Kapitel 94

Pechschwarz und gefährlich

Hjaldrist und Anna versteckten sich eine knappe Woche lange bei Matilda und Uddvar, die welche der gastfreundlichsten Menschen waren, die Hjaldrist jemals kennengelernt hatte. Es war schön gewesen bei ihnen zu sein und dennoch hatte der große Plan einen Bürgeraufstand anzuführen und den mächtigsten Mann des Ortes zu töten all die bequemen Stunden dunkel überschattet. Und heute, als es soweit war, war der 29-jährige Undviker so nervös, dass ihm die Hände ganz fahrig waren. Er hatte in der vergangenen Nacht kaum geschlafen und bemerkt, dass auch Anna lang wach gelegen hatte. Immer wieder hatte sie sich neben ihm herumgewälzt, leise geseufzt oder war gar aufgestanden, um im Kreis zu gehen. Die beiden Freunde hatten sich einen Schlafplatz vor dem Kamin des Hauses geteilt. Matilda hatte ihnen dicke Decken und weiche Felle gegeben, damit sie es vor dem warmen Feuer gemütlich hätten. Erst hatte man den ehemaligen Vagabunden gar das Schlafzimmer anbieten wollen, doch sofort hatten sie das ausgeschlagen. Sie hatten dem Huskarl und dem Holzfäller schon genug Umstände gemacht, da hatten sie nicht auch noch deren Bett in Beschlag nehmen wollen, obwohl man es ihnen so großzügig angeboten hatte. Doch all das gehörte jetzt zur nahen Vergangenheit. Denn heute würde sich entscheiden, wie es im Leben Hjaldrists und für ganz Undvik weitergehen würde. Es gäbe für den heutigen, verschneiten Tag nur zwei Ausgänge: Entweder Hjaldrist würde sterben oder am Ende als Anführer seines Clans in der Großen Halle stehen. Andere Alternativen gäbe es nicht. Und Anna wäre dann bei ihm; im Tod oder im Thronsaal, je nachdem. Welch ein Gedanke...

Oh, Götter, der nervöse Skelliger hatte eine schreckliche Angst. Dies weniger vor den Leuten, die schon seit gefühlten drei Stunden am Marktplatz herumschrien und ihren Protest kundtaten, als davor, dass seiner besten Freundin und Liebe des Lebens etwas passierte. Denn ganz im Ernst? Niemand begäbe sich heute in solch eine große Gefahr, wie Anna. Und Hjaldrist wollte sie jetzt kaum gehen lassen, als er daran dachte, was sie vorhatte.

“Arianna…”, sagte er auffordernd, als die Frau schon zwischen Tür und Angel stand. Sie sah sich fragend nach ihm um und der Undviker gab ihr mit einer kurzen Handgeste zu verstehen, dass sie noch einmal zu ihm kommen sollte. Sie beide hatten einander eigentlich schon verabschiedet, doch dies schlicht mit blöden Sprüchen auf den Lippen. ‘Wer zuerst im Thronsaal ist, hat gewonnen und gibt dem anderen ordentlich Einen aus!’, hatte die Novigraderin vor wenigen Minuten keck gegrinst. ‘Na schön. Oh, Flohbeutel, du wirst hiernach so arm, wie eine Kirchenmaus sein… und ich sturzbetrunken.’, war es seitens des herausfordernd lachenden Hjaldrist gekommen. Doch jetzt war er ernst. Und sein dämliches Schmunzeln war einem sorgenvollen Lächeln gewichen.

“Pass bitte auf dich auf.”, bat er seine Freundin leise, als sie wieder vor ihm stand. Auch sie sah längst nicht mehr so schelmisch aus und ihre Augen unter der roten Kapuze erzählten davon, dass sie sich genauso vor einem schlimmen Ende fürchtete, wie Hjaldrist selbst. Er streckte eine Hand nach ihr aus, doch sie wartete nicht darauf, was käme, sondern umarmte den Skelliger gleich fest. Hjaldrist drückte Anna lange stumm an sich. Und dann, als sie wieder voneinander abgelassen hatten, ging die Kurzhaarige schweigend.

“Wir sehen uns später im Thronsaal.”, sagte Hjaldrist gespielt optimistisch, als die Kriegerin die Haustüre öffnete. Sie lächelte schwach. Und dann war sie fort.

Auch Hjaldrist trat daraufhin bald ins Freie und hörte die Rufe der Menschen am nahen Markt. Verärgert waren sie, laut und fordernd. Sten hatte ganze Arbeit geleistet und obwohl Hjaldrist Matilda’s Haus in den vergangenen Tagen nur ein einziges Mal verlassen hatte, um sich mit dem besagten Skrugga zu treffen, hatte er bemerkt, wie die Unruhe in Caer Gvalch’ca stetig angewachsen war. Sten hatte über die plappernden Waschweiber des Ortes Gerüchte gestreut. Eine von ihnen war ebenso eine Spionin und war auf das gefährliche Spiel eingestiegen. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass der jetzige Jarl etwas mit seinem Onkel hätte und dass sie zusammen noch größere Unmöglichkeiten und Gemeinheiten planten. Dass sie noch mehr Geld wollten, mehr Erntebestände und zuletzt die Waffen der Bürger, damit jene nicht mehr aufbegehren könnten. Zumindest der erste dieser Punkte war ein ziemlicher Blödsinn, doch die Leute hatten sich wie wahnsinnig auf dieses Gerücht der Wäscherinnen gestürzt und sich sensationsgeil die Mäuler zerrissen. Die ersten von ihnen waren schon vor zwei Tagen grantig über den Markt gelaufen und dafür von der Stadtwache abgeführt worden, hatte Uddvar erzählt. Und heute… da hörte es sich so an, als sei das halbe Volk Falkenburgs auf der Straße. Als Hjaldrist an den Rand des Marktes kam, sah er eine Frau im schlichten Kleid, die auf einem Marktstand stand und den hier Versammelten selbstbewusst entgegensah.

“Und wollen wir uns DAS gefallen lassen?”, schrie sie grantig. Die Meute verneinte, buhte und riss die Fäuste wütend und entschlossen hoch. Es waren sicher an die hundert Mann, die hier standen. Viele von ihnen hatten Arbeitsäxte, Besen oder Mistgabeln dabei. Ein dicklicher Mann mit einer Schaufel brüllte ein ‘Nur wegen uns Leuten funktioniert die Stadt!’.

Die Frau am Marktstand, die ihre braunen, langen Haare zu einem Dutt gezwirbelt hatte und eine karierte Schürze trug, nickte und zeigte anerkennend auf den mit dem Spaten.

