Kapitel 91

Kohlen im Schnee

Das Feuer, das die Abenteurer entzündet hatten, war warm und inmitten des verschneiten Waldes ein regelrechter Lebensretter. Dennoch saß Anna eng neben ihrem besten Freund unter einer dicken Wolldecke, als sie die Stiefel den tanzenden Flammen entgegenstreckte. Sie waren heute, während des langen Marschierens durch den tiefen Schnee nass geworden und die Alchemistin erhoffte es sich sie nun zu trocknen. Vielleicht wäre es gar besser gewesen, sie hätte sich das Schuhwerk dafür ausgezogen, doch sie hatte keine Lust auf kalten Wind zwischen den Zehen. Lagerfeuer hin oder her. Gerade waren ihre Füße zwar feucht, doch auch warm. So sollte es vorerst bleiben. Mit dem alten Zinnhumpen in den Händen, pustete Anna in ihren heißen Tee und war froh über ihre dicken Lederhandschuhe. Denn Zinn erhitzte sich ganz schön, wenn man es mit kochendem Wasser füllte. Viel zu oft hatte sich die ungeduldige Novigraderin ob dem schon die Hände an ihrem Krug verbrannt.

Der Forst ringsumher war ruhig. Zum Glück hatte es zu schneien aufgehört und jetzt hing die dicke Finsternis der Nacht schwer über den Nadelbäumen vor Forsdal. Es war trügerisch still, fand Anna. Schließlich lauerte hier irgendwo ein riesiger, verfluchter Hund; ein schwarzes Tier mit bedrohlich glühenden Augen. Der große Wald war demnach viel zu friedlich und man konnte nie wissen, ob einen der Klushund angreifen würde oder ob er sich lieber in der Ferne aufhielt und seine gefährliche Seuche walten ließ. Doch zumindest war die 25-jährige Giftmischerin nicht allein. Hjaldrist war da und das war erleichternd, denn die eisige Gegend war zu dieser Zeit ein wenig unheimlich. Er hatte den Arm unter der wollenen Decke zögerlich um seine Freundin gelegt und nun saßen sie hier zusammen und sahen dem flackernden Feuer müde entgegen. Besonders der Skelliger - oder das, was man seiner Kapuze und des Schals wegen von ihm sah - sah etwas mitgenommen aus. Anna, die eigentlich wenig Lust darauf hatte alleine hier draußen herumzulungern und die Körperwärme ihres Kumpels missen zu müssen, holte Luft für einen Vorschlag.

“Du kannst schlafen gehen.”, sagte sie nett “Ich halte solange Wache. Ich muss meine Stiefel so und so noch trocknen.”

“Hmm…”, murrte der Undviker nachdenklich, doch machte keine Anstalten Anna loszulassen, um sich zurückzuziehen. Er war gern in ihrer Nähe und damit dachte sie an die der UNMITTELBAREN Sorte. Seit Bogenwald war der Kerl wieder viel lockerer geworden, wenngleich nicht weniger grüblerisch. Es war in der Zwischenzeit vorgekommen, dass sie einander geküsst hatten und das manchmal ganz schön innig. Während der Überfahrt gen Skellige hatte Hjaldrist Anna sogar einmal von ihrer Seekrankheit abgelenkt, indem er sie in einer dunklen Ecke des Lagerraumes dazu gebracht hatte mit ihm herumzumachen. Dies hatte sehr gut funktioniert und die Alchemistin musste verschlagen in sich hineingrinsen, als sie heute daran dachte. Sie mochte Rist so, wie er sich momentan gab. Er war nicht mehr extrem scheu oder abwehrend und das war gut, denn das lockerte die Stimmung zwischen ihnen so sehr auf. Und dennoch begleitete diesen Gedanken eine Vermutung, die längst nicht mehr allzu vage war. Anna hatte in den vergangenen Monaten sehr oft daran gedacht, was Albion ihr einst vor Vizima gesagt hatte. Sie hatte die Blicke Rists bemerkt, als man ihnen in Serrikanien die Geschichte der Zwei Raben erzählt hatte. Und die Reaktionen seitens des Mannes auf die Anschuldigungen Balthars hatten ebenso Bände gesprochen. Was im Kopf des älteren Skelligers vor sich ging, war also relativ klar. Oder jedenfalls der Part, in dem es um Anna ging. Und dennoch… dennoch versuchte die Besagte all das auszublenden. Sie wusste nämlich nicht, wie sie damit umgehen sollte und sie konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihr engster Kumpel womöglich in sie verliebt war. Es warf so ein eigenartiges Bild auf ihn, obwohl ihm solch eine Rolle irgendwo schon stand. Er war immer ein Romantiker gewesen. Aber seine Freundin war das nicht. Und sie hatte keine Ahnung, wie es mit ihnen überhaupt weitergehen sollte. Daher blieb ihr nur das Hoffen, dass alles so bliebe, wie gerade eben. Dass sie beide sich verhielten, wie Freunde, die ab und an des Spaßes wegen zusammen in der Kiste landeten. Ganz ungezwungen und das zumindest für die nächste Zeit. Was danach geschähe, stand so und so noch in den Sternen. Würden ihre Pläne für Undvik aufgehen? Hatte Hjaldrist allen Ernstes vor ein Jarl zu werden? Oder würde er diesen Posten an jemanden seiner Familie abtreten und sich wieder mit seiner Monsterjägerkollegin aus dem Staub machen? Bei Melitele, es gab so viele erdenkbare Ausgänge für das, was bald kommen sollte. Und sehr viele von ihnen gaben der zweiflerischen Anna das Gefühl absolut ohnmächtig zu sein. Denn auch sie hatte ihre Ziele, die mit Undvik nicht erreicht wären und die sie weiterhin verfolgen wollte. Es ginge also nicht, dass Anna auf den Inseln bliebe. Sie würde gehen, so oder so. Nur würde sie das alleine tun müssen? Von der Seite aus äugte sie vorsichtig zu ihrem Kameraden hin, der sich offensichtlich dagegen entschieden hatte schlafen zu gehen. Noch immer lag sein Arm um die Jüngere und nach wie vor sah er dem Feuer nachdenklich entgegen. Und mit einem Mal fragte sich die Giftmischerin, ob ihr Freund gerade nur so… anhänglich war, weil er es in betracht zog auf Undvik zu bleiben; Weil er die wenige, noch bleibende Zeit mit Anna noch nutzen wollte. Der Gedanke tat weh. Denn tief in sich drin mochte Anna Hjaldrist doch auch mehr, als einen Freund. Sie hatte sich schon vor vier Jahren so unerklärlich gut in seiner Gesellschaft gefühlt und geglaubt, sie kenne ihn schon ihr ganzes Leben lange. Die Novigraderin hatte damals, als sie Rist für tot gehalten hatte, genauso sterben wollen. Und sie war eine Närrin.

“Erzähl irgendwas.”, sprach sie nach langem Schweigen in die Stille hinein und der Undviker neben ihr horchte auf. Anna bräuchte gerade dringend Ablenkung von ihrem tragikomischen Kopftheater, in dem Rist als Jarl auf Undvik blieb und sie alleine weiterzog, um die Kräuterprobe für sich zu finden.

“Hm? Erzählen? Was denn?”, machte der Mann und sah her.

“Du hast doch immer viele Bücher gelesen… sicherlich kennst du noch ein paar gute Geschichten.”, schätzte die Kurzhaarige “Und ich mag Geschichten.”

Rist lachte auf dies hin leise in sich hinein.

“Hmpf…”, hörte man ihn “Na schön. Mal überlegen…”

Erwartungsvoll betrachtete Anna ihren Gefährten, der alsbald zu sprechen begann.

“Hast du schon einmal vom Bahkauv gehört?”, wollte Rist wissen und seine Weggefährtin schüttelte den Kopf “Er ist eine Sagengestalt aus Spikeroog. Und ich glaube, die Geschichte könnte dir gefallen...”

“Na dann, leg mal los.”, forderte Anna lächelnd auf und kuschelte sich mehr an Wolldecke und die Seite des Undvikers. Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem dampfenden Tee, den sie vorhin aus irgendwelchen ihrer mitgebrachten Kräuter zusammengepanscht hatte. Er war etwas bitter, doch besser, als kein wärmendes Getränk.

“Vor langer Zeit kam es in Svorlag auf Spikeroog zu eigenartigen Geschehnissen.”, fing der sich räuspernde Rist endlich an und wirkte gleich wieder etwas wacher “Das Dorf war immer sehr verschlafen, doch plötzlich erzählten sich die Leute, dass ein finsteres Kalb mit schwarzen Schuppen und einem langen, echsengleichen Schweif sein Unwesen trieb. Was auffiel war, dass nur Menschen, die regelmäßig zu viel Met tranken, von eben jenem erzählten. Man glaubte also erst, das dunkle Kalb, auch Bahkauv genannt, sei eine Erfindung oder ein Hirngespinst irgendwelcher Besoffener.”

