Kapitel 88

Es würde enden

Es war längst hell vor dem Fenster, als Anna erwachte. Sie biss die Kiefer gleich aufeinander und seufzte schmerzvoll, denn die frischen Wunden an ihrem Hals und der Schulter meldeten sich sofort laut und stechend zu Wort. Sie atmete schwer aus und rieb sich den Nacken vorsichtig, der unter einem weichen Verband lag. Sich schwerfällig auf den Rücken drehend, blinzelte die Giftmischerin benommen und sah aus dem Augenwinkel neben sich. Sie war allein. Hjaldrist lag nicht mehr bei ihr. Dabei hatte er sie kaum loslassen wollen, bevor sie müde und nackt aneinandergedrängt eingeschlafen waren. Bei dem Gedanken wurde die Miene der Frau mit einem Mal lockerer und sie schüttelte den Kopf verblüfft über das, was sie und der Besagte vor wenigen Stunden getrieben hatten.

“Bei Melitele…”, flüsterte sie langgezogen in sich hinein, schnaufte und fuhr sich mit der Hand über das müde Gesicht. Sie und ihr bester Freund hatten miteinander geschlafen. Einfach so. Das war seit kurz nach Novigrad nicht mehr passiert. Und es war nebenher schwer sich an einen Abend zu erinnern, an dem dies so… so heftig geschehen war. Denn sie beide hatten sich geliebt, als müssten sie all die verpassten Gelegenheiten des letzten Jahres nachholen. Bis kurz vor der Morgendämmerung hatten sie sich dahingehend keine Blöße gegeben. Das, obwohl sie nicht einmal betrunken gewesen waren und, Scheiße nochmal, es war GUT gewesen. Anna lachte leise und ungläubig. Dann richtete sie den Oberkörper allmählich auf. Ein Auge zusammenkneifend und sich erst auf die Ellbogen stützend, setzte sie sich bald hin und sah sich um. Von unten konnte man Stimmen hören. Eine davon war Hjaldrists, die zweite vermutlich Lados. Ob die Kerle sich schon wegen den Schatten Bogenwalds besprachen? Wie spät war es überhaupt?

Anna kam an die Kante ihrer Schlafgelegenheit und schwang die Beine aus dem Bett. Es war nach wie vor warm im Raum, obwohl der klamme Nebel draußen dick in der Luft stand und die Novigraderin unbekleidet war. Vielleicht hatte Rist, bevor er nach unten gegangen war, ja noch etwas Holz nachgelegt. Er war schlussendlich jemand der aufmerksamen und zuvorkommenden Sorte.

Nach wie vor etwas schwerfällig erhob sich Anna und äugte nach ihrer Ausrüstung, um sich kurz darauf bereits nach Hemd und Hose zu bücken. Murrend schlüpfte sie in beides, stieg in ihre dreckigen Stiefel und legte sich den Wollmantel um die Schultern, um nach unten, zu den anderen, zu gehen. Unsicherheit hinsichtlich Hjaldrist verspürte sie dabei kaum. Es war heute Nacht schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich von ihm das Hirn aus dem Schädel hatte bumsen lassen. Also zauderte sie nicht, bevor sie Momente später schon in das Hauptzimmer Lado’s trat, in dem es verlockend nach süßem Frühstück und Tee roch. Sogleich erblickte sie dort Rist, der mit dem Hexer am Esstisch saß und jenen grüblerisch anstarrte. Der Schönling sah auf, als Anna kam und wirkte kurz so, als verschlucke er gleich seine Zunge.

“Hallo!”, begrüßte Lado Anna nett und deutete gen Kochstelle “Im Topf ist noch Haferbrei. Honig steht auf der Anrichte.”

Positiv überrascht über diese Gastfreundschaft blinzelte die Frau und ließ den Blick zum hüfthohen Ofen mit Kochplatte schweifen, auf dessen nicht allzu heißer Kante ein dampfender Eisentopf stand und warmgehalten wurde.

“Guten Morgen.”, machte sie zunächst “Und danke.”

Lado lächelte gutmütig und wandte sich wieder an Hjaldrist, während sich Anna mit knurrendem Magen daran machte sich etwas zu essen zu schnappen.

“Ja, du hast Recht.”, setzte der Vatt’ghern das vorangegangene Gespräch fort “Diese Schatten sind vermutlich irgendwelche magisch erweckte Tote. Jedenfalls glaubte einer der Krieger gestern einen bestimmten ‘Mattis’ unter jenen erkannt zu haben. In erster Linie muss ich da nun an Nekromantie denken… aber naja… beim Bogenwald muss das nicht sein. Der Forst an sich ist arkan und wer weiß schon, was er mit Leichen anstellt. Besonders an Saovine...”

Hjaldrist brummte genauso zustimmend, wie auch irritiert.

“Sie sind also keine Spektren.”, sagte er “Sondern irgendein groteskes Zwischending?”

“Das nehme ich an, ja.”, nickte Lado “Ich bin 92 Jahre alt und habe so etwas noch nie gesehen. Daher kann ich nur schätzen.”

Anna sah, mit einer schmierigen Schöpfkelle in der Hand, vom Haferbreitopf auf und blickte zwischen den zwei Männern hin und her.

“Leto meinte, dass er glaubt, irgendetwas hätte die Schatten gestern zurückgerufen.”, kommentierte Rist weiter und stocherte mit einem Löffel in seiner Schüssel herum. Er hatte noch nicht aufgegessen.

“Gut möglich.”, seufzte die Viper, die einen Becher Schwarztee vor sich stehen hatte “Es kann aber auch sein, dass es einfach nur der Wald war, der die Wesen befehligte. Wie gesagt kann man das hier nie so genau wissen. Leider. Es macht die Angelegenheit echt schwierig.”

“Was ist mit denen, die gestern entführt wurden?”, fragte Anna dazwischen.

“Die sind schon wieder zurück.”, antwortete Rist und sah sich nach ihr um, als sie mit einer Schüssel süßen Breis an den Tisch kam, um sich zu den Männern zu setzen. Er kräuselte die Stirn.

“Sie kamen angeblich im Morgengrauen wieder aus dem Wald gewankt. Unbeschadet. Also… alle, bis auf der Bürgermeister.”, berichtete der Jarlssohn “Und seither sprechen sie nicht. So, wie auch die Verschleppten vor ihnen.”

“Nun haben wir also vier von ihnen hier. Fünf, wenn der Bürgermeister auch wieder auftaucht.”, schloss Lado “Und wir haben keine Ahnung, was sie im Forst gesehen haben. Denn sie erinnern sich an nichts mehr.”

