Kapitel 96

Er war schuld

Ein Nachteil daran ein Jarl zu sein war, dass man nicht einfach so in Unterwäsche durch sein Heim spazieren konnte, nachdem man sich aus dem warmen Bett geschält hatte. Also trug Hjaldrist kurz nach dem Aufwachen schon ordentliche Kleidung und hatte auch nicht auf die noch so ungewohnte Krone vergessen, die sich wie angegossen um seinen Kopf legte. Sie war schmal und schlicht, daher nicht schwer, und der Mann war wirklich froh darüber. Er hätte sich nämlich lächerlich gefühlt, hätte er irgendein protziges Symbol seines Standes tragen müssen. Es hätte einfach nicht zu ihm und seiner Bodenständigkeit gepasst. Nun war er jedenfalls guter Dinge und auf dem Weg, um nach Anna zu sehen. Sicherlich schlief diese Chaotin noch tief und fest und er würde sie wecken müssen. Hjaldrist hatte keine Lust darauf alleine zu frühstücken. Und nach der letzten Nacht wollte er seine große Liebe sehen. Es war nämlich nach wie vor gewöhnungsbedürftig gewesen alleine und auch noch in einem riesigen Zimmer zu schlafen. Der ehemalige Reisende war dies nicht mehr gewöhnt. Und er hatte Anna vermisst. Dass die beiden schwarzen, großen Hunde der Familie ihm Gesellschaft geleistet hatten, hatte daran nichts geändert. Einer der beiden zotteligen Hunde, Hugin, folgte dem Jarl gerade hechelnd und dies würde Hjaldrist gleich ausnutzen. Er grinste schelmisch, als er sich nach dem treuen Tier umsah, dessen Pfoten so groß waren, wie eine Menschenhand.

“Wecken wir Anna gleich, Hugin?”, fragte er jenen “Sicherlich bekommt sie einen ganz schönen Schrecken, wenn du zu ihr ins Bett kommst und ihr das Gesicht ansabberst.”

Der Hund, der sicherlich kein Wort verstand und trotzdem begeistert kläffte, wedelte mit dem Schwanz. Und Hjaldrist lachte leise, als er den breiten Korridor erreichte, der zu den Quartieren der zwei Dutzend Huskarle führte. Er eilte nahezu, denn er konnte es kaum erwarten seine Freundin mit einem seiner Hunde bekannt zu machen, die man unter Haldorn stets im Zimmer von Merle eingesperrt hatte, da sie Orlan nicht gemocht hatten. Munin hatte den Wahnsinnigen angeblich einmal gebissen und das Arschloch hatte den armen Hund dafür töten wollen. Gerade noch rechtzeitig hatte sich die kleine Merle dazwischengeworfen und gesagt, sie schließe die beiden Tiere bei sich ein und hole sie nur raus, um mit ihnen Gassi zu gehen. Schrecklich. Hjaldrist war froh darüber, dass seine Schwester die armen Vierbeiner gerettet hatte.

Frohen Mutes bog der neue Jarl kurz vor den Soldatenquartieren in den Korridor linkerhand und ohne anzuklopfen, fasste er nach der Türklinke zu Anna’s großem Gästezimmer. Die Türe folgend mit lautem Tamtam und einem ‘Aufstehen, Sonnenschein!’ auf den Lippen aufschlagend, schickte er Hugin vor. Der schwarze Hund sprang voran und auf das Bett, um laut zu bellen und mit der Rute zu wedeln. Er drehte sich einmal im Kreis und legte sich dann zufrieden hin. Und er hatte dabei genug Platz, denn… denn Anna war nicht hier. Hjaldrist hielt inne, als er das bemerkte, und seine braunen Augen wanderten irritiert. Nicht nur seine Freundin fehlte. All ihre Sachen waren ebenso fort. Anna’s Gepäckstück, das sie gestern im Hafen wiedergefunden hatte, hätte zumindest hier sein sollen. Doch das war es nicht. Und auch ihre Waffen waren weg. Der Raum sah aus, als sei er nie benutzt worden und dies fühlte sich an, wie ein harter Schlag direkt ins Gesicht.

