Kapitel 86

Bogenwald

Der beißende Gedanke daran eine egozentrische Idiotin zu sein, die das Leben anderer für die Kräuterprobe aufs Spiel setzen würde, verfolgte Anna noch lange. Selbst nach der Abreise aus dem schillernden Toussaint und dem Marsch gen Hafen Cintras hatte sie noch daran gedacht und irgendwann nicht mehr gewusst, warum es sie so sehr mitnahm ihrer Lebensziele wegen verschlagene und eigennützige Einfälle gehabt zu haben. Schlussendlich hatte sie doch nichts angestellt. Gedankengänge existierten bloß in Köpfen und Anna würde den Teufel tun ihre Freunde reell in die Scheiße zu reiten.

Toussaint war am Ende ein heilloses Chaos gewesen. Joris war an dem Abend, an dem man Clara gerettet hatte, verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Auch seine Häscher waren wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Anna und Rist hatten nach dem Hexer gesucht und sich auch bezüglich maskierter Söldner umgehört. Doch dieses Nachforschen war fruchtlos gewesen. Und als wäre dies nicht genug, war die, die man aus den Fängen der Raubritter befreit hatte, kurz nach ihrer Rettung verschieden: Ihre Stiefmutter hatte sie vergiftet. Der Adel Beauclairs hatte sich das Maul zerrissen und davon geredet, dass Olivia Clara erst an Banditen übergeben und sie später mithilfe eines vergifteten Apfels getötet hätte, doch so wirklich sicher war sich dabei niemand gewesen. Nichts desto trotz hatte man Olivia festgenommen und vor das Gericht gezerrt. Die Beerdigung Claras hatte sich daraufhin als groß herausgestellt: Man hatte sie in einem gläsernen Sarg aufgebahrt und auch Hjaldrist und Anna waren dabei zugegen gewesen, wenngleich auch etwas abseits.

Philippe hatte, im Gegensatz zur armen Clara, überlebt und war schnell wieder der alte gewesen. Zusammen mit Sebastian hatte er bald wieder örtliche Gasthäuser aufgesucht, um Karten zu spielen oder Wein zu trinken. Nur Ravello war am Ende, als er sich von Anna und Hjaldrist verabschiedet hatte, noch immer sehr bedrückt gewesen. Man hatte es ihm nicht verdenken können und es war auch kein Wunder gewesen, dass er seine beiden Kumpane nicht begleiten hatte wollen. Eher ‘gehe er die Ghule am nächtlichen Friedhof der Stadt besuchen, als seinen Freunden auf eine Insel zu folgen, auf der es vor Waldteufeln nur so wimmelte’, hatte er schwitzend gemeint. Eine erwartete Reaktion seitens des Angsthasen, der Rist und Anna lächelnd dazu aufgefordert hatte ihn irgendwann einmal wieder zu besuchen. Denn er, so hatte er gelacht, laufe im Gegenzug zu ihnen ja nicht davon.

Also hatten sich die zwei Abenteurer mühsam bis nach Cintra durchgeschlagen und auf ihrem Weg den ein oder anderen Monsterauftrag angenommen. Die Arbeiten waren nicht besonders und auch wenig ertragreich gewesen, doch sei’s drum. Für Essen und einen Umtrunk hatten die Bezahlungen stets gereicht.

In einem Vorort Cintras waren die wackeren Reisenden dann in einen Bauernaufstand geraten. Zwischen Mistgabelschwingende, verärgerte Bürger und Anderlinge. Unter letzteren war Vadim gewesen. Anna’s einäugiger Ziehonkel mit der dicken Narbe im Gesicht hatte sich grimmig, wie eh und je, gegen die stänkernden Kleingeistigen erwehrt und sich unheimlich erfreut gezeigt, als er den früheren Wirbelwind Kaer Morhens wieder getroffen hatte. Eng umarmt hatte er Anna und obwohl er seit jeher chronisch schlecht gelaunt anmutete und wenige Dinge mochte, hatte er liebe Worte für sie übriggehabt. Ganz anders, als Balthar hatte er ihr gut zugeredet und ihr versichert an sie zu glauben. An sie und ihren Begleiter, den, des Hexers Worten zufolge, ‘die Vorsehung vorbeigeschickt hatte’. Vadim hatte die Frau, die er einst aufwachsen gesehen hatte, ziehen lassen und das mit einem Segen auf den Lippen; mit einem ‘Ich hoffe, du findest, was du suchst, Arianna.’. Es hatte die Trankmischerin in ihrem Vorhaben bestärkt nach Siofra zu segeln. Und hier war sie nun. Lange Monate nach ihrer Ankunft in Toussaint, setzte sie die flachen Stiefelsohlen auf den ebenen Boden der Insel, deren Namen sie im vergangenen Sommer von Joris erfahren hatte. Wie es dem Kater heute wohl ging? Ob er überhaupt noch lebte?

“Oh, meine Fresse… ich HASSE Boote.”, stöhnte Anna wehleidig und hörte Rist leise lachen. Ein vorwurfsvoller Blick in seine Richtung folgte und die angeschlagene Kämpferin atmete einmal tief durch, als sie auf den knarrenden Hafensteg trat. Ganz blass stützte sie sich auf die Knie und spürte, wie man ihr das Kreuz im stummen Beistand rieb.

Es war dunkel und es nieselte leicht. Die ‘Sirene’, ein nordländisches Handelsschiff, dessen Kapitän Anna ihr letztes Geld für eine Überfahrt gegeben hatte, hatte nachts angelegt und all seine Passagiere waren froh darüber endlich, ENDLICH, auf Siofra angekommen zu sein. Der hiesige Hafen war unglaublich klein und wirkte nahezu verlassen. Nur im etwas weiter entfernen Leuchtturm, zwei Häusern und in einer lauten Spielunke des Ortes brannten zu dieser Tageszeit noch Licht. Und es war kalt. Der Wind, der scharf vom Meer herein schlug, war eisig und erzählte von einem ungnädigen Spätherbst. Anna fröstelte.

“Ich sage: Wir essen was und leisten uns ein Zimmer. Ich habe noch etwas Geld über.”, sagte Hjaldrist, der eine behandschuhte Hand noch immer auf Anna’s Schulter liegen hatte. Bewundernswert, wie gelassen er nach den letzten Stunden auf der unruhigen, hohen See war. Die mitgenommene Kräuterkundige bei ihm, die bei Schiffsfahrten immer unfassbar nervös und krank wurde, hatte Beruhigungstee und Schlafmittel intus und fühlte sich dennoch, als habe man sie durch die Mangel gedreht. Mehrfach. Sie glaubte sich gleich auf die Stiefel kotzen zu müssen und hätte sich am liebsten an Ort und Stelle hingesetzt. Und Rist? Der stand guter Dinge da und stemmte sich die Hände just motiviert in die Seiten.

“Ich brauch nen Schnaps.”, murrte Anna, als sie sich aufrichtete und tief ausatmete “Es fühlt sich an, als schaukle der Boden unter meinen Füßen noch immer… oh...”