“Scheiß Situation…”, fand Anna und seufzte entnervt, bevor sie sich einen Löffel klebrigen Honigbrei in den Mund steckte. Hjaldrist schob ihr seinen leeren Becher und eine Teekanne zu. Die Frau bemerkte seinen verunsichert musternden Blick dabei sofort.

“Heute ist zudem die Allnacht.”, erinnerte das Katzenauge “Heute Abend wird die Magie des Bogenwaldes am stärksten sein und wir haben keine Ahnung, was geschehen wird. Glauben wir den Nornen, kommen die Ahnen zu uns, um mit uns zu feiern. Oder eher: Um DURCH uns hier zu wandeln. Und ganz ehrlich? Bei den Angriffen der Schatten aus dem Forst will ich nur ungern beseelt werden…”

“Ob man etwas dagegen tun kann…?”, wunderte sich Anna.

“Ich bin mir nicht sicher. Aber ich habe einen Trank parat, der eventuell dagegen helfen könnte. Er wurde einst bei Geisteraustreibungen verwendet.”, erzählte der Hexer und stand auf, um sich nach seinem gut gefüllten Alchemieschrank umzusehen “Ich habe ihn aus Nilfgaard. Besessene sollen ihn trinken, bevor man ihnen ihre Parasiten entreißt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er auch heute hilft, sollten tatsächlich irgendwelche Ahnen in uns fahren wollen.”

Der Glatzköpfige ging zu seiner halb offen stehenden Wandkommode und begann damit darin herumzukramen.

“Wo ist er denn… es war nurmehr wenig übrig...”, murmelte er vor sich hin und Anna linste zu ihrem besten Freund zurück, der offenbar nicht wusste, wie er sich richtig verhalten sollte. Sie musterte ihn kurz und schmunzelte dann belustigt.

“Entspann dich…”, flüsterte sie dem armen Kerl zu und haute ihm indes locker gegen den Oberarm “Ich würde es wieder tun. Ah… und alles Gute zum Geburtstag.”

Hjaldrist verschluckte sich fast an seinem warmen Getränk und musste husten. Er fasste sich aber schnell wieder und sah richtig überrascht aus. Ob er nicht damit gerechnet hatte, dass Anna an seinen Geburtstag dachte? Tse. Das hatte sie natürlich, denn der Mann im grünen Rock war ihr bester Freund. Die Kämpferin selbst wusste indes nicht einmal, wann sie genau geboren worden war und zählte ihr Alter stets anhand ihres jährlichen ‘Balthar hat mich entführt’-Tages ab. Ende August war der. Sie feierte jenen nicht, denn warum sollte sie das auch tun? Sie konnte nur schwer mit Glückwünschen, Komplimenten oder Situationen umgehen, in denen sie etwas geschenkt bekam. All das machte sie viel zu verlegen und ungeschickt. Im Gegenzug dazu schenkte sie Freunden aber gerne Dinge. Und sie machte sich immer einen großen Kopf, wenn sie es tat.

“Da.”, kam es also seitens Anna und der frisch 29-Jährige bei ihr am Tisch sah von seinem Essen auf. Die burschikose Frau schob ihm ein kleines, verknotetes Leinenbündel zu, das sie sich aus der Tasche gezogen hatte.

“Hmm? Ein Geschenk?”, fragte der Kerl verwundert und klaubte neugierig danach “Das wäre nicht nötig gewesen...”

“Ich weiß.”, grinste die Alchemistin schulterzuckend und beobachtete auf dies hin, wie ihr Kollege das Leinenpaketchen öffnete. Messingfarbene Metall-Zierbeschläge kamen zum Vorschein. Es waren die, die man sich an Mantelenden, Ärmel, Fell- oder Rüstungsteile nähen oder nieten konnte, um eben jene hübscher zu machen. Hjaldrist hatte diese Dinger in Toussaint gesehen und gemeint, sie gefielen ihm. Er hatte sie nicht gekauft und dies später ganz schön bereut. Natürlich hatte sich Anna dies gemerkt. Und sie hatte wirklich viel Geld für den Scheißdreck ausgegeben.

“Danke!”, freute sich der sichtlich angetane Undviker ehrlich und seine Freundin lächelte zufrieden.

“Bitte.”, machte die Besagte noch. Dann schöpfte sie sich einen weiteren Happen Haferbreis auf den Löffel, um ihn sich hungrig in den Mund zu stecken.

“Ah, Lado.” nuschelte die lockere Kriegerin dann mit halbvollem Mund “Die Nornen sagten, dass einen großes Unglück einholt, wenn man sich den Ahnen verwehrt…”

“Naja. Es ist wohl ein Risiko die Beseelung zu verhindern, ja.”, Lado zuckte die Achseln und fasste nach einem mittelgroßen Fläschchen aus seinem Alchemiekram, in dem eine blaue Substanz schwappte “Aber lieber habe ich Pech, als heute Nacht von Schatten zerrissen zu werden, weil in mir irgendein unfähiger Geist steckt.”

“Das sehe ich auch so.”, entkam es Anna “Ich will generell nicht besessen werden. Ich HASSE es, wenn man in meinem Kopf herumwühlt.”

“Ein guter Punkt… aber naja…”, gab der anwesende Undviker von sich und sah beachtlich zweiflerisch aus. Seine Freundin wusste auch, weshalb: Im Gegensatz zu ihr war er gläubig. Er baute auf die Götter und Helden seines Landes und zu jenen gehörten, den westlichen Sagen zufolge, auch die Nornen.

“Überlege es dir einfach, Rist.”, schlug Anna demnach gutmütig vor “Wenn du den Trank von Lado nicht nehmen möchtest, passe ich eben auf dich auf, sollte irgendein dummer Ahne von dir in dir stecken und Schiss vor den Waldschatten haben.”

Der Schönling lachte auf dies hin kurz auf.

“Schiss?”, griente er “Meine Vorfahren waren allesamt raue Krieger oder Wissende. Schwer vorstellbar, dass sie keine Idee gehabt hätten, wie man mit Monstern umgeht. Diese Leute haben teils gegen Eisriesen gekämpft, Anna. Dagegen sind Schatten doch ein Dreck.”

“Tse.”, lachte Anna “Du bist aber selbstbewusst.”

Auch Lado schmunzelte heiter.

“Aber schön. Ich vertraue dir und deinem Glauben an deine heldenhaften Ahnen einfach.”, sagte die Alchemistin “Wenn mich aber enttäuscht, was heute Abend geschehen KÖNNTE, dann schuldest du mir was, Käferschubser. Also sofern wir die Nacht überleben. Ich bin da mal nicht so optimistisch, wie du.”

“Schulden? Was denn?”, hakte der Skelliger herausfordernd nach.

“Hmm…”, überlegte die Novigraderin kurz, doch sprach gleich weiter “Ein Spanferkel und fünf Humpen Bier. Und du putzt mir meine Stiefel!”

