Kapitel 93

Sie würde für oder mit ihrem Freund sterben

Hjaldrist kam bis zum Abend nicht wieder und Anna hoffte mittlerweile, dass ihm nichts zugestoßen war. Sie hatte lange Stunden im Hafen verbracht und versucht sich dort irgendwie warmzuhalten. Dies allein, denn die Familie, mit der sie hier angekommen war, war längst fort. Anna hatte also das verlassene Tavernenhaus am Pier betreten und sich dort in ein paar Decken eingerollt, um etwas zu dösen. Denn ihr war unglaublich schlecht und schummrig gewesen. Sie hatte sich davor noch zwei Mal übergeben müssen und sich gefühlt, als habe sie tagelang durchgesoffen. Oh, wie sie Schiffsfahrten HASSTE! Und jetzt, als die Abenddämmerung merklich nahte, stand sie nervös im Freien vor der leerstehenden Schänke und starrte dem Weg entgegen, den ihr zielstrebiger Begleiter vor einer halben Ewigkeit genommen hatte. Es hatte wieder ein wenig geschneit. Man konnte die Spuren Apfelstrudels ob dem nicht länger sehen und das war schlecht. Denn so könnte Anna der Spur nicht folgen, um nach dem Rechten zu sehen. Von alleine, so war sie sich sicher, fände sie sicherlich nicht nach Caer Gvalch’ca, um sich dessen zu vergewissern, dass es Rist gut ging. Denn Undvik war nicht klein, obwohl es auf den Landkarten immer so mickrig wirkte. 

Noch immer war Anna’s Magen flau und sie fühlte sich zittrig und schwach. Und obwohl sie einen schrecklichen Hunger hatte, wagte sie es noch nicht etwas zu essen. Die kurzhaarige Frau hatte Trockenfleisch und etwas Käse im Gepäck, doch das wollte sie ihrem beleidigten Magen nicht zumuten. Also stand sie nun hier und fühlte sich krank vor Übelkeit und Sorge. Denn was, wenn man Rist erwischt hätte? Man würde ihn töten. Anna kaute sich unruhig an der Unterlippe herum. Und während sie die Rucksäcke vorerst in der verlassenen Taverne ließ, setzte sie sich langsam in Bewegung. Sie fröstelte und zog sich den blauen Schal enger um den Hals. Ihr Schwertheft klapperte leise gegen ihren Gürtel, als sie durch den glitzernden Schnee ging. Ob sie es versuchen sollte Falkenburg zu finden? Sie wollte nachts nicht untätig im Hafen sitzen bleiben und KÖNNTE das auch nicht. Es war eisig kalt, viel frostiger als sonst wo, und das würde nach Einbruch der Dunkelheit nicht besser werden. Vor allem nicht direkt am Meer. Anna hatte gerade nichts, um Feuer zu machen. Und mit nur wenig Pech würde sie erfrieren, würde sie versuchen in der zugigen Hütte am Pier zu schlafen. Also einmal ganz abgesehen von allen anderen Gefahren der Insel. Die teils weißen Wölfe und Bären waren hierzulande riesig. Und sie hatte gehört, dass auch die Monster Undviks gefährlicher seien, als die Bestien anderenorts. 

Die einsame Kriegerin hielt nach wenigen Metern schon inne. Und noch immer sah sie sehnsüchtig in die Richtung, in die Hjaldrist heute Mittag verschwunden war. Sie rieb die Hände aneinander und hauchte sich frierend in die Handflächen. Was… was sollte sie jetzt also machen? Warten und hoffen? Sich wachhalten und versuchen nicht zum Eiszapfen zu werden? Gehen, versuchen ihren besten Freund zu finden und vermutlich wieder in irgendeinen Mist hineingeraten? Nein. Letzteres ging nicht. Sie könnte nicht wie sonst einfach so ohne Karte los und dabei darauf hoffen sich schon irgendwie zurechtzufinden. Der Grund, wegen dem sie hier war, war viel zu wichtig und sollte ihr Irgendetwas zustoßen, könnte sie ihr Versprechen Orlan zu töten nicht einhalten. Nur… wenn Rist bereits irgendetwas passiert war… was dann? Vielleicht brauchte er ja sogar Hilfe, wer weiß? Anna schluckte trocken, als sie nicht weiterwusste und zu viel grübelte. Ihre Miene war betroffen und voller Sorge. Und während sie allein im Schnee stand und sich selbst immer nervöser machte, verspürte sie plötzlich ein leichtes, kurzes Beben des Bodens. Anna zuckte irritiert zusammen und senkte den Blick zu ihren Füßen. Gleich sah sie wieder auf.

“Was…?”, wisperte sie leise und ihr Atem stieg in der klirrenden Kälte als heller Dunst auf. Hatte sie sich das gerade eben nur eingebildet, oder-

Wieder ein Ruckeln. Es erinnerte an das Erzittern der Erde, das man wahrnehmen konnte, wenn irgendetwas Großes umfiel. Wenn ein altes, marodes Haus in sich zusammenstürzte zum Beispiel. Anna hatte so etwas schon einmal miterlebt. Oder… oder wenn irgendetwas Massiges kam. Wieder ein Erbeben. Es wurde rhythmischer, kam näher. Und augenblicklich wich Anna zurück und ließ den Blick hektisch wandern. Es wurde langsam düster, doch nach wie vor konnte man relativ weit sehen. Mit großen Augen starrte sie also suchend in die Gegend und vermutete Gefährliches. Undvik war doch die Insel der Oger, nicht wahr? Ganz langsam machte die alarmierte Monsterjägerin noch ein paar weitere Schritte zurück und wand sich suchend herum, da sie glaubte, dass die stampfenden Schritte von Strandnähe kamen. Ja, das taten sie. Und sie wurden stetig merklicher. Geistesgegenwärtig eilte die Novigraderin also los, um in die verlassene Taverne zurück zu laufen. Sie wollte dort in Deckung gehen, um versteckt zu beobachten, welch ein Wesen hier gleich nahte. Doch da war es schon zu spät. Auf einmal und wie aus dem Nichts kam ein Ogroide zwischen den Bäumen rechterhand gestiegen. Ein Zyklop stapfte in den Hafen und grölte laut, als er schnupperte, als rieche er irgendwas Markantes. Er war zwar kein Riese, dennoch war er unglaublich groß und sein eines Auge fiel sofort auf die viel kleinere Anna, die einen erschrockenen Laut von sich gab. Sie wich zurück und dachte nicht nach, sondern lief einfach drauflos. Sie war zwar kühn und oft sehr vorschnell, ja, doch sie wusste auch, dass sie alleine gegen einen riesigen Zyklopen keine guten Aussichten hätte. Vor allem nicht so spontan und ohne Rist, denn, Scheiße verdammte, sie war nun mal keine Hexerin. Außerdem trug Anna keinerlei Rüstung, war geschwächt und ihr Kreislauf wollte sie seit der Bootsfahrt von heute Vormittag in die Knie zwingen. Es war gerade schon anstrengend genug durch den wadenhohen Schnee zu hetzen. Und dennoch nahm die Kurzhaarige all ihre Kraft zusammen und lief schnurstracks davon.