“Genau!”, schrie sie “Nur wegen uns armen Bürgern geht es dem Jarlshaus so gut! Und was ist mit uns? Wir hungern!”

Wieder ein lautes Raunen und Gebrüll. Es war genauso imposant, wie auch einschüchternd. Denn Hjaldrist ahnte doch, dass alle hier wussten wer er war und was er angeblich getan hätte. Er hatte Angst davor, dass man ihm die Schuld für die momentane Situation in die Schuhe schob; Dass es hieß, er habe Halbjørn getötet und damit den Stein ins Rollen gebracht. Und dennoch atmete er jetzt tief durch und setzte sich in Bewegung. Noch trug er Mantel und Kapuze. Doch gleich würde sich das ändern. Es gäbe kein Zurück mehr. 

Hjaldrist hielt durch die Menge auf den Marktstand zu, auf dem das Waschweib stand. Sten hatte ihm jenes beschrieben, denn selbst Hjaldrist kannte nicht alle Identitäten der verstohlenen Jarlsschatten. Die brüllende Frau da vorn war Eidith. Und sie arbeitete heute im Geheimen für ihn.

“Ein Mann, der eine Liebelei mit seinem Onkel hat?”, schrie sie weiter und gestikulierte wild “Wollen wir so einen als Jarl?”

Wieder verneinte die aufgebrachte Menge angeekelt und grölte herum.

“Gehen wir zur Festung und holen ihn!”, blaffte jemand.

“Genau! Werfen wir ihn von den Klippen! So, wie er es vorletzte Woche mit Gavin getan hat!”

Die vielen Skelliger jubelten laut und Hjaldrist sah unweit einige Mitglieder der Stadtwache stehen. Noch nie hatte er diese Krieger so ratlos erlebt. Sie waren in der Unterzahl und entweder trauten sie sich nicht einzuschreiten, oder sie waren derselben Meinung, wie der maulende Rest hier. Matilda stand in der Nähe dieser Leute und würde sie heute im Zaum halten, hätten sie vor in irgendeiner Weise einzuschreiten. Die brünette Frau hatte beim Frühstück gemeint, die Stadtwachen unterstünden den Huskarlen zwar nicht offiziell, hätten aber einen ordentlichen Respekt vor ihnen und hörten im Normalfall auf sie. Das war gut.

“Wir werden denen zeigen, wozu wir in der Lage sind!”, bellte Eidith und die Menge am schneeverwehten Platz brüllte zornig mit. Hjaldrist erstarrte kurz, als der Blick der Dame auf ihn fiel und sie schmal lächeln musste. Er stand gerade inmitten der Zuhörer und hatte sich an zwei Frauen vorbeidrängen wollen, als die Skrugga damit anfing sein Erscheinen zu inszenieren.

“Ja, wir werden unser Leid heute beenden! Doch ich kann euch nicht anleiten, liebe Leute! Ich bin nur eine arme Wäscherin.”, sagte sie “Wir brauchen einen großen Anführer! Jemanden, der mutig genug ist für uns und ganz vorne gegen die böse Herrschaft des Jarls zu stehen!”

Nun wurde die unruhige Menge ein wenig verunsicherter. Leute tauschten Blicke aus und brummten unschlüssig. Sie alle waren nur Bürger; Verkäufer, Handwerker, Hausfrauen oder gelegentlich vielleicht versiert im Umgang mit Waffen. Doch niemand von ihnen traute sich prompt sich motiviert als derjenige zu melden, der tapfer den Kopf hinhalten wollte; Als jemand, der für die Rebellion stand und hiernach für alle Taten seiner Kameraden geradestehen müsste. So war es mit unzufriedenen, laut schreienden Personen eben. Schnell machten sie mit, wenn es hieß, man wolle gegen irgendein Unrecht in den Kampf ziehen. Doch wenn es um Verantwortung ging, schwiegen die meisten. Dies war lächerlich und feige, wie Hjaldrist fand. Doch heute, da käme es ihm zugute.

“Ich mache das!”, erhob er die Stimme und Eidith lächelte zufrieden. Die Menge verstummte und sah sich nach ihm um. Und während die, die Hjaldrist am nächsten standen, bereits verdutzt erkannten, wer er war, tuschelte der Rest noch verwirrt und fragte sich, wer denn so mutig und dumm sei, dass er die Führung übernehmen wollte. Der Undviker kam sogleich vor und zwängte sich durch die Masse, bis er vor dem Marktstand ankam, auf dem der Jarlsschatten stand. Eidith reichte ihm eine helfende Hand, um ihn zu sich auf die Standtheke zu ziehen. Und dort oben angekommen, vor den zweihundert Augen und Ohren, nahm er sich die Kapuze ab. Der Winterwind wehte ihm ins Gesicht und brachte ein paar weiße Flocken mit sich. Sofort reagierten die Versammelten. Manche wurden ganz still, während andere erschrockene oder überraschte Laute von sich gaben. Männer und Frauen der Stadtwache zuckten zusammen und fassten an ihre Waffengriffe, doch taten nichts weiter. Offenbar wollten sie sich das Spektakel nicht entgehen lassen, obwohl vor ihnen ein gesuchter Krimineller stand. Oder sie standen auf seiner Seite, wer wusste das schon?

“Ihr habt in den letzten vier Jahren sehr gelitten und das wird heute enden!”, fing Hjaldrist umgehend an “Ich weiß, wie ihr euch fühlen müsst. Ich wurde längst genauso ein Opfer dieser bösen Verschwörung, wie ihr!”

Als der langhaarige Mann dies sagte, erkannte er sofort, dass er die neugierige Aufmerksamkeit aller hatte, die ihm gespannt lauschen wollten. Während er erwähnte zu wissen, wie es den Menschen ging und sich ihnen zugehörig zu fühlen, hatte er schon die Sympathie der meisten. Niemand warf etwas nach ihm und keiner wollte ihn vom Marktstand zerren. Das bekräftigte den zittrigen Undviker gerade enorm. Seine Knie waren ganz weich und dennoch mimte er den Starken. Er fürchtete um Anna, doch versuchte hier und jetzt ausnahmsweise nicht an sie zu denken. Denn er musste fokussiert bleiben.

“Vor vier Jahren verschwand ich nach einem Streit mit meinem Vater Halbjørn. Oh, ich war wütend! Doch ich hatte keine Ahnung davon, dass man mir den Mord an dem Jarl anhängen würde.”, erklärte er. Denn Hjaldrist wollte, dass alle Leute wussten, was wirklich geschehen war. Das war wichtig, damit sie verstünden und wussten, dass ER niemals der Feind gewesen war oder sein würde.