“Was?”, maulte der verdatterte Schiffsliebhaber überwältigt “Das ist viel zu viel!”

“Auf einen ängstlich kreischenden, fliehenden Ahnen aufzupassen und dabei nicht getötet zu werden, ist auch viel!”, konterte die Nordländerin schlagfertig.

“Urgh… na schön… aber nochmal: Sollte der Ernstfall eintreten, bezweifle ich, dass irgendjemand unfähiges in mir steckt.”, versicherte ihr Freund.

“Das werden wir ja sehen.”, grinste die Giftmischerin, die nicht glaubte, wie leichtfertig sie hier gerade sprach. Doch vielleicht bliebe heute ja alles ruhig. Wahrscheinlich kämen ‘nur’ wieder irgendwelche Schatten aus dem Forst und niemand wäre besessen. Anna glaubte jedenfalls nicht so recht an aufgeplusterte Geistergeschichten. Generell baute sie nicht darauf, dass tote Verwandte überhaupt irgendwo umhergeisterten, solange kein Fluch auf ihnen lag. Und sie ahnte nicht, wie unglaublich ignorant sie war so zu denken. Denn kurz nach dem Einbruch der Nacht, kippte die ruhige Lage in Bogenwald massiv. Die Novigraderin lungerte gerade zusammen mit Hjaldrist in der Nähe des Dorfzentrums herum, um Wache zu halten. Sie saßen, schwer bewaffnet und mit einer alten Öllampe neben sich, auf einem schiefen Holztisch vor dem leeren Bürgermeisterhaus herum und unterhielten sich über Belanglosigkeiten. Da stockte Hjaldrist, der in seinem dicken Wintermantel steckte, plötzlich in seinem Tun. Er versteifte sich merklich und Anna sah von der Seite aus fragend zu ihm. Der Skelliger mit den zurückgebundenen, leicht silbern melierten Haaren erhob sich langsam, sah in die Leere vor sich. Und auf einmal ging ein Ruck durch seinen Körper. Er verfiel in Hektik, lugte um sich und sein Gesicht verzog sich zu einem entschlossenen, wenngleich alarmierten Blick.

“Verbarrikadiert die Tore! Die Riesen kommen!”, bellte er, als spräche er mit vielen Männern. Dabei war doch nur Anna da. Sie stutzte und rutschte zögerlich von der harten Tischplatte. Da fuhr Rist schon zu ihr herum. Er sah ungewohnt streng aus.

“Mädchen!”, blaffte er die jüngere Kriegerin an, erwischte sie am Oberarm und bugsierte sie auffordernd in eine vermeintlich beliebige Richtung “Zum Tor! Rufe die anderen zusammen! Hole Henrik, zack, zack!”

Anna, die durch den starken Schubs beinahe gestolpert wäre, fluchte. Und sie wollte nicht sofort verstehen, was hier geschah.

“‘Mädchen’? Wie bitte? Rist!”, beschwerte sie sich, als der Mann bereits loslief. Er kam aber nicht besonders weit, denn aus einem noch unerfindlichen Grund heraus blieb er plötzlich stehen und sah wirr um sich. Anna schnalzte genervt mit der Zunge.

“Hjaldrist!”, rief die Schwertkämpferin ihrem blöden Seelenverwandten nach, fasste nach ihrer klappernden Öllampe und hetzte los, um zu ihrem orientierungslosen Freund aufzuschließen. Sie kam neben ihn und berührte ihn, seine Aufmerksamkeit an sich reißend, am Handrücken.

“Hjaldrist?”, wiederholte Rist Anna’s Worte verdattert “Ja. Wo ist er?”

Anna wollte jegliche Farbe aus dem Gesicht weichen, als sie belämmert glotzte. Scheiße. Das hier konnte doch nicht sein! Weit in ihrem Rücken, nahe des Hauptplatzes, traten drei weiße Frauen aus dem gespenstischen Nebel. Sie lachten sanft und sahen sich um. Doch Anna maß ihnen just keine Beachtung bei. Lado war bereits da, um zu den Damen zu laufen.

“Verarsch mich nicht, Rist!”, maulte Anna jetzt, da sie ihren ärgerlich-irritierten Kumpel anstarrte “Hör auf mit dem Mist, aber sofort. Das ist gruselig.”

“Wie?”, donnerte der sonst so feinfühlige Mann harsch und lachte abfällig “Wie sprichst du mit deinem Jarl, Mädchen? Und wie siehst du überhaupt aus?”

Anna entkam ein unentschlossener Laut und ihr Gesicht entgleiste.

“Zieh dir etwas Vernünftiges an!”, riet der Kerl “Und dann erkläre mir, wo ich hier bin. Und wo ist mein Junge, vom dem du sprachst?”

Die konfrontierte Giftmischerin starrte nurmehr mit offenstehendem Mund. Und ihr Kopf wollte ganz und gar nicht fassen, was hier geschah. Hjaldrist veralberte sie nicht, oder? Das hier… das hier war echt. Hätte er sich über sie lustig gemacht, hätte er spätestens jetzt damit aufgehört, denn die verquere Situation war längst nicht mehr amüsant.

Sich die Hände in die Seiten stemmend sah sich Rist - oder der, der gerade in ihm steckte - um. Und seine Haltung war abrupt so anders, als sonst. Dieser Mann strotzte nur so vor überheblicher Selbstsicherheit und Anna fühlte sich in seiner Gegenwart ganz plötzlich so klein. Ihr Schädel arbeitete auf Hochtouren. Denn dieser Ahne hier hatte sie gefragt, wo Rist sei. Er hatte jenen im nächsten Atemzug als ‘seinen Jungen’ bezeichnet. Der nicht ganz so blöden Alchemistin fiel es wie Schuppen von den Augen.

“Gibt es hier eine Taverne?”, fragte der Fremde, während er die Nornen nicht zu bemerken schien, die unweit durch das Dorf wandelten. Die Frauen tänzelten sacht und kicherten vergnügt. Sie streuten irgendwelches Kräuterwerk auf die Wege und entzündeten etwas, das aussah, wie Salbeibündel.

“Seit ihnen nah…”, sangen sie “Die Zukunft wird Vergangenheit. Die Vergangenheit wird Gegenwart. Schnipp, schnapp.”

Anna lief es eiskalt den Rücken runter. Und dann holte sie Luft für eine unheimlich verunsicherte Frage.

“H-Halbjørn…?”, atmete sie und tatsächlich sah der erschreckend veränderte Rist gleich aufmerksam her.

“Was?”, machte er und gab einen grimmig-belustigten Ton von sich “Für dich bin ich noch immer JARL Halbjørn, Kleines! Und wo ist nun das Gasthaus? Ich habe Durst.”