“Nicht zurücksehen.”, keuchte sie und sprach damit panisch zu sich selbst “Nur nicht zurücksehen. Oh Kacke!”

Denn der hungrige Zyklop kam ihr nun natürlich aggressiv schreiend nach. Sie war es, die der Einäugige gewittert hatte, oder? Er musste hungrig sein. Sicherlich wollte er Anna fressen und daher rannte sie um ihr erbärmliches Leben. Schon wieder. Sie hörte wie Holz zerbarst und einen Atemzug später flog eine ganze Hüttentüre haarscharf an ihr vorbei. Sie schrie auf, schlug die Arme schützend über dem Kopf zusammen und wankte zur Seite. Der kahle Ogroide mit dem ledernen Lendenschurz johle zornig. Eine schmale Holzlatte als Wurfgeschoss folgte und diesmal wurde Anna getroffen. Der besagte Teil eines Türrahmens erwischte sie zwar nicht mit voller Wucht, doch der plötzliche Streifschlag gegen ihren Schädel reichte, um sie nach vorn stolpern zu lassen. Der dumpfe Aufprall raubte ihr gar kurz das Sehen und die Orientierung. Mit den Händen fing sich Anna auf, als sie fiel, und sofort umgab sie kaltes Weiß. Anna stöhnte gequält, als sie sich halb aufrichtete, spuckte Schnee aus und fasste sich an den pochenden Hinterkopf. Die frische Wunde brannte und die Handschuhe der Nordländerin gleich rot beschmiert. Die nachsichtige Kriegerin verfluchte sich selbst kein Quen gewirkt zu haben und wollte taumelig auf die Beine kommen.

Dann waren da auf einmal Fremde. Es ging so schnell. Zwei Männer traten auf den Plan, die so, wie der Zyklop, aus dem nahen Wald kamen. Sie stießen wüste Kampfschreie aus und riefen irgendetwas in einem harten, undviker Dialekt. Anna, die im wadenhohen Schnee kniete und noch immer leicht verschwommen sah, blickte sich zusammenzuckend um. Sie erkannte zwei Krieger mit Speeren. Sie sahen aus, wie Barbaren, waren verdreckt und trugen dichte Pelze an den Körpern. Der eine hatte langes, verfilztes blondes Haar und der zweite war nicht zu erkennen, da er sich dick eingemummt hatte, um sich vor der schneidenden Kälte zu schützen. Die Kerle trugen abgenutzte Kleidung in Erdfarben und alte Lederrüstungen. Anna beobachtete ungläubig, was passierte. Und ihr fiel sofort auf, dass die Kämpfer blau-grüne Tartan-Schärpen trugen, wie auch Rist eine hatte. Doch es war so schwer vorstellbar, dass diese verwilderten Typen zu irgendeinem zivilisierten Clan gehörten. Der vernarbte Blonde, der ein Hüne sondergleichen war, ging gerade mit erhobenem Speer auf den Zyklopen los und schrie ihn an, um dessen Aufmerksamkeit gezielt auf sich zu ziehen. Und der schmalere Zweite mit der fellbesetzten Kapuze und dem dicken Halstuch vor Mund und Nase, hastete vor und warf ein Seil. Anna wusste erst nicht wieso, doch dann wurde sie Zeugin von dem Zweck des dicken Strickes: Der, der jenen geworfen hatte, hielt das eine Ende fest, während sein Freund los eilte, um das zweite Ende des Hanfseiles zu erwischen. Jenes wurde gestrafft, während der Ogroide wütete und man seinen chaotischen Schlägen so locker auswich, als wäre es möglich sie vorherzusehen. Der Eingemummte lief einmal halb um den Zyklopen herum und wickelte ihm damit den Strick um die Füße, während der laut lachende Blonde das Monstrum noch immer ablenkte. Und dann hetzten die beiden Männer mit einem Mal los. In dieselbe Richtung hasteten sie und rissen dabei an dem festen Tau. Der Ogroide fuhr herum, stolperte ob des Seiles, stürzte. Rücklings fiel das Biest und landete mit einem tosenden Aufprall am Grund. Wieder erzitterte die Erde ob des massigen Gewichtes der fürchterlichen Kreatur. Sie brüllte auf und fuchtelte wild mit den Pranken, um nach den Menschen zu schlagen, die sie ausgetrickst hatten. Da kam der Vermummte heran, holte aus und mit einem Kriegsschrei auf den Lippen, trieb er dem Ungetüm den Speer gezielt ins Auge: Er stach zu und zog seine Waffe mit einem Ruck gleich wieder an sich. All das war eine Sache von nur wenigen Momenten. Ein lautes Gurgeln und Keuchen, unkoordiniertes Gezappel, das Aufwühlen von Schnee. Der tödlich verwundete Zyklop wälzte sich schreiend herum und fasste sich an den kahlen Schädel, aus dem das Blut nur so hervorsprudelte. Die Fremden wichen derweil ganz gelassen zurück und ließen die Waffen sinken, als sei das hier gerade ein Kinderspiel gewesen. Als hätten sie einfach nur einen kleinen Nekker erschlagen. Wenige Herzschläge darauf war es bereits vorbei und das niedergetrampelte, eisige Weiß am Grund rot befleckt. Eine Blutlache hatte sich unter dem bulligen Monster gebildet und dampfte in der Winterkälte. Und während Anna etwas weiter entfernt, mit arg schmerzendem Kopf und geweiteten Augen am Boden saß, kamen die zwei Skelliger zusammen und erfassten einander die Unterarme, um jene im Triumph anerkennend zu drücken. Die Aufmerksamkeit der wilden Kerle streifte die verdatterte Novigraderin daraufhin, doch sie gingen nicht auf die Alchemistin zu. Sie fragten sie nicht, ob es ihr gut gehe und wollten auch nicht wissen, wer sie war oder was sie hier suchte. Sie starrten nur unschlüssig. Und dann brach auf einmal Rist auf den Platz. Der Zeitpunkt dafür war denkbar schlecht, mochte man meinen.