“Na dann.”, grinste der Undviker keck und schenkte ihr ein breites Lächeln “Komm. Sehen wir uns die Taverne an.”

 

“Wir haben keine freien Zimmer mehr. Ihr wart heute nicht die einzigen Neuankömmlinge, müsst ihr wissen.”, brummte der bärtige Wirt der dreckigen Schänke am Hafen, als die Abenteurer keine halbe Stunde später mitsamt all ihrem Gepäck vor ihm standen. Der nach wie vor leicht bleichen Anna war die Begeisterung darüber ins Gesicht geschrieben und nahezu hilfesuchend linste sie zu ihrem Kumpel. Oh, sie wollte heute Nacht nicht im Zelt schlafen. Ihr war schlecht und im Freien war es zudem arschkalt.

“Gibt es in der Nähe eine andere Option im Warmen schlafen zu können?”, fragte Rist enttäuscht nach. Das, obwohl die Antwort darauf doch eigentlich offensichtlich erschien. Denn dieser Ort hier war am Arsch der Welt. Die alte Siedlung am Hafen war winzig und es war schwer zu glauben, dass es HIER noch eine weitere Taverne gab.

“Nein.”, entgegnete der Wirt mit der fleckigen Schürze also wie erwartet und Hjaldrist fuhr sich ratlos über das unrasierte Kinn, als der Schänkenbesitzer die beiden Vagabunden beiläufig taxierte. Der Bürger Siofras schien zu überlegen und brauchte eine Weile, bis er antwortete. Hier, in seinem Gasthaus, roch es nach Fischsuppe, Schweiß und Bier. Eine Kombination, die Anna’s beleidigtem Magen nicht unbedingt guttat, doch sie riss sich am Riemen und konzentrierte sich darauf kontrolliert ruhig zu atmen.

“Aber wisst ihr was? Versucht es doch in Bogenwald.”, machte der Bärtige hinter dem Holztresen und sein Blick hing musternd auf seinen Gästen “Es liegt von hier aus gesehen im Süden. Hinter dem großen Wald. Normalen Reisenden würde ich nicht dazu raten jenen nachts - oder überhaupt - zu durchqueren… aber ihr seht nicht wie gewöhnliche Leute aus.”

“Bogenwald?”, fragte Rist nach und auch Anna horchte auf “Wie lange braucht man bis dorthin?”

Der Wirt musste grimmig lachen und schüttelte den Kopf ungläubig. Im Hintergrund spielte irgendein Kerl schief und ohrenbetäubend auf einer Flöte und bekam dafür Eine auf’s Maul.

“Der Forst macht euch also keine Sorgen.”, stellte der Bärtige fest und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Den Radau im kleinen Schankraum ignorierte er. Ein kantiger Rausschmeißer kümmerte sich soeben darum.

“Wir waren nachts schon oft in Wäldern unterwegs. Also nein, wir haben keine Angst.”, grinste der anwesende Undviker selbstbewusst und verkniff es sich sicherlich seine Begleiterin einmal wieder fälschlicherweise als Hexerin zu titulieren, um sich als beinah unbesiegbar darzustellen. Das tat er für gewöhnlich öfter und die meisten Male bestimmt auch nur, um seine burschikose Kollegin zu triezen.

“Mhm. Keine Angst, ja?”, entkam es dem Mann hinter der Ausschank und sein Blick blieb fest an Anna hängen “Hätte ich mir bei Leuten, die Monsterjägerabzeichen tragen, auch denken können.”

Verwirrt runzelte Anna auf dies hin die Stirn. Doch dann ahnte sie, was der Wirt mit den besagten Abzeichen meinte: Ihr Wolfsamulett. Hjaldrist hatte also nicht stolz damit prahlen müssen mit einer Möchtegern-Vatt’ghern umherzuziehen.

“Ihr habt schon einmal einen Hexer getroffen?”, fragte die Kriegerin nach, denn es war nach der vorangegangenen Aussage des Schänkenbesitzers naheliegend, und der Ältere vor ihr lächelte schmal.

“Aye. Die kommen oft nach Siofra. Hier gibt es viel lohnende Arbeit. Und wenn ich ‘viel’ sage, dann meine ich ‘richtig viel’.”, erklärte er “Es gab Abende, da saßen hier mehrere von ihnen in meinem Haus und einer von ihnen lebt gar im Dorf im Süden.”

Anna runzelte die Stirn, als der Wirt andeutete, dass in der Nähe ein Mutant wohne. Vatt’ghern waren nämlich nicht sesshaft. Vielleicht meinte der Unwissende ja auch eine Hexerschule? Interessant.

“Jagen die Hexer die hiesigen Spriggan?”, warf Hjaldrist jetzt ein “Ich habe die Märchen über diese Wesen gehört. Sie seien eine richtige Plage und vernichteten einst einen ganzen Clan Siofras. Meine Leute trieben Handel mit dem.”

“Der Clan Gjallarmun, aye. Ganz Nordgaard wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Ich habe es miterlebt. Die Spriggan sind kein Märchen, Junge.”, brummte der hier Ansässige wissend “Und sie sind auch nicht die einzige Gefahr in unseren Wäldern.”

Rist und Anna hoben die Brauen und warfen sich flüchtige Seitenblicke zu.

“In unserem Forst lebt der Eichenmann.”, setzte der Tavernenbesitzer, der einst vielleicht zum abgelegenen Clan Siofras gehört hatte, verschwörerisch fort “Verärgert man ihn und die Schalai, dann Gnade einem die Götter!”

“Ha?”, machte Anna irritiert, doch fragte nicht weiter nach. Denn wahrscheinlich war der sogenannte Eichenmann ein Ent und die Schalai irgendwelche anderen heimischen Mistviecher. Man würde ja sehen. Die Giftmischerin war jedenfalls neugierig und keinesfalls ängstlich. Ja, sie freute sich gar darauf die Insel zusammen mit ihrem treuen Gefährten zu erkunden.

“Tse! Jarn, mach den Gästen doch keine Angst!”, donnerte plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund und durchbrach das Gespräch zwischen den Vagabunden und dem redseligen Wirt dreist. Und als sich Anna nach deren Besitzer umsah, erkannte sie einen Mann mit langen, braunen Haaren und gepflegtem Bart, der auf sie zukam. Der Fremde mit dem zuversichtlichen Schmunzeln im Gesicht steckte in einer einfachen Lederrüstung und er trug ein langes Schwert bei sich. Keine Farben oder Wappen machten ihn aus. Er mutete damit also an, als sei er ein Söldner. Und dennoch spielte er sich gerade so auf, als lebe er hier. Jarn winkte ab und rollte genervt mit den braunen Augen. Er fasste nach einem feuchten Leinentuch, das auf der Ablage vor ihm lag und machte sich damit daran über seinen schmierigen Tresen zu wischen.

“Unser Wald ist sicher, solange man sich auf den Wegen hält!”, sagte der Unbekannte mit den locker im Nacken zusammengebundenen Haaren leger und trat zwischen Hjaldrist und Anna. Der Skelliger im Bunde wich irritiert ab und die langsamere Anna wurde vom Übermütigen angerempelt. Der eigenartige Typ legte einen Arm locker und brüderlich um ihre Schultern; so als kenne er die Novigraderin schon ewig. Er holte Luft für ein Angebot.

“Zufälligerweise habe ich vor über eben jene Wege nach Hause zu gehen. Heute noch. Nach Bogenwald.”, verkündete der Krieger “Ich kenne die Pfade in- und auswendig.”

Anna sah unwohl zu dem Älteren auf, der sie kameradschaftlich festhielt, und versteifte sich augenblicklich. Die Situation war ihr zuwider.

“Und ihr beide”, setzte der Selbstbewusste fort, drückte die Frau neben sich an seine Seite und deutete mit dem bärtigen Kinn auf Hjaldrist “Seht mir aus, als würdet ihr zu meiner Reisegruppe passen! Wir wollen noch etwas essen und trinken. Danach geht es los. Habt ihr Pferde? Lasst sie am besten da, denn der Waldweg ist für Vierbeiner zu beschwerlich. Aber keine Angst, der hiesige Stallbursche ist brillant.”

Pikiert wand sich die anwesende Alchemistin jetzt aus dem Griff des plappernden Fremden und trat zurück, um zu ihrem besten Freund zu kommen. Jener starrte verstimmt und setzte zum Sprechen an.

“Hä? Reisegruppe? Wer bist du überhaupt?”, wollte Rist wissen und der Fremde hielt wirr blinzelnd inne. Erst jetzt schien er zu realisieren, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte. Oh Mann.

“Oh!”, machte er und lachte kurz und schelmisch auf. Es machte ihn irgendwie sympathisch, obwohl sein vorhergegangenes Handeln Anna ungut berührt hatte. Sie mochte es nicht, wenn irgendwelche Leute sie einfach anfassten und drückten. Was dachte sich dieser Narr hier denn überhaupt?

“Ich bin Leto.”, stellte sich der offenkundige Bogenwalder endlich vor “Und wie ich es schon anklingen ließ, würde ich euch gerne dazu einladen mich zu begleiten. Na?”

“Und wo ist der Haken?”, murrte Anna sofort argwöhnisch. Denn den gab es bei vermeintlich großzügigen Unterbreitungen, wie dieser hier, doch stets.

“Ja, genau. Warum willst du, dass wir mit dir kommen?”, wollte auch Hjaldrist wissen und verschränkte die Arme abwartend vor der Brust “Hast du Schiss davor allein in den Wald zu gehen, oder was?”

“Wie?”, machte Leto und zog die Brauen weit zusammen “Nein, nein, denn nicht nur ihr kämt mit. Wobei ich gestehen muss, dass es in den nächsten Tagen beschwerlicher werden könnte die Wälder und mein Zuhause zu betreten.”

“Aha!”, sagte Rist “Dachte ich mir. Und wieso?”

“In zwei Tagen ist Samhain. Saovine, wie man es anderswo nennt.”, berichtete Leto “Die Schleier sind zu dieser Zeit dünn in und rund um Bogenwald. Daher weiß ich gerne versierte Leute bei mir, wenn ich nach Hause reise und auch gedenke eine Weile lange dort zu bleiben.”

Anna legte den Kopf skeptisch schräg, als sie den Älteren taxierte. Saovine. Sie hatte überhaupt nicht daran gedacht. Doch sie wusste, dass es zu dieser Zeit des Jahres an vielen Orten tatsächlich recht okkult zuging. Es gab Zentren der Magie, riesige Intersektionen, die rund um diesen Feiertag sehr anfällig dafür waren Erscheinungen, Geister und Tote anzuziehen. Meistens hielt man sich aber von jenen fern. Dass Leto angab, dass Bogenwald in den kommenden Tagen nicht sehr sicher sei, überraschte die Trankmischerin also genauso, wie es sie interessierte. Denn: Wer, bei den Titten Freyas, errichtete denn bitteschön ein Dorf auf einen magischen Ort? Oder waren die arkanen Vorkommnisse jünger, als die Siedlung im Bogenwald? Fragen über Fragen. Und obwohl Leto’s Worte wie bedeutende Warnungen in den Ohren Annas klingelten, packte sie die klammernde Neugierde. Außerdem stand noch immer ihr Wunsch im Raum heute in einem warmen Bett schlafen zu wollen, anstatt in einem klammen Zelt. Prüfend linste sie demnach zu ihrem Wegbegleiter aus Skellige hin und erkannte, wie auch er gut nachzudenken schien. Der abenteuerlustige Rist war, so wie seine Weggefährtin, nicht abgeneigt, so schien es. Melitele sei Dank.

“Also.”, lächelte Leto nett “Kommt ihr mit oder wollt ihr heute Nacht im Freien schlafen? Wenn ihr mich begleitet, so versichere ich euch, kann man euch in Bogenwald ein Zimmer mit zwei Betten stellen. Ich kann den Bürgermeister darum bitten euch einen guten Preis dafür zu machen.”

“Einen guten Preis?”, schnaufte Rist jetzt amüsiert “Wenn wir die Aufpasser für dich mimen sollen, dann wollen wir kostenfreie Zimmer. Das ist doch wohl das Mindeste.”

Anna verkniff sich ein Grinsen und Leto lachte abermals auf.

“Pah!”, machte er erheitert und schüttelte den Kopf “Ein Geschäftsmann bist du also! Aber nun gut. Ihr sollt ein Zimmer für, hm, fünf Tage bekommen. Danach zahlt ihr aber.”

“WENN wir denn so lange bleiben.”, griente der Undviker und sah noch einmal zu seiner Kollegin hin “Anna?”

Sie nickte.

“Dann ist es abgemacht.”, beschloss der Jarlssohn, bevor er dem etwas größeren Leto die Hand reichte, um ihren kleinen ‘Handel’ zu besiegeln “Wir kommen mit dir und deiner Reisegruppe nach Bogenwald und du sorgst dafür, dass wir ein gemütliches Zimmer bekommen. Und morgen reden wir weiter. Denn ich bin mir sicher, meine Freundin Anna hier hat ein paar Fragen an dich.”

 

Der Weg durch den Wald südlich des Hafens der Insel gestaltete sich als unheimlicher, als gedacht. Anna hatte in ihrem Leben schon viel gesehen und gehört. Ja, sie war längst an den unmöglichsten Orten gewesen. Doch die Lage, in der sie soeben steckte, war ihr alles andere, als geheuer. Die Reisegesellschaft rund um den grinsenden Leto bestand aus gut zwei Dutzend Leuten. Das waren viele, mochte man meinen; so viele, dass man sich in deren Begleitung nicht fürchten müsste. Zudem konnte mehr als die Hälfte von ihnen kämpfen oder sah jedenfalls sehr erfahren aus. Doch der kalte Forst, durch den die Truppe wanderte, zeigte sich als unübersichtliches Loch, das einem schnell jeglichen Mut raubte. Dies zuletzt nicht nur wegen der Kreaturen, die hier hausten. Die Atmosphäre war eigenartig ungut und immer wieder lag eine Präsenz in der Luft, auf die Anna’s Medaillon heftig anschlug. Es war so dunkel, dass man ohne Laterne kaum die eigene Hand vor Augen gesehen hätte, und dichter Nebel kroch gespenstisch über den moosbewachsenen Boden. Paranoia klaubte mit spitzen Fingern nach einem und schon nach einem Marsch von zwei Stunden wünschte sich Anna, sie sei nicht hier.

“Bleibt ruhig und greift bloß nicht an…”, flüsterte Leto, der zusammen mit zwei weiteren Männern voranging und über die Schulter zu Anna zurücksah, die sich mit gezogenem Schwert dicht neben Hjaldrist hielt. Auch der besagte Skelliger sah beunruhigt um sich und hob seine quietschende Öllampe immer wieder an, um unwohl schaudernd in die Finsternis zu starren. Denn in jener weitläufigen Dunkelheit war etwas. Oder nein, eher: Da waren viele. Immer wieder knackte und raschelte es ringsum im Unterholz und dem Geäst. Manchmal war es so nah, dass man glaubte, es beuge sich einem unmittelbar entgegen und hauche einem ins Ohr. Es stellte einem die Nackenhaare auf. Anna hörte lautes Zähneklappern und -knirschen, das von irgendwo zwischen den Sträuchern kam. Erst von rechts, dann von hinten. Etwas schnaufte und keuchte. Da waren kleine, trappelnde Schritte auf weichem Waldboden. Die angespannte Monsterjägerin glaubte einen mannshohen, verdrehten Schatten in der Schwärze zu sehen, der neben ihr vorbei huschte und sie gab einen erschrockenen Laut von sich. Sie wich ab und in die Richtung Rists, an dessen Seite sie somit stieß.

“Werdet ihr aggressiv oder zeigt ihr keinen Respekt dem Wald gegenüber, töten sie uns alle.”, wisperte der Anführer der eingeschüchterten Reisegruppe. Und obwohl er hier heimisch war, sah er im orangen Licht der Öllaternen sehr, sehr besorgt aus. Nervös richtete er den Blick wieder nach vorn und atmete einmal tief durch, ehe er kühn voran ging. Es war fraglich, inwieweit seine Selbstsicherheit gespielt war. Irgendwo kreischte etwas kehlig auf und die halbe Truppe fuhr heftig zusammen. Vögel - oder jedenfalls konnte man vermuten, es seien welche - stoben auseinander. Und irgendjemand der Truppe hielt es nicht mehr aus und rannte in seiner ausbrechenden Panik einfach schnurstracks davon.

“Nein! Mattis, bleib hier!”, schrie dessen blonde Begleiterin und auch Anna fuhr mit dunkler Vorahnung im Blick herum. Einen Herzschlag später schon hörte man ein aggressives Klackern und den markerschütternden Schrei eines Mannes in der Dunkelheit. Da war ein Röcheln und Gurgeln, ein Schnappen von Fängen und ein grauenvolles Platschen. Anna lief es eiskalt den Rücken hinab und völlig unbewusst hatte sie nach Rist’s Oberarm gefasst, um sich daran festzuklammern. In ihrem Rücken huschte etwas leise kichernd und schnatternd durch das welke Laub, während weiter vorn der Angreifer des verstummten Mattis schmatzend fraß. Man sah es nicht, sondern hörte es nur. Oh, es war so unfassbar schnell gegangen, dass es irreal schien, dass der Panische plötzlich tot war - einfach so.

“D’yaebl…!”, keuchte Hjaldrist aufgebracht, schluckte trocken und auch er sah aus weiten Augen in die todbringende, klamme Dunkelheit. Was, bei den Göttern, lauerte dort bloß?

“Mattis, nein!”, schrie die Gefährtin des Mannes, der gerade sicherlich zerrissen im Moos lag und von irgendeiner übermächtigen Kreatur verspeist wurde. Die Dame im grauen Wollumhang wollte losrennen, um ihrem Freund in ihrem Schock zu helfen. Doch plötzlich war Leto da und riss sie am Kragen zurück. Dies so barsch, dass die Fremde würgte.

“Nein.”, befahl der Bogenwalder strikt “Es wird auch dich töten, wenn du den Weg verlässt.”

Wieder kicherte irgendwo eine Frauenstimme und fing damit an in der unnatürlichen Dunkelheit ein leises Lied zu summen. Es glich einem Albtraum. Denn sie sang betörend und schön, während unweit Fleisch und Haut rissen, es metallen-süßlich nach Blut stank und die Reisende, die von Leto im Schach gehalten wurde, damit anfing wie ein Schlosshund um ihren Mattis zu heulen. Fassungslos sah sich Anna nach der Weinenden um und hielt den Arm ihres besten Freundes nach wie vor fest. So, wie die restliche Gesellschaft schwiegen die entsetzten Vagabunden und wünschten es sich gerade ihr Zelt in Hafennähe aufgeschlagen zu haben, anstatt nun durch einen makabren, stockdunklen Wald zu spazieren. Knochen knackten. Ein Schlürfen war zu hören.

“Schnipp, schnapp…”, sang die fremde Frauenstimme des Forstes dabei und eine zweite mischte sich seufzend ein.

“Wir bleiben auf dem Weg.”, befahl Leto noch einmal mit Nachdruck und ließ den Kragen der Heulenden wieder los. Die verzweifelte Dame sank kraftlos auf die Knie und vergrub das Gesicht in beiden Händen. Ein eisiger Wind brachte die kahlen Bäume zum Knarren.

“Und wir greifen nichts und niemanden an.”, setzte der Reiseführer streng fort. Sein Blick streifte die Gruppe finster.

“Verstanden?”, wollte er wissen und einige Anwesende nickten.

“Zukunft wird Vergangenheit…”, säuselte die unmenschliche Frauenstimme des Waldes “Schnipp, schnapp.”

Die zweite und auch eine dritte Dame lachten angetan und fielen in den Singsang ein. Und Leto, der ging einfach weiter, als höre er den fremdartigen Gesang und die wilden Biester in der Schwärze nicht. Mit festem Blick wand er sich zum Gehen und winkte dabei all die anderen zu sich. Einer der Mitreisenden half der Freundin Mattis’ auf die Beine und stützte sie. Sie würde lange nicht damit aufhören können zu schluchzen und Anna konnte es ihr nicht verdenken. Und auch Hjaldrist nahm es seiner Kumpanin keineswegs übel, dass jene sich nach wie vor an seinem Ärmel festhielt. Anna tat das auch dann noch, als sie losgingen, um Leto weiter über den schmalen Waldweg zu folgen. Und jener wurde bald schon versperrt. Anna erkannte die weißen Schemen schon von weitem. Sie kamen aus dem Wald. Das nahezu grazil und so, als würden sie schweben, traten sie auf den unebenen Pfad, den die Reisegruppe zu beschreiten gedachte. Anna verlangsamte ihren Schritt sofort, als sie die drei weißen Frauen sah, von denen der Singsang ausging, den sie vor wenigen Momenten schon einmal gehört hatte. Nun war er viel näher und das Lachen der sonst sehr bedrohlich wirkenden Weiber sanft.

