Kapitel 92

Ein Schatten in Falkenburg

In den kommenden Tagen geschah nicht viel. Die Abenteurer, die sich bei jedem Skelliger als Anton und Merle vorstellten, hielten sich zumeist im Hafen von Kaer Trolde auf und warteten angespannt auf eine Möglichkeit nach Undvik zu übersetzen. Und eben jene bekamen sie dann, knappe zehn Tage nach Neujahr, endlich auch. Ein Mann aus Ard Skellig, der enge Verwandte auf der Winterinsel hatte, lief aus und nahm Anna und Hjaldrist mit. Dies sogar umsonst. Er war ein herzensguter Mensch und die Vagabunden sehr dankbar dafür. Nach also beinahe zwei langweiligen Wochen und einer sehr turbulenten Schiffsfahrt durch ein Unwetter, setzten sie ihre Füße ENDLICH auf den kleinen maroden Hafensteg Undviks. Dies ohne Lado. Denn der war nicht von seinem ‘Ausflug’ an die Nordküste der größten Insel des Archipels zurückgekehrt. Hjaldrist hoffte inständig, dass ihm nichts zugestoßen war. Er dachte auch jetzt etwas sorgenvoll an den lieben Hexer, als er Apfelstrudel von Bord führte und mit dem Pferd auf den Holzsteg trat. Anna war neben ihm und sah alles andere als gut aus. Die vergangene Bootsfahrt, die selbst Hjaldrist hatte unruhig werden lassen, hatte ihr nicht gutgetan. Sie war beachtlich blass um die Nase und spuckte leise stöhnend aus. Kommentarlos ging sie den Hafensteg entlang und musste sich, am menschenleeren Pier angekommen, erst einmal setzen. Sie ließ sich auf einer verschneiten Lagerkiste nieder und grub das Gesicht an ihre Hände. Die Arme.

“Kann man helfen?”, fragte der ältere Skelliger, der die Abenteurer auf seinem Boot mitgenommen hatte und gerade über die Reling spähte “Die See ist vor Undvik immer sehr wild...”

“Ah, nein. Danke.”, Hjaldrist schüttelte den Kopf, als er sich nach dem bärtigen Seefahrer umsah, der neben seiner Frau noch drei Söhne und einen Hund dabeihatte. Die letzteren jungen Krieger waren gerade damit beschäftigt das Familienschiffchen gut zu vertäuen und das Segel einzurollen. Sicherlich würden sie bald aufbrechen, um landeinwärts zu gehen. Womöglich holte man sie aber auch ab, denn die Insel war nicht sicher. Hjaldrist würde sich jetzt jedenfalls erst einmal seiner besten Freundin zuwenden, die aussah, wie ein Elend auf zwei Beinen. Der Mann zog kurz am Halfter seines Pferdes, um es dazu zu bringen hinter ihm her zu trotten, bevor er zu Anna aufschloss. Er hielt bei ihr und betrachtete sie musternd.

“Geht es...?”, sprach der Undviker seine Freundin an, als er mit seinem braunen Pferd vor ihr stand. Er legte ihr eine Hand im stillen Beistand auf die Schulter.

“Mh. Naja...”, sagte Anna dünn und ließ den Kopf hängen. Leicht nickte sie, doch das war wenig überzeugend. Ein verhaltenes Stöhnen entkam ihr und sie sah aus, als übergäbe sie sich heute noch.

“Ruh dich aus…”, riet der Skelliger gutmütig “Der Hafen ist zwar schon seit Langem verlassen, aber es gibt dort hinten, nahe der äußersten Anlegestelle, ein altes Tavernengebäude. Dort kannst du dich bequemer hinsetzen, als hier, und vielleicht sogar etwas dösen.”

“Mh. Ja...”

“Ich kümmere mich solange um den Rest.”, versprach Hjaldrist noch. Er hatte heute davon abgesehen seine markante grüne Tunika anzuziehen. Kurz hatte er auch darüber nachgedacht seinen Wintermantel gegen den Umhang Annas zu tauschen, um keinesfalls aufzufallen. Doch im Ernst? Ein stechend roter Überwurf hätte hierzulande eher ‘Hier’ geschrien, als ein dunkel-grünbläulicher Wollmantel, den manche Mitglieder der Jarlsfamilie vielleicht noch kannten.

“Um den Rest? Worum genau…?”, wollte die abgekämpfte Novigraderin wissen.

“Ich versuche erst an Sten heranzukommen. Den Skrugga. Denn ich sollte ihn finden, bevor es andersherum geschieht. Ich habe keine Lust zu sterben und dies erst in der Sekunde meines Gifttodes zu bemerken.”, meinte der Krieger mit gesenkter Stimme, damit ihn niemand der nahen Familie hören könnte “Danach sehe ich mich nach Henrik um. Ich hoffe, ich schaffe beides noch bis zur Nacht, denn dann werden die Tore der Stadt geschlossen und ich komme nicht mehr hinaus.”

“Es ist erst Mittag.”, merkte Anna an und meinte damit wohl, dass Hjaldrist noch viel Zeit hätte.

“Ja, naja…”, murrte er, da er stark zweifelte. Bis zu seiner Heimatstadt bräuchte er von hier aus eine ganze Weile; auch zu Pferd. Also wollte er gegen Anna reden. Doch er tat es nicht. Denn seiner gerade etwas einsilbigen Freundin ging es nicht gut und daher wollte er nicht mit ihr diskutieren.

“Das stimmt.”, sagte er also lasch und sprach seine Bedenken nicht aus “Ich finde also Sten und Henrik und komme dann wieder. Wartest du hier solange?”

Die seekranke Braunhaarige nickte. 

“Sollten Leute aus Undvik kommen, um die Familie abzuholen, halte dich am besten fern und spreche nicht mit ihnen, ja?”, bat der Axtkämpfer noch “Und verstecke dein Amulett. Wir dürfen uns hier keine Fehler erlauben, sonst haben wir ein gewaltiges Problem. Und, ähm, vergiss nicht: Du bist Merle aus Oxenfurt. Und du wartest hier auf Freunde aus Caer Gvalch’ca.”