“Anna!”, keuchte er vollkommen fertig und legte sich beinah auf die Nase, als er heraneilte. Die Angesprochene hielt sich den Kopf noch immer leise stöhnend und sah sich nach dem Undviker um, der da kam. Auch die zwei Barbaren beobachteten, was geschah. Und Hjaldrist war dies entweder einerlei oder er hatte die Männer in den Zottelfellen noch nicht erkannt, weil er gerade nur Augen für seine Freundin hatte, die mit angeschlagenem Kopf im Schnee saß. Sie verkniff es sich ihm zu antworten und ihn dabei beim Namen zu nennen. Stattdessen linste sie aus dem Augenwinkel abwartend zu den Fremden zurück. Sie hatte kein gutes Gefühl dabei.

“Ist alles gut? Bei Hemdall!”, atmete Rist schwer, als er bei der Novigraderin ankam. Sogleich ging er bei ihr in die Hocke und fasste an ihr Kiefer, um ihren Kopf etwas zu drehen. Sie ließ ihn. Und er betrachtete ihren armen Schädel besorgt, nachdem sie ihre Hand daran hatte sinken lassen. Die Giftmischerin sah betreten zur Seite und blieb still. Offenbar blutete sie nicht zu stark, denn der Undviker ließ sie gleich wieder los und suchte aufgelöst Blickkontakt. Er war total geschafft.

“Tut mir leid.”, keuchte er und war noch immer ganz außer Atem “Apfelstrudel war weg. Ich musste… ich musste zu Fuß zurückkommen.”

Kritisch erwiderte die Jüngere den Augenkontakt jetzt und musterte Rist eingehend. Verdammt, wie lange war er denn bitteschön gerannt?

“Es geht mir gut. Ich… mache mir gleich einfach Schnee auf den Kopf oder so.”, versicherte die Frau, die bloß schreckliche Kopfschmerzen hatte, und Hjaldrist nickte leicht. Er musste müde lächeln und legte eine Hand an ihren Oberarm, um jenen kurz froh zu drücken. Daraufhin sah er auf. Denn die zwei Wilden kamen näher.

“Heda.”, machte der hässliche Hüne dieser beiden “Ich habe dich heute schon einmal gesehen.”

Anna bemerkte, wie sich ihr Freund sofort versteifte.

“Was sucht ihr zwei alleine hier draußen?”, hakte der Blonde nach “Es sollte doch bekannt sein, dass wir momentan ein Problem mit einigen Ogroiden haben.”

“Äh. Ja.”, antwortete Hjaldrist nervös und Anna’s Blick fragte ihn stumm wer die Unbekannten waren “Wir waren unvorsichtig.”

“Mhm.”, brummte der Vernarbte misstrauisch und dessen vermummter Freund kam neben ihn. Mit dem toten, stinkenden Zyklopen hinter sich, traten sie direkt vor die Abenteurer und taxierten sie. Rist senkte den Kopf gleich, um sein Gesicht unter seiner Kapuze zu verstecken. Doch zu spät. Denn einer der Männer hatte ihn erkannt.

“Moment mal.”, murrte der Schlankere, von dem man nur die dunklen Augen sehen konnte “Ist das nicht der Jarlsmörder, dessen Steckbriefe ihren Weg damals gar bis in unsere Lager gefunden haben? Der Sohn von Halbjørn?”

Nun spannten sich auch Anna’s Glieder an. Und ihr fragender, an Hjaldrist gerichteter Blick, wurde starr. Scheiße!

“Hm?”, machte der Große der Wilden “So? Was sollte der junge Falchraite jetzt, nach Jahren, HIER suchen?”

Da kam der Vermummte schon vor, um sich zu Rist zu beugen. Er wollte herrisch nach jenem fassen, doch Anna reagierte prompt und vielleicht auch zu impulsiv: Sie schlug die Hand des eigenartigen Kriegers grob fort, bevor dieser Hjaldrist zu packen bekam.

“Verschwindet.”, zischte sie feindselig und sah nicht auf. Die Fremden lachten darüber. Das war nicht gut.

“Er IST der Mörder.”, entschloss der Eingemummte jetzt “Und das Mädchen die Hexerin, über die man damals sprach. Nicht wahr? Hey Kleine, bist du eine Vatt’ghern, hm? Ich glaube nicht, denn in dem Fall hättest du gegen Einauge gekämpft, anstatt vor ihm zu flüchten.”

“Na, welch ein Zufall.”, sagte der blonde Barbar und Rist machte keine Anstalten sich irgendwie erklären zu wollen. Er sah stur auf und Anna erkannte, dass ihr Freund die Zähne fest zusammenbiss, denn seine Kiefermuskeln arbeiteten dabei deutlich. Ein Speer wurde demonstrativ auf die Vagabunden gerichtet und die Trankmischerin im Bunde rührte sich kein Stück weit mehr. Sie hielt den Atem an, als Rist einen Arm schützend um sie legte, und sie wusste nicht, ob sie das dieser Berührung wegen tat oder weil man ihr gerade die Spitze einer tödlichen Waffe vor das Gesicht hielt.

“Ihr kommt mit.”, entschloss der Große der zwei Unbekannten “Und zwar alle beide.”

“Ihr… macht einen großen Fehler.”, entkam es Rist grimmig.

“Das wird der Jarl entscheiden.”, konterte der Vermummte abschätzig-amüsiert und Anna glaubte, ihr rutsche das Herz in die Hose. Sie zog den Kopf etwas ein, als die Speerspitze so nah kam, dass sie beinahe ihre Haut stach. Und nur ein einziger Gedanke beherrschte sie nunmehr: War es das nun? Hatten Hjaldrist und sie es vermasselt, bevor sie überhaupt wirklich ans Werk gegangen waren? Man würde sie hinrichten. Sie alle beide. Und Anna würde mit Rist für etwas sterben, das er nie getan hatte. Jedenfalls dann, wenn nicht gleich ein ganz großes Wunder geschähe. Doch bereute sie das? Nein. Sie hatte sich doch schon längst dafür entschieden für oder mit ihrem Freund zu sterben. All die letzten Jahre hatte sie das in Betracht gezogen. Und wenn dies heute nötig wäre, dann war es eben so.