“Leto.”, sprach der verwirrte Hjaldrist den Bogenwalder vor sich drängend an, doch jener blieb nicht stehen “Leto, verdammt!”

Der langhaarige Krieger in der Lederrüstung ging direkt auf die weißen Gestalten zu, die mit schmeichelnden Stimmen lockten. Verwirrt beobachtete Anna das. Sie sah aufgescheucht zu Rist und hielt seinen Arm fester. So, als befürchte sie ihn gleich im Schach halten zu müssen; Als glaube sie, sie sähe Nymphen, die Männer zu sich zogen und umgarnten. Doch wider dieser Befürchtung folgte Hjaldrist Leto nicht. Auch all die anderen Kerle blieben stehen und verharrten verunsichert.

“Schnipp, schnapp…”, kicherte eine der drei Weißen, die lange, helle Kleider und Schleier trugen. Hätte Anna auf Anhieb raten müssen, hätte sie den Begriff von Mitternachtserscheinungen, Spektren, in den Mund genommen. Doch diese Wesen, die sie sah, hatten mit jenen kaum etwas gemein. Sie wirkten stofflich und ihre Körper durchaus menschlich. Man konnte ihre Gesichter ihrer Schleier wegen nicht sehen, doch ihre Hände waren nicht knöchern, sondern die von Sterblichen.

“Kommt heran”, lockte eine der Frauen liebreizend “Die Schleier sind dünn, so dünn, zu Samhain...”

Misstrauisch wanderten die verengten Augen Annas. Und als sich Leto nach seinen Gefährten umsah und sie mit Gesten dazu aufforderte zu ihm aufzuschließen, setzte sie sich allmählich wieder in Bewegung. Ach, sie wollte eigentlich nicht zu nah an die singenden Frauen heran. Sie wollte nur so weit gehen, dass sie sie besser betrachten könnte.

“Zukunft wird Vergangenheit…”, säuselte eine der Drei. Sie stand aufrecht und unter ihrem weißen Schleier fiel gesundes, schönes Haar in braun hervor. Ein Blumenkranz saß auf ihrem Haupt und hielt den weißen Batiststoff auf ihrem Kopf. Sie lächelte hinter ihrem halb durchsichtigen Kopfschmuck bezaubernd und sah dabei annähernd aus, wie ein junges Mädchen. Sie hielt einen gesponnenen Faden in ihren Händen, der unendlich erschien und aus dem Wald hinter ihr kam. Die zweite Weiße, die neben ihr stand, zog sachte an der Schnur und flocht einen Knoten in den Strang. Unter ihrem Kleid, an dem hier und da wilde Waldblumen hingen, konnte man eine große Wölbung des Bauches erkennen. Sie war offenbar schwanger und ihr Gesicht hinter dem halbtransparenten Schleier ruhig.

“Eure Schicksalsfäden verknoten sich hier, im Bogenwald. Sie verschlangen sich schon längst ineinander.”, sagte sie mit zarter Stimme und kicherte angetan vor sich hin. Sie reichte den Faden weiter an die dritte Frau. Jene stand etwas gebückt da und lachte mit kratzigem Ton. Mit einer schmiedeeisernen Schere durchschnitt diese Alte den verknoteten Strang und ließ das abgetrennte Ende zu Boden fallen.

“Schnipp, schnapp…”, krächzte sie dabei und Anna weitete den Blick verdutzt, während Leto vor die Weißen Frauen trat und sich respektvoll vor ihnen hinkniete.

“Eine Junge, eine Schwangere und eine Alte…”, wisperte Anna leise und so, als spräche sie mit sich selbst. Diese Wesen - oder was auch immer sie waren - verkörperten das, was man in vielen Teilen ihrer Heimat verehrte: Den Glauben an eine Göttin des Lebens, Melitele.

“Die Nornen.”, entkam es Rist sogleich im Flüsterton und diese Erkenntnis hörte sich aus seinem Mund mehr wie eine Frage an. Der Mann war vollends perplex und seine Miene konnte sich nicht zwischen dieser Emotion und großer Bewunderung entscheiden.

“Ich dachte-”, sagte er, als Leto zu Sprechen anfing und damit all die Aufmerksamkeit auf sich zog.

“Gewährt uns das Übertreten dieses Ortes.”, sprach der Bogenwalder laut “Wir wollen den Seelen Respekt erweisen.”

Die drei weißen Schemen lachten und hörten nicht damit auf ihren Schicksalsfaden zu verknoten und am Ende zu zerschneiden.

“Seid den Ahnen nah.”, lächelte die Jüngste.

“Lasst sie unter euch schreiten und ein letztes Mal feiern. So, wie es ihnen gebührt.”, fügte die Schwangere hinzu und lachte verhalten.

“Bereitet den Ahnen ein Fest.”, raunte die Alte “Lasst sie bei euch verweilen und sie werden euch im kommenden Jahr Ruhm und Glück bescheren. Verwehrt euch ihnen und es ist euer Untergang.”

Leto senkte den Kopf andächtig, während all die anderen Anwesenden mit offenen Mündern starrten.

“Ahnen…?”, wisperte Anna leise und ihr Freund zuckte die Achseln. Und dann, auf einmal, waren die Nornen fort. Einfach so, als seien sie nie da gewesen, waren sie verschwunden und Leto erhob sich wieder schwerfällig. Plötzlich war es ringsum ganz still. Es erschien, als seien all die finsteren Kreaturen von vorhin vor den drei weißen Frauen geflohen. Doch die nagende, bedrückende Magiepräsenz war noch da.

“Leto!”, jemand kam auf einmal unweit aus den Büschen gestoben. Es war ein schwer bewaffneter Mann und er wirkte sichtlich aufgeregt. Manche der Reisenden erschraken fürchterlich, als der Krieger allein und einfach so aus dem Forst brach. Sie wichen zurück und manche zogen die Schwerter, Bögen und Rabenschnäbel reflexartig.

“Lado!”, erkannte der Reisegruppenführer seinen vermeintlichen Freund oder Bekannten. Und jener fing jetzt auch Anna’s Interesse ein, denn er trug zwei Schwerter bei sich. Er war ein glatzköpfiger Kerl, der auf Anhieb umgänglich wirkte. Die gaffende Novigraderin wusste nicht wieso, doch der fremde Hexer wirkte nett auf sie. Das, obwohl er ein Medaillon in der Form einer gewundenen Schlange um den Hals trug. Er war eine Viper, ein Mitglied der wenig vertrauensvollen Königsmörder und Giftmischer unter den Vatt’ghern, daran bestand kein Zweifel. Doch Anna war ob dem nicht argwöhnisch, denn seit Joris waren ihr Hexer-Zugehörigkeiten einerlei, solange sie es nicht mit den Greifen, diesen Hurensöhnen, zu tun bekam.