Hjaldrist wich einen Schritt weit zurück und verzog die Miene verwirrt. Der Mund stand ihm in seiner negativen Überraschung einen Spalt weit offen.

“Anna...?”, fragte er, obwohl er wusste, dass sie nicht hier war. Sie hätte ihm keinen Streich gespielt, in dem sie sich vor ihm versteckte und dann aus dem Schrank sprang, um ihn laut auszulachen. Das wäre selbst dieser bescheuerten Idiotin zu dumm. Und trotzdem schritt der Mann in das Zimmer, um sich suchend umzusehen. Er kam an den Kleiderschrank und riss ihn mit schnell klopfendem Herzen auf. Er war leer. Der Jarl fuhr mit blasser werdendem Gesicht herum.

“Nein…”, keuchte er leise, als ihn eine düstere Befürchtung beschlich. Nein, das konnte doch nicht sein. Anna war doch nicht etwa fortgelaufen, oder? Warum hätte sie das tun sollen? Warum?

“Nein, nein.”, atmete der 29-Jährige und fuhr herum, um sofort mit wehendem Mantel aus dem Gästezimmer zu stürmen. Hugin machte keine Anstalten ihm weiter folgen zu wollen.

Hjaldrist’s Füße trugen ihn in die Große Halle und anwachsende Panik trieb ihn voran. Bei dem ersten Huskarl, den er sah, blieb er völlig aufgelöst stehen und erwischte den breiteren Krieger auffordernd am dunklen Ärmel. Der Gardist blinzelte überfordert.

“Anna.”, keuchte dessen Vorgesetzter in der blauen Wolltunika “Hast du sie gesehen? Hast du Anna gesehen?”

“Was…?”, murmelte der Huskarl perplex “Nein. Warum?”

Der Jarl ließ den Mann wieder los und sah sich um. Ohne sich weiter zu erklären, machte er kehrt und rannte los, als sei ein Dämon hinter ihm her; Ein dunkler Schatten aus Angst, Trauer und Verlust. Mit Klauen voller klebrigem Pech wollte er nach dem Mann fassen und ihn nicht mehr loslassen. Hjaldrist würde ihm nicht entkommen.

“Anna!”, brüllte der heisere Undviker aus Verzweiflung und Ermangelung anderer Alternativen. Denn… denn vielleicht war sie ja doch irgendwo hier. Womöglich würde sie ihn hören, zu ihm kommen und ihn mit einem dummen Schmunzeln im Gesicht fragen, was denn nur los sei. Wie von Sinnen lief Hjaldrist also weiter, doch Anna tauchte all den Hoffnungen zum Trotz nicht auf. 

Der aufgelöste Axtkämpfer kam zum Burgtor und blieb dort atemlos stehen. Von hier aus konnte man die halbe Insel überblicken, denn die Festung lag erhaben auf einem Hügel. Aus geweiteten, angstvollen Augen sah der Jarl in die Ferne. Seine Aufmerksamkeit streifte hektisch durch die Straßen der Stadt, über die verschneite Ebene vor dem Ort, den hohen Bergen und dem Meer entgegen. Kein roter Mantel, keine Frau auf einem Pferd, kein auslaufendes Schiff. Wieder schrie der Krieger nach seiner vermissten Freundin und es war ihm einerlei, dass die Torwachen ihn irritiert anstarrten. Sich absolut ohnmächtig fühlend blinzelte Hjaldrist und versuchte zu Luft zu kommen. Er war wie ein Wahnsinniger bis hierher gerannt. Und er würde auch weiterlaufen. Er nahm sich zusammen und hetzte los, um die Stufen zu nehmen, die von der Falkenburg fort und gen Stadt führten. Einer der Huskarle kam ihm nach und es war Hjaldrist egal. Auf den Straßen Caer Gvalch’cas angekommen, rannte der Undviker weiter und die Leute gafften. Sollten sie doch. Auf halbem Weg zum Stadttor kam Hjaldrist Eidith entgegen, die Skrugga, die bei den Waschweibern arbeitete, und hielt ihn auf.