“Mhm. Ja.”, gab die Braunhaarige zurück “Ich passe auf...”

Und damit war ihr Gespräch beendet. Eine kurze Weile blieben die Augen des Undvikers noch auf der bleichen Alchemistin hängen und er rieb ihr die Schulter tröstend, ehe er die Hand davon nahm.

“Bis später, Rist.”, sagte Anna. Es folgte kein ‘Pass auf dich auf, Käferschubser’ und kein blöder Spruch, was von ihrem schlechten Zustand zeugte. Und obwohl Hjaldrist Anna gerade eigentlich nicht alleine lassen wollte, ging er. Er musste. Also schwang er sich bald auf den breiten Rücken von Apfelstrudel, animierte jenen zum gestreckten Galopp und hoffte zeitnah wieder zurück zu sein.

 

Erst kurz vor Caer Gvalch’ca, was in der Alten Rede so viel wie ‘Falkenburg’ bedeutete, stieg Hjaldrist von seinem braunen Pferd, um jenes an den ledernen Zügeln hinter sich her zu führen. Jetzt direkt auf die Stadt, die von hohen Mauern in elfischer Bauweise umgeben war, zuzutraben, wäre zu auffällig gewesen. Es würde zu Fuß keine zehn Minuten mehr dauern, bis der Axtkämpfer dort wäre, wo er aufgewachsen war und 25 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Und oh, war er vielleicht nervös. Seine dunklen Augen hefteten sich auf die alte Festung, die sich auf einem Hügel am Ende der Stadt erhob. Direkt vor den senkrecht abfallenden Klippen zum wilden Meer tat sie das. Banner in den Familienfarben, Blau und Grün, flatterten dort im Wind und aus Kaminen dutzender Häuser und Hütten stieg Rauch auf. Es war eiskalt, windig und der pulvrige Schnee hoch. Den Hauptweg gen Stadt konnte man kaum erkennen, denn er war vollkommen verschneit. Für gewöhnlich verließen die hiesigen Leute die schützenden Mauern Falkenburgs im tiefsten Winter selten, weswegen man nur stellenweise Andeutungen von Fußabdrücken im wadenhohen Weiß erkennen konnte. Alles vor der Stadt, die Wälder, Gebirge und Ebenen, war viel zu gefährlich. Es glich großer Lebensmüdigkeit alleine hier herumzuspazieren, wenn man nicht gut kämpfen konnte oder sich mit Bestien auskannte, denn die Raubtiere Undviks waren gefährlich und die Monster der Insel riesengroß. Es war hier selbst rauer, als auf den restlichen Teilen Skelliges. Zudem tummelten sich in der Gegend überdurchschnittlich viele Ogroiden jeglicher Art und die Leute fürchteten sich vor den Eisriesen, die angeblich weit im Süden Undviks hausten. Es gab gar Lieder von mächtigen Riesen, die unter der Insel im Eis schliefen und herausbrachen, sobald ihr Blutdurst hoch genug war. Nicht ohne Grund war Hjaldrist’s Heimat unter Außenstehenden verschrien und bis auf die mittelgroße Hauptstadt unbesiedelt. Trolle und Zyklopen hatten alle anderen, kleineren und unbefestigten Dörfer im Umkreis dem Erdboden gleich gemacht. Nur die alten, hohen Mauern Caer Gvalch’cas hatten sie bis heute nicht erklommen. Und dabei würde es sicherlich bleiben. Die Elfen, die einst hier gelebt hatten, hatten zusammen mit den Menschen gegen die Eisriesen gekämpft und Falkenburg so gebaut, dass es selbst dem Jotunn, dem Vater der genannten Monstren, standhalten könnte. Die Aen Seidhe hatten den Ort dann irgendwann verlassen, um zurück in ihre Heimat zu gehen. Erst, als Hjaldrist’s Vorfahren hier heimisch geworden waren, hatte man das schöne Caer Gvalch’ca wieder bezogen und renoviert. Und da lag es nun vor ihm. Hjaldrist hatte geglaubt, er würde sich hier fremd vorkommen, doch das tat er nicht. Gerade, da fühlte es sich an, als sei er nie fort gewesen. Und das lockende Bewusstsein darüber, dass er seiner geliebten Familie just so, so nah war, machte ihn unsagbar fahrig. Am liebsten wäre er einfach losgerannt, um zu seiner Mutter und den Geschwistern zu eilen. Im Geiste musste er sich daher zur Fassung zwingen. Denn: Keine Fehler. Er dürfte keine Fehler machen, sonst wäre er mit etwas Pech tot. Und einer dieser Patzer wäre es durch das Haupttor in die spätwinterliche Stadt gehen zu wollen. Denn dort standen Wachen, die den Undviker sicherlich erkannt hätten. Hier, auf seiner Insel, galt er als ruchloser, gesetzesflüchtiger Jarls- und Vatermörder. Als Dieb, Verräter und hochgefährlich. Menschen wie ihn blutadlerte man ohne Wenn und Aber. Und darauf hatte Hjaldrist wirklich keine Lust. Also was tun? Seine suchenden Augen wanderten unter seiner Kapuze, als er kurz innehielt und ihn gleich eine Idee ereilte: Er würde nach links schwenken und über die Wiese an die Seite der Stadtmauer gehen. Dort, an der Westseite war der Stein vor Jahren schon etwas marode gewesen. Mit etwas Glück fände er also ein Loch, durch das er hindurchpasste. Apfelstrudel käme so zwar nicht in die Stadt und wäre damit potentielles Futter für die großen Raubtiere Undviks, aber was sollte er schon machen? Hjaldrist konnte seine Mission nicht wegen seinem Pferd aufs Spiel setzen.