“Aber der Bahkauv war real?”, hakte Anna interessiert nach.

“Ja.”, lachte der Skelliger jetzt geheimnisvoll “Wart’s ab. Also: Die panischen Erzählungen häuften sich. Ungefähr ein Drittel der Dorfbevölkerung war dem Bahkauv schon nach kurzer Zeit begegnet. Viele Männer und Frauen trauten sich kaum noch aus den Häusern, weil das Monster sie im trunkenen Zustand attackiert hatte: Es sprang ein jedes Mal auf die Rücken der Beschwipsten und klammerte sich daran fest. Umso mehr sich die Menschen dabei fürchteten, beteten und flehten, desto schwerer wurde der Bahkauv auf ihnen. Und jetzt kommt der Part, in dem du am besten ins Spiel gekommen wärst.”

“Oh!”, entkam es der gewitzten Anna sofort “Lass mich raten! Umso lauter man fluchte, desto leichter wurde das Monster?”

“Genau.”, grinste Hjaldrist breit und seine Freundin lachte begeistert auf “Eines Tages machte sich ein Mann namens Ulaf daran das Mysterium rund um das schwarze Kalb zu lösen. Tapfer zog er los, um sich erst einmal zu betrinken. Und dann, nach einer halb durchzechten Nacht, ging er nach Hause. Was geschah also? Der Bahkauv kam und er sprang auf den Rücken von Ulaf. Ulaf, der zwar angeheitert war, aber mit dem Angriff gerechnet hatte, fing an zu schimpfen. Denn er hatte denselben Einfall wie du gehabt, Anna. Er spie und fluchte und zeterte lauthals. Das Monster auf ihm wurde dadurch tatsächlich ganz, ganz leicht. Es löste sich nach schon wenigen Momenten in Luft auf. Und nach diesem Abend wurde es niemals mehr wiedergesehen. Ulaf wurde auf Spikeroog als Held gefeiert und bis heute gilt er als der fluchende Bezwinger des Bahkauvs.”

“Tse.”, kicherte Anna jetzt “Was für eine einfache Lösung.”

“Ja, nicht?”, fragte Rist amüsiert “Das war jedenfalls die Sage über das schwarze Kalb von Spikeroog - in Kurzform.”

“Schon lustig, dass Fluchen half.”, wand die Vagabundin ein “Normalerweise stehen Sagen und Märchen doch immer für Gutes und vorbildliches Verhalten, oder? Aber hier musste sich der Held der Geschichte ziemlich ordinär verhalten, um an sein Ziel zu kommen.”

“Tja, so sind die Geschichten der erfinderischen Inselbauern eben.”, griente Hjaldrist noch “Es gibt davon noch einige mehr. Aber die erzähle ich dir später einmal.”

“Ich bitte darum.”, lächelte die begeisterte Frau schief.

 

Irgendwann, als Anna’s wadenhohe Stiefel endlich trocken waren, brach jene das faule Schweigen am knackenden Feuer abermals. Dieses Mal tat sie das jedoch nicht, um nach irgendwelchen Sagen und Märchen Skelliges zu fragen. Sie setzte sich etwas gerader hin, streckte sich und rieb sich die müden Augen. Es war unerwarteterweise still geblieben im Wald vor Forsdal und die Alchemistin demnach etwas beruhigter. Nichts und niemand war aufgetaucht; kein Dörfler, kein Druide, kein ‘Dämonenhund’. Viel wacher machte das Anna nicht. Und daher richtete sie sich gähnend an ihren Freund der gerade die Reste des warmen Kräutertees aus der roten Eisenkanne neben dem Lagerfeuer austrank.

“Ich brauche Schlaf.”, stellte die Nordländerin seufzend fest und hatte wenig Lust darauf hier draußen im Sitzen einzuschlummern. Hjaldrist blickte auf und nickte leicht, stellte seinen Becher fort und rückte etwas näher an das knisternde Lagerfeuer heran. Er würde Wache halten, bis er Anna irgendwann aufwecken würde, damit sie ihn ablöste. Soe machten sie es in gefährlichen Gebieten stets und im Normalfall hätte sich die Giftmischerin nun ziemlich darauf gefreut sich für drei, vier Stunden hinzulegen. Ein weiches Lager aus Fellen und Decken war nach einem anstrengenden Tag schließlich eines der besten Dinge der Welt. Ja, NORMALERWEISE. Heute aber, da war besagtes Ruhelager ein Haufen aus Schaffellen und Wolldecken in einem völlig ausgekühlten, eisigen Zelt. Und es war fürchterlich ungut sich in voller Montur und bei Minusgraden hinzulegen und darauf zu hoffen, dass einem die eigene Körperwärme den Schlafplatz endlich ‘aufheizte’, damit man nicht mehr bibbern musste. Es war ein Ding, zu dem man gezwungen war, wenn man alleine reiste und Anna erinnerte sich an viele eisige Nächte im Freien kurz nach ihrer Flucht vor Balthar. Sie war einsam gewesen. Heute war sie das aber längst nicht mehr. Und daher hielt sie inne, anstatt sich gleich abzuwenden, um ermattet im Zelt zu verschwinden. Ihre berechnenden Augen suchten den noch nichtsahnenden Rist. Eine kurze Weile lange überlegte Anna, denn der Funke Vernunft in ihr sprach noch gegen das, was sie vorhatte. Schlussendlich war der Klushund heute Nacht ihr Nachbar und man sollte Vorsicht walten lassen. Und auf der anderen Seite hatte sie doch immer auf riskantem Fuß gelebt. Ach, wer brauchte schon eine Nachtwache? Der dumme Köter hatte bisher nicht angegriffen und war vielleicht gar scheu.

“Kommst du mit, Rist?”, fragte die Nordländerin also in das spätabendliche Schweigen hinein und sah, wie ihr Kumpan, der sich die Hände am Feuer wärmte, auf einmal ganz hellhörig wurde. Er sah zu der Stehenden auf und tat so, als habe er sich verhört. Hatte er das tatsächlich oder war er einfach nur perplex?

“Was?”, machte Hjaldrist knapp und Anna nickte vorsichtig fragend gen Zelt.

“Mir... ist kalt.”, entkam es ihr hintergründig und ein scheinheiliges Lächeln zog an ihren Mundwinkeln, obwohl sie im Grunde doch tatsächlich fror. Und ihr Freund war nebenher nicht dumm. Er wusste doch sicher sofort, worauf die Novigraderin hier gerade anspielte. Denn er sah einen Atemzug lange so aus, als würde er aufspringen und sich sofort bereitwillig zu ihr gesellen wollen. Doch anders als seine Begleiterin, dachte der Skelliger ein wenig länger nach. Und daher blieb er vorerst noch sitzen.

“Sollte ich… nicht hierbleiben und aufpassen…?”, wollte er wissen, doch klang nicht ganz so überzeugt. Anna hob die Brauen an und Rist wurde ein wenig nervös. Er verengte den Blick angestrengt nachdenkend. Der Schönling holte ein, zwei Mal Luft, bevor er weitersprechen konnte.

“...Eigentlich hätte der Köter uns längst angegriffen, hätte er das wollen. Er ist ein übernatürliches Wesen und hat uns sicherlich schon bemerkt.”, beantwortete der Mann seine vorige Frage selbst und dies war solch eine dumme Ausrede an sein Gewissen, dass sich die anwesende Monsterjägerin ein Lachen verkneifen musste. Stattdessen wahrte sie eine lockere Miene und zuckte mit den Schultern.

“Wir schlafen einfach mit den Waffen neben uns. Und in all unseren Klamotten.”, machte sie lau “Mein Medaillon weckt mich schon, sollte der Hund sich nähern. Er ist doch magisch.”