“Jarl!”, machte sie verdattert “Was ist los?”

Sofort fuhr der Langhaarige mit der Krone am Haupt zu der Dame mit der Schürze herum und erwischte sie an beiden Oberarmen. Sie gab einen hohen, erschrockenen Laut von sich.

“Anna.”, seufzte der schwer atmende Adelige “Wo ist sie?”

“Äh!”, machte Eidith, doch schien gleich zu kapieren, was vor sich ging. Ihr Gesicht wurde wieder viel härter.

“Wo ist sie?”, wollte Hjaldrist herrisch wissen und er verschluckte sich fast, als er gleich eine schlimme Antwort bekam.

“Fort. Denke ich.”, sprach die Wäscherin leise.

“Wa… was?”

“Der Stalljunge meinte, sie habe gestern Nacht eines der Pferde genommen und sich mit der Stadtwache angelegt, um den Ort trotz der Dunkelheit verlassen zu dürfen.”, erzählte Eidith sofort leise “Sie ist eine Heldin, daher wollte sich ihr niemand in den Weg stellen. Man öffnete ihr das Tor.”

Hjaldrist starrte sein Gegenüber entsetzt an und fühlte sich auf einmal so… taub.

“Die Festlichkeiten in der Burg waren noch voll im Gange, als sie abreiste.”, berichtete Eidith “Wenige Stunden darauf tauchte ein anderer Hexer auf. Ein Mann mit Glatze, der dich und Arianna wohl kennt. Er kam am frühen Morgen, doch meinte sie nicht gesehen zu haben.”

“Nein…”, entkam es dem keuchenden Jarl leise und dass Eidith ihm gerade Lado beschrieben hatte, zog wirkungslos an ihm vorbei. Ein harscher Wind brauste über das verschneite Land und brachte die Tannen nahe der Stadtmauer zum Rauschen. Vereinzelte, dicke Schneeflocken wirbelten umher und es war so kalt, dass der unregelmäßig gehende Atem Hjaldrists als weißer Dunst aufstieg. Doch er spürte die Eiseskälte nicht.

Eidith’s Worte reichten zuletzt aus, um Hjaldrist die Augen mit einem Mal zu öffnen; ihn sehen zu lassen, warum sich seine beste Freundin gestern Abend so abweisend und unsicher gegeben hatte. Oh, warum war es ihm denn nicht gleich klar gewesen? Er hätte etwas dagegen machen können, dass sie ging, ganz bestimmt! Er hätte sie hier halten können, irgendwie! Stattdessen war sie gegangen, während er noch gefeiert hatte und er hatte es nicht einmal bemerkt. Scheiße. Scheiße, Scheiße. Wie im Schock ließ Hjaldrist die Skrugga jetzt los und wandte sich halb von jener ab, um wie in Trance vor sich in die Leere zu sehen. Der Huskarl, der ihm gefolgt war, war auch da, doch Hjaldrist ignorierte den Mann, der fragte, ob alles gut sei.

“Sie ist weg… sie ist weg...”, wisperte der verzweifelte Jarl zu sich selbst und diese Worte, die sich anhörten, als habe sie jemand anders gesagt, schmerzten immens. Sie waren wie ein riesiger Speer aus Eis, der sich in die ungeschützte Brust des Kriegers grub und ihn mit einem Ruck aufspießte, ihn wehrlos zurück und ausbluten ließ. Es war, als schlüge sein Herz langsamer, obwohl er vom hierher Hetzen noch schwer keuchte und ihm die kalten Hände zitterten. Der Gedanke daran, dass Anna regelrecht vor IHM und von Undvik ‘geflohen’ war, lähmte ihn, schwächte ihn, ließ seine dunklen Augen unstet wandern. Ein enormes Gewicht zerrte seine Schultern gen Grund, klammerte sich gierig an ihn und der kühle Wind schien ihn laut zu verspotten. Er fühlte sich so klein. Und der pechschwarze Dämon, der ihn bis hierher gejagt hatte, packte ihn.