“Ich zog in den Norden und lebte vier Jahre lange als Mietklinge auf der Straße, während mein Onkel sich über euch erhoben hat, um sich dreist an UNSEREM Hab und Gut zu bereichern; An dem, was MEIN Vater aufgebaut und gespart hatte. Er versteckte sich hinter meinem Bruder und lenkte ihn, um euch auszunehmen und euch zu behandeln, wie Untertanen!”, sagte der Undviker mit erhobener Stimme, die immer entschlossener und bestimmender klang “Ich habe davon nichts gewusst. Doch hätte ich das, wäre ich eher wiedergekommen, um zu helfen! Ja, ich habe erst im vergangenen Herbst erfahren, dass mein lieber Vater tot ist. Und als ich das hörte, kam ich so schnell als möglich, um diese Misere hier ins Reine zu bringen. Denn anders, als die momentane Führung, lasse ich euch nicht im Stich! Wenn es sein muss, gehe ich mit euch unter!”

Die Menge starrte noch immer ganz überwältigt.

“Ja, heute gehen wir in diese Burg!”, Hjaldrist zeigte in die Richtung der Feste seiner Familie “Wir marschieren dort auf, stellen Haldorn zur Rede und sorgen dafür, dass Orlan seine gerechte Strafe erhält. Denn ER hat Halbjørn vor vier Jahren getötet!”

Die Versammelten machten große Augen und raunten laut. Sie gaben sich empört, ehe sie wieder damit anfingen in lautes Geschrei auszubrechen. Viele jubelten auf und brüllten entschlossen und ihre Motivation riss die mit, die noch mit sich haderten.

“Orlan, dieser Verräter, wird heute sterben!”, brüllte Hjaldrist in die johlende Versammlung und ein Schatten huschte über sein Gesicht “Und die Tore Wallhalls werden auf immer für ihn verschlossen bleiben, denn er hat uns selbstsüchtig unseren geliebten Jarl genommen!”

 

Anna ließ das grobe Seil, mit dessen Hilfe sie die teils vereiste Steinwand heruntergekommen war, auf den letzten eineinhalb Metern los und landete ächzend auf ihren Beinen. Sten war auf dem Plateau hinter der Festung direkt vor ihr und winkte die Jüngere zu sich. Also eilte sie drauflos, um zu ihm aufzuschließen. Dabei wanderten ihre Augen nur flüchtig über die Ebene, die sich auf der Rückseite der Falkenburg, nach der man den hiesigen Ort benannt hatte, befand. Umgeben von schroffen, nahezu unerklimmbaren Felsen ruhte hier auf einer verschneiten Wiese, meterweit über dem Meer, eine relativ große Hütte mit einem kleinen, zugefrorenen Teich davor. Anna glaubte, dass es ein Badehaus sei. Sie wusste von Rogne, wie jene aussahen und es überraschte sie nicht, dass das Jarlshaus ein eigenes davon besaß. Sie riss die Augen von der Gegend, lief voran und kam Sten nach. Jener nahm just die zwei Dutzend Stufen, die vom privaten Plateau auf eine weitläufige Terrasse führten, die einem einen atemberaubenden Blick auf das wilde Meer und den grauen Himmel dahinter bot. Keine Menschenseele war hier. Und der Huskarl, der am Ende der elfisch anmutenden Steinterrasse am Eingang zum großen Gebäude stehen sollte, fehlte. Anna und ihr heutiger Begleiter waren also gut in der Zeit. Das, obwohl sie Schwierigkeiten dabei gehabt hatten eine geeignete Stelle an der Festungsseite zu finden, an der sie sich an den hohen, schützenden Klippen abseilen könnten. Aber wie auch immer. Nun waren sie hier und es ging um ALLES. Sten, der in einen dunkelgrünen Wollumhang gehüllt war und sein Gesicht mithilfe eines blauen Tuches verbarg, trat vor seiner Kollegin in die Feste und sah vorsichtig um sich. Sie kamen in einen kleinen Korridor, der rechterhand in eine Treppe auslief, die nach unten führte. Rechts ging es in einen der Türme. Der Skrugga deutete gen rechts und setzte sich in Bewegung. Anna folgte ihm auf leisen Sohlen und im Schein der Wandfackeln, die hier und da vor sich hin flackerten. Sie trug ihre Metallrüstungsteile heute nicht, denn es hieß so leise zu sein, wie nur möglich. Doch sie hatte sich in ihre gestreifte Jacke gekleidet und trug ihr Medaillon offen. Genauso, wie Hjaldrist heute seine markante, grüne Tunika trug, ging es ihr nicht mehr darum sich zu verstecken. WENN die Giftmischerin heute in den Thronsaal käme, würde sie ein jeder auf Anhieb erkennen. Sie wäre keine vermummte Gestalt, die aussah, wie eine beliebige Attentäterin, sondern ein Symbol. 

Mit aufgeregtem Blick schlich sie also hinter Sten die vielen Treppen hinab, um abermals in einem Gang zu enden. Die Wände hier waren hoch und von der Baukunst der Aen Seidhe. Große Fenster mit buntem Glas darin sorgten dafür, dass etwas Licht des frühen Nachmittages hereinfiel und den Boden säumte ein schön geknüpfter, dunkelblauer Läufer. Anna betrat jenen Teppich, um ihre Schritte auf dem harten Stein zu dämpfen. Als sie nahe Stimmen hörte, hielt sie sofort inne. Sie kam neben den Skrugga, der vor ihr her gegangen war und ebenso stehenblieb. Sten sah sich eilig um und erwischte seine Begleiterin am Handgelenk, um sie mit sich zu zerren. Er duckte sich in eine der Nischen im Mauerwerk, in denen Steinstatuetten der Götter standen. Zwischen Wand und Figur war gerade so viel Platz, dass sich Anna neben dem Bäcker in den Schatten zwängen konnte. Sie hielt den Atem an und hörte, wie die Frauenstimme näherkam. Sie klang weinerlich.

“Unter Halbjørn wäre es nie so weit gekommen.”, sagte sie “Oh, Modron Freya hilf. Wozu sind wir nur verkommen…”

“Mutter… beruhige dich.”, hörte man eine zweite Frau sagen. Anna wagte es nicht sich aus ihrer Deckung zu lehnen, um die Adeligen zu beobachten. Waren das Rist’s Mutter und eine von dessen Schwestern? Es lag nahe.

“Beruhigen? Oh, Schatz, ich war SO lange ruhig. Doch das hier ist falsch.”, sagte die Ältere sofort “Ich glaubte an Haldorn. Er ist mein Kind. Aber die Situation ufert aus. Hast du die Leute gesehen, die gerade den Weg zur Burg hochkommen? Bald werden sie da sein und dann?”