 

Die beiden eigenartigen Fremden hatten Anna und Hjaldrist die Waffen genommen und sie dann unliebsam mit gefesselten Händen und Füßen auf ihre Pferde geworfen. Wie Gepäck hatten sie die Jüngeren mitgenommen und die Frau im Bunde hatte recht schnell damit angefangen zu fluchen, die Wilden zu beschimpfen und die Professionen von deren Müttern zu verunglimpfen. Sobald man ihr keine Waffe mehr vor die Nase gehalten hatte, hatte sie sich wehren wollen und das mit aller Kraft und all ihren mickrigen Möglichkeiten. Einen Schlag hatte sie dafür zuletzt kassiert, der sie für einige Zeit in die süßen Arme der Ohnmacht gestoßen hatte. Und erst, als sie fremde Stimmen vernahm, die miteinander sprachen, kam sie wieder zu sich. Sie blinzelte benommen und wusste erst gar nicht, wo sie war. Sie hing vor jemandem in einem Sattel, wie ein Sandsack und wollte den Kopf heben. Da zuckte ihr ein pochender Schmerz durch den Scheitel. Ein gepeinigtes Stöhnen entkam ihr, doch es interessierte niemanden. Ein metallener Geschmack hing der 25-Jährigen an den Lippen. Sie musste sich auf die Zunge gebissen haben, als ihr der Eingemummte vorhin einen Kinnhaken verpasst hatte. Dieses Arschloch. Oh Kacke, Mann. Wie lange war Anna weggetreten gewesen? Es war schon dunkel und nurmehr tanzender Fackelschein erhellte die kalte Umgebung. Da waren vereinzelte kleine Schneeflocken, die vom schneidenden Wind umhergewirbelt wurden.

“Nein, Jonne. Von hier an übernehmen wir das. Wenn es um Jarlsmörder geht, schreiten wir ein. Ihr habt wahrlich andere Aufgaben, also nehmt uns nicht unsere.”, hörte Anna einen Mann mit hartem undviker Akzent sagen “Matilda, komm und nimm das Mädchen.”

“Na schön. Soll mir sehr recht sein.”, brummte der, der hinter Anna am schwarzen Pferd saß “Und ach, wir haben heute einen der beiden Zyklopen beseitigt. Richtet das Jarl Haldorn bitte aus, ja?”

“Machen wir. Und ihr… geht an eure Arbeit zurück.”, sagte der Fremde von vorhin noch “Wir werden dem Jarl umgehend Bericht erstatten.”

Jemand kam und erwischte Anna auf einmal fest an der Taille, um sie vom Pferd ihres Entführers zu zerren. Die gefesselte Novigraderin beschwerte sich konfus, doch man ignorierte ihre genuschelten Worte. Eine brünette, große Frau schulterte sie einfach und brummte ihr genervt zu, dass sie bloß den Mund halten sollte, da ihr andernfalls sonst was blühte. Diese dumme Schlampe.

“Ah, fickt euch doch alle…”, fluchte die zerfahrene Alchemistin, deren Blickfeld allmählich wieder weiter wurde. Sie spuckte aus, denn noch immer schmeckte sie Blut. Sie wollte sich umsehen, doch konnte nicht, denn ihre rote Kapuze hing ihr halb im Gesicht. Sie erkannte im Augenwinkel mit viel Mühe den Narbigen auf einem schwarzen Pferd und einen zweiten skellischen Krieger, der vor jenem stand. Letzterer war, wie der Wilde, blond, doch viel gepflegter. Er trug ein schwarzes Gambeson, teures Leder, ein weißes Fell und neben einem schönen Schwert die Hausfarben von Rist’s Familie. Er hatte auch die Waffengurte der beiden Gefangenen geschultert.

“Henrik.”, wand Hjaldrist jetzt ein “Wir-”

Was? Henrik? Anna weitete den Blick verwirrt. Aber-

“Sei still.”, sagte der Große mit dem weißen Wolfspelz äußerst streng. Er zog Hjaldrist gerade an dessen Handfesseln an sich. Und als sei das noch nicht genug, wurde dem eigentlichen Thronfolger sofort ein Jutesack über den Kopf gezogen. Anna gab einen protestierenden Laut von sich und die Frau, über deren Schulter sie hing murrte entnervt. Henrik hatte sie vorhin Matilda genannt.

“Umso mehr du redest, desto schlimmer machst du deine Lage, Mädel.”, sagte eben jene. Und ihr Ton war dabei auffallend hintergründig. Noch einmal drehte Anna den Kopf ein Stück. Da waren ein großes Tor, die Stadtmauer und... dann auf einmal ein weiterer Sack, den sie über den Kopf bekam. Sie keuchte erschrocken.

“Va fail.”, sagte einer der Barbaren jetzt, der seltsamerweise die Alte Rede beherrschte. Und die beiden Huskarle entgegneten seinen Gruß höflich. Nur allmählich fing Anna’s brummender Schädel derweil damit an richtig zu arbeiten. Denn: Stadttor. Sie waren hier am Stadttor. Warum waren anstatt der einfachen Wachen hohe Mitglieder der Leibgarde hier? Hjaldrist hatte seiner Freundin doch einst erklärt, dass die Huskarle nur in der Festung arbeiteten. Eine vage Hoffnung beschlich Anna und sie gab es ob dieser sofort auf zu schimpfen. Mit klopfendem Herzen ließ sie einfach geschehen, was hier vor sich ging und wollte sich nicht länger gegen die mannhafte Frau stemmen, die sie trug. Denn womöglich war die nicht einmal der Feind. Dies sollte sich sogar gleich bestätigen:

“Und jetzt?”, konnte Anna Matilda murmeln hören. Henrik atmete tief durch.

“Komm mit.”, meinte der Mann und so wie Anna, schwieg auch Hjaldrist. Hatte letzterer das hier etwa geplant? Nein, das konnte nicht sein. 

“Es tut mir leid.”, hörte Anna Henrik noch flüstern “Aber wir müssen dich und deine Freundin nun mitnehmen, Junge. Und sei still, hörst du? Wir sprechen nachher. Die Leute gaffen schon.”

