Kapitel 84

Sechs Jahre

Ravello machte große Augen, als er dem unangekündigten Besuch die Türe der Villa seines Weingutes öffnete und drei alten Bekannten entgegensah. Ganz verdattert stutzte der Ritter in dem knielangen Gehrock in Blau und Weiß, und schien nicht zu glauben, was geschah.

“Rist!”, entkam es ihm perplex “Anna!”

Seine graublauen Augen wanderten weiter und fielen auf den Dritten im Bunde; den Hexer, der sich sein Medaillon unter das Hemd gesteckt hatte, damit es keiner sah.

“Und... oh, Joris! Was zum-”, stieß der Beauclairer aus. Doch dann erhellte sich sein verblüfftes Gesicht und er begann zu strahlen, wie die Sonne, die gerade am Nachmittagshimmel über Toussaint hing.

“Bei meiner Ehre, Leute!”, lachte er und breitete die Arme freudig aus. Dann kam er aus seinem Haus, um erst Hjaldrist und dann Anna kameradschaftlich zu umarmen.

“Du hast zugenommen.”, grinste der Skelliger im Bunde dabei neckend und Ravello schnaufte ob dem abfällig-erheitert. Er reichte auch Joris die Hand, um dessen behandschuhte Finger herzlich zu drücken.

“Welch eine Überraschung!”, freute sich der gutmütige Blondschopf und winkte seine Freunde zu sich “Kommt rein, na los! Habt ihr Durst? Hunger? Anna, du hast doch immer Hunger.”

“Das stimmt!”, grinste die ertappte Alchemistin breit und folgte dem Älteren in das Haus seiner Familie. Sie war schon einmal hier gewesen, vor Jahren und bei dem Angriff der Riesentausendfüßer, und hatte ganz vergessen, wie groß die urige Villa war. Interessiert sah sich die Kurzhaarige um, erkannte dicke Teppiche auf marmornem Boden, eine hohe Empore über der Eingangshalle, Statuetten an den Wänden und einen schönen, geschmiedeten Kronleuchter. Es roch hier angenehm süß nach Vanille; so, als backe gerade irgendjemand Kekse. Die ganze Atmosphäre war unheimlich gemütlich und Anna atmete wohlig durch. Endlich, ENDLICH, waren sie hier. Sie lockerte den Riemen ihres schweren Rucksackes und warf jenen im Eingangsbereich einfach in die Ecke, als wohne sie hier. Ravello quittierte das mit einem belustigten Blick. Denn sein Heim war auch das seiner Freunde und derer, die seiner Familie einst gegen tödliche Monster beigestanden hatten.

“Anton?”, drang eine forschende Stimme aus einem der Nebenzimmer heraus. Soweit sich Anna richtig erinnerte, befand sich dort irgendwo das Esszimmer und die Küche. Eine ältere Frau in einem schönen, blauen Kleid erschien dort gleich im Türrahmen.

“Du hast Besuch?”, fragte die Dame mit der gräulichen Strähne in den hellbraunen Haaren und blinzelte verwundert, als sie Rist und dessen beste Freundin wiedererkannte.

“Hallo, Frau Guerlaine.”, begrüßte der Skelliger die Weingutbesitzerin gleich nett und machte sich ebenso dazu sich aus seinem schweren Rucksack zu schälen, der schon zu lang zu schwer an seinen Schultern zog. So, wie der beauclairer Ritter vorhin, fing auch dessen Mutter jetzt damit an froh zu lächeln.

“Oh!”, machte sie überaus erfreut “Dass man euch noch einmal zu Gesicht bekommt! Anton hat mir so viel von euren gemeinsamen Reisen berichtet!”

Die nette Frau kam schnell näher und schüttelte die Hände aller Neuankömmlinge. Und während Anna und Rist kurze Begrüßungen mit ihr austauschten, schwieg Joris. Doch er gab sich umgänglich und ließ sich sogar die Hand drücken. Das, obwohl Ravello’s Mutter ihn einige Sekunden lange argwöhnisch taxierte. Sie kannte ihn schlussendlich nicht und es war offensichtlich, dass er andersartig war. Doch die verunsicherte Dame sprach Joris nicht auf dessen Augen an.

“Ich freue mich euch zu sehen, Kinder.”, sagte Frau Guerlaine stattdessen lieb “Ich backe gerade einen Kuchen. Ihr kommt also zur rechten Zeit.”

Dann wies sie einladend gen Speisezimmer und forderte ihren Sohn, der herumstand, wie bestellt und nicht abgeholt, dazu auf seinen Gästen doch Saft und gewässerten Wein zu bringen.

Die zwei frohen Abenteurer, der schweigsame Hexer und Ravello saßen daraufhin lange zusammen. Und immer wieder staunte der Ritter der Runde oder war ganz verdattert, als Anna und Rist von ihrer langen Reise nach Serrikanien und dem Aufenthalt in Zerrikanterment erzählten. Er fieberte regelrecht mit, als man ihm berichtete, dass ein großer Basilisk Hjaldrist beinahe getötet hatte, die Vagabunden in einem Edelbordell untergekommen waren und einen Hexer der Mantikor-Schule kennengelernt hatten. Auch freute er sich, wie ein kleines Kind, als Anna später los eilte, um die Flasche serrikanischen Fusels aus ihrem Gepäck zu holen, die sie ihrem alten Freund mitgebracht hatte.

“Hier.”, sagte sie, als sie damit zurück in das Esszimmer kam und Ravello die schwappende Flasche grinsend hinstellte “Ich habe sie wochenlang mit mir rumgeschleppt, ohne sie anzurühren, und das heißt was! Fühl dich geehrt, ja?”

“Ooh!”, staunte der Ritter und nahm das Geschenk dankbar entgegen, entkorkte es und roch prüfend daran. Er hob die Brauen verwundert und Anna ließ sich wieder bei ihm nieder. Hjaldrist und Joris saßen ihnen gegenüber. Und während ersterer dunkel-hell marmorierten Kuchen aß, nippte der Vatt’ghern etwas abwesend an seinem Becher Traubensaft.

“Und Joris? Was ist mit dir?”, sprach der Mann aus Toussaint den Hexer an, als er seinen Serrikanischen wieder verkorkte und neugierig über den Tisch linste “Du hast Anna und Rist erst vor kurzem wieder getroffen?”

“In Maecht, ja.”, gab Joris knapp zurück “Sie luden mich dazu ein sie zu begleiten.”

“Ah, verstehe!”, lächelte Ravello schief “Ich wette, du findest Toussaint… interessant.”

