörte Joris nur belustigt schnauben. Dann erwiderte er Anna’s Geste ziemlich halbherzig. Er war noch immer der Alte.

“Ich habe nicht erwartet dich wieder zu sehen.”, gab die Novigraderin zu, als sie wieder vor dem Krieger mit den zwei Schwertern am Kreuz zurückwich “Was machst du hier?”

“Ich arbeite.”, kam es trocken zurück und der Hexer wies ganz selbstverständlich auf den Monsterschädel, den er bei sich hatte “Keine halbe Meile von hier hauste ein Bies... mit Betonung auf ‘hauste’. Jetzt gehört sein Schädel dem Vorsteher der Töpfergilde. Wenn der mich bezahlt, versteht sich. Wenn nicht, überlege ich es mir diesem Fettwanst meinen Dolch irgendwohin zu stecken.”

Anna gab einen beeindruckten Laut von sich und ließ den Blick auf die zottelige Trophäe sinken, die ihr Kollege und früherer Mentor mitgebracht hatte. Der Schädel war massig. Die Kräuterkundige erkannte drei leer glotzende Augen und ein aufgerissenes Maul, aus dem eine widerwärtig geschwollene Zunge hing. Joris hingegen, sah einigermaßen unversehrt aus. Und das, obwohl es Nacht war. Sicherlich hatte er einen Katzen-Trank intus. Hätte erklärt, warum er so bleich wirkte und seine Augen markant golden funkelten.

“Wo ist Violeta…?”, fragte Anna weiter, als sie die besagten, unmenschlichen Katzenaugen erneut suchte und ihr Freund sah sie auf dieses Nachhaken hin starr an. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch schloss ihn wieder. Der Mutant überlegte.

“...Es ist kompliziert.”, antwortete er daraufhin kalt und knapp. Es kam unerwartet. Und die Nordländerin entschloss sich dazu besser zu schweigen und zu akzeptieren, anstatt weiter zu fragen und ihren wankelmütigen Gesprächspartner damit noch zu verärgern. Joris von Ebbing ernsthaft zu beleidigen oder zornig zu machen, war generell eher unklug.

“Oh...,”, räusperte sich die Frau also nur.

“Und wo sind dein Ritter und die Kleine aus Skellige?”, wollte Joris wissen “Sind sie auch hier?”

“Nein. Nein, sind sie nicht. Ravello ist zuhause. Also in Toussaint. Und Svenja… ja, keine Ahnung, wo die Schlampe ist und ich will es auch nicht wissen.”

“Ha…”, machte der Kater in einer vagen Erkenntnis und dachte sich vermutlich seinen Teil. Doch auch er fragte nicht weiter.

“Aber-… oh!”, nahm Anna den Faden wieder auf und vergaß dabei fast darauf, dass sie vorhin noch fürchterlich mit Rist gestritten hatte “Hjaldrist ist hier.”

Sie strahlte, als sie das von sich gab, und dieses Mal mutete Joris wahrhaftig verdutzt an.

“Wie?”, machte er “Ich dachte-”

“Nein.”, sagte Anna froh “Er ist am Leben. Die ganze Sache von damals war nur ein richtig dummes Missverständnis. Er… er kam zurück und seither reisen wir wieder miteinander.”

Dazu fiel dem so jung anmutenden Hexer nichts mehr ein.

“Ja… ich weiß.”, lachte die Novigraderin “Ich war damals auch so baff. Und, äh, ich weiß ja nicht, was du noch so vorhast… aber wir sollten morgen unbedingt gemeinsam essen, findest du nicht? Dann kann ich dir alles ganz genau erzählen.”

 

“Aufstehen!”, blaffte Anna, als sie in der Früh zu ihrem besten Freund auf das brettharte Bett kam “Rist!”

Gestern Nacht, nachdem sie von ihrem Spaziergang und dem unverhofften Aufeinandertreffen mit Joris zurückgekommen war, hatte der Skelliger schon geschlafen oder zumindest beleidigt so getan, als täte er es. Nun aber, käme er seiner Kollegin, die an allen anderen Tagen stets länger schlummerte, als er, nicht aus. Über ihn gebeugt rüttelte sie ihn und sofort schlug der zusammenfahrende Krieger die Augen alarmiert auf. Völlig konfus setzte er sich hin und sah erst um sich, dann zu der bereits voll angekleideten Alchemistin, die bei ihm auf der Bettkante saß. Es war bereits hell draußen und vom halb geöffneten Fenster wehte eine frische Brise herein, die die blau-weiß karierten Vorhänge bauschte. Vögel sangen und vor dem Haus kläffte irgendwo ein Köter.