“Mhm.”, machte der angesprochene Undviker mit dem Sack am Haupt gleich, doch klang trotz allem nicht sonderlich glücklich. Und dann setzte sich das kleine Grüppchen schon in Bewegung. Anna konnte nichts sehen, doch sie hörte wenige Menschen ringsum. Hier und da schienen welche von ihnen stehen zu bleiben und schaulustig zu tuscheln. 

“Geht der Garde aus dem Weg! D’yaebl! Was ist mit euch los?”, blaffte Henrik einmal ruppig und man hörte, wie irgendwelche Personen erst erschrockene Laute von sich gaben und dann davonstolperten. Hatte man sie geschubst? Schnell wurde alles etwas ruhiger. Henrik und Matilda schwiegen, als sie durch den knirschenden Neuschnee gingen. Nach einer ganzen Weile erst sprachen sie wieder miteinander.

“Hier ist niemand.”, flüsterte Matilda und die getragene Anna spitzte die Ohren. Die Leibwachen schienen um eine Ecke zu gehen. Und dann hielten sie endlich an. Matilda hievte sich die Jüngere folgend von der Schulter, um sie auf irgendeiner Ablage abzusetzen und ihr den modrigen Jutesack vom Kopf zu ziehen. Sofort sah Anna prüfend auf und um sich. Auch Hjaldrist befreite man von dem fleckigen Sack, der ihn bisher vor fremden Blicken geschützt hatte. Die Novigraderin erkannte, wie man ihrem Freund die Fesseln durchschnitt und derweil zog auch Matilda ein Messer, um Anna’s Hände und Füße freizuschneiden. Die Giftmischerin saß hier auf einem Bretterstapel, abseits der Wege und im Dunkel zweier Hütten. Sie hatte keine Ahnung, wo sie genau war, denn sie kannte sich in Falkenburg nicht aus. Sie war einst zwar schon einmal hier gewesen, doch das nicht allzu lange.

“Das hier war so nicht geplant. Götter, zum Glück waren wir schnell genug, um euch entgegen zu kommen...”, erklärte Henrik Hjaldrist gleich mit leiser Stimme “Sten sah euch von den Mauern aus, denn er erwartete euch, und warnte uns vor. Ich musste mir schnell eine Ausrede für die Stadtwachen einfallen lassen und-... ach. Entschuldige, aber all das passiert gerade so plötzlich. Wir haben keinen Plan.”

Rist fand vorerst keine Worte und starrte nur perplex. Anna sah zwischen ihm und dem größeren Henrik hin und her. 

“Der Skrugga kam heute Nachmittag zu mir und bat mich aufgeregt um ein kurzes Gespräch unter vier Augen.”, erklärte der Hüne weiter “Er erzählte mir von dir und dass ihr zwei unsere Unterstützung braucht. Und, bei allem was mir lieb ist, die werdet ihr bekommen.”

“Wirklich…?”, fragte Rist jetzt ganz baff und Anna linste entrückt zu ihm. Er hatte bisher also noch gar nicht mit Henrik geredet? Warum nicht? Er hatte heute Mittag doch Sten UND ihn aufsuchen wollen. Was war passiert?

Anstatt Hjaldrist zu antworten, lächelte Henrik nun nur zuversichtlich. Er senkte den Kopf auf einmal so ergeben und legte sich die rechte Hand aufs Herz.

“Du bist mein Jarl.”, sagte er ernst “Und ich sterbe für dich, wenn du das willst.”

Anna die unverändert wirr auf dem kalten Bretterhaufen saß, beobachtete all das mit gerunzelter Stirn. Rist sah aus, als stolpere er gleich zurück und er erhob die behandschuhten Hände abwehrend.

“Lass… lass das.”, bat er unwohl berührt und man sah ihm an, wie befremdlich sich die Situation gerade für ihn anfühlte “NOCH bin ich gar nichts.”

Die braunen Augen der Novigraderin wichen von dem Geschehen fort, als sie das vernahm, und ihr Ausdruck verrutschte ein wenig. ‘Noch’? Hatte Hjaldrist also wirklich vor hierzubleiben…? Die Frau schluckte schwer und sah schweigend auf ihre Knie hinab.

“Sten hat dich also schon aufgeklärt?”, hakte Hjaldrist jetzt nach.

“Nur knapp.”, erklärte Henrik “Aber es hat mir vorerst gereicht zu wissen, dass du lebst und zurück bist. Ich teile Sten’s Ansichten bezüglich der momentanen Lage schon sehr lange. Nicht wenige tun das, doch uns sind die Hände gebunden. Kein guter Huskarl würde jemals die Waffe gegen auch nur irgendwen deiner Familie erheben. Und genau das hinderte uns bisher daran etwas gegen Orlan zu unternehmen.”

“Mh. Ich verstehe…”, gab Rist nachdenklich zurück und Anna konnte nicht fassen, wie pflichtbewusst all diese Skelliger hier waren. Orlan war ein Tyrann und dennoch hatte ihn bisher niemand getötet, da man glaubte, die Götter bestraften einen, wenn man den Eid brach, den man vor ihnen geleistet hatte? So war dem doch? Bei Melitele... wie bescheuert.

“Orlan hat Caer Gvalch’ca in den Ruin gewirtschaftet.”, erzählte Henrik mit finsterer Miene weiter “Er ist ein narzisstischer Mann und irrsinnig verschlagen. Er beeinflusst deinen Bruder und bereichert sich selbst. Du kannst dir gar nicht ausmalen, wie schlimm die Lage ist. Wir sind beinahe pleite, man hat es sich mit den An Craites verscherzt und die Bevölkerung ist zornig. Denn das Jarlshaus will alle Ernten für sich, zahlt schlecht bis gar nicht und richtet Unschuldige hin, wenn sie zu viel Wirbel machen. Letzte Woche wurde ein Mann von den Klippen gestoßen, weil er vor Hunger aufbegehrte. Wir stehen kurz vor einem Bürgeraufstand.”

“Ein Aufstand?”, wiederholte Hjaldrist nun “Das... ist gut. Wir könnten einen gebrauchen.”

“Wie bitte?”, empörte sich Henrik.

“Solch einer würde für Ablenkung sorgen und Leute auf unsere Seite ziehen.”, klärte der Schönling auf “Denn wir wollen Orlan töten.”

“Ich tue jetzt einfach einmal so, als hätte ich das nicht gehört.”, wand der eidtreue Henrik ein und Rist lachte nervös.