Der Vatt’ghern zuckte nach dieser sarkastischen Meldung mit den Schultern und alle mussten lachen.

“Und wo hast du Violeta gelassen?”, hakte Ravello weiter nach. Wer, wenn nicht er, interessierte sich nämlich brennend für Frauengeschichten?

“...Es ist kompliziert.”, brummte der Mutant am Tisch, als habe er diesen Satz auswendig gelernt.

“Oh…”, machte der Blondschopf langsam, doch gab sich gleich gelassen und fragte nicht weiter nach “Das kenne ich. Frauen sind schwierig, was?”

Anna räusperte sich vernehmlich. Denn ja, sie war gerade noch da und hörte mit.

“Was denn?”, warf Rist dazwischen, um sie zu triezen “Stimmt doch.”

Dafür kam die grinsende Novigraderin halb über den Tisch und haute den Jarlssohn mit der großen Klappe einfach. Und er stieß einen lauten, halbernsten Protest aus, in dessen Zuge er sich damit herausredete, dass Anna ja keine richtige Frau sei. Auch dafür kassierte er einen barschen Boxhieb gegen den Oberarm. Die Stimmung war an dem Punkt angekommen ausgelassen und es tat gut einmal wieder viel zu lachen. Anna nahm es ihrem Kumpel nebenher nicht wirklich übel, dass er sie als ‘nicht weiblich’ titulierte. Denn diese Behauptung stimmte doch in gewissem Maß, nicht wahr? Lieber gab sich die Giftmischerin wie… naja, wie sich selbst, als irgendwelchen klischeehaften Weibern gleichzukommen. Und ganz ehrlich? Sie wäre schon immer lieber ein Kerl gewesen und das nicht nur der Kräuterprobe wegen.

Als Anna letztere in den Sinn kam, wich ihr Blick zu Joris, der in aller Seelenruhe ein halbes Stück Kuchen aß. Und als sie wieder vom jammernden Hjaldrist abgelassen hatte, der morgen sicher einen neuen blauen Fleck hätte - oder zwei -, musterte sie den Vatt’ghern ganz verschlagen. Denn dieser Mann wusste im Grunde nicht, dass Anna nach einer Probe der Gräser für Frauen forschte und das nun schon seit fast sechs Jahren. Er hatte keine Ahnung, dass sie Kaer Morhen deswegen verlassen hatte und nicht nur aus dem Grund gegangen war, weil ihr Ziehvater versucht hatte sie einzusperren. Damals, als Joris mit der Novigraderin umhergezogen war, war ihr einzig geteiltes Thema gewesen Quen zu lernen. Und danach hatte Anna wahrlich ein ganz anderes Problem gehabt, als ihre vergebliche Suche nach der veränderten Kräuterprobe: Hjaldrist’s Verschwinden. Sie hatte ihr eigenes Ziel verworfen, während sie monatelang verzweifelt nach ihm gesucht und am Ende grenzdepressiv aufgegeben hatte. Erst, als sie sich mit der vernichtenden Annahme arrangiert hatte, dass ihr bester Freund aus Skellige tot sei, hatte die Frau wieder damit begonnen zu experimentieren. Zu der Zeit war Joris längst auf seinem Weg nach Ebbing gewesen. Und daher hatten sie sich nie so richtig über die Möglichkeit unterhalten Frauen zu Hexerinnen zu machen. Nachdenklich betrachtete die Kriegerin nun also den Kater, der ihr zusammen mit Rist gegenübersaß und sich gerade die dunklen Stellen im Kuchen hervorpickte, um sie vor den hellen zu verspeisen. Er war beim Essen wählerisch. War er schon immer gewesen.

“Bleibt ihr eine Weile hier?”, fragte Ravello die Freunde derweil “Ihr könnt unsere Gästezimmer beziehen, wenn ihr wollt. Mutter würde sich sicher auch darüber freuen. Seit mein Vater lieber im Garten arbeitet und sich in seiner Laube verkriecht, mag sie es, wenn hier einmal wieder mehr los ist.”

“Ich denke, ja.”, nickte Rist “Jedenfalls würde ich gerne einige Tage bleiben. Was ist mit dir, Anna?”

“Hm?”, machte die Frau und sah aus ihren Grübeleien rund um Gifte und Mutationen auf “Ja. Ja, lass uns bleiben. Ich würde gerne einmal wieder ein wenig durch Beauclair bummeln.”

“Sehr gut!”, freute sich Ravello und linste dann auch zu Joris “Und was ist mit dir?”

Der Kater, der gern dunklen Kuchenteig hatte und den hellen vorerst liegen ließ, spitzte die Ohren und hob den Blick nur zögerlich. Er wirkte unschlüssig.

“Klar bleibt der auch.”, grinste Hjaldrist und hätte er das nicht getan, hätte Anna für Joris gesprochen. Denn nun, da sie das Verlangen hatte mit ihm über gewisse Hexerdinge zu palavern, wollte sie nicht, dass er zu bald wieder ging.

“Kopfgeldjäger sind mir auf den Fersen.”, wand der Hexer nüchtern ein “Das könnte Ärger geben. Ich werde also außerhalb lagern.”

Ravello weitete die Augen verdutzt und sah aus, als habe er sich verhört. Sichtlich nervös lehnte er sich vor, um den ruhigen Joris forschend anzusehen.

“Kopfgeldjäger?”, fragte er mit dunkler Befürchtung im Ausdruck “Warum?”

“Weil ich irgendjemandem wohl nicht gefalle.”, schätzte der Kater knapp.

“Rist und ich boten Joris an ihm zu helfen.”, erklärte Anna gleich von der Seite “Er stand einst auch uns bei und generell hasse ich Leute, die andere Menschen einfach nur des Geldes wegen umbringen.”

Aus dem Augenwinkel sah der anwesende Vatt’ghern jetzt zu seiner Kollegin und in seinem Blick lag etwas unglaublich Verstohlenes. Er verzog den Mundwinkel leicht, doch schwieg. Man mochte meinen, da funkelte kurz etwas Bedrohliches in seinen Vipernaugen.

“Ähm…”, hüstelte die Giftmischerin weiter “Es ist vielleicht nicht so sicher, wenn man in Joris’ Begleitung ist. Aber ich hoffe, das macht dir nichts aus, Ravello.”

Sie wusste doch, dass der Beauclairer im Grunde ein Schisser war, der sich immer viel zu viele Sorgen machte. Jemanden hier zu haben, der im schlimmsten Fall von Assassinen oder ‘Hexerjägern’ gesucht wurde, war für ihn sicherlich kein sonderlich beruhigender Gedanke.