Der Skelliger senkte den Blick ein Stück weit, als ihm jemand entgegenkam. Es war ein Mann, der einen schweren Umhang und ein zotteliges Bärenfell am Körper trug. Er zog ein großes, schwarzes Pferd hinter sich her und hatte einen groben Speer aus glattem Holz und Stahl geschultert. Seine verfilzten, blonden Haare waren so lang, wie sein Bart, der ihm zusammengeflochten bis zur Brust reichte. Wulstige Narben verunstalteten sein kantiges Gesicht bis zurück zum Scheitel und auf einem Auge schien er blind zu sein. Ein Metallring steckte in seiner Nasenscheidewand und gab ihm damit ein bisschen das Aussehen eines Ochsen. Dieser Skelliger war unglaublich hässlich und seine praktische, dicke Kleidung sichtbar abgetragen. Sein Äußeres ähnelte dem eines Wilden. Und Hjaldrist wusste warum dies so war, als er die Blau-Grüne Schärpe des Kriegers sah, die ihn als zum Clan Falchraite zugehörig auswies: Jener war einer der Wegewächter aus dem Süden. Einer derer, die nichts mehr zu verlieren hatten und über die Grenzen zwischen dem Gebiet der Riesen und dem Zuhause der Menschen wachten. Diese Leute waren abgebrühte, harte Krieger und kamen mit ihrem Wissen den Hexern sehr nahe. Natürlich konnten sie keine Zeichen sprechen, doch sie waren in gewisser Weise Monsterjäger, die nur noch dafür lebten den nächsten Ogroiden abzustechen. Sie hatten keine Familien, kein Hab und kein Gut und waren zum Teil sogar ehemalige Kriminelle oder Kultisten, die ihre Sünden wieder gut machen wollten. Aus einer Art Tradition heraus kämpften viele von dem guten Dutzend Wächtern mit langen Speeren und das bis zum Tod. Sie gedachten damit ihrem großen Helden Sandulf Falcharoch; dem Gründer von Hjaldrist’s Clan, der einst ein einfacher Wegewächter gewesen war und sich als Riesentöter und Elfenfreund einen großen Namen gemacht hatte. Man sagte, er sei ein Halbgott gewesen. Einer, der mit einem legendären Speer der Aen Seidhe gegen die Eisriesen gekämpft und jene stets nur mit einem einzigen Wurf seiner Waffe getötet hätte. Ein großer Held war er gewesen und in Falkenburg stand gar eine Statue von ihm.

Hjaldrist sah fort, als er an dem größeren Wächter vorbei hielt, der neben ihm wirkte, wie ein Schrank von einem Kerl. Und der Fremde interessierte sich nicht für den Jüngeren. Generell ignorierten diese Elitekämpfer angeblich alles und jeden, solange es nicht um ihre heilige Aufgabe oder Anordnungen ihres Anführers ging. Gerade, da war der Jarlsthronanwärter froh über diese Tatsache, obwohl er sich fragen musste, was ein Wegewächter HIER suchte. Ja, manchmal kamen diese Kämpfer schon nach Falkenburg zurück. Aber wenn, hatte das einen sehr guten Grund. Nicht umsonst galt es auf Undvik als schlechtes Omen, wenn man solch einen Mann oder eine Frau aus dem Süden nahe der einzig bevölkerten Siedlung der Insel sah. Obwohl sie als große Streiter gefeiert wurden, ging man den Wegewächtern vehement aus dem Weg.

Mit gesenktem Kopf ging Hjaldrist weiter und versuchte nicht darüber nachzusinnen, warum er einen der Wächter angetroffen hatte. Gleich wich er, wie geplant, vom Weg ab, um zur westlichen Mauer der Stadt zu gelangen. Tagsüber und wenn gerade kein Krieg herrschte, standen auf jener keine Schützen. Undvik war so abgelegen und verrufen, dass selten eine menschliche Bedrohung ihren Weg hierher fand. Und Monster waren wahrlich zu dumm, um eine verheerende Belagerung anzuzetteln. Die Mauern waren hoch und ohne Hilfsmittel unüberwindbar. Demnach gab es nur an den Toren Stadtwachen. Die Schützen kamen dann erst nachts. Das nicht besonders vielzählig und vor allem, um die Ebene vor Caer Gvalch’ca ein wenig im Auge zu behalten. Darum hatte Hjaldrist jetzt keine Probleme damit an den Fleck der Mauer zu gelangen, den er als brüchig im Sinn behalten hatte. Und tatsächlich fand er schnell die eine Stelle auf Hüfthöhe, die er vor sechs, sieben Jahren einmal entdeckt und kritisiert hatte. Offenbar hatte man sie bis heute nicht reparieren lassen. Welch ein Glück!

Hjaldrist ließ die Zügel Apfelstrudels also los und ging sofort in die Hocke, um an den lockeren Stein zu fassen. Er sah verstohlen forschend um sich und dann stemmte er sich dem Mauerwerk mit aller Kraft entgegen. Hjaldrist ächzte leise und biss die Zähne zusammen. Der Mann ruckte einmal gegen die rissigen Mauersteine, zweimal. Er brummte genervt, kam wieder hoch und hob mit dem Fuß zu, als wolle er eine Tür eintreten. Und tatsächlich gab dadurch ein Teil der ausgedienten Mauer nach. Zwei bröckelige Teile fielen sofort in die Stadt, während Hjaldrist noch einmal auf die Knie gehen musste, um zwei weitere Mauersteine auszubrechen. Doch dann war die entstandene Kluft so breit, dass der Mann gerade so durch sie hindurch passen könnte. Sein Ausdruck rutschte in eine erleichterte Richtung, ehe er noch einmal zum wartenden Apfelstrudel aufsah, der müde vor sich hin glotzte.

“Bleib bloß nicht stehen, sollten Wölfe oder Monster auftauchen, hörst du?”, flüsterte der Krieger im blaugrünen Mantel aus dicker Wolle. Dann atmete er noch einmal aufgeregt durch. Bald wäre das hier alles vorbei. Wie auch immer es ausgehen würde… es wäre vorüber.

“Tut mir leid, Kumpel.”, murmelte Hjaldrist an sein treues Pferd gerichtet und damit wandte er sich ab, um durch das Loch in der Stadtmauer zu schlüpfen. Beinah bekam er dabei einen weiteren, halben Stein auf den Kopf, der sich aus eben jener löste.

Direkt in Caer Gvalch’ca angekommen, kam Hjaldrist sofort auf die Beine und sah wachsam auf. Seine unsteten Augen wanderten über die beiden kleinen Hintergärten, die sich vor ihm auftaten. Abseits vom geschäftigen Treiben stand er jetzt zwischen einem Baum, kargen Büschen und einer verschneiten Gartenbank und zog sich die weite Kapuze wieder in das Gesicht. Er straffte die Schultern, sprach sich selbst Tapferkeit zu und setzte sich umgehend in Bewegung. Hjaldrist müsste Sten finden und zwar schnell. Umso länger er sich jetzt hier aufhielt, desto eher würde man ihn entdecken. Anstatt herumzuschleichen und dadurch auffällig zu wirken, hätte man ihn gesehen, trat der Skelliger wenige Atemzüge später schon auf die Straße. Erlklamm hielt er unter seinem Mantel versteckt, als er allen Mut zusammennahm und an zwei nichtsahnenden Stadtwachen vorbei hielt, um den Hauptweg zu nehmen, der zum Marktplatz führte. Viele Leute waren zu dieser Zeit unterwegs und zumeist so mit sich beschäftigt, dass sie Hjaldrist nicht beachteten. Für sie war er nur jemand im Kapuzenmantel, der, so wie sie selbst, seinem Tagwerk nachging. Und das war gut so. Nicht auszudenken, hätte man ihn erkannt. Und das HÄTTE man. Jeder Mensch Falkenburgs wusste, wie der Sohn Halbjørns aussah. Und genau deswegen war Hjaldrist dermaßen nervös, dass ihm die kalten Hände zitterten und er sich kurz fragte, was zu Mörhogg er hier überhaupt tat. Kurz wollte ihn seine Kühnheit verlassen, als er sich an ein paar plappernden Landsleuten vorbei schob, doch er riss sich schnell wieder am Riemen. Adrenalin machte es ihm schwer sich gut zu konzentrieren, doch so unauffällig wie möglich spazierte er bald mit den Händen in den Taschen am Rand des Marktplatzes entlang. Jener befand sich im Zentrum der Stadt, in der an die zweihundert Menschen hausten, und war wie immer sehr belebt. Es gab hier alles Lokale zu kaufen: Fisch, Fleisch, anderweitige Lebensmittel, Kräuter, Stoffe und so weiter. Und mit Glück gab es hier und da auch Ware, die Händler vom Festland mitgebracht hatten. Doch all dies interessierte Hjaldrist gerade nicht. Das einzige Ziel, das er ganz aufgebracht vor Augen hatte, war die kleine Bäckerei am nördlichen Ende des weitläufigen Platzes, auf dem Marktschreier herumbrüllten. Beinah liefen spielende Kinder in den Axtkämpfer und er war so angespannt, dass er ob dem heftig erschrak. So tapfer er sonst auch war, so fühlte er sich gerade wie ein kleiner Hase in einem Wald voller hungriger Raubtiere. Hjaldrist spürte hunderte Augen auf sich ruhen, obwohl ihn bisher niemand beachtete. Und ihm fiel beinahe ein Stein vom Herzen, als er die berühmte Bäckerei endlich erkannte und den Schritt beschleunigte, um eher dort anzukommen. Ein hoffnungsvolles Lächeln wollte an den spröden Lippen des Mannes zerren, als er vor die Türschwelle des Gebäudes trat. Doch dann war da plötzlich jemand in seinem Rücken. Ein Arm legte sich mit einem Mal von hinten um seinen Hals und drückte drohend zu. Eine kleine, spitze Klinge blitzte auf und Hjaldrist wurde der gestrichenen Haustür entgegen gedrängt. Er würgte einen leisen Fluch hervor und wurde sofort barsch in die Bäckerei bugsiert, ehe auch nur irgendein ringsum Stehender etwas davon mitbekam. Der Undviker musste nicht lange darüber nachdenken, wer ihn soeben so rücklings erwischt hatte. Es war klar. Sten schloss mit der freien Hand seine knarrende Haustüre hinter sich, während er Hjaldrist eisern festhielt und ihm dabei einen fein geschliffenen Dolch mit schlangenförmigem Griff an die Kehle drängte. Die scharfe Schneide schnitt ihm oberflächlich ins helle Fleisch und er stöhnte widerwillig auf, als er Äther roch. Abrupt war er vollkommen konfus. Und es war eine Sache von Sekunden, bis es ihm schwarz vor Augen wurde.

 

Als Hjaldrist wieder zu sich kam - und das tat er tatsächlich, Hemdall sei Dank! - konnte er sich nicht rühren. Er hatte Schwierigkeiten damit seinen Blick zu fokussieren und blinzelte benommen, als er leise und überfordert ächzte. Er hatte schrecklichen Durst. Und sein Kopf tat weh. Nur schleppend verstand er, dass man ihm die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte. Das grobe Hanfseil drückte ihm unangenehm gegen die Handgelenke und er war froh darüber Handschuhe zu tragen. Anderweitig hätte ihm das Scheißding die Haut wund gescheuert, ganz bestimmt.

“Kacke…”, flüsterte der Mann leise und schüttelte den brummenden Kopf, als helfe dies dabei, dass er es wieder schaffte klarer zu denken “Verdammt...”

Dem Skelliger entkam ein gequälter Laut, doch er verstummte, als er nebenan Stimmen hörte.

“Es ist leider wichtig.”, konnte Hjaldrist die ihm so bekannte Stimme des Bäckers mit dem Doppelleben dumpf vernehmen “Der Jarl will es so. Es tut mir leid, Hilda.”

“Schon gut.”, sprach eine Frau nachgiebig “Ich bin bei Saskia. Wir sehen uns später, Schatz.”

“Ja, bis später.”, sagte der Skrugga nett. Man hörte Schritte auf Holzboden. Dann eine knarzende Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Hjaldrist schluckte trocken und wünschte sich, Anna wäre hier, um zu helfen. Doch das war sie nicht. Er hatte sie schließlich darum gebeten beim Hafen zu bleiben, bis er seine Aufgaben erledigt hätte und zu ihr zurückkäme. Und jetzt? Nun saß er-... ja, wo eigentlich? War das hier etwa ein Abstellraum? Das staubige Kämmerchen war nicht groß und das einzige, schmale Fenster des Zimmerchens halb mit dicken Säcken zugestellt. Es war also nicht allzu hell hier. Hjaldrist schaffte es mittlerweile wieder gerade zu sehen und blickte sich um. Da waren ein Besen, Kisten, Mehlsäcke, Paletten voller Eier und ein Fass. Oh Mann. Sten hatte ihn tatsächlich ausgeschaltet und in seinen Lagerraum gesperrt? Unzufrieden zuckte der Mundwinkel des Kämpfers, dem man Erlklamm und das Kampfmesser abgenommen hatte. Er holte einmal tief Luft und wollte wackelig aufstehen, da öffnete sich plötzlich die Tür. Sofort fuhr Hjaldrist zusammen und sah aus großen Augen auf. Er rutschte auf seinem Allerwertesten zurück und drängte das Kreuz an die hölzerne Lagerkiste, die hinter ihm stand. Jemand kam.

“Sten!”, keuchte Hjaldrist sofort. Denn das einzige, was er nun noch tun könnte, wäre reden. Oh, normalerweise hatte er doch solch eine schlagfertige Klappe, doch jetzt fühlte er sich so wehrlos.

“Es war ein Missverständnis, Sten! Lass uns miteinander sprechen!”, bat Hjaldrist ungeschickt und seine Worte überschlugen sich. Er war heiser und der Skrugga vor ihm sah wenig überzeugt aus. Mit undeutbarer Miene sah der auf seinen eingeschüchterten Gefangenen herab. Hjaldrist zerrte an seinen Fesseln, doch jene saßen stramm. Er musste husten, denn sein Hals war enorm trocken.

“Tse…”, entkam es dem braunhaarigen Jarlsschatten mit dem Kinnbart jetzt. Er trug seine Arbeitskleidung, die ihn als Bäcker auswies: Tunika, Hose, fleckige Schürze. Doch er war nicht nur wer, der die besten Zuckerbrote des Westens backte. Er war einer der gefährlichsten Männer der Stadt und niemand, außer der Jarlsfamilie, wusste das. Kein Mensch vermutete hinter dem immer lieb lächelnden Bäckermeister einen emotionslosen Attentäter. Und genau aus diesem Grund war Sten so gut in dem, was er tat.

“Hjaldrist.”, sagte der Skrugga weiter “Ich dachte mir nicht, dass ich dich noch einmal zu Gesicht bekäme.”

“Sten.”, wand der Mann am Boden noch einmal ein “Lass mich erklären!”

“Was erklären? Dass du deinen Vater getötet hast und geflohen bist, als dich unsere Leute zurückholen wollten, um dich vor das Gericht zu zerren?”, fragte der Zuträger harsch “Dass du ein unbezahlbares Erbstück gestohlen hast und dir Freunde unter den Vatt’ghern suchtest?”

Hjaldrist stand der Mund einen kleinen Spalt weit offen. Er wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen sollte. Das hier war eine Katastrophe. Sten würde ihn gleich verhören wollen, denn nur deswegen war der Jüngere noch am Leben, oder? Oder wollte der Skrugga seinen Gefangenen vor den neuen Jarl zerren, um ihn von eben jenem töten zu lassen? Womöglich auch beides...

“Wa-warte!”, stammelte der ratlose Mann am verstaubten Grund und wollte dazu ansetzen anzusprechen, dass sein Vater Sten doch einst das Leben gerettet hätte. Und dass Sten daher in dessen Schuld stünde. Oder… oder gestanden hatte. Oh, verdammt. Plötzlich klang das alles so bescheuert. Halbjørn war tot und der anwesende Spion glaubte, Hjaldrist sei schuld daran. Wie könnte er also-

Plötzlich lachte Sten. Und seine kalte Miene rutschte in eine unglaublich freundliche Richtung, was ihm einen Augenblick lange den Anschein eines Wahnsinnigen verlieh. Hjaldrist stutzte und ehe er sich versehen konnte, war der Skrugga schon direkt vor ihm. Er zog den Jüngeren auf die Beine und hatte plötzlich wieder sein Messer in der Hand. Er wirkte auf einmal absolut irre. Das aber auch nur, bis der zitternde Gefangene verstand, dass man ihm die Fesseln und nicht die Kehle durchschneiden wollte: Hjaldrist gab einen überforderten Laut von sich, als er auf wackeligen Beinen stand und Sten’s Klinge bemerkte. Der Mann wollte zurücktaumeln, doch wurde an den kratzigen Fesseln festgehalten. Er wollte ein letztes Mal flehentlich um ein klärendes Gespräch bitten, da war das Hanfseil, das ihn gebunden hatte, fort. Und Sten umarmte ihn. Lachend klopfte der Jarlsschatten dem etwas Kleineren den Rücken und das so herzlich, dass Hjaldrist ächzen musste. Verwirrt starrte er.

“Tut mir leid, Junge.”, machte der Bäcker “Ich wollte, dass meine Hilda glaubt, ich hätte einen wahrhaftigen Feind der Stadt eingefangen. Oft bringe ich Verräter oder Spione anderer Häuser herein und werfe sie in meine Abstellkammer, musst du wissen.”

“W-was…?”, nuschelte Hjaldrist und sein Herz schlug ihm noch immer bis zum Hals. Ihm war kurz schwindelig geworden.

“Hilda soll nichts von meiner Arbeit für den Jarl mitbekommen. Deswegen geht sie immer ihre Freundinnen besuchen, wenn ich wen verhören muss.”, grinste Sten, als er sein Gegenüber wieder losließ. Hjaldrist rieb sich die Handgelenke und betrachtete den Anderen argwöhnisch.

“Und vor allem sollte sie heute nicht sehen, wer du wirklich bist.”, sprach Sten aus “Ich liebe sie. Doch ein Skrugga vertraut niemandem und baut auf nichts, außer auf seine Anordnungen. Also… meistens jedenfalls.”

Nur langsam verstand Hjaldrist, was der Ältere meinte. Er beäugte jenen vollkommen entrückt und es dauerte, bis sich endlich große Erleichterung in seinem Blick zeigte. Sten hatte ihn also nur ‘eingefangen’, um seiner Frau vorzugaukeln, dass er dringende Arbeit hätte und sie gehen müsste? Das, damit sie nicht mitbekam, dass der vermeintliche Mörder des letzten Jarls hier war und dies noch ausplapperte? Das… das war eine vorsichtige Vorgehensweise.

“Bei Freya.”, machte Sten und legte eine Hand auf Hjaldrist’s Schulter, um jene anerkennend zu drücken “Es ist gut dich zu sehen.”

“Wie…?”, fragte der verdatterte Undviker nach dieser Aussage und glaubte nicht, was hier geschah. Er hatte sich erwartet wie ein Schwerverbrecher behandelt zu werden und sich rechtfertigen zu müssen. Stattdessen sah Sten aus, als habe er ihn tatsächlich vermisst. Nur warum?

“Komm erstmal aus der Kammer heraus…”, bat der sehnige Bäcker jetzt und trat zurück, um Hjaldrist zu sich zu winken und in den Hauptraum seines Hauses zu treten. Der Verkaufsraum der Bäckerei war indes geschlossen. Logisch. Ziemlich verunsichert folgte der Axtkämpfer seinem alten Bekannten und sah sich um. In der Hütte sah es noch immer so aus, wie früher. Sie war heimelig, denn Hilda mochte es zu dekorieren. Eine große Walrippe stützte das Gebälk des Hauses und keine Bleibe Undviks verfügte über solch eine große Küche, wie die von Sten. Aber gut. Schlussendlich war er der Bäckermeister des Ortes und brauchte Platz, um seine Brote und Kuchen zu kreieren. Ein geräumiger Ofen war also in die einzige Steinmauer an der Seite des Hauses eingelassen worden und auf der Kochstelle daneben blubberte ein Kessel vor sich hin. Hjaldrist, der sich ein wenig verloren fühlte, ließ sich auf einem der Stühle am Esstisch nieder und beobachtete Sten dabei, wie jener Saft in zwei Becher schüttete und damit näherkam. Er stellte einen davon vor die Nase seines Überraschungsgastes und behielt den anderen, um gleich einen Schluck daraus zu trinken. Hjaldrist ließ den Blick indes auf sein Getränk fallen. Doch er rührte es vorerst nicht an. Denn er traute der Situation absolut nicht. NOCH nicht. Er wollte sich erst von Sten’s Absichten überzeugen, bevor er irgendetwas trank, was ihm der Giftmischer gegeben hatte.

“Ich arbeite nun schon seit zwanzig Jahren in meinem Beruf.”, brach Sten die betretene Stille und setzte sich zu dem Jüngeren an den abgegriffenen Tisch, an dessen einer Kante Mehlreste hingen “Was vor vier Jahren passiert ist, war ein großer Aufschrei. Und, Schande über mich, aber ich dachte zuerst auch, es sei wahr, was man sagte. Ich glaubte, du seist ein Mörder und auf der Flucht.”

“...es stimmt also.”, murmelte Hjaldrist vor sich hin. Die Dinge, die Anna im Bogenwald erklärt hatte, waren wahr. Also nicht, dass er daran gezweifelt hätte, nur war es dennoch hart es noch einmal aus dem Mund eines Undvikers zu hören, der die letzten vier Jahre über in Caer Gvalch’ca gelebt hatte. Sten hatte alles mitbekommen, was hier geschehen war und er könnte seinen ungewöhnlichen Besucher nun aufklären. Über ALLES.

“Nach deinem Verschwinden wollten wir dich suchen, Hjaldrist.”, erzählte Sten, der ihn ernst ansah und seinen bauchigen Trinkbecher leicht zwischen den schmalen Fingern drehte “Der Jarl war ermordet worden und der erste, der aufgelöst angerannt kam, war dessen Bruder Orlan. Ich selbst war in der Nähe, als plötzlich das hellste Chaos ausbrach. Die sonst so disziplinierten Huskarle verhielten sich plötzlich wie aufgescheuchte Hühner. Das habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Jeder sagte ‘Der Jarl ist tot, der Jarl ist tot. Jemand hat ihn ermordet!’. Seine Familie war sofort da. Alle von ihnen, selbst die kleine Merle. Hemdall, was hat das arme Kind geweint.”

Hjaldrist schluckte schwer, doch schwieg. Er krallte sich unter dem Tisch an seinen bestickten Mantel.

“Jegliche Hilfe kam zu spät. Halbjørn verblutete an Ort und Stelle. Als wir zu ihm kamen, war er nicht mehr ansprechbar. Und während die Familie trauerte und die halbe Hausgarde in Alarmbereitschaft in der Festung blieb, wollten wir Skrugga und die restlichen Gardisten ausschwärmen. Wir wollten den Jarlsmörder umgehend finden. Doch… doch plötzlich hielt dein Bruder Haldorn uns auf.”, erinnerte sich Sten mit finsterer Miene “Und wir blieben. Wir mussten. Haldorn kam dazwischen und meinte, dass wir Ruhe bewahren und an Ort und Stelle bleiben sollten, um uns zu besprechen. Denn er hätte eine böse Vorahnung. Zu dieser Zeit ahnten wir nicht, dass Orlan ihn bereits beeinflusst hatte. Schnell fiel auf, dass du fehltest. Zusammen mit der Axt deiner Familie warst du fort und nach dem Streit zwischen dir und deinem Vater lag es für Haldorn nahe, dass du ihn getötet hättest. Nur fragte ich mich: ‘Warum sollte Hjaldrist das tun? Ja, er will der nächste Jarl werden, doch wäre er tatsächlich so dumm seinen Vater zu erstechen und zu glauben, dass er dadurch auf den Thron kommt?’. Nein. Das glaubte ich nicht. Du warst nie dumm. Und mit der Zeit wurde es immer klarer, dass Orlan irgendetwas vertuschen wollte. Haldorn übernahm vorläufig den Posten des Jarls, doch es war glasklar, dass Orlan ihn manipulierte und ihn nur brauchte, um sich hinter ihm zu verstecken.”

“Haldorn… Haldorn hat viel Ahnung vom Segeln. Aber er hat sich nie für Politik interessiert…”, dachte Hjaldrist laut.

“Das ist wahr. Wir alle wussten doch, wie er ist.”, nickte Sten “Also fiel es mir auf, wie streng und entschlossen er plötzlich handelte. Es stand ihm nicht und auch heute wirkt er noch fremd. Pah. Orlan spricht durch ihn und so viele verstehen das bis heute nicht. Aber ich tue das, Hjaldrist. Ich weiß, was Sache ist und dass Orlan Halbjørn umgebracht hat. Es gibt Leute, die Morde viel geschickter vertuscht haben, als er.”

Der jüngere Undviker sah den sprechenden Braunhaarigen an und nickte leicht. Er zog die Brauen nachdenklich zusammen und versuchte die Geschehnisse der letzten Jahre und die Misere seiner Stadt in seinem brummenden Kopf zu sortieren. Es war nicht so leicht. Doch Sten machte es ihm gleich einfach.

“Hjaldrist, du bist der rechtmäßige Nachfolger deines Vaters.”, sagte der Jarlsschatten “Du bist sein ältester Sohn und niemand, auch nicht sein Bruder, hat das Recht darauf dir das zu nehmen.”, sagte Sten entschlossen und da war Eifer in seinem Blick “Ich dachte, du seist tot. Haldorn meinte, dass man dich zurückholen hatte wollen, um dich offiziell als Jarlsmörder zu richten. Doch angeblich seist du ertrunken. Niemals dachte ich dich wieder zu sehen. Und dann sah ich dich vorhin am Markt. Ich traute meinen Augen erst kaum.”

“...War ich so auffällig?”, räusperte sich Hjaldrist.

“Nein.”, lächelte Sten schief “Das muss man nicht sein, wenn man einen Schatten auf den Fersen hat.”

Hjaldrist verstummte etwas verlegen und verkniff sich ein Seufzen. Er sah auf seinen Saftbecher. Und nun?

“Hjaldrist?”, fragte der Bäcker und war wieder sehr ernst dabei “Bist du zurückgekommen, um deinen Thron zu beanspruchen?”

Auf dies hin sah der Angesprochene sofort etwas fahrig auf. Und zugegeben: Er fühlte sich hin und her gerissen. Zwischen dem Bild von Anna, wie sie gerade alleine im Hafen saß und vor sich hin starrend auf ihn wartete; Von der Anna, der er es einst hoch und heilig versprochen hatte für immer als ihr bester Kumpel an ihrer Seite zu bleiben. Und zwischen dem Bild seiner Familie; der noch lebenden Mitglieder und seinem Vater. Er liebte sie. Er liebte alle von ihnen so sehr. Anna, Mutter, Pavetta, Merle, Haldorn. Und als seine Gedanken jetzt im Kreis sprangen und er vernünftig abwägen wollte, meldete sich sein Bauch mit einem Mal zu Wort. Und, ach, eigentlich wusste Hjaldrist doch schon seit Bogenwald, was der beste Ausgang hierfür wäre. Er hatte es bis zu dieser Sekunde nur nie ausgesprochen.

“Ja.”, sagte er “Ja, ich bin gekommen, um Orlan zu stellen und den Thron zu besteigen.”

Sten lächelte gleich befreit, als er das hörte. Er schlug die Handflächen erfreut aufeinander und rieb sie sich vorfreudig.

“Das wollte ich hören!”, gab der Skrugga zu und irgendwie konnte sich Hjaldrist nicht mit ihm freuen. Seine vorher ausgesprochene Entscheidung schmeckte nämlich bitter in seinem Mund. Und am liebsten hätte er geheult. Denn da war noch immer Anna. Was war mit ihr? Hjaldrist konnte das Wohl seiner Familie und einer ganzen Stadt nicht ihretwegen links liegen lassen, so, wie sie ihn in den letzten zwei Wochen von sich gedrückt hatte. Scheiße. Götter. Hjaldrist fühlte sich so entschlossen und ohnmächtig zugleich. Ihm war schlecht.

“Ich hätte ihn längst getötet.”, sagte Sten und Hjaldrist sah aus seinen wirren Gedanken auf.

“Was?”, machte er.

“Orlan.”, konkretisierte der Spion und Attentäter “Doch es ging nicht. Ich habe nicht nur einen heiligen Eid vor den Göttern abgelegt, der mir verbietet die Hände an deine Familie zu legen, sondern dein Onkel ist auch sehr paranoid. Selbst für MICH wäre es schwer ungesehen an ihn heranzukommen. Ja, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir spontan keine einzige Gelegenheit dafür ein. Andauernd hat er mindestens einen Huskarl bei sich. Man sagt, selbst nachts steht einer von denen in seinem Zimmer. Das ist verrückt.”

“Wirklich…?”, fragte Hjaldrist mit gerunzelter Stirn “Ich hätte gehofft, dass es einfacher wäre in seine Nähe zu gelangen.”

“Du willst ihn also ermorden?”, fragte Sten und lächelte schief dabei. Der Gedanke schien ihm zu gefallen.

“Nein… ich werde das nicht tun. Es gibt da aber jemanden, der dies für mich erledigen möchte. Es ist eine Sache von… Freundschaft.”, erklärte der Langhaarige.

“Du meinst das Mädchen?”, schätzte der schlaue Skrugga sofort erschreckend wissend. Hjaldrist hakte aber nicht irritiert nach, sondern nickte nur.

“Sie heißt Arianna.”, meinte er. Und an diesem Punkt fasste er endlich durstig nach dem Getränk, das Sten ihm hingestellt hatte. Er nippte erst daran, dann trank er einen tiefen Schluck. Es war Apfelsaft und im Moment glaubte der ausgezehrte Mann, er habe nie etwas Besseres getrunken.

“Wo ist sie gerade?”, wollte der Zuträger weiter wissen. Er verschränkte die Arme auf der Tischplatte und sah seinen vermeintlichen Vorgesetzten eindringlich an. Seine helle Augenfarbe war stechend.

