Kapitel 95

Da passte sie nicht hin

Die Rebellion gegen das Jarlshaus hatte Caer Gvalch’ca in einen Ausnahmezustand befördert und es würde sicherlich noch eine Weile dauern, bis sich alles wieder zur Gänze beruhigt hätte. Doch zumindest war der erbitterte Kampf jetzt vorbei und Hjaldrist’s Bruder einsichtig. Anna hatte nicht alles von dem Geschehen im lauten Thronsaal mitbekommen. Sie war schließlich irgendwann in das längst bestehende Chaos gebrochen und hatte dabei nur Orlan im Blick gehabt. Doch jetzt, während Rist sie wieder losließ, konnte sie damit anfangen sich ein besseres Bild der Lage zu machen. Über die Schulter ihres Freundes sah sie in die lange Halle und ließ die Hände am Rücken Rists wieder sinken. Auch der Axtkämpfer sah sich um. Er blieb bei Anna und hatte offenbar kein Interesse daran vorzutreten und irgendwelche Befehle zu brüllen. Doch das hätte er dürfen, oder nicht? Er war-... also im Moment war er der Bruder des Jarls. Doch Anna befürchtete, dass es nicht dabei bleiben würde. Sie hatte ihren Kumpel in den letzten Tagen doch gesehen und gehört; wie unheimlich betroffen und aufgeregt er gewesen war. Wie er mit Henrik darüber geredet hatte den Eid der Huskarle überarbeiten zu wollen, damit er nicht mehr so viele Lücken aufwies. Und das hieß doch, dass er auf Undvik bleiben würde, oder? Anna’s Augen hingen auf der Großen Halle und sie versuchte hinunterzuschlucken, was sie plagte. Sie wollte ausblenden, dass ihr Freund sehr, sehr bald ein wichtiger Mann dieser Insel sein würde. Und dass sie-... dass sie nicht bleiben könnte. Schwer atmete die Kriegerin durch und blinzelte benommen. Runterschlucken. Sie müsste all das hier gerade ausblenden. Irgendwie.

“Anna?”, konnte sie Rist besorgt fragen hören “Ist alles in Ordnung?”

Sie nickte schnell und spürte eine tröstende Hand an der Schulter. Noch einmal holte sie tief Luft und hob den Kopf wieder etwas selbstsicherer. Da kam Adlet auf sie zu und rettete die schmerzliche Situation, in der die Monsterjägerin beinahe vor allen losgeheult hätte.

“Ooh!”, lachte der Mistelschneider “Mädchen! Anna!”

Ein ehrliches Lächeln machte sich auf dem Gesicht der Besagten breit und sie wehrte sich nicht gegen die unbeholfene Umarmung, die folgte. Rist’s Onkel von Drakensund war schon immer sehr ‘eigen’ gewesen, wenn es um Zwischenmenschliches ging. Selbst Anna wirkte neben ihm sozial versiert und das mochte was heißen.

“Es tut echt gut, dich zu sehen!”, schniefte der Druide mit den getrockneten Hühnerfüßen am Hut, drückte seine ehemalige Schülerin gleich wieder von sich und sah sie an “Du bist groß geworden!”

Nun musste Anna lachen.

“Bin ich nicht.”, meinte sie augenrollend “Ich bin vor drei Jahren genauso groß gewesen, wie jetzt.”

“Wirklich?”, staunte Adlet und man sah, wie Hjaldrist den Kopf ungläubig amüsiert schüttelte. Doch schnell mischte er sich ein.

“Onkel.”, sprach er den Trankmischer in der Robe an, der Anna jetzt wieder ganz losließ “Was war das vorhin?”

“Was?”, fragte Adlet unwissend “Wann vorhin?”

“Das… was du mit den Leuten gemacht hast.”

Der Druide lachte ein wenig verlegen und zuckte die Achseln.

“Gar nichts hab ich gemacht.”, beteuerte er “Ja, ja, ja, ich bin doch nur ein einfacher Naturwissenschaftler. Und, ah, Anna? Willst du von meinen neuesten alchemistischen Erkenntnissen hören? Solltest du eine Maus bei dir haben, kann ich sie dir sogar vorführen!”

“Natur-was?”, machte Rist verwirrt, doch stockte gleich entnervt “Ah. Ist ja auch egal…”

“Was hat er denn getan?”, hakte Anna neugierig nach und ließ Adlet’s neueste Mäuse-Entdeckungen außen vor.

“Nix hab ich getan.”, sagte Adlet.

“Gezaubert hat er.”, murrte der langhaarige Axtkämpfer der Gesprächsrunde und wieder winkte sein scheinheiliger Onkel dümmlich lächelnd ab. Die Monsterjägerin wiederum, runzelte die Stirn skeptisch. Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass Druiden einen Draht zur Magie hatten, nur hatte sie Adlet noch nie dabei gesehen, wie er eben jene Kräfte anrief. Hjaldrist holte erneut Luft zum Sprechen. 

“Onkel, wir sollten einmal-”

Weiter kam er nicht, denn Haldorn kam heran und berührte den Oberarm seines Bruders flüchtig, um nach dessen Aufmerksamkeit zu klauben. Gleich sah sich das ganze Grüppchen nach dem Mann um, der so viel kantigere Züge besaß, als Rist. Schwer zu glauben, dass sie beide von einem Halbelfen abstammten. Hjaldrist, ja. DEM Schönling hätte man gar zugetraut selbst einer zu sein. Nur Haldorn? Nein, eher nicht.

“Hjaldrist.”, sprach der Jarl den Älteren an “Henrik will nach draußen gehen, um die wütende Meute zu beruhigen. Du solltest ihn begleiten. Ich bleibe besser hier… die Leute haben nämlich kein allzu gutes Bild von mir.”

Überrascht beäugte Rist Haldorn nun.

“Äh, also… gut.”, stimmte der Langhaarige zu und linste noch einmal gen Anna “Willst du mit?”

Sie schüttelte den Kopf. Die Giftmischerin mochte große Menschenmassen nicht. Und erst recht wollte sie nicht vor dem ganzen Dorf stehen und von dutzenden Personen angestarrt werden. Das mochte vielleicht Rist’s Ding sein, aber nicht ihres.

“Ich bleibe solange hier. Bei Adlet.”, entschloss sie demnach und ihr Freund respektierte das. Also ging er allein, um zu Henrik aufzuschließen, der am noch verschlossenen Tor auf ihn wartete. Anna erkannte dort noch einige Dörfler, die sich behelfsmäßig bewaffnet hatten. Manche von ihnen kamen Rist nach, andere halfen soeben den Verwundeten, die am Boden saßen oder lagen. Sie alle lebten oder jedenfalls erkannte Anna auf Anhieb keinen Toten. Was nichts hieß, denn ein paar Leute - darunter auch Soldaten der Garde - waren schwer verwundet. Schwer vorstellbar, dass alle von eben jenen die Nacht überstünden. Doch all das war Anna gerade egal. Sie fühlte sich nach den Geschehnissen und all der Aufregung der letzten Stunde so… leer. Jegliche Anspannung in ihr war fort und sie war jetzt, als sie neben Adlet stand, beinahe müde. Die Alchemistin mit den blutbefleckten Händen fühlte sich ausgezehrt und ihre Laune war nicht gut und auch nicht schlecht. Jetzt, da sie das, was in den nächsten Tagen folgen würde, ausblendete, war sie nicht mehr traurig. Und es wäre besser, sie lenkte sich jetzt weiter ab. Also sprach sie den Druiden bei sich an, der erschreckend jung wirkte. Wieder fiel es ihr ein, dass der kauzige Typ genauso ein Halbelf war, wie Halbjørn auch einer gewesen war. Rist hatte einst erzählt, dass sein Vater spitze Ohren gehabt hätte. Und unweigerlich wanderten die forschenden Augen Annas jetzt zu den Ohren Adlets. Das nur, um zu bemerken, dass dessen alter Filzhut jene überdeckte. Verdammt.

“Töchterchen, wir sollten unbedingt wieder einmal gemeinsam Tee trinken.”, lächelte der Druide lieb, der den Blick der Jüngeren bemerkt hatte, es sich aber nicht anmerken ließ “Ich habe Heringsmarmelade mitgebracht. Wir können uns zum Tee Brote schmieren.”

“Oh. Ja, sicher.”, gab die Kurzhaarige zurück, während man vernehmen konnte, dass die Unruhen vor dem Tor langsam abflauten “Und Märthe? Was ist mit ihr? Woher wusstet ihr überhaupt davon, was hier geschieht?”

“Die gute Märthe ist in der Stadt. Sie hat einen Schnupfen und daher liegt ihr das Kämpfen im Moment nicht so.”, sagte der Kräuterkundige und Anna blinzelte perplex.

“Ähm… alles klar…”, murmelte sie.

“Und warum wir kamen? Hmm…”, antwortete Adlet weiter “Naja, ich hatte es einfach im Urin, dass mein Enkelchen hier einen kleinen Krieg anzetteln will. Und da wollte ich natürlich helfen.”

Welch eine vage Aussage. Anna fühlte sich nun noch verwirrter, als zuvor. Und sie ließ davon ab weiter zu fragen, denn sie hatte das Gefühl, dass sie damit so und so nirgends hinkäme. Adlet war ein eigenartiger Idiot, der schlauer war, als er stets tat. Nur hätte er das niemals zugegeben. Anna kannte ihn doch gut genug.

 

Irgendwann war Adlet verschwunden, um Märthe zu suchen. Anna hatte sich also etwas abseits auf den Boden gesetzt. Mit einer der Hallensäulen im Rücken wartete sie so auf Rist, der draußen noch zu tun hatte. Denn was hätte sie sonst auch tun sollen? Sie kannte sich hier nicht aus und hatte zu niemandem einen engeren Bezug. Sich im weitläufigen Thronsaal hinzusetzen und einfach nur darauf zu warten ‘abgeholt’ zu werden, war ihr also als beste Option erschienen. Ermattet beobachtete die Frau, wie man die letzten Verletzten fortbrachte. Auch die Leiche Orlans hatte man längst abgeholt. Haldorn hatte dafür gesorgt, dass man sie vorerst beiseiteschaffte und später entschied, was damit geschehen sollte. Allmählich bezogen die unversehrten Wachen wieder pflichtbewusst ihre Posten und es schien, als kehre ein wenig Ruhe ein. Auch Rist kam in diesem Moment wieder. Er war keine Stunde fort gewesen, und als er den Thronsaal nun betrat, lief ihm ein Mädchen entgegen. Gefolgt von zwei Frauen tat es das und sprang den Axtkämpfer einfach frontal an.

“Hjaldrist!”, jauchzte das Kind, das sicherlich noch keine fünfzehn Jahre alt war, und klammerte sich wie ein Affe an Rist fest. Das musste Merle sein. Seine kleinste Schwester, die Anna in ihrer Art angeblich so nah kam. Wie alle Mitglieder der Familie hatte sie dunkles Haar. Sie trug jenes zu zwei Zöpfen geflochten und unter ihrer dunkelgrünen Tunika eine naturfarbene Pluderhose. Rist lachte befreit, als er Merle festhielt und auch seine Mutter und Pavetta nahten, um ihn in die Arme zu nehmen. Erstere, Swantje, wartete damit keine Sekunde und fiel ihrem Sohn noch um den Hals, während er die kleine Merle festhielt. Die Jarlsmutter weinte laut und ohne Scham und sagte ihrem Kind, das sie für tot gehalten hatte, immer wieder, wie sehr sie es liebte und vermisst hätte. Dass es ihr leid täte und ab nun alles besser werden würde. Auch Pavetta, die neben ihren Liebsten stand, schien Tränen in den Augen zu haben. Sie hielt sich die Hände betroffen vor den Mund und schniefte. Sie war eine unglaublich hübsche Frau und Anna war sich sicher: Wäre Rist weiblich gewesen, hätte er genauso ausgesehen, wie sie. Die beiden Geschwister waren sich verdammt ähnlich und dies nicht nur ihres Äußeren wegen, sondern auch ob ihrer Gebärden.

Pavetta umarmte ihren Bruder erst, als die anderen beiden von ihm abgelassen hatten. Und sie ließ ihn sehr lange nicht los. Zwar wirkte sie etwas beherrschter, als Swantje und Merle, doch nicht weniger glücklich darüber Rist wieder zu haben. Jener unterhielt sich nach dem emotionalen Wiedersehen gleich gestikulierend mit den staunenden Frauen, lachte leise oder nickte entschlossen. Anna, die sich aus alledem heraushielt und ihren Platz an der Säule nicht verlassen hatte, hörte nicht jedes Wort, das die Jarlsleute sagten. Es ging sie im Grunde ja auch nichts an. Sie beobachtete bloß nachdenklich und bemerkte schnell, wie oft sich die Falchraites während dem Sprechen kurz berührten. Merle lachte auf und haute Rist grunzend gegen den Oberarm. Swantje fasste immer wieder froh nach der Hand ihres Sohnes, um jene liebevoll zu drücken. Pavetta tätschelte Rist kichernd die Wange. Diese Zugewandtheit musste ein Ding dieser herzlichen Familie sein. Auch Hjaldrist hatte in den vergangenen Jahren nie damit gezögert Anna einfach nah zu kommen. Oder… machte man das generell so…? Einmal wieder fühlte sich die Novigraderin, die ohne eine sanftmütige Mutter oder Geschwister aufgewachsen war, so weltfremd und bescheuert. Sie wollte gerade wegsehen, um den müden Blick abwartend in die Große Halle zu richten und den schönen Saal zu mustern, da bemerkte sie, wie Rist in ihre Richtung deutete und sie horchte auf. Die Mutter und Geschwister des Mannes sahen interessiert her. Und Anna wusste nicht, ob ihr das gefallen sollte. Planlos starrte sie und machte Anstalten sich zu erheben, denn sie befürchtete, dass Rist sie gleich seinen Verwandten vorstellen wollte. Oh je.