“Was?”, machte der Mann ganz schlaftrunken und versuchte wacher zu wirken, als er es war “Was ist los?”

Sicherlich glaubte er, es sei etwas geschehen. Als gäbe es Ärger oder dergleichen. Denn normalerweise weckte Anna ihn nur, wenn es irgendwo brannte. Jetzt aber, zog an ihren Mundwinkeln ein zufriedenes Lächeln. Und obwohl der gestrige Streit wegen der Holzbrenner-Brüder noch schwer im Raum lag, versuchte sie sich gutgelaunt zu geben.

“Joris ist im Dorf!”, verkündete die Novigraderin und ihr zerfahrener Freund realisierte nur schleppend, dass er gleich nicht aufspringen müsste, um in Bruche und schief sitzendem Hemd gegen irgendeinen Feind zu kämpfen. Alles war gut.

“Joris…?”, machte er halb benommen, doch war schon weniger aufgerüttelt.

“Ich habe ihn gestern noch getroffen und ihm erklärt, dass du nicht tot bist. Er war ganz perplex.”, berichtete Anna und sah den Undviker vor sich begeistert an. Jener kam einen Atemzug später erst richtig im Hier und Jetzt an. Und als er das tat, wurde seine Stimmung merklich gedämpft. Er zog die Brauen zusammen und stierte sein Gegenüber schweigend an. Die betroffene Novigraderin hielt inne, als der bedeutungsschwangere Blick sie festhielt. Und sie wusste sofort, warum Hjaldrist sie so ansah. Sie mochte zwar nicht gut darin sein über Gefühle zu reden, doch das machte sie zu keinem emotionskalten Klotz, der Mimik und Gestik nicht verstand. Ihr Kumpel war gerade noch ziemlich enttäuscht oder beklommen und machte keinerlei Hehl daraus.

“Das war scheiße gestern.”, fand Rist und war damit so direkt, wie eh und je “Ich hasse es, wenn du abhaust und Türen knallen lässt.”

Anna schluckte trocken. Und sie schaffte es kaum Blickkontakt zu halten. Ihre Glieder versteiften sich allmählich und die Freude über die Anwesenheit Joris’ wich aus ihrem Ausdruck.

“Vor allem hasse ich es aber mit dir zu streiten.”, setzte der Undviker fort und atmete unzufrieden aus. Er verengte die Augen unglücklich und sah Anna gleichauf mit einem Funken Unschlüssigkeit im Gesicht an. Da sie keine Worte fand, übernahm der Schönling das Sprechen weiterhin. So, wie er es nahezu immer tat.

“Also… vertragen wir uns wieder?”, wollte er wissen und diese Frage war so verdammt erleichternd. Auf ein Neues war die Giftmischerin im Zimmer dankbar dafür, dass ihr bester Freund nicht sonderlich nachtragend war. Ja, Melitele sei Dank entsprach er diesem skelliger Klischee ausnahmsweise.

“Wir vertragen uns…”, bestätigte Anna nickend und war noch immer ein klein wenig nervös. Sie glaubte: Sie sollte sich entschuldigen. Doch sie wusste auf Anhieb nicht, wie.

“Gut…”, entkam es Rist nun befreit. Und schlussendlich lächelte auch er. Nach einem kurzen Zögern hob er die Rechte an, um sie nach der Jüngeren auszustrecken. Anna beobachtete dies argwöhnisch und beschwerte sich einen Augenblick später schon, als ihr der Jarlssohn die Haare grinsend zerwuschelte. Seine Handfläche rutschte an ihrem Scheitel nach vorn und legte sich an ihre Stirn. Ein kleiner Schubs dagegen folgte und Anna kippte fast hintenüber.

“Hey!”, motzte sie dabei.

“Idiotin.”, fand Hjaldrist, fasste damit den vergangenen Abend sehr trefflich zusammen und die buchstäblich vor den Kopf gestoßene Anna schwieg. Denn er hatte ja Recht.

 

Keine Stunde später trafen die Vagabunden Joris in der Schänke. Der Kater war tatsächlich aufgetaucht, um mit ihnen zu frühstücken und nicht detailreicher, als nötig zu berichten, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen war. Er erzählte davon, dass er damals, nachdem er Anna Lebewohl gesagt hatte, zurück in die Heimat gegangen sei, um ein paar seiner Brüder aufzusuchen. Doch noch am selben Abend, nachdem er zwei seiner Kollegen gefunden hatte, waren sie von einer Gruppe von Kopfgeldjägern auseinandergetrieben worden. Irgendjemand hatte diese Leute auf die verhassten Katzen angesetzt und es waren zu viele gewesen, als dass die Hexer sich spontan gut erwehren hätten können. Also hatte es sie in alle Windrichtungen versprengt. Joris erzählte, dass er nicht wisse, wo seine Freunde nun seien und wo der Rest seiner Schule generell abgeblieben war. Er sei einfach geflohen und nun wieder allein unterwegs. In größeren Städten, so meinte er, trage er sein Medaillon verdeckt, um nicht als Kater erkannt zu werden. Denn vor einem guten Monat hatte man ihn deswegen auf offener Straße attackiert. Zusammengefasst konnte man also sagen: Sein Leben war momentan prekär. Also reiste er von Ort zu Ort und achtete darauf, dass er nirgendwo zu lange blieb. Von Violeta fiel kein einziger Satz. Es war, als habe diese Frau im Leben des Vipernauges nie existiert. Seltsam, wenn man bedachte, wie blind verliebt sie beide einst ineinander gewesen waren. Aber wie auch immer. Es war die Sache des Vatt’ghern und wenn er nicht darüber sprechen wollte, dann musste er das auch nicht.

Auch Anna und Hjaldrist erzählten Joris später von sich. Davon, wie sie einander wiedergefunden hatten und seither unzertrennlich durch die Gegend zogen. Sie berichteten von der Ewigen Flamme in Novigrad, dem Wanderzirkus und der Träumerin Mia; von dem Baron, der ein Werschwein gewesen war, Serrikanien, dem Kampf gegen den Basilisken, von Skorpion und Balthar. Die Freunde unterhielten sich stundenlang und gingen so vom Frühstück direkt zum Mittagessen über. Und erst beim krustigen Hackbraten mit rotem Kraut endete Anna ihre Geschichte von Burg Sturmfels und den Kartoffelmonstern.

“Und jetzt sind wir unterwegs nach Toussaint.”, sagte sie darauf. Ihr Mund war vom ganzen Reden ganz trocken und sie zog ihren Saftkrug durstig an sich heran.

“Du könntest uns doch begleiten, Kater.”, schlug sie vor “Du meintest, du reist zurzeit viel und willst nicht zu lange rasten? Ist bei uns genauso. Oder, Rist?”

“Ja, komm doch mit.”, warf der Skelliger gleich nett ein “Ravello freut sich sicher, wenn er dir mal wieder Hallo sagen kann.”

Joris legte die Stirn in nachdenkliche Falten. Er trug seine graue Kapuze beim Essen nicht und so konnte man erkennen, dass ihm seine früher noch halblangen, dunkelbraunen Haare mittlerweile bis über die Schultern reichten. Er hatte sie sich locker im Nacken zusammengebunden, damit sie nicht störten. Anna verkniff sich ein Schmunzeln. Offenbar war es gerade irgendein Männer-Ding unter Monsterjägern lange Haare haben zu wollen. Denn auch Hjaldrist ging dem nach. Zwar trug er die Seiten richtig kurz, doch die schwach silbrig melierte Haarpracht dazwischen wurde mittlerweile auch von einem Lederbändchen zusammengehalten. Es war zugegebenermaßen ganz hübsch so.

“Hmm...”, brummte Joris zweiflerisch, nachdem man ihm ganz offen vorgeschlagen hatte mit nach Beauclair zu gehen, und seine Miene wurde wieder etwas härter “Mal sehen.”

“Ich fände es jedenfalls gut.”, lächelte Anna und nahm einen Schluck von ihrem roten Beerensaft, den Millie angeblich selbst hergestellt hatte. Er schmeckte richtig lecker.

“Bestimmt gibt es in Toussaint auch einige Monster, die du erledigen könntest… die Stadt ist groß und dort, wo viele Menschen hausen, gibt es auch viele Bestien.”, griente Hjaldrist und lehnte sich locker zurück “Und wenn irgendwelche Kopfgeldjäger auftauchen, dann beschützen wir dich, Miezekatze.”

“Tse…”, kommentierte der Vatt’ghern das und ignorierte es geflissentlich als Mieze betitelt geworden zu sein. Er trank einen Schluck seines Wassers.

“Du machst uns schon keinen Ärger.”, glaubte Rist noch und klang dabei so verdammt wissend, als habe er dem Hexer gerade in den Kopf gesehen “Anna und ich sind mittlerweile auf einiges vorbereitet, glaub mir. Und zu dritt kämpft es sich besser gegen irgendwelche Mutantenjäger, die glauben, dass sie das Recht dazu haben gegen Entgelt zu töten. Also nimm unser Angebot an. Du hast Anna früher einmal geholfen, also lass dir nun auch beistehen. Hm?”

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