Anna sah, wie Rist den Kopf jetzt ein wenig über sich selber schüttelte. Daraufhin erhob er sich tatsächlich und sie beobachtete das mit einem stummen Triumph im Blick. Sich unter einen Stapel eiskalter Decken verkriechen? Das erschien der viel zu schnell Fröstelnden gerade nurmehr als kleines Übel. Und alles andere, was damit käme sich zusammen mit Rist vor dem feindseligen Wetter zu verstecken, wäre auch keineswegs unangenehm. Im Gegenteil. Es hätte im Grunde ja schon gereicht, wenn er ‘nur’ mit ihr zusammen schlafen gegangen wäre. Zu zweit fror man nicht so schnell und es war immer schön sich nicht allein am kalten Boden einrollen zu müssen. Noch besser war es aber, wenn es so käme, wie es sich die Trankmischerin erhoffte. Und das tat es auch sehr bald. Rist war schlussendlich weder dumm, noch berührungsängstlich. Anna’s ‘Mir ist kalt’ von vorhin war bedeutungsvoll genug gewesen, um den vermeintlichen Jarl in spe nicht nachfragen zu lassen. Es gab kein verunsichertes ‘Was hast du vor?’ oder ‘Was meinst du genau?’. Rist wusste Bescheid. Er schloss die schwere Eingangsplane des Zeltes, nachdem er eingetreten war und trat sich die feuchten Stiefel von den Füßen, um keinen Schnee auf das Schlaflager zu tragen. Dann war er schon bei seiner abwartenden Freundin, die ihr dreckiges Schuhwerk ebenso losgeworden war. Er fasste nach einer von Anna’s Händen und drückte jene leicht, als seine Lippen die ihren suchten. Das tat er oft so. Er mochte es wohl nicht sich bloß zu küssen und suchte nebenher gern hingebungsvolleren Kontakt. Rist war aufmerksam und immer, naja, ‘ganz da’, wenn man es denn so bezeichnen konnte. Er hielt nicht viel von lieblosem oder beiläufigen Rumgemache. Der Krieger war demnach einmal wieder so sanftmütig, dass es beinahe wehtat und Anna sich selbst so fühlte, als sei sie ein schroffer Klotz.

“Du bist ganz kalt…”, murmelte Rist in den Kuss mit der, die sich zusammenriss, um nicht tatsächlich richtig zu frösteln. Gerade ihre Füße freuten sich trotz zweier Paar Socken wenig darüber, dass die Stiefel plötzlich fehlten.

“Sagte ich doch…”, gab Anna leise zurück und spürte behandschuhte Finger, die ihr ein paar wirre Haare aus den Augen strichen.

“Unter die Decken mit dir und zwar schnell.”, bestand Rist und das mit diesem einen einfühlsamen Lächeln im Gesicht, dass Anna so, so inständig hoffen ließ, dass er niemals aussprechen würde, was er am allerliebsten von ihr hätte. Denn noch immer bat die Frau im Geiste dafür, dass sie mit ihren Befürchtungen einfach falsch läge; Dass es so käme, dass sie beide im kommenden Jahr so, wie vor drei Jahren auch, ‘nur’ als beste Freunde durch die Gegend ziehen würden, um Mist anzustellen und Drecksviechern den Garaus zu machen. Ja, gerade war Hjaldrist wieder so nett zu seiner wirren Kumpanin, dass es ihr unerklärlicherweise Angst machte und sie sich ganz plötzlich ein wenig in die Ecke gedrängt fühlte. Es war wie eine kleine, lauernde Panik. Dennoch blieb sie hier und wand sich ab, damit Rist ihre ratlose Miene nicht sah. Es war zwar recht düster, doch sicher war sicher. Anna tat also so, als käme sie nur seiner gutgemeinten Aufforderung nach und ging mit dem Rücken zu Rist auf die Knie, um die Wolldecken am weichen, fellbedeckten Grund beiseite zu klappen. Da war eine Hand, die ihr sachte durch die Haare strich und sie wünschte sich, ihr Kumpel sei ein wenig gemeiner zu ihr. Aber das wäre er niemals. Und dafür mochte sie ihn so sehr. Scheiße, verdammte. Anna atmete einmal tief durch, ehe sie sich auf den Fellen niederließ und die Beine unter die vier ausgekühlten Decken steckte, die da halb zurückgeschlagen am Platz lagen. Sie legte sich hin und winkte Rist zu sich, der sich sofort zu ihr kuschelte und die hoffentlich bald wärmenden Wolldecken weit über sie beide zog. Der Mann mit den locker zurückgebundenen Haaren schlang einen Arm um sein Gegenüber und drückte jenes an sich. Es würde so nicht mehr lange dauern, bis Anna nicht mehr fröre und sie schloss die Augen, als sie dem Gesicht Rists erneut ganz nah kam. Sie beide küssten sich wieder und als Anna bald eine Hand spürte, die sich unter ihrem Mantel und der Jacke unter ihr Hemd schob, um sich an ihr Kreuz zu legen, entspannte sie sich allmählich. Noch immer waren da verwirrende Gedanken in ihrem kaputten Schädel, doch Hjaldrist’s weiche Zunge lenkte sie davon ab. Sie öffnete den Mund gerne für ihn und erschauderte wohlig, als sie den gefühlvollen Kuss erwiderte. Sie spürte Finger, die ihr an der Wirbelsäule hinunter wanderten und nur von ihrem Hosenbund aufgehalten wurden. Also fasste sie sich an den ledernen Gürtel um ihn zu öffnen. Schlussendlich hatte sie heute nicht vor genau an jenem die Grenze zu ziehen. Und das zeigte Anna ihrem Freund bald schon unmissverständlich. Es brauchte seinerseits nämlich nicht viel, um sie in einen Zustand zu bringen, in dem sie sich nicht mehr zurückhalten wollte. Ein langer, inniger Kuss in dieser erschreckend liebevollen Weise, enger Körperkontakt, Rist’s warmer Atem an Anna’s Wange und man konnte die Besagte abschreiben, wenn es um Beherrschtheit oder Wäsche ging, die im Schritt trocken war. Oh, sie wusste selbst, dass es sich im Grunde verdammt einfach gestaltete sie dazu zu kriegen die Beine breit zu machen, wenn man Hjaldrist Falchraite hieß. Es war fast schon lustig. Und vielleicht verkniff sich der besagte Mistkerl auch gerade deswegen merkbar das Lachen, als die Novigraderin ihn am Kragen erwischte und sich auf den Rücken drehte, um ihn unter all den Decken auf sich zu ziehen. Manche der letzteren verrutschten dabei, doch das war egal.

Der zweite Punkt, der vermutlich erheiternd war, war der, dass die ach so harte und jungenhafte Anna stöhnte, wie ein Mädel. Das tat sie nämlich, als die viel zu geschickten Finger des Undvikers über ihr Momente später in sie eindrangen. Erst einer, dann zwei. Hjaldrist hatte sich den ledernen Handschuh davor mit den Zähnen ausgezogen, während er sich mit der anderen Hand neben dem Kopf Annas abgestützt hatte. Und jetzt raubte er ihr bereits das urteilsfähige Denken, obwohl er noch gar nicht wirklich losgelegt hatte. Sie hob seiner Hand, die sich prüfend langsam an ihr rieb und den Fingern, die in sie tauchten, die Lenden entgegen. Und dies wiederum schien dem Skelliger vollends auszureichen, um selbst zu viel mehr animiert zu werden. Sein Atem ging schwer, als er seine Freundin dabei beobachtete, wie sie unter seinen Berührungen zerging. Sie beide waren schon lange genug vom hellen Lagerfeuer fort, sodass sich ihre Augen an die vorherrschende Düsternis gewöhnt hatten. Anna bemerkte also mit verhangenem Blick, wie eingenommen Hjaldrist sie betrachtete. Und sie mochte dies gerade genauso, wie es sie auch ein bisschen verlegen machte. Ach, sonst war sie doch immer diese kratzbürstige Frau mit der großen Klappe, die Rist veräppelte, wenn er einmal wieder betreten vor sich hinsah. Dabei war sie im Grunde nicht viel besser als er, wenn man sie einmal dazu brachte ihre Deckung vollkommen aufzugeben. Gerade, da war sie solch ein Mädchen und ihr engster Freund der einzige, der sie überhaupt so kannte. Und er schnaubte leise belustigt, als er dazu ansetzte etwas zu sagen. Wahrscheinlich war es ihm einmal wieder aufgefallen, dass Anna in seinen Augen ‘ja auch süß sein konnte, wenn sie nicht gesoffen hatte’. Jedenfalls hatte er das das letzte Mal lachend angemerkt. Das könnte er sich sparen.

“Halt die Klappe.”, kam ihm die Alchemistin also unregelmäßig atmend dazwischen und fasste ihm ins Gesicht, um seine grinsende Visage nicht sehen zu müssen. Leicht drückte sie ihn daran von sich fort und dennoch fand das verschlagene Amüsement des Skelligers kein Ende. Na, immerhin tat er Anna den Gefallen und blieb ausnahmsweise still. Daher nahm sie die Finger vor seinem Gesicht gleich wieder fort. Hjaldrist küsste sie nachgiebig auf den Mundwinkel und nahm die Hand aus ihrem Schritt, um ihr an den Bund der Hose zu packen. Der Undviker zog der Frau eben jene bis zu den Knien hinunter. Anna half ihm dabei und trat sich die lederverstärkte Hose von einem der Beine, um den erregten Skelliger zwischen ihre Knie zu bugsieren. Sie keuchte gegen seinen Mund, nachdem er sich über sie gebeugt hatte und sie seufzte lustvoll auf, als er dann endlich mit seiner vollen Länge in sie stieß. Dieser Mann hier war nicht mehr der unglaublich schüchterne und zögerliche Hjaldrist von damals, in Novigrad. Er fragte nicht länger, ob denn alles in Ordnung sei oder ob er denn die Erlaubnis dafür hätte Anna niederzuzwängen, um sie einfach zu nehmen. Denn mittlerweile wusste er, was seine schlechtere Hälfte vertrug und wie weit er gehen konnte. Und das war unsagbar gut so. Es machte den Sex mit ihm viel ungehemmter und manchmal spontaner. Anna liebte das und dies tat sie an diesem Punkt auch ungeniert kund. Sie schlang die Arme um den Älteren und grub das Gesicht an dessen Schulter. Anna liebte RIST. Doch das hätte sie sich niemals so weit eingestanden, dass ihr verblendeter Kopf dies wirklich kapierte.

 

Anna wachte auf, noch ehe es draußen hell war. Das Ruckeln ihres Amulettes unter ihrem Hemd hatte sie wachgerüttelt, daher erhob sie den Kopf mit flauem Magengefühl. Hjaldrist, der hinter ihr lag und sich unter allen Decken und den Umhängen an ihr gewärmt hatte, murrte unzufrieden. Anna wagte es solange nicht ein Wort von sich zu geben. Denn nicht nur ihr Wolfsmedaillon warnte sie, sondern da war etwas. Etwas Großes. Direkt vor dem Zelt. Sie konnte es sehen und dessen leises Schnauben bei jenem Atemzug hören. Es klang wie das Schnaufen eines riesigen Viehs; eines Mantikors oder eines ausgewachsenen Königswyverns vielleicht. Und da war ein Schatten vor dem wenigen Licht, das vom tiefstehenden Mond zwischen die Bäume geworfen wurde. Die Alchemistin war sofort hellwach, setzte sich zögerlich hin und fasste sich an die Stelle ihres Oberteils, unter der ihr Anhänger aus Kaer Morhen vibrierte. Sie musste Rist nicht wecken, denn auch er hob gerade fragend das Haupt.

“Mh…?”, machte er schlaftrunken, doch Anna brachte ihn sofort zum Schweigen.

“Scht…”, gab sie leise von sich und bald richtete sich auch der Undviker auf. Schweigend folgte er dem Blick Annas. Der hohe Schatten vor dem Zwei-Mann-Zelt bewegte sich. Er ging weiter, huschte nach rechts und verschmolz mit dem Dunkel der Bäume, das sich auf das naturfarbene Zeltsegeltuch legte. Die beiden Abenteurer tauschten ganz, ganz langsam Blicke aus. Und sie warteten, während sie den Atem anhielten und angespannt lauschten. Anna’s große, braune Augen wichen suchend umher, doch das vermeintliche Tier im Freien schien fort zu sein.

“War er das...?”, flüsterte Hjaldrist in die spannungsgeladene Stille hinein und die Frau wiegte den Kopf abschätzend. Sie verzog den Mundwinkel nervös.

“Vielleicht…”, wisperte sie und sah sich abermals nach ihrem Kollegen um, dessen dunkle Haare noch ganz wirr waren. Normalerweise hätte sie ihn nun ausgelacht und neckend gemeint, Rist hätte eine ‘Bumsfrisur’, doch stattdessen blieb sie ernst. Gerade war ihr nicht unbedingt zum Scherzen zumute.

“...Sehen wir nach?”, schlug sie nach einer Denkpause leise vor “Sollte er Pfotenabdrücke hinterlassen haben, dann könnten wir ihm gleich folgen. Ich kann JETZT nicht wieder einschlafen.”

“Was...?”, fragte der Axtkämpfer am Rande überfordert, nickte dann aber schnell “Äh, also gut. Los geht’s.”

Die zwei Monsterjäger hatten sich, nachdem sie sich die Kleidung während ihres Schäferstündchens halb von den Körpern gerissen hatten, wieder zur Gänze angezogen. Sie hatten in beinahe ihren vollen Monturen geschlafen, um nicht wieder zu frieren. Um auf ihre Suche nach dem Klushund zu gehen, mussten sie jetzt also nur in ihre Stiefel schlüpfen und nach den Waffen greifen. Ihre Rüstungsteile aus Metall oder dickem Leder ließen sie achtlos liegen. Jene anzulegen hätte just zu lange gedauert und außerdem beim Gehen geklappert oder geknirscht. Umso leiser die Abenteurer jetzt durch den Forst kämen, desto besser, glaubten sie.

“Komm.”, sagte Anna leise, als sie ihren Freund zu sich winkte, der hinter ihr aus dem Zelt kam und sich den fellbesetzten Wintermantel gerade zog. Er hielt Erlklamm fest in der Rechten und sah trotz des mangelnden Schlafes sehr entschlossen aus. Dies war nicht verwunderlich. Schließlich ruhte er seiner chaotisch oneiromantischen Fähigkeiten wegen selten lange oder gut. Der hübsche Mann hatte die Lügenlampe seiner Kollegin vom Boden aufgehoben und jene entzündet, denn das grüne Licht wäre im Wald nicht so auffällig, wie die rötlichen Flammen einer echten, größeren Ölleuchte. Er reichte Anna die kleine Laterne und sie band sich jene an den Waffengurt, um beide Hände im Notfall zum Kämpfen freizuhaben. Dann sahen sie sich suchend um. Und es dauerte keine Sekunde, bis Anna’s Blick auf einen tiefen Abdruck im frischen Schnee fiel, dessen Form eindeutig einer Pfote ähnelte. Er war so breit, wie die Prankenabdrücke zweier großer Braunbären.

“Sieh nur.”, flüsterte die Frau überwältigt und deutete auf die Fährte im Schnee “Ich kann da locker mit beiden Füßen drinstehen. Scheiße. Wie riesig ist der Köter denn?”

Sie bemerkte, wie sich die Augen des Skelligers neben ihr weiteten, als er sich leicht bückte, um den Pfotenabdruck besser betrachten zu können. Der frühe Morgen nahte langsam und daher war es nicht mehr stockfinster. Man konnte die verblüffte Mimik Rists also gut sehen. Er wischte sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr.

“Ich hätte mir nie gedacht, dass ich eine Sagengestalt aus meinen Büchern je einmal in Wirklichkeit antreffe…”, sagte der Mann leise “D’yaebl. Ich habe in den letzten vier Jahren ja schon viel erlebt… aber sowas?”

“Die Spur führt direkt zwischen die Bäume dort hinten.”, merkte Anna an und nickte in die besagte Richtung “Folgen wir ihnen? Aber vorsichtig.”

“Und was machen wir, wenn wir den Klushund finden?”, wollte Hjaldrist kritisch wissen, als er sich wieder aufrichtete.

“Wir… beobachten erstmal nur, wenn es geht.”, entschloss die Kurzhaarige “Ich will nur ungern gegen so ein Vieh kämpfen müssen.”

“Finde ich gut…”, nickte der Krieger und strich sich die Haare behelfsmäßig zurück, bevor er sich die Kapuze über den frierenden Kopf zog “Er hat uns bisher nicht attackiert. Wahrscheinlich ist er gar nicht aggressiv und wir können ihm in einem gewissen Abstand sicher folgen.”

Die Lampe Märthes tauchte Rist’s Profil in ein gespenstisches Licht, während er redete. Der Undviker holsterte seine wertvolle Axt, dann winkte er Anna schon zu sich, um gemeinsam den großen Pfotenabdrücken des Monsters Forsdals zu folgen. Jene liefen schnurstracks durch den unheimlichen Forst und direkt auf das verseuchte Dorf am See zu. Sie machten einen kleinen Bogen und führten dann auf die weitläufige Ebene vor Forsdal. Und dort erkannten die neugierigen Vagabunden das Monstrum sofort: Der große Vierbeiner stand im wenigen Licht der nahen Dämmerung und reckte den Hals, um die Ortschaft und das Gewässer dahinter zu beäugen. Die Silhouette des Klushundes erinnerte an die eines muskulösen Kampfhundes mit spitzen, aufgestellten Ohren und einer breiten Schnauze. Das Tier hatte keinen Schweif und als es sich witternd umsah, glommen in seinen Augenhöhlen glühende Kohlen. Es stank penetrant nach Schwefel und Ruß. Anna hielt sogleich inne und duckte sich hinter den nächsten Baum am verwachsenen Waldrand, den sie und Rist soeben hatten verlassen wollen. Auch der Undviker kam geistesgegenwärtig in den Schatten und starrte nach vorn.