“Uh… also…”, äußerte sich der Ritter dahingehend dezent überfordert, kam aber während des Redens schon zu einem Entschluss. Seine entrückte Miene wurde wieder härter und selbstsicherer. Dann lachte er kurz ganz ehrenvoll.

“Niemand tut meinen Freunden was.”, sagte er bestimmend und es klang fast schon theatralisch “Ich helfe dir auch, Joris!”

“...Danke.”, murrte der Nilfgaarder unschlüssig.

“Und du bleibst hier, bei uns, anstatt alleine in der Wildnis zu lagern. Es ist auch ohne Kopfgeldjäger schon gefährlich da draußen. Besonders zurzeit.”, entschloss der Mann aus Toussaint und nach dem letzten Satz wurden alle drei Mietklingen am Tisch hellhörig.

“‘Besonders zurzeit’?”, hakte Anna interessiert nach “Warum?”

“Uh… naja…”, stöhnte der Blonde im blau-weißen Rock “Jemand ist auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Also… um genau zu sein eine Verwandte von mir.”

“Was meinst du mit ‘mysteriös’?”, wollte die Kräutersammlerin im Bunde wissen “Erklär mal.”

Ravello wurde nervöser, als er versuchte passende Worte zu finden. Er zog die Brauen kritisch zusammen und senkte den Blick auf seinen leeren, vollgekrümelten Kuchenteller vor sich.

“Es geht um Clara. Meine Cousine. Sie verschwand vor einer Woche spurlos und niemand weiß, wo sie abgeblieben ist.”, erzählte Ravello bedrückt “Ich und ein paar andere Ritter versuchen seither sie zu finden, doch erfolglos. Sebastian und Philippe helfen auch. Erinnert ihr euch an sie?”

“Ja, klar. Wie könnte man DIE vergessen?”, lächelte die Schwertkämpferin im Raum.

“Jedenfalls war Clara vom einen aufs andere Mal weg. Spurlos. All ihre Sachen sind noch bei ihr zuhause in Beauclair und mein Onkel und dessen Frau sind schon verrückt vor Sorge. Wisst ihr, Clara war immer sehr schüchtern. Sie studierte brav, half daheim immer mit und las lieber, anstatt das Haus zu verlassen. Viele lachten sie sogar aus, weil sie so gern für sich war und ihre Zeit lieber mit Büchern verbrachte, als mit jungen Männern ihres Alters.”

“Hm.”, schnaubte Rist hintergründig “Kommt mir bekannt vor…”

“Warum sollte sich solch eine Frau also aus dem Staub machen? Sie war glücklich.”, meinte Ravello und sah ratlos auf. Anna taxierte ihn bedauernden Blickes.

“Sie verschwand einfach so? Wann genau? Nachts?”, fragte sie nach.

“Nein, nicht einmal das. Mein Onkel bemerkte nachmittags, dass sie fort war und sie kam daraufhin nicht mehr wieder.”, berichtete der Beauclairer und mittlerweile sah auch Joris skeptisch zu ihm. Der Vatt’ghern hatte nur noch helle Kuchenteilchen am Teller liegen, die er nun langsam aß.

“Vielleicht hat man sie entführt?”, schätzte Hjaldrist.

“Clara war an jenem Tag zuhause und hatte keine Unternehmung geplant.”, antwortete Ravello kopfschüttelnd “So, wie immer. Der Frau meines Onkels zufolge, saß sie bei einem Buch und einem Gläschen Wein im Garten. Und dann, einfach so, war sie weg.”

“Das klingt in der Tat seltsam. Jedenfalls, wenn sie tatsächlich so ein zufriedenes und scheues Mädchen war.”, fand Anna, die Erfahrung im ‘Verschwinden aus Frust’ hatte, und der zustimmende Rist nickte langsam.

“Ja… sage ich doch.”, seufzte der Ritter aus “Ich würde sie ja rund um die Uhr suchen, hätte ich hier keine Arbeit. Mein Vater hat aber seine halben Aufgaben an mich übergeben. Er ist zu alt und will langsam nicht mehr. Und ich kann einfach nicht zu lange vom Weingut fernbleiben, ohne, dass der Handel stillsteht oder sich die Bediensteten beschweren. Zudem ist zurzeit der große Rebschnitt. Versteht ihr? Ich fühle mich echt schlecht. Und ich mache mir Sorgen.”

“Wir könnten doch auch helfen.”, schlug Hjaldrist locker vor “Wenn du uns sagst, wo dein Onkel genau wohnt, schauen wir mal bei ihm vorbei und sehen uns die Lage genauer an. Was sagst du?”

Das Gesicht Ravellos entspannte sich wieder etwas und er lächelte erleichtert.

“Das wäre eine große Hilfe.”, fand er “Ihr könntet auch Philippe und Sebastian zu Rate ziehen. Sie wollen morgen vorbeikommen, damit wir alle zusammen losziehen können, um wieder nach meiner Cousine zu suchen.”

“Das klingt doch gut. Wir ruhen uns heute also noch aus und legen morgen los.”, lächelte Rist zielstrebig und sah prüfend zu Anna, die nickte.

“Wir finden Clara schon, Hase.”, versprach die und glaubte tatsächlich daran. Denn aufspüren, das würde man die vermisste Frau bestimmt - früher oder später. Fragte sich nur in welchem Zustand…

 

Anna konnte in der kommenden Nacht nicht einschlafen. Denn es war ungewohnt allein ein großes Zimmer zu belegen, anstatt sich ein wenig geräumiges Zelt oder einen kleinen Raum mit Rist zu teilen. Ja, tatsächlich tat sie sich schwer damit zur Ruhe zu kommen, wenn sie ihren besten Freund nachts nicht in ungefährer Nähe wusste. Tatsächlich schliefen der Skelliger und Joris nämlich in kleineren Gästezimmern im unteren Stockwerk, während die Novigraderin hier, in der ersten Etage und in einem größeren Raum, einquartiert worden war. Die Guerlaines waren dabei unheimlich gastfreundlich gewesen. Ravello hatte alle drei Gastzimmer fertig gemacht, während seine Mutter den drei Neuankömmlingen großzügig Abendessen serviert hatte: Hühnerfleisch, das in einer deftigen Weinsoße gegart worden war, mit Klößen und Pilzen. Angeblich war das hierzulande ein gewöhnliches Gericht. Und dies überraschte Anna ob der ganzen Flasche Wein, die darin steckte, wenig. Es hatte gut geschmeckt und die Alchemistin mit dem knurrenden Magen hatte ordentlich zugelangt. Vielleicht… vielleicht war dies ja auch der wahre Grund dafür, dass sie jetzt nicht einschlafen konnte: Sie hatte sich einfach überfressen.