“Sollen wir sie zurückholen?”, drang eine trockene Stimme an Hjaldrist heran und er zuckte erschrocken zusammen, bevor er ganz entrückt aufsah. Eidith stand nun mit hinter dem Rücken verschränkten Armen bei ihm und wartete augenscheinlich auf Befehle. Anna zurückholen…? Die trockenen Lippen des neuen Jarls standen einen kleinen Spalt weit offen, als er lange starrte und seine Gedanken nur so im Kreis sprangen. Sein Kopf arbeitete wie wahnsinnig und fühlte sich dennoch leer an. So leer. Was sollte er nur tun? Anna war nicht mehr hier. Er wollte, dass sie wieder zurückkam. Er liebte sie. Hjaldrist’s Kehle brannte und seine Brust wurde ihm viel zu eng zum Atmen.

“Was…?”, wisperte der Geplagte, ehe er sich einigermaßen und für wenige Momente fing. Er haderte mit sich. Ihm war übel geworden, eiskalt. Er wollte schaudern und seine braunen Augen waren gläsern.

“N-nein…”, entschloss er plötzlich und glaubte sich selbst kaum “Nein. Lasst sie.”

Denn wie lautete dieses eine Sprichwort aus Toussaint noch gleich? Das, das Ravello einmal theatralisch seufzend erwähnt hatte? ‘Wenn du etwas liebst, lass es ziehen.’ und… und ‘wenn es zu dir zurückkommt, dann gehört es dir für immer.’

“Ja, lasst sie...”, sagte der dunkelhaarige Mann mechanisch und sah den pflichtbewussten Jarlsschatten bei sich knapp nicken. Hjaldrist sah wieder fort, ehe die Entgeisterung erneut ungnädig nach ihm haschte und seine sehnsüchtigen Augen das unweit gelegene Stadttor suchten. Anna war nicht dort draußen. Er war allein. Und dieser trostlose Gedanke tat unglaublich weh. Oh, es wollte ihn zerfetzen. Eine plötzliche Schwäche machte dem Jarl die Beine wackelig und sein aufmerksamer Huskarl hielt ihm sofort einen Arm hin, damit er sich zerfahren daran festhalten könnte. Er krallte sich auch dann noch an die Armschiene aus dickem Leder, als er zwei Wimpernschläge später auf die Knie ging und den Kopf dabei tief hängen ließ. Es war ihm egal, dass all die Leute ihn so sahen. Und es war ihm einerlei, dass der Huskarl und die Skrugga bei ihm seine dicken Tränen erkannten. Oh, er fühlte sich geschlagen, besiegt, getreten wie ein Straßenköter, wertlos. Hjaldrist kam sich just erdrückend ohnmächtig und unbeholfen vor, obwohl er seit gestern Abend ein mächtiger Mann der Inseln war. Er wusste nicht, was er tun sollte. Anna war fort und es fühlte sich an, als habe sie einen Teil von ihm mit sich genommen.

 

In den folgenden zehn Tagen kümmerte sich Swantje, die Mutter des neuen Jarls der Winterinsel, selbstbewusst darum nach Orlan’s Tyrannei wieder für etwas Ordnung zu sorgen. Sie nahm Briefe entgegen, schickte offizielle Schreiben an andere Clans oder das Festland, sprach mit den Bürgern, setzte sich mit Henrik und dessen Huskarlen auseinander und mehr. Denn Hjaldrist war wie vom Erdboden verschluckt. Der Mann hatte sich in seinem alten Zimmer eingeschlossen, anstatt ganz traditionell den früheren Raum seines Vaters zu beziehen, und kam nur selten heraus. Und wenn, dann sah er dabei so schlecht aus, dass man die Leibgarde angewiesen hatte ein Auge auf ihn zu haben, da man fürchtete, er täte sich etwas an. 

Lado war am Tag von Anna’s Verschwinden auf dem kalten Undvik aufgetaucht und hatte sich betreten dafür entschuldigt zu spät zu sein. Er sei aufