Kapitel 87

Der forst schien sie auszulachen

Seine Füße trugen Hjaldrist in den herbstlichen Wald, der sich weitläufig vor ihm auftat. Das, obwohl er nicht mehr wusste, was er hier genau suchte. Er hatte es vergessen, doch glaubte, dass es wichtig sei, also ging er weiter. Das Laub raschelte unter seinen Stiefeln und er ließ den Blick forschend wandern. Seine Aufmerksamkeit fiel auf jemanden, der weit entfernt auf einer Lichtung stand und abrupt zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Kopf. Leicht kniff der Skelliger ein Auge zu und ein schmerzverzerrtes Stöhnen entkam ihm. Oh, bei Hemdall. Was zum Geier? Der innehaltende Mann fasste sich an die ungut ziehenden Schläfen und ächzte laut. Er stockte in seinem Tun, als seine Fingerspitzen dabei Metall berührten. Augenblicklich stutzte der Krieger und betastete eben jenes vorsichtig. Es schlang sich um seinen Kopf, war eng und so schwer. Viel zu schwer. Es tat weh. Das Gewicht dieses Reifens wollte ihn gen Grund zwingen und ein leiser, verwirrter Fluch entkam Hjaldrist. Das kalte Metall mit spitzen Fingern erfassend, zog er daran und zerrte es sich vom Kopf, als verbrenne es ihn. Es war… es war die Krone seines Vaters.

“Wie…?”, keuchte der Skelliger verwirrt und hob den Blick, als er Schritte im farbenfrohen Laubwerk hörte, die näherkamen. Sie gehörten zu einer Frau, die Hjaldrist so gut kannte, wie niemanden sonst. Oder jedenfalls hatte er das einen Moment lange geglaubt, denn Anna sah so verändert aus, als sie auf ihn zu schritt. Wirr blinzelte der Undviker und die kiloschwere Krone in seinen kalten Händen wurde erst zur Nebensache, dann zu rieselnder Asche, als er sich zu einem Lächeln zwang. Und mit einem Mal erinnerte er sich: Er hatte nach Anna gesucht. Ja, genau. Nur wegen ihr war er hier, denn sie war einmal wieder fortgelaufen. Immer rannte sie weg und ihr Freund hatte Angst um sie gehabt. Nur warum?

“Anna.”, stellte Hjaldrist freundlich fest und sein gezwungen netter Ausdruck wurde aufrichtig erleichtert. Er freute sich, denn er hatte geglaubt seine frühere Wegbegleiterin nie mehr wieder zu sehen. Seine vorangegangenen Kopfschmerzen waren wie weggeblasen und er musterte die jüngere Alchemistin, die die Farben seines Hauses trug: Grün und Blau. Nur warum tat sie das? Wo war ihre alte, rot-schwarz gestreifte Jacke nur hin? Sie antwortete nicht, sondern betrachtete ihren Kameraden bloß emotionslos, als sie kurz vor ihm hielt. Es wurde eiskalt. So kühl, dass der Atem des Westländers als weißer Dunst aufstieg. Erste, dicke Schneeflocken fielen vom Himmel über den kahlen Baumkronen Undviks herab. Da waren keine schönen Herbstfarben mehr; nurmehr trostloses Grau in Grau.

“Anna…?”, murmelte der Träumer, der seine Fähigkeiten noch nicht gut genug unter Kontrolle hatte, um sofort zu verstehen, wo er hier war. Er wich einen Schritt weit zurück und ein unwohles Magengefühl beschlich ihn. Ganz plötzlich wirkte seine Vertraute so bedrohlich auf ihn. Nur wieso?

“Arianna? Was ist los?”, wollte der Axtkämpfer zweiflerisch wissen. Er fror ungeheuerlich und hatte Mühe damit seine Zähne aus diesem Grund nicht klappern zu lassen. Die Frau vor ihm lächelte abfällig und der Schnee stand ihnen beiden schon bis zu den Knöcheln. Die alles einnehmende Nässe kroch unangenehm in die undichten Stiefel des Jarls, stach seine Haut und wollte ihm an den frierenden Beinen entlang gen Knie wandern.

“Fass mich nicht an, Bastard.”, sagte Anna und Hjaldrist stockte perplex.

“Was?”, entkam es ihm “Ich habe dich nicht-”

“Und lass mich in Ruhe.”, zischte die Kurzhaarige angewidert.

Der vor den Kopf gestoßene Skelliger runzelte die Stirn tief und einer seiner Mundwinkel zuckte unschlüssig zur Seite. Und während er das tat, entgleiste die Miene seiner schmalen Kollegin plötzlich merklich. Hatte Anna ihren Gesprächspartner zuvor schmerzhaft gefühllos angestarrt, so wurde sie nun zornig. Richtig, richtig zornig.

“Mit mir kann man es ja machen, was?”, schrie sie plötzlich furios durch den verwehten Schneefall “Du behandelst mich, wie ein dummes Hündchen, das dir wie selbstverständlich hinterherrennt und die Drecksarbeit für dich erledigt!”

Hjaldrist holte Luft für einen verwirrten Einwand, doch fand keine Worte. E-er war doch derjenige, der Anna stets folgte und ihr auf ihrem beschwerlichen Weg eine Kräuterprobe zu finden bedingungslos beistand. Er akzeptierte, was sie tat, obwohl er es nicht immer guthieß, und niemals hätte er ihr Böses wollen. Er liebe sie doch.

“Tse!”, lachte die Rasende und ihr braunes Haar mit der markanten Fuchssträhne darin wurde auf einmal wie von Geisterhand pechschwarz “Du stellst alles über mich, ALLES! Ich schreie eine verdreckte Wilde mit Blut in der Fresse an und was tust du? Du sagst, ich hätte dich vor ihr bloßgestellt und stutzt mich zurecht! Vor irgendeiner dahergelaufenen Barbarin, Hjaldrist! Und das obwohl du weißt, was ich von dir - von uns - denke!”

Die Frau spuckte angewidert aus. Ihr Gesicht war voller Narben. Es war schockierend.

“Anna.”, wollte Hjaldrist beruhigend dazwischenreden und erhob die zitternden FInger abwehrend, doch die Novigraderin ließ ihn nicht zu Wort kommen. Ihre hübschen Augen wurden so dunkel, wie ihre kurzen Haare. Zu dunkel. Doch Hjaldrist wunderte sich nicht mehr darüber. Denn das Pechschwarz war ihm plötzlich so vertraut.

“‘Uh! Jemand bricht mir den Finger!’”, mimte die Wütende jetzt in einer vergrämt-belustigten Parodie “‘Anna ist Schuld! Anna ist zu langsam! Mein Huskarl funktioniert nicht richtig!’. Oh ja. Ich sitze heulend in der verschissenen Taverne und was tust du? Du machst dich vor allen über mich lustig und blaffst mich an, weil ich, die ach so schlechte Leibwache, nicht so springe, wie du es willst! Mir ging es ungeheuer schlecht, und was tust du? Pah! Wie konnte ich nur glauben-”

Anna schaffte es nicht diesen Satz zu beenden, sondern gab stattdessen nur einen frustrierten Ton von sich. Sie gestikulierte, als sie sich immer weiter in Rage redete und ihre Augen waren gläsern. Hjaldrist’s Blick wanderte derweil unstet und er wusste weder was tun, noch was sagen. Er hatte keine Ahnung, wovon seine Freundin hier überhaupt sprach. Gebrochene Finger? Wilde mit Blut im Gesicht? Huskarl? Hjaldrist’s Zunge lag ihm im trockenen Mund, wie Blei. Schnee senkte sich schwer auf sein Haupt und seine Schultern. Es war, als pressten ihn harsche Hände nieder, die ihm das Stehen schwer machen wollten. Er keuchte angestrengt und ballte die eiskalten Hände zu Fäusten.

“Ich dachte, wir seien beste Freunde! So lange klammerte ich mich an diesen Gedanken!”, spie die zähnemahlende Anna und zeigte anschuldigend auf ihr Gegenüber “Aber das sind wir nicht! Du bist der tolle, große Jarl und ich? Ich bin nur das dumme Anhängsel, das permanent den Kopf hinhalten muss! Der Dreck aus dem Armenviertel Novigrads! Ha. Es reicht!”

Das hier war nicht Anna. Der Ort und der Wahnsinn, der über dem schadenfrohen Forst hing, manipulierten sie. Die fremdartige Magie veränderte die Giftmischerin so, wie all die anderen Leute. Und womöglich hatte auch Silven wieder seine Finger im Spiel. Der Jarl im grünen Rock wusste das und dennoch verärgerte es ihn, was ihm die ehemalige Monsterjägerin hier entgegenwarf. Es traf ihn ungeheuer hart und wie tausende kleine, doch tiefe Messerstiche. Denn Anna bohrte gerade in allen Wunden, die sie nur finden konnte und sie war unglaublich gut darin. Gezielt warf sie Hjaldrist Anschuldigung um Anschuldigung entgegen. Und das Schlimmste daran? Sie hatte in manchen Punkten Recht.

“Anna!”, mahnte der Skelliger dennoch mit düsterem Blick “Beruhige dich und zwar sofort!”

“Beruhigen?”, lachte die rasende Kriegerin auf und schüttelte den Kopf “Oh nein! Ich war all die letzten Monate über ruhig. Und das ist jetzt vorbei! Ich kann nicht länger ruhig sein. Denn was tust du denn die ganze Zeit? Du nimmst… du nimmst meine Ansichten und meine Gefühle und schmeißt sie weg. Du wirfst sie in den Wind und ich weiß nicht, wie ich sie je wieder einfangen soll, du Arschloch!”

Hjaldrist verstummte sofort.

“Und weißt du was, Hjaldrist?”, grollte Anna mit einem bizarren, feindseligen Lächeln auf den Lippen “Ich hasse dich dafür! Ich HASSE dich!”

Nach diesen schlimmen Worten ging alles ganz schnell. Hjaldrist schaffte es einfach nicht länger sich zu fassen. Er biss die Kiefer knirschend aufeinander, kam mit einem Mal vor und schlug wuchtig zu. Er steckte all seine Wut, die er eigentlich am liebsten gegen sich selbst gerichtet hätte, in den Schlag und sah, wie es Anna’s Kopf durch eben jenen nur so herumriss. Die Frau stürzte rücklings und stöhnte schmerzverzerrt auf. Blut tropfte in den weißen Schnee. Am Boden liegend fasste sich Anna benommen an das Gesicht. Und der viel zu stolze Jarl, der das mit ansah, stieß den Atem vergrämt aus. Seine pochenden Fingerknöchel schmerzten nach der ordentlichen Rechten höllisch, doch er verzog keine Miene. Er beobachtete Anna, die im eisigen Schnee lag, finster. Doch anstatt sich jetzt wie erhofft zu beruhigen, kam die gekränkte Nordländerin wieder auf die Beine. Sie atmete einmal hörbar durch und auf einmal hatte sie ein Messer in der Hand. Hjaldrist weitete den Blick in bitterer Vorahnung und erstarrte sogleich. Anna würde doch nicht-

Doch. Sie fuhr entschlossen zu ihrem Freund herum und marschierte schnellen Schrittes auf ihn zu, die Klinge stichbereit in der Rechten. Der überwältigte Undviker indes, breitete die Arme einfach reflexartig aus. Ja, er bot sich Anna einfach an, anstatt selbst zur Waffe zu greifen. Denn er liebte sie. Dann ein heftiger Ruck. Ein unsagbarer, lähmender Schmerz auf Taillenhöhe. Hjaldrist gab einen überforderten Laut von sich; er weitete den Blick und japste leise. Und das Letzte, das er sah, waren tiefschwarze Augen, die ihn wie einen Feind anstarrten.

Der Skelliger schrie verhalten auf, als er abrupt hochschreckte und zerfahren um sich sah. Schweiß stand ihm auf der Stirn und sofort fiel sein Blick durch die Düsternis auf Anna. Sie lag auf dem zweiten Bett im Zimmer, das sie beide noch in dieser Nacht bezogen hatten. In Lado’s Haus. In Bogenwald. Alles… alles war gut. Hjaldrist hatte nur geträumt. Wobei… ‘nur’? Sein Atem ging nach wie vor schnell und unregelmäßig, als er den Schemen seiner Freundin betrachtete, die im Mondschein, der durch das kleine Fenster hereinfiel, ruhig schlief. Die Alchemistin lag abgewandt da, mit angezogenen Beinen und unter einem Haufen aus Decken, einem zotteligen Fell und ihrem wollenen Umhang. In einer der Zimmerecken knackte der eiserne Ofen leise und irgendwo, vor dem Dorf, schrie eine Eule.

Hjaldrist schluckte schwer. Und er wusste nicht warum, doch plötzlich ereilte ihn eine unsägliche Trauer. Der klammernde Traum von gerade eben war ihm längst irgendwie schleierhaft. Der Mann konnte sich nurmehr an Fetzen davon erinnern. Doch das, was er noch vor dem geistigen Auge hatte, verletzte ihn zutiefst. Diese… diese Anna, die er gesehen hatte… bei den Göttern, sie war so fremd und grotesk gewesen. Und die Dinge, die sie gesagt hatte, hatten ihn so schwer getroffen, dass sie auch jetzt noch quälend nachwirkten. Der geschaffte Undviker senkte den Blick und sah sprachlos vor sich hin. Ob sein Albtraum wieder eine Vision gewesen war? Er hatte im Schlaf doch schon so oft Dinge gesehen, die sich später bewahrheitet hatten. Dass er seine beste Freundin in den vergangenen Minuten hatte schlagen können, sprach schwer dafür. Denn in Visionen vermochte er so etwas. In normalen, unbewussten Träumen schaffte er es nie zuzuhauen; auch dann nicht, wenn er es wollte. Was also, wenn es irgendwann wirklich dazu käme, dass ihm Anna, ANNA, ein Messer in die Seite stieß? Nein. Das würde sie niemals tun. Warum sollte sie auch? Warum sollte sie IHN anbrüllen und ihm vorwerfen sie wie Dreck zu behandeln? Hjaldrist hätte niemals einen Grund dazu. Oder?

Leise und gepeinigt seufzte der Mann mit den offenstehenden Haaren, die ihm mittlerweile knapp bis über die Schultern fielen, in sich hinein. Er fuhr sich mit der kalten, feuchten Hand über das Gesicht und versuchte sich auf das Hier und Jetzt zu besinnen: Er und seine verrückte Gefährtin waren in Bogenwald, einem verschlafenen Dörfchen auf der Insel Siofra. Übermorgen war Saovine und daher galt der Ort als relativ unsicher. Jedenfalls, wenn man den verschwörerischen Erzählungen der Bevölkerung Glauben schenkte. Der Hexer Lado hatte Anna und Hjaldrist in sein lauschiges Heim eingeladen und ihnen ein Zimmer gegeben. Und morgen, also in ein paar Stunden, wollten sie losziehen, um nach den Dorfbewohnern zu suchen, die verschwunden waren. Vorhin, in der Taverne, hatte Leto gesungen. Anna hatte sich derweil an Hjaldrist gelehnt, eine wärmende Decke über sie beide gezogen, und ihren Freund damit ganz schön nervös gemacht. Und dann, etwa eine Stunde und einen halben Humpen Apfelsaft später, hatten sie die Schänke zusammen mit dem Vatt’ghern des Dorfes verlassen, um endlich schlafen zu gehen. Lado nächtigte direkt nebenan.

Hjaldrist sah abermals auf und in die düstere Leere vor sich. Er schloss den Mund und linste noch einmal zur ruhenden Anna zurück. Sein Gefühl war nicht viel besser geworden. Noch immer saß ihm das Bild seiner wütenden, besten Freundin mit den pechschwarzen Haaren im Nacken. Und er würde jenes im Moment nicht los werden oder es gar schaffen wieder einzuschlafen. Was ihn hatte hochschrecken lassen, beschäftigte ihn dafür zu sehr. So sehr, dass er sich mittlerweile sicher war, dass sein Traum nicht nur ein einfaches Bild im Schlaf gewesen sein musste. Und diese Tatsache, diese schlimme Ahnung, nagte an ihm. Es fühlte sich an wie lauernde Verzweiflung, die einem die Brust ganz eng machte. Also erhob sich Hjaldrist jetzt aus seinem Bett, um auf bloßen Füßen vor die Schlafgelegenheit seiner Kollegin zu treten. Der blasse Mann zögerte erst, doch nach zwei unterbrochenen Anläufen setzte er sich zu der Burschikosen auf die strohbefüllte Matratze. Er beäugte die schlummernde Frau kurz und haderte, ehe er eine Hand vorsichtig nach ihr ausstreckte. Seine Finger suchten die Schulter der Liegenden. Und er schluckte trocken, bevor er sie sachte rüttelte. Anna murrte gleich leise, doch ihr Freund ließ nicht locker. Schlaftrunken brummte sie etwas und wollte die Finger an ihrer Schulter fortschlagen. Das geschah ihres Halbschlafes wegen recht lasch.

“Agh…”, machte sie dann, schnaufte und fasste sich ans Gesicht.

“Anna.”, flüsterte Hjaldrist. Es war bescheuert, das wusste er, doch er MUSSTE jetzt einfach mit einer freundlichen Anna reden, die ihm keine Anschuldigungen entgegenwarf und ihm kein Messer in den Körper rammte. Hjaldrist suchte Beistand und die Versicherung dessen, dass man ihn nicht verabscheute. Er agierte ein wenig, wie im Schock und konnte sich einfach nicht dagegen erwehren.

“Arianna, wach auf…”, sagte der Mann leise drängend und sah, wie die so ernst aufgeforderte Kriegerin in der Düsternis der Nacht den Kopf hob.

“Hm, was?”, nuschelte sie. Ihre müden Augen suchten ihren Begleiter und sofort mutete sie viel wacher an. Die Jüngere setzte sich mich einem Mal auf und wollte nach dem silbernen Dolch neben ihrem Kissen fassen. Doch Hjaldrist beschwichtigte sie gleich.

“Alles gut.”, machte er hastig “Wir werden nicht angegriffen.”

Anna hielt inne und ließ die Hand wieder sinken.

“Ha?”, machte sie, doch verstand dann wohl. Ihre Glieder entspannten sich nämlich und auch ihr Ausdruck wurde weicher. Ihr Hemd saß etwas schief, hing ihr an einer Seite von der Schulter, und sie roch angenehm nach dem Duftwässerchen, das Ravello ihr einst aufgedrängt hatte. Er hatte gut daran getan, denn es stand ihr.

“Oh…”, entkam es der Frau dann langsam und sie atmete tief durch die Nase ein, ehe sie sich kurz etwas streckte und gähnen musste. Schnaubend rieb sie sich den steifen Nacken.

“Es ist sehr spät… äh… oder früh. Tut mir leid.”, räusperte sich der Skelliger, doch seine Kumpanin lächelte schon etwas dümmlich und zog eine Braue taxierend hoch.

“Schlecht geträumt?”, vermutete sie richtig “Hmpf. Wir können Karten spielen oder etwas rausgehen, wenn du willst. Mach mal Licht an.”

Erleichterung machte sich im Bauch Hjaldrists breit, als er das hörte und sah, wie freundlich Anna ihn anblickte, obwohl sie beachtlich müde sein musste. Es wischte seine Bedenken bezüglich seiner vermeintlichen Vision wieder ein wenig weiter fort. Ein sanftes Lächeln schlich sich auf seine Züge und die Kurzhaarige taxierte ihn ob dem etwas verunsichert.

“Hm?”, machte sie “Was ist denn…?”

Der Jarlssohn, der erst jetzt bemerkte, wie beruhigt er gegafft hatte, zuckte leicht zusammen und nickte dann. Ach, er war ein Idiot.

“Äh, ja, ja…”, sagte er und äugte nach der Öllampe, die neben Anna’s hartem Bett am Boden stand. Die Trankmischerin hatte die Angewohnheit spätnachts manchmal dringend zum Abort zu müssen, weil sie viel zu viel Tee trank. Daher stand neben ihrem Schlafplatz immer eine Lichtquelle parat. Zu oft war sie schon, als sie nachts und im Finstren austreten gehen hatte wollen, über Zeltspannseile oder Steine gestolpert. In Toussaint war sie gar einmal eine Treppe hinuntergekracht und hatte laut geschimpft, weil sie keinen Katzentrank zu sich nehmen konnte, da sie noch keine Hexerin war. Und deswegen nahm sie nun immer eine Laterne oder dergleichen mit, wenn sie im Dunkel nach draußen schlurfte.

Hjaldrist fasste nach der rostigen Lampe am Grund und hob sie an, ehe er nach den Schwefelhölzern seiner Alchemistenkollegin am Beistelltisch tastete und damit ein Feuer entfachte. Sofort warf jenes tanzende Schatten an die kahlen Holzwände und einen warmen Schein auf Gesichter und die Einrichtung. Der Raum war sehr spartanisch. Mehr, als der Ofen, ein Tischchen und die Betten standen hier nicht. Doch das war mehr, als man sich gerade wünschen konnte. Besonders der Ofen, mit dem man nicht nur einheizen, sondern auf dem man auch Wasser erhitzen konnte, war Gold wert.

Anna schälte sich solange aus ihrem dicken Deckenhaufen und stellte die nackten Füße vor das Bett. Nur in zu großem Hemd und Bruche neben Hjaldrist sitzend, rieb sie sich so die matten Augen. Und es war für sie wie immer selbstverständlich wach zu sein, wenn auch ihr Kumpel nicht schlafen konnte.

“Was hast du gesehen...?”, wollte sie wissen und Hjaldrist stellte die brennende Laterne wieder auf den Boden. Der Mann zögerte, doch dann redete er offen.

“Wir haben ganz schön gestritten…”, erzählte er und sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin “Ich weiß nicht genau, weswegen… aber du warst unglaublich böse auf mich und hast mich angebrüllt.”

Anna musterte ihren Freund interessiert von der Seite aus.

“Ich habe dich umgeboxt… und dann hast du mich abgestochen. Einfach so.”, erinnerte sich der Dunkelhaarige unwohl berührt und fand, dass sich all das nun, im Nachhinein, richtig lächerlich anhörte.

“Was?”, murmelte Anna leise, als sie sich leicht vorbeugte “Ah, Rist. Du hast dich also nicht an Regel Nummer Drei gehalten…”

“Komme nie ohne Messer zu einer Messerstecherei.”, rezitierten die beiden Freunde wie im Chor und die Frau im Bunde musste ob dem lachen. Es war dieser lockere Umgang, wegen dem Hjaldrist sie so sehr schätzte. Es brachte ihn dazu schon wieder schmunzeln zu können. So oft war dem so: Er saß vollkommen fahrig neben seiner Lieblingschaotin, machte sich einen riesengroßen Kopf wegen grausiger Traumbilder und Anna… die warf ihm einfach ein Lächeln ins Gesicht und zuckte mit den Schultern. Hjaldrist konnte bei diesem Gedanken, der ihm jedes Mal in dem Sinn kam, nicht mehr anders, als nun den Arm zu heben, um ihn locker um die Schultern seiner Engsten zu legen. Und sie ließ diese brüderliche Geste auch gerne zu. Ja, mehr noch: Auch sie hob die Hand, um das Kreuz ihres Freundes tröstend zu tätscheln.

“Wir müssen unseren Regelkatalog übrigens einmal wieder aktualisieren, Rist.”, fand Anna währenddessen “Mir sind letztens zwei neue Gebote eingefallen, die wir unbedingt aufnehmen müssen.”

“Und die wären?”, fragte der Krieger nach und verkniff sich jetzt schon ein Auflachen. Denn ihr kleines ‘Regelwerk’ bestand bisher aus sehr vielen schwachsinnigen Richtlinien, die sie vor allem im trunkenen Zustand aufgeschrieben hatten. Wie zum Beispiel: ‘Wein auf Bier, das gönn ich mir. Bier auf Wein, das gönn ich mir.’ oder ‘Kartätschen sind in jedem Fall ein wirksamer Meinungsverstärker’. Also grinste Hjaldrist, während Anna Luft zum Sprechen holte.

“Regel Nummer Zehn: ‘Brate niemals Pfannkuchen ohne Speck.’”, maulte Anna “Und Elf ist genauso wichtig: ‘Haue allen, die Pfannkuchen ohne Speck zubereiten auf die Fresse’. Das fiel mir gerade wieder ein, denn ich habe geträumt, dass du nur in Unterwäsche gekleidet, mit Stiefeln an den Füßen und mit einem lächerlichen Kopftuch Pfannkuchen mit Speck gebacken hast. Das war… eigenartig.”

 

Kurz nach der Dämmerung waren die Abenteurer dann schon in Aufbruchstimmung. Obwohl sie nur wenig geschlafen hatten, wollten sie Lado und Leto begleiten, um nach den vermissten Dörflern zu sehen. Der große Wald sei nun, so die beiden Bogenwalder, sicherer, als nachts. Dennoch solle man nicht in großen Gruppen in den Forst marschieren. Und so wollten sich die vier Krieger allein aufmachen, während der Rest der hier neu Angekommenen die Stellung hielt.

“Wir fragen Greta nach Rat.”, schlug Leto prompt vor, als er sich den breiten Schwertgurt umlegte und sein glatzköpfiger Hexerfreund neben ihn trat “Wenn eine Truppe durch den Wald gelaufen ist, wissen sie und ihre Schwestern das bestimmt. Es ist jedenfalls besser, als blindlings loszulaufen. Wir haben schließlich keinerlei Anhaltspunkte.”

“Naja, ich bin gut im Fährtenlesen, Leto”, bekrittelte der anwesende Vatt’ghern nun “Wenn eine ganze Dorfbelegschaft unlängst durch den Forst getrampelt ist, dann werde ich sehr schnell Spuren finden, glaub mir.”

Anna und Hjaldrist standen bei den beiden Männern und warteten stumm ab. Sie waren fertig angekleidet, trugen ihre Rüstungsteile, wärmende Mäntel und all ihre Waffen. Was auch immer sie also im nahen Wald finden mochten, sie waren gut vorbereitet. Nur hoffentlich kamen ihnen keine der unbesiegbaren Monstren in die Quere. Leto hatte zwar gemeint, jene schlichen nur in der Dunkelheit umher, doch man konnte ja nie wissen.

“Ja, ja…”, murrte der langhaarige Bogenwalder nun und die Viper schenkte ihm im Gegensatz ein zuversichtliches Lächeln. Es tat gut zu sehen, dass wenigstens einer der Vierergruppe guter Dinge war.

“Also. Gehen wir?”, fragte Leto, als er sich nach Anna und Hjaldrist umsah, und die Vagabunden aus dem Ausland nickten. Momente später schon traten sie vor das Dorftor und in eine raue Wildnis, in der der Morgentau noch an Gräsern und Blättern hing. Es war kühl und die Luft unangenehm feucht. Doch die Waldluft tat gut und machte einen gleich wacher, fand Hjaldrist. Er atmete einmal tief durch und straffte die Schultern, als er hinter Lado in das Unterholz trat und sich dabei einmal kurz nach Anna umsah, die ihm zielstrebigen Blickes folgte. Es tat gut ihre braunen Haare zu sehen, denn noch immer lag dem Undviker der schreckliche Traum von letzter Nacht schwer im Magen. Den Blick wieder von der Alchemistin fort reißend, achtete Hjaldrist dann darauf Lado dicht durch den klammen Wald zu folgen. Aufmerksam sah er um sich, um etwaige Gefahren gleich zu erkennen, doch vorerst erschien alles ruhig. Und daran änderte sich, Hemdall sei Dank, nichts. Nichts und niemand kam dem suchenden Vierergespann in die Quere. Jedenfalls nicht bis zu dem Punkt, an dem sich Lado nach weniger Zeit hinhockte, um ein paar Fußabdrücke am weichen Waldboden zu begutachten.

“Guten Morgen.”, drang eine sanfte Frauenstimme an die Krieger heran und sofort horchte Hjaldrist auf. Er hielt seine Axt fest in der Rechten, hatte sie heute noch kein einziges Mal geholstert. Und als sein alarmierter Blick auf die fiel, die da sprach, erkannte er eine Dame in einem einfachen Leinenkleid, die einen farbenfrohen Blumenkranz um den Hals trug. Eine braune Wolldecke lag um ihre Schultern geschlungen und helle Farbe aus Kalk zierte ihre Haut in auffallenden Gesichtsbemalungen. Sie lächelte ruhig und trug einen kleinen Weidenkorb bei sich, aus dem einige Stängel und Kräuterbündel ragten.

“Lado. Leto.”, grüßte sie nickend und linste dann auch zu den beiden Ausländern der Runde hin. Sie musterte jene aufmerksam und obwohl sie sehr sympathisch wirkte, war da ein Funke Arroganz in ihrem Ausdruck. Es gab ihr ein autoritäres Auftreten.

“Willkommen im Bogenwald.”, sagte die Frau mit den dunkelblonden, langen Haaren nett. Ihre Locken fielen ihr offen von den schmalen Schultern “Mein Name ist Greta.”

“Äh.”, stutzte Hjaldrist und auch Anna betrachtete die Fremde, die sich soeben als eine der drei hiesigen Hexen entpuppt hatte, perplex. Greta trug keine Schuhe und ihre grauen Augen muteten an, als könnten sie damit direkt in einen hineinsehen. Ein leichter Geruch von Thymian begleitete sie.

“Hjaldrist.”, stellte sich der Skelliger unsicher vor.

“Anna.”, tat es ihm seine Freundin gleich.

“Mhm.”, lächelte die, für die vorherrschende Witterung sehr spärlich bekleidete, Hexe sanft “Ihr sucht die Anderen, nehme ich an.”

Leto trat jetzt sofort vor und betrachtete Greta auffordernd. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.

“Wo sind sie?”, platzte es fordernd aus ihm heraus. Er machte sich unheimliche Sorgen und daher sprach er wohl lauter, als er es eigentlich wollte. Oder aber, er mochte die Frau aus dem Wald nicht sonderlich und redete ob dem so barsch mit ihr. Es schien ihr nichts auszumachen, denn ihr freundlich-berechnender Ausdruck war ungebrochen. Sie kicherte leise ob der rohen Art ihres Gegenübers.

“Sie sind in den Ruinen Nordgaards.”, berichtete die Frau “Schatten suchten Bogenwald gestern Abend heim, denn die Schleier werden immer dünner. Wesen aus der Anderswelt kamen und die armen Menschen mussten flüchten.”

“Wie bitte?”, atmete Leto wie vor den Kopf gestoßen und Lado kräuselte die Brauen beunruhigt.

“Es geht ihnen gut.”, besänftigte Greta sofort “Meine Schwestern und ich halfen. Und wir zogen einen Kreis aus Salz um Nordgaard.”

“Salz?”, schnaufte Leto, als verarsche man ihn hier gerade, doch Anna sprach dazwischen und pflichtete der wissenden Greta damit bei.

“Salz hält viele Geister und dergleichen fern.”, sagte sie “Es kann also nicht schaden.”

“Tse.”, lachte Leto abfällig “Salz… so, so…”

“All die anderen sind also in Nordgaard? Geht es ihnen gut?”, wollte Lado nun besorgt wissen, als sich der zweite Bogenwalder abwandte, um den Kopf ungläubig zu schütteln. Auch heute wehte eine kühle Brise.

“Natürlich.”, lächelte die Hexe geheimnisvoll “Niemand kam zu Schaden. Obgleich zwei Leute von den Schatten entführt wurden. Sie tauchten im Laufe der Nacht aber wieder auf. Davon abgesehen, dass sie nun etwas verwirrt sind, scheint alles in Ordnung zu sein. Sie erinnern sich auch nicht an ihr Verschwinden.”

“Oje… man sollte sie vielleicht im Auge behalten...”, seufzte der anwesende Hexer und sein Blick suchte Anna und Hjaldrist “Aber gehen wir zuerst nach Nordgaard und sagen den Leuten dort, dass Bogenwald wieder sicher ist. Und dass sie wieder nach Hause kommen können.”

“Sicher? Vorerst.”, kommentierte Hjaldrist dies zynisch. Denn er hatte bei der Sache ein ganz übles Gefühl.

“Ja, vorerst.”, nickte die Viper “Wir werden Schutzvorkehrungen treffen und uns Gedanken über die sogenannten ‘Schatten’ machen müssen. Das wird schon.”

“Du bist ja echt zuversichtlich.”, fand der zweiflerische Undviker, der mit Schattenwesen keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Es war noch nicht allzu lange her, da hatten ihn in Sturmfels Exemplare eben dieser attackiert. Und dies war alles andere, als angenehm gewesen. Hjaldrist hatte demnach wenig Lust darauf wieder in die Fänge von irgendwelchen schwarzen, fauchenden Monstren zu gelangen.

“Mag sein. Und jetzt kommt.”, lachte Lado leise und nickte in die Richtung, in der vermutlich das zerstörte Nordgaard lag. Besser, die Gruppe machte sich nun daran die restliche Dorfbevölkerung Bogenwalds aufzusuchen und mit diesen Leuten zu sprechen. Umso eher sie das erledigt hätten, desto besser. Denn die Tage waren zu dieser Jahreszeit kurz. Sobald sich die Dunkelheit wieder über dem hiesigen Forst ausbreitete, könnte man nicht mehr vor das Dorftor treten. Und wer wusste schon? Vielleicht kämen die gefährlichen Schatten heute Abend wieder, um erneut Personen mit sich zu nehmen. Hjaldrist hatte auf alle Fälle vor das mit allen Mitteln zu verhindern und würde noch die Köpfe mit Anna und Lado zusammenstecken. Schlussendlich waren sie drei die einzigen Monsterjäger hier, die sich mit Arkanem auskannten.

 

“Ich bin mir nicht so sicher, ob Salz reicht.”, sagte Anna, als sie sich Lado später entgegenbeugte. Sie saß dem Hexer in der Taverne Bogenwalds gegenüber und hatte die Arme auf die alte Tischplatte gestützt. Hjaldrist saß neben ihr und legte die Stirn in Falten, als er grübelte.

“Was ist mit Yrden?”, fragte er nach “Ich bin nun nicht so bewandert in Hexerdingen, wie ihr beide, doch hilft dieses Zeichen nicht auch gegen Spektren?”

Lado sah überrascht auf und zu dem klugen Undviker hin.

“Oho.”, machte die Viper beeindruckt “Ich sehe schon, Anna hat dir das ein oder andere beigebracht, hm?”

“Wir reisen schon seit vier Jahren zusammen.”, erklärte sich Hjaldrist schief lächelnd und auch seine Freundin grinste zufrieden. Sie knuffte ihm anerkennend in die Seite.

“Ich verstehe…”, sagte Lado und kam dann zum vorherigen Thema zurück “Yrden ist in der Tat eine Idee. Ich könnte Yrden-Fallen rund um das Dorf anbringen. Nur werden die nicht ewig halten. Aber lasst das mal meine Sorge sein.”

“Was haben wir noch?”, sprach Anna drängend weiter.

“Die Hexen sind im Dorf und wollen helfen.”, erinnerte Hjaldrist auf dies hin. Nachdem man die vermissten Dörfler heute Vormittag tatsächlich unbeschadet in Nordgaard aufgespürt hatte, waren auch die drei Waldweiber mit zurück nach Bogenwald gekommen. Sie streiften just um den Holzwall des Ortes, um dort irgendwelche ‘Schutzzauber’, wie sie sie nannten, anzubringen. Ob jene helfen würden, war aber fraglich. Denn noch immer konnte sich Hjaldrist keinen wirklichen Reim auf die Hexen machen. Er konnte nicht abschätzen, wie fähig sie waren und was von all ihren Worten abergläubisches Geschwätz war. Sie waren, obwohl sie den Druiden Skelliges im Grunde ähnelten, doch so anders, als jene.

“Wir, Rist und ich, können also nicht sehr viel mehr tun, als die Augen offenzuhalten.”, schloss Anna richtig “Also gehen wir nach der Dämmerung auf den Hauptplatz und passen dort auf? Wenn wir unsere Waffen mit Lado’s Geisteröl benetzen, stehen unsere Chancen doch recht gut.”

“Oh ja. Hoffen wir es.”, schmunzelte der Undviker und fasste nach seinem Becher, in dem heißer, duftender Kräutertee mit Honig vor sich hin dampfte. Zu dieser kalten Zeit war der eine regelrechte Wohltat.

“Das Öl ist normalerweise teuer.”, grinste der Hexer am Tisch “Schlampt nicht herum damit.”

“Niemals.”, lachte Anna leise “Und danke…”

 

Die Wachschicht der beiden nervösen Abenteurer war ziemlich ereignislos verlaufen. Obwohl man aus dem nahen Wald immer wieder unheimliche Geräusche gehört hatte, war nichts an das Dorf herangekommen und keine Kreatur hatte die Bäume des finsteren Forstes verlassen. Hjaldrist hatte geglaubt einmal einen dunklen Schemen einer schwarzen Frau mit umgeknickten Hals am Waldrand entlang spazieren gesehen zu haben, doch das war es im Endeffekt auch schon gewesen. Und jetzt, nachdem sie drei Stunden lange in der Kälte gestanden hatten, waren er und Anna in der Schänke zurück, um sich aufzuwärmen. Lado hatte zusammen mit drei anderen Kriegern die Wache übernommen und die viel jüngeren Vagabunden dazu aufgefordert sich endlich auszuruhen, doch so ganz wollten die beiden Freunde das nicht. Also lungerten sie jetzt zwar im Gasthaus herum, doch hielten sich dabei der Eingangstür am nächsten auf. Ihre Waffen, die vor Geisteröl nur so schimmerten, lehnten griffbereit an der Holzbank neben ihnen und es war klar: Würde irgendjemand Alarm schlagen, wären sie sofort zur Stelle, um zu helfen. Und diese motivierte Einstellung hatten nicht nur sie. Überall saßen die wackeren Kämpfer und hatten ihre Schwerter vor sich auf den Tischen liegen. Sie tranken, doch wenig. Niemand wollte sich heute haltlos besaufen, denn es wäre im Ernstfall gefährlich zu betrunken zu sein. Auch herrschte keine laute Musik vor, sondern nur ruhiges Lautenspiel einer Frau, die in einer der hinteren Ecken des Hauses saß und melancholische Lieder summte. Die Stimmung war dennoch angenehmer, als gestern, und die Schänke voller, denn alle Bogenwalder waren wieder da. Das war schön. Und dennoch schaffte es Hjaldrist just nicht so recht zu lächeln. Er hatte einen Humpen Bier und ein angebissenes Schmalzbrot vor sich stehen und dachte noch immer an das, was er in der letzten Nacht im Traum gesehen hatte. Ach, vielleicht war es ja lachhaft, doch dies beschäftigte ihn so sehr. Denn er WUSSTE, dass die Bilder in seinem Kopf realer gewesen waren, als sie erst den Anschein gemacht hatten. Die schwarze Anna, die ihn erstochen hatte, war jemand, den er in Zukunft antreffen würde, ganz bestimmt. Sein Gefühl sagte ihm nichts anderes. Er konnte nicht falsch liegen. Und diese Befürchtung bescherte ihm einen flauen Magen.

“Ey, Rist.”, kam es von der Seite und Anna lächelte dem Jarlssohn breit und wölfisch zu. Die schlechte Laune ihres Freundes musste ihr zuletzt aufgefallen sein und sicherlich käme gleich ein dummer Witz, um ihn aufzumuntern. Hjaldrist betrachtete seine neckische Kollegin abwartend.

“Oje…”, wisperte er leise.

“Ich kenne das Geheimnis von denen da drüben.”, sagte Anna und zeigte unauffällig zu einem Tisch, an dem eine Frau mit schwarzem Zopf und ein dicklicher Krieger mit fettigen Locken saßen. Unschlüssig musterte der Undviker diese beiden. Worauf wollte Anna hinaus?

“Geheimnis?”, murmelte er und seine Neugier war sofort geweckt worden “Welches Geheimnis denn?”

Anna gluckste leise. Sie war ein wenig angeheitert, denn seit sie Toussaint verlassen hatten, hatte die Frau kaum Alkohol getrunken. Sie vertrug längst nichts mehr und ein Krug Met mit Kirschsaft hatte ausgereicht, um ihr eine leichte Röte auf die Wangen zu zaubern. Es sah süß aus, wie sie nun so spitzbübisch und etwas dämlich vor sich hin grinste. Sie hatte gerade mehr vor, als blöde Sprüche zu klopfen, nicht wahr?

“Au ja…”, machte sie verschwörerisch “Ein dreckiges Geheimnis haben die. Pass auf...”

Die Kurzhaarige in der gestreiften Jacke rückte etwas näher an ihren wirren Freund heran, um ihm zuflüstern zu können. Dabei nahm sie die braunen Augen nicht von den zwei Fremden gegenüber.

“Sie waren Teil eines magischen Versuchs…”, wisperte Anna Hjaldrist hinter vorgehaltener Hand zu und an diesem Punkt war es glasklar, dass sie gerade Mist erzählte und sich reißerische Geschichtchen ausdachte “Sie… wollten mithilfe eines Zauberers ihre Krampfadern loswerden. Doch stattdessen haben sie die Körper getauscht. Stell dir nur mal vor...”

Hjaldrist biss sich auf die Unterlippe, um nicht auffällig zu lachen, denn die betroffenen Fremden sahen kurz fragend her. Anna schnaufte gespielt grimmig-erheitert.

“Die Frau steckt nun in diesem Fettwanst und hinterfragt ihr Leben - zurecht. Und er, dieser ekelhafte Typ, hat ihren schönen, schlanken Körper. Und es gefällt ihm.”, setzte die Novigraderin abschätzig fort “Oh ja, und wie es das tut.”

Der Skelliger verkniff sich ein zu breites Grinsen und das sehr mühsam, denn am liebsten hätte er vor Lachen losgebrüllt und seiner Freundin einen Klaps gegen den Hinterkopf verpasst.

“Du spinnst.”, sagte er amüsiert und wollte das Haupt schon ungläubig schütteln, da holte seine beschwipste Freundin plötzlich tief Luft. Auweia.