Leise und entnervt seufzend setzte sich Anna in ihrem weichen Bett hin und tastete im Dunkel blind nach den Zündhölzchen auf ihrem Beistelltischchen. Es war Neumond und daher auch stockduster. Leise fluchte die Frau im weiten Männerhemd, als ihre Finger das Schächtelchen mit den Zündhölzern streiften und jenes dabei vom Nachtkästchen warfen. Brummend beugte sie sich über die Bettkante und tastete am Grund nach den Magnesiumhölzern. Sie bekam jene auch bald zu fassen, um damit die dicke Kerze zu entzünden, die auf ihrem Tischchen neben der Matratze stand. Sofort warf das kleine, flackernde Feuer einen orangen Schein auf ihr Gesicht und sie stellte die nackten Füße vor das Bett, um aufzustehen. Ihr Zimmer, das Ravello’s Mutter ihr zugewiesen hatte, war schön. Zwei große Gemälde hingen hier an den vertäfelten Wänden: Eines des Schlosses von Beauclair vor dem roten Sonnenuntergang und eines der märchenhaften Landschaft rund um das Castell Ravello. Anna schmunzelte, als ihr Blick die Bildnisse streifte. Toussaint wirkte, obwohl sie schon einmal hier gewesen war, so unwirklich. Alles an diesem Land war so… hübsch. Zu hübsch und vollkommen überzogen. Die Augen der Kriegerin wanderten weiter; über einen Schreibtisch, eine Kommode und einen Schrank, den sie nicht in Beschlag nehmen würde. Denn wenn die Trankmischerin etwas war, dann chaotisch. Und bevor sie ihr Reisegepäck oder ihre Kleidung genauso ordentlich zurechtlegte und an Haken hing, wie Rist es immer tat, würde die Welt untergehen. Rag nar Roog, die Wilde Jagd und so weiter… man könnte es sich aussuchen. Nur eines dieser Dinge würde ihre Unordnung jemals beseitigen.

Sich murrend am Steiß kratzend, hielt Anna nun also nicht auf den Schrank zu, sondern auf ihren Rucksack, der irgendwo an die Wand gelehnt dalag. Zwischen Schwert, Kettenweste und Armschiene lag er; bei dreckigen Stiefeln und dem wertvollen Schulterfell aus Serrikanien. Die Novigraderin gähnte leise, als sie vor ihrem Gepäck in die Hocke ging und sich daraus eine ihrer Hosen hervorfischte. Sie hatte nur zwei; die und eine alte Bruche aus Leinen, die sie nur dann trug, wenn sie einmal wieder ihrer Mondblutung wegen zu leiden hatte. Während dieser unangenehmen Zeit mehrere Lagen zu tragen, versprach Sicherheit. Ganz anders, als sonst, wo Anna kaum Unterwäsche trug. Die störte ja nur.

In ihre lederbesetzte Hose schlüpfend und deren Frontschnürung beiläufig schließend, stieg die Frau schon in einen ihrer Stiefel. Dann in den zweiten. Man konnte sich kaum versehen, da trat sie mit ihrer flackernden Kerze auf den dunklen, langen Korridor des ersten Stockes der Villa. Denn sie wollte nachsehen, ob Rist schon schlief. Wenn nicht, würde sie ihn zu einer Runde Gwent auffordern oder ihn fragen, ob er Lust auf einen Spaziergang hätte. Frische Luft machte schließlich müde. Leicht atmete Anna durch, straffte die Schultern und setzte sich also in Bewegung, um auf leisen Sohlen durch den Gang zu gehen. Sie müsste nach unten und einmal durch die Eingangshalle, um zu Hjaldrist’s Gastraum nahe dem Esszimmer zu gelangen. Es war still im Haus. Ruhig und duster. Nur der teppichbelegte Holzboden knarrte unter manchen der Schritte der Giftmischerin aus dem Norden. Guter Dinge wollte sie, auf der Empore der Eingangshalle angekommen, die Stufen gen Erdgeschoss nehmen, als ihr nahe den Fenstern, die von hier oben in den Vorhof der Villa deuteten, ein Schemen auffiel. Anna zuckte zusammen und hielt inne, starrte und hob ihre Kerze etwas an, um besser sehen zu können. Die Augen auf den durchaus menschlich wirkenden Schatten gerichtet, erkannte sie sofort zwei Schwertgriffe über einer Schulter. Der Mann weiter vorne rührte sich nicht und die Kurzhaarige verzog das Gesicht verdutzt. Joris? Warum stand der hier herum und das auch noch bewaffnet?

“Hey.”, sprach Anna den Kerl leise an, um niemanden ringsum zu wecken “Kater.”

Der Hexer reagierte nicht und der ratlosen Anna wollte es nach einer kleinen Weile des abwartenden Starrens schon kalt den Rücken hinunterlaufen. Sich auf der Unterlippe herumkauend verwarf sie den Plan nach unten zu gehen spontan, trat von der Treppe fort und ging jetzt zögerlich auf den Vatt’ghern zu.

“Joris…?”, flüsterte sie und ertappte sich dabei die Situation gerade sehr gruselig zu finden. Denn da stand ein Katzenhexer des Nachts herum, bis an die Zähne bewaffnet, und reagierte nicht auf mehrmaliges Ansprechen. Er verweilte einfach nur regungslos und mutete im wenigen Licht an, wie eine Statue. Und nein, er meditierte bestimmt nicht. Kein Hexer tat das einfach so auf irgendeiner Empore, in Kampfmontur und so unaufmerksam, dass er andere nicht wahrnahm. Anna, die es schließlich besser wusste, atmete nervös aus. Hatte sie gerade ein wenig Schiss? Ja, ein ganz kleines Bisschen. Denn obwohl Joris ihr Freund war, wusste sie auch, dass alle Katzen trotz allem immer ein Stück unberechenbar bleiben würden. Sie hatte einmal gehört, dass jene eine andere Kräuterprobe durchliefen, als die restlichen Vatt’ghern. Eine experimentelle, die viele von ihnen irre machte oder ihnen gewisse Schäden an Körper und Geist hinterließ. Also… besorgniserregende Schäden und keine normalen Nachteile aufgrund einer Mutation. Jedenfalls hatte Vadim das früher einmal verächtlich schnaufend angeschnitten. Was also, wenn auch mit Joris etwas nicht stimmte?