Zielstrebig blickte der Mann um sich und bemerkte dann den vielsagenden Trubel in dem größten Haus des Dorfes. Nicht weit entfernt brach in der Schänke lautes Gelächter aus und man hörte, wie Leto damit anfing ein Lied über das Bumsen von Schweinen zu singen.

“Ah, dort!”, lächelte Rist - nein, dessen Vater - jetzt breit und wand sich der lauschigen Taverne zu. Er wollte losstolzieren, doch nicht, ohne noch einen Blick gen Anna zu werfen.

“Willst du hier in der Kälte stehen bleiben?”, fragte er “Komm, wir trinken zusammen. Ich habe Lust zu feiern!”

Der tote Jarl winkte die Novigraderin zu sich, doch sie rührte sich nicht von der Stelle. Sie starrte noch immer aus weiten Augen und schaffte es nicht, zu verarbeiten, was sie gerade realisieren musste: Halbjørn war tot. Der verschissene Vater von Rist war gestorben. Dieser Bastard, der seinen mittellosen Sohn hatte jagen lassen und jenen mit abscheulicher Gewalt zurück nach Undvik hatte schleifen wollen. ER war dafür verantwortlich, dass Anna damals fast von den ruchlosen Skrugga umgebracht worden wäre. Und ER war es, der sie und ihren besten Freund einst für solch eine lange Zeit entzweit hatte. MONATELANG hatte die Vagabundin geglaubt, ihr bester Freund sei tot. Oh, es war grausam gewesen, albtraumhaft. Anna hatte damals schon an Selbstmord gedacht. Sie hatte Fisstech genommen und getrunken, um ihre Sinne zu betäuben und Rist zu vergessen. Sie hatte sich aufgegeben, damals. Und das nur wegen dem, der hier gerade so zielstrebig und großkotzig gen Taverne schritt. Dass er ganz bodenständig mit Anna trinken und feiern wollte und damit ein sympathisches Vorzeigeexemplar eines Skelligers darstellte, sah sie nicht. Die Novigraderin erkannte im Moment nur einen dreckigen Bastard, einen Rabenvater; einen Entführer und mitleidlosen Herrscher. Einen Tyrannen.

“Du!”, keuchte sie also zornig und ballte die Hände zu Fäusten “Warte gefälligst!”

Halbjørn, der guter Dinge zur Schänke spazieren wollte, hielt sogleich inne. Und er sah sich fragend nach Anna um. Es kotzte sie an, wie scheinheilig selbstbewusst er dastand; mit gestrafften Schultern und würdevoll erhobenem Haupt. Nur eine blitzende Krone hätte dieses Bild just perfekt vervollständigt. Die jüngste der drei Nornen wanderte hinter ihr den Weg entlang, zeichnete mit einem brennenden Salbeibündel Zeichen in die Luft und gab einen bedauernden Laut von sich.

“Armes Kind…”, sang sie und seufzte wehleidig “Sie hat sich den Ahnen verwehrt… und sie wird ihr Ziel niemals erreichen, wenn sie so weitermacht, wie bisher...”

Anna ignorierte das stur. Noch immer blickte sie den anwesenden Skelliger furios an.

“Du hast Rist entführen lassen!”, spie die Frau sofort und Halbjørn hob die schmalen Brauen perplex in die Höhe “Deine Jarlsschatten haben uns angegriffen und mich beinahe umgebracht! Und jetzt soll ich mit dir trinken? Mit DIR? Du Arschloch!”

Es war verstörend, dass es Hjaldrist’s Körper war, der Anna gerade ratlos ansah, während sie schimpfte. Obwohl sie sein Auftreten so gut kannte, sah er schmerzhaft fremd aus.

“Verschwinde!”, krähte die Giftmischerin und wollte ihren Gefährten zurück “Du hast nicht das Recht IHN zu benutzen, um heute hier zu sein! Hau ab, du Mistkerl!”

Der Jarl verengte die Augen und ein Schatten huschte über sein planloses Gesicht. Seine Feierlaune war, genauso, wie sein warmes Lächeln, aus seinem Gebärden verschwunden. Er trat wieder zwei, drei Schritte weit auf Anna zu. Sie zog das Schwert und wusste nicht genau, weswegen. Vielleicht, um ihre Worte damit zu untermauern. Sie hätte Rist’s Körper schließlich niemals verletzt.

“Oh, ganz langsam…”, sagte der fremdartige Undviker bedrohlich leise, doch anstatt zu Erlklamm zu greifen, erhob er die behandschuhten Hände beschwichtigend. Misstrauisch beäugte er sein Gegenüber und die Nornen machten sich lachend daran in die Taverne zu verschwinden.

“Wovon sprichst du da, Mädchen?”, wollte Halbjørn wissen und Anna glaubte, sie höre schlecht.

“Was? Wovon ich spreche?”, maulte sie “Das weißt du ganz genau! Stell dich nicht dumm!”

“Nein, ich weiß es wahrhaftig nicht.”, gab der Verstorbene zu und kam noch näher. Keine drei Meter vor der Jüngeren hielt er dann und ließ die Hände wieder sinken “Erkläre es mir, junge Frau. Ich bitte darum.”

Anna stutzte heftig und stierte den Skelliger hin und her gerissen an. Ihre braunen Augen suchten in seinem Gesicht nach irgendetwas. Nach einem Anzeichen dafür, dass er log und verschlagen war. Doch sie fand nichts dergleichen. Rist - nein, der Jarl von den Inseln - sah sie ungebrochen ernst an. Da war gar ein Funke Sorge in seinen dunklen Augen. Dies und eine stumme Bitte.

“Du…”, fing die Monsterkundige an und klaubte nach Worten, die ihre Situation erleichtern könnten. Sie zog die Brauen weit zusammen und ließ den Schwertgriff wieder lockerer.

“Du… du bist Hjaldrist’s Vater?”, fragte Anna langsam, als wolle sie sich ganz sicher sein, und Halbjørn nickte.

“Das bin ich.”, bestätigte er.

“Dein Sohn floh nach einem heftigen Streit mit dir.”, setzte die Alchemistin anschuldigend fort “Ihr hattet Gäste zu Besuch und du hast vor all jenen verkündet, dass du Rist’s jüngeren Bruder zu deinem Nachfolger machen willst. Darum… darum ging er. Du hast ihn ganz schön gekränkt!”

Der starke Mann, der zuvor nur so vor Freude und Motivation gestrahlt hatte, senkte den Blick und zog die Stirn gedankenvoll kraus. Vielleicht sah er die unschönen Bilder von damals gerade vor seinem geistigen Auge.