“All die Leute aus dem Dorf”, berichtete der Schlangenhexer nun, als er bei Leto hielt, und war ganz außer Puste “Sie sind fort. Am frühen Abend waren sie noch da. Und nun-”

“Was?”, murrte der angesprochene Krieger, den Anna und Rist im Hafen kennengelernt hatten.

“Das Dorf ist völlig leer. Ich habe keine Ahnung, wo alle hin sind.”, sagte Lado und verzog den Mund unglücklich. Aus dem Augenwinkel lugte er zu den Anhängseln seines Freundes und fuhr sich einmal nachdenklich durch den hellbraunen Bart. Eine Narbe zog sich von seiner Stirn an einem Auge vorbei und bis zu seiner Wange. Seine Katzenaugen fielen auf Anna und es war, als käme ihm irgendeine prompte Erkenntnis. Vielleicht hatte er ja ihr Medaillon bemerkt. Doch anstatt sie feindselig oder kritisch zu beäugen, lächelte er nur schmal. Die Trankmischerin stutzte.

 

Das Dorf, das nach dem Forst benannt war, in dem es sich befand, lag duster und wie ein wahrhaftiger Geisterort im Schein des beinahe vollen Mondes. Lado hatte seinen Freund Leto und alle Neuankömmlinge hierhergeführt und stand nun ratlos vor dem offenstehenden Dorftor, das in einen hohen Holzwall eingelassen war. Er wendete sich zum ersten Mal an die ganze versammelte Gruppe, als er sprach.

“Normalerweise leben hier Leute.”, erklärte er “Einige Leute. So, wie ich und Leto. So leer, wie heute ist es nie. Aber… fühlt euch dennoch wohl, soweit es geht.”

Anna legte die Stirn in unschlüssige Falten, als sie an der Viper vorbei in das Dörfchen sah. Sie kam vor und Hjaldrist trat gleich ebenso neugierig neben sie.

“Wie kann es sein, dass eine ganze Dorfbelegschaft verschwindet?”, wollte der Skelliger zurecht wissen “Und was passiert hier überhaupt? Allmächtige Monster im Wald, Nornen, kryptisches Gesäusel. Ich habe schon vieles mitgemacht, aber DAS hier zeigt mir ganz neue Grenzen auf, echt jetzt!”

“Ihr seid ein Hexer.”, mischte sich Anna sofort ein und ihr Blick fixierte den ratlosen Lado “Habt Ihr die Vermissten denn nicht gesucht? Oder zumindest eine Vermutung?”

Der Angesprochene kräuselte die Brauen.

“Nein.”, kam es schlicht als Antwort “Und geht nun rein. Wir sollten uns allesamt zurückziehen und über unsere Möglichkeiten sprechen. Morgen, bei Tageslicht, sehen wir dann weiter.”

“Das würde ich auch sagen…”, brummte Leto unzufrieden und marschierte an Lado vorbei in das ausgestorbene Dorf “Ah, das darf doch nicht wahr sein! Verdammter Scheißdreck!”

“Na klasse.”, fiel Anna dazu nurmehr ein, ehe sie dem verärgerten Leto folgte und auch Hjaldrist kam ihr sogleich nach. Im dunklen Dorf angekommen, sahen sich die Vagabunden flüchtig um. Da war ein zentraler Platz, um den herum sich einige Häuser erhoben. Es gab einen kleinen Brunnen und ein großes Gebäude, über dem ein Schild mit der Aufschrift ‘Zum torkelnden Schurken’ prangte. Es war das Gasthaus, dessen Eingangsstufen Leto soeben betrat. Recht vergrämt verschwand er in der Taverne, deren Türe sperrangelweit offenstand, um im Gebäude ein Feuer zu entzünden. Anna wand sich solange um, um die Augen noch einmal forschend wandern zu lassen. Sie erkannte im fahlen Mondlicht einen Schandkorb, der am Rande des kleinen Hauptplatzes stand, und ein Ladengebäude, dessen Auslage noch ganz offen dalag. Ein jeder Dieb hätte hier soeben leichtes Spiel gehabt. Es war, als seien die Bewohner Bogenwalds fluchtartig gegangen. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen. Nur warum? Hatte sie irgendetwas angegriffen oder gar geholt?

“Wolfsschule, hm?”, riss die Stimme Lados Anna aus ihren Gedanken und sie sah auf “Ist die Kette gestohlen oder habt Ihr sie am Jahrmarkt gewonnen?”

“Tse.”, schmunzelte die Konfrontierte abfällig-belustigt “Weder noch.”

“Hm.”, machte die Viper, doch verwarf das Thema gleich, um sich ganz offiziell vorzustellen. Es fiel auf, dass der Mann dies überhaupt tat. Ja, weswegen gab er sich Anna gegenüber so höflich? Er müsste nicht mit ihr reden, nur, weil sie ein Hexeramulett trug.

“Ich bin Lado von Eifers.”, sagte der Glatzköpfige und streckte seinem Gegenüber die Hand hin, die in einem Wildlederhandschuh steckte. Nur zögerlich erfasste Anna jene, um sie zu schütteln. Dann begrüßte der lächelnde Vatt’ghern auch Rist. Für eine Viper war er überwältigend zuvorkommend. Ob man ihm trauen könnte?

“Freut uns.”, entkam es dem Jarlssohn “Ich bin Hjaldrist. Und das hier ist Anna.”

“Ah. Anna, ja?”, grinste der Kerl mit den zwei Schwertern am Kreuz gleich freundlich und äugte zu der besagten Frau zurück “Dachte ich es mir doch.”

“Ähm, was?”, platzte es aus der überraschten Alchemistin hervor und der Hexer ließ sie nicht lange in Unwissenheit.

“Balthar.”, klärte er auf “Ich kenne ihn gut. Und er erzählte mir einst von euch. Er denkt, Ihr seid tot.”

Der verblüffte Ausdruck der jüngeren Monsterjägerin schwand und machte der bloßen Abschätzung Platz, die sie für ihren Ziehvater empfand.

“Ah.”, brummte sie.

“Wir haben Balthasar im Frühjahr getroffen.”, warf Rist ein und nahm es seiner besten Freundin damit ab über ihren verhassten Mentor zu sprechen “Er weiß also, dass Anna lebt.”

“Ist ja auch egal.”, kommentierte die Frau der Runde schnell “Er würde sich nicht viel darum kümmern, hieße es, ich sei tot. Ugh. Wie auch immer...”

“Oha.”, machte Lado irritiert.

“Er ist ein Arschloch.”, fand die wenig begeisterte Alchemistin noch. Und damit war die Sache für sie gegessen. Hjaldrist warf der Viper einen Blick zu und zuckte die Achseln. Und der verständnisvolle Hexer verkniff sich jeglichen weiteren Kommentar.

“Ihr könnt bei mir unterkommen, wenn ihr wollt.”, sagte er stattdessen nach einer kurzen Pause “Balthar mag zwar nicht euer Freund sein, doch er ist meiner. Daher fühlt euch eingeladen mein Gästezimmer zu beziehen. Ich habe dort kürzlich einen neuen Ofen eingebaut. Ihr könnt ihn sehr gern benutzen.”

“Du bist also der Hexer, der hier lebt.”, stellte Rist ob dieser Worte das Offenkundige fest und Lado nickte.

“Ja. Es ist ungewöhnlich, ich weiß. Doch es hat auch seine Vorteile.”, lächelte die Viper “Aber kommt. Gehen wir erst einmal in die Taverne und wärmen uns auf. Lasst uns ein wenig miteinander sprechen. Wenn ihr wollt, versteht sich.”

“Mh. Gerade kann man eh nirgendwo anders hin.”, fand Anna mürrisch.

“Wie wahr…”, nickte ihr Kumpel und deutete auffordernd gen Gasthaus “Hoffentlich gibt es Met.”

Einen Moment später folgten die zwei geschafften Abenteurer ihrer neuen Bekanntschaft Lado dann auch schon in die kalte Schänke, um sich anzuhören, was der Vatt’ghern zu erzählen hätte.

 

“Ich betreibe eine der Gilden Bogenwalds.”, erzählte Lado, als er später mit Anna und Hjaldrist zusammensaß. Die Stimmung im stillen Gasthaus war schlecht und die blonde Freundin des verstorbenen Mattis heule noch immer in einer der Gasthausecken. Das Bier und der Met schmeckten demnach auch nicht sonderlich. Dennoch bemühten sich die Abenteurer darum sich nicht von der angstgetriebenen Atmosphäre mitreißen zu lassen. Morgen würde alles wieder besser aussehen. Die Anwesenden waren nämlich vor etwa einer Stunde übereingekommen ab der Morgendämmerung nach all den vermissten Dorfbewohnern sehen zu wollen. Jetzt, da könnte man jedenfalls nicht nach draußen und daher auch nichts für sie tun.

“Meine Zunft wurde zerschlagen. Die Vipern haben kein Zuhause mehr. Darum habe ich mich hier niedergelassen, in der Hoffnung ein neues Heim zu finden. Und das habe ich.”, lächelte der Hexer am Tisch und drehte sein Trinkgefäß zwischen den Fingern “Zusammen mit einem guten Freund - er ist zurzeit auf Reisen - baute ich zwei Häuser. Wir vermieten Zimmer und betreiben die Monsterjägergilde ‘Silber und Stahl’. Die Einnahmen, die wir dadurch verdienen, sind sehr gut und weit lohnender als das Annehmen von irgendwelchen Aufträgen auf beschwerlichen Reisen.”

“Das kann ich mir denken”, antwortete Rist “Bei DEM Wald vor eurer Tür muss es eurer Gilde echt gut gehen…”

Lado lachte leise.

“Der Forst ist tückisch, ja. Doch er ist nicht immer so gefährlich, wie momentan.”, versicherte der Vatt’ghern mit den grünlich-goldenen Augen “Die meisten Viecher darin kann man töten. Es sind nur gewöhnliche Monster. Aber zu Saovine verrücken die Grenzen zwischen unserer und der anderen Welt. Was zurzeit im Bogenwald lauert, ist übermächtig und ich würde keinem Hexer dazu raten sich dem zu stellen. Doch zumindest ist es tagsüber ruhiger.”

“Leto und die Weißen Frauen im Wald sprachen von Ahnen…”, fiel es Anna dazu ein und sie betrachtete Lado etwas planlos “Sie forderten uns dazu auf die Ahnen auf dieser Welt wandeln zu lassen, um Glück und so weiter zu erlangen.”

“Hm…”, der äußerst ungewöhnliche Bogenwalder nickte nachdenklich “Ja. DIE Sache…”

“Was ist damit?”, fragte die Nordländerin skeptisch “Es wirkt, als wüsstest du etwas darüber.”

“Nicht direkt.”, gab Lado zu “Ich lebe noch kein Jahr hier. Doch die Hexen erzählten davon, dass die Toten einmal im Jahr, zu Saovine, in die Lebenden in Bogenwald fahren würden, um ein letztes Mal so zu feiern, als seien sie nie verschieden.”

“Bitte was?”, stutzte Rist.

“Hexen?”, entkam es Anna empört, doch Lado erhob die Hände sogleich besänftigend.

“Die drei Hexen sind gutmütig und leben im Einklang mit der Natur. Sie sind Trankmischerinnen und wissen oft Rat. Manchmal kommen sie ins Dorf, um für das Seelenheil der Bewohner zu sorgen. Besonders Greta, die älteste von ihnen.”, erzählte der Mutant “Ich traf sie bereits einige Male. Sie sind vollkommen in Ordnung und halfen mir vor Wochen gar dabei eine uralte Erscheinung zu bannen.”

“Tse…”, machte Anna positiv überrascht “Da, wo ich herkomme, versteht man unter ‘Hexen’ etwas ganz anderes, als, äh…”

“Druidinnen?”, grinste Hjaldrist “Das sind sie doch wohl? Deine Geschichten über sie, Lado, hören sich sehr danach an.”

“Nennt sie, wie ihr wollt.”, entgegnete das Katzenauge gutmütig und gab sich gleichgültig, wenn es um die Bezeichnung der Kräuterweiber ging “Sie sind jedenfalls nicht der Feind.”

Anna, musterte den bärtigen Hexer, der so oft freundlich lächelte, eingehend, als er aufmerksam lauschte, während Hjaldrist damit anfing von den Druiden Skelliges zu erzählen. Der Mann im braunen Gambeson hatte die Unterarme am Tisch liegen und einen halbvollen Bierhumpen zwischen seinen Händen stehen. Er schmunzelte und nickte geduldig, ehe er Rist versicherte schon ein, zwei Mal auf An Skellig gewesen zu sein.

“Die Inseln sind ein schöner Ort. Rau ist es da, aber die Menschen sind angenehm.”, fand Lado “Als Hexer fällt man vielerorts schnell auf und wird verscheucht, verspottet oder angespuckt. Gerade als Viper hat man es heutzutage nicht leicht. Wir sind ähnlich verschrien, wie die Katzen.”

“Auf Skellige ist es den Leuten aber egal, wenn man ein Hexeramulett trägt.”, sagte Rist und vollendete damit den Gedankenzug des Mutanten, als habe er gerade in dessen Kopf hineingesehen. Womöglich hatte er das ja auch einmal wieder. Es wunderte Anna schon längst nicht mehr.

“Richtig.”, bestätigte Lado, ehe Anna die Aufmerksamkeit der Männer wieder an sich riss.

“Lado?”, fragte sie und der Vatt’ghern sah her “Hast du je von weißen Nachtschleierlingen gehört?”

“Was?”, machte der Hexer und seine Brauen wanderten ein Stück weit nach oben “Äh, ja, natürlich. Warum?”

Die hoffnungsvolle Novigraderin sah den verzwickten Blick nicht, mit dem Rist sie nun stechend bedachte. Ihr Gesicht erhellte sich stattdessen sofort und sie schlug die Handflächen froh aneinander.

“Tatsächlich?”, lächelte sie “Ich hörte, dass diese Pilze nur hier wachsen. Und ich, ähm, bräuchte sie für ein wichtiges Experiment.”

“Für ein Experiment?”, wunderte sich Lado “Sie sind hochgiftig. Aber-… ach, was überrascht es mich überhaupt, dass du Alchemistin bist? Du hast bei einem Hexer gelernt.”

“Die Schleierlinge wachsen also hier?”, stocherte Anna weiter.

“Ja, und nur hier. Unweit, in einer alten, eingestürzten Mine, findet man sie.”, berichtete die Schlange und erleichtert strahlte Anna, als sie dies hörte. Sie sah begeistert zum unglücklichen Hjaldrist hin, der ein gespieltes Lächeln aufsetzte, und wieder zurück zu Lado.

“Das ist ja großartig!”, fand sie “Ich muss mir dringend welche der Gewächse besorgen.”

“Wenn du meinst. Ich kann dir zeigen, wo sie wachsen.”, stimmte Lado zu “Die Minen sind nicht weit von hier und auch sicher. Ich habe die Riesenspinnen, die dort hausten, unlängst vertrieben. Garstige Biester waren das.”

“Danke.”, sagte Anna aufrichtig erfreut. Und obwohl sie es nach wie vor nicht so ganz glauben mochte, wie nett und menschlich Lado war, so fühlte sich dessen Anwesenheit an, wie ein großer Gewinn. Und wer wusste schon? Vielleicht hätte auch er einen guten Rat für sie übrig, wenn es um die Kräuterprobe ging.

 

Die Nacht war eine lange und niemand der Anwesenden in der Taverne Bogenwalds wollte so recht ins Bett. Es verhieß schlussendlich Sicherheit beisammen zu bleiben und sich um die große Feuerstelle der Schänke zu sammeln, unweit des warmen Flackerns an den Holztischen zu sitzen und sich alte, kratzige Wolldecken zu teilen. Auch Anna fühlte sich nach dem vergangenen Abend, als säße sie hier im einzig sicheren Hort, umgeben von lauernden Monstren und unbesiegbaren Gegnern, die nur so darauf warteten sie zu fressen. Dass es im dunklen Wald vor der Türe angeblich versierte Hexen gab und auch die gutmütigen Nornen über die nebligen Wege streiften, machte das nicht so viel besser. Also saß die Nordländerin jetzt, lang nach Mitternacht, noch immer auf der langen Gasthausbank und lehnte sich etwas müde an die Schulter ihres Freundes, der gerade die Reste seines widerlich süßen Mets austrank. Es war längst nicht mehr so arschkalt, wie nach ihrer Ankunft im Geisterdorf, und dennoch war Anna zu Hjaldrist unter eine der Wolldecken geschlüpft, die auf den abgesessenen Bänken parat gelegen hatten. Der Schönling neben ihr hatte deswegen erst etwas betreten gewirkt, doch nun gab er sich locker und froh darüber nicht frösteln zu müssen. Denn von einem der Fenster zog es trotz Feuer kalt herein. Ein dicker Riss prangte dort im Glas.

Auch Lado, der sich in seinen dunklen Umhang gewickelt hatte, war noch hier und grübelte seit einiger Zeit schon stumm vor sich hin. Sein breites Lächeln war geschwunden und auch er blickte ermattet in seinen Bierkrug oder zu den anderen Gästen, die um die Feuerstelle herum saßen: Da war ein überdachtes Abzugsloch im Dach der Taverne, unter dem die Flammen tanzen konnten, ohne den gesamten Raum mit kratzigem Rauch zu füllen. Es war so, wie es auch auf Skellige oft gebräuchlich war. Dicke Balken hielten das Gebälk ringsum und an einem von jenen lehnte Leto mit verschränkten Armen. Dieser Kerl hatte sich heute Nacht noch kein einziges Mal hingesetzt. Wahrscheinlich war er des gefährlichen Forstes vor dem Dorf und des Verschwindens der anderen Bogenwalder wegen viel zu nervös, um sich in Ruhe niederzulassen. Daher war er bisher immer wieder zwischen den anderen Menschen umher spaziert, um hier und da mit jemandem zu sprechen. Er war bedrückt, so, wie jeder hier. Doch anders, als all die anderen, bemühte er sich darum für eine bessere Stimmung zu sorgen. Genau aus diesem Grund erhob er die Stimme nun und versuchte zu lächeln.

“Mögt ihr Lieder?”, fragte er in die Runde und viele wurden hellhörig “Ich finde, Musik ist wunderbar, um Nächte, wie diese erträglicher zu machen.”

Einige Anwesende nickten. Selbst die Freundin des unlängst hingestreckten Mattis tat das und sah aus geröteten Augen erwartungsvoll gen Leto, der zufrieden aussah. Er ließ die verschränkten Arme sinken und stieß sich vom Holzbalken ab, an dem er gelehnt hatte.

“Alsdann, ich werde euch etwas vorsingen.”, entschloss er grinsend, um die schlechte Moral anzuheben “Ein Lied über Hoffnung und das Durchhalten in schweren Zeiten.”

Alle Augen waren auf den Kämpfer mit dem langen, braunen Haar gerichtet. Und dann tat Leto auch schon, was er soeben versprochen hatte. Er holte einmal tief Luft und begann ein Lied vorzutragen, das von Schlachtfeldern und dem Krieg erzählte, von vergessenen Helden und davon, dass man niemals Angst verspüren sollte. Auch dann nicht, wenn man dem Tode ins Auge sah. Es war eine schöne Melodie und Anna ertappte sich dabei sich unheimlich über das Gesangstalent des Mannes, der sie hierhergeführt hatte, zu wundern. Er war kein Barde, doch hätte viel Geld verdient, wäre er einer, fand sie. Die Giftmischerin lächelte leicht, als ihre Augen dem Geschehen folgten, in dem die hier Versammelten leicht schunkelten oder Anstalten machten im Takt des Liedes klatschen zu wollen. Für wenige Momente lenkte Leto hier von all den misslichen Umständen in und um Bogenwald ab. Er forderte seine hier ‘Mitgefangenen’ dazu auf den Refrain seines Stückes mitzusummen. Und es war beachtlich, welch eine mitreißende Wirkung Musik auf die gerade noch so schwere und ungemütliche Atmosphäre hatte.

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