“Du bist unheimlich...”, wisperte Anna, als sie nah bei dem Hexer hielt und sah, dass er mit dem Rücken zu ihr dastand. Sie hob die freie Hand, um den Oberarm des Anderen anzustupsen.

“Hör auf damit.”, murrte sie dann und schluckte trocken.

Erst jetzt regte sich der Mann, der mit verschränkten Armen aus dem Fenster gesehen hatte. Er wendete sich nicht zu seiner Freundin um.

“Du solltest an deiner Beinarbeit arbeiten, Kratzbürste...”, murrte der Mann und Anna fiel ein Stein vom Herzen “Du trampelst hier herum, wie eine Horde wilder Gäuler.”

“Was?”, gab die Burschikose zurück “Das stimmt nicht. Du hörst nur besser, als alle anderen.”

Joris schwieg daraufhin nur und starrte weiterhin auf den Vorplatz des Castells.

“Was tust du…?”, hakte die neugierige Giftmischerin leise nach und kam direkt neben den Älteren. Ihr Blick folgte dem seinen. Vor dem Haus erkannte sie bloß die dunkle Neumondnacht und Andeutungen von Wegen und Büschen. Und einmal wieder verfluchte sie, dass sie sich, im Gegensatz zu ihrem Hexerkumpel, keine Nachtsicht verschaffen könnte. Die Frau runzelte die Stirn unzufrieden und linste aus dem Augenwinkel zu Joris, der leicht abwesend vor sich hinsah. Ihre Aufmerksamkeit glitt über sein weiches, jedoch vernarbtes Profil und blieb an den zwei Schwertern hängen, die der Mann bei sich hatte. Er trug nebenher tatsächlich seine volle Ausrüstung: Ledertorso, Jacke, Armschienen, Lederhose, Stiefel, Schulterüberwurf. Und langsam, aber sicher, dämmerte es Anna wieso.

“Befürchtest du, dass die Kopfgeldjäger kommen?”, murmelte sie verhalten und suchte Blickkontakt “Joris?”

Man hörte, wie der bedrängte Hexer tief durch die Nase ausatmete. Er überlegte. Dann nickte er aber knapp.

“Ich bin lieber vorsichtig.”, bestätigte er Anna’s Annahme indirekt “Diese Männer sind gefährlich und das nicht nur für mich.”

Eine nicht besonders beruhigende Aussage. Die 24-Jährige schluckte trocken.

“Mhm…”, machte sie ratlos “Ähm. Verstehe…”

Dann schwiegen die beiden wieder. Joris sah schlicht weiter aus dem Fenster und störte sich nicht an der Anwesenheit seine Kollegin. Und jene wiederum, grübelte im Kerzenschein vor sich hin. Anna brach die Stille erst viele Momente später.

“Willst du vielleicht etwas nach draußen gehen?”, fragte sie mit gesenkter Stimme, um niemanden ringsum ungewollt aus dem Schlaf zu reißen “Ich wollte zu Rist, weil ich nicht schlafen kann. Aber naja… stattdessen könnten wir uns ja ein wenig unterhalten. Unser ‘Felsen’ schläft sicher schon.”

“Ich rede nicht gerne.”, kam es trocken zurück.

“Ich will dich schon nicht über dich oder Violeta ausfragen…”, versicherte Anna und verkniff sich ein Lachen. Wenn es um Gespräche ging, war Joris ihr verdammt ähnlich, das musste sie sich eingestehen. Vielleicht kam die ja deswegen so gut mit dem eigentlich sehr abweisenden Braunhaarigen klar. Eine der Brauen des besagten Mutanten wanderte hoch, als er zu seiner ehemaligen Schülerin lugte. Er taxierte sie äußerst argwöhnisch.

“Aber… ich hätte ein Anliegen.”, gab die Novigraderin endlich zu “Wegen… Hexerdingen…”

“Wenn du sagst, dass ich dir noch ein Zeichen beibringen soll, dann-”

“Dann rammst du mir deinen Dolch bis zum Heft in die Seite, ich weiß.”, beschwichtigte Anna mürrisch “Aber das ist es nicht.”

“Was dann?”

“Ich will etwas über die Kräuterprobe wissen.”

Jetzt wanderte auch die zweite Augenbraue im wenig begeisterten Mutantengesicht hoch. Joris stierte Anna abwartend an und wer ihn und seine chronisch verächtliche Mimik gut kannte, verstand, dass ihn irgendwo hinter seiner Maske die Neugierde kitzelte. Dennoch fragte er nicht nach, sondern wartete einfach nur.

“Weißt du… ich-”, fing Anna an, doch wurde jäh unterbrochen.

“DARUM riechst du also nach Wolfsbann.”, brummte Joris, als sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. So, wie sein Gegenüber, sprach auch er leise.

“Äh, was?”, stöhnte die Schwertkämpferin, die man eiskalt erwischt hatte, betreten. Denn ja, sie hatte sich heute Morgen Wolfsbannkonzentrat in den Tee gekippt. Nur ein winzig, winzig kleines Bisschen.

“Tse. Du bist dumm.”, fand der Vatt’ghern und musterte die Jüngere kurz von oben bis unten “Aber offensichtlich auch robust, wenn du Wolfsbann überlebst.”

“Ich… äh…”, lächelte die Novigraderin aufgebracht und rieb sich den Nasenrücken “Ich nehme seit ein paar Tagen nur ganz wenig davon. Davor war es meistens Arenaria...”

“Warum? Willst du dich immunisieren?”

“Ja…”

“Hmpf…”, der Krieger schnaufte grimmig-amüsiert und hatte seine Gefährtin wohl längst durchschaut “Eigentlich hätte ich mir DAS auch denken können…”

Noch immer lächelte Anna nervös und hatte völlig den Faden verloren. Sie fühlte sich gerade sehr nackt, obwohl sie damit rechnen hätte können, dass Joris roch, dass sie tagtäglich Gift schluckte, um sich auf die Probe der Gräser vorzubereiten. Auch Balthar hatte sie auf Burg Sturmfels schließlich an den Armen gepackt und gemeint, sie rieche komisch.

“...Ich hätte jedenfalls… also… dahingehend Fragen an dich.”, gab Anna zu und räusperte sich leise, um die kratzende Kehle freizubekommen. Joris musterte sie noch immer aus seinen stechenden Augen. Er überlegte gut, ehe er die verschränkten Arme endlich sinken ließ und kurz lachen musste. So etwas klang bei ihm immer sehr freudlos und spöttisch.