“Aber ich verstehe, was du meinst. Sten ließ es längst anklingen…”, seufzte der Hauptmann der Leibwache “Meine Leute werden euch nicht direkt helfen können. Wir haben unsere Pflichten und die halten wir ein. Aber ich werde dafür sorgen, dass ihr es leichter habt.”

“Wie?”, fragte Rist nach.

“Später.”, sagte Henrik entschlossen und sah verstohlen um sich “Wir können nicht hierbleiben. Wenn uns jemand sieht, wird es Fragen geben. Ihr beide geht mit, ähm, Matilda und ich stoße später zu euch. Ich muss erst noch einmal mit Sten sprechen.”

“Äh…”, machte Rist “Also gut.”

“Ja, kommt jetzt.”, mischte sich Matilda nervös ein “Ich habe in wenigen Minuten Schichtende. Es wird nicht auffallen, wenn ich gleich nicht mehr in der Burg bin.”

Anna zog sich solange die Kapuze über den Kopf. Hjaldrist tat es ihr schnell gleich.

“Hier… eure Waffen. Nehmt sie.”, machte Henrik noch, als er den beiden Jüngeren ihre Waffengürtel zurückgab “Und bis gleich.”

“Bis gleich.”, verabschiedete Rist den kurz angebundenen Gardisten und dann wendete sich jener auch schon ab, um zu gehen. Und während er verschwand, gingen Anna und ihr Kumpel kritische Blicke austauschend mit Matilda. Besonders die Ausländerin im Bunde tat sich dabei schwer all diesen Leuten zu vertrauen. Sie kannte sie schließlich nicht. Also hielt sie sich eng neben Hjaldrist und setzte sich nach ihm in Bewegung, als er der großen Kriegerin mit den halblangen Haaren folgte. Zusammen nahmen sie dann kleine Gassen, anstatt die Hauptstraße zu betreten. Und es dauerte auch nicht lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Matilda lebte nämlich in einem unweiten Haus nahe des Stadtwalles. Zwei kleine Treppen führten zu dessen Eingangstür und die Undvikerin erklomm sie. Sie winkte die Vagabunden zu sich und bat sie hastig in ihr bescheidenes Heim. Die Drei kamen folglich in einen kleinen Vorraum, der über einen grün bemalten Türbogen mit einem größeren Zimmer dahinter verbunden war. Es war hier angenehm warm, erleuchtet und es roch verlockend nach Essen. Letzteres hätte Anna eigentlich gefallen sollen. Just, in dieser Situation, tat es das aber ganz und gar nicht. Denn der Duft erzählte davon, dass hier noch jemand leben musste. Öllichter brannten und irgendwer hatte sie vor nicht allzu langer Zeit entzündet.

“Ich bin zuhause!”, verkündete Matilda gleich und Anna hielt abrupt inne. Ja, hier wohnte noch jemand. Dürfte derjenige sie und Rist sehen? Oje.

“Hallo, Liebes.”, kam eine tiefe Männerstimme zurück, ehe ein schwarzhaariger Mann in einer sandfarbenen Tunika auf der Bildfläche erschien. Er hatte für einen Skelliger einen relativ kurzen Bart und hübsche, blaue Augen. Verblüfft gaffte er.

“Wer-”, machte er und die größere Matilda kam ihm sofort dazwischen.

“Bleib jetzt ganz ruhig.”, bat sie “Und vertraue mir.”

“Hm? Was ist los…?”, machte der Fremde und sah auf einmal dezent verunsichert aus “Ich vertraue dir doch stets, Tilda.”

“Gut… gut…”, atmete die Brünette nach dieser Antwort erleichtert und deutete auf die unerwarteten Besucher. Ihr Mann kam näher und stockte sofort, als er Hjaldrist im nächsten Atemzug erkannte. Irritiert sah er zwischen jenem und Matilda hin und her. Verdutzt stand ihm der Mund halb offen.

“Guten Abend.”, sagte Annas Kumpel ertappt und gab sich gleich sehr defensiv “Es… es ist alles gut. Ähm. Ich habe den Jarl nicht getötet und ich… ich bin hier, um das alles zu klären.”

“Tilda…?”, machte deren Mann zögerlich und in einem Ton, der eine GUTE Erklärung forderte.

“Er spricht die Wahrheit, Uddvar.”, sagte die burschikose Leibgardistin gleich beschwichtigend “Henrik kommt später auch noch und dann besprechen wir alles genauer. Du kannst dabei sein, wenn du möchtest. Doch bleib verschwiegen, ich bitte dich.”

“...Wenn du das sagst.”, entkam es dem Schwarzhaarigen nach einer Denkpause, doch noch immer sah er aus Argusaugen her. Anna trat etwas näher an Rist heran und fühlte sich ratlos. Am liebsten hätte sie nach dem Arm ihres Kumpels gefasst, um sich daran festzuhalten. Uddvar würde die Ungeheuerjäger nicht verraten, oder? Oh, hoffentlich nicht.

“Sie brauchen dringend Hilfe.”, setzte Matilda fort “Hjaldrist ist ein Opfer einer großen Verschwörung… und wir werden ihm beistehen. Denn wir sind klüger als die, die nicht sehen, dass Orlan uns alle hinters Licht geführt hat.”

“Hm.”, brummte Uddvar noch. Doch dann entspannte er sich wieder etwas. Er musste den Kopf ungläubig schütteln und lächelte endlich schmal.

“Ich habt vielleicht Nerven. Aber naja. Orlan ist in der Tat ein Bastard und Jarl Haldorn ein Narr. Also kommt…”, fing er abermals an, gab sich nachgiebig und richtete sich an seine Gäste “Ich habe gekocht. Ihr seht aus, als hättet ihr etwas zu essen dringend nötig. Es sollte für uns vier reichen und eventuell bleibt auch noch etwas für Henrik über.”

Anna hörte, wie ihr Freund merklich befreit aufatmete. Und auch sie selbst versuchte sich an einem seichten Lächeln. Sie waren hier vorerst sicher, nicht wahr? Die zwei guten Leute die in dieser Hütte hausten, waren ihre Verbündeten. Welch ein Glück! Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Ein riesengroßer.

 

“Also. Du bist wohl unser neuer Jarl.”, richtete sich Uddvar trocken an Hjaldrist, als er sich wenig später zu jenem und Anna an den kleinen Esstisch setzte. Matilda war noch im Zimmer nebenan, um sich umzuziehen.

“Und du, Mädchen?”, wollte er wissen. Die Novigraderin starrte den Sprechenden perplex an und wunderte sich sehr über sein, ähm, direktes und unbeeindrucktes Auftreten. Es war unglaublich komisch, wie gelassen er die Lage gerade hinnahm. Es war so, als sähe er sie plötzlich als selbstverständlich an. Der Typ war wohl wer, der sich allem schnell ‘anpasste’.

“Ähm… ich helfe Rist nur…”, machte Anna “Ich bin hier nichts.”

“Aha.”, machte Uddvar und betrachtete sie interessiert “Aber du bist auf Ruhm aus? Willst wohl eine Heldin sein.”

“Uddvar…”, tadelte Matilda, die in diesem Augenblick wiederkam und in einem simplen, beigen Wollkleid steckte. Ihr Mann sah fragend auf.

“Was?”, machte er.

“Lass die armen Leute in Frieden essen.”, schmunzelte die Gardistin und kam näher, um sich auf den einzig noch freien Stuhl zu setzen. Uddvar sah ihr mit erhobener Braue dabei zu. Doch dann zuckte er mit den Schultern und ließ Anna und Hjaldrist tatsächlich in Ruhe. Er wendete sich dem Abendessen zu, das er gekocht hatte: Eine Art Fischomelette mit Soße und einem Salat aus… Anna hatte keine Ahnung. Doch es sah gut aus und roch so vorzüglich, dass sie daran erinnert wurde, welch einen großen Hunger sie hatte. Sie hatte den ganzen Tag lang nichts zu sich genommen. Und als sie jetzt nach ihrem Holzbesteck griff, fragte sie sich, ob Matilda’s Ehemann wer war, der immer den braven Hausmann mimte. Oder arbeitete er auch und kam weit vor seiner Frau nach Hause, um Zeit zum Kochen zu haben? So oder so war es bewundernswert, dass er das überhaupt tat und auch so gut konnte. Im Norden gäbe es so etwas nicht. Dort waren die Rollenverteilungen klar und steif: Die Frauen standen in der Küche und bekamen Kinder, die Kerle schufteten und brachten das Geld nach Hause. Auf Skellige war dem offenkundig nicht so und das machte die Inseln immer sympathischer.

“...Und was machst du?”, schoss Anna jetzt an Uddvar zurück, denn erstens interessierte es sie brennend und zweitens hatte er sie auch so dumm gefragt.

“Ich?”, machte der Schwarzhaarige und lachte kurz “Ich bin Holzfäller, Anna. Zusammen mit den Schiffsbauern suche ich die besten Hölzer für unsere Boote und Häuser aus. Mein Vater und dessen Vater haben das schon gemacht.”

“Mhm. Und diese Arbeit gestaltet sich momentan leider auch als schwierig…”, mischte sich Matilda in das Geplauder ein “Denn es wurden unlängst Riesen gesichtet. Daher gibt es für alle, die für ihre Arbeit aus der Stadt hinaus müssen, ein Ausgangsverbot. Wir haben sogar Wegewächter in der Nähe… aber, ach, das habt ihr beide heute eh erfahren müssen.”

“Die Wilden waren Wegewächter?”, staunte Anna und sah Matilda und Hjaldrist nicken. Und nun wurde ihr so vieles klar. Ihr bester Freund hatte ihr schon einmal von diesen sagenumwobenen Leuten erzählt. NATÜRLICH hatten SIE es geschafft den Zyklopen im Hafen im Nullkommanichts zu töten. Ein Ton der Erkenntnis verließ die Kehle der überraschten Trankmischerin. Und dann aßen sie. Während sich Matilda ein wenig mit Uddvar über ihren bis zum Abend eher ereignislosen Tag unterhielt, durften sich Hjaldrist und Anna in Ruhe ihrem leckeren Fischgericht zuwenden, das man ihnen hingestellt hatte. Und es tat SO gut nach dem vergangenen Tag etwas Warmes in den laut knurrenden Magen zu bekommen. Anna fühlte sich nach ihrer Portion des eigenartigen, doch guten Omelettes und einem Becher Mjodr sogar richtig müde; matt, doch zufrieden. Es war angenehm hier zu sitzen, in dieser warmen Stube. Jene war gemütlich; spartanisch eingerichtet und dennoch schön. Es gab sogar einen gemauerten Kamin und einen Teppich aus Bärenfell. In so mancher Ecke stand eine Holzschnitzerei und man konnte erahnen, wer sie angefertigt hatte.

Die vier Anwesenden hatten gerade aufgegessen und ausgetrunken, als es an der Türe klopfte. Sie alle sahen sofort auf, saßen gleich gerader auf ihren Stühlen und besonders Matilda und Hjaldrist muteten dabei schlagartig beunruhigt an.

“Ich bin’s. Henrik.”, konnte man von draußen hören und alle entspannten sich wieder. Matilda wollte sich erheben, doch Uddvar winkte ab, damit sie sitzen bliebe. An ihrer statt stand er auf und ging zur blau gestrichenen Haustüre, um sie für den breitschultrigen Hauptmann der Huskarle zu öffnen. Der hünenhafte Krieger trug noch seine Arbeitskleidung, als er eintrat. Er wirkte aufgebracht, doch beruhigte sich gleich, als er sah, dass alles in Ordnung war. Der Mann trat sich die nassen Lederstiefel an der groben Matte des Vorraumes ab und stellte sein Schwert in dem Zuge fort. Er schlüpfte aus seinem Überwurf und hing auch sein weißes Wolfsfell über einen der schmiedeeisernen Haken in Türnähe. Dann kam er näher.

“Hast du Hunger?”, fragte Uddvar ihn gastfreundlich “Wir haben noch etwas vom Abendbrot über.”

“Nein, danke…”, winkte der aufgeregte Huskarl ab und trat an den Tisch. Matilda’s Mann überließ ihm seinen Platz und lehnte sich stattdessen mit verschränkten Armen an die nahe Wand.

“Ich habe noch einmal mit dem Skrugga gesprochen.”, erzählte Henrik sogleich und es fiel Anna auf, dass er Sten nicht beim Namen nannte. Sie schwieg und hörte aufmerksam zu, denn es ging um die weiteren Planungen, in denen sie eine wichtige Rolle spielen würde.

“Und?”, fragte Rist nach.

