Kapitel 90

Sein Leid sollte auf ewig bestehen

Erst knapp vor der Jahreswende, gut eineinhalb Monate nach Saovine, waren Anna, Hjaldrist und Lado auf Skellige angekommen. Vor gut zwei Tagen hatte die Handelsfähre, die sie von Siofra aus mitgenommen hatte, in Kaer Trolde angelegt. Nicht in Undvik. Denn deren junger Kapitän hätte nicht um all das Geld der Welt versucht sich den tückischen Gewässern der verrufenen Winterinsel zu nähern. Nur die versiertesten Segler und dort Ansässige vermochten das. Dies war ungut, denn wieder müssten die Abenteurer und das Katzenauge eine Mitfahrgelegenheit gen Hjaldrist’s Heimat finden. Doch dass sie es endlich und überhaupt nach Skellige geschafft hatten, erleichterte den besagten Undviker trotzdem. Es tat gut einmal wieder die skelliger Meeresluft zu schnuppern. Die war so anders, als sonst wo. Und es gab Hjaldrist jetzt schon das Gefühl daheim zu sein. Dick hing der Nebel nun, am frühen Abend, über dem Gewässer und tauchte alles in ein zähes Grau.

“Zu Neujahr wird überall rauschend gefeiert. Das ist bereits nächste Woche.”, sagte Hjaldrist nachdenklich, als er neben Anna am Pier saß und die Beine vom hölzernen Steg baumeln ließ “Zu dieser Zeit laufen also keine großen Schiffe aus, denn jeder will zum Feiertag bei seiner Familie sein. Leider.”

“Wir bleiben also hier und hoffen darauf, dass wir danach eine Überfahrt bekommen?”, fragte die Novigraderin wenig zufrieden nach. Sie war dick in ihren Mantel eingewickelt und ihr Schal reichte ihr fast bis zu den Wangenknochen. Denn im Vergleich zum Norden war es auf Skellige im Dezember schneidend kalt. Ja, der Winter in den Nördlichen Königreichen fühlte sich im Vergleich hierzu an, wie ein lauer Herbsttag.

“Das wäre frühestens in zehn Tagen. Die Feierlichkeiten sind erst dann zu Ende. Mh… dann sofort eine Überfahrt zu bekommen ist sehr optimistisch.”, murrte Hjaldrist und musste leise seufzen. Auch er trug dicke Kleidung, doch fröstelte nicht annähernd. Er genoss es richtig, dass ihm der so vertraute, salzige Eiswind um die Nase wehte. Das Platschen der See, die rhythmisch und ruhig an das Hafenufer schlug, war nahezu beruhigend.

“Naja, sicherlich legt HIER eher ein Boot ab, als in Siofra.”, grinste die Monsterjägerin in ihren blauen Schal hinein und auch ihr Freund rollte amüsiert mit den dunklen Augen, als sie in die Richtung der hier ruhenden Schiffe deutete.

“Ach, Siofra... Hör mir DAMIT auf...”, bat er entnervt “Nie wieder fahre ich dorthin… auch dann nicht, wenn mich Lado persönlich einlädt. Das schwöre ich!”

Leise lachte Anna. Seit die Vagabunden im Hafen Kaer Troldes angekommen waren, hatte Hjaldrist seine Kapuze in der Öffentlichkeit kein einziges Mal abgenommen. Denn sicher war sicher. Das Jarlshaus Undviks war im Vergleich zu anderen Clans zwar unbedeutend und in sich geschlossen, weil es so entlegen residierte, doch der 29-Jährige war dennoch ganz schön paranoid. Dies war mitunter auch ein Grund dafür, dass sich Anna am hiesigen Markt ein neues Gambeson gekauft hatte, um ihre auffällige Jacke dagegen auszutauschen. Es war rot. Auf Kaer Trolde mochte man diese Farbe der An Craites wegen und daher bekam man viele Kleidungsstücke in dem Ton. Dies wiederum, hatte Anna natürlich gefreut. Außerdem trug die Frau ihr Medaillon zum ersten Mal verdeckt: Um ihren Hals und unter ihr Hemd gesteckt. Vor zwei, drei Jahren hatten die Spione Undviks die beiden Reisenden nämlich gesucht; den sehr bekannten Jarlssohn und ‘die Frau mit der gestreiften Jacke und dem Wolfsamulett’. Und sollte von jenen auch nur IRGENDWER auf dieser Insel hier sein und sie erblicken, wären sie am Arsch. Daher wollte man kein Risiko eingehen und hielt sich abseits und verborgen. Mit den Skrugga unter Orlan war nicht zu spaßen und hätten jene Hjaldrist und Anna erkannt, hätte dieser Mistkerl schneller Wind vom geplanten ‘Besuch’ seines Enkels bekommen, als man ‘Warmer Gewürzwein mit Honig’ hätte sagen können. Hjaldrist hielt einen kleinen tönernen Krug mit eben letzterem in den Händen, um sich die Finger daran aufzuwärmen. In seinem Rücken lag die örtliche, laute Taverne, in der sich Anna und er unlängst eingemietet hatten. Lado hatte ihnen dafür Geld geborgt, denn wegen dessen Gilde hatten die Ungeheuerjäger im Bogenwald nichts verdienen können. Geblieben war nach der langen Überfahrt nach Skellige und Anna’s Einkauf auf dem örtlichen Markt also so gut, wie nichts.

“Schon komisch.”, merkte die Frau aus dem Norden an, brach damit die angenehme Stille und ihr Kumpan sah fragend auf “Im Herbst vor vier Jahren kam ich in genau diesem Hafen an und dachte, dass ich hier finden werde, was ich suche…”

Hjaldrist betrachtete Anna von der Seite aus und schwieg.

“Tse.”, machte sie trocken und klang dabei fast schon etwas enttäuscht “Stattdessen habe ich dich getroffen.”

Der irritierte Skelliger zog die Brauen zusammen und nahm die Augen nicht von seiner Freundin, die melancholisch vor sich hin sah. Irgendwie fühlte er sich vor den Kopf gestoßen. Also auf negative Art und Weise. Freute sich Anna denn nicht darüber ihm über den Weg gelaufen zu sein…? Beklommen knetete sich der arme Kerl die kalten Hände und riss den Blick wieder von der Giftmischerin fort. Keine Sekunde darauf hörte man sie schon schelmisch schnaufen und sie stieß Hjaldrist mit dem Ellbogen so fest in die Seite, dass er ächzen musste. Es war eine brüderliche Geste, die ihre vorigen Worte zum schlechten Witz erklärte und der getriezte Inselbewohner rollte mit den Augen. Entnervt stöhnte er, doch musste im gleichen Zug erleichtert grinsen. Scheiße, manchmal drückte Anna ihre tiefen Freundschaftsbekundungen wirklich sehr charmant aus...

“Also. Nun, wo wir hier festsitzen: Was machen wir solange?”, sprach die Genannte schmunzelnd weiter “Auf der faulen Haut zu liegen ist nicht so mein Ding. Und, ugh, ich hasse Warten. Lado ist auch schon seit gestern unterwegs.”

“Mh, ja.”, nickte Hjaldrist “Er sagte doch, er hat am Schwarzen Brett einen vom hiesigen Jarl bezahlten Auftrag für eine riesengroße Ekhidna mitsamt ihrer Brut gefunden… ich nehme an, Lado ist also noch auf dem Weg zur nördlichen Küste. Die Straßen dorthin sind beschwerlich und führen über ein kleines Gebirge. Aber naja… Crach An Craite zahlt sicherlich irrsinnig gut. Er leitet schlussendlich den größten Clan der Inseln und hat sicherlich ordentlich Schotter in der Schatzkammer liegen.”

“Hmpf. Sollten wir uns nicht auch nach etwas Arbeit umsehen?”, fragte Anna gleich etwas zappelig “Das wäre jedenfalls besser, als nervös auf ein Schiff gen Undvik zu warten. Und wenn du richtigliegst, kommen wir hier eh nicht weg, ehe zwei Wochen rum sind.”

Hjaldrist hielt inne und legte die Stirn in nachdenkliche Falten. Seine Freundin wollte Monsterjagen gehen? Hier und während sie darauf warteten auf die raue Winterinsel übersetzen zu können? Aber was, wenn einer von ihnen schwer verletzt werden würde? In dem Fall könnten sie eine sehr baldige Reise nach Undvik und das Anzetteln eines großen Aufstandes dort vergessen. Skeptisch sah Hjaldrist jetzt also auf das bauchige Trinkgefäß in seinen behandschuhten Händen.

“...Ich habe dich noch nie so lange zögern sehen, wenn es um Monsteraufträge geht, Rist.”, merkte Anna nach einer beachtlich langen Schweigepause an und betrachtete Hjaldrist skeptisch von der Seite aus “Also… abgesehen von der Situation vor deiner ersten Begegnung mit den blandarer Gabelschwänzen vor vier Jahren. Scheiße, hast du mich damals entsetzt angestarrt.”

Es klang wie ein indirekter Vorwurf. Und in dieser Sekunde fühlte sich Hjaldrist bereits ziemlich dämlich, denn seine Kollegin hatte natürlich Recht. Hemdall, warum war er nur dermaßen vorsichtig? Das stand ihm nicht. Ihm und seiner Lieblingschaotin würde schon nichts zustoßen, oder? Sie beide hatten schließlich so oft mehr Glück, als Verstand und sollten demnach ein paar Bestien Kaer Troldes beseitigen und das Geld verdienen, das sie Lado schuldeten. Und dann, in etwa zwei, drei Wochen, könnten sie wohlbehalten nach Undvik segeln. Ja, genau. Der Axtkämpfer sollte sich nicht solch einen Kopf machen. Was sollte schon geschehen?

“Zögern?”, lachte er also leise “Aber was… nein.”

“Ah ja?”, lächelte Anna schief und haute ihrem Kollegen herausfordernd gegen den Oberarm “Lass uns ein paar Käfer schubsen gehen. Oder ‘Drachen’ töten. Komm schon.”

“Also gut...”, grinste Hjaldrist auf dieses Drängen hin schon und nickte “Sehen wir uns das Schwarze Brett an und suchen wir uns dort etwas Schönes aus. Wir könnten morgen schon loslegen.”

Sein wieder viel entschlossenerer Blick suchte den seiner Engsten, die einen triumphierenden Laut von sich gab. Und er hob den dampfenden Trinkkrug mit dem süß duftenden Wein darin an, um mit der freudigen Nordländerin anzustoßen.

 

Der Neuschnee knirschte unter den Stiefeln der beiden Freunde, als sie am nächsten Vormittag durch das noch recht verschlafene Kaer Trolde gingen. Zielstrebig marschierten sie über die breite Hauptstraße und auf die große Werft zu, denn dort arbeitete ein potentieller Auftraggeber. Gestern Nacht hatten sie am hiesigen Schwarzen Brett noch ein verzweifeltes Hilfegesuch von eben jenem gefunden, in dem von einem fürchterlichen Unglück die Rede war. Mehr wollten sie von dem Schiffsbauer persönlich erfragen. Und daher trat Hjaldrist nur wenige Momente später schon zwischen die großen Bootsgerippe unweit des Hafens. Zwei unfertige Langschiffe lagen hier am Strand und zwischen ihnen erkannte man auf Anhieb drei fleißige Handwerker. Der heute zur Abwechslung einmal ausgeschlafene Undviker war also guter Dinge, als er den Anschlagzettel hochhielt, den er gestern vom Schwarzen Brett abgerissen hatte. Anna trat neben ihn und stemmte sich die Hände in die Seiten.

“Thoralf?”, fragte der dunkelhaarige Axtkämpfer mit erhobener Stimme und sogleich hoben die anwesenden Angestellten der Werft die Köpfe interessiert an. Sie hielten teils mit der Arbeit inne und ließen Äxte und Hämmer sinken. Zwei von ihnen warfen einander Blicke zu.

“Heißt hier wer Thoralf?”, wollte Hjaldrist wissen und tatsächlich mutete einer der Handwerker in den wollenen Wintermänteln sofort ziemlich aufgeregt an. Der rothaarige, bärtige Kerl mittleren Alters, der eine purpurne Wollmütze auf dem Kopf trug, kam vor und stellte auf seinem Weg seine Arbeitsaxt fort. Vereinzelte Schneeflocken fielen hernieder und das Wasser im Hafen war heute unruhiger als sonst.

“Ja…”, bestätigte der Rotschopf gleich erwartungsvoll “Ich bin der.”

“Wir haben dein Gesuch gesehen.”, erklärte der Undviker ohne sich groß vorzustellen. Er wollte seinen Namen zurzeit nämlich ungern herumposaunen.

“Und eventuell können wir helfen.”, meinte Hjaldrist. Thoralf sah auf das Angebot hin aus, als falle ihm ein Stein vom Herzen. Sein pockennarbiges Gesicht erhellte sich.

“Tatsächlich?”, fragte er erleichtert nach.

“Wir bräuchten zuvor aber noch ein paar Details. Auf deinem Zettel steht, dass südlich von hier großes Unglück herrscht und du Angst um deine Eltern hast, die dort hausen?”

Thoralf nickte gleich. Er trat ein wenig näher und zupfte nervös an seiner messingfarbenen Mantelschließe herum. Holzspäne hingen an seinem Überwurf aus schwerem Loden.

“Ja… das ist richtig.”, seufzte er frustriert “Ich arbeite hier. Die kleine Siedlung meiner Familie, Forsdal, ist einen halben Tagesmarsch von Kaer Trolde entfernt, also nächtige ich hier, solange ich zu tun habe. Meistens arbeite ich eine Woche lange und gehe dann für zwei, drei Tage zu meinen Eltern. Sie sind schon alt und-”

“Kommt auf den Punkt.”, bat Anna ungeduldig schnaufend.

“Ja, ja…”, machte Thoralf schnell “Also vor fünf Tagen wollte ich einmal wieder nach Hause gehen. Doch auf halber Strecke wurde ich von einem Mann mit zwei Wölfen aufgehalten und mich streng darauf hingewiesen, dass das Gebiet rund um meinen Heimatort unbetretbar sei.”

“Warum?”, wollte Hjaldrist wissen “Und wer hielt dich genau auf?”

“Ein sehr, nun ja, entschlossener Druide.”, erzählte der Bootsbauer und zuckte unschlüssig mit den breiten Schultern “Er riet davon ab die Gegend rund um Forsdal zu betreten. Jarl Crach möchte das nicht. Jedenfalls gilt das solange, bis die Druiden herausgefunden haben, was dort los ist. Man will alle Außenstehenden schützen und glaubt, alle Forsdaler seien schwer krank. Ach… ich respektiere meinen Jarl. Sehr sogar. Doch ich will auch nicht warten und im Ungewissen bleiben. Versteht ihr? Ich habe Angst um meine Eltern.”

“Mehr ist nicht bekannt?”, fragte Anna von der Seite und hob eine Braue skeptisch an “Ein ‘Unglück’ oder ‘Krankheit’ kann vieles sein und ich weiß nicht, ob die Mistelschneider die geeigneten Ansprechpartner in solchen Dingen sind. Vielleicht handelt es sich ja sogar um einen Fluch, wenn sie so verschwiegen tun.”

“Ein Fluch? Bei den Göttern. Ich weiß nicht…”, murmelte Thoralf verunsichert “Ich habe keine weiteren Informationen. Daher… daher auch mein Hilfegesuch. Ich bin ein sparsamer Mann und habe keine Frau und keine Kinder. Daher habe ich Geld auf der Seite liegen, das ich gerne hergebe, solange ich meine Eltern in Sicherheit weiß.”

“Hm…”, brummte Hjaldrist leise und faltete den knittrigen Anschlagzettel in seinen behandschuhten Händen wieder zusammen, um ihn sich in die Tasche zu stecken. Er starrte seinen Auftraggeber nachdenklich an, bevor er zu Anna linste.

“Sehen wir uns das an?”, fragte er sie.

“Klar. Klingt doch nach… Spaß.”, grinste die Frau schwach und kassierte dafür einen verständnislosen Blick seitens Thoralf.

“Spaß?”, fragte dieser einfache Kerl, der ganz offensichtlich kein kühner Krieger war, nach “Ein Unglück oder einen… einen Fluch sollte man nicht auf die lockere Schulter nehmen!”

“Keine Sorge.”, beschwichtige Hjaldrist gleich und lächelte dabei zuversichtlich “Uns sind solche Angelegenheiten vertraut.”

“Seid ihr Hexersleute? Vor einiger Zeit war einer von denen hier. Beim Jarl.”, entkam es dem Handwerker skeptisch und der Undviker vor ihm ertappte sich mit der Antwort einen Moment lange zu zögern. Beinahe hätte er Anna einmal wieder stolz als Vatt’ghern betitelt, doch ließ in letzter Sekunde davon ab. Denn wenn irgendwo ein Hexer auftauchte, sorgte das oftmals für Gerüchte oder Getuschel. Und er wollte nicht, dass bekannt wurde, dass irgendjemand mit einem Wolfsamulett hier, auf Ard Skellig, war. Demnach schüttelte er den Kopf und holte Luft für Halbwahrheiten.

“Wir sind nur Söldner.”, gab er vor “Doch wir stolperten auf unseren Reisen schon das ein oder andere Mal in ziemlich heikle Miseren. Wir haben also keine Angst.”

“Hm. Abgebrüht seid ihr?”, fragte Thoralf und taxierte die etwa Gleichaltrigen vor sich eingehend “Na, wie auch immer. Ihr geht also für mich nach Forsdal und seht dort nach dem Rechten? Ich bezahle euch die Hälfte der Belohnung dafür auch noch vor eurem Aufbruch.”

“Gib uns das Geld, sobald wir wieder hier sind.”, wehrte Hjaldrist das großzügige Angebot ab und erinnerte sich an die Art und Weise, wie Anna und er sich seit jeher durchschlugen “Wir nehmen Zahlungen nie im Voraus.”

Nun beäugte Thoralf seinen Landsmann ziemlich überrascht. Doch er nickte.

“Na schön.”, sagte er zögerlich und sah aus, als glaube er nicht, was hier soeben passierte.

“Wie kommen wir nach Forsdal?”, hakte Hjaldrist noch nach “Ich kenne mich in der Gegend aus, habe aber noch nie von dieser Siedlung gehört.”

“Sie ist auch sehr klein.”, meinte der Auftraggeber mit den Holzspänen und Schneeflocken am Mantel gleich “Ihr findet sie, wenn ihr den Handelsweg gen Süden nehmt. Auf etwa der halben Strecke gen Blandare liegt Forsdal an einem kleinen See. Nehmt nach der Großen Kreuzung einfach die Brücke und dann den Weg nach Osten. Man kann es kaum verfehlen.”

“Blandare, hm? Alles klar.”, entgegnete Hjaldrist vielsagend grinsend und wechselte leger das Standbein, als er die Arme verschränkte “DEN Weg kennen wir.”

Er fing einen kurzen, hintergründigen Blick seitens Anna auf, die genauso schief lächeln musste, wie er.

“Na dann. Viel Glück.”, wünschte der anwesende Arbeiter mit dem roten Bart noch und lächelte besorgt “Und kommt mit guten Nachrichten wieder. Ich bete zur großen Freya dafür.”

“Wir sind bald wieder da.”, glaubte der langhaarige Undviker noch. Dann deutete er seiner Freundin an zu gehen. Wenn sie gleich aufbrächen, wären sie heute Nachmittag und vor der Dämmerung schon im ‘verfluchten’ Dorf am See südöstlich von Kaer Trolde.

 

Der Marsch nach Forsdal stellte sich als beschwerlicher heraus, als gedacht. Denn schon gegen Mittag begann es dermaßen zu schneien, dass man noch maximal bis an die fünf Meter weit sehen konnte. Mit dem schnaubenden Apfelstrudel als ‘Packesel’ am Zügel ging Hjaldrist voran und hatte die schwere Kapuze tief im Gesicht hängen, um sich vor dem beißenden Wetter zu schützen. Bis über den Mund hochgezogen trug er einen dicken Schal und unter seinem gefütterten Mantel hatte er so gut wie alles an, was er besaß, um später nicht noch zu erfrieren. Denn Anna und er würden in der Wildnis lagern müssen, sollte Forsdal tatsächlich nicht betretbar sein. Er wünschte sich dies zwar nicht, aber man konnte ja nie wissen. Und genau aus diesem Grund trug sein treues Pferd just zwei große, schwere Bündel am Rücken: Das zusammengerollte Zelt der Monsterjäger und einige Felle und Decken, die in altes Segeltuch eingewickelt waren, um trocken zu bleiben. Nebenher hatten die Freunde genug Verpflegung für drei Tage dabei. Das sollte reichen.

“Kacke…”, konnte man Anna von etwas weiter hinten schimpfen hören und sie schürzte die Augen vor dem Wind, der einem die dicken Schneeflocken entgegen peitschte “Ich war früher so lange auf Skellige, aber sowas habe ich noch nie erlebt! Verdammtes Wetter! Was zum Geier?”

Hjaldrist lachte bloß und obwohl er hoffte, dass der heftige Schneefall bald nachließe, sah er die Situation nicht allzu eng. Denn er war all das hier gewöhnt.

“Als ich klein war, schneite es auf Undvik einmal so sehr, dass wir Kinder die Festung morgens nicht verlassen konnten, da der Schnee höher stand, als wir groß waren.”, erzählte er und musste seine Stimme dabei erheben, damit Anna ihn gut hören konnte “Wir mussten warten, bis man die Wege geräumt hatte und das dauerte ewig. Vater spannte sogar einige Huskarle dafür ein. Es war ein richtiger Ausnahmezustand, doch ich fand es lustig Henrik Schnee schaufeln zu sehen.”

“Ernsthaft?”, fiel es der Novigraderin, die harte, skellische Winter nicht gewöhnt war, nurmehr dazu ein. Es reichte ihr bereits sichtlich, dass ihr das kalte Weiß stellenweise beinahe bis zu den Knien stand. Wenn es heute noch weiter schneien würde, dann wäre es morgen noch viel mehr. Angestrengt stapfte sie Hjaldrist und Apfelstrudel nach und stieg dabei in deren Fußabdrücke, um sich das Wandern etwas einfacher zu machen.

“Wir hätten Schneeschuhe besorgen sollen.”, griente Hjaldrist vor sich hin.

“Schneeschuhe?”, hörte er verwirrt von hinten.

“Das sind Rahmen, etwa doppelt so lang und doppelt so breit, wie normale Sohlen, zwischen die man ein grobes Netz aus Hanfschnüren gespannt hat. Man kann sie sich an die Schuhe schnallen und versinkt damit nicht so tief im Schnee.”, erklärte der vorangehende Langhaarige und sein Atem stieg als weißer Dunst auf. Er musste leise husten.

“Wegen der Druckverteilung?”, vermutete Anna.

“Richtig.”

“Ach. Weißt du, in Kaer Morhen konnte es auch schon mal richtig kalt werden und schneien.”, gab die Frau dann von sich “Ich kann mich an keinen Winter in Kaedwen erinnern, an dem man dort nicht Schlittenfahren konnte. Aber Schnee bis zu den Knien? Nein, das habe ich noch nie gesehen.”

Wieder schmunzelte der Undviker und ging wacker weiter, obwohl auch seine Beine nicht allzu froh über all den Schnee waren. Er musste etwas am ledernen Zügel seines Pferdes zerren, damit es ihm im gleichbleibenden Tempo folgte.

“Agh.”, maulte Anna indes weiter “Wenn es nur nicht so kalt wäre. Rist, atme einmal tief durch die Nase ein. Dann frieren dir die Nasenlöcher zu!”

Der Skelliger gluckste erheitert und sah sich über die Schulter nach der Kurzhaarigen um. Auch sie trug heute viele Lagen ihrer Kleidung und war ob ihres roten Wollmantels im hellen Schnee nicht zu übersehen. Unter ihrer Kapuze hatte sie sich ihren langen, blauen Schal einmal über den Kopf und dann um den Hals gelegt. Mehr, als ihre Augen sah man zwischen all dem Stoff kaum. Und das war gut so. Denn ja, der Winter Skelliges war tatsächlich unglaublich hart und zugegebenermaßen wunderte sich Hjaldrist darüber, dass seine Gefährtin nur so wenig ernsthaft jammerte.

“Wenn wir in dem Tempo weitergehen, kommen wir am späten Nachmittag in Forsdal an, schätze ich.”, entkam es dem Mann gutmütig “Hältst du das noch aus oder brauchst du eine Pause?”

“Klar halte ich das aus.”, kam es zurück und da war ein gewisses Feixen im Ton der Jüngeren “Mach dir mal keinen Kopf. Solange ich fluchen darf, ist alles gut.”

“Gut…”, lächelte Hjaldrist hinter seinem dicken Halstuch, während er den Blick wieder von seiner vermummten Freundin fortriss. Und er hoffte, dass sich ihr weiterer Weg vorerst als ruhig gestalten würde.

 

Die beiden Freunde kamen inmitten des rauen Winterwetters bis zur Brücke nach der Großen Wegkreuzung hinter dem Wald südlich von Kaer Trolde. Es wurde allmählich düsterer, was hieß, dass der Abend nahte. Und Anna und Hjaldrist hätten es tatsächlich bis zum Anbruch der Dunkelheit nach Forsdal geschafft, hätten sie einen Zahn zugelegt. Doch schon, bevor sie die breite Brücke des Handelsweges betraten, die in den kleinen Waldteil Forsdals führte, ahnten sie bereits, dass sie eventuell nicht viel weiter kämen. Denn inmitten des mittlerweile leichter fallenden Schnees, näherte sich ihnen ein Mann, der dicke Felle am Körper und einen knorrigen Stab bei sich trug. Er hatte zwei Vierbeiner dabei: Graue Wölfe. Apfelstrudel wurde nervös, als er diese gefährlichen Tiere erkannte und Hjaldrist erwischte das leise wiehernde Pferd am Halfter, um dessen Kopf bei sich zu halten. Selbstbewusst ging der Skelliger weiter, als auch seine beste Freundin unsicher zu ihm aufschloss. Da sprach der daher spazierende Fremde sie bereits an.

“Ihr solltet nicht weitergehen!”, mahnte er und gab seinen Wölfen mit einer Handgeste zu verstehen, dass sie innehalten sollten, da sie das Pferd der Abenteurer unruhig machten. Brav folgten die Raubtiere dem auch. Es war verwunderlich. Trotzdem traute Hjaldrist ihnen nicht.

“Was?”, fragte der Monsterjäger und zog sich den Schal vor dem Gesicht fort “Warum? Wir müssen nach Forsdal.”

Der Unbekannte mit dem zotteligen Fellüberwurf und der bestickten Mütze aus Wolle kam näher. Er hatte einen langen, schwarzen Rauschebart und sein Gesicht war faltig. Er musste ziemlich alt sein. Und dennoch stand er hier in der Eiseskälte. Er war mit Sicherheit der Druide von dem Thoralf gesprochen hatte. Hjaldrist bereitete sich schon auf eine lange Diskussion vor. Denn wenn er etwas über die sturen Kräutersammler Skelliges wusste dann, dass sie gern redeten und glaubten alles besser zu wissen. Jedenfalls, wenn sie keinen Schweigeeid geleistet hatten. In den Augen des alten Mannes mussten Anna und ihr Kumpel kleine, dumme Kinder sein. Das war kein Vorteil.

“Forsdal ist nicht sicher, Söhnchen.”, sagte der Druide mit kratziger Stimme. Außer einer Kräutersichel trug er nichts Sichtbares an sich, das man als Waffe verwenden könnte. Aber das bräuchte er auch nicht, schätzte Hjaldrist. Viele der Mistelschneider beherrschten Magie und wussten sich damit zu wehren. Zudem hatte dieser Kerl hier auch noch zwei riesige Wölfe, die ihm aufs Wort gehorchten. Misstrauisch wanderten die dunklen Augen des Axtkämpfers zu den wartenden Tieren, die sich brav hingesetzt hatten und anmuteten, als seien sie Hausköter.

“Und warum ist es nicht sicher?”, stellte der Mann sich dumm, als er wieder Augenkontakt zu dem Druiden suchte “Weißt du… wir wollen in diesem Wetter nicht im Freien übernachten und hätten gerne ein Dach über dem Kopf und ein Feuer, an dem wir uns aufwärmen können. Wir kommen den ganzen Weg aus Kaer Trolde.”

“Das verstehe ich.”, nickte der Alte verständnisvoll “Und dennoch muss ich euch warnen: In Forsdal geht eine Seuche um. Wir vermuten, dass sie ähnlich ansteckend ist, wie die Catriona, also tätet ihr gut daran fern zu bleiben.”

“Eine Seuche?”, plapperte Anna jetzt dazwischen und trat vor “Was soll das genau heißen?”

“Mmh…”, brummte der geduldige Bärtige bedauernd “Die Menschen in Forsdal sind schwer krank und sehr viele starben bisher. Ich und drei meiner Brüder und Schwestern sorgten für das Seelenheil der Lebenden und verbrannten die Toten. Doch es half wenig. Jeder, der Forsdal zurzeit betritt, verfällt genauso dem Keuchhusten, den Pusteln und dem Fieber, wenn er sich nicht gut davor schützt. Selbst meine Begleiterin schwächelt bereits und wir denken daran zu gehen.”

“Wir vermuteten einen Fluch, bevor wir hierher aufbrachen.”, sagte Anna vorschnell und Hjaldrist runzelte ob dem die Stirn. Doch er hielt sie nicht auf, denn er sah, wie der Druide aufhorchte. Seine blauen Augen suchten die Ausländerin und musterten sie verblüfft.

“Wer brachte euch auf diese Idee?”, wollte er gleich wissen “Und weswegen kamt ihr dennoch hierher?”

“Ein Auftraggeber. Wir sollen uns die Sache genauer ansehen, denn er selbst traut sich nicht.”, sagte Anna frei heraus und so dumm das zuerst noch erschienen war, so löste es in dem anwesenden Alten wohl etwas aus. Hjaldrist hätte sich anfangs nicht so unwissend stellen sollen, denn jetzt kam er sich dämlich vor. Er räusperte sich leise.

“Seid ihr vom Hexervolk?”, hakte der Trankmischer sofort nach.

“Was?”, machte die etwas kleinere Novigraderin auffallend schnell “Nein. Nur Söldner, die bisher schon in viele Miseren reingerutscht sind.”

Der betagte Skelliger mit dem dicken Schulterfell und der Wollmütze hob eine Braue. Er war schlauer, als Anna ein Wort zu glauben, das sah man ihm an. Dennoch fragte er nicht weiter nach. Er schien zu grübeln und Hjaldrist taxierte ihn abwartend.

“Worum geht es wirklich?”, wollte der Undviker nach einer kurzen Pause wissen “Erzähl es uns, alter Mann.”

Der Druide musste dieser Ansprache wegen lachen. Er klang sehr herzlich, als er das tat.

“Also schön…”, fing er daraufhin an “Ihr seid keine gewöhnlichen Reisenden, wie mir scheint. Darum gebt ihr euch nicht mit der einfachen Geschichte einer Seuche zufrieden.”

“So sieht es aus.”, nickte der Axtkämpfer direkt.

“Es IST ein Fluch, nicht wahr?”, kam Anna dazwischen “Es wäre doch zu leicht, wenn nicht.”

“Wenn man es so nennen kann, ‘Söldnerin, die in viele Miseren hineingerät’...”, entgegnete das Großväterchen und klang sehr, sehr ironisch, als es sie Frau mit letzterem betitelte. Der Mann atmete einmal durch und lächelte leicht.

“Seht, ihr beiden, wir wollten niemanden verschrecken oder zu sehr beunruhigen, indem wir Reisenden die ganze Katastrophe Forsdals erklären. Es reicht den Leuten, wenn man ihnen von einer Pest erzählt. Sie verstehen diese Krankheit einigermaßen und fürchten sich daher nicht zu sehr.”, erklärte der gutmütige Druide sich “Und dass Forsdal von der Seuche geplagt wird, ist auch richtig. Nur der Ursprung eben dieser ist vermutlich magischer Natur. Und Magie, die verstehen die Menschen nicht. Daher fühlen sie sich ohnmächtig und furchtsam, wenn man sie in ihrer Gegenwart als Ursprung eines Übels in den Mund nimmt.”

“Das klingt logisch…”, fand Hjaldrist.

“Und? Was ist nun der Ursprung der Krankheit?”, fragte die ungeduldige Anna dazwischen “Ein Him vielleicht? Eine Pestmaid?”

“Nein…”, seufzte der Mistelschneider “Es ist vermutlich verzwickter, als das. Gern hätte ich euch in unser Lager in Forsdal eingeladen, aber ich hätte kein gutes Gewissen dabei. Ihr könnt uns zwar gerne helfen, wenn ihr mögt, doch ich bitte euch: Werdet nicht übermütig und schlagt euer Zelt abseits auf. Haltet euch von den Bewohnern des Ortes fern.”

“Wir werden vorsichtig sein.”, versicherte Hjaldrist und war froh über die angenehme Gesinnung seines Gegenübers. Zu viele Naturverbundene waren für gewöhnlich sehr eigen und mochten den Kontakt zu fremden Menschen nicht besonders. Die Druiden dieser Gegend schienen dahingehend lockerer zu sein. Vielleicht hatten sie ja öfter mit Leuten zu tun, als ihre Gleichgesinnten anderenorts.

“Mein Name ist übrigens Hovard.”, stellte sich der Alte vor, ehe er auf seine Wölfe zeigte “Und das sind Geri und Freki.”

“Ich bin… Anton.”, log Hjaldrist, um seine wahres Ich zu schützen “Und meine Freundin hier heißt Merle.”

Im Augenwinkel sah der Undviker, dass Anna Mühe damit hatte eine gelassene Miene zu bewahren. Hemdall sei Dank sah Hovard gerade nicht zu ihr.

“Freut mich sehr.”, sagte der Mistelschneider mit den beiden Wölfen nett.

“Kannst du uns nun über das aufklären, was in Forsdal passiert?”, kam der Axtkämpfer auf das eigentliche Thema zurück “Was ist in der Gegend los und wie kann man helfen?”

“In Forsdal geht der Klushund um.”, berichtete der Alte gleich mit verschwörerischem Ton und einer seiner Wölfe knurrte leise “Ein schwarzes, großes Tier mit glühenden Kohlen in den Augenhöhlen.”

“Der Klushund?”, machte Anna ratlos “Noch nie gehört. Ist er ein Barghest?”

“Nein.”, der Druide schüttelte sein Haupt und richtete sich die Wollkappe zurecht “Die Sage des Klushundes ist alt auf Ard Skellig. Sie erzählt vom ersten Maat eines angesehenen Kapitäns aus Rannvaig. Dieser Maat namens Klus Olsson hinterging seinen besten Freund und Kapitän auf bösartigste Weise. Er strebte sein Leben lang nach Ansehen und Ruhm, doch stand stets im Schatten seines Kapitäns Arvud. Also wollte er Arvud töten und seinen Platz als Schiffskapitän einnehmen.”

“Ich habe die Geschichte einst gelesen.”, gab der Bücherwurm Hjaldrist zu und erinnerte sich gut: “Klus war zu feige, um Arvud im offenen Kampf zu konfrontieren. Also betrank er sich mit jenem in der Taverne und dann, als der Kapitän stockbesoffen war, führte er ihn ans Meer und stieß ihn in das Wasser. Arvud ertrank jämmerlich und sein letzter Gedanke verwandelte Klus in einen schwarzen Hund mit glimmenden Augen.”

“Richtig, Söhnchen.”, nickte Hovard positiv überrascht “Seither wandelt der Klushund über die Insel, verbreitet Krankheit, vernichtet Ernten und frisst die Eimer der Fischer leer. Denn nur, wenn die Menschen leiden, ist er selbst gesund und gut genährt. Geht es ihnen jedoch gut, ist er selbst dürr und leidet große Schmerzen.”

“Ich dachte, das sei nur ein Märchen.”, wand Hjaldrist ein und wieder lachte der Alte leise und bedauernd.

“Ich auch, ich auch.”, stimmte er zu “Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem ich den Hund mit eigenen Augen sah. Es war vor vier Tagen am See vor Forsdal, um dort zu trinken. Dieses Tier ist schrecklich und so hoch, wie ich. Selbst Geri und Freki fürchteten sich vor ihm.”

“Tatsächlich?”, staunte Anna.

“Er war pechschwarz und seine Augen leuchteten in der Düsternis des frühen Abends. Sein Fell war glänzend und schön und sein Körper kräftig. Er zehrt gerade also sehr vom großen Leid der armen Leute Forsdals.”, berichtete Hovard und sein Ausdruck wurde verzwickt dabei “Ich will nicht wissen, was geschieht, wenn er sie alle hingestreckt hat. Vielleicht zieht er dann weiter und reißt noch mehr arme Seelen in den Tod.”

“Meinst du, man kann ihn töten?”, wollte die Novigraderin wissen. Es war eine Frage, die auch Hjaldrist brennend interessierte und aufmerksam betrachtete er Hovard.

“Ich weiß es nicht.”, sagte der Mistelschneider sorgenvoll “Wir griffen ihn bisher nicht an, da wir nur einfache Druiden sind, keine Krieger oder große Magier.”

“Weiß Crach davon?”, fragte Hjaldrist weiter nach.

“Nein.”, beteuerte Hovard “Noch nicht. Unsere Erkenntnisse sind jung, lieber Anton, und es wäre unbedacht Soldaten gegen den Klushund zu schicken oder die Jarlsfamilie in Gefahr zu bringen. Wir hofften die Misere anderweitig zu lösen… und dann tauchtet ihr beide schon auf.”

Anna gab einen begeisterten Laut von sich.

“Ein guter Zufall!”, fand sie “Also können wir dem Fluch rund um diesen Köter ungestört auf den Grund gehen, Anton.”

“Stimmt.”, nickte der damit Gemeinte “Besser, man erledigt das so, als einen großen, sinnlosen Kampf gegen ein mystisches Wesen anzuzetteln und noch mehr Leben aufs Spiel zu setzen.”

“Wie gesagt…”, wand Hovard ein “Übernehmt euch bitte nicht. Ich möchte hier keinen weiteren Menschen sterben sehen.”

“Das wirst du nicht.”, glaubte Anna, winkte beschwichtigend ab und es war klar, dass ihre Neugierde und ihr großer Tatendrang all die Risiken des Klushund-Auftrages überdeckten. Hjaldrist war sich, was die prekäre Sache anbelangte, aber gedankenvoller. Und genau aus diesem Grund hielt er Anna kaum eine Stunde später dazu an das Lager im Wald nahe Forsdal aufzuschlagen, anstatt gleich herumzustreunen. Zwar war es zwischen den hohen, dunklen Tannen unübersichtlich und nahezu unheimlich, doch der Schnee war hier nicht so hoch. Da war eine Stelle zwischen den duftenden Nadelbäumen, an der das Weiß keine zehn Zentimeter hoch stand und das war perfekt. Also hatte der Undviker Apfelstrudel locker an einem der alten Bäume angebunden und half Anna soeben dabei all die Decken und Felle in das kürzlich aufgebaute Zelt zu befördern. 

“...‘Merle’, hm?”, machte die Giftmischerin, als sie Besagtes erledigt hatte und richtete sich auf, um sich ihrem Freund zuzuwenden. Sie besah Hjaldrist im Lampenschein abfällig-belustigt. Er hielt inne.

“Was denn?”, grinste der Krieger “Was Besseres fiel mir auf Anhieb nicht ein. Außerdem wette ich, dass meine kleine Schwester einmal genauso wird, wie du.”

“Aha. Ist das jetzt ein Kompliment oder nicht?”, lachte Anna, als sie sich den Rucksack abnahm und jenen nebenher in das Zelt warf, dass es schepperte. Sie kannte Merle schließlich nicht. NOCH nicht. Aber sie würde schon noch sehen, dass ihr dieses Mädchen sehr ähnelte.

“Such es dir aus.”, meinte der Undviker vielsagend und warf seiner Freundin auch sein Gepäck zu, damit die Kurzhaarige es verstaute. Dann wartete er auf seine Kollegin, um Material für ein Feuer zu besorgen. Mit seiner Öllampe in der Hand hatte er nicht vor bei diesem Wetter Feuerholz sammeln zu gehen, denn das wäre fruchtlos. Er wollte ins nahe Forsdal um sich dort einige trockene Scheite zu holen. Und währenddessen, so hoffte er, könnte man gleich ein paar erste Eindrücke des angeblich verseuchten Ortes sammeln.

“Gehen wir Holz stehlen.”, forderte er demnach auf, als sich Anna fragend nach ihm umsah “Und sehen wir uns die Lage in Forsdal mal aus der Ferne an.”

“Du willst keine Leute befragen?”, hakte die Novigraderin nach und ihr Freund schüttelte das Haupt.

“Nein. Das müssen wir nicht, oder? Sicherlich wissen die nicht mehr, als Hovard. Außerdem sind sie krank und wollen sicherlich nicht gerne reden.”, meinte er.

“Kann sein.”, pflichtete Anna bei und verschwand halb im Zelt, um ihren Rucksack dort drinnen zu entleeren. Mit dem geschulterten Gepäckteil kam sie dann zu ihrem wartenden Gefährten. Sie hatte sich ihre grün glimmende ‘Lügenlampe’ an den Gürtel gebunden, denn mehr Licht war nachts und in der Wildnis stets gut. Jedenfalls, wenn man nicht verfolgt wurde.

“So. Gut. Sehen wir uns den Ort mal an. Dann machen wir uns einen Kopf darüber und können morgen, bei Licht, an die Arbeit gehen.”, sagte sie und lächelte schwach. Ihren leeren Rucksack würde sie später sicherlich als Tragehilfe für das stibitzte Holz gebrauchen.

“Genau so.”, lächelte der halb eingemummte Undviker “Nachts nach einem schwarzen Hund zu suchen ist so und so müßig.”

“Na dann los.”, forderte die Trankmischerin motiviert auf “Ab ins Dorf! Und erzähle mir die Geschichte über Arvud und Klus noch einmal genauer… womöglich liefert sie uns ja Ideen dafür den Scheißköter zu besiegen, denn ich vermute, dass es nichts bringt ihm mit Waffen entgegenzutreten.”

“Arvud war einer der bekanntesten Kapitäne und Piraten der Skellige-Inseln.”, erklärte Hjaldrist dann, als er neben Anna durch den verschneiten Tannenwald ging. Der weiße Schnee glitzerte im bläulichen Mondlicht und sah wunderschön aus. Es passte nicht zu der verdammten Gegend.

“Seine Raubzüge waren legendär und überall außerhalb seiner Heimat war er gefürchtet. Sogar der Jarl schickte ihn ab und an auf Reisen. Und das war eine große Ehre.”, setzte der 29-Jährige fort “Ja. Soweit zum Teil, den ich bisher als einzig für wahr hielt…”

“Und Klus war Arvud’s Erster Maat und bester Freund?”, fragte Anna interessiert nach. Ihre Lampe warf einen grünen Schein auf alles Nahe ringsum, während Hjaldrist’s Laterne ein angenehm warmes Licht verströmte. Die Winterluft war gerade noch kälter, als tagsüber.

“Genau.”, setzte der dahinstapfende Krieger fort “Sie waren wie Brüder und das seit Kindheitstagen. Doch laut der Sage vertrug Arvud all seinen Ruhm und den Reichtum auf Dauer schlecht. Er war überheblich und umgab sich immer mehr mit vielen Leuten, die er plötzlich als Freunde betrachtete, obwohl sie nur an seinem Geld interessiert waren. Er war blind dafür und Klus wurde eifersüchtig; erst auf die falschen Kumpel Arvuds, dann auf dessen Leben. Er glaubte nicht mehr daran, dass es etwas wie enge Freundschaft und Verbundenheit gäbe und distanzierte sich. Es war wie eine Krankheit, die ihn auffraß. Sie beherrschte ihn zuletzt und das führte dazu, dass er Arvud tötete und der Sterbende ihn dabei verfluchte.”

“Sind die genauen Worte des Fluches bekannt?”, wollte die bewanderte Nordländerin gleich wissen und Hjaldrist runzelte die Stirn grüblerisch.

“Ich kann die Geschichte nicht exakt zitieren…”, seufzte er “Aber der Sinn hinter Arvud’s Worten war, dass Klus leiden soll, wenn es anderen gut geht. Und dass diese Pein auf ewig bestehen sollte.”

“Hmm…”, machte die Alchemistin mit der grünen Lampe nachdenklich. Und dann schwiegen die zwei Abenteurer eine Weile. Nebeneinander wateten sie durch den fast kniehohen Schnee, schoben sich an Nadelbäumen vorbei und näherten sich Forsdal allmählich.

“Mir fällt spontan ein, dass man Klus das Gegenteil von dem vor Augen führen könnte, woran er zu Lebzeiten glaubte. Oder eben eine umgekrempelte Version des Wunsches von Arvud.”, sprach Anna bald in die abendliche Stille hinein und der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Sie fröstelte beiläufig.

“Ihm soll es schlecht gehen, wenn es anderen gut geht.”, erinnerte die Frau “Wir könnten versuchen irgendetwas zu machen, das ihm und allen um ihn herum gleichzeitig Freude bereitet. Frage mich aber nicht, was. Denn da hört mein Einfallsreichtum für heute auf.”

“Hm.”, Hjaldrist äugte gen Anna und zeigte sich etwas perplex über diese prompte Idee, denn sie war längst nicht ausgefeilt, doch schon einmal ganz gut “Das klingt klasse. Und sicherlich fällt uns noch mehr dazu ein…”

“Naja, wir müssen eh erst herausfinden, wo wir den Hund antreffen können. Wir sehen uns um, suchen nach Pfotenabdrücken und so weiter...”, sagte die Kämpferin “Bis wir ihn tatsächlich finden haben wir Zeit.”

Hjaldrist nickte und trat zusammen mit seiner Begleiterin im roten Mantel auf das Feld vor Forsdal. In die schneebedeckte, weiße Ebene unter dem Nachthimmel, fügte sich ein ruhiger, halb gefrorener See ein, in dessen noch nicht eisigen Teil sich die Sterne widerspiegelten. Das gesuchte, kleine Dorf lag vor jenem Gewässer und in wenigen der hölzernen Hütten brannte noch blinzelndes Licht. Es war still und der Undviker hätte den Ort als idyllisch bezeichnet, hätte er es nicht viel besser gewusst. Ja, es war unsagbar hübsch hier und unweigerlich musste Hjaldrist an das denken, was Ravello ihm vor weniger als einem halben Jahr geraten hatte: Dass er an einem schönen Ort nach Anna’s Händen fassen sollte, um ihr endlich seine Liebe zu gestehen. Doch sofort schob der Skelliger diesen stichelnden Gedanken wieder ein Stück weiter fort. Nervös linste er zu seiner Freundin hin, die neben ihm her marschierte und den Blick aufmerksam über die weitläufige Ebene wandern ließ. Sie war in viele Lagen von Stoff gekleidet, die ihr bis zur Nase reichten und sie schimpfte leise keuchend in ihren Schal, weil ihre Füße kalt waren. Und dennoch war es auch jetzt fesselnd sie anzusehen. Oh, machte das überhaupt in irgendeiner Weise Sinn? Schnell sah der Undviker wieder von der Kriegerin fort und gen Dorf, das sich vor ihm erstreckte. Er hatte seit Toussaint viel nachgedacht. Und… und er hatte erkannt, dass er es nicht ewig aushalten würde den Mund zu halten. Irgendwann würde er Anna sagen MÜSSEN, was er für sie fühlte, sonst machte ihn sein krampfhaftes Schweigen dahingehend noch krank. Und Hjaldrist wusste mittlerweile auch, dass es sehr bald geschehen würde, dass er sich öffnete. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Vielleicht… vielleicht zum Neujahrsfest in ein paar Tagen. Ravello hatte damals doch auch von Feuerwerken und bunten Lichtern geredet, nicht wahr? Hjaldrist schluckte trocken, als sich in seinem Kopf ein vager Plan formen wollte, der die Misere Forsdals für wenige Herzschläge lange vollkommen verbannte.

“Es sieht aus, wie ein ganz normales Dorf…”, bemerkte Anna und Hjaldrist hörte ihr nur mit einem Ohr wirklich zu “Wo Hovard und seine zwei Kumpane die Toten wohl verbrannt haben? Sicherlich etwas entlegener. Ah. Sieh mal, da vorne unter dem Vordach des Schuppens ist Holz aufgestapelt. Wir müssen nur über einen niedrigen Zaun springen, um dranzukommen.”

“Hmm… ja.”, murmelte der Undviker noch immer ganz gedankenverloren “Holen wir uns etwas davon. Und dann sehen wir zu, dass wir zum Lager zurückgehen.”

“Gute Idee! Meine eisigen Zehen könnten ein Lagerfeuer gebrauchen. Und ich heißen Tee. VIEL davon.”, machte Anna zielstrebig und eilte bereits los, um den schiefen Schuppen zu erreichen “Los, komm, bevor uns noch irgendwer sieht!”

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