“Verstehe.”, meinte er “Und du denkst, ich wäre dahingehend eine gute Informationsquelle, die man nutzen kann?”

“Nein, du bist mein Freund.”, korrigierte Anna “Und ich wollte dich daher nach Ratschlägen fragen. Mehr nicht.”

Es war eine Aussage, die den Kater zu entwaffnen schien. Warum auch immer. Vermutlich, weil seine einzigen Freunde zu seiner Zunft gehörten und ihn abgesehen davon niemand leiden konnte, außer Anna, Rist und Ravello. Und Violeta. Wobei sich Anna dahingehend nicht mehr so sicher sein konnte. Wer wusste schon, was mit ihr war? Vielleicht hasste sie Joris mittlerweile auch.

“Mh.”, machte der Hexer nun leise. Dann nickte er aber schwach, als wolle er seinen eigenen, unergründlichen Gedanken zustimmen. Sein Gegenüber sah ihn noch immer ganz hoffnungsvoll, wenngleich auch verunsichert, an.

“Schön.”, seufzte Joris “Gehen wir spazieren. Ich habe keine Lust hier weiter herumzutuscheln.”

 

“Ich bin in all den sechs Jahren nicht so weit gekommen, wie ich es gerne hätte…”, seufzte Anna, als sie etwas später neben Joris den gepflasterten Weg nahm, der von der Villa fort und nach einem schönen, schmiedeeisernen Grundstückstor auf den Hauptweg führte. Eine frische, sternenklare Nacht wölbte sich hier über die Ebene vor Beauclair, dessen wenige Lichter in der Ferne blinzelten. Die Giftmischerin hatte Öllampe, Wollmantel und Schwert bei sich, die sie vor ihrem Spaziergang mit dem Kater noch eilig aus dem Gästezimmer geholt hatte. Und nun ging sie etwas beklommen neben dem Mann her, der nur ein klein wenig größer war, als sie.

“Ich habe das Rezept für die Kräuterprobe, bin mir aber noch nicht sicher, ob es tatsächlich das originale ist. Ich habe es von einem Einsiedler bekommen und der… naja, ist etwas verrückt und vergesslich.”, erklärte die Kriegerin “Nebenher teste ich verschiedene Gifte an mir aus. Oder Mixturen davon. Verdünnt mit ganz viel Wasser oder Alkohol, je nachdem. Damit ich resistenter werde und eine reale Chance darauf habe die Kräuterprobe zu überstehen.”

Anna bemerkte nicht, wie wahnsinnig sich ihre Worte anhörten. Für sie war es zur Normalität geworden allmorgendlich Toxine zu nehmen, die ihren Kreislauf manchmal ganz schön angriffen, sie einfach umkippen ließen oder sie dazu brachten sich heftig übergeben zu müssen. In ihrem Kopf war es längst nicht mehr lebensmüde der Kräuterprobe für Frauen entgegen zu streben, sondern ein fernes, doch reelles Ziel. Dahingehend lebte sie seit Jahren in ihrer ganz eigenen, lebenslustigen Welt. Joris schwieg.

“In den letzten Monaten kam ich nicht allzu oft dazu weiterzuforschen oder mich umzuhören. Hjaldrist starb in Serrikanien fast und ich musste mich um ihn kümmern. Das hat mich viel Zeit gekostet. Und am Weg durch die Wüste kam ich auch nicht dazu über meinen Unterlagen zu brüten.”, setzte Anna fort und ging mit Joris auf die Wiese, die sich vor dem idyllischen Castell Ravello erstreckte. Jenes lag auf einem kleinen Hügel, der gesäumt war von weitläufigen Weinreben-Feldern. Es war schön hier.

“Jetzt will ich meinen Plan aber wieder angehen.”, meinte die Kräuterkundige kühn und sah von der Seite aus zu dem Vatt’ghern bei sich. Jener verzog im Schatten seiner Kapuze keine Miene. Es war wirklich schwierig ihn zu deuten.

“Und warum denkst du, dass ich dir gute Ratschläge geben könnte?”, wollte Joris kühl wissen “Ich bin ein Katzenhexer, Arianna. Und bestimmt weißt du nach deinen Nachforschungen bereits, dass wir nicht so… üblich sind. Unsere Formeln unterscheiden sich manchmal von denen anderer Schulen und unsere Methoden sind, nun, ‘direkter’.”

“Das ist egal.”, lächelte Anna unsicher “Vielleicht ist es gerade deswegen gut, dass wir reden. Womöglich-”

“Und ich bin auch nicht sonderlich alt und weise, um große Geheimnisse meiner Schule zu kennen. Ich selber habe nie bei einer Kräuterprobe mitgewirkt. Ich war einer der letzten, die innerhalb meiner Zunft zum Hexer wurden.”, klärte der blasse Mann auf und es überraschte seine Freundin, wie offen er sprach. Sie legte den Kopf schräg. Joris betitelte sich also als ‘nicht weise’ und jung?

“Was?”, machte sie verblüfft “Wie alt bist du denn?”

“Keine Vierzig.”, sagte Joris “Daher verstehst du sicherlich, dass ich dir keine Augenzeugen- oder Forschungsberichte hinsichtlich der Probe liefern kann.”, sagte er frei heraus.

Anna weitete die Augen und starrte das Profil ihres Kumpans überrascht an. Der Kater war also keine vierzig Jahre alt? Sie… sie hatte ihn auf älter geschätzt. Viel älter. Nicht, weil er etwa betagter aussah, sondern weil sie noch keinen Vatt’ghern kennengelernt hatte, der nur etwa zehn Lenze mehr auf dem Buckel hatte, als sie selbst. Andererseits erklärte Joris’ verhältnismäßig junges Alter nun auch, warum er früher so blind in Violeta verliebt gewesen war. Oder vielleicht war er es ja noch immer, wer wusste das schon? Der Hexer, der immer so hinterhältig und abschätzig wirkte, war im Grunde wohl naiv oder noch nicht verbittert genug, als dass er nicht mehr romantisch sein könnte. Das war irgendwie… niedlich. Und es warf ein ganz neues Bild auf ihn. Ein sympathisches. Anna lächelte schwach.

“Mh. Aber… vielleicht hast du ja etwas von der Kräuterprobe gehört?”, schätzte sie hartnäckig und ging bewusst nicht auf persönliche Themen, wie das Trauma durch die Probe der Gräser, ein. Sie selbst hätte das auch nicht gemocht. Und Joris tickte doch ähnlich, wie sie.