“Wir sprachen über einen Aufstand und wie man jenen anfachen könnte. Der Skrugga schlug vor dahingehend die Fäden zu ziehen und für Unruhe zu sorgen. Er habe Kontakte, die sehr gerne über die Stränge schlagen. Und sobald die Krawalle so richtig losgehen, schalten wir uns ein. Du, Hjaldrist, wirst als wiedergekehrter, rechtmäßiger Jarl auftreten, der den bösen Anführer stürzen und den verzweifelten Leuten helfen möchte. Du kannst sie direkt zur Burg treiben und mit ihnen auf die Barrikaden steigen. Ich bin mir sicher, sie werden dir mit Eifer folgen.”, sagte Henrik zuversichtlich “Und ich werde kurz davor kleine Änderungen im Schichtplan meiner Leute vornehmen, nachdem Haldorn die für Orlan abgesegnet hat. Die Pläne werden immer wieder einmal kontrolliert, denn Orlan leidet unter Verfolgungswahn. Daher muss alles wirklich schnell gehen. Der Weg über die Außenterrasse zum Thronsaal wird für eine kurze Zeit unbewacht sein, denn der Schatten meinte mit Arianna in die Festung schleichen zu wollen. Die einzigen Wachen, die ich aber nicht unauffällig abziehen kann, sind die im Thronsaal. Haldorn oder Orlan würden das sofort bemerken, denn sie sind die meiste Zeit über in der Halle.”

“Also kämen Sten und Anna ungehindert durch die ‘Hintertür’?”, wollte Hjaldrist erwartungsvoll wissen.

“Ja. Ich hoffe.”, nickte Henrik “Weißt du, gerne würde ich einfach all meine Leute aufklären. Doch ich weiß nicht, ob man wirklich voll auf sie alle bauen kann. Denn sie sind sehr eidtreu und der Plan Orlan, der zur Jarlsfamilie gehört, zu töten, dürfte ihnen aus Prinzip nicht gefallen. Es gibt aber eine Handvoll Huskarle, mit denen ich sprechen kann und noch werde. Ich will das tun, solange der Skrugga Öl in das Feuer der Bürger gießt. So viel zu unseren ersten Ideen. Gibt es Einwände?”

“Also… ich zweifle unseren Schatten nicht an. Er ist ein versierter Mann und ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er den wütenden Leuten den letzten Schubs für einen Aufstand geben kann. Nur… wie soll ich genau ins Spiel kommen? Henrik, die Leute denken, ich hätte meinen Vater umgebracht.”, wand Rist verunsichert ein “Ich kann nicht einfach so auf die Straße gehen. Die lynchen mich dort noch.”

“Das ist der Punkt, in dem wir nicht helfen können.”, beteuerte Henrik “Wir Huskarle dürfen die Jarlsfamilie nicht in Verruf bringen. In der Öffentlichkeit schlecht über einen von ihnen zu sprechen und Zivilisten gegen eben jenen aufzuhetzen, steht gegen unseren Schwur.”

“Du… konntest doch immer schon gut reden, Rist.”, sagte Anna jetzt “Du hast mir einmal erzählt, dass du früher manchmal Reden deines Vaters übernommen hast, wenn er auf Reisen war. Denke dir dahingehend doch etwas aus?”

“Das stimmt. Du hast in jungen Jahren schon zum Volk gesprochen, Hjaldrist.”, nickte Henrik “Und du hast dich dabei immer gut angestellt. Ich bin mir sicher, dir fällt etwas ein, um die Leute schnell von dir zu überzeugen. Sie sind frustriert von der momentanen Führung und ersehnen eine neue und bessere, vergiss das nicht.”

Man sah, wie Hjaldrist die Stirn kritisch kräuselte, doch er sagte nichts mehr, sondern rieb sich grüblerisch das Kinn.

“Wie komme ich genau an Orlan heran…?”, fragte Anna jetzt noch “Ich kenne mich in der Burg nicht aus, Henrik.”

Die Augen des Hünen fielen auf die Jüngere.

“Wie gesagt, wird ein Weg von der Außenterrasse bis in den Thronsaal frei sein. Ich werde dafür sorgen, dass der Schichtwechsel dort lange dauert und ihr ein Fenster von vielen Minuten habt. Also du und der Skrugga, der dich begleiten wird. In dieser Zeit müsst ihr in die Burg kommen. Das ist wichtig. Ihr dürft das nicht verpatzen.”, meinte der Huskarl todernst “Der Schatten wird dir den Weg zeigen. Ihr werdet einander die Rücken decken und versuchen zu Orlan vorzudringen. Wenn ein Bürgeraufstand herrscht, wird er im Thronsaal sein, ganz sicher. Er ist ein Schisser und hält sich in brenzligen Situationen immer dort auf, wo Haldorn und die meisten Huskarle sind. Und eben jene, also meine Leute, die in der Großen Halle sein werden, wenn du kommst, werden nichts unternehmen. Denn sie werden diejenigen sein, die eingeweiht sind. Ich denke dabei an Darion, Bjalka, Leif und Kristian. Ähm, du kennst sie zwar nicht, doch man kann auf sie bauen. Hoffe ich.”

“Sie… werden mir nichts tun?”, fragte Anna skeptisch “Obwohl sie ihren Eid geleistet haben, in dem sie schworen ALLE Mitglieder der Jarlsfamilie mit dem Leben zu schützen? SO war das doch, oder?”

“Ja. Wenn sie sehen, dass Orlan in Gefahr ist, werden sie daher womöglich reagieren. Doch sie werden nichts sehen, da sie mit den Rücken zu ihm stehen werden. Vielleicht werden sie auch die Augen schließen. Das lassen wir ihnen mal offen.”, lächelte Henrik schief und Anna wusste nicht so recht, ob sie folgen konnte.

“Das nennt man dann wohl eine gefinkelte Methode des Umgehens eines Berufseides…”, schnaufte Hjaldrist belustigt “Und lass mich raten… sie fiel dem Schatten ein?”

“Nein.”, lachte Henrik stolz “Mir.”

“Was? DIR?”, schnappte der Schönling perplex.

“Ich bin seit 30 Jahren im Dienst, Hjaldrist. In dieser Zeit fallen einem viele klitzekleine Lücken im Schwur auf, die man ausnutzen könnte.”, schmunzelte der Blondschopf “Ich glaubte nur nie, dass ich jemals irgendwem tatsächlich dazu raten würde. Ah, mögen die Götter milde mit mir sein…”

Nach dieser Aussage lachte die ganze Runde. Selbst Uddvar musste grinsen, während er dabei war Teewasser aufzusetzen.

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