“Vielleicht… vielleicht können sie etwas bewirken.”, meinte die Jüngere kleinlaut.

“Ach Pavetta, das hoffe ich doch auch. Aber weißt du, wie diese Menschen uns sehen? WIR sind in ihren Augen die Bösen.”

“Aber wir haben nichts getan”, wand die ein, die sich als die ältere von Rist’s beiden Schwestern herausgestellt hatte “Erinnere dich doch an die letzten zwei Jahre. Du wolltest einlenken und den Thron beanspruchen, um alles wieder gut zu machen. Und was ist passiert? Man hat dich zwei Wochen lange einsperren lassen.”

“Die Bürger wissen das nicht.”, konterte Swantje seufzend “Sie ahnen nicht, dass man uns in unsere Zimmer einschließt und uns sagt, dass wir sticken oder nähen sollen, weil Frauen nichts zu sagen hätten. Sie haben keine Ahnung, Liebes. Und niemand wird uns glauben.”

Anna war erstarrt und biss die Zähne zusammen, als sie lauschte. Mittlerweile waren die beiden Frauen im Gang und am liebsten wäre sie impulsiv auf den Plan getreten, um auf jene zuzugehen und sie sich als Verbündete zu sichern. Doch Sten hielt die unruhige Trankmischerin eisern zurück. Und Swantje weinte leise.

“Nicht doch, Mama.”, bat Pavetta verzweifelt “Komm… alles wird gut werden… wir finden eine Lösung.”

“Oh, ich will nicht, dass euch, meinen Kindern, etwas geschieht…”, schniefte die arme Jarlsmutter bekümmert “Es reicht doch schon, dass ich einen Sohn verloren habe.”

“Niemand wird mehr sterben.”, sagte Hjaldrist’s Schwester sanft “Und nun komm. Wir… wir gehen in mein Zimmer, ja?”

Und auf dies hin entfernten sich de Schritte allmählich wieder. Anna sah entrückt vor sich hin und fasste nicht, was sie gehört hatte. Sie wurde zornig. Swantje tat ihr so, so leid.

“Arianna.”, flüsterte Sten ihr zu und riss die Monsterjägerin damit aus ihrem Gram “Wir müssen weiter. Los. Wir haben kaum noch Zeit.”

Anna atmete einmal tief aus. Und dann folgte sie der Aufforderung ihres Begleiters, der sie weiter führte. Verstohlen und aufmerksam huschten sie zusammen durch den langen Gang mit dem blauen Teppich, in dem es leicht nach altem Holz roch. Sie kamen an einigen Räumen vorbei und mussten sich einmal kurz vor einem verängstigten Hausmädchen verstecken, das vor sich hin weinte, dass man käme, um die Burg dem Erdboden gleichzumachen. Dass irgendein Magier da sei, der alle töten würde. Anna machte sich keinen Kopf darüber, denn sie hatte ganz andere Sorgen, als einen angeblichen Zauberer. Nach Sten eilte sie durch einen großen Raum, der wie ein Versammlungszimmer aussah, kam in noch einen Gang und wäre gleich im Thronsaal. Ja, sie hatte es tatsächlich fast geschafft und war dermaßen aufgeregt, dass ihre Hände kalt und feucht waren. Doch dann stand da plötzlich ein Mann mitten im Korridor. Sten bemerkte ihn zuerst und blieb sofort stehen. Anna lief beinahe in den Skrugga und gab einen erschrockenen Ton von sich.

“Kristian?”, entkam es dem Schatten brummig “Was machst du hier?”

Anna’s Kopf arbeitete auf Hochtouren, nachdem sie den Namen des Fremden vernommen hatte. Kristian? Hatte Henrik vor einer Woche nicht erwähnt, dass jener vertrauenswürdig war und in alles eingeweiht werden würde? Unschlüssig kam sie neben Sten und taxierte Kristian abwartend. Wollte er helfen?

“Ihr glaubtet doch nicht im Ernst, dass ich wegsehe, wenn ein Mitglied der Jarlsfamilie getötet wird?”, brummte der bärtige Huskarl mit düsterem Ausdruck. Anna glaubte, sie verschlucke sich gleich. Oh, Scheiße.

“Was?”, keuchte Sten nun “Was soll das heißen? Kristian? Was hast du getan?”

“Sie wissen Bescheid. Sie alle.”, lächelte der blonde Gardist überheblich und musste den Kopf ungläubig schütteln “Tse. Ihr dachtet doch nicht wirklich, dass ihr ungeschoren in die Falkenburg kommt, oder? WIR sind die Elite, Sten. Unser Haus ist ein Bollwerk gegen jeden Eindringling und Henrik hätte es besser wissen müssen, als sich mit dem Feind zu verbünden und unseren heiligen Schwur zu brechen.”

Anna’s Herz hatte einen Schlag lang ausgesetzt, als der Kämpfer das abschätzig von sich gab. Und hier stand sie, keine zwanzig Meter vom Durchgang zur Thronhalle entfernt, und musste erkennen, dass ihr Plan scheitern würde. Aus dem Großen Saal tönten bereits Kampfgeräusche. Sie war zu spät und dies brachte sie dazu die Hände zu ballen und das Gesicht zornig zu verziehen.

“Du Verräter!”, spie Sten und mit einem Mal setzte Anna vor. Sie dachte nicht wirklich darüber nach, als sie das Stahlschwert zog und auf Kristian losging. Ihr geballter Ärger über diesen Dreckskerl fand sich in ihrem folgenden, sirrenden Schwerthieb wieder und sie gab einen zornigen Kampfschrei von sich, als ihre Klinge singend auf die ihres Gegenübers traf. Der Schlag war so wuchtig, dass der Aufprall der aneinander scharrenden Schneiden bis in ihre Schulter hoch vibrierte und sie aufkeuchen ließ. Doch sie ließ sich davon nicht irritieren, drehte die Parier ein und schlug das Schwert des Huskarls ruckartig von sich.

“Arianna!”, hörte sie Sten warnen, doch hörte nicht auf.

“Du Hurensohn!”, fauchte sie dem größeren Gardisten entgegen “Du hast keine Ahnung! Du verblendetes Arschloch!”

Wieder ein kraftvoller Schwerthieb und der breitschultrige Huskarl wich gekonnt aus. Anna zog den Kopf ein und entging damit einem schweren Klingenschlag, der ihr den ungeschützten Schädel zweigeteilt hätte. Sie wich zurück und Kristian kam ihr sogleich verärgert nach, bedrängte sie und trat nach ihr. Er bugsierte Anna mit aller Kraft an die Wand und wollte ihr einen Schlag verpassen, da war Sten auf einmal da. Der Skrugga packte den Huskarl an den Schultern und riss ihn vor der schwer atmenden Anna zurück. Der Schatten hatte seinen Dolch in der Hand und stach zu, doch der Gardist vor ihm war schneller und wand sich aus dem Griff seines Landsmannes.

“Jetzt!”, schrie Sten solange heiser und Anna, der die Hüfte ob des vorangegangenen Trittes von Kristian noch schmerzte, fuhr zusammen “Geh, geh!”

Und es war klar, was er damit meinte. Oder jedenfalls war Anna entschlossen nicht zu fliehen. Sie würde gehen, ja. Doch nicht fort. Aus weiten Augen sah sie, wie Kristian den Skrugga mit seinem scharfen Schwert erwischte. Aber sie zögerte nicht länger, fuhr herum und rannte drauflos. Sie wollte den Thronsaal erreichen. Denn sie hatte es Hjaldrist doch versprochen ihn dort zu treffen. Sten schrie wütend und blutete, als er sich gegen Kristian erwehren wollte. Es tat Anna leid ihn zurückzulassen.

 

“Los!”, brüllte Hjaldrist, der an der Spitze der wütenden Meute stand und riss die teure Axt entschlossen in die Luft, die er vor vier Jahren ‘gestohlen’ hatte “Wir holen uns unsere Würde zurück!”

Und sofort stürmten an die fünfundzwanzig Mann mit Mistgabeln, Spaten, alten Schwertern, Äxten und Sägen an ihm vorbei und nach vorn. Manche von ihnen trugen improvisierte Schilde aus Fass- oder großen Topfdeckeln. Es war eigentlich kurios. Doch diese Leute, die am heutigen Tag große Krieger sein wollten, waren zornig. So zornig, dass sie kämpfen würden, wie die Teufel. Sie liefen just die Stufen zur Falkenburg empor und brüllten so entschlossen, als zögen sie in den Krieg. Und unter ihnen war Hjaldrist. Er würde gleich ganz nach vorne kommen, ungehindert an den vier eingeweihten Huskarlen vorbei stürmen und seinen Bruder stellen. Er würde Haldorn, diesen verfluchten Tor, im Thronsaal anschreien und ihn fragen, ob er denn noch normal in der Birne sei. Auf seine Seite ziehen würde er den stellvertretenden Jarl und dann würde er mit Genugtuung im Blick dabei zusehen, wie Anna Orlan abstach. Oh, hoffentlich war sie schon bereit. Hjaldrist schickte ein leises Stoßgebet gen Himmel und an seinen Vater, der ihm gerade sicherlich stolz zusah. Er flehte im Geiste um das Wohlergehen seiner engsten Freundin und wollte so schnell bei ihr sein, wie es nur ging. Also hastete er die Treppe zur verschneiten Burg nach oben, um zu deren Flügeltor zu gelangen. Jenes stand dank Henrik offen und direkt dahinter befand sich die Große Halle, in der der Jarlsthron stand. Zwei Huskarle standen an dem besagten Tor Spalier und verfielen just in Hektik. Tatsächlich zogen sie die Waffen, obwohl ihnen gerade über zwanzig wild Entschlossene entgegenrannten. Und das taten jene mit gefühlt achtzig weiteren Menschen im Rücken, die sie mit lautem Zurufen anspornten und Parolen brüllten.

“Geht aus dem Weg!”, schrie Hjaldrist den wirren Leibwächtern zu, deren Blicke verdattert auf ihn fielen. Doch sofort wurden ihre Mienen wieder härter. Anstatt anzugreifen, zogen sie sich in die Burg zurück, denn sie waren klug genug zu verstehen, dass es nichts brächte zu zweit gegen eine verärgerte Meute zu stehen. Huskarle waren zwar die besten Krieger der Inseln, doch auch ihre Fähigkeiten hatten irgendwann ihre Grenzen.

Lachend trat ein Mann mit Hühnerfüßchen in der Krempe seines Filzhutes neben Hjaldrist und zeigte sich amüsiert darüber, dass sich die beiden Gardisten soeben zurückgezogen hatten. Adlet war vorhin wie aus dem Nichts aufgetaucht, als sein Enkel noch die Leute am Markt animiert hatte. Und, Mörhogg, Hjaldrist hatte keine Ahnung warum der seltsame Druide hier war und weswegen er von den heutigen Geschehnissen gewusst hatte. Der Axtkämpfer konnte sich nur ausmalen WIE Adlet hierhergereist war: Auf seinem Drachen. Märthe war derweil noch nirgendwo zu sehen, doch vielleicht würde auch sie auftauchen. Und später würde Hjaldrist, sofern er gleich überlebte, viele Fragen für seinen gutmütigen Onkel von Drakensund haben. Doch jetzt war keine Zeit dafür.

“Bleib bei mir, Adlet.”, sagte er atemlos und eilte los.

“Ja, ja, ja.”, machte der schniefende Druide, der trotz seines hohen Alters nicht älter aussah, als Vierzig. Er folgte seinem liebsten Enkel auf dem Fuße. Und dann kamen sie in die Große Halle. Riesige, schlanke Säulen stützten die Decke der hohen Festung und elfischer Marmor kleidete den Boden aus. Es sah noch immer so aus, wie vor vier Jahren. Am Ende des Raumes, vor dem Thron, stand Haldorn mit gezogener Axt. Und natürlich war auch Orlan da, der sich dicht hinter dem Seefahrer hielt.

“Bleibt stehen!”, brüllte Hjaldrist’s grobschlächtiger Bruder durch den hallenden Saal und tatsächlich verließ dabei so Manche der Mut. Wenige der zuvor noch so motivierten Bürger hielten gar komplett an, doch Hjaldrist schritt direkt an ihnen vorbei und auf seinen Bruder zu. Sein Haupt war erhoben und Adlet folgte ihm, als er voranmarschierte.

“Wir wissen, was du hier willst!”, blaffte Haldorn weiter. Er trug die Krone von Vater auf dem Kopf. Sie stand ihm nicht.

“Einer eurer Verbündeten hat geredet, Hjaldrist!”, offenbarte der jüngere Bruder “Und wir werden euch alle töten, wenn ihr euch nicht sofort ergebt!”