Und so kam es dann auch. Der freudige Undviker kam zu Anna zurück und seine Angehörigen folgten ihm. Während Merle nur mit großen Augen gaffte und Anna taxierte, als sei sie eine Halbgöttin, hob die kurzhaarige Alchemistin die Hand knapp zum ungeschickten Gruß.

“Ähm… hallo.”, machte sie verunsichert. Pavetta nickte ihr anerkennend zu und Swantje kam vor, um sie einfach zu umarmen. Überwältigt starrte Anna über die Schulter der Frau zu Rist und hob die blutverschmierte Rechte zur Seite fort, damit sie das schöne, grüne Wollkleid von dessen Mutter nicht befleckte.

“Danke.”, flüsterte Swantje bloß und drückte Anna fest “Wir stehen auf ewig in deiner Schuld, mein Kind.”

“Uhm.”, mehr fiel der bedrängten Giftmischerin dazu nicht ein. Zugegebenermaßen war sie gerade ziemlich überrumpelt und wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Hjaldrist’s Mutter war auf Anhieb so nett, dabei kannte sie Anna noch nicht einmal. Hilfesuchend sah die Kriegerin ihren besten Freund an, doch jener winkte nur grinsend ab. Zum Glück ließ Swantje Anna dann auch gleich wieder los, um sie mit heller Miene und einem frohen Lächeln im Gesicht anzusehen. Noch immer hatte sie kleine Tränen in den Augenwinkeln.

“Du sollst ein schönes Gästezimmer bekommen, solange du hier bist.”, sagte die Ältere mit den langen, braunen Haaren sofort entschlossen “Ich werde veranlassen, dass man dir eines fertig macht, Arianna.”

“Danke…”, entgegnete die Novigraderin und lächelte etwas betreten “Aber… Macht Euch keine Umstände…”

“Umstände?”, lachte die Adelige auf “Ein Zimmer ist wohl das Mindeste, was wir dir im Moment geben können. Bitte, fühl dich hier für immer wie zuhause.”

“Wie… zuhause?”, lächelte Anna nervös “Ähm ja… gut… danke.”

Den Göttern sei Dank erlöste Hjaldrist seine belagerte Kollegin dann endlich, indem er dazwischen sprach.

“Anna kommt solange mit mir.”, sagte er und die Besagte war ihm dankbar dafür “Mh… gibt es mein Zimmer noch?”

“Natürlich!”, antwortete Swantje gleich “Ich habe nicht zugelassen, dass irgendjemand etwas daran ändert. Alles… alles ist noch so, wie du es vor vier Jahren zurückgelassen hast, Schatz.”

Anna sah, wie Rist seine Mutter auf dies hin ziemlich verdattert ansah. Und auch die Nordländerin wunderte sich sehr. Offensichtlich hatte man den Axtkämpfer wirklich schmerzlich vermisst...

 

Hjaldrist’s Zimmer befand sich im westlichen Trakt der Burg. Dort, wo es hinaus auf die Terrasse ging, über die Anna und Sten heute Mittag in die Festung geschlichen waren. Die Stufen, die von dort aus links hinaufführten, brachten einen direkt in einen breiten Turm, der mehrere Etagen aufwies. Und in der ersten davon lag das Ziel der beiden Freunde. Rist ging voran und wirkte richtig aufgeregt und ungeduldig, als er den geräumigen Raum betrat. Er trug Erlklamm geschultert, denn man hatte sie ihm allen Erwartungen zum Trotz nicht weggenommen.

Anna machte große Augen, als sie nach ihrem Kumpan in dessen Gemach trat. Dieses Zimmer war größer, als so manch ein Tavernenschankraum, den die Abenteurerin gesehen hatte. Ein Bett, in das locker drei Leute gepasst hätten, stand mit dem geschnitzten Kopfteil voran an der Wand nahe dem Eingang und die Frau erkannte eine breite Fensterfront mit elfischem Glas, die für eine angenehme Helligkeit sorgte. Durch sie konnte man das ruhige Meer hinter der Burg beobachten. Eines der besagten Fenster reichte zudem bis zum Boden und entpuppte sich als Tür, die vermutlich auf einen kleinen Balkon führte. Da war ein großer, antiker Schreibtisch und zwei breite Holzregale voller Bücher säumten die freien Wände.

“Das…”, entkam es Anna sprachlos “Das war-… ist dein Schlafzimmer...?”

“Ja…”, meinte Rist der sich erleichtert umsah “Hier… könnte eine kleine Familie wohnen, ich weiß…”

“Scheiße.”, kommentierte die Trankmischerin, die aus dem Staunen nicht mehr herauskam “Ich wusste ja, dass du aus besseren Verhältnissen kommst, aber DAS hier sprengt wirklich all meine Vorstellungen. Die Bude ist riesig! Warum hast du in den letzten Jahren nie darüber gejammert in einem winzigen Zelt schlafen zu müssen?”

Leise musste der Mann lachen und sah sich weiter um. Er trat an seinen Tisch und fing damit an ein wenig herumzuwühlen. Vielleicht überzeugte er sich just davon, dass wirklich noch all sein Kram da war. Er öffnete eine der Schubladen des Möbelstückes und linste hinein.

“Du bist ein popeliger Reicher, Käferschubser. Jemand, der irgendwo nen geldscheißenden Esel hat. Ah, ich hätte dich in all den Jahren viel ärger damit aufziehen können.”, grinste Anna und trat vor eine Kommode, um das Bild, das darüber an der Wand hing, zu betrachten. Es war irgendeine skellische Landschaft mit einem Sonnenuntergang hinter den Bergen und dem Meer. Hübsch.

“Tja.”, gab der Undviker zurück “Aus genau diesem Grund habe ich dir auch nie gesagt, dass ich ein Zimmer hatte, das so groß wie das Haus eines manchen Bürgers ist. Ich kenne dich doch, Flohbeutel.”

“Pff.”, schnaufte die Jüngere abfällig-belustigt “Du tust so, als würde ich dich in Zukunft niemals mehr verarschen, Thronfurzer. Dabei geht’s JETZT erst so richtig los...”

“Hey!”, beschwerte sich Hjaldrist lachend und wandte sich seiner Kumpanin zu, da klopfte es an der Tür und jemand trat ein. Die beiden witzelnden Freunde verstummten augenblicklich und sahen auf.

“Haldorn.”, stellte der anwesende Monsterjäger fest und wurde wieder ernster. Anna wandte sich von dem teuren Gemälde ab, das sie interessiert betrachtet hatte und blickte zwischen den Brüdern hin und her.

“Reden wir?”, wollte der jüngere im Bunde wissen und Rist nickte “Allein.”

“Wir sind ‘allein’.”, korrigierte Anna’s Freund gleich, bevor Haldorn einen skeptischen Blick zu eben jener warf.

“Was ich höre, hört auch sie.”, bestand Hjaldrist und nach einem kurzen Grübeln, gab Haldorn schon nach.

“Also gut.”, sagte der Pirat brummig und kam vor seinen Verwandten. Er fasste sich unter den schweren Mantel um sich etwas aus der Tasche zu ziehen. Eine schlichte Krone kam zum Vorschein. Es war die Halbjørns. Und Haldorn reichte sie nun seinem älteren Bruder hin.

“Ich wollte sie nie.”, erklärte er in dem Zug aufrichtig und Anna machte genauso große Augen, wie ihr bester Kumpel “Nachdem du verschwunden warst, war ich der älteste Nachfolger in der Hierarchie. Orlan und die anderen bestanden darauf, dass ich Jarl werde. Aber… pah…”

Der ruppige Seefahrer verzog das Gesicht unzufrieden.

“Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es mich genervt hat, Hjaldrist.”, gab der Kerl zu “Also hier. Nimm mir die Bürde bitte ab.”

“Was…?”, Rist zeigte sich verblüfft, als er wirr auf die Krone in Haldorn’s Hand sah. Hiermit hatte er wohl nicht gerechnet.

“H-Haldorn… ich… ich kann mir das Ding nicht einfach aufsetzen, nach draußen stolzieren und sagen, dass ich jetzt der neue Jarl bin.”, zweifelte Rist und Anna sah ratlos zwischen ihm und seinem Bruder hin und her.

“So? Warum nicht?”, wollte letzterer wissen “Ich habe dich vorhin von all deinen angeblichen Straftaten freigesprochen. Man nimmt sowieso an, dass du unschuldig bist, doch jetzt ist es offiziell. Und es ist auch bekannt, dass du der rechtmäßige Thronanwärter bist. Dir liegen keinerlei Steine im Weg.”

Auf das hin fiel Rist lange nichts mehr ein. Er sah auf und starrte Haldorn einfach nur an.

“Ich werde gehen.”, sagte der noch “Und zwar für eine ganze Weile. Oh, Bruder, du kannst dir nicht vorstellen, wie es mich in den Fingern juckt. Vier Jahre lange war ich nicht mehr auf hoher See! Meine Mannschaft ist fett geworden. Sie braucht einmal wieder Auslauf.”

Hjaldrist stutzte.

“Ja, ich segle übermorgen los und niemand wird mich aufhalten können.”, grinste der Pirat breit “Und wenn ich wiederkomme, ist unsere Schatzkammer bis zum Platzen voll, das verspreche ich dir, großer Bruder.”

Damit klopfte Haldorn Rist so fest auf die Schulter, dass der Ungeheuerjäger von den beiden laut ächzen musste. Er bekam die Jarlskrone ganz beiläufig in die Hände gedrückt, als sei sie einfach nur irgendein kleines Od.

“Haldorn!”, keuchte der Ältere überwältigt “Du… du gibst mit Vater’s Krone und sagst, du haust ab? Das kannst du nicht machen.”

“Doch. Kann ich.”, lächelte der Kantigere der beiden Brüder zufrieden “Wir krönen dich morgen vor allen Leuten und damit habe ich meine Ruhe.”

“Mo-Morgen? Warte mal!”

“Mutter freut sich schon. Sie will vor der Menge für dich sprechen und die halbe Stadt einladen.”

“Die halbe-”

“Der junge An Craite kam vorhin auch hier an. Der lässt sich das nicht entgehen, meine er. Er war eigentlich nur auf der Insel, um Riesen zu jagen, doch hat den ganzen Tumult bemerkt.”

“Wer?”

“Hjalmar. Der Rotschopf, du weißt schon.”

“Aber-”

“Wir sehen uns später, Hjaldrist. In etwa einer Stunde gibt es Essen.”, schmunzelte Haldorn, machte kehrt und ging einfach. Und Rist, der blieb verwirrt, planlos gaffend und mit einer alten, goldenen Krone in den Händen zurück.

 

Im Laufe des Tages wies man Anna ein schönes Gästezimmer nahe der Quartiere der Huskarle zu, die sich ebenfalls in der elfischen Burg befanden. Im Vergleich zu Rist’s Raum war es klein und dennoch richtig geräumig. Die Frau aus dem Norden, die so viel Platz für sich allein nicht gewohnt war, fühlte sich darin sogar ein wenig verloren, als sie nun vor einer Waschschüssel stand, die Pavetta ihr gebracht hatte. Das Gefäß stand auf einer hüfthohen Kommode, über der ein schöner Spiegel hing.

Anna, die Mantel, Jacke und Stiefel ausgezogen hatte, wusch sich das Gesicht und strich sich die wirren Haare mit den nassen Händen zurück. Kühl tropfte es der Giftmischerin von der Stirn und ein schmales Rinnsal lief ihr in den Kragen, ließ sie schaudern. Sich daraufhin mit beiden Händen auf die glatte Ablage stützend, blickte sie auf und direkt in die Augen ihres völlig fertigen Spiegelbildes. Die Frau, die Anna sah, war nicht nur müde vom vergangenen, ereignisvollen Tag, sondern auch von den wüsten Gedanken, die sie jetzt, da sie allein war, nicht länger fortschieben konnte. Nun, da sie sich selbst im Spiegel betrachtete, wurde ihr Blick glasig und ihre kratzige Kehle eng. Niemand war mehr hier, der sie sehen könnte. Keine Matilda, kein Uddvar, kein Adlet. Sie musste sich nicht länger verstellen. Hjaldrist war ebenso mit all seinen Angelegenheiten beschäftigt und hatte nun, da er morgen gekrönt werden sollte, viel zu tun. Das Bild, das dies vor Anna’s geistigem Auge schuf, war das, das sie seit Bogenwald irgendwo in ihren Hinterkopf eingesperrt hatte; Ganz weit fort und dahin, wo sie nicht so leicht drankäme. Doch jetzt war es wieder da. Und morgen Abend… morgen Abend würde die furchtvolle Kriegerin es wahrhaftig sehen: Wie Hjaldrist vor den Leuten Undviks, SEINEN Leuten, stand und die Jarlskrone aufgesetzt bekam. Wie er seinen Thron rechtmäßig bestieg und sich von seinem alten Leben als Umhertreiber und Monsterjäger verabschiedete, um sich niederzulassen und seiner Bestimmung zu folgen. Denn er hatte sein großes Ziel erreicht. Er war jetzt da, wo er am Anfang seiner Reise immer hin hatte wollen. Hjaldrist war… zuhause. 

Und Anna? Ach, es war vielleicht bemerkenswert, dass sie nun auf Undvik als Heldin galt, doch was sollte sie damit anfangen? Sie hatte sich ihren Lebenstraum, im Gegensatz zu ihrem besten Freund, noch lange nicht erfüllen können. Ganz im Gegenteil. Gerade, da kam es ihr so vor, als habe sie in den letzten Wochen einen Schritt vor und zwei zurück gemacht. Joris, der ihr hatte helfen wollen, war fort und sie wusste nicht, ob er überhaupt noch lebte. Anna hatte zwar die Kräuterproben-Zutat Siofras, die die Katzen einst für ihre Experimente genutzt hatten, doch was sollte sie damit anstellen? Sie wusste es nicht. Sie wusste gar nichts. Und sie fühlte sich so verloren und allein gelassen. Denn dem war doch so. Hjaldrist hatte seine Familie und seine Heimat gewählt. Nicht Anna und das Reisen. Er würde hierbleiben und die Gedanken daran, wie es ohne ihn weitergehen sollte, taten so weh. Es würde Anna das Herz brechen alleine losziehen und fortan einsam ihren Weg gehen zu müssen. Sie… sie wollte das nicht. Und sie wünschte sich, dass Rist mitkäme. Er war doch ihre Rückendeckung; Anna’s Aard. Doch er könnte nicht mit. In weniger als einem Tag wäre er ein Jarl von Skellige. Und solch einer konnte nicht einfach verschwinden, um sich mit einer dreckigen, verarmten Vagabundin in irgendwelche lebensgefährlichen Abenteuer zu stürzen. Und diese Erkenntnis brach jetzt mit einem Mal hervor. Anna hatte in den letzten Wochen so viel verdrängt, dass sie nun, da es sie schadenfroh einholte, nicht wusste, wohin damit. Ein Schluchzen entkam ihr, als sie den Kopf schüttelte, und sie ertrug es nicht länger in den Spiegel vor sich zu sehen und senkte das Haupt ob dem. Anna fühlte sich auf einmal so schwerfällig und sie klammerte sich auch dann noch an die Kommodenkante, als sie davor niederging, weil ihre Knie so weich geworden waren. Das Gesicht an einem ihrer Arme vergrabend, heulte sie und das ohne Zurückhaltung. Es war ihr egal sollte sie jemand hören. Jetzt, in diesem Augenblick, war die harte Anna, die keinen bösen Gedanken an sich heranließ und herbe Scherze machte, um Unangenehmes zu überspielen, fort. Und übrig blieb nur das laut weinende Mädchen, das sich so fühlte, als würde es von der ganzen, grausamen Welt erdrückt werden.

 

*

 

Es war gewesen, als sei Hjaldrist aus einem Traum hochgeschreckt. Also... ausnahmsweise einmal aus einem guten. Als habe er sich gestern, nach dem Sieg über seinen Onkel und dessen Tyrannei schlafen gelegt und als sei er heute in einem völlig neuen Leben aufgewacht. In einem, das nach den letzten vier Jahren auf der Straße so eigenartig wirkte, so ungewohnt und dennoch vertraut. Es war nahezu befremdlich gewesen in einem großen Schlafzimmer aufzuwachen, in einem Bett mit wärmenden Fellen und einer dicken, weichen Decke. Seltsam hatte es sich angefühlt dabei völlig allein zu sein und die Stille ringsum, die nur ab und an von entfernten Stimmen oder Rüstungsgeschepper unterbrochen worden war, war plagend gewesen. Ja, tatsächlich. Es war dem Mann, der heute spontan zum neuen Jarl Undviks gekrönt werden sollte, viel zu ruhig gewesen. Keine paar Augenblicke war er daher morgens in seinem Bett geblieben und hatte sich stattdessen angezogen, um nach draußen zu laufen und nach Anna oder Haldorn zu suchen. Besonders erstere hatte der Dunkelhaarige vermisst, als gehöre sie an seine Seite, obwohl sie ihm noch immer keine Antwort auf seine Schilderungen seiner Gefühle für sie gegeben hatte. Die Giftmischerin hatte sich zwar nicht merklich distanziert, doch hatte in den letzten drei Wochen stets so getan, als habe sie keine Ahnung davon, was in ihrem besten Freund vorging, wenn er sie ansah. Zu Neujahr, in Kaer Trolde, hatte er sie darum gebeten ihm zu erklären, wie sie über alles dachte. Über Hjaldrist selbst, ihre Beziehung zueinander, Freundschaft, Liebe. Der angehende Jarl hatte gemeint, er erwarte ihre Worte dazu dann, wenn sie beide die Angelegenheit rund um Undvik erledigt und überlebt hätten. Und jetzt war es soweit. Doch die verschlossene Anna hatte noch keinen einzigen Satz darüber verloren und Hjaldrist hing vollkommen in der Luft. Unruhig wartete er darauf, dass sich die Alchemistin endlich öffnete, doch bisher war nichts in die Richtung passiert. Oh, vielleicht würde sich Hjaldrist später, nach der Krönung, etwas Mut antrinken und seine verbohrte Begleiterin erneut ansprechen. Womöglich würde er sich bei ihr entschuldigen, weil es ihm gestern noch einmal herausgerutscht war, wie nah er sich ihr fühlte: Der 29-Jährige war nach all dem Tamtam im Thronsaal zu der Frau in der gestreiften Jacke geeilt, hatte sie fest an sich gedrückt und vor Erleichterung und Glück geflüstert, dass er sie lieben würde. Anna hatte daraufhin nichts gesagt. Und vielleicht war sie einfach nur zu erschöpft gewesen, um irgendetwas zu tun. Ja, Hjaldrist gab das Hoffen nicht auf und vielleicht ginge zwischen ihnen alles richtig gut aus. Bestimmt bliebe die Hexerin hier, wenn man ihr das alleinige Monsterjagdrecht im näheren Umkreis der Stadt einräumte; Wenn man ihr die Idee in den Kopf setzte als spezielle Jägerin für gefährliches Getier und als kleine Hilfe oder Botin für die Wegewächter eingesetzt zu werden. Sie könnte sich damit einen großen Titel holen und viel Zeit im Freien verbringen. Nebenher gäbe Hjaldrist ihr ALLES, was sie wollen würde. Ein Zimmer in der Falkenburg oder ein eigenes Haus im verschneiten Ort? Kein Problem. Er stand als zukünftiger Jarl mit offenen Armen vor ihr und sie müsste nur den Mund aufmachen, wenn sie irgendetwas bräuchte. Anna müsste nie wieder um jedes einzelne Kupfer kämpfen, nicht mehr im Zelt schlafen und frieren und sie müsste sich nie mehr von ruppigen Festländern dumm von der Seite anmachen oder gar antatschen lassen. Sie hätte hier, auf Undvik, ein warmes und sicheres Zuhause. Ein richtiges Heim und Leute, FREUNDE, die ihr in allen Lagen beistanden. Wenn sie das Angebot für das Jarlshaus zu arbeiten annehmen würde, hätte sie daneben noch Geld. Genug Geld, um sich sogar ein teures Silberschwert oder genug Kleidung leisten zu können, um ganze Schränke damit vollzustopfen. Und vor allem müsste sie ihre geliebte Berufung dabei nicht aufgeben. Monster, wilde Tiere und besonders Ogroiden gab es auf der Winterinsel zu Hauf. Selbst seltene Kräuter fand man hier in vielen Gegenden und man sagte, das irgendwo auf den kleineren Inselchen vor der Küste Druiden lebten. Es war also alles da, nicht wahr? Anna müsste ihren Traum eine spezielle Kräuterprobe für sich zu erfinden nicht aufgeben. Und Hjaldrist würde sie sogar oft begleiten, wenn sie auf Monster- oder Riesenjagd ginge. So, wie immer eben und aus Spaß an der Sache. Es war solch ein lockender Gedanke.

 

Am frühen Abend musste Hjaldrist vor seine gespannten Landsleute treten. Dies in der Thronhalle, die heute und wie zu allen großen Festlichkeiten, geschmückt worden war und Platz für dutzende Gäste bot. An den Seiten des Saales standen Tische und Bänke, an den Wänden stellenweise Holzfässer mit Met und Bier. Man hatte viele Menschen eingeladen und Hjaldrist schätzte, dass seine Mutter die ganze Stadt angesprochen hatte. Niemand wollte sich das Spektakel der Krönung eines Helden entgehen lassen und daher gab es hier kaum mehr einen freien Platz. Selbst ein paar wenige Leute von Außerhalb waren da. Die Familie, mit der Hjaldrist und Anna hierher gesegelt waren, etwa. Sie glaubten ihren Augen wohl kaum, als sie realisieren mussten, WEN sie von Kaer Trolde aus hierher geschafft hatten. Als der 29-Jährige den Blick nervös durch die Große Halle schweifen ließ, erkannte er zudem den jungen An Craite, den Haldorn gestern angekündigt hatte. Breit grinsend stand der rothaarige Hüne aus Ard Skellig am Rande und erhob seinen hölzernen Humpen, als wolle er Hjaldrist glückwünschend zuprosten. Netter Kerl. Anna stand unweit neben Haldorn und hatte sich mit verschränkten Armen an eine Wand gelehnt, um das Geschehen zu beobachten. Sie trug ihre volle Montur, denn sie war erst vor etwa einer Stunde wiedergekommen. Zusammen mit Matilda war sie nachmittags zum Hafen geritten, um die Rucksäcke von sich und Hjaldrist dort abzuholen. Jene hatten noch in der verlassenen Hafenschänke gelegen und waren erfolgreich zwischen dem halb zertrümmerten Gebäude geborgen worden. 

Selbst Adlet und Märthe waren heute noch hier. Stolz strahlte der eigenbrötlerische Druide mit den getrockneten Hühnerfüßen am Hut über das ganze Gesicht, als Hjaldrist’s Mutter ihren ältesten Sohn in die Mitte der aufgeregt tuschelnden Zuschauerschaft führte. Dem fahrigen Krieger schlug das Herz dabei bis zum Hals und die Situation, all das hier, fühlte sich so unwirklich an. Zweifelte er etwa ein wenig? Nein. Nein, alles wäre gut so, wie es just kam. 

Hjaldrist’s Mutter holte Luft zum Sprechen, als sie sich ihm zuwendete. Sie tat das für eine Rede inmitten der geschmückten Haupthalle der Burg, an deren Wänden grün-blaue Banner hingen und Fackeln flackerten. So war es Brauch.

“Die Götter haben dich zu uns zurückgeschickt, mein Sohn.”, fing die Frau mit dem dunklen, langen Haar an und lächelte überglücklich, als sie die Hände auf die Schultern ihres Kindes legte und leicht zudrückte “Als seist du von den Toten auferstanden, kamst du über die See und hast uns alle vor großem Übel gerettet. Es ist ein Wunder. Du hast den Clan Falchraite befreit und wegen dir können wir wieder frei atmen. Dies ohne ein Oberhaupt, das die Leute unterdrückt und Gift spuckt. Ich… nein, WIR ALLE sind so froh.”

Hjaldrist suchte den Blick seiner merklich gerührten Mutter und musste trocken schlucken. Er wollte einwenden, dass er seinen hinterhältigen Onkel nicht allein gestürzt hatte und dass er dabei Hilfe gehabt hatte. Von Anna, Henrik, den Skrugga, Matilda, Uddvar und vielen loyalen, tapferen Bürgern der Insel. Doch er wusste auch, dass er nun nicht sprechen sollte. Die Worte der Älteren vor ihm waren wichtig und auch mehr Metapher für alles, was gestern passiert war. Sie sollten ihn viel, viel größer darstellen, als er sich just fühle.

“Es geschieht selten, dass jemand zum Jarl aufsteigt, indem er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um einen ganzen Clan zu retten. Doch du hast es geschafft und dir deinen Stand redlich verdient. Als großer Held hast du dich vor uns allen bewiesen und wirst ein würdiger Anführer auf viele Jahre sein.”, sprach Hjaldrist’s Mutter weiter, während sich Merle, seine jüngere Schwester mit den zwei Zöpfen, aus der Menge schälte und keck grinsend die Krone des alten Jarls hochhielt. Die des verstorbenen Halbjørn. Eine Tatsache, die Hjaldrist das Herz gerade trotz allem ganz schwer machte. Er atmete flach durch, als Merle nahte, um auf die Zehenspitzen zu gehen und ihm die verzierte Krone auf den Kopf zu setzen. So, wie sie war, tat sie das weniger rituell, sondern eher so, als würde sie ihm einen lächerlichen Hut überziehen. Es war ein Gebärden, das Hjaldrist zum Lächeln brachte und ihn das Stechen im Herzen über den Tod seines Vaters vergessen ließ.

“Ich bin so stolz auf dich.”, konnte man die Mutter der beiden noch vernehmen. Dann nahm sie das Gesicht ihres überwältigten Sohnes in die Hände und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange, schniefte leise.

“Auf den Jarl! Lebe er hoch!”, grölte Haldorn irgendwo in der Menge laut und viele Leute stimmten mit ein. Die dünne Merle fiel ihrem größeren Bruder um den Hals und ließ sich drücken. Und auch Pavetta, die größere Schwester der Familie, eilte mit gerafftem Rock heran. Über dem Arm trug sie ein dichtes, graubraun-weiß meliertes Fell, das sie Hjaldrist aufgeregt überreichte. Fragend und etwas überrumpelt ließ der Mann den Blick darauf fallen. Ein Umhang?

“Der ist für dich.”, sagte die jüngere Frau, die in Anna’s Alter war und bekanntlich ungeheuer gerne schneiderte und bastelte. Sie hatte früher auch die schöne, grüne Tunika des Axtkämpfers angefertigt. Ja, Pavetta war ein richtiges Naturtalent.

“Äh. Danke.”, entkam es Hjaldrist ganz baff und ehe er sein Geschenk näher betrachten konnte, zettelte die grinsende Merle auch schon eine geschwisterliche Gruppenumarmung an.

“Wir sind so froh, dass du wieder da bist!”, lachte sie dabei glücklich. Und es fühlte sich so gut an. Der mitgerissene Hjaldrist wusste gerade nicht, wohin mit all den Eindrücken, als er die Arme freudig um seine geliebten Schwestern legte und jene nicht mehr loslassen wollte.

Es dauerte daraufhin lange, bis jeder im Thronsaal dem neuen Jarl gratuliert hatte. Auch Hjalmar hatte Hjaldrist im Namen der An Craites alles Gute gewünscht, eine Lockerung des Verhältnisses ihrer beiden Clans versprochen und ihm mit seinen riesigen, schwieligen Händen kumpelhaft auf den Rücken gehauen. Und erst, als all die Skelliger schon dabei waren zum ausgelassenen Feiern überzugehen, tauchte Anna bei dem Axtkämpfer mit dem neuen, prächtigen Fellumhang Pavettas auf. Als sie vor ihn kam, sah man es ihr an, dass sie sich zwar aufrichtig für ihren engsten Freund freute, doch dass es da auch irgendetwas gab, das sie sehr beschäftigte. Die arme Kurzhaarige wirkte gar etwas mitgenommen und so, als müsse sie die schmalen Schultern gezwungenermaßen straffen. Tief atmete sie durch, dann entkam ihr ein kurzes, dümmliches Lachen. Eines, das man immer dann hörte, bevor sie einen blöden Witz oder eine zweideutige Anspielung machte.

“Ha...”, schnaufte die hübsche Kriegerin gespielt abfällig und schmunzelte dabei “Wie du aussiehst. Mit Krone und allem. Prinzesschen…”

Hjaldrist runzelte die Stirn und kämpfte dagegen an verlegen blinzeln und an die schlichte Krone auf seinem Haupt fassen zu wollen. Stattdessen grinste auch er schief. Jedoch wurde der Moment schnell wieder etwas ernster. Anna lächelte leicht und mutete so befangen an. Wieso?

“Alles Gute.”, sagte sie aufrichtig “Ich wusste, dass du es irgendwann schaffst…”

Hjaldrist’s Blick wurde sanft, als er das hörte und sah, wie unbeholfen Anna dastand. Als Antwort trat der Mann einfach an die Jüngere heran und zog sie in eine innige Umarmung. Es war ihm egal, was sie oder die anderen davon halten mochten.

“Danke…”, murmelte er dabei leise “Für alles. Ohne dich und die anderen wäre ich jetzt nicht hier. Götter, ich bin so froh darüber, dass wir uns damals über den Weg gelaufen sind.”

“‘Über den Weg gelaufen’...”, wiederholte die Kriegerin verhalten glucksend “Du meinst wohl eher: ‘Dass wir uns gegenseitig die Fressen poliert haben’, Felsen.”

“Ja, oder so…”, lachte Hjaldrist in sich hinein, als er das Bild von damals, in Blandare, ganz genau vor Augen hatte. Und als er spürte, wie Anna seine Umarmung endlich erwiderte, fiel ihm ein riesengroßer Stein vom Herzen. Er atmete tief aus und lächelte erleichtert, als die Trankmischerin ihn fest an sich drückte und das Gesicht an seinen Kragen sinken ließ. Lang ließen die beiden Freunde so nicht voneinander ab und es war, als gäbe es nur sie beide auf der Welt. Hjaldrist wusste an diesem Punkt nicht, dass es das allerletzte Mal war, dass er Anna bei sich hatte und festhalten könnte. 

Erst nach einer Ewigkeit ließen die beiden Freunde einander wieder los und der neue Jarl drückte die Monsterjägerin sanft von sich, um sie anzusehen. Oh. Hatte sie etwa glasige Augen bekommen? Sie wurde doch nicht etwa rührselig?

“Trinken wir.”, schlug Hjaldrist vor und legte die Hand an die Wange seiner stillen Freundin “Wir haben es uns verdient.”

Und trinken, das taten sie dann im festlich dekorierten Saal mit den vielen Tafeln voller gutem Essen. Vor allem Haldorn und Hjalmar, der sich zu dem Gleichaltrigen an den Tisch gesetzt hatte und sich großartig mit dem jüngeren Bruder des Jarls verstand, soffen wie Löcher. Adlet, Märthe und Pavetta spielten irgendein simples Kartenspiel und Merle war gerade dabei unweit mit einigen Städtern zu lauter, hüpfender Musik eines lustigen, bärtigen Skalden zu tanzen. Ihre Mutter Swantje stand schunkelnd daneben und klatschte lachend zum Takt der Melodie. Die Atmosphäre in der Festung war ausgelassen und all die Menschen nach JAHREN wieder glücklich. Nur Anna, die wirkte noch immer etwas fehl am Platz. Gut, dass Hjaldrist genug süßen Met getrunken hatte, um sich darüber keine allzu großen Sorgen zu machen. Nach zwei großen Krügen Honigwein und etwas mahakamer Bier bemerkte er es nicht einmal mehr, dass seine stille Begleiterin aus Kaer Morhen längst nur noch Wasser trank. Und er wollte auch nicht realisieren, dass sie all ihre Ausrüstung noch immer am Körper trug, wo jeder andere Schwert und Rüstung längst abgelegt hatte. Hjaldrist redete sich ein, dass sie eben so war. Stets bereit und aufmerksam, wie man es ihr beigebracht hatte. Und er konnte Anna dafür nicht böse sein.