“Hattet ihr Katzen denn Bücher oder Notizen darüber? Irgendetwas? Vielleicht hast du die anderen ja mal darüber reden gehört?”, hakte die Frau, der jedes kleine Detail half, hoffnungsvoll nach. Joris sah auf diese neuerliche Frage hin zu ihr und beäugte die Jüngere eigenartigen Blickes. Es erschien, als läge ihm irgendetwas auf der Zunge. Doch er sprach es nicht aus.

“...Nein. Keine Bücher. Und keine Notizen.”, meinte der Goldäugige und Anna seufzte unzufrieden.

“Du hast also wirklich keine Ahnung von gar nichts.”, fasste die Kurzhaarige zusammen und wich dem Blick des Mannes wieder aus, um sich das Kinn nachdenklich zu kratzen. Ihre Aufmerksamkeit fiel auf die Ebene voller Traubenplantagen zurück und daher sah sie nicht, wie Joris die Augen halb niederschlug und sie still und betroffen ansah. Hätte sie dies im Dunkel erkannt, hätte sie sofort gewusst, dass der Hexer irgendetwas vor ihr verbarg. Dass er womöglich gar log und ihr nicht alles sagte, was just in seinem Kopf umhersprang.

“Richtig…”, sagte er langsam.

“Hmm…”, machte die Braunhaarige, die schlechte Nachrichten langsam gewohnt war, enttäuscht “Aber naja… Skorpion, der Mantikor-Hexer, konnte mir auch nicht helfen. Vielleicht sollte ich die Hoffnung aufgeben, dass mir gerade ihr Mutanten helfen könntet. Ich meine… er erinnerte sich nicht einmal an die Kräuterprobe und auch nicht an sein Leben davor...”

Joris sagte dazu nichts und sein Blick richtete sich ebenso fort, um in die Ferne zu starren. Einer seiner Mundwinkel zuckte leicht, als er die Vipernaugen schwach verengte. Und hätte Anna sein Gesicht im Schatten seiner schweren Wollkapuze gesehen, hätte sogar sie erkannt, dass der langhaarige Krieger gerade mit sich selbst haderte. Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Mund wieder aufmachte.

“Du bist dir so sicher, dass du die Veränderung willst, dass du alle negativen Seiten davon ausblendest. Dabei überwiegen sie.”, stellte der sonst so Ungesprächige fest. Von der Seite musterte er Anna wieder abschätzig.

“Was?”, die Kurzhaarige, die in ihren roten Mantel eingewickelt und mit der Öllampe in der Rechten dastand und das ferne Beauclair beobachtet hatte, sah auf. Die kühle Nachtluft brachte die nahen Weinrebenblätter zum Rascheln und von irgendwoher konnte man eine Nachtigall melodisch rufen hören.

“Normalsterbliche wissen für gewöhnlich nicht, wie es ist ein Hexer zu sein. Du aber schon, denn du bist unter jenen aufgewachsen. Trotzdem scheust du nicht vor solch einem Leben zurück? Warum?”, wollte Joris wissen.

Anna’s Augen wanderten etwas unstet, als sie über eine gute Antwort nachdachte. Und die, die sie am Ende von sich gab, war erwarteter Weise knapp.

“Richtig. Ich weiß, wie es ist oder kann es zumindest gut erahnen.”, bestätigte die Frau “Und es ist mir egal, ja.”

“Leute bespucken einen auf offener Straße, beschimpfen einen ob irgendwelcher Ammenmärchen über Vatt’ghern. Mit ganz viel Glück trägt der Körper durch die Kräuterprobe Schäden davon und mit sehr wenig Pech stirbt man dabei.”, zählte Joris auf “Und all das macht dir keine Angst? Bist du dermaßen tollkühn oder einfach nur dämlich?”

Anna’s Blick suchte den Kerl daraufhin und sie schwieg.

“Ich habe keine Angst. Natürlich gibt es Risiken, ja. Aber ich bin bereit sie einzugehen.”, sagte sie.

“Auch, wenn die Möglichkeit besteht, dass du stirbst? Das wirst du nämlich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit.”

“...Ja.”

“Warum?”

“Weil…”, die braunen Augen der Frau wichen wieder fort und suchten einen wahllosen Punkt an einem größeren Stein am Grund, auf den der orange Schein der Ölleuchte fiel. Und Anna ertappte sich dabei kein wirklich triftiges Argument für ihre Suche zu finden. Es war eben so. Es war ihr Lebenstraum eine Hexerin zu werden, komme was wolle. Seit sie klein war, jagte sie diesem Ziel nach. Warum sollte sie es nun also aufgeben, wo sie auf einer guten Fährte war? Denn das war sie doch?

“Ich sterbe schon nicht.”, machte die verblendete Nordländerin lasch und Joris musste daraufhin verächtlich lachen.

“Kratzbürste, du bist verrückt.”, fand er “Ja, ganz ehrlich? Ich glaube, dass du irgendeinen Schaden hast. In deinem Kopf. Und deswegen versuchst du ums Verderben deinen Traum zu verwirklichen. Kein geistig normaler Mensch würde monate- oder jahrelang Gift schlucken und sich planlos in solch große Gefahren begeben, wie du es tust.”

Anna machte die trockenen Lippen schmal und linste aus dem Augenwinkel zu Joris zurück. Sie hasste es, wenn er so respektlos direkt wurde. Tse. Sie… sie hatte keinen Schaden.

“...Gute Nacht.”, brummte die Frau nunmehr mit finsterer Miene. Dann wollte sie sich abwenden, um zurück zur Villa zu gehen. Oh, das Gespräch, von dem sie sich so viel erhofft hatte, war ja wirklich gut gelaufen! Und wäre Joris nicht Joris gewesen, hätte sie ihm gerade noch eine harte Rechte als Dankeschön verpasst. Nur tat sie das nicht, weil der Hexer sie sonst massakriert hätte. Die beleidigte Anna stöhnte also nur genervt und marschierte los. Doch sie kam nicht weit, denn Joris’ Stimme brachte sie dazu jäh innezuhalten.

“Vielleicht finde ich dich deswegen irgendwo sympathisch.”, sagte er ohne ihr nachzusehen. Stattdessen hatte der Mann die Arme wieder vor der Brust verschränkt und sah den vielen Weinreben am Hügel entgegen. Anna horchte auf.

“Du bist absolut gestört, weil dich dein Ziehvater als Kind immer fertiggemacht hat, nicht?”, setzte Joris unverhohlen fort “Du würdest gut zu uns Katzen passen.”

“Wie bitte?”, murrte die Kurzhaarige pikiert.

“Und nicht nur deswegen.”, sprach der gelassene Mann mit dem rauen Ton weiter “Denn unsere Schule experimentierte früher einmal an Mädchen. So, wie du es tust.”

Anna erstarrte augenblicklich und ihre Augen weiteten sich verdattert.

“Wie?”, atmete sie und beinah fiel ihr die Laterne aus der Hand.

“Du bist also nicht die Erste, die diese Idee hatte. Die Katzen versuchten es über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte weibliche Hexer zu züchten, doch die vielen Versuchsobjekte starben allesamt.”, erzählte Joris gedankenvoll “Innerhalb unserer Zunft ist das nicht einmal ein Geheimnis. Man spricht beizeiten ganz offen darüber. Anders, als die weichen Wölfe, die sich selbst geißeln und es sich immer wieder vorwerfen die Kräuterprobe einst überhaupt angewendet zu haben. Ja, ist es denn nicht so, dass man in Kaer Morhen davon absieht überhaupt neue Hexer auszubilden? Dass man dort ein übles Gewissen hat deswegen und es totschweigt?”

Anna’s Lippen standen ihr einen kleinen Spalt weit offen. Und sie wusste nicht, was sagen, denn einerseits verblüffte sie das, was Joris so plötzlich von sich gab und andererseits hatte er hinsichtlich der Wolfsschule schon Recht. Onkel Jaromir hatte immer ganz grantig dreingesehen, wenn irgendjemand die Probe der Gräser überhaupt erwähnt hatte. Und Vadim… ja, der hasste es abgrundtief ein Mutant zu sein. Seine Meinung über die Kräuterprobe war also klarerweise nicht besser. Anna hatte früher, als sie noch klein gewesen war und einen unerlaubten ‘Ausflug’ in den Keller der Festung Kaer Morhens gemacht hatte, einen der massiven Tische gefunden, den man einst dafür verwendet hatte die Kräuterprobe an Jugendlichen durchzuführen. Damals hatte sie nicht gewusst, was es mit diesen Ablagen mit den ledernen Befestigungsriemen und eisernen Scharnieren daran auf sich gehabt hatte. Sie hatte auch nicht verstanden, warum Balthar so sehr mit ihr geschimpft hatte, als er sein neugieriges Mündel im Kellergewölbe erwischt hatte. Heute, da wusste Anna dies aber.

“Das Wolfsmedaillon zu tragen, steht gegen so gut wie alles, was du bist. Ist dir das klar?”, hakte Joris nach und nun sah er über seine Schulter zu der Jüngeren zurück.

“I-ich…”, stammelte die ratlose Novigraderin jetzt und legte die Hand auf den silbernen Anhänger an ihrem Gürtel “Die Kette… ist ein Andenken. An Vadim und Jaromir, meine Familie im Geiste. Nicht mehr. Warum interessiert es dich überhaupt, dass ich sie trage? Willst du mich jetzt bekehren, oder was?”

Der Kater schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf.

“Nein…”, sprach er.

“Was dann?”, hakte Anna unschlüssig nach und der Vatt’ghern winkte einfach lieblos ab. Sie runzelte die Stirn.

“Vergiss es. Du würdest es nicht verstehen.”, forderte der stets so blasse Joris, steckte sich die behandschuhten Hände in die Taschen und drehte sich zu Anna. Er überlegte kurz, und kam der Jüngeren mit dem Sprechen zuvor. So, wie er unter seiner Kapuze schmunzelte, sah er irgendwie unheimlich aus.

“Ich finde es völlig verrückt, was du tust. Und ich kann nicht verstehen, warum jemand sein normales Leben hergeben würde, um so zu werden, wie ich.”, fasste er noch einmal zusammen “Aber eigentlich interessiert es mich auch einen feuchten Kehricht, ob du stirbst oder nicht. Daher würde ich dir helfen. Dafür, dass du mich heute als Freund betitelt hast.”

“Äh…”, entkam es Anna unbeholfen. Sie hatte nicht geahnt, dass Joris es so sehr schätzen würde, wenn man ihm indirekt sagte, dass man ihn mochte. Sie war vorhin nur aufrichtig gewesen.

“Also… vielleicht kann ich herausfinden, wie die Experimente an den Frauen damals genau abliefen. Doch dafür müsste ich erst meine Brüder wiederfinden.”, entschloss der Mann mit den zwei Schwertern jetzt “Zwei von ihnen sind schon relativ alt. Schrödinger ist über hundert. Sollte ich ihn aufspüren können, kann ich ihn nach der Probe der Gräser in der Katzenzunft fragen. Denn er war damals angeblich dabei, als man noch mit Mädchen arbeitete. Jedenfalls habe ich die Geschichte über die Forschungen vor Jahren aus seinem Mund gehört.”

Überrascht blinzelte die Alchemistin jetzt und sie konnte nichts dagegen tun, dass sich ein breites, erleichtertes Lächeln auf ihre Züge schlich.

“Danke.”, sagte sie “Das, ähm… danke!”

Und Joris zuckte bloß schlicht die Achseln, als sei sein Angebot nichts.

“Freu dich nicht zu früh.”, sagte er “Noch habe ich dir nichts über die Probe erzählt.”

“Aber… Könntest du das denn?”, die hoffnungsvolle Anna trat wieder näher und der Henkel ihrer alten Laterne quietschte dabei leise “Also… abgesehen von den Dingen, die du diesen Schrödinger erst fragen musst?”

“Hmm…”, überlegte Joris und fuhr sich mit der Hand über das glattrasierte Kinn. Seine Augen wanderten grüblerisch über die nächtliche Ebene. Anna trat wieder neben ihn und sah ihn ganz groß an.

“Ich weiß, dass in den Geschichten oft die Rede von einer Insel war. Von Siofra.”, gab der Kater zögerlich an “Dort wachsen weiße Nachtschleierlinge und angeblich waren die unter anderem eine Grundlage der Experimente, die die Körper Mädchen auch gut annahmen. Nur frage mich nicht, wieso und wie. Ich habe keine Ahnung.”

“Siofra?”, wiederholte die Giftmischerin im roten Wollmantel, die noch nie von dieser Insel gehört hatte “Wo soll das sein?”

Joris zuckte abermals mit den breiten Schultern.

“Irgendwo im Westen. Weit hinter Skellige, vermute ich. Frage Hjaldrist doch danach.”, meinte er “Jedenfalls war in den reißerischen Erzählungen stets die Rede von wochenlangen Schiffsfahrten. Und wenn sich jemand damit auskennt, dann ja wohl jemand, wie deine vernünftigere Hälfte.”

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