“Am Hafen.”, entgegnete Hjaldrist “Ich wollte nämlich erst allein hierherkommen, dich und Henrik finden, und dann zu ihr zurück. Und… ich möchte, dass sie Orlan umbringt, Sten. Kannst du ihr helfen?”

Grüblerisch betrachtete der Jarlsschatten den Jüngeren und wirkte kritisch, als er den Kopf abschätzend wiegte.

“Ha. Ihr helfen?”, wollte er wissen “Wie? Wie gesagt ist es so gut wie unmöglich an Orlan heranzukommen.”

“Zu zweit schafft ihr das, ich bin mir sicher.”, versicherte Hjaldrist, denn er glaubte an Anna und ihre manchmal sehr reißerischen Einfälle. Das hatte er schon immer.

“Ist sie so versiert?”, brummte Sten zweiflerisch.

“Sie ist eine Hexerin.”, entkam es dem jüngeren Undviker ernst. Nun wirkte der Skrugga überrascht. Und sein Ausdruck erhellte sich wieder etwas.

“Ich dachte, es sei bloß ein Gerücht.”, gab er am Rande etwas abfällig zu, denn er war immer schon leicht konservativ gewesen “Denn warum sollte sich jemand wie du mit einem Vatt’ghern abgeben?”

“Die Hexerklischees sind oft nicht wahr.”, wand Hjaldrist gleich bestimmend ein “Anna ist völlig in Ordnung. Und… meine beste Freundin.”

“Verstehe…”, murmelte Sten nachdenklich und fuhr sich derweil mit der Hand durch den gepflegten Kinnbart “Hm.”

“Also… kannst du helfen?”, fragte der Axtkämpfer erwartungsvoll nach.

“Ich kann es versuchen. Doch so einfach wird das, wie erwähnt, nicht werden. Sobald Alarm geschlagen wird, sind wir wirklich ganz, ganz übel am Arsch. Mit den Huskarlen in der Festung ist nicht zu spaßen und das weißt du, Junge. Sie sind welche der besten Kämpfer der Insel und unglaublich aufmerksam...”

“Ich vertraue Henrik.”, sprach Hjaldrist dazwischen “Ich wollte doch auch mit ihm sprechen. Er soll die Leibgarde irgendwie… abziehen. Trotz deren Eides.”

“Die Huskarle abziehen?”, lachte Sten leise “DAS wird schwierig. Aber wenn du glaubst, dass Henrik dir so gesinnt ist, wie ich, ist er auf alle Fälle ein sehr guter Verbündeter. Schließlich ist er der Hauptmann der Garde, nicht wahr?”

“Ich muss ihn treffen.”, sagte Hjaldrist nickend “Unbedingt. Ich sollte ihn finden, bevor die Nacht hereinbricht, sonst komme ich hier nicht mehr weg und muss mich bis zum Morgen verstecken.”

“Und du willst zu deiner Freundin zurück?”, schätzte Sten richtig.

“Sie ist gerade ganz alleine da draußen. Also ja.”, machte der langhaarige Skelliger bestimmend “Undvik ist gefährlich, selbst für jemanden wie sie. Besonders nachts.”

“Hm… wie bist du in die Stadt gekommen?”, kam die nächste Frage.

“Durch ein Loch in der Westmauer. Der Weg ist relativ sicher und unauffällig.”

“Gut. Dann hole das Mädchen und zwar jetzt. Bis zum Abend seid ihr beide wieder hier, wenn ihr euch beeilt. Ich werde dafür sorgen, dass ihr irgendwo schlafen könnt. Hier, in relativer Sicherheit und zur Not in meinem Keller.”, versprach Sten noch “Im Moment ist es unsagbar gefährlich vor den Mauern. Letzte Woche wurden Riesen gesichtet und daher haben wir zur Zeit fünf Wegewächter in den nahen Wäldern. FÜNF, Hjaldrist. Sie berichteten nebenher von zwei Zyklopen, denen sie nachstellen. Du WILLST also nicht da draußen schlafen, Hjaldrist. Und du möchtest eigentlich auch nicht, dass deine Arianna noch länger alleine ist. Auch für eine Hexerin könnte die Situation sehr schnell verheerend werden. Besonders im hohen Schnee, in dem ein Riese im Gegenzug zu einem kleinen Menschen nicht schnell stolpert.”

Hjaldrist weitete die Augen, als er das hörte. Und er erhob sich sofort. Das, was Sten gerade gesagt hatte, war eine bedeutende Warnung gewesen, die ihn nur so beutelte. Und es erklärte auch, warum der ehemalige Vagabund vorhin einen der Wächter gesehen hatte. Das hier war übel, ganz übel. Und er müsste SOFORT zu Anna zurück. Den Plan Henrik zu sehen schob er in dieser heiklen Minute ganz weit fort.

“Wie lange… wie lange war ich ohnmächtig, nachdem du mich erwischt hast?”, fragte er schnell.

“Hm. Drei, vier Stunden.”, schätzte der Skrugga mit verzwickter Miene und Hjaldrist fluchte leise. Das war zu lang. VIEL zu lang.

“Ich muss los. Jetzt. Wo sind meine Waffen?”, sagte er eilig und Sten zeigte auf die unweite, große Küchenkommode aus dunklem Nussholz. Sogleich marschierte Hjaldrist dorthin und holte sich Erlklamm und sein Messer zurück.

“Wir treffen uns später an der Westmauer. Ich finde das Loch darin.”, sagte Sten noch, bevor sich Hjaldrist wieder die Kapuze in das Gesicht zog und loslief “Sei bitte vorsichtig.”

Der darauffolgende Weg des zukünftigen Jarls führte ihn zurück über den großen, nun viel weniger geschäftigen Markt und dieses Mal scherte er sich weniger um die paar Leute um sich herum, als um das, was er vorhatte. In seinem Hirn legte sich Hjaldrist zurecht, wie er am schnellsten zurück zum Hafen käme. Hastigen Schrittes ging er voran, hielt sich weit am Rande aller großen Straßen und befürchtete Übles, als er an Anna dachte. Stumme Gebete schickte er zu den Göttern. Dafür, dass seine engste Freundin gerade nicht in Schwierigkeiten steckte.

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