“Ich? In einer Festung…?”, fragte die besagte Frau und musste etwas betreten lachen, als sie sich am Hinterkopf kratzte “Ich glaube, da passe ich nicht hin.”

Hjaldrist hatte ihr vor wenigen Atemzügen ziemlich mutig vorgeschlagen doch ein großes Zimmer hier, in der Falkenburg zu beziehen. Etwas, das er nur nach drei Humpen Honigwein geschafft hatte, weil er davor einfach zu fahrig gewesen war. Anna hier eine Bleibe anzubieten war doch so, als schlüge man ihr vor sich gemeinsam niederzulassen. Ja, Götter, am liebsten hätte Hjaldrist sie ob all des Alkohols in seinem Blut gefragt, ob sie es sich vielleicht vorstellen könnte einen Jarl zu heiraten. Also natürlich rein theoretisch und ganz unverbindlich. Er ließ das in letzter Sekunde aber gerade noch bleiben. Zum Glück, denn sicherlich hätte er sich ganz schön blamiert.

“Hmm? Du hast doch schon einmal in einer Burg gelebt. In Kaer Morhen.”, wand Hjaldrist zurecht ein und musterte seine Kumpanin verwirrt. Im Hintergrund gewann Märthe gerade gegen ihre zwei Kartengegenspieler und jubelte ob dem freudig.

“Ja… ja, schon.”, meinte Anna murmelnd “Aber das war etwas Anderes. Kaer Morhen ist eine Ruine. Ein einsamer, kalter und zugiger Ort, an dem man hart trainiert und zusieht, dass man den Winter irgendwie übersteht…”

Die stammelnde Hexerin zögerte, ehe sie weitersprach und schien die Worte in ihrem Mund hin und her zu schieben, bevor sie sie ausspuckte. Sie hatte merkbar Probleme damit Augenkontakt zu halten.

“Das hier…”, die Braunhaarige nickte knapp in die warm erhellte Halle mit den hohen, schönen Fenstern und den dicken, tiefblauen Teppichen “Ist anders. Hier… ist man jemand. Man wird bedient, betüddelt, sitzt herum. Es ist nicht wie Kaer Morhen. Ich… ich würde mir eigenartig vorkommen, Rist. Ich fühle mich ja schon komisch, weil manche Leute glauben, ich sei eine Heldin.”

“Hmmm.”, machte der angeheiterte Hjaldrist daraufhin verständnisvoll “Wie wäre es dann mit einem Haus in der Gegend? Einige davon stehen frei. Oder… na, wenn du ein neues haben willst, lassen wir einfach eines bauen. Mit Kräutergarten, Stall und all dem Kram. Wenn du willst auch etwas weiter abgelegen. Du magst es schließlich nicht inmitten so vieler Leute zu sein.”

Man sah, wie Anna die Brauen weit zusammenzog und den hoffnungsvollen Jarl ansah, als wüsste sie nicht, ob der gerade einen Scherz gemacht hatte. Dann fiel es ihr aber wohl wieder ein, dass Hjaldrist es sich jetzt tatsächlich leisten könnte einfach so ein Haus für eine Freundin zu bauen. Befangen wich sie seinem eindringlichen Blick schlussendlich aus und rieb sich den Nasenrücken, seufzte leise. Der Undviker legte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich abwartend ein Stückchen weit vor. Der Pelzumhang Pavettas kitzelte ihn im Nacken. Er hatte doch nichts falsches gesagt, oder?

“Ich… ich glaube, das wäre nichts für mich. Ich will kein Haus. Du kennst mich doch.”, meinte die Novigraderin dann endlich. Sie wirkte scheu und als habe sie ein schlechtes Gewissen. Das war seltsam und passte ganz und gar nicht zu ihr. Sie verhielt sich schon die ganze Zeit über so schüchtern. Womöglich hatte sie einfach zu wenig getrunken. 

“Hm. Überlege es dir einfach, ja?”, schlug Hjaldrist gutmütig vor und schob seiner Engsten seinen Krug zu “Und sage mir Bescheid.”

Anna nickte schwach. Und wäre der Skelliger völlig nüchtern gewesen oder hätte er davon abgesehen Offensichtliches auszublenden, hätte er allerspätestens jetzt verstanden, dass die flatterhafte Kurzhaarige nicht bleiben würde. Dass es sie schon die ganze Zeit paranoid von hier weg zog, als lauere auf Undvik eine unüberwindbare Gefahr. Als sei das bunte Fest rund um die Jarlskrönung eine finstere Drohung an sie. Hjaldrist hatte absolut keine Ahnung von dem, was bevorstand.

“Kannst du wenigstens etwas mit einem Pferd anfangen? Du hast doch keines mehr, seit du Salamireserve verscherbelt hast.”, wollte der gutmütige Mann wissen und lachte schon wieder leise “Ich will dir irgendetwas schenken, Anna. Dafür, dass du mir so viel geholfen hast. Nimm irgendetwas an, sonst fühle ich mich schlecht.”

Nun blickte die konfrontierte Frau wieder auf.

“Mh? Ein Pferd?”, fragte sie skeptisch und runzelte die Stirn. Hjalmar hatte damit angefangen mit Haldorn Piratenlieder zu singen und dies ziemlich schief, doch mit Begeisterung.

“Ja, ein Pferd. Wir haben einige in den Stallungen und sicherlich gefällt dir eines davon. Irgendeines. Du hast die freie Wahl.”, erklärte der Axtkämpfer in der grünen Tunika großzügig und tatsächlich wäre es für ihn auch völlig in Ordnung, würde Anna das beste, teuerste Ross nehmen, das der Züchter des Clans hergeben könnte. Er würde IHR alles geben und sie wusste das doch. Oder nicht? War er etwa zu aufdringlich? Das wollte er nicht sein. Er wollte seiner Freundin einfach nur zeigen, wie gern er sie hatte und dass er ihr zutiefst dankbar war. Das war alles.

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