“Wir… stritten, ja.”, nickte er langsam “Und es war dumm. Zu viel Met war im Spiel und ich sprach Irrsinn. Ich wollte meinen Jungen nicht verletzen.”

Anna schwieg und wusste noch nicht so richtig, ob sie dem Geist trauen sollte. Sie verschränkte die Arme abwartend vor der Brust.

“Es war falsch ihn als unfähig zu bezeichnen. Denn das ist er nicht. Und ich liebe ihn.”, sagte Halbjørn reumütig, als er wieder Blickkontakt suchte. Da waren sie wieder, die Selbstsicherheit und diese große Autorität. Und dennoch sprach der Ausdruck des Kerles Bände. Es tat ihm aufrichtig leid, was geschehen war.

“Hjaldrist soll selbstverständlich der nächste Jarl werden.”, schloss Halbjørn nun “Wenn ich nicht mehr bin, wird er über Undvik herrschen und meine Aufgaben übernehmen. Sein Bruder Haldorn ist zwar ein guter Krieger, doch Hjaldrist hat Köpfchen und ist gut mit Leuten. Er ist so viel klüger, als viele von uns. Er wird ein guter Jarl sein. Und ein großer Held, da bin ich mir sicher.”

Jetzt war es Anna, die wegsah. Das hier überwältigte sie und sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Die Braunhaarige holte Luft für ein Entgegnen, doch schloss den Mund gleich wieder. Sie wusste genauso wenig was tun. Und eine stichelnd böse Ahnung beschlich sie allmählich. Eine, die sie nahezu erstarren ließ. Sie befeuchtete sich die trockenen Lippen mit der Zunge und ihr Herz klopfte ihr unangenehm schnell bis zum Hals. Sie wurde unruhig und fing an zu stammeln.

“H-Halbjørn…”, sprach sie ihren vollkommen verlorenen Gesprächspartner jetzt abermals an und tat sich schwer damit Augenkontakt zu halten “Halbjørn, all das ist vier Jahre her. Hjaldrist hat die Winterinsel damals, nach eurem Streit, verlassen und ist nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Er ist zum Monsterjäger und Söldner geworden.”

Der anwesende Adelige weitete den Blick verdutzt. Und auch er wirkte auf einmal zunehmend beunruhigt.

“Was…?”, machte er empört und erhob die Stimme “Das kann nicht sein! Mein Sohn ist keine Mietklinge!”

“Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst, Halbjørn?”, gab Anna als Gegenfrage zurück und ihr schwante Übles.

“Das Letzte…?”, fragte der Jarl und verfiel in noch größere Unsicherheit. Sein Blick wich hektisch umher, als lägen seine Erinnerungen irgendwo am kalten Boden Bogenwalds verstreut. Doch das taten sie nicht. Er fuhr sich mit der Hand nervös grübelnd über das Kinn. Sogleich stockte er, fing damit an sich das Gesicht zu betasten und sah an sich hinab.

“Was?”, keuchte der Mann, der just bemerkte, dass er in einem fremden Körper steckte “Wie…”

“Äh!”, kam Anna dazwischen “Ganz ruhig!”

“Was… was habe ich da an…”, fragte der Tote, der immer mehr der Verwirrung verfiel. Er fasste sich an den Kopf und die Haare. Uns ganz augenscheinlich hatte er damals eine andere Frisur als sein Sohn besessen, denn an diesem Punkt angekommen, verlor der Kerl den Halt endgültig.

“Was soll das?”, blaffte er plötzlich und war im Grunde nur getrieben von Angst “Was ist das hier?”

“Ruhig!”, mahnte Anna gezwungen gelassen und kam zu dem Skelliger. Sie wollte die Hände nach ihm ausstrecken, doch er schlug ihre Finger sogleich fort. Sie ließ sich davon nicht irritieren, nahm das Schwert in die Linke und schlug mit der frei gewordenen Rechten einfach zu. Ja, die dreckige Vagabundin verpasste dem hochgelobten Jarl Undviks soeben eine gehörige Ohrfeige, die nur so klatschte und ihm den Kopf leicht herumriss. Der Krieger vor ihr war von dem so überrascht, dass er innehielt. Und er starrte entrückt.

“Krieg dich ein!”, sagte die zittrige Frau mit noch immer drohend erhobener Hand “Oder ich haue dir noch Eine!”

Eine ungute Stille tat sich zwischen den Beteiligten auf. Dann, eine kleine Ewigkeit später, geschah, womit Anna am wenigsten gerechnet hätte: Halbjørn fing an zu lachen. Und er tat das so donnernd, wie er es mit Rist’s Stimme nur konnte. Die Novigraderin in der rot-schwarzen Jacke gaffte erst verunsichert, dann verblüfft. Und sie ließ die Hand wieder sinken.

“Mädchen!”, machte der Jarl belustigt “Du gefällst mir! Ja, meine verwirrende Lage ist gerade sehr prekär, aber du erheiterst mich und hältst mich am Boden!”

“Ähm… ja… gern geschehen…”, murrte die Braunhaarige “Und hör mir zu. Alles ist gut. Ich erkläre dir deine Situation gleich, sofern du mir erzählst, was du weißt. Abgemacht?”

Halbjørn überlegte nur kurz, dann nickte er schon.

“In Ordnung. Aber schnell. Ich fühle mich gerade nicht sehr gut. Und ich brauche Met. VIEL Met.”

“Verständlich.”

 

Anna führte Halbjørn nach der eingedämmten Eskalation am Dorfplatz in die Taverne. Und, bei Melitele, jene war vielleicht belebt! Die fröhlichen Anwesenden verhielten sich, als gäbe es ringsum keinen bedrohlichen Forst und keine Schattenwesen, keine menschenfressenden Monster oder Waldbiester. Sie feierten und das rauschend: Leto - oder wer auch immer der gerade war - sang laut versaute Lieder, Leute tranken, jauchzten, tanzten und musizierten. Ob sie alle besessen waren? Verkörperten all die Krieger, Bauern und Damen heute irgendeinen ihrer Ahnen? Oh, Anna wollte es eigentlich gar nicht so genau wissen. Ein bulliger Hüne ging an ihr vorbei und das mit einem betonten, eleganten Hüftschwung. Er lachte arrogant-abfällig und beschwerte sich darüber, dass es hier keine Zuckerpastetchen gab und dass der Wein schmecke wie Essig. Die Giftmischerin sah ihm verstört nach. Sie erblickte die Nornen, die sich an einen der Tavernentische gesetzt hatten, als seien sie Gäste, die das Treiben aufmerksam beobachteten. Überwachten sie das Geschehen etwa? Passten sie auf, damit die heilige Feier der Ahnen nicht gestört wurde? Anna erinnerte sich daran, dass die Monster im Wald vor den weißen Frauen geflohen waren. Hoffentlich wäre das auch heute so.