“Hat er uns gesehen?”, brummte die Nordländerin leise.

“Bei den Göttern…”, wisperte Rist. Und obwohl er und seine Kollegin nahe einer schützenden Baumgruppe standen, weit weg vom Klushund, schien jener sie längst bemerkt zu haben. Aufmerksam schnuppernd stand das respekteinflößende Monster in der Düsternis und seine rot flammenden Augen blieben an den beiden kleinen Monsterjägern hängen. Er rührte sich kein Stück mehr, starrte nur. Und Anna beschlich abrupt ein ganz übles Gefühl. Auf einmal fing sie damit an sich irgendwie träge zu fühlen. Ihr Hals wurde rau und ihre Augen trocken. Sie hörte Hjaldrist leise husten und vermutete, dass es ihm ähnlich ergehen musste. Sich von der einen auf die nächste Sekunde kränklich fühlend, berührte die burschikose Kriegerin den Arm ihres ächzenden Freundes auffordernd. Sie fasste nach der kleinen Tranktasche an ihrem Gürtel und fischte sich daraus eine kleine Phiole hervor, die sie Hjaldrist zuschob. Es war ein bitter-salziges Mittel gegen Schmerzen; keine große Sache, doch generell perfekt, um leichte Erkältungen vorerst abzuwehren. Ohne nachzufragen trank der Undviker die Hälfte davon und verzog angewidert das Gesicht. Konnte ja nicht schaden.

“Wir… wir sollten etwas zurückfallen…”, riet Anna, die die Augen nicht von der Bestie weiter vorne nahm, um penibel auf deren Bewegungen zu achten “Komm.”

Und dann, als auch die Nordländerin nach ihrer dreckig gründlichen Medizin griff, die Rist ihr zurückgab, stellte der Klushund die Nackenhaare angriffslustig auf. Er war groß genug, damit man dies auch aus der Ferne sah. Und ganz augenscheinlich gefiel es ihm nicht, dass seine potentiellen Energiequellen gerade gegen die Krankheit wirkten, die er ihnen aufdrängen wollte. Ob Anna’s Schmerzmittelchen überhaupt half, war dahingestellt. Doch dem verfluchten Biest auf der verschneiten Ebene vor dem See gefiel es dennoch nicht, dass man sie nahm. Oder es mochte die Nähe zu den Fremden einfach nicht. Wer wusste das schon? Der Köter fletschte die langen, weißen Zähne, die im Dunkel nur so aufblitzten, und ein zorniges, tiefes Grollen war zu vernehmen.

“A-Also gut.”, keuchte Anna sofort und dies nicht mehr im gezwungenen Flüsterton “Lauf!”

Und auf dies hin passierte alles sehr schnell: Anna und Hjaldrist machten kehrt, nahmen die Beine in die Hände und rannten los. Und der Klushund folgte ihnen. Mit einem Mal machte das Biest einen weiten Satz vor und hetzte den kleineren Leuten nach, die gegen sein Tempo nicht die geringste Chance hätten. Er sprang zwischen die Fichten und Tannen, dass der Pulverschnee nur so aufwirbelte, bellte donnernd und raunte böse. Anna schrie erschrocken auf und hastete, so schnell ihre Füße sie nur durch den Schnee tragen konnten, davon. Rist war ihr dicht auf den Fersen und nicht weniger überfordert, wie sie selbst.

“Das war ne schlechte Idee!”, schrie Anna laut.

“Eine ganz schlechte!”, blaffte der fliehende Undviker bei ihr beipflichtend. Denn anders, als erwartet, war der Klushund in der Tat äußerst aggressiv. Und wie. Keifend kam er immer näher und die armen Vagabunden hatten es bisher nur geschafft ihm zu entkommen, weil sie zwischen enge Baumgrüppchen geeilt waren, die dem riesigen schwarzen Hund ein Hindernis waren. Bei ihrer panischen Flucht schlitterten die Freunde einen kleinen Abhang hinab und stürzten beinahe. Anna stolperte vor, doch wurde aufgefangen. Hjaldrist zog die gescheuchte Frau auf die Beine, stieß sie weiter voran, kletterte mit ihr über einen zerklüfteten Felsen und sie landeten im nächsten Moment schon im beinahe hüfthohen Schnee. Das Monster, das sie beide verfolgte, setzte über den kantigen Felsen von eben hinweg, als sei jener nur ein kleiner Stein auf seinem Weg. Er setzte damit über die Menschen hinweg, kam vor sie und fuhr geifernd und zähnefletschend zu ihnen herum. Von Nahem sah er noch viel grausiger aus, als von Weitem, und sein Atem, den man in der Eiseskälte sah, stank nach altem Tod. Sein Schädel war massiv und sein Körper breit. Dieses unnatürliche Vieh war eine Kampfmaschine und strotzte nur so vor Energie, weil die sterbenden Dörfler Forsdals seinetwegen litten. Anna brüllte einen wüsten Fluch und Hjaldrist zog aus Ermangelung anderer Alternativen Erlklamm. Die Frau bei ihm zeichnete Quen in die Luft und das orange Aufblitzen von niederer Magie, das folgte, ließ das Monster auf der Lichtung heftig zusammenzucken. Doch nur kurz wich der Klushund zurück, während seine zittrige Gegnerin das lange Schwert zog. Es blieb nichts anderes mehr, als zu kämpfen. Irgendwie. Wegzulaufen war keine Option mehr, denn das Monstrum war zu schnell.

“Dann sehen wir mal, ob man dich verwunden kann, du Scheißköter!”, maulte die Kurzhaarige und ging auf einmal in die Offensive. Sie bemerkte, wie Hjaldrist ihr sofort zur Seite stand, obwohl die Lage fatal anmutete. Der Mann, der beim hektischen Davonlaufen die Kapuze verloren hatte, gab einen Kampfschrei von sich, als er mit der Axt auf den Klushund losging. Und man mochte es kaum glauben, doch das Biest zeigte sich davon verwirrt. Vielleicht hatte es bisher noch nie lauten Konter bekommen. All die Menschen um es herum hatten stets seiner tödlichen Seuche nachgegeben oder sich vor ihm gefürchtet. Anna und Rist aber, die gingen jetzt einfach auf den sagenumwobenen Klushund los, als sei jener ein simples Monster, das man erschlagen könnte. Und als sie viel zu kühn vorkamen, um nach dem Fluchwesen zu schlagen, wich es ab. Anna glaube, sie sähe schlecht, als der Klushund plötzlich kehrt machte, um fluchtartig zwischen den nahen, dunklen Tannen zu verschwinden. Und sie stockte. Ungläubig sah sie dem muskulösen Wesen nach und auch der atemlose Hjaldrist murmelte verdutzte Worte in seinem Dialekt in sich hinein. Da war ein unruhiges Rascheln zwischen den Sträuchern, Büschen und Bäumen, ein Scharren von Hundekrallen am schneebedeckten Waldgrund. Dann war da nichts mehr. Die rot gekleidete Giftmischerin aus Novigrad wand sich herum und ließ den wachen Blick aufmerksam durch die nahe Gegend schweifen. Es fiel schwer sehr weit zu sehen, denn noch immer war es düster. Anna spürte Rist derweil hinter sich, der seinen Rücken so gewohnt an den ihren drängte. Stille tat sich auf der frühmorgendlichen Lichtung auf, über der noch die vergehende Nacht hing. Anna’s Lügenlampe schepperte leise, als sie einen stabilen Stand einnahm. Sie schluckte trocken und kämpfte gegen das kränkliche Gefühl an, das an einen schlimmen Kater nach einer durchfeierten Nacht erinnerte. Anna’s Zunge klebte ihr schal am Gaumen und wieder hustete Rist rau. Es klang nicht gut.

“Er ist nicht fort…”, schätzte die Kräutersammlerin und versuchte ihren rebellierenden Körper weitgehend zu ignorieren “Ich glaube einfach nicht, dass er weg ist…”

Und das Medaillon unter ihrem Hemd klatschte dieser Einschätzung vibrierend Beifall. So, wie es das schon die ganze Zeit über tat. Tief atmete Anna durch. Und auf einmal kam der Klushund von hinten. Nur drei kurze Gedanken zogen binnen eines Herzschlages durch den Kopf der Ungeheuerjägerin mit dem Stahlschwert: Dass der schwarze Köter riesengroß war, dass Hjaldrist ihm gerade ungeschützt gegenüberstand und dass Anna den Teufel tun würde noch einmal dabei zuzusehen, wie ihr bester Freund von irgendeinem mächtigen Monster beinahe getötet wurde. Der Basilisk Zerrikanterments und die Schatten Sturmfels’ waren genug gewesen. Der Klushund würde Rist nicht kriegen. Die Giftmischerin dachte also kaum noch an irgendetwas anderes und funktionierte nurmehr, als sie sich hastig umdrehte, Rist zur Seite drängte und damit zwischen den verfluchten Hund und den erschrockenen Undviker kam. Mit der großen, krallenbewehrten Pranke schlug das Biest rasend nach Anna, verfehlte Hjaldrist nur um eine Haaresbreite, und Quen zerbarst laut klirrend. Die schimmernden Splitter stoben im Zwielicht zu allen Seiten davon, wie helle Glasscherben, die am Ende in Glut zergingen. Der Kurzhaarigen geschah durch das Hexerzeichen nichts, doch der Aufprall der Pfote des Köters auf ihren magischen Schild war dermaßen wuchtig gewesen, dass sie stöhnend zurückwankte. Schnell fasste sie sich aber wieder.

“Nein!”, brüllte sie das viel zu starke Monster dabei an, stach mit dem Schwert zu, doch verfehlte es. Hjaldrist schaffte es nicht mehr zu reagieren, denn all das passierte so schlagartig. Der Klushund riss das sabbernde Maul weit auf und schnappte zu. Seine hellen, spitzen Fänge waren das letzte, was die entsetzte Anna sah. Sie erstarrte. Rist schrie irgendetwas, doch sie war so sehr im Schock, dass sie ihn nurmehr ganz dumpf hörte. Eine kurze Schwärze. Plötzlich saß Anna am Boden, denn ihre Knie waren ganz weich geworden. Und als sie glaubte sich wieder zu fangen, sah sie zerfahren auf und sah zwei große, glühende Kohlen im Schnee liegen. Ihre Augen waren ganz glasig und sie selbst vollends verwirrt.

“Das… das Schmerzmittel von vorhin ist zu stark geraten… glaube ich...”, sagte sie mit wackeliger Stimme und stand völlig neben sich “Mir… mir war gerade ganz schwindelig. Und äh...”

Da war Rist und kam vor ihr in die Hocke. Anders, als Anna selbst, erkannte er, dass sie im Schock Blödsinn sprach und es gerade noch nicht schaffte zu verstehen, was geschehen war. Ihr Kopf bräuchte noch ein paar Augenblicke. Also schwieg er und drückte die Verwirrte einfach besänftigend an sich. Anna’s Lippen verließ ein irritierter Laut, als sie über die Schulter ihres Kumpels zu den Kohlen sah, die ihr rotes Glimmen allmählich verloren. Der Klushund war fort. Doch… doch wieso? Nur schleppend kam Anna wieder im Hier und Jetzt an, blinzelte überrascht. Und in ihrem Kopf formte sich gleich, was in den letzten Momenten geschehen war: Der Klushund hätte Hjaldrist frontal erwischt, wäre sie nicht lebensmüde dazwischen gesprungen. Gegen die riesigen Pranken hätte der kleinere Undviker mit seiner Axt keine Chance gehabt. Niemand hätte das. Quen hatte den ersten Schlag des dreckigen Köters aufgehalten. Danach hatte er Anna einfach totbeißen oder fressen wollen. Und dann? Er hatte zugeschnappt und dies hatte die Frau so verheerend konfrontiert, dass sie vor Schreck umgefallen war. Das war noch nie passiert. Doch ansonsten waren sie und Hjaldrist heile geblieben. Das schwarze Wesen und sein Fluch hatten sich buchstäblich in Rauch aufgelöst. Einfach so. Nur warum…? Anna, deren Gesundheit sich ebenso wieder zu stabilisieren schien, runzelte die Stirn.

“Du dumme Kuh.”, konnte sie Rist sagen hören “Verdammte Kacke, du hättest draufgehen können, Arianna…”

Ihre dunklen Augen wanderten und der Gestank nach Schwefel und Qualm ließ langsam nach. Wieder linste sie zu den erlöschenden Kohlen im Schnee. Obwohl jene heiß sein sollten, lagen sie auf dem kalten Weiß, als seien sie selbst eiskalt. Anna verengte den Blick forschend. Und dann zerbröselten die Kohlestücke plötzlich.

“Oh. Er… er glaubte nicht mehr an enge Freundschaft, oder?”, fiel es der Trankmischerin jetzt wie Schuppen von den Augen und sie spürte, wie Hjaldrist etwas lockerer ließ “Klus war so verblendet von seinem Ärger… aber vielleicht wäre Arvud für ihn gestorben. Wer weiß…? Glaubst du, dass das der Knackpunkt war, Rist? Oder irgendetwas in diese Richtung…?”

Es war eigentlich so logisch. Und einmal wieder hatten die anwesenden Abenteurer hier mehr Glück und Courage als Verstand besessen. Anna brummte ob dieser Erkenntnis entnervt, doch musste gleich schon wieder schief lächeln und erwiderte die Umarmung ihres Kumpels schließlich. Oh, sie beide waren solche Idioten.

“Mir ist das Herz fast stehen geblieben…”, murmelte der Kerl und ließ die vorigen Worte der Anderen erst einmal außen vor.

“Frag mich mal...”, gab Anna zurück. Und sie lachten leise und ungläubig.

 

*

 

Anna und Hjaldrist kamen erst am Tag des Neujahrsfestes nach Kaer Trolde zurück. Nachdem sie den Klushund besiegt hatten, hatten sie zwar aufgehört sich lähmend kränklich zu fühlen, doch eine leichte Grippe war ihnen und auch den Überlebenden Forsdals geblieben. Der Fluch von Klus hatte Zeit gebraucht, um abzuklingen, so schien es. Die Abenteurer hatten also Obdach in dem kleinen Dorf gesucht und die dortigen Bewohner hatten sie nur zu gerne bei sich aufgenommen. Die zwei Monsterjäger galten unter den Forsdalern als frische Helden und die besagten Retter der Stunde hatten niemandem auch nur ein Kupferstück für Essen und Schlafplatz geben müssen. Die Freunde hatten bei einer alten Dame des Ortes übernachtet und das sechs Tage lange. Die Betagte hatte ihren Mann an die Seuche des Klushundes verloren und sich über Gesellschaft gefreut. Sie hatte den hustenden und schniefenden Vagabunden Hühnersuppe gekocht und sie versorgt, als seien sie von ihrem Blut. Demnach hatten sich Anna und ihr Kumpel bald erholt, um zurück gen Hafen zu ziehen. Auch Hovard und dessen Freunde hatten sie noch einmal angetroffen, doch die Druiden hatten Forsdal viel eher verlassen, als sie. Und jetzt, am letzten Tag dieses Jahres, traten sie endlich wieder auf den Boden eines Ortes, an dem etwas los war und keine beständige Trauer über kürzlich Verstorbene in der Atmosphäre hing. Das war gut. Denn Hjaldrist hatte erzählt, dass man Neujahr auf Skellige laut und lustig feierte. Genau danach war der Alchemistin jetzt, nachdem sie sich von ihrer schweren Erkältung kuriert hatte. Warmer Met, Spiel, Musik und Gelächter? Da wäre sie heute ganz vorne mit dabei! Und es würde nicht einmal mehr lange dauern, bis es soweit wäre. Es war später Nachmittag, als die Abenteurer im Dorf ankamen. Zum Glück hatte es nicht viel mehr geschneit und ihr Marsch war nicht so anstrengend gewesen, wie ihre Reise nach Forsdal vor einer Woche. Demnach war Anna kaum müde und auch Hjaldrist sah noch sehr wach aus. Er wirkte schon seit Stunden unglaublich aufgeregt. Sicherlich freute auch er sich darauf einmal wieder ordentlich zu feiern.

Als die beiden Freunde nach einem kurzen Besuch bei ihrem Auftraggeber Thoralf in der Werft die große Straße betraten, die einmal durch die ganze Ortschaft führte, erkannten sie, dass sich die hiesigen Skelliger auf das heutige Fest vorbereitet hatten. Viele von ihnen hatten Feuerkörbe in ihre kleinen Gärten oder auf die Vorplätze ihrer Häuser gestellt. Bänder in den Clanfarben An Craites schmückten hier und da Zäune oder Laternenpfosten. Es war weder pompös, noch zu auffällig. Dennoch war es schön zu sehen, dass sich ein jedermann auf den Abend freute.

“Gehen wir zur Taverne?”, fragte Hjaldrist nett nach “Sehen wir, ob Lado auch wieder da ist. Unsere Zimmer hat er schließlich für eine ganze Weile gemietet.”

Anna schloss zu ihrem Freund und dessen Pferd, das er am Zügel führte, auf. Sie nickte lächelnd und ihre Augen suchten das Gasthaus, das man schon von weitem erkennen konnte. Die Alchemistin hoffte, dass der besagte Hexer wieder hier sei. Gerne wollte sie heute Nacht nämlich mit ihm trinken und würfeln. ‘Papa Lado’ war ein toller und lustiger Kerl.

“Unser restliches Hab und Gut liegt noch im Schänkenzimmer.”, merkte Anna an “Gut, dass Lado die Gasträume so lange im Vorhinein bezahlt hat.”

“Tja.”, lachte Rist nun “Er scheint ja das Geld dafür zu haben.”

“Einen Teil davon können wir ihm nach dem erfolgreichen Besuch in Forsdal sogar zurückzahlen.”, fand Anna noch. Denn so schlecht hatten sie nicht verdient. Thoralf, der Sohn zweier Leute aus dem besagten Ort im Süden, war nicht geizig gewesen. Er hatte sich nämlich unsäglich gefreut, als Anna ihm versichert hatte, dass es seinem Vater und der Mutter gut ginge. Melitele sei Dank waren sie von der Klus-Seuche verschont geblieben und Thoralf könnte sie endlich wieder besuchen.

 

Der Abend war schneller genaht, als erwartet und kaum, dass Anna und Rist zurück in Kaer Trolde waren, steckten sie in ihren Klamotten aus dem Caed Myrkvid. Das rote Kleid und die orangefarbene Tunika einmal wieder anzuziehen, um den Anschein von Monsterjägern und Kriegern an diesem Feiertag abzulegen, war einmal wieder auf Anna’s Mist gewachsen. Obwohl sie Hosen sonst bevorzugte, mochte sie das Kleid, das die Druidinnen ihr einst geschenkt hatten. Es war unglaublich unpraktisch, dafür aber sehr bequem und auch hübsch, wie sie fand. Das passte, denn heute würde sie keinen Finger rühren, ginge es um irgendwelche Biester oder Tavernenschlägereien. Heute, da nähme sich Anna frei, absolut, komme was wolle. Und sie stieß beschwingt mit ihrem besten Freund an, als sie im Gasthaus vor zwei großen Portionen Braten mit Klößen saßen. Lado war leider nicht zugegen. Schade. Doch da konnte man nichts machen. Wo er sich wohl herumtrieb? War er noch immer an der Nordküste?

“Scheiße, das ist richtig gut!”, freute sich Anna, nachdem sie einen Schluck von dem getrunken hatte, was sie und ihr lachender Kollege gerade erst zusammengemischt hatten: Warmen Wein und Met. Der ansehnliche Skelliger hatte sich darüber beschwert, dass ersterer zu fad sei, also hatte seine beste Freundin einfach ‘die große Alchemistin’ gespielt, am Tresen einen leeren Humpen abgeholt und das rote, dampfende Zeug mit ihrem Honigwein vermischt. Und auch Rist gab sich verwundert darüber, wie sehr ihm das Gesöff jetzt schmeckte. Außerdem stieg es einem des ganzen Zuckers wegen schnell, doch angenehm zu Kopf. Also kicherten die Freunde viel miteinander und es schien, als täte Hjaldrist dies zum ersten Mal seit er vom Tod seines Vaters erfahren hatte, befreit. Es freute Anna ihn so aufrichtig glücklich zu sehen und es machte Spaß nach dem Essen mit ihm Gwent zu spielen. Auch, wenn die Novigraderin oft gegen den Mann verlor, seit er sein Deck aufgebessert hatte. Es war ihr egal, denn um das Gewinnen ging es ihr heute wenig.

Schon seit dem Einbruch der Dunkelheit herrschte ringsum ein lustiges Trara. Ein Skalde aus Arinbjorn war anwesend und spielte auf einem alten Dudelsack. Die halbe Tavernenbelegschaft war nun, schon vor Mitternacht, hinsichtlich der Trunkenheit, jenseits von Gut und Böse. Anna glaubte, dass die, die hier waren, keine Familien besaßen. Die Gäste waren Leute, die alleine lebten oder keinen mehr hatten, Reisende, Söldner oder junge Menschen, die keine Lust danach verspürten den Abend mit ihren älteren Verwandten zu verbringen. Der Rest sei, so hatte auch Rist gemeint, sicherlich zu Hause.

“Zu Neujahr gibt es normalerweise traditionelles Essen.”, erzählte der Undviker seiner aufmerksamen Freundin “Also Speisen, die man für gewöhnlich nur zur Jahreswende isst.”

“Und welche?”, fragte Anna nach. Es interessierte sie wirklich, denn erstens mochte sie Essen und zweitens fand sie allerlei Traditionen spannend. Auf Kaer Morhen hatte es schlussendlich keine Feiertage gegeben, daher wollte sie jetzt, da sie ‘frei’ war, alles über solche Anlässe wissen.

“Manche Familien bereiten seltene Fische zu, zu denen man verschiedenste Beilagen isst. Andere schwören auf Haggis. Das ist mit Innereien gefüllter Schafsmagen. Klingt ekelhaft, ist aber wirklich lecker.”, erklärte der Landsmann und Anna verzog das Gesicht leicht “Auf An Skellig trinken die Leute dazu Schwarzbier mit Schnaps und einem darin verquirlten Ei.”

“Ugh…”, fiel es der Kurzhaarigen dazu nur ein “Hat deine Familie das auch immer so gemacht?”

“Klar.”, nickte der redselige Krieger “Mutter und Pavetta, die ältere meiner beiden Schwestern, haben immer gerne gekocht und all das Essen selbst gemacht. Es gab… oder gibt in der Burg zwar Angestellte, doch das Backen oder Kochen ließen sich meine Engsten nie nehmen.”

Anna lachte leise. Hjaldrist’s Familie entsprach in ihrem Kopf immer weniger dem Adelsklischee, so viel stand schon seit Saovine fest, als Halbjørn die Giftmischerin so herzlich behandelt hatte. Aber so war es offenbar auf Skellige. Die Herrscher hierzulande waren viel sympathischer, als die steifen Kronenträger im Norden.

“Und ihr habt Haggis gegessen und Bier mit Ei getrunken?”, murmelte die schmunzelnde Anna noch immer leicht angewidert. Sie wollte dies nicht glauben.

“Ja.”, bestätigte der stolze Undviker.

“Ihr seid ja ekelhaft.”

“Tse!”, machte Rist daraufhin nur noch herausfordernd “Irgendwann setze ich dir beides vor und du wirst sehen, dass es gut ist!”

“Ja, ja…”, winkte die Ausländerin leise lachend ab “Bestell uns mal lieber neuen Met. Du bist diese Runde dran mit Bezahlen.”

 

Der lustige Abend nahm seinen Lauf und obwohl die Atmosphäre dazu einlud sich heftig zu betrinken, hielt sich Anna im Zaum. Denn sie hatte keine Lust darauf die spannenden Geschehnisse zu Mitternacht nur vage zu erleben oder gar zu verpassen, weil sie volltrunken auf der Tavernenbank lag. Sie hatte die Neujahrsfeiern auf den Inseln nie miterlebt und war sehr darauf gespannt. Denn ja, in Toussaint gäbe es heute auch Feuerwerke. Doch zu jenem Land passten die auch. Man wollte protzen und alles musste unglaublich hübsch sein in Beauclair. Die Fürstin und ihr Volk mochten das so. Nur Skellige war rauer. Hier hielt man nicht allzu viel von schillerndem Tand und dergleichen, daher wand sich Anna noch einmal an Rist, als sie ihm gen Gasthaustüre folgte. Nicht mehr lange und es wäre so weit.

“Hey, Rist.”, machte sie und war wie ihr Kumpel nur leicht angeheitert “Welchen Hintergrund haben die Feuerwerke hier?”

Der ältere Undviker sah sich nach Anna um, als sie ihn am Arm berührte und ihn fragend ansah. Überraschte es ihn, dass sie nachhakte?

“Das Ganze kommt von dem Brauch Krach zu machen.”, erklärte er dann leicht lächelnd “Früher zündete man mit Schwarzpulver gefüllte Stäbchen, die nur so knallten. Man zerschlug altes Geschirr, trommelte oder sang laut, um die bösen Geister des vergehenden Jahres zu verscheuchen. Nachdem bunte Feuerwerke von außerhalb kamen, verwendete man die dann auch. Auf Undvik gab es das nie, da wir dort nicht so regen Handel mit dem Festland treiben. Aber hier, in Kaer Trolde, wird man gleich sicherlich das ein oder andere Blau, Rot, Gelb oder Grün am Himmel sehen.”

Anna verstand und staunte mit vom Alkohol leicht geröteten Wangen. Sie zog sich den roten Wollmantel an der Vorderseite etwas enger um den Körper, als sie nach Hjaldrist in die Kälte trat. Alle Leute waren dabei die Taverne zu verlassen, um sich mit ihren Getränken rund um die tiefen Feuerkörbe am Hof zu sammeln. Sie plapperten und lachten aufgeregt. Selbst die jungen Kinder waren zu dieser Stunde noch wach, denn niemand wollte den ‘Krach’ zu Neujahr verpassen. Und jener war dann, wenig später, tatsächlich genauso laut, wie spaßig. Hjaldrist und Anna hatten sich zwischen die Leute am Tavernenvorplatz gemischt und beobachteten mit großen Augen, wie manche Männer und Frauen bunte Feuerwerke in den Himmel schossen. Zischend flogen die Röhrchen voller Brennpulver und farbigem Magnesium in die Luft, zerbarsten weit oben und ließen bunte Sterne regnen. Da war ein junger Mann, der schallend johlend bis zum Wasser lief und dem Meer eine Kartätsche entgegenwarf, die nur so knallte. Zum Glück kam dabei niemand zu Schaden und Anna lachte laut auf, als sie das sah. Ein paar alte Weiber kamen den Weg entlang und zerschlugen alte Tonteller, während sie in solch einem argen Dialekt sangen, dass die Novigraderin kein einziges Wort davon verstand. Der Musiker von vorhin, der Skalde mit der gelben Plaid-Schärpe, war auch da und trötete Laut vor sich hin. Es toste und knallte. Inmitten all des Trubels fielen Menschen einander in die Arme oder klopften sich brüderlich die Rücken. Die herzlichen Skelliger drückten einander und wünschten sich Glück. Und auch die wenigen anwesenden Ausländer ließen sich davon mitreißen. Ein völlig fremder, älterer Kerl, fasste nach Anna’s Händen und drückte jene nett.

“Mögen die Götter im kommenden Jahr über dich wachen, Kind.”, machte er, ehe er sich auch an Rist wandte. Eine der Schankmaiden kam betrunken heran und umarmte den Alten dann auch schon. Auch die Blicke Hjaldrists und Annas trafen sich jetzt. Sie lächelten einander schief zu und ehe sich die Jüngere versehen konnte, umarmte ihr bester Freund sie eng. Sie erwiderte diese Geste sofort. Rist’s Schulterfell kitzelte sie an der Nase.

“Frohes neues Jahr, Anna.”, wünschte der Mann und schob die Giftmischerin von sich, um sie ansehen zu können. Noch immer lächelte er, doch wirkte auch dezent besorgt. Oder bildete Anna sich das nur ein?

“Frohes Neues.”, grinste sie, beugte sich dem Axtkämpfer entgegen und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Damit kam sie aber nicht davon und eigentlich hatte sie damit auch nicht gerechnet. Es kam erwartet, dass Rist ihr eine Hand in den Nacken legte, um sie so daran zu hindern sich wieder etwas zu entfernen. Und er küsste sie, wie es immer nur er tat. Während die farbenfrohen Lichter noch in der Bucht Kaer Troldes blitzten, die Menschen grölend sangen, sich um die Hälse fielen und Lärm machten, um die ‘Dämonen’ zu verscheuchen, ließen die Abenteurer nicht voneinander ab. Es war irgendwie kitschig und passte zu Hjaldrist, dass er Anna jetzt so liebevoll küsste. Doch sie mochte es. Ja, sie erwiderte es bereitwillig und drückte ihren Freund noch einmal froh an sich, nachdem sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten. 

“Suchen wir uns einen Platz am Feuer?”, fragte die Frau “Ich will den besoffenen Idioten dabei zusehen, wie sie zum Gedudel von dem Skalden tanzen.”

“Hm?”, Hjaldrist ließ Anna los und sah sich flüchtig nach den vier Männern um, die sich soeben zum Affen machten. Man sah ihn schmunzeln, als er das tat.

“Klar.”, machte der Mann “Ich hole uns noch etwas zu trinken. Suche du solange einen Feuerkorb, ja?”

Und damit verschwand der Vorbild-Saufkumpan im Gasthaus, um mehr Met und Wein zu besorgen. Guter Dinge sah sich Anna solange nach einem der Feuerchen hier draußen um. Schnell fand sie eines, um das nicht so viele Leute standen und begab sich federnden Schrittes dorthin. In ihren dicken Mantel gehüllt und ziemlich belustigt gesellte sie sich an den Feuerkorb, streckte die Hände den wärmenden Flammen entgegen und beobachtete die tanzenden Narren am Platz. Auch Rist war sehr bald wieder da und reichte seiner Freundin einen duftend dampfenden Tonbecher.

“Der Wirt hat uns den Met und den Wein zusammengemischt.”, lachte der Undviker leise “Wir müssen nicht wieder selbst herumschütten.”

“Sehr gut!”, grinste Anna breit und stieß beiläufig mit ihrem Kollegen an. Daraufhin, während ringsum alles wieder etwas ruhiger wurde, verharrten die zwei Freunde einfach still vor den knisternden Flammen und dies fast schon andächtig. Es war angenehm hier zu sein, fand Anna. Sie mochte die Inseln sehr und obwohl der Gedanke an Undvik sie beachtlich nervös machte, wollte sie gerade nirgendwo lieber sein. Die hiesigen Leute waren so umgänglich, das Land irrsinnig hübsch und zuletzt hatte sie Rist bei sich. Was wollte sie also mehr? Leicht lächelte die Kurzhaarige in ihren dicken Schal hinein.

“...Anna?”, fragte Hjaldrist irgendwann, nach einer halben Ewigkeit, leise und riss die Angesprochene damit aus ihren Gedanken. Sie sah auf und linste zu ihm. Rist atmete merkbar tief durch und sah nicht her. Den Trinkkrug hielt er in beiden Händen und sah auf einmal irrsinnig beklommen aus.

“Hm?”, machte sie “Was denn?”

“Ich habe mich in dich verliebt.”, kam es dann plötzlich und Anna fühlte sich, als habe man ihr gerade eine gesalzene Rechte verpasst, die nur so schepperte “Schon… schon vor Längerem.”

Vorsichtig sah der Inselbewohner jetzt her. Er war unglaublich kleinlaut und unruhig geworden. Und nach seinem mutigen Geständnis wollte er vielleicht eine Antwort hören. Eine Antwort. Anna richtete die geweiteten Augen zurück auf das orange flackernde Feuer. Und ihr Kopf war auf einmal so, so leer. Sie war schockiert, obwohl Hjaldrist’s Worte an und für sich keine Überraschung waren. Und sie wusste nicht, wie sie jetzt reagieren sollte. Sie fürchtete sich und wusste nicht so ganz wovor genau. Als sie den Mund öffnete, um zu sprechen, passierte das richtig mechanisch und unbedacht. Doch es war zumindest aufrichtig.

“Ich weiß.”, sagte die plötzlich ganz blasse Frau und es war überraschend, wie ruhig sie das tat “Ich bin doch nicht dumm.”

Sie wollte Hjaldrist jetzt nicht anblicken. Sie konnte nicht. Anna wollte dessen Miene gerade nicht sehen, denn sie hätte das nicht ausgehalten. Also klammerte sie sich an ihren Becher und starrte atemlos dem Feuer entgegen. Ihr Mund war ganz trocken geworden und mit einem Mal fühlte sie sich so schwerfällig, harsch konfrontiert und verfolgt. Sie… sie wollte das hier nicht. Gerade, da wäre sie am liebsten einfach fortgelaufen. Ganz weit fort. Doch sie tat es nicht. Sie hatte Hjaldrist schließlich etwas versprochen. Nur was sollte sie jetzt machen? Und was sollte sie noch sagen? Sie war so verwirrt.

“Du… du musst mir jetzt nicht antworten. Mach dir keine Sorgen.”, brach der genannte Undviker das ungute Schweigen irgendwann leise und seine Freundin sah aus den Augenwinkeln verunsichert zu ihm. Er lächelte schwach, wenngleich auch ein wenig bekümmert. Hjaldrist schien wie immer bemerkt zu haben, wie es Anna gerade ging. Und er zeigte sich so verständnisvoll wie eh und je.

“Wir sprechen nach Undvik darüber… ja?”, bat er “Dann, wenn wir den ganzen Mist mit Orlan hinter uns haben und unsere Köpfe freier sind.”

Anna nickte schwach. Und sie tat das, obwohl sie es sich im Moment wünschte die letzten, wenigen Minuten einfach wieder zu vergessen.

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