Kapitel 9

Neue Pläne und der Weg zum Meer

Es gab einen Weg, der bis zum Walfriedhof führte, an dem sich die beiden Abenteurer die Möglichkeit ein Boot zu finden erhofften. Dieser besagte Weg war schmal und mehr ein Trampelpfad, als eine richtige Straße. Er führte fort von Gedyneith, gen Norden, und würde, wenn man nach Rist’s neuer, handgezeichneter Karte ging, bald eine Kehre gen Osten machen. An diesem Punkt hätten es Anna und ihr Begleiter dann nicht mehr allzu weit.

“Die Walfänger werfen die Überbleibsel ihrer Beute dorthin. Sie verkaufen und verarbeiten nur das Fleisch und den Tran der Wale, manchmal vielleicht Innereien oder dergleichen. Aber für die Knochen haben sie keine Verwendung. Jedenfalls nicht für so viele und große.”, erklärte Hjaldrist, der vor Anna her ritt. Der matschige Weg war zu schmal, als dass man seine Pferde nebeneinander gehen lassen könnte. Aufmerksam sah die Novigraderin dem Rücken ihres gesprächigen Freundes entgegen. Der Morgen hatte längst gegraut und sie waren nun schon wieder seit zwei Stunden unterwegs. Die Sonne stand noch relativ tief und ihre schwachen Strahlen bahnten sich ihren Weg nur mühsam durch den Hochnebel hindurch, der über Skellige hing, wie ein trostloser Vorhang. Es war ekelhaft klamm.

“Darum heißt der Ort auch Walfriedhof, musst du wissen...”, meinte Rist weiter.

“Begräbt man Leute hier, auf den Inseln, auch?”, fragte Anna in dem Zuge nach, denn sie hatte gehört, dass Beisetzungen nicht überall genauso abliefen, wie in den Nördlichen Königreichen. In Serrikanien, ganz weit im Osten, gab es zum Beispiel sogenannte Himmelsbestattungen: Man brachte die Toten auf einen Berg und überließ sie dort den Vögeln. Jedenfalls glaubte die Frau dies einmal irgendwo gelesen zu haben. Anna ließ die Zügel von Kurt etwas locker. Der braune Wallach ging brav hinter Apfelstrudel her. Dies mit etwas gesenktem Kopf und gewohnt lethargisch.

“Helden und Könige werden im Norden verbrannt, anstatt in die Erde gebettet zu werden. Ich selber würde es ja auch vorziehen zu Asche verarbeitet zu werden, wenn ich mal tot bin. Ich habe nämlich keine Lust darauf von den Würmern oder Ghulen gefressen zu werden.”, schmunzelte die Hexerstochter noch.

“Hm ja. Hier in Skellige sind neben dem klassischen Verbrennen auch Seebestattungen üblich. Jedenfalls für Anführer und Helden.”, erzählte Hjaldrist. Er sah über seine Schulter zu seiner Freundin zurück, hatte die Zügel in der einen Hand und fuhr sich mit der anderen über das Kinn.

“Wohlhabende Leute, die mehrere Boote besitzen, baren ihre Toten auf einem solchen auf und übergeben die Leiche dem Meer. Also bis das besagte Boot von einem Feuerpfeil in Brand gesteckt wird, versteht sich.”, sagte der heute sehr redselige Krieger und wandte sich wieder ab, um nach vorn zu sehen. Der Wald war hier noch etwas dichter, trotz der im Winter fehlenden Blätter. Man musste beim Reiten aufpassen keinen kahlen Ast gegen den Schädel zu bekommen oder das Pferd vom Weg abkommen zu lassen.

“Huh…”, machte Anna unschlüssig darüber, was sie von den skellischen Seebestattungen halten sollte. Man schiffte Tote also aufs Meer und verbrannte sie dann dort? Warum zündete man sie nicht gleich zu Land an?

“Die Asche des Toten mischt sich in das Meer und man sagt, dass die Seele des Verstorbenen über das Wasser zu den Ahnen geleitet wird.”, sagte Rist, als hätte er Anna’s Gedanken gelesen. Überrascht sah sie auf, doch dann musste sie abschätzig lachen.

“Aha. Also das wäre ja nichts für mich… aber ich bin ja auch kein Jarl.”, meinte sie und sah nicht, wie auch der Käferschubser in sich rein grinste. Denn er ritt schließlich nach wie vor weiter vorne.

“Unsere Tradition gibt Trauernden auch die Möglichkeit sich den Toten bei dieser Reise anzuschließen.”, fügte der Skelliger wissend hinzu.

“Wie?”

“Jedem steht es offen zu einem Verstorbenen auf das Totenboot zu gehen und zusammen mit ihm zu den Ahnen zu gehen, wenn du verstehst, was ich meine.”, erklärte der Mann und lenkte Apfelstrudel um einen dicken Baumstamm herum, der quer über dem Waldweg lag. Das starrsinnige Pferd gab sich dabei weniger widerspenstig, als sonst.

“Ernsthaft?”, keuchte Anna “WER tut denn sowas?”

“Naja… nicht wenige, um ehrlich zu sein: Liebende, die sich ein einsames Leben ohne ihren Partner nicht vorstellen können, alte Eheleute oder sogar Kinder, die sich sehr stark mit ihren verstorbenen Eltern verbunden fühlten. Die Gründe sind vielzählig.”, sinnierte Hjaldrist weiter, als sei all das völlig gewöhnlich. Und das war es für ihn sicherlich auch. Er kam ja von hier.

“Mh.”, machte Anna und verfiel in nachdenkliches Schweigen. Sie öffnete die trockenen Lippen hinter dem wärmenden Schal erst ein paar Wimpernschläge später wieder:

“Würdest du auch auf einem Boot verbrannt werden wollen, wenn du mal tot bist, Rist? Also rein theoretisch. Denn du bist ja kein Held. Also NOCH nicht.”, fragte sie den Krieger, der gemächlich vor ihr her ritt, neugierig und sie schmunzelte, als sie den Punkt mit dem Heldentum ansprach. Sie hörte Hjaldrist lachen.

“Wenn mich bis dahin kein Monster, gegen das du mich in den Kampf geschickt hast, aufgefressen und wieder ausgeschissen hat, dann ja.”, kommentierte er feixend “Dann will ich auf einem Boot verbrannt werden, wie ein Jarl.”

“Hm?”, machte Anna irritiert “Monster, gegen die ICH dich geschickt habe?”

“Aard. Schon vergessen?”, hörte man den Mann locker sagen und er erinnerte die Nordländerin damit daran, dass er ihr versprochen hatte als ‘Aard aus Fleisch und Blut’, mit Axt und Schild, voran zu stürmen, wenn Anna schrie. Eine Vorstellung, die die Kurzhaarige wieder dazu verlockte amüsiert und schief zu lächeln.

“Ach ja.”, antwortete sie gespielt grüblerisch und verheißungsvoll “Das skellische Aard…”

“Man könnte auch ‘Aard Skellig’ sagen.”, fügte Hjaldrist an und löste damit eine prompte, betretene Stille aus.

“Das war ein Wortwitz.”, schnaubte er auf dieses ungläubige Schweigen hin überflüssigerweise und warf Anna einen erneuten Schulterblick zu. Die Frau lachte knapp und dann schwiegen sie wieder eine Weile.

“Hast du eigentlich Lin gesehen?”, fragte Anna nach einiger Zeit des stummen Reitens. Der Waldweg vor ihnen war nach wie vor schmal, doch die Vegetation ringsum hatte sich langsam aber sicher gelichtet. So konnte man endlich nebeneinander her traben, ohne darauf vorbereitet sein zu müssen irgendwelchem Geäst auszuweichen, das einem die Wangen zerkratzte. Das zwar so eng, dass man sich dabei beinah mit den Steigbügeln berührte, doch es war besser, als permanent im Gänsemarsch zu reisen. Anna sah ihrem Begleiter lieber ins Gesicht, wenn sie mit jenem sprach, anstatt dessen Pferd auf den Arsch zu glotzen.

“Nein…”, entgegnete der Skelliger, doch schien sich keine großen Sorgen um den Göttling zu machen.

“Ich dachte mir ja schon, dass er nicht mit nach Serrikanien gehen würde.”, lachte Anna in sich rein und fing sich dafür einen belustigten Blick seitens Rist ein.

“Göttlinge sind wohl wankelmütig… so wie Kinder eben. Wahrscheinlich hat er irgendetwas gefunden, das ihn mehr interessiert, als wir.”, schätzte die kurzhaarige Kriegerin noch und zuckte leicht mit den Schultern.

“Vielleicht klebt er nun ja irgendeinem der Druiden an den Fersen.”, gluckste Hjaldrist halbernst.

“Meinst du? Oh je…”, gab Anna ebenso schmunzelnd zurück “Aber wie auch immer… du wolltest mir vorhin von dem Walfriedhof erzählen, bevor wir zu Toten und lebenslustigen Aards gekommen sind. Schon vergessen?”

Der Mann mit den feinen Zügen hielt auf diese Erinnerung hin inne und hob die Brauen unter seiner gefütterten Kapuze. Tatsächlich schien er es selbst komplett vergessen zu haben, dass er beim früheren Gespräch noch nicht zu Ende gekommen war. Und was war schuld daran? Flache Wortwitze.

“Richtig.”, entkam es dem Reiter langsam und er nickte.

“Du hast gesagt, dass die Walfänger die Knochen der Tiere dorthin werfen.”, wiederholte Anna das Gesagte ihres Kollegen, wie eine stolze Schülerin, die vor ihrem Lehrer ein auswendig gelerntes Gedicht aufsagte, und sah jenen daraufhin erwartungsvoll an. Sie mochte Geschichten über andere Kulturen und Gebräuche sehr. Hjaldrist zuzuhören war also ein guter, interessanter Zeitvertreib.

“Ja genau. Und die Dörfler kommen dann zu dem Walfriedhof, um sich Knochenteile zu holen. Manchmal ziehen ganze Familien los, um große Rippen zu tragen.”, meinte der Käferschubser und erklärte dies auch gleich.

“Die Knochen werden für den Hausbau verwendet, für Hütten. Man kann jene nämlich nicht nur aus Holz zimmern.”, sagte der Sachkundige und lächelte leicht. Wale und Hausbau? Faszinierend, irgendwie.

“Man baut aus Knochen Hütten?”, ganz klar war das Bild, das die fantasievolle Anna dazu vor ihrem geistigen Auge sah, ein anderes, als das in der Realität. In ihrem Kopftheater, da bestanden ganze, fantastische Häuser aus makaber zusammen genagelten, grauen Riesenknochen. Mit Türrahmen aus weißem Gebein und Tischen aus Walwirbeln. Doch dem war in der Wirklichkeit nicht so.

“Ja, mehr oder weniger. Man kann sie als Trägerbalken oder für Dachstühle verwenden. Wenn man sie zurechtsägt, dann sehen sie nicht viel anders aus, als Bretter. Nur heller. Und ein weiterer Unterschied ist auch, dass sie nicht so schnell abbrennen, wie Holz.”, entkam es dem Undviker belehrend und von der Seite aus sah er zu seiner Freundin hin, deren Miene sich in vager Erkenntnis lockerte.

“Ah…”, machte sie. Das morbide Knochenhaus in ihrem Schädel war mit einem Mal zerschlagen worden. War wohl gut so.

“Die Taverne in Blandare hatte übrigens ein Gebälk aus Walknochen.”, grinste der Krieger jetzt und sah Anna abwartend an. Der Gesichtsausdruck der Kurzhaarigen lichtete sich weiter, wurde überrascht und einen Deut verdattert.

“Oh.”

“Ja… siehst du? Walknochen sind hier ein ganz normaler Baustoff. Und aus den kleinen Knochenteilen kann man Schmuck oder Speerspitzen schnitzen. Du wirst schon sehen, sobald wir da sind.”, meinte Hjaldrist nett und drückte Apfelstrudel die Fersen in die Flanken, als der Gaul schon wieder Anstalten machte wegen einem großen Busch am Wegesrand Halt machen zu wollen.

Rist’s Zügelzerren brachte Momente später aber nichts mehr, als Apfelstrudel etwas ganz anderes, als einen etwas zu groß geratenen Dornenbusch sah. Als da nämlich eine kleine Gestalt im Sichtfeld der Reisenden auftauchte, recht hastig und von rechts, scheute das Pferd des unvorbereiteten Skelligers. Rist wurde von dieser plötzlichen, heftigen Reaktion so sehr überrascht, dass er sich beinah nicht im Sattel halten konnte. Apfelstrudel stieg erschrocken und sogar Kurt hob den Kopf nervös und wich leicht tänzelnd ab. Ganz im Gegenzug zu dem völlig aufgebrachten Tier Rists, das mit den Hinterbeinen ausschlug und laut wieherte. Hjaldrist beschwerte sich ebenso energisch, wie sein Tier, zog die ledernen Zügel stramm und versuchte den störrischen Apfelstrudel unter Kontrolle zu bekommen.

“Ey!”, blaffte der Mann “Wirst du Ruhe geben!”

Der Skelliger zog den Kopf seines Pferdes in eine seitliche Beuge, blieb sattelfest. Und tatsächlich schnaubte der Hellbraune nach wenigen aufregenden Sekunden nur noch hastig und aufgebracht, wehrte sich aber nicht mehr gegen seinen Herrn und trat bloß am Stand von einem Fuß auf den anderen. Aufgescheucht sah auch Anna drein und war froh darüber, dass Rist unbeschadet auf dem Rücken seines ‘Esels’ sitzen geblieben war. Ihr Blick wanderte auf die kleinwüchsige Gestalt weiter vorn. Lin. Der Göttling hob die Hände in einer stummen Geste, als wolle er seine Bekannten unbedingt davon abhalten weiter zu reisen.

“Gefahr!”, rief der Kleine mit der hellen Stimme und auch Hjaldrist horchte jetzt auf.

“Lin!”, stellte Anna fest und konnte sich eines anschuldigenden Tones nicht erwehren. Der blauhäutige Waldgeist hatte Apfelstrudel ganz schön erschreckt. Das hätte böse ausgehen können! Nicht selten fielen nämlich sogar geübte Ritter von ihren Rössern, brachen sich dabei das Genick oder wurden von den beschlagenen Hufen der angstvollen Viecher zertreten.

“Gefahr?”, entkam es Hjaldrist und man sah Lin heftig nicken. Anna machte sich daran von Kurt herunter zu steigen, nahm beide Füße aus den Steigbügeln und schwang einen davon über den Pferdehals, um daraufhin vom breiten Rücken des Tieres zu springen. Balthar hätte sie dafür stets brummig ermahnt und ihr tadelnd den erhobenen Zeigefinger gezeigt. Er habe ihr ja zum tausendsten Mal erklärt, dass man ein Bein im Steigbügel ließ, das zweite hinten über die Lende des Pferdes schwang und so, mit dem Gesicht ZUM Ross, von eben jenem herabstieg. Wie von einer Leiter. Und dass man NICHT von dem Vierbeiner hüpfte, als hätte man auf einer Schaukel gesessen. Denn nahm man beide Stiefel aus den Steigbügeln, gab man die Kontrolle ab und mit Pech rannte der Gaul los, bevor man überhaupt dazu käme dessen Rücken zu verlassen. Es war Anna egal. Denn Balthar war nicht hier und Kurt ein phlegmatisches Tier, das eher den ganzen Tag lang auf einem Fleck stand, anstatt wild herum zu galoppieren.

Anna erwischte ihr Reittier am dunklen Zaumzeug und kam damit auf Lin zu, blieb vor dem aufgeregten Göttling stehen und beugte sich ein kleines Stück weit zu jenem hin.

“Welche Gefahr, hm?”, wollte sie wissen. Der Kleine fasste nach ihrem weißen Hemdzipfel, zog auffordernd daran und sah bittend zu der Größeren auf.

“Da, wo die Knochen sind, sind böse Menschen. Sie haben einen Mann und seine kleine Tochter erstochen.”, erklärte der Waldbewohner furchtsam.

“Böse Menschen?”

“Ja, sie reden vom Töten und Rauben. Sie sind nicht nett, ganz und gar nicht.”, meinte Lin eindringlich.

“Du bist den ganzen Weg vorgelaufen?”, fragte Hjaldrist, der nun ebenso heran ritt und dann von Apfelstrudel herunterkam. Mit dem Gesicht zum Pferd, wie bei einer Leiter. Lin nickte.

“Ich dachte mir, ich sehe einmal nach, ob da ein Boot ist. Ihr habt doch gesagt, ihr braucht eines.”, klärte der gewiefte Göttling auf und sah zwischen Anna und Rist hin und her. Dass er das Pferd des letzteren vorhin so erschreckt hatte, schien ihm nicht als Schuld im Nacken zu sitzen. Es war, als sei es ihm nicht bewusst, was er getan hatte.

“Und..?”, wollte Hjaldrist wissen, der neben seine Freundin trat und sich eine Hand in die Taille stemmte. Das mit seinem scheuenden Gaul ließ er außen vor, ja, er vergaß es schon wieder.

“Da ist ein Boot. Aber es gehört den bösen Männern.”, sagte Lin gleich aufrichtig und sah so ernst drein, wie er es mit seinem kindlichen Äußeren eben konnte.

“Verstehe…”, murrte der anwesende Skelliger zögernd und ließ den nachdenklichen Blick wandern, bis jener fest an Anna hängen blieb. Rist starrte eigenartig. Eine stumme Aufforderung schlich sich langsam auf die Züge des Mannes. Die und ein wölfisches Lächeln. Auch seine Kollegin, die zunächst noch irritiert ausgesehen hatte, lächelte auf einmal verschmitzt. Den sie beide waren sich einig: Wer es schaffte vier Gabelschwänze auf einen Schlag zu töten, hätte keine großen Probleme damit sich gegen eine Horde dummer Banditen und Mörder zu erwehren.

 

Knapp eine Stunde später schlug inmitten des Lagers der besagten Banditen eine kleine Bombe ein. Zusammengemischt aus relativ simplen Zutaten wurde die Waffe in der Umgangssprache der Hexer als ‘Serrikanische Sonne’ bezeichnet. Denn das kühl explodierende Gemisch, das hochging, wenn sein Behältnis harte Bekanntschaft mit dem Grund machte und zerbrach, blitzte ordentlich auf und wirkte auf die empfindlichen Augen so, als starre man direkt in die sengende Wüstensonne.

Es knallte also, blitzte unerträglich hell. Das Banditenlager war längst in Aufruhr, denn Hjaldrist und Anna waren schon seit einer Weile hier. Es lag Zorn im Blick der besagten, burschikosen Frau und er war nicht unbegründet. Denn sie und Rist hatten die Banditen belauscht, vorhin. Sie hatten ihre Pferde bei Lin im Wald gelassen, hatten sich vorsichtig genähert und sich unweit hinter ein paar Felsen und hohem Gestrüpp versteckt, um sich ein gutes Bild der verzwickten Lage zu machen. Und die beiden Vagabunden hatten mit angehört, was der Anführer der fremden Bande hier gesagt hatte: Dreckig und rau gelacht hatte er, der stinkende Großkotz, und dabei verlautbart, dass man den hiesigen Druiden ans Leder solle. Dass man ‘diese Verrückten abschlachten müsse, denn sie verbreiten Lügen und Angst’ und ‘dass sie ja sicherlich auch irgendwo Weiber hätten, in Gedyneith, die man mal ordentlich durchbumsen könnte. So wie die Schlampen in Lofoten’, dem Dorf, das man im letzten Monat niedergebrannt hatte. Als Anna dies aus dem Mund des widerwärtigen Kerls gehört hatte, hatte sie schon impulsiv loslaufen wollen, um dem Bastard die im Sonnenlicht blitzende Klinge wohin zu stecken. Doch der vernünftigere Rist hatte sie an der gestreiften Jacke zurückgehalten und sie scharf wispernd ermahnt. Sie hatten daraufhin abgewartet. Und sich besprochen. Sie hatten sich darauf geeinigt mit den wüsten Fremden zu reden, wenngleich es auch schwerfiel. Denn es war klüger einen Kampf gegen acht Mann zu verhindern, als sich sofort in das Gefecht gegen sie zu stürzen. Eine lobenswerte Einstellung, die im Endeffekt nicht viel gebracht hatte. Natürlich nicht. Denn nun toste inmitten der großen Walknochen am Sandstrand der gnadenlose Kampf. Die stupiden Banditen hatten partout nicht verhandeln wollen, hatten auf Rist’s diplomatische Worte gespuckt und verlangt dessen wütender Begleiterin einmal in die Bluse linsen zu dürfen. Im weiteren Verlauf hatte Hjaldrist einen ordentlichen Schlag mit einem Knüppel kassiert und Anna einen harten Stoß, der sie hatte stolpern lassen. Das direkt auf den matschigen Boden und neben die halbnackte Leiche eines blonden Mädchens von etwa dreizehn, vierzehn Jahren, war sie gefallen. Es war die Kleine, von der Lin erzählt hatte.

Kämpfer fuhren just herum und fassten sich schreiend an die Augen. Geblendet und unfähig die nächsten paar Atemzüge über etwas zu sehen, schwangen sie fahrig die Waffen, taumelten und hoben nach dem Nichts. Und dieses knappe Zeitfenster, diese günstige Gelegenheit, nutzten Anna und Hjaldrist. Mit Kampfschreien auf den Lippen stürzten sie auf die Widersacher los. Dies völlig unbedacht, aufbrausend, laut. Anna’s Stahlschwert nahm einem der Männer das Leben, bevor jener überhaupt realisierte, was geschah. Die Kräuterkundige riss ihr langes Schwert metallen sirrend herum und wehrte einen barschen Schlag ab, stieß mit dem harten Knauf zu und rammte ihn einem der bärtigen Banditen gegen den kahlen Schädel. Hjaldrist, indes, wuchtete sich mit dem Schild voran gegen einen der grollenden Fremden, bugsierte ihn zurück und ließ ihn rücklings taumeln, ehe er jenem mit der Axt den Schädel spaltete. Es mutete vielleicht grausam an, doch was diese rüden Männer in Gedyneith angerichtet hätten, wäre weit schlimmer gewesen. So boshaft, wie das mit dem blonden, toten Mädchen und ihrem ermordeten Vater, der keine zehn Meter entfernt und mit dem starren Gesicht im schäumenden Meerwasser lag. Da war kein Platz mehr zum Verhandeln gewesen, keine Chance darauf, dass die Räuber und Vergewaltiger auf zwei dahergelaufene Jüngere gehört hätten. Die schlecht ausgerüstete Bande, vernarbt, abgebrüht und moralisch verkommen, hatte das hier verdient. Oh ja, und wie! Jedenfalls in den Augen der Monsterjäger, die hier walteten, wie die Richter.

Anna hob ruckartig den linken Arm und spürte, wie ihre metallene Armschiene, zu der Rist das Gegenstück trug, einen Eschenknüppel davon abhielt schmerzhaft auf sie nieder zu gehen. Sie ächzte, wankte einen Schritt zur Seite. Sie entspannte und ballte die kalten Finger ihrer Linken wieder, die vom vorangegangenen Hieb nur so kribbelten. Die sture Novigraderin gönnte sich aber keine Pause und schlug mit dem Schwert kraftvoll nach dem mit dem Knüppel, doch jener wich etwas ungeschickt aus und sie verfehlte ihn. Egal. Anna setzte ihm hartnäckig nach und bemerkte im Augenwinkel, wie Hjaldrist soeben die Axt aus der Hand geschlagen wurde. Doch anstatt jener nach zu laufen und sich nach ihr zu bücken, verschwendete er keine Zeit und griff nach seiner großen Armbrust. Es wäre ohnehin müßig gewesen wieder an die wertvolle Waffe zu kommen, denn der Banditenanführer mit den fauligen Zähnen war zu schnell bei ihr gewesen und hatte sie gierig haschend an sich genommen, wie eine Trophäe. Grölend hob er das schöne Stück gerade in die Höhe und wünschte seinen beiden Feinden einen langen und schmerzvollen Tod. Er würde später ‘den noch warmen Leichnam der Ausländerin ficken und dem verschissenen Skelliger den kleinen Schwanz abschneiden’, verkündete er selbstsicher drohend und so energisch, dass er dabei spuckte.

“Anna!”, Rist’s Ruf nach Unterstützung wirkte und die kurzhaarige Frau war erstaunlich schnell bei ihrem Kumpan, um diesmal diejenige zu sein, die sich zwischen ihm und den verbliebenen sechs Banditen aufbaute, wie ein unüberwindbares Hindernis. Und während sie das tat, lud ihr Freund seine kunstvoll geschnitzte Armbrust nach. Er stellte sie hastig vor sich, legte einen Bolzen ein, spannte den Bogen. Man konnte von Glück sprechen, dass er der einzige Fernkämpfer war, der sich hier am Walfriedhof schlug. So müssten die Abenteurer schließlich nur auf Schwerter, Äxte und Eschenknüppel Acht geben, die geschwungen wurden. Nicht auch noch auf umherfliegende Geschosse mit schneidenden Spitzen, die einem zu leicht das Leben nehmen konnten.

Der todbringende Bolzen des zielsicheren Hjaldrist pfiff am Kopf der Novigraderin vorbei und traf den eines Banditen frontal, bohrte sich in dessen Auge. Schmerzlich johlend beugte sich der nach Schweiß miefende daraufhin, kippte plump nach vorn um und zuckte ein paar letzte Male. Anna beachtete es nicht weiter, sondern riss ihre hungrige Stahlklinge vor, um das schartige Schwert eines größeren Räubers kraftvoll zur Seite fort zu schlagen. Sie wich aus und ihr dunkelhaariger Kumpel hielt sich bewusst hinter ihr. Sie stach dem Fremden die scharfe Schneide zwischen die Rippen, ihr Freund lud und schoss. Es waren wenige Wimpernschläge später nur noch vier finster dreinblickende Banditen übrig. Zwei der breit gebauten Feinde stürmten jetzt gleichzeitig auf Anna zu; einer davon war der mit Hjaldrist’s Axt. Die gehetzte Frau machte einen Ausfallschritt nach rechts und duckte sich unter einem Hieb fort.

“Verfluchtes Weibsbild!”, bellte Einer. Sie fuhr herum, stellte das linke Bein etwas versetzt zurück und wahrte einen festen Stand. Ihre braunen Augen waren zu Schlitzen verengt und an ihrem Gesicht und dem hellen Hemd klebte zähes Blut. Es war Großteils das ihrer Gegner, doch auch ihr eigenes hatte sich dazu gemischt. Bevor sie früher die Serrikanische Sonne geworfen hatte, hatte sie nämlich einer der verfluchten Verbrecher an der linken Seite erwischt. Es brannte wie Feuer, doch hinderte sie keinesfalls daran es jetzt mit gleich zwei bulligen Typen auf einmal aufnehmen zu wollen. Rist, der in Anna’s Rücken gestanden hatte, hatte derweil mit dem Schießen aufgehört, denn einer der Fremden war von hinten auf ihn los gerannt. Gerade noch so war der Undviker sich wendend einem Schlag eines Kriegshammers entkommen. Bevor er nach seinem Buckler fassen konnte, ging der dumpfe Stahl schon wieder auf ihn nieder und reflexartig riss der Mann seine Armbrust hoch, machte einen weiten Seitenschritt. Man hörte es hölzern krachen, Splitter flogen durch die kalte Winterluft und ein gepflegter Metallbogen fiel in den Sand.

“Scheiße!”, presste Rist zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor und warf den kläglichen, kaputten Rest seiner teuren Armbrust fort, wurde zurückgestoßen und fiel rücklings. Anna sah nurmehr, wie sich der jetzt am sandigen Boden liegende Hjaldrist schnell zur Seite rollte und damit einem dritten Hammerschlag auswich, der seinen Brustkorb mit wenig Mühe zertrümmert und seine Eingeweide dabei zu Gulasch verarbeitet hätte. Heftig zuckte sie ob dieses Bildes zusammen und eilte zur Hilfe. Die verbleibenden Banditen folgten ihr natürlich. Einer sehr stark blutend, der andere hinkend. Doch sie beide hatten unerschütterlichen Kampfesmut und Blutdurst im Blick. 

Ein Hieb mit Rist’s Axt verfehlte Anna’s Scheitel Sekunden darauf nur knapp. Schwer und schnell atmend kam die Kurzhaarige in die Nähe ihres engen Freundes, der es gerade so geschafft hatte wieder auf die Beine zu kommen. Sie blaffte seinen Namen, er sah sich nach ihr um. Das Hexer-Stahlschwert wurde geworfen, Hjaldrist fing es und war nicht länger unbewaffnet. Anna zog ihren Dolch, hob ihn schützend vor sich und wich von ihren harschen Gegnern zurück, wie eine fauchende, angriffslustige Katze. Der Schnitt, der ihr das Hemd seitlich aufgerissen und die helle Haut verwundet hatte, jagte einen zuckenden Schmerz durch ihren Körper. Er stachelte sie in diesen Augenblicken, zusammen mit dem Adrenalin in ihrem wallenden Blut, nur noch weiter an. Schweiß machte ihr die Stirn feucht und klebte ihr vereinzelte, dunkle Haarsträhnen an das Gesicht. Anna sah nicht zu ihrem Freund hin, als jener gleich an ihrer Seite war und das Bastardschwert kampfbereit anhob. Rist’s Kiefermuskulatur arbeitete, denn seine Zähne mahlten zornig. Der Skelliger sah nicht minder erregt aus, als seine Kollegin. Die Banditen würden sterben.

“Bastarde!”, keuchte die Novigraderin aufgebracht und mit düsterer Miene “Elende Arschlöcher!”. Ihre Gedanken hingen dabei noch immer an dem blonden Mädchen, das unweit mit Blut und Samen an den nackten Beinen im Dreck lag. Einer der Banditen lachte donnernd; der mit Hjaldrist’s Axt und Anführer der widerlichen Bande. Die anderen drei stimmten dem rauen Gelächter mit ein, als bräuchte ihr ekelhafter Boss diese Bestätigung. Oder vielleicht waren sie ja auch wie Schafe und machten ihrem ‘Leittier’ alles nach?

Einer der Kerle - der, der vorhin schon so stark geblutet hatte, weil ihm Anna den Bauch zerschnitten hatte - war auffallend blass geworden. War zu erwarten gewesen. Und er sackte plötzlich in sich zusammen, wie ein nasser Sandsack, während er noch immer gespielt lachte. Dann verstummte der schwer Verwundete und blieb stöhnend liegen. Seine drei Kollegen hielten inne, sahen fragend zu ihrem verblutenden Freund hin. Eine Sekunde, die Anna und Rist ausreichte. Ja, ein Moment, in dem die Frau den Silberdolch abrupt in die Richtung der drei noch stehenden Banditen hob, als wolle sie mit dessen Spitze auf jene zeigen. Sie holte Luft.

“Aard!”, brüllte sie aus vollster Kehle und es dauerte keine zwei Atemzüge, dass der damit gemeinte Hjaldrist überrascht blinzelte und dann grimmig-zufrieden grinsen musste. Er stob los, nach vorn und den Gegnern entgegen. Anna folgte ihm. 

Hjaldrist fegte den verbliebenen Gegnern entgegen, als sei er ein wahrhaftiges Hexerzeichen: Ein Stoß mit dem massiven Buckler, ein Bandit wankte zurück. Ein Schlag mit dem Hexerschwert, einer der finsteren Verbrecher schrie auf. Ein heftiger Tritt gegen ein Knie und der Anführer der Bande knickte beinah ein. Bevor irgendwer noch mehr tun konnte, war auch Anna mit im aufgebrachten Geschehen. Von hinten war sie an den ersten, wankenden Fremden heran geeilt und packte ihn an einem der dicken Gurte seiner ledernen Torsorüstung, die sich auf dem breiten Rücken kreuzten. Die hitzige Frau riss den Größeren rücklings und hart an sich, fuhr mit der freien Waffenhand vor und legte ihm die blitzende Schneide ihres wertvollen Dolches an die ungeschützte Kehle. Silberwaffen waren für Monster gedacht. Und die anwesenden, stinkenden Räuber aus Skellige gehörten zu jenen.

Die Trankmischerin zog die Klinge ruckartig über den Hals des Mannes. Bevor er schreien konnte, durchtrennte sie ihm Stimmbänder, Luft- und Speiseröhre. Sie war so wütend und angestachelt, dass sie dem Kerl die blutdürstige Schneide beinah bis zu den Nackenwirbeln durch das Fleisch gedrückt hätte. Abrupt ließ die den groben Rückengurt wieder los und den schwer verwundeten Banditen nach vorn taumeln. Jener ließ sein Schwert fallen und fasste sich mit beiden Händen an die Kehle, aus der das dunkelrote Blut nur so heraussprudelte. Der Mistkerl röchelte, was in einem widerlich nassen Gurgeln endete. Dann sackte er auf die Knie, fiel mit dem Gesicht voran in den feuchten Sand und blieb liegen.

Anna sah hektisch auf und ließ die Augen wandern. Da war Rist. Und vor ihm der Anführer der Verbrecherbande. Der dritte Kerl war augenscheinlich schon tot und lag verdreht am Boden. Also blieb nurmehr der Boss der Kriminellen. 

Es dauerte keinen Augenblick, als Rist mit lautem Gebrüll auf den losging, der ihm seine wertvolle Axt gestohlen hatte. Der Mann aus Undvik, der erstaunlich gut mit dem Schwert umgehen konnte, hatte seinen Schild fortgeworfen und umfasste Anna’s Waffe mit beiden Händen. Er hob sie ausholend über den Kopf und wollte die Klinge wuchtig auf den dreckigen Hünen vor sich niedergehen lassen. Der Bandit war um einiges größer, als der sichtlich jüngere Skelliger, breiter und haariger. Das auf nahezu widerwärtige Art, ungepflegt und hässlich. Neben diesem Vergewaltiger sah Hjaldrist aus wie ein Elf.

Das Stahlschwert sauste durch die Luft, verfehlte den mies gelaunten Verbrecher. Jener war zur Seite ausgewichen, lief Rist nun entgegen und bugsierte ihn mit einem heftigen Stoß des stahlbewehrten Unterarms zurück. Anna warf derweil ihren Dolch ein Stückchen weit hoch, um ihn an der Klinge wieder aufzufangen. Sie wartete kurz ab und beobachtete, wie Hjaldrist Schwierigkeiten damit bekam eine sichere Entfernung zu dem rasenden Banditen zu bekommen. Eine gute Schwertlänge Abstand, die schaffte er nicht, denn der Hüne drängte immer mehr auf ihn ein, fuchtelte mit der Axt und schrie wie wild herum. Und dann... dann stand der wüste Kerl plötzlich mit dem breiten Rücken zu Anna. Er schien sich völlig auf den aufgescheuchten Rist zu konzentrieren, beachtete die Nordländerin gar nicht mehr. Ein Fehler. Anna holte aus. Einen Wimpernschlag später flog ihr gezielt geworfener Silberdolch und traf den großen Kerl weiter vorn knapp unter der rechten Schulterplatte. Gerade so, dass er nicht das schützende Leder der mächtigen Schulterpanzerung des haarigen Mörders, sondern verwundbares Fleisch, erwischte. Es war reines Glück. Anna’s braune Augen weiteten sich, als sie erkannte, dass sie tatsächlich getroffen hatte und der Bandit zu ihr herumfuhr. Der Bärtige wollte zeternd nach hinten fassen, um sich die Silberklinge aus dem Kreuz zu ziehen, doch er war dermaßen muskelbepackt, dass er es nicht vermochte. Er war wie ein Riesenaffe, der die Hände nicht hinter dem Rücken verschränken konnte. Er schrie zornig, blutete. Hjaldrist schlug mit dem Schwert zu und hackte dem durcheinander gebrachten Fremden den dicken Waffenarm ab. Das Gliedmaß fiel, Rist’s Axt noch immer umklammernd, zu Boden. Sekunden später fand der einarmige Krieger den Tod. Dann war es endlich still. Nurmehr das schäumende Meer brauste und die Möwen schrien. Ganz, ganz weit entfernt konnte man im Wind eine Sirene kreischen hören.

Leise Flüche brummend stakste Hjaldrist ein tiefes Durchatmen später schon auf seine Axt zu, die im hellen Sand lag. Er trat mit einem Fuß auf den Räuberarm, der seine Waffe hielt, und entzog sie dessen Fingern, spuckte angewidert aus. Dann hob er den wirren Kopf an, um zu seiner Freundin aufzusehen, die zwischen all den Leichen stand und Blickkontakt suchte.

“Alles gut?”, wollte der schwer atmende Undviker kritisch wissen.

“Ja.”, Anna nickte. Sie fasste sich prüfend an die Seite und senkte den Kopf, um sich ihre versehrte Haut zu betrachten. Mit der flachen Hand fasste sie an den Schnitt, zuckte dabei etwas zusammen. Die Wunde war nicht tief. Sie blutete schon gar nicht mehr und brannte nur unangenehm, mehr nicht.

“Nimm die dreckigen Pfoten da weg. Das entzündet sich sonst noch.”, merkte Rist an, der näher kam, und Anna sah skeptisch auf. Sie ließ die Hand brav sinken. Ihr Hemd war seitlich aufgeschlitzt worden und hing ihr dort ab der Mitte des Brustkorbes offen vom Oberkörper. Der kalte Wind pfiff unangenehm darunter und sie fröstelte.

“Was für ein Mist… das Oberteil war neu.”, meinte sie bloß genervt, wischte sich die Hände am Schoß ab und wollte sich die ausgefransten Hemdenden unbeholfen in den Hosenbund stecken, damit sie nicht so flatterten.

“Du kannst später eins meiner Hemden haben, wenn du willst. Komm, gehen wir erst mal zu Lin zurück.”, Hjaldrist legte die schmutzige Hand an den Rücken der Novigraderin und deutete mit einem Drängen in die Richtung des Waldes an, dass die Frau mitkommen sollte. Und das tat sie auch, nachdem sie von ihrem kaputten Hemd abgelassen hatte.

“Das war ziemlich gut!”, meinte sie und kommentierte damit die herausragenden Fähigkeiten ihres Freundes im Kampf. Sie ging etwas abgekämpft neben ihm her, warf einen Seitenblick zu Rist.

“Du bist ein gutes Aard.”, stellte sie weiter fest und brachte den verdreckten Skelliger damit zum Grinsen. Seine dunkle, ernste Miene - eine Nachwirkung des vorangegangenen Kampfes -, schwand allmählich und machte der Erschöpfung Platz.

“Ich habe also nicht zu viel versprochen?”, meinte der Mann schmunzelnd.

“Nein.”, bestätigte Anna und klopfte ihm die Schulter, woraufhin der Skelliger jammerte, denn der Typ mit dem Eschenknüppel hatte ihm dort eine schöne Prellung beschert; einen Bluterguss, der die Haut des Undvikers noch lange zieren würde.

 

Am Nachmittag waren die Abenteurer dann wieder zurück beim Walfriedhof, dessen Grund stellenweise blutig rot getränkt war. Sie hatten sich gewaschen, das salzige Meerwasser dafür nutzend. Und die beiden hatten die Leichen der Banditen zur Seite geschafft. Die reglosen, stinkenden Körper lagen unweit hinter einem Haufen Walknochen und kleine Krebse machten sich bereits hungrig über sie her.

“Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden. Die Leichen werden Ertrunkene oder Ghule anlocken…”, meinte Anna, die gerade ihren Rucksack in das kleine Boot warf, das sie am Strand vorgefunden hatten. Es hatte den Räubern gehört. Die, wiederum, hatten es sicherlich von irgendeinem armen Fischer gestohlen. Hjaldrist und die Novigraderin beluden das Bötchen gerade und zwar mit allem, was sie besaßen. Das schloss also nicht nur gefüllte Rucksäcke mit ein, sondern auch die Dinge, die sich in den Satteltaschen von Kurt und Apfelstrudel befunden hatten. Sie würden die Pferde nämlich nicht mit nach Hindarsfjall nehmen können. Dafür war das Boot nicht groß genug. Lin hatte sich daher angeboten auf die Reittiere aufzupassen. Etwas, das Anna und Rist nicht wirklich ernst genommen hatten, doch sie hatten sich so gegeben, als täten sie es. Sie hatten sich bei dem Göttling bedankt und sein Angebot einfach angenommen. Im Grunde war es ja einerlei. Sie hätten die Pferde so oder so zurücklassen müssen. Wahrscheinlich würden die klugen Tiere nach Gedyneith zurückgehen, denn dort gab es Futter. Oder gar nach Blandare, weil sie sich an ihr altes Heim erinnerten. Diese Vierbeiner hatten es an sich zu ihren gewohnten Stallungen zurückzukehren, wenn sie einmal reiterlos waren. Daher gab es im Krieg ja auch so viele Verrückte, die die Köpfe irgendwelcher bedeutsamer Personen an die Sättel von deren Pferden schnallten und den Gäulen daraufhin einen Klaps gegen das Hinterteil verpassten, damit sie nach Hause rannten. Die flinken Tiere agierten damit wie Überbringer für böse Drohungen und, naja, unverkennbare Botschaften.

“Also schön, rein mit dir!”, forderte Hjaldrist beschwingt auf, nachdem die wenigen Habseligkeiten von ihm und seiner Kumpanin auf dem Segelboot verstaut waren. Da waren die beiden Rucksäcke, ein paar Decken, Proviantsäckchen und Anna, die gerade vorsichtig in das ungeliebte, schwimmende Ding stieg. Halb im Wasser schaukelte das Bötchen vor sich hin und die nervöse Frau streckte die Arme zur Seite aus, um das Gleichgewicht zu finden. Oh, verdammte Kacke.

“Habe ich schonmal erwähnt… uh… dass ich das Bootfahren hasse?”, beschwerte sich die Kurzhaarige abschätzig, doch Rist lachte nur heiter. Er stemmte sich mit dem gesamten Körpergewicht gegen das Boot und schob es dem ruhigen Wasser entgegen, bis es keinen Kontakt mehr mit dem Sandstrand hatte. Bis zu den Waden kam der Krieger ins Meer und Anna glaubte, er käme nun ohne Umschweife mit auf das schwimmende Transportmittel. Sie wollte sich vorsichtig setzen. Doch da hatte sie die Rechnung ohne ihren Freund gemacht, der sie ganz gerne triezte. Denn der ließ den Bootsrand längst nicht los und richtete sich auch nicht auf, um an Bord zu steigen. Nein, er gab dem scheiß Schwimmding einen ordentlichen Schubs, dass es nur so wackelte. Anna erschrak unsäglich, als sie fast vom Boot stolperte und der kurzen Schrecksekunde wegen japste sie sogar einen überforderten Laut. Sofort ging sie hektisch auf die Knie, hielt sich krampfhaft am Mast fest und machte sich damit so richtig lächerlich. Hjaldrist lachte teils belustigt, teils schadenfroh.

“Hoppla!”, meinte er scheinheilig.

“Du Arsch!”, keifte die kurzhaarige Novigraderin und war ganz blass um die Nase geworden.

“Was denn?”, grinste der Schönling schief, kam dann endlich mit auf das Fischerboot und schüttelte die nassen Füße “Ich wette, wenn du schwimmen könntest, hättest du dich jetzt nicht fast eingepisst!”

Wahre Worte.

“Was?”, schnappte Anna “Na und?”

“Ach, komm! Schmollst du nun etwa?”, lachte Hjaldrist neckend weiter.

“Pah!”, machte Anna bloß und saß stur und mit verschränkten Armen am Boden des Bootes herum. Noch immer war ihr ganz mulmig zumute. Und, oh, wurde es ihr gerade übel?

“Das Wasser ist hier nicht tief. Du wärst schon nicht ertrunken.”, merkte der anwesende Skelliger an, als er das Segel des Fischerbootes versiert entrollte und mithilfe von Tauen spannte. Aus dem Augenwinkel sah er zu dem Häufchen Elend, das da auf den verwitterten Holzplanken saß. Noch immer grinste er wissend, dieser Idiot.

“Lass mich!”, schnappte die arme Schwertkämpferin mit der wunden Seite, die sich ein zu großes Hemd ihres Kumpels ausgeliehen hatte “Das war ganz und gar nicht lustig!”.

“Ich finde schon. Und weißt du was? Lern schwimmen.”, gluckste der Mann und Anna trat wie ein trotziges Kind nach seinen Stiefeln. Dies nach wie vor mit eng vor der Brust verschränkten Armen. Ein Gehabe, das den Inselbewohner erneut auflachen ließ.

“Das kriegst du irgendwann zurück!”, maulte die beleidigte Frau “Du wirst schon sehen!”.

 

*

 

Das zerklüftete Inselchen Hindarsfjalls, das die Abenteurer angesteuert hatten, war im Vergleich zur Hauptinsel richtig klein. Es hatte noch nicht einmal eine richtige Anlegestelle, geschweige denn einen Hafen. Hjaldrist hatte sich darum gekümmert das Fischerboot gezielt um die besagte, schmale Insel herum zu lenken, abseits von gefährlichen Strömungen, die einen zu schnell gegen die harten Klippen getragen hätten. Was das Segeln anging, war der Mann genauso bewandert, wie im Umgang mit seiner Axt. Und das war gut, denn Anna war ihm an Bord des schaukelnden Bootes keine große Hilfe. Die zwei Reisestunden zur See hatte sie nämlich damit verbracht auf einer Decke zu sitzen, die sie sich am Bootsboden ausgerollt hatte, und ab und an ziemlich bleich über die niedrige Reling zu starren. Einmal, da hätte sie sich fast übergeben, hatte sich hinlegen müssen und ganz schön wehleidig gejammert. Rist hatte sie an diesem Punkt schon nicht mehr verarscht oder blöde Bemerkungen über ihre plagende Angst vor tiefem Wasser gemacht. Er war schlussendlich klug genug, um zu erkennen, wann Schluss war und es nicht mehr als spaßig galt sich über Freunde lustig zu machen. Also hatte er Anna einfach in Ruhe gelassen und sich darum gekümmert das Fischerboot sicher gen Hindarsfjall zu bringen.

Vor wenigen Minuten erst hatten sie dann angelegt. Und Anna war heilfroh darüber gewesen wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Sie stand nun auf der Wiese, die zum Wasser hin abfiel, atmete tief durch und sah dabei zu, wie Rist das dumme Boot an Land zerrte. Dessen Segel war wieder säuberlich zusammengerollt worden. Als große Leinenrolle schaukelte es nun ganz schwach im Wind, der den Geruch nach Meersalz und Algen über die kalte Insel trieb.

“Na, ist wieder alles in Ordnung?”, rief der Skelliger zu seiner Kumpanin herüber, als er das Boot sicher am schmalen Strand abgestellt hatte. Er klopfte sich den Sand von den Händen und sah abwartend zu Anna. Jene nickte, wirkte aber nicht ganz so aufrichtig. Denn noch immer war es ihr ganz schön übel. Ihre Knie waren butterweich.

“Wenn ich daran denke, dass wir auf demselben Weg wieder zurück nach Kaer Trolde müssen, wird es mir ganz anders…”, seufzte die arme Kurzhaarige tief aus.

“Vielleicht finden wir ja einen Drachen, der uns auf seinem Rücken zurückfliegen lässt!”, schmunzelte ihr fantasievoller Gefährte.

“Du glaubst gar nicht, wie lieb mir das im Gegensatz zum Bootfahren wäre…”, entgegnete Anna bloß, lächelte aber schon wieder “Aber ich bezweifle, dass sich hier ein Drache befindet.”

Hjaldrist zuckte mit den Schultern. Dann nickte er in die Richtung des Fischerboots, in dem sich noch all das Gepäck befand.

“Packen wir zusammen. Wir sollten bald los, denn es wird schneller dunkel sein, als es uns lieb ist.”, schlug der Undviker in der grünen Tunika vor und hob den Blick prüfend gen Himmel. Sie hätten heute vielleicht noch zwei, drei Stunden Tageslicht. Und nachts war das Wandern nicht nur ungemütlich und unübersichtlich, sondern auch gefährlich. Gerade auf Skellige, wo die Monster und Tiere viel größer und harscher waren, als anderswo.

“In Ordnung. Du weißt, wo wir lang müssen?”, erkundigte sich Anna und ihr Freund wiegte den Kopf nachdenklich.

“Ja… in etwa. Wir finden den Weg schon, denn so groß ist die Insel nicht.”, versicherte er. Hoffentlich hatte er Recht.

 

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