“Hier.”, sagte Halbjørn und wies auf einen freien Platz an einem Tisch “Setze dich. Ich hole uns etwas zu Trinken.”

Er duldete keine Einwände und bestand darauf das Bier zu holen, obwohl er ein Jarl war. Also ließ sich die nervöse Schwertkämpferin solange nieder und wartete auf ihn. Die Ellbogen auf die Ablage stellend und das Gesicht stöhnend in den Händen vergrabend, schüttelte sie das Haupt. Oh, wären sie und Rist nur in Beauclair geblieben. Das hier, der ganze Abend, war eine Katastrophe. Und das Geschehen, das sich auftat, war zu groß, als dass Anna es richtig begreifen könnte. Sie konnte jetzt nichts anderes tun, als hier zu sitzen und sich gleich mit Hjaldrist’s totem Vater, der den Körper ihres engsten Freundes beseelt hatte, zu sprechen. Und das, was sie herausfinden würde, würde ihr sicherlich nicht gefallen.

Anna sah auf, als man ihr wenig später schwungvoll einen überschwappenden Humpen vor die Nase stellte und sich Halbjørn ihr gegenüber niederließ. Er hob seinen Krug an und wartete darauf, dass seine neue Bekannte mit dem ihren daran stieß. Nur langsam kam sie dem nach.

“Also.”, fing der Jarl an, nachdem er einen tiefen Schluck getrunken hatte “Erkläre mir bitte, wo wir sind. Und warum ich nicht ich selbst bin.”

“Wir… wir sind auf Siofra.”, rückte Anna gleich mit der Sprache heraus “In Bogenwald, nahe Nordgaard. Es ist Saovine und zu dieser Zeit fahren die Geister der Ahnen offenbar in die Körper ihrer noch lebenden Verwandten.”

Halbjørn starrte.

“Deswegen… äh… deswegen steckst du gerade in Hjaldrist.”, sagte sie vorsichtig “Du kamst aus dem Totenreich zurück, um ein letztes Mal zu feiern.”

Man sah, wie der Krieger abermals an sich hinablinste. Er fasste sich an die Brust und sein Blick streifte ungläubig über seine Ausrüstung.

“Mein geliebter Sohn…”, murmelte er. Doch zum Glück bewahrte der Geist des Halbelfen diesmal die Fassung. Anna beobachtete ihn betroffen und ließ ihm einfach etwas Zeit. Sie seufzte leise und fasste nach ihrem Zinnhumpen, um einen kleinen Schluck zu trinken.

“Ich bin tot…?”, atmete der Seefahrer und schien endlich zu verstehen “Ich bin tot.”

“Es tut mir leid.”, sagte sein betretenes Gegenüber leise und fühlte sich so unbeholfen. Anna wusste nicht, wie sie hiermit umgehen sollte. Sie war nicht der sensibelste Mensch und hatte daher Angst irgendetwas Falsches zu sagen. Anna wollte beistehen, doch wusste nicht, wie. Ja, was sollte sie schon von sich geben? Ein ‘Ey, schade, dass du hinüber bist! Aber seh’s mal positiv!’? Oh, wie bescheuert.

“Und ich kam her, um noch einmal zu feiern…?”, sprach der arme Jarl langsam vor sich hin, als er die Worte seiner Bekannten rekapitulierte. Er hob den Kopf wieder und seine dunklen Augen suchten Anna. Dann schnaufte er plötzlich belustigt.

“Feiern? Hier?”, machte er abschätzig “Wenn ich wo feiern möchte, dann in Walhall.”

Die Novigraderin sah ihr grüblerisches Gegenüber eigenartig an. Walhall? Ja, im Westen glaubte man nach dem Tod in die Große Halle der Ahnen einzuziehen. Doch stimmte das? Was geschah, nachdem man gestorben war, wirklich?

“Gibt es die Halle der Ahnen denn…?”, fragte Anna nach einer kurzen Pause. Denn WENN sie jemanden darüber ausquetschen könnte, dann ja wohl einen wirklichen Toten. Das hier war ihre Gelegenheit mehr über das ‘Jenseits’ zu erfahren, realisierte sie.

“Ja.”, nickte Halbjørn, doch sah dabei nicht sonderlich glücklich aus. Warum? Hieß es nicht, dass man in Walhall pausenlos trank, aß, tanzte und lachte? Weswegen sah der alte Jarl also gerade so mitgenommen aus?

“Es gibt die Halle, Mädchen.”, setzte der Mann fort “Doch ich darf nicht hinein.”

“Was?”, platzte es gleich aus Anna hervor “Du warst doch ein Herrscher! Und sicherlich auch ein Held.”

“Ein Held? Vielleicht…”, machte der Axtkämpfer jetzt hintergründig “Doch ich starb nicht im Kampf. Nur, wer ruhmreich im Krieg stirbt, darf Walhall betreten. Das bin ich nicht.”

Verwirrt beäugte die Frau Halbjørn nun. Und sie ahnte nicht, wie sehr das, was jener gleich sagen würde, ihren weiteren Weg und ihre Ziele auf lange Zeit verzerren würde. Ja, sie hatte KEINE Ahnung und würde erst sehr viel später erfahren müssen, was das hier losgetreten hätte.

“Ich wurde ermordet. Orlan tötete mich.”, erinnerte sich der enttäuschte Jarl mit dunkler Miene und seine Lippen wurden schmal “Orlan… mein eigener Bruder. Oh. Er erdolchte mich an dem Abend, an dem auch mein ältestes Kind verschwand. Ich suchte Hjaldrist, nachdem wir stritten, um mich bei ihm zu entschuldigen. Ich sah in seinem Zimmer nach, doch er war fort. Und dann… dann war da auf einmal ein Messer in meinem Rücken. Das letzte, was ich sah, war Orlan, wie er selbstgefällig grinste und mir eine ‘Gute Reise ins Nichts’ wünschte.”

Entrückt betrachtete Anna den Halbelfengeist vor sich und wusste nicht was sagen. Doch das musste sie auch nicht. Denn Halbjørn’s Worte überschlugen sich und hätten nicht zugelassen, dass die Kräuterkundige irgendetwas plapperte.

“Mädchen. Du musst meinem Sohn davon berichten, hörst du?”, sagte er. Er erhob sich, um direkt zur ratlosen Anna zu kommen. Der Mann setzte sich ihr zugewandt auf die lange Tavernenbank und erwischte sie bestimmend an den Oberarmen, um sie eindringlich anzusehen.

“I-ich… ich heiße Anna…”, stotterte sie leise.

“Anna also. Erzähle Hjaldrist hiervon, ich bitte dich. Orlan ist bösartig, so viel durfte ich zu spät erfahren. Sicherlich schob er meinem Sohn meinen Tod in die Schuhe und prangerte ihn als Mörder an. Hjaldrist verschwand an dem Abend, an dem mein Bruder mich erstach. Und ich will mir nicht ausmalen, welche Intrigen Orlan gesponnen hat.”, sagte der Jarl ernst und Anna schluckte trocken “Ich habe Angst um meine Familie und meine Insel, Anna. Und du-... bist du Hjaldrist’s Mädchen?”

“Wa-was? Nein.”, berichtigte die vor den Kopf gestoßene Frau gleich “W-Wir sind nur Freunde und Reisegefährten. Ich traf Rist damals, nach seiner Flucht, in Ard Skellig und, uhm, seither reisen wir zusammen.”

Das Gesicht Halbjørns entspannte sich ein wenig und er ließ Anna endlich los.

“Eine treue Gefährtin bist du also…”, stellte er lieb fest “Das ist gut. Du wirkst auf mich, wie eine versierte Frau. Und du bist sehr hübsch. Hjaldrist täte gut daran dich zu wählen.”

“Äh... ja… ähm… nein.”

“Nein?”, wollte der Mann überrascht wissen “Warum nicht? So, wie du sprichst, erscheint es doch, als stündest du ihm sehr, sehr nahe. Und ich denke Pavetta, Merle und meine liebe Frau Swantje würden dich mögen.”

“Ich weiß nicht…”, murmelte die Novigraderin mürrisch und der Mann vor ihr gab einen grüblerischen Ton von sich.

“Hjaldrist war schon immer sehr zögerlich. Er hatte nie Interesse an schönen Frauen und sein Techtelmechtel mit dieser dürren Rothaarigen… wie hieß sie noch…”

“Svenja.”

“Ah ja. Das war auch eher… naja. Vielleicht mag mein Sohn ja Männer. Also, das wäre in Ordnung. Nur für ein Mitglied der Jarlsfamilie, das Nachkommen zeu-”

“Halbjørn… können wir zum Thema zurückkommen…?”, wich Anna diesem Gerede aus. Sie war tatsächlich ein wenig rot geworden. Asche auf ihr Haupt.

“Mh.”, lächelte Halbjørn und sein Ausdruck wurde wieder etwas traurig, als er nickte “Wirst du Hjaldrist also von dem berichten, was ich dir erzählt habe? Bitte… stehe ihm weiterhin bei. Geht nach Undvik und stellt meinen wahnsinnigen Bruder. Tötet ihn, rächt mich und gebt mir damit die Gelegenheit endlich nach Walhall zu gehen. Und Hjaldrist-… er verdient den Thron. Er soll die Krone tragen, die man mir zu früh entrissen hat.”

Der letzte Satz traf Anna so hart, wie ein Felsbrocken. Es war, als liefe sie mit dem Schädel voran in eine dicke Holzplanke. Es machte sie ganz benommen daran zu denken, was Halbjørn wollte: Dass… dass sie Rist dabei helfen sollte den Jarlsthron Undviks zu besteigen. Den JARLSTHRON. Es machte ihr Angst, überwältigte sie, ließ sie sprachlos zurück. Und dennoch nickte sie schwach. Ja, sie nickte und Halbjørn lachte vollkommen befreit und dankbar. Beherzt fasste er zu und umarmte Anna, drückte sie. Sie ächzte leise, denn ihre wunde Schulter rebellierte ob dem.

“Danke.”, seufzte der Jarl zutiefst erleichtert “Vielen, vielen Dank, Anna. Du bist unsere Rettung.”

Rettung…? Anna sah über die Schulter des herzlichen Undvikers in die Leere. Und ihre Kehle war ganz eng geworden. Sie wusste gar nicht, wohin mit ihren Gedanken, Emotionen und mit SICH. Sie fühlte sich auf einmal wie eine kleine Holzfigur in einem viel zu großen Spiel. Sie wollte nicht, dass Hjaldrist Jarl wurde und auf den Inseln blieb. Er hatte ihr doch versprochen für immer bei ihr zu sein und zusammen mit ihr die Welt zu bereisen. Die niemals zu langfristig denkende Novigraderin hatte gedacht, all das ende nie. Doch mit dem heutigen Abend war diese naive Hoffnung passé. Es würde enden. Alles. Und je nachdem, wie lange die zwei Abenteurer nach Undvik bräuchten, sogar recht bald. Denn ja, Anna würde Hjaldrist helfen. Trotz aller Zweifel würde sie ihm beistehen, denn auch er hatte sich immer loyal hinter sie gestellt. Und so, wie er ihr versprochen hatte sich für immer zusammen mit ihr herumzutreiben und Monster zu jagen, so hatte sie einst geschworen stets für ihren allerbesten Freund da zu sein. Es trieb ihr das Wasser in die Augen nur daran zu denken und Halbjørn bemerkte das, als er die Jüngere wieder losließ. Er schob sie ein Stück weit von sich, sah sie besorgt an. Und es war schrecklich dabei in die forschenden Augen von Rist zu sehen. Sie waren so vertraut und gehörten gerade doch einem anderen. Anna HASSTE es.

“Na, na…”, machte er Jarl und hob eine Hand, um mit deren Rücken über die Wange der Jüngeren zu streicheln “Das hier muss alles viel zu viel für dich sein.”

Anna nickte hastig. Sie schniefte und fühlte sich dämlich deswegen. Schnell blinzelte sie sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel und atmete tief durch. Zu jammern war eigentlich nie ihr Ding gewesen und sie schämte sich.

Halbjørn legte väterlich einen Arm um sie, sah sich nach dem Trinkgefäß der fahrigen Frau um und zog den Humpen heran.

“Hier.”, sagte er geduldig “Du fühlst dich gerade zu schwach, das kann ich verstehen. Aber das bist du nicht. Auch Hjaldrist ist stark. Zusammen schafft ihr so vieles, nicht wahr?”

Wieder ein Nicken seitens Anna und sie fasste nach ihrem Bier.

“Na siehst du. Es tut mir leid, dass ich euch solch eine arge Bürde aufdränge und selbst nicht mehr helfen kann.”, beteuerte der Undviker aufrichtig “Wenn ich es könnte, täte ich es gewiss. Ich würde euch beistehen. Doch ich bin mir auch sehr sicher, dass mein Sohn Rat weiß. Er ist schlau. Sprich mit ihm. Und wenn-… wenn ihr denkt, die Aufgabe sei zu schwer, so haltet euch zurück. Zwar mache ich mir Sorgen um meine Frau und die restlichen Kinder, doch ich will auch nicht, dass Hjaldrist und dir etwas zustößt.”