“Ihr da!”, maulte sie über den fleckigen Tisch zu denen, über die sie just gelästert hatte “Ich weiß Bescheid!”

Hjaldrist’s lockere Miene verrutschte, als dies geschah und er stammelte etwas Unverständliches, als die Schwarzhaarige und der fette Kämpfer erneut verwirrt herblickten. Der unruhiger werdende Undviker lächelte betreten, doch hielt Anna nicht auf. Denn ganz ehrlich? Das hier war irgendwo urkomisch.

“Ja ha. Ich kenne euer Geheimnis!”, rief die laute Giftmischerin und erhob sich, zeigte auf die Fremden und lachte höhnisch “Ah, ihr könnt es nicht vertuschen! Und du, schäme dich!”

Nun deutete der Zeigefinger der Anschuldigenden auf die verwirrte Dame mit dem Zopf.

“Wie bitte?”, empörte jene sich. Die Arme.

“Du befummelst deinen neuen Körper jeden Tag und knetest dir die Möpse, weil es dich geil macht!”, stänkerte die zum Feixen aufgelegte Anna weiter “Du hattest vorher zwar auch Titten, aber die von ner Frau sind viel toller, was?”

Die irritierte Dame am gegenüberliegenden Tisch starrte entrückt und wurde puterrot, obwohl sie keine Ahnung hatte, worum es hier ging. Und ihr Kumpan, dieser Berg von Kerl, erhob sich jetzt mit sehr, sehr verärgerter Miene. Das war ganz und gar nicht gut.

“Was?”, blaffte er heiser “Was soll das, hä?”

“Perversling!”, quäkte Anna der armen Frau entgegen und Hjaldrist glaubte, er platze gleich vor Amüsement. Weggefegt waren die tiefen Gedanken an seine grausige Vision der letzten Nacht. Und auch er sprang auf, als der fette Krieger plötzlich entschlossen nach seinem Zweihänder griff. Die ganze Tavernenbelegschaft starrte mittlerweile perplex, ängstlich oder sensationslüstern. Ein langes Raunen ging durch den Raum.

“Oh oh!”, entkam es Anna knapp und sie grinste dusselig, ehe sich der beleidigte Krieger weiter vorn mit einem Mal in Bewegung setzte.

“Na warte, du dreckige Mietklinge! Niemand belästigt meine Hilda!”, grollte er bitterböse und stampfte auf die kleineren, dünneren Vagabunden zu. Der betrunkenen Novigraderin entkam ob dem ein gescheuchter Laut, der in einem schelmischen Lachen ausuferte. Sie fiel beinahe über die lange Holzbank, als sie nach ihrem Schwert fasste und Hjaldrist am Ärmel erwischte, um sich mit ihm aus dem Staub zu machen. Ein lauter Tamtam brach los.

“Aah, weg hier, Rist! Der Bergtroll kommt!”, johlte sie dabei und lief taumelig um den abgegriffenen Tisch herum, an dessen Kante sie sich beiläufig abstützen musste. Der fette Krieger war beinahe schon bei ihr und gab einen verärgerten Kampfschrei von sich. Niemand griff in dieser obskur-witzigen Szene ein. Und nun machte sich auch der mitgehangen und mitgefangene Skelliger daran seine Waffe zu erwischen und der fliehenden Anna hastig zu folgen, um seinen Arsch zu retten. Der fremde Dickwanst knapp hinter ihm fegte soeben wütend Becher, Teller, Kerzenhalter und Brote vom Tisch der Monsterjäger. Es polterte nur so und Leute schrien erschrocken auf.

“Ach, du Scheiße!”, bellte der Undviker, als er nur ganz knapp einem Schlag auswich, indem er den Kopf einzog. Er wankte zurück und machte sofort kehrt, um Anna nachzuhetzen, die gerade laut jubelnd aus der kleinen Schänke stolperte und sich dabei fast auf die Schnauze legte.

“Komm, komm!”, schrie sie amüsiert fuchtelnd, packte Hjaldrist wieder am Arm und zerrte ihn mit sich, während ihnen der sogenannte Troll mit einem Ärger folgte, der sich in den letzten Tagen aufgestaut haben musste und sich nun mit einem Mal entlud. Anders konnte man seine übertrieben arge Laune nicht erklären. Zwei seiner Freunde kamen ihm nach und es war unklar, ob sie ihn aufhalten oder ihm helfen wollten. So oder so strauchelte Hjaldrist der wahnsinnigen Anna hinterher, die einmal halb um das Haus sauste und sich dort dann in eine etwa zwei Meter breite Nische zwischen Feuerholz und Regenfass warf. In den schützenden Schatten der Nacht zwängte sie sich damit und zerrte ihren Kumpel halb mit sich, bevor sie vorsichtig hinter dem Holzscheit-Stapel vor lugte. Hjaldrist duckte sich hinter sie und stierte über ihre Schulter auf den finsteren Platz weiter vorn. Der wütende Krieger mit der Zweihandwaffe lief dort im Fackelschein bis zum rostigen Schandkorb und schrie herum.

“Wenn ich euch erwische!”, brüllte er rasend “Dann setzt es was, ihr Hurenkinder!”

“Schreit nicht so herum, verdammt!”, mischte sich eine zweite Männerstimme einer der derzeitigen Wachen verstimmt ein. Und das zurecht, denn unweit lauerten vermutlich ziemlich viele blutrünstige Biester im Wald. Anna fiel dazu aber nur ein verhaltenes Prusten ein und vergnügt musste sie in sich hineinlachen. Hjaldrist fasste es nicht. Doch auch er ertappte sich am Ende dabei beachtlich erheitert zu sein. Er schüttelte den Kopf und fiel in das leise Lachen seiner Kollegin ein. Er hatte Schabernack schon immer gemocht und jenen in den letzten Monaten irgendwie vermisst. Denn wann hatten sie beiden zum letzten Mal Unsinn angestellt? In Serrikanien, als sie bei der Dattelfarm eingebrochen waren, um sich etwas von dem ‘Wüstenbrot’ zu stehlen? Damals hatten die kläffenden Hunde des Grundstücksbesitzers Anna und Hjaldrist beinahe erwischt.

“Bei Freya’s Titten…”, flüsterte der Skelliger atemlos, ehe er sich mit dem Rücken voran an das beschlagene Fass hinter sich sinken ließ. Zwar suchte ihn gerade nur irgendein fettes Arschloch aus der Taverne und dennoch hatte er kurz geglaubt, sein Herz bliebe ihm stehen. Seine Knie waren noch immer ganz weich. Und er lächelte befreit, als sich Anna wieder mit in die Deckung lehnte und sich nach ihm umsah. Weiter vorne suchte der ‘Bergtroll’ noch immer grantig nach ihnen und seine beiden Kumpane latschten ihm ratlos hinterher.

“Ha, dieser cholerische Bastard. Das war gut.”, fand Anna belustigt und hielt die Stimme dabei gesenkt.

“Oh ja.”, kommentierte Hjaldrist schmunzelnd “Aber… hattest du vor heute zurück in die Schänke zu gehen? Ich glaube, das können wir uns erstmal abschminken. Außer, du willst eine Tavernenschlägerei mit dem Dicken anzetteln. Zugegeben, DAS würde ich gerne sehen.”

Wieder lachte die Betrunkene leise grunzend. Sie zuckte mit den Schultern und steckte das ölbenetzte Stahlschwert fort.

“Wir könnten den Troll auch bis zum Waldrand locken. Vielleicht fressen ihn dann die Viecher dort. Denn so schnell laufen kann er ja nicht.”, sagte die spöttelnde Frau mit dem Mantikor-Schulterfell frei heraus.

“Anna...”, tadelte Hjaldrist, doch musste noch immer schief grinsen “Das ist nicht lustig. Also… nicht so ganz.”

“Ach, nein?”, machte sie herausfordernd und kam mit zufriedener Miene näher, ohne die schützende Nische zu verlassen “Und trotzdem lachst du so ehrlich. Das solltest du öfters machen, Rist. Auch, wenn du manchmal schlecht träumst. Hörst du?”

Der Westländer hielt inne, als er diesen Wunsch hörte und durch ihn verstand, dass sich Anna um ihn sorgte. Das, was sie in den letzten Minuten angezettelt hatte, hatte sie nur seinetwegen losgetreten, richtig? Damit er auf andere Gedanken käme und lachte. Das dicke Grinsen in Hjaldrist’s Gesicht schwand langsam wieder. Hatte er etwa ein schlechtes Gewissen?

“Es tut mir leid.”, sagte er nach einem leisen Räuspern aufrichtig und nach wie vor mit gedämpfter Stimme, damit der Fettwanst ihn nicht hörte.

“Was?”, beschwerte sich Anna genauso leise “Pff. Halt doch den Mund...”

Ihr Gesicht, das man ihm Schein des fahlblauen Mondes gut erkennen konnte, wollte indes nicht zu ihren rauen Worten passen. Denn sie lächelte dabei beduselt und so sanftmütig, dass es Hjaldrist mit einem Mal entwaffnete. Seine Schultern sanken, als er nachdenklich beäugt wurde. Und dann war Anna plötzlich direkt vor ihm. Vermutlich vom Alkohol in ihrem Blut getrieben, legte sie die Hand auf seine Brust und drückte ihn daran zurück an das harte Regenfass in der Hausnische. Die Augen schließend, beugte sie sich vor, öffnete die Lippen einen kleinen Spalt weit. Und ehe Hjaldrist die plötzliche Situation überhaupt verarbeiten konnte, küsste diese verteufelte Frau ihn einfach. Da war das massive Fass in seinem Rücken und eine Hauswand zu seiner Rechten. Der einzige Fluchtweg, den der Skelliger nehmen könnte, wäre linkerhand. Doch er wollte nicht weg. Hjaldrist war sofort völlig eingenommen, als er Anna’s weiche Zunge an den Lippen spürte und den Mund einen Wimpernschlag später schon für sie öffnete. Es war so einfach. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und obwohl er ganz genau wusste, dass seine geliebte Freundin das hier nur tat, weil sie getrunken hatte, ließ er es zu. Ja, er wehrte sich sonst stets gegen den verlockenden Gedanken das hier zu tun. Doch jetzt, als er nicht nur daran dachte, sondern den Kuss Annas wahrhaftig erwiderte, entglitt ihm diese Einstellung mit einem Mal. Die Jüngere schmeckte nach Honigwein. Und sie war warm und weich, als sie sich so übermütig an ihr Gegenüber drängte. Hjaldrist schloss die dunklen Augen, als er die Hände an die Hüfte seiner Freundin legte und sie daran festhielt. Er wollte sie auch nicht wieder so schnell loslassen. Und da waren sie wieder… diese verfluchten Schmetterlinge in seinem Bauch, die es ihm verwehrten klar zu denken. Dies wurde auch nicht besser, als Anna plötzlich an den Gürtel ihres Kumpans fasste, um jenen ungefragt zu öffnen. Sie löste sich von Hjaldrist’s ausgehungerten Lippen, um ihn flüchtig anzusehen. Und sie lächelte dieses eine, verschlagene Lächeln, das ihm verriet, was sie gleich vorhätte. Er hatte es seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Um genau zu sein nicht, seit die besoffene Anna ihm damals in Novigrad einmal hintergründig zugemurmelt hatte keinen Würgereflex zu haben und ihm diesen fantasiebeflügelnden Fakt beweisen zu wollen. Überrumpelt blinzelte der Skelliger also, doch war viel zu hin und weg, um irgendetwas sagen oder tun zu können. Das hier war überfallartig und… und er mochte es. Betört sah Hjaldrist Anna demnach an und erschauderte bei dem Gedanken an das, was kommen würde, wohlig. Er setzte dazu an eine Hand an das Kinn Anna’s zu heben, es festzuhalten und die Frau noch einmal innig zu küssen. Doch dann… dann durchbrach plötzlich ein lautes Kreischen die Nacht. Anna fuhr zusammen und sah sich sofort um. Auch ihr belagerter Freund horchte alarmiert auf. Momente später hörte man Leto bereits Befehle brüllen.

“Schatten!”, blaffte er über den weitläufigen Platz.

“Scheiße.”, keuchte Anna hervor und wirkte plötzlich wieder viel nüchterner, als noch gerade eben. In der Düsternis sah sie zu Hjaldrist zurück und ihre Blicke trafen sich nicht ohne ein stummes Übereinkommen darin.

“Na los.”, forderte der in Hektik verfallende Undviker auf, der sich den ledernen Gürtel fahrig wieder schloss “Ich bin direkt hinter dir.”

Die Novigraderin mit den leicht wirren Haaren nickte entschlossen, wand sich herum und lief los. Und Hjaldrist, der einen leise Fluch zischte, hastete ihr sofort nach.

Sekunden später kamen die Abenteurer auch schon auf den kleinen Hauptplatz Bogenwalds, auf dem das heillose Chaos ausbrach. Aufgerüttelt ließ Hjaldrist die geweiteten Augen wandern und erkannte auf Anhieb zwei schwarze Gestalten, die über den Dorfwall hereinkamen. Anders, als die fürchterlichen Wesen in Sturmfels, muteten sie dabei aber nicht an, wie dreckige Nebelschwaden, die über all ihre Hindernisse hinweg waberten. Sondern wie halb materielle Biester, die auf allen Vieren und verdreht über den Holzverschlag kletterten. Eines von ihnen kam soeben auf seinen langen Klauen am halb gefrorenen Grund auf, drehte den Kopf unnatürlich herum und zischte laut. Schwarzer Staub rieselte ihm unablässig vom Körper und blieb am Boden als Asche liegen. Das unheimliche Ding setzte vor und sprang sofort den ihm am nächsten Stehenden an: Den Fetten von vorhin. Jener wollte mit dem Zweihänder zuschlagen, doch war zu langsam und brüllte laut auf, als ihn der Schatten niederrang. Zwei weitere Wesen kamen durch das Dorftor, das sie ohne große Mühe aufgeschlagen hatten und krabbelten in Windeseile näher. Anna schrie einen Fluch, der sich nicht zwischen angewidert und überfordert entscheiden konnte.

“Nein!”, machte sie “Oh, ich hasse SOWAS!”

Auch Lado war sogleich zur Stelle und wollte dem Bergtroll aus der Taverne helfen. Ein Schatten kam ihm in den Weg und er schickte dem Monstrum, das sich bedrohlich auf die Hinterbeine stellte, Igni entgegen. Gleißende Flammen durchbrachen das Dunkel der Nacht und der Schatten, der sich jenen entgegenstellen musste, kreischte verärgert auf, als seine dunkle Kutte Feuer fing. Hjaldrist beobachtete das entsetzt. Diese Viecher… ihre Körper erinnerten entfernt an die von Werwölfen. Dunkler Aschenebel umgab sie, als trügen sie wallende Kleidung, und ihre kleinen Köpfe wiesen verquer verzerrte Menschengesichter ohne Lippen auf. Es war, als besäßen sie viel zu lange Sehnen, weswegen sie ihre Gliedmaßen und Schädel unnatürlich weit verdrehen konnten. Es war unglaublich bizarr. Doch das, was der Skelliger noch erkannte war, dass Lado’s Igni den einen grölenden Schatten verwundete. Es stank bestialisch nach verbranntem Haar und verwesendem Fleisch. Die Schatten hier waren demnach keine Spektren, sondern irgendetwas anderes. Sie waren magisch, kein Zweifel. Doch Waffen konnten sie wohl verletzen. Ganz anders, als die unbesiegbaren Erscheinungen in den Wäldern Sturmfels’, die Hjaldrist niedergerungen und ihm jegliche Kraft geraubt hatten. Au ja, anders als damals, könnte er heute etwas tun. Und dies zauberte ihm ein zielstrebiges Grinsen ins Gesicht. So wie Anna, warf er sich gleich einem der Schatten entgegen. Er hielt sich dabei genauso im Rücken seiner Freundin, wie sie auch ihn deckte. So war es schon immer gewesen; sie waren ein eingespieltes Duo. Und obwohl die Novigraderin Alkohol im Blut hatte, führte sie ihre Klinge gezielt und ohne viel zu straucheln. Sie warf sich just einem der Schatten entgegen, obwohl jene ihr die Nackenhärchen sichtlich aufstellten, und trennte ihm mit einem wuchtigen Hieb eine Pranke ab. Das garstige Monster jaulte auf und stürzte rücklings. Sein abgeschnittenes Gliedmaß fiel zu Boden und zerfiel, dort angekommen, sofort zu dunklem Sand.

“Ja, genau!”, maulte die Novigraderin “Krepier, du Missgeburt!”

Ein Kampfschrei, ein Stich und der Schatten war hinüber. Und auch Hjaldrist erhob die Axt gegen eines der düsteren Waldwesen, das ihm in die Flanke fallen wollte. Auf allen Vieren kroch das Biest heran, wand sich herum und stellte sich bedrohlich auf. Es war damit um einen ganzen Kopf größer, als jeder anwesende Mensch. Der Undviker vor ihm fuhr sofort zu dem besagten Feind herum und umfasste den lederumwickelten Axtgriff fest. Das glotzende Schattending riss den lippenlosen Mund mit den schiefen Menschenzähnen darin weit auf und starrte ihn aus milchig weißen Augen an. Es war, als sähe Hjaldrist hier einen Toten vor sich, der einst von der Finsternis des tückischen Bogenwaldes verschluckt worden war. Er stutzte. Nein. Konnte es etwa sein, dass verlorene Seelen, die sich im Forst verirrten, zu diesen Schattenwesen wurden? Konsumierte die Schwärze ihre leblosen Körper, um sie zu Monstren zu machen? Zu makabren Soldaten? Hjaldrist stand der Mund dieser Vermutung wegen einen Spalt weit offen, als er verdattert gaffte. Und dennoch trieb es ihm dem Schatten entgegen, um jenem Erlklamm in den Bauch zu schlagen. Dunkles Blut spritzte und wurde eine Sekunde später zu markant stinkendem Rauch, der die Luftröhre bitter kratzte. Hjaldrist hustete und hätte sich am liebsten abgewandt, um sich das Halstuch vor Mund und Nase zu zerren. Doch die Bedrohung war zu immens dafür. Das Biest vor ihm wollte ihn an den Schultern packen, doch er wehrte sich abermals mit einem starken Axthieb, der den Oberkörper des Wesens von dessen Unterleib trennte. Es bäumte sich schmerzschreiend auf, fuchtelte unkoordiniert, fiel buchstäblich auseinander und verging in Asche. Schnell ging der Atem des Undvikers, als er daraufhin aufgescheucht aufsah, um sich nach Anna umzublicken und sich ein Bild der verheerenden Lage zu machen. Lado haute einem Schatten soeben das Silberschwert in den Körper, während der Fettwanst aus dem Gasthaus nirgendwo mehr zu sehen war. Einer der Angreifer zerrte einen der Krieger an einem Bein aus dem Dorf; der Mann schrie hysterisch um Hilfe, die er nicht bekam, weil all die anderen Anwesenden vollends belagert waren und sich ihrer eigenen Haut erwehren mussten. Da waren viel zu viele Monster und obwohl sich die Kämpfer Bogenwalds - über ein Dutzend von ihnen war hier - gut erwehrten, sah es übel aus. Anna, die einen recht wilden Blick im Gesicht trug, wich in diesem Moment vor einem der grollenden Schatten zurück und wollte einen festen Stand einnehmen. Doch Hjaldrist sah, wie sie im Dunkel in eine Abflussrinne in der Erde trat und das Gleichgewicht verlor. Geistesgegenwärtig hastete der Mann los, doch auf einmal packte ihn etwas am Bein. Eines der verdrehten Biester war genaht und schlang die scharfen Krallen jetzt um Hjaldrist’s Knöchel. Mit den fauligen Zähnen schnappte es animalisch nach seinem Stiefel und der Skelliger trat instinktiv zu. Einmal, zweimal, rammte er dem widerwärtigen Monstrum den freien Fuß in das Leichengesicht und trat jenes damit mit Leichtigkeit ein. Die Knochen des Schattens zerknickten, als seien sie uralt und morsch. Das Drecksvieh ließ den Undviker sofort los und fing damit an am Boden herumzuzappeln und sich wie eine sterbende Schlange zu winden. Hjaldrist maß dem keine Aufmerksamkeit mehr bei, denn er MUSSTE zu Anna, um zu helfen. Die burschikose Frau war ins feuchte Gras gestürzt und kam soeben auf die Knie, um sich in Windeseile hochzurappeln. Mit der freien Linken stützte sie sich dafür am erdigen Boden ab, kam hoch. Und dann sprang sie der Schatten, der sie verfolgt hatte, von hinten an. Er hob zu, um die Krallen in der kleineren Frau zu vergraben, und die Alchemistin schrie gequält auf. Hjaldrist glaubte, sein Blut gefriere zu Eis, als er das sah und hörte. Nichts, wirklich NICHTS, klang in seinen Ohren so unglaublich schrecklich, wie das markerschütternde Schreien seiner engsten Freundin. Und er rannte, nahm all seine Kraft zusammen, stieß sich vom Boden ab und warf sich dem Schatten auf Anna mit seinem gesamten Gewicht entgegen. Anna’s Aard auf zwei Beinen, das war Hjaldrist schon seit Blandare. Und dies bewies er just einmal mehr: Er riss das Monster von der wieder in die Knie gehenden Kriegerin herunter und landete mit dem stinkenden Biest am harten Grund. Die Wucht seines Sprungs war so heftig gewesen, dass er mit dem Wesen ein paar wenige Meter weiter rollte. Und während das schwarze Leichenwesen zornig aufjaulte, trat und fauchte, schlug Hjaldrist einfach zu; erst mit der Faust, die durch seine stählerne Armschiene mit Handrückenbeschlag gepanzert war, dann mit seiner Axt. Man konnte sich kaum versehen, da zerfiel das Monstrum unter ihm zu schwerem Sand. Und sofort wand der Undviker den Kopf, um sich nach seiner Freundin umzusehen.

“Anna!”, rief er in böser Vorahnung und kam keuchend auf die Beine. Ohne zu zögern lief er los und zu ihr zurück. Die Burschikose krümmte sich im Sitzen leicht und hielt sich den Nacken. Blut besudelte ihr Schulterfell und ihren Hals. Scheiße.

“Hoch.”, forderte Hjaldrist sofort herrisch und fasste der Kurzhaarigen inmitten des tosenden Kampfgetümmels unter den Arm, um sie auf die Beine zu ziehen. Obwohl sie benommen stöhnte, hielt sie ihr Langschwert noch immer fest. Irgendwo glomm eine lilafarbene Yrden-Falle auf und ein Schatten kreischte laut.

“Es geht”, seufzte Anna “Es geht schon. Nur ein Kratzer. Ah...”

“Sei still.”, murmelte der Skelliger und sah sich kurz prüfend um, als er Anna neben sich her und vom Platz fort bugsierte. Lado schleuderte den Schatten ein weiteres Igni entgegen und eine explosive Helligkeit erleuchtete die gesamte Gegend. Die Flammen warfen einen Schein auf den Waldschatten, der soeben zwischen zwei Häusern vor den Vagabunden hervorkroch und Hjaldrist hielt ertappt inne. Es blieb keine Zeit zu überlegen, denn das Biest hatte einen seiner ‘Freunde’ dabei und zusammen fielen sie den Westländer und Anna sofort an. Der Jarlssohn musste seine abgekämpfte Begleiterin ob dem loslassen und ging mit Erlklamm in beiden Händen auf die Feinde los. Er wollte die verletzte Anna decken, doch auch sie setzte sich in Bewegung, um zu helfen. Offenbar trieb das Adrenalin sie an und sie nahm all ihre verbliebene Kraft her, damit sie kämpfen konnte. Eine lange Klaue sauste auf Hjaldrist hernieder und ehe er reagieren konnte, war da ein ölbenetztes Stahlschwert, das die Finger der Kreatur abtrennte. Er drehte sich herum und hackte Erlklamm in die Seite eines Biestes, das den Todesstoß durch Anna’s Waffe erhielt. Blieb nurmehr ein Schatten. Und auch jener fiel schnell, denn gegen zwei Monsterjäger hatte er keine Chance. Atemlos sah sich Hjaldrist nach Anna um, als sie beide Kreaturen erledigt hatten und erblickte, wie sie schmerzverzerrt grinste. Blutend und finster tat sie das, doch immerhin schmunzelte sie. Das war ein gutes Zeichen.

“Komm jetzt.”, der erleichterte Skelliger winkte seine Kameradin schwer atmend zu sich und kam ihr halb entgegen, um sie wieder zu erwischen. Er hakte sich bei ihr unter und stützte sie damit, bis sie bei Lado’s Haupthaus ankamen. Hjaldrist öffnete dessen Tür hastig und beförderte Anna in das kleine Gebäude. Sie wankte vor und fing sich am Esstisch ab, der da nahe des Eingangs stand. Die Hütte war nicht allzu groß, daher befand sich alles Wichtige in nur einem Raum: Kochstelle, Garderobe, Alchemieschrank, Tisch. Und an die Kante von letzterem lehnte sich Anna jetzt, legte das Schwert fort und biss die Zähne zusammen, als sie sich wieder gequält an den Nacken fasste. Hjaldrist war sofort bei ihr und der Tumult im Dorf hätte ihm in dieser Sekunde nicht egaler sein können.

“Zeig her.”, machte er und lehnte Erlklamm neben Anna an die breite Tischkante, als er vor sie trat. Die Augen zukneifend ließ die Verletzte ihre blutige Hand sinken und ihr Freund fasste an ihr rot verklebtes Schulterfell, um es der Frau vom Kopf zu ziehen. Er legte es fort und schob einen Finger seitlich und achtsam in den Kragen Annas, um jenen zur Seite zu ziehen und die frische Wunde beäugen zu können. Die Krallen des Schattens hatten ihr die Haut von Nacken gen Schulter aufgerissen. Zwei tiefe, breite Kratzer prangten da in ihrer hellen Haut. Doch Freya sei Dank hatte sie ihre Kettenweste an und ihr Rücken war demnach verschont geblieben. Nicht auszudenken, wie die Nordländerin just ausgesehen hätte, hätte sie keine Rüstung am Körper getragen.

“Verdammte Kacke…”, seufzte Hjaldrist, doch atmete gleich beschwichtigt aus, denn offenbar war Anna’s Halsschlagader verschont geblieben. Die Frau blutete zwar ganz schön, doch war nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück.

“Ah, schnöde Welt… hätte ich mehr Zeug, würdest du mehr erben, Rist…”, keuchte Anna und ihr schwarzer Humor war rekordverdächtig “Ich habe aber nur noch fünf Kupfermünzen. Tut mir leid…”

Hjaldrist schnaufte abfällig-amüsiert. Ein neuerliches Aufblitzen von Igni schickte einen lichten Schein durch die große Fensterfront des Hauses herein. Man sah Menschen durcheinanderlaufen und schreien. Doch allmählich wurde es wieder ruhiger. Es war, als zögen sich die Schatten auf einmal zurück.

“Warte hier, ja?”, bat Hjaldrist seine Kumpanin, als er sich beiläufig einen zusammengefalteten Verband aus der Gürteltasche zog. Er reichte jenen Anna.

“Drücke den hier an die Kratzer… ich bin gleich wieder da und dann verbinden wir dich ordentlich.”, setzte er fort und sah seine Freundin nicken. Sie nahm die Binde dankend entgegen und hob sie sich an den Nacken. Gepeinigt stieß sie dabei Luft durch die zusammengebissenen Zähne aus. Hjaldrist berührte sie noch einmal zuversichtlich am Unterarm, dann machte er kehrt, um nach draußen zu treten. Mit Erlklamm in der Hand lief er auf den eisigen Hauptplatz zurück, auf dem Lado ein Schattenwesen mit Yrden eingefangen hatte. Der glatzköpfige Hexer wirkte erschöpft, doch wacker. Weiter vorne schlug Leto einem Monster die Beine fort und erstach es einen Atemzug später schon. Und die verbliebenen Mistviecher krächzten und schrien, als sie sich mit einem Mal kollektiv zurückzogen und in der Dunkelheit vor dem Dorf verschwanden. Der Skelliger rannte bis zum Dorftor, um den Schatten aus dem Forst angriffslustig nachzusehen. Doch sie kamen nicht wieder. Und es wurde wieder still; trügerisch ruhig.

“Sie sind fort!”, erkannte auch Leto, der eilig nahte und den Blick skeptisch vor das Tor warf “Ob sie wiederkommen? Es hat gewirkt, als rufe sie irgendetwas zurück.”

Der Schatten, den Lado gefangen hatte, gellte laut, als er vom Vatt’ghern getötet wurde.

“Was?”, fragte Hjaldrist kritisch, als er einen Seitenblick gen Leto warf “Du meinst, jemand oder etwas kontrolliert diese Bestien?”

“Ja…”, sagte der Braunhaarige langsam und runzelte die Stirn. Er schwitzte und war vom vielen Kämpfen völlig außer Puste.

“Jedenfalls wirkte es so auf mich.”, setzte er fort “Und sie haben drei Leute mitgenommen. Scheißdreck.”

“Wir können jetzt nicht in den Wald, um ihnen zu helfen. Es ist zu gefährlich dort.”, seufzte Hjaldrist und der zweite, ältere Mann verzog das Gesicht unzufrieden.

“Ja, ich weiß. Hoffen wir nur, sie kehren genauso unbeschadet zurück, wie die, die gestern entführt wurden…”

“Was ist mit denen?”, hakte der Skelliger nach.

“Sie verstecken sich mit den anderen Zivilisten in der Taverne.”, beruhigte Leto “Sie sprechen nicht, doch ansonsten verhalten sie sich ganz normal.”

Hjaldrist seufzte entnervt. Und sein Blick fiel auf den dunklen Forst zurück, der sie in diesem Moment auszulachen schien.

 

Anna ächzte leise, als sie sich später um ihre Wunden kümmerte. Hjaldrist und sie waren nach dem Angriff der grausigen Schattenbestien auf ihr Zimmer verschwunden, während sich andere sicherlich noch immer aufgeregt in der Taverne berieten. Doch ihnen beiden und vor allem der eigenbrötlerischen Novigraderin, war es für den heutigen Tag zu viel gewesen. Die Vagabunden würden Lado einfach morgen Früh befragen und sehen, was sie weiter tun könnten. Jetzt saß Anna erst einmal auf ihrer Bettkante und legte den feuchten Lappen, mit dem sie sich Hals, Schulter und Oberkörper gereinigt hatte, in die rot befleckte Wasserschüssel zurück, die Hjaldrist ihr unlängst gebracht hatte. Sie fasste nach einem bereitliegenden Salbendöschen aus ihrem Alchemieköfferchen, während ihr geduldiger Kumpan einen sauberen Verband entrollte. Er wartete ab und sah von der Seite dabei zu, wie sich die Kräuterkundige etwas fettige Wundsalbe auf die rebellierende Haut strich, die man wohl besser genäht hätte. Doch sie hatte sich strikt dagegen gewehrt und gesagt, dass es ihr egal sei, sollte sie Narben davontragen. Immer wieder zuckte sie fahrig zusammen, als sie sich jetzt mit Heilcreme versorgte, oder verkniff sich ein wüstes Fluchen. Hjaldrist, der ihr zugewandt auf der Matratze saß, beobachtete nur abwartend und dies dezent betreten. Denn Anna hatte sich das am Kragen aufgerissene Hemd ausziehen müssen, um sich ordentlich von all dem geronnenen Blut zu säubern. Mit der Wasserschale auf dem Schoß war die Halbnackte dabei nicht wirklich scheu. Sie saß halb mit dem Rücken zu ihrem Begleiter da und wie immer störte es sie im Grunde nicht, dass er sie sah. Anna war von ihnen beiden schließlich nicht diejenige, die sich in den vergangenen Monaten stets vollkommen gegen alles Sexuelle gesperrt hatte. Ganz im Gegenteil: Manchmal hatte sie auffallend interessiert zu ihrem Freund gelinst oder hatte sich ganz selbstverständlich vor ihm umgezogen, wenn sie sich ein Zimmer oder das Zelt geteilt hatten. Die freizügige Nordländerin hätte sich jederzeit bereitwillig angaffen oder anfassen lassen, dessen war sich Hjaldrist ziemlich sicher. Erst recht, nachdem sie ihm heute im leichten Suff so nah gekommen war, wie schon lange nicht mehr. Früher, da wäre dies für den Mann im Bunde kein Ding gewesen. Bei Freunden mit gewissen Vorzügen dachte man zuletzt nicht über romantische Gefühle nach, sondern folgte seinen Gelüsten und hatte nur Spaß. So einfach war dem aber längst nicht mehr. Oder machte Hjaldrist es sich einfach nur unnötig schwer…?

Flach atmete er durch die Nase aus und hätte am liebsten langgezogen geseufzt, als er den Verband an die hässlich gerötete Haut Annas hob. Er legte ihn ihr hilfsbereit um den zerkratzten Hals und sie hob den Arm leicht an, damit der Jarlssohn ihr die Bandage daraufhin gut um die wunde Schulter wickeln konnte. Er schwieg dabei. Das tat er schon die ganze Zeit. Darüber verärgert, wie verwirrt er sich fühlte, fuhr er sich mit der Zunge über die Backenzähne und verzog das Gesicht unglücklich. Manchmal waren Emotionen scheiße. Und gerade der dunkelhaarige Inselbewohner war jemand, der oft viel zu viele von ihnen hatte. Was dies anging, kam er ganz nach seiner Mutter.

“Hey Rist…”, sprach Anna ihn nach einer Weile an und Hjaldrist zog die Leinenbinde um sie achtsam straffer. Über die Schulter lugte die ermattete Anna grüblerisch zu ihrem Freund. Sie schlang einen Arm locker um sich, um sich die Brust im Lampenschein behelfsmäßig zu verdecken. Der aufmerksame Undviker wusste, dass sie das nur aus einem recht eigenen Respekt heraus tat, zu dem sein ausweichendes Verhalten sie zwang. Und weil sie nahe vor ihm saß, verstand sich. Der Mann versuchte wie immer nicht an Anna, die nur Hemd und Lederhose trug, hinunter zu sehen, als sie sich ihm jetzt wieder ganz zuwendete. Es war schwer. Trocken schluckte er und fixierte den Verband an ihrer Schulter geschäftig. Oh, Freya, es half nicht viel, dass Anna sich den vermeintlich ‘schützenden’ Unterarm an die Brüste drückte. Noch immer sah man davon nämlich genug, sodass es einem das Kopftheater wachrüttelte.

“Mh? Was...?”, fragte Hjaldrist zögerlich.

“Ich war angeheitert. Entschuldige.”, sagte die Schwertkämpferin. Anna hatte es zwar nicht so mit Reden, doch wenn ihr etwas leidtat oder ihr enorm Wichtiges einfiel, sprach sie mittlerweile. Das manchmal zu hart, patzig oder ungeschickt, doch immerhin tat sie es, im Vergleich zu früher. Das war schön. Ihr Kumpel kam gut damit zurecht.

“Hm?”, murrte der wortkarge Undviker leise, als er zögerlich Blickkontakt suchte.

“Ich hätte dir nicht auf die Pelle rücken sollen. Ich weiß, dass du das nicht mehr magst.”, sagte die hübsche Kurzhaarige ernst und es fühlte sich unerklärlicherweise wie eine kleine Backpfeife an. Denn Anna glaubte offenbar tatsächlich, dass Hjaldrist ihre Nähe nicht mochte. Doch dem war nicht so, absolut nicht. Es war einfach nur… schwierig. Also schnaubte der frustrierte Westländer leise und holte dann Luft für den kläglichen Versuch einer Rechtfertigung.

“Schon gut.”, war aber das Einzige, das ihm zum heiklen Thema einfiel und er hätte sich selbst dafür schlagen können. Anna lächelte leicht. Doch irgendwie sah dieser Ausdruck nicht sehr aufrichtig aus. Dies zwang Hjaldrist zum Weitersprechen. Oder jedenfalls glaubte er, er müsse etwas sagen. Die Luft war auf einmal so seltsam spannungsgeladen. Es war ungemütlich.

“Es war… in Ordnung. Wirklich.”, machte der Ältere “Äh nein, nicht nur ‘in Ordnung’. Ich meine… ich mochte es. Ähm. Aber-”

Anna musste verblüfft lachen.

“Aber was?”, fragte sie. Und man merkte ihr an, dass auch sie leicht nervös wurde. Anders, als im trunkenen Zustand, war sie für gewöhnlich nämlich genauso zögerlich, wie ihr engster Freund. Wenn man es denn so nennen konnte. Sie war zwar nicht so verlegen und hatte es im Grunde faustdick hinter den Ohren, doch normalerweise ließ sie das sehr selten raushängen. Sie zierte sich gern, weil sie sich unnahbar und ‘männlich’ geben wollte. Doch wenn man ihr einen Grund dafür gab, konnte sie sich räkeln und stöhnen wie ein Mädchen und agieren, als sei sie vollkommen untervögelt. Genau das war sie auch heute, in der dunklen Hausnische gewesen, nicht wahr? Sexuell ausgehungert. Hjaldrist konnte sich schlussendlich nicht daran erinnern, dass Anna in seiner Anwesenheit je mit irgendjemandem mitgegangen war, um sich mit dem- oder derjenigen zu vergnügen. Und er war unbeschreiblich froh darüber, so gemein dies auch klingen mochte. Er war eifersüchtig.

“Aber…”, wollte Hjaldrist seine verunglückte Aussage fortsetzen, doch wusste nicht, wie er das überhaupt tun sollte, ohne, dass er es Anna vor die Füße warf sie zu lieben. Es wäre ein fataler Fehler gewesen, glaubte er noch immer. Er war ein Narr.

“Uhm, aber... nichts.”, lächelte er feige und wusste nicht, ob er das hier bereuen sollte “Es war echt gut.”

Anna’s Brauen wanderten sehr weit nach oben und sie schien nicht so ganz zu verstehen. Das hier überforderte sie wohl, denn es kam so unerwartet.

“Na… dann…”, entkam es ihr argwöhnisch und sie beäugte Hjaldrist unschlüssig. In diesem eigenartigen Augenblick fühlte sich der taxierte Krieger unsäglich dämlich. So, wie ein kleines Kind oder ein dummes Mädchen, das unruhig herumdruckste und sich am liebsten versteckt hätte. Dabei war er doch ein erwachsener Mann. Hjaldrist hätte morgen, an Saovine, seinen neunundzwanzigsten Geburtstag. Andere in diesem Alter besaßen längst eine mehrköpfige Familie, einen festen Beruf und sehr viel mehr Selbstsicherheit. Ein anderer in SEINER besonderen Lage wäre sogar ein Jarl einer ganzen Insel, der Leute herumkommandierte, heiratete und große Entscheidungen traf, die dutzende Menschen mit einbezogen. Er wäre ein Held. Und Hjaldrist, der kleine Herumtreiber? Der war nichts von alldem, saß da, wie ein belämmerter Junge und betrachtete die Frau, in die er sich vor einer halben Ewigkeit schon verliebt hatte, beklommen. Er saß bei ihr am Bett und versuchte ihr nicht auf die spärlich verdeckte Brust zu sehen, um sich nicht ganz zum Affen zu machen. Und es war so, so lächerlich. Ja, bei Hemdall… war er ein Kerl oder eine Maus?

Hjaldrist holte tief Luft - einmal, zweimal - und sein unsicherer Gesichtsausdruck wurde wieder etwas gefasster. Er versuchte sich zu besinnen und seine unsteten Augen wanderten dabei ein wenig. Er verengte den Blick, kam zu einem stummen Entschluss, sah wieder auf. Und dann setzte er einfach zu dem an, was er seit vorhin wieder so sehr vermisste: Er streckte die Hand nach dem Gesicht Annas aus, um jene sanft an deren Wange zu legen. Ja, scheiß doch drauf. Morgen könnten sie beide schon tot sein. Und egal, wo sie dann, nach ihrem Verscheiden, landen würden, sie würden es bereuen das hier nicht getan zu haben.

Auch die Miene der gerade noch so perplexen Kriegerin lockerte sich und ihr Blick heftete sich eingenommen auf ihr Gegenüber. Sie schmiegte die Wange an die Finger Hjaldrists und er glaubte bei dem Anblick, ihm fiele ein Stein vom Herzen. Der Blick, den die Freunde austauschten, war wie eine wortlose Zustimmung. Und es fühlte sich gut an Anna einen Moment darauf auf die warmen Lippen zu küssen und dort weiterzumachen, wo sie beide unlängst aufgehört hatten. Hjaldrist schloss die Augen und gab sich dem ersehnten Moment einfach hin. Seine Wegbegleiterin roch so angenehm und ihre weiche Haut unter seinen Fingerspitzen fühlte sich unbeschreiblich gut an. Es zog ihn so sehr zu ihr hin, dass er es kaum aushielt, und sein Körper pflichtete dem spürbar drängend bei. Hjaldrist bemerkte, wie Anna den Arm vor ihrem bloßen Brustkorb sinken ließ und er spürte, wie ihr Gewicht die Matratze niederdrückte, als sie ganz nah an ihn heran rutschte. Sie seufzte wohlig in den innigen Kuss und in den Ohren ihres Freundes klang dies wie Musik. Er wollte die Arme um die sofort so zutrauliche Anna legen, um sie eng an sich zu drücken. Doch er verwarf den Gedanken sofort, weil er der Verwundeten nicht wehtun wollte. Ihre Schulter musste bis zum Schlüsselbein ausstrahlend höllisch schmerzen, also ließ der Jarlssohn die Hände am Ende lediglich an die Hüfte der Frau sinken, um sie daran festzuhalten. Ihren verlangenden Kuss für einen Moment unterbrechend, kam die Giftmischerin dann plötzlich auf den Schoß des Skelligers. Vom Moment mitgerissen sah er aus halb geöffneten Augen auf, als die Kurzhaarige ihn mit einem schiefen Lächeln im Gesicht zurück in das Bett drückte. Sie beugte sich vor, kam ganz über ihn, zwängte ihn liebesdurstig nieder. Und Hjaldrist wusste: Anna könnte heute Nacht alles mit ihm machen. ALLES. Und das würde sie auch.

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