Ein lautes, verheißungsvolles Knarren verriet, dass das Burgtor gerade gezielt geschlossen wurde. Hjaldrist, der Erlklamm fest in der Rechten hielt, blieb abrupt stehen. Und erst an dem Punkt angekommen, fiel es ihm auf, dass hier nicht nur drei der vier eingeweihten Huskarle standen. Hinter den Säulen der Halle kamen mehr Mitglieder der Hausgarde hervor. Acht, neun, zehn. Henrik platzte aufgebracht über einen Seitenausgang herein und rief Hjaldrist warnend zu. Anna war nicht da und der Ungeheuerjäger zählte entsetzt weiter: Siebzehn, achtzehn, neunzehn Huskarle. Ihm stockte der Atem. Und während Bjalka, Darion und Leif, die vertrauensvolle Gruppe Henriks, ratlos zurücktrat, kamen so gut wie alle anderen Gardisten schützend zwischen Haldorn und seinen älteren Bruder. Sie sahen beängstigend entschlossen aus.

“Nein…”, flüsterte Hjaldrist leise und seine braunen Augen wanderten auf einmal verunsichert. Sie wichen umher, als läge eine schnelle Lösung für die sich aufbäumende Katastrophe irgendwo hier herum. Verflucht. Oh… was nun? Hjaldrist und seine Verbündeten waren hier gerade mit der ganzen Garde eingesperrt worden. Mit der GARDE. Das war schlecht. Ganz, ganz schlecht.

“Du hast unseren Vater getötet, Hjaldrist!”, tönte Haldorn vollkommen überzeugt und an seiner Seite stand der kühl lächelnde Orlan “Du hast ihn umgebracht und heute kommst du, um auch mich zu beseitigen? JETZT nach vier Jahren? Warum?”

Draußen konnte man die wütende Meute aus dem Dorf herumschreien hören. Die tapferen fünfundzwanzig, die Hjaldrist und Adlet begleitet hatten, wurden angesichts der vielen, schwerbewaffneten Huskarle richtig kleinmütig. Es war ihnen nicht zu verdenken, denn diese Krieger waren so, wie sie hier just standen, unglaublich einschüchternd.

“Nein! ER ist nicht der Mörder!”, donnerte Henrik jetzt und kam sofort loyal an die Seite Hjaldrists. Aus böse verengten Augen sah der blonde Hauptmann seine Leute an und zeigte anschuldigend auf sie.

“Hjaldrist hat nichts getan! Und so viele von euch ahnen das auch!”, bellte der Hüne.

“Du brichst den Eid!”, wand einer der Gardisten ein “Henrik, was ist nur los mit dir?”

“Er verbündete sich mit diesem Mörder!”, erhob Haldorn die Stimme und sein älterer Bruder erkannte, dass er sich damit sehr schwer tat. Denn schließlich war Hjaldrist noch immer ein Teil seiner Familie. Irgendwo, tief in sich drin, musste er ihn noch so lieben, wie früher.

“Ich habe Vater nicht umgebracht!”, schrie Hjaldrist jetzt “Orlan hat das getan und es mir angehängt, Haldorn!”

Der mit der Jarlskrone stutzte heftig. Und Orlan schnaufte verärgert.

“Was?”, schnarrte die verlogene Schlange in der teuer bestickten Tunika “Haldorn, er will Chaos stiften! So, wie er es vor vier Jahren getan hat! Lass dich davon nicht verunsichern!”

Hjaldrist’s Bruder rang sichtlich mit sich, doch schwieg stur. Und Anna… Anna war noch immer nicht da. Ihr bester Freund schluckte trocken.

“Ich gebe euch noch eine Chance!”, blaffte Haldorn “Stell dich, Hjaldrist, und deinen Leuten wird nichts geschehen!”

“Nein!”, brüllte der Bedrohte verstimmt zurück. Und dann passierte, wovor sich der Monsterjäger so gefürchtet hatte: Der momentane Jarl gestikulierte kurz in seine Richtung. Und auf einmal gingen alle Huskarle, bis auf drei, auf ihn und die Dörfler los. Henrik umfasste sein Schwert fest, um Hjaldrist unbedingt beizustehen und Adlet keuchte ein ungläubiges ‘Herrjemine… wirklich?’. Plötzlich trat der genannte Druide mit dem Hühnerfuß-Hut vor. Sein Blick wanderte schnell abwägend und wurde konzentriert. Auf einmal sah der eigenbrötlerische Drakensunder ungewohnt ernst aus und in dem Moment, als der bedrängte Hjaldrist dies nur am Rande bemerkte, sackte ein Huskarl, der Adlet am nächsten gestanden hatte, einfach zu Boden. Der schniefende Druide setzte sich in Bewegung und wandte sich herum. Er starrte einen der Leibwächter groß an und auf einmal verfiel jener in unerklärliche Panik. Der Soldat schrie gellend auf und fuchtelte herum, als sähe er irgendetwas, das nicht da war und ihn angriff. Während im Hintergrund ein tosendes Kampfgetümmel ausbrach, kam Adlet unerwartet flink vor, erwischte einen Gardisten seitlich am Kopf und machte jenen damit kampfunfähig: Der zuvor noch so rasende undviker Krieger schlief einfach im Stehen ein und kippte um, wie ein Brett. Der Mundwinkel des magisch Begabten zuckte unzufrieden, als er durch die Nase ausatmete und die Hand nach einem weiteren Huskarl ausstreckte.

“Hilf.”, sagte er schlicht, tickte kurz und der eidtreue Kämpfer mit der riesigen Axt war plötzlich ganz konfus. Er taumelte kurz und kam dann mit leerem Blick an Adlet’s Seite, wie ein Schlafwandler. Das machte der Mistelschneider noch mit einer weiteren Hauswache und schaffte es dabei, dass ihm niemand auch nur zu nahe kam. Dank ihm versprach sich der Spieß in der Halle umzudrehen und Hjaldrist starrte völlig verwirrt. Was Adlet gerade gemacht hatte, brachte ihn so sehr durcheinander, dass er aus Unaufmerksamkeit fast einen verheerenden Schwerthieb kassierte. Henrik wehrte jenen für ihn ab und als Metall laut klingend gegen Metall schlug, zuckte Hjaldrist arg zusammen und besann sich wieder auf das Hier und Jetzt. Mit Erlklamm holte er aus und stieß einen Huskarl von sich.

“Tötet niemanden!”, rief der Ungeheuerjäger indes herrisch “Niemand soll sterben, wenn es geht!”

“Aye!”, donnerte Henrik und setzte entschlossen vor.

 

Anna hastete, während Sten Kristian aufhielt, durch den breiten Gang mit den Götter-Statuetten und das Adrenalin in ihrem wallenden Blut machte ihr die Sinne dabei ganz taub. Sie hörte, wie viele Leute kämpften und sah die schön gezimmerte Hintertür zum Thronsaal bereits. Und plötzlich war sie nicht mehr aufgeregt. Auf einmal hatte sie nur noch ihr Ziel vor Augen und den starren Gedanken, dass sie jenes unbedingt erreichen müsste, um einen Untergang zu verhindern. Töten. Sie hatte nurmehr dies im Blick. Orlan zu ermorden war alles, was sie jetzt noch vorantrieb. Und sollte sie dabei auch sterben, na und? Sie fasste sich an den ledernen Waffengürtel und zog den Langdolch aus seiner vor Wolfsbann triefenden Scheide. Silber für Monster. Starkes Gift dafür Orlan in jedem erdenklichen Fall niederzustrecken, so oder so. Und dann brach die burschikose Frau in der gestreiften Jacke in die Große Halle, in der das heillose Chaos ausgebrochen war. Da waren drei, vier Dutzend Leute, doch sie beachtete jene kaum. Mit eiskalter Miene schritt sie voran und erkannte den Thron. Haldorn stand vor eben jenem und sah dem fürchterlichen Geschehen in seinem Heim ratlos zu. Er bemerkte Anna nicht, denn sie kam von seitlich hinten. Und dort, neben Rist’s Bruder, standen zwei Leute: Ein älterer Mann, der aufgebracht starrte, und eine junge Frau in der schwarz-grün-blauen Uniform der Leibwache. Die genannte Braunhaarige hatte ihre Waffe nicht gezogen und sah total aufgelöst aus. Das war gut. Vielleicht war sie ja eine der Vertrauten Henriks.

Die entschlossene Novigraderin nahm sich zusammen und ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie beschleunigte den Schritt, lief los und das, was folgte, fühlte sich an, als vergehe die Zeit auf einmal viel, viel langsamer. Die mordlüsterne Giftmischerin war keine drei Meter mehr von Orlan entfernt, als sich Haldorn auf einmal zu ihr umwendete und in seiner Miene spiegelte sich eine erschrockene Erkenntnis wider. Er erhob die Zweihand-Axt und kam vor, doch auf einmal erwischte ihn die sommersprossige Frau neben ihm am Kragen und zog ihn mit einem Mal so barsch daran zurück, dass er rücklings gegen sie stolperte. Die Krone fiel ihm vom Haupt und fiel metallen klirrend zu Boden, um dort liegen zu bleiben. Haldorn gab einen grantigen Laut von sich und die sommersprossige Hauswache schlug ihm mit der Handkante in den Nacken. Der Mann sackte sofort besinnungslos nieder und Anna rannte somit ungehindert auf Orlan zu, der sie jetzt ebenso mit Grauen in den Augen bemerkte. Ach, sie war eben keine stille Attentäterin und schon immer jemand der auffälligen Sorte gewesen.

“Hey, Pisser!”, blaffte Anna verheißungsvoll und der wahnsinnige Onkel schrie erschrocken auf, als er den Tod auf zwei Beinen nahen sah.

“Die Hexerin!”, brüllte irgendwo jemand in dunkler Ahnung und der feige Orlan fuhr mit einem Mal herum, um um sein bemitleidenswertes Leben zu rennen. Doch Anna, die ihre halbe Zeit in Kaer Morhen damit zugebracht hatte um die alte Ruine der Wölfe zu eilen, war schneller, als der Hurensohn, der in den letzten Jahren Hüftspeck angesetzt hatte. Sie erwischte den Jarlsonkel von hinten: Die wütend schreiende Frau sprang dem widerlichen Kerl förmlich ins Kreuz, schlang den freien Arm brutal um dessen Hals und bugsierte ihn damit rücklings an sich heran. Orlan würgte laut und packte an den Unterarm, der ihn so eisern hielt, dass es ihm die Luftzufuhr abschnitt. Er biss zu, doch seine Zähne trafen nur auf die Stulpen dicker Lederhandschuhe. Anna atmete tief ein, presste die Kiefer knirschend aufeinander und dann stieß sie mit dem ölig glänzenden Dolch zu. Die Schneide traf knapp unter dem Schulterblatt kratzend auf harten Knochen und die Monsterjägerin winkelte die Waffe gekonnt ein klein wenig anders an. Die tödliche Klinge fand so den Spalt zwischen Orlan’s Rippen und versank gleich bis zum Heft in weichem Fleisch. Anna starrte aus eiskalt verengten Augen vor sich hin, als sie spürte, wie ihr Dolch in den Menschenkörper glitt, wie in ein großes Stück Butter. Sie presste die Lippen aufeinander und kämpfte gegen eine morbide Faszination an, die sie einholen wollte; gegen dieses eigenartige Gefühl von Macht, das sie einst auch als junges Mädchen verspürt hatte, als sie ihren ersten Hasen erlegt hatte. Und doch war das hier gerade anders. Es war… dunkel, pechschwarz, gefährlich. Als würde hier gerade etwas freigelassen werden, das man nicht auf der Welt haben wollte.

Warmes Blut lief der abwesend starrenden Anna über die Finger, tropfte in zähen Schlieren gen Grund und sie ruckte ihre Schneide noch einmal mit aller Kraft gegen Hjaldrist’s keuchenden Onkel. Doch tiefer ging sie nicht mehr. Schade.

Die Mörderin sah erst auf, als ein hoch gewachsener Krieger der Hauswache kam, um sie am Oberarm zu packen. Sie hörte Hjaldrist warnend nach ihr rufen, doch der Schönling kam nicht bis zu seiner Freundin durch. Sofort entriss sich Anna dem barschen Griff des Huskarls. Sie ließ den sterbend in sich zusammensinkenden Orlan los und fuhr herum. Die Frau erhob den rot triefenden Dolch, der nach bitterem Toxin stank, und hielt jenen der Wache vor sich direkt unter die Nase.

“Ich stech dich ab.”, zischte sie sofort und fühlte sich gerade so eigenartig; als sei sie überhaupt nicht sie selbst “Komm her, Bastard, und ich stech dich ab, wie ein Schwein!”

Orlan hustete Blut und röchelte nass. Er krümmte sich am Grund neben Anna und wand sich in einer roten Lache.

“Ich habe den Bruder des Jarls!”, schrie eine Frauenstimme plötzlich “L-lass sie, Jan, oder… oder ich tu ihm was! Ich tu Haldorn was, ich schwörs!”

Sofort ließ der große Krieger von Anna ab, um zur sommersprossigen Leibgardistin von vorhin zu sehen. Sie hatte den bewusstlosen Haldorn und hielt ihm ein Messer an den Hals. Ihre Augen waren glasig und als sie sprach, erkannte man ihre markante Zahnlücke zwischen den beiden Schneidezähnen.

“Lass die Hexerin in Ruhe!”, schrie die Frau mit Tränen in den Augen, die sich hier gerade gegen ihren Berufsschwur stellte und daher sicherlich damit rechnete bald eine harte Strafe dafür zu bekommen. Doch sie war auf der Seite der Rebellen und offenbar unsagbar treu. Anna betrachtete die Braunhaarige überrascht und bemerkte noch nicht, dass ringsum alles in Stillstand geriet. Nun, da Orlan tot am Boden lag und ein vermeintlich wahnsinniger Huskarl Haldorn in der Knute hatte, erstarrten die anwesenden Leibwächter erschrocken und wagten es kaum noch sich zu rühren. In dieser prekären Szenerie trat Hjaldrist laut auf den Plan.

“Bjalka!”, rief er “Tu ihm nichts an!”

“Wa-was?”, stotterte die Frau “Äh.”

Dann kam Haldorn auch schon wieder zu sich. Total verwirrt blinzelte er und murmelte konfus. Doch auch er hielt sofort inne, als er bemerkte, dass ihn jemand festhielt und ihm dabei ein langes Messer an den Hals drückte. Sogleich erhob er die schwieligen Hände abwehrend und starrte Hjaldrist an, der eilig nahte. Der Undviker in der grünen Tunika war völlig abgekämpft, als er vor seinem Bruder hielt und ihn eingehend ansah. Dann suchte er Blickkontakt zu dieser Bjalka oder wie sie hieß.

“Lass ihn los.”, entschloss Hjaldrist und sofort ließ die Gardistin Haldorn frei. Leider gerieten dadurch auch wieder all die Huskarle in Bewegung, die noch immer der Überzeugung waren, dass man Orlan nicht hätte ermorden müssen. Henrik schrie zornig auf, als einer seiner Leute auf ihn losging und zwei andere kamen angerannt, um sich Hjaldrist zu schnappen. Der Träumer ließ es dieses Mal einfach zu und wehrte sich nicht. Stattdessen sah er einfach nur seinen jüngeren Bruder an, als ihn die größeren Krieger entwaffneten und ihm den Arm auf den Rücken drehten. Jan wandte sich wieder an Anna und erhob die Waffe gegen sie. Mit dem Dolch schlug sie zu, wie eine in die Enge getriebene Katze, und zerfetzte dem Huskarl damit den Ärmel. Und dann donnerte auf einmal Haldorn’s Stimme durch den Saal.

“Hört auf!”, brüllte er “Waffen weg und zwar schnell!”

Die noch kämpfenden Huskarle stockten wieder und wirkten perplex.

“Ja, ihr von der Garde! Werft die Waffen fort!”, tönte der Mann mit den dunklen, kurzen Haaren und dem Dreitagebart “Hört ihr schlecht? Und lasst meinen Bruder los!”

Das Klappern und Klirren von fallenden Äxten und Schwertern erfüllte den Raum einen Herzschlag später. Und Anna, die ihren Silberdolch schwer atmend festhielt, beobachtete dies verblüfft. Die Novigraderin ließ den Blick hektisch wandern und erkannte zwischen all den Leuten Adlet. Wo kam DER denn auf einmal her? Da waren Henrik und einige Dörfler. Der angeschlagene Sten hinkte gerade in die Halle und sah nervös um sich. Und Haldorn stand jetzt einfach nur steif vor Hjaldrist und sah den an, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Der ältere der beiden sah ziemlich verbittert aus, während sein Stellvertreter anmutete, als habe er plötzlich ein schlechtes Gewissen.

“...Wir müssen sprechen, Bruder.”, sagte Hjaldrist nach einer langen, angespannten Stille kühl “Dringend und unter vier Augen.”

Haldorn war merklich hin und her gerissen. Doch dann gab er nach und nickte. Anna glaubte ihren Augen kaum. Die Gardisten ringsum entspannten sich allmählich mehr und tauschten ratlose Blicke aus. Ein Mob aus zornigen Bürgern stand hörbar schreiend vor dem geschlossenen Haupttor und trommelte protestierend an dessen dickes Holz. Man ignorierte sie und ihren Wunsch einzutreten.

“Ja. Wir werden sprechen.”, sagte Haldorn zögerlich an seinen langhaarigen Bruder gerichtet und sah einen Atemzug danach auf, um sich an seine planlosen Wachen zu richten. Er straffte die Schultern ein wenig. Die Jarlskrone lag noch immer unweit des Throns am Boden und der Pirat machte keinerlei Anstalten sie aufheben zu wollen. Es war eine stumme und klare Botschaft.

“Das hier ist vorbei.”, entschloss der jüngere Falchraite “Helft den Verwundeten. Henrik übernimmt solange das Kommando über die Garde.”

Hjaldrist nickte Haldorn dafür dankbar zu. Und dann fand sein Blick endlich den seiner am Rande abwartenden, besten Freundin. Sofort verrutschte seine kühl-verbissene Miene in eine sanftere Richtung und noch nie hatte Anna den Undviker Sekunden darauf so verdammt erleichtert gesehen. Er wendete sich von allen anderen ab und hastete freudestrahlend los, um zu ihr zu kommen. Der abgekämpfte Kerl fiel ihr förmlich um den Hals, um sie an sich zu drücken, und vergrub das Gesicht an dem Mantikor-Schulterfell der Frau. Normalerweise, da wusste Rist immer was sagen, nur gerade eben nicht. Nichts Kluges fiel ihm ein, als er Anna einfach nur festhielt und sie erwiderte diese enge Umarmung sofort. Es war, als fiele eine enorme Last von ihnen beiden ab. Denn sie hatten es geschafft. Sie hatten eine ganze Stadt, nein, eine INSEL, vor den Machenschaften eines Größenwahnsinnigen bewahrt. Anna und Hjaldrist, die zwei dreckigen Reisenden, waren mit der Hilfe treuer Freunde zu wahren Helden geworden. Mehr noch: Rist hatte seine Familie gerettet und sein armer Vater könnte nun endlich an die große Tafel der Ahnen in Walhall treten.

“Es ist vorbei…”, flüsterte Anna ungläubig “Wir… wir leben noch. Und wir haben es tatsächlich geschafft...”

Rist nickte. Und anstatt einen dummen Witz darüber zu machen, dass er heute ja als Erster im Großen Saal gewesen sei und Anna ihm nun einen herben Vollsuff in der nächsten Kaschemme schuldete, wurde er schwach und er holte Luft zum Sprechen. Er vergaß sich vor Glück vollkommen.

“Anna. Anna, ich liebe dich. Danke.”, wisperte er in das zottelige Fell aus Serrikanien, weil er nicht wusste, wie er seine momentanen Emotionen sonst ausdrücken sollte, und die damit bedachte Giftmischerin schluckte schwer “Ich liebe dich…”

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