Die Alchemistin starrte auf den Krug in ihrer Hand. Und obwohl sie sich innerlich gegen die große Aufgabe sträubte, tat Halbjørn ihr leid. Dieser sympathische und gute Kerl würde nach dieser Nacht wieder vor den verschlossenen Toren der Halle der Ahnen stehen. Er war eine verlorene Seele. Und das hatte er nicht verdient.

“Ich… spreche mit Rist…”, versprach Anna demnach noch einmal und versuchte Mut zu fassen “Ja. Und dann sehen wir weiter…”

“Tu das, Kind. Und danke. Noch einmal. Auch dafür, dass du heute, in dieser befremdlichen Nacht, bei mir bist. Es ist mir eine große Ehre.”, lächelte der Jarl nett “Und… alles wird am Ende gut werden, tapfere Anna, so oder so.”

 

Der Abend nahm seinen Lauf und Anna schaffte es inmitten des fröhlichen Treibens der Geister wieder etwas zur Besinnung zu kommen. Obwohl es so unsagbar befremdlich war Rist’s Körper in der Manier eines Anderen umhergehen und laut lachen zu sehen, gewöhnte sie sich am Rande daran und schaffte es einigermaßen auszublenden, dass Hjaldrist auf keinen Fall hier war. Für diese Stunden war der in der grünen Tunika und mit dem offenherzigen Grinsen im Gesicht Halbjørn. Und zwar nur Halbjørn. Denn Anna hatte den Mann, nachdem sie Respekt für ihn gefunden hatte, tatsächlich mit seinem Titel ansprechen wollen. Schließlich hatte er ihr bei ihrem ersten Wortgefecht gar befohlen das zu tun. Doch dann, nach ihrem Gespräch rund um den Jarlsmord durch Orlan und die riesige Misere Undviks, hatte Halbjørn abgewinkt und gemeint, es sei schon in Ordnung ihn informell zu betiteln. Er war ein unglaublich großartiger Mann, wie es sich herausstellte; Lustig, gesprächig, wie auch geduldig und stolz. Und Anna fand es schade ihn nicht zu seinen Lebzeiten gekannt zu haben.

“Komm, komm…”, machte Halbjørn und schubste Anna beherzt neben sich her “Sie haben draußen ein großes Feuer entzündet. Wir sehen es uns an und schnappen etwas frische Luft. Die brauche ich jetzt, nach all dem Bier, echt dringend!”

“Äh ja, klar…”, machte Anna und es gab keine Ausflucht, die es gerechtfertigt hätte, dass sie Rist’s Vater nun alleine ließ. Also hielt sie sich bei ihm und trat kurz nach dem lachenden Mann aus dem Gasthaus. Die Kriegerin hob den Blick gen Himmel. Der Vollmond stand fast schon im Zenit und sie wunderte sich, wann der groteske Tanz der Toten im Bogenwald enden würde. Zu Mitternacht? Bei Sonnenaufgang?

“Aah, sie einer an!”, freute sich Halbjørn, als er auf die Flammen am Hauptplatz zutrat “Das erinnert mich an die Feuer zur Sommerverabschiedung in meiner Heimat! Va'esse deireádh aep eigean, va'esse eigh faidh'ar. Sehr schön!”

Der Kerl stützte sich die Hände in die Taille und sah dem riesigen Feuer, um das viele der heutigen Gäste bereits sehr betrunken tanzten, zufrieden entgegen. Anna musterte ihn solange interessiert und kam neben ihn.

“Vaesse was?”

“Etwas endet, etwas beginnt.”, übersetzte der Skelliger seinen Spruch in der Alten Sprache sogleich und schien sich darüber zu freuen, dass sich die Jüngere überhaupt dafür interessierte “Zur erwähnten Feier verabschiedet man auf Undvik den Sommer, der endet. Und der Winterbeginn wird mit einem lauten Fest begrüßt. Man trinkt warmen Mjodr, isst, tanzt, lacht. Es ist wunderschön. Ich habe diesen Feiertag immer sehr gemocht. Und das nicht nur, weil gefeiert wurde, nein. Vor allem freute ich mich immer darauf, weil dabei die ganze Familie zusammenkam.”

Anna schnaufte nachgiebig und lächelte leicht. Sie musste unausweichlich an ihre Familie denken; an die Geschwister und ihre Mutter im armen Viertel vor Novigrad. Vielleicht sollte sie jene einmal wieder besuchen gehen. Dann, nach Undvik und wenn sich die Ewige Flamme aus der Handelsstadt verzogen hätte. Ja, schon komisch, dass ihr Balthar gerade nur am Rande in den Sinn kam. Wenn sie an Angehörige dachte, tat sie das heute vor allem an ihre leibliche Familie. Und an Rist. Ein bisschen auch an Ravello.

“Woher kommst du, Anna? Feiert man dort auch rauschende Feste?”, hakte Halbjørn interessiert nach und die kurzhaarige Frau linste zögerlich zu ihm.

“Ich… weiß nicht.”, gab sie zu “Ich wuchs recht isoliert in den Bergen Kaedwens auf. Und dort hatten wir keine Feiertage.”

Der Jarl wirkte überrascht über diese Weltfremdheit. Anna lächelte verlegen.

“Aber, ähm…”, lenkte sie das Thema weiter “Ich mag Feste und so.”

Auch der Undviker grinste jetzt wieder und wirkte richtig zufrieden. Er schien kurz zu überlegen, doch dann hielt er der Jüngeren die Finger auffordernd hin. Mit der Handfläche nach oben tat er das, als bitte er darum, dass Anna mit ihm käme. Verwirrt beobachtete sie das und reagierte vorerst nicht. Dann deutete der Geist mit dem Kinn gen Feuer und die Kriegerin verstand: Er forderte sie hier gerade dazu auf sich unter all die Ahnen zu mischen, die hier unter lustigem Getrommel um das Allnachtsfeuer tanzten und hüpften. Und als sie Halbjørn, der sie durch Rist’s Augen so erwartungsvoll ansah, betrachtete, wurde es ihr nur zu bewusst, dass der heutige Abend der erste seit vier Jahren war, an dem er fröhlich sein könnte. Und es würde auch die letzte Nacht des Feierns für ihn bleiben, sollten Anna und Hjaldrist die Sache in Undvik in den Sand setzen. Genau dieser ungute Gedanke brachte sie jetzt dazu nach der Hand Halbjørns zu fassen. Sie konnte im Moment nicht viel tun, doch wenn sie für etwas sorgen könnte, dann dafür, dass der bemitleidenswerte Jarl ein erstes und vielleicht letztes Mal seit seinem Tod Spaß hätte. Sie lächelte also entschlossen und ergriff die Finger des angeheiterten Mannes, um mit ihm zu den hoch in den Nachthimmel schlagenden Flammen am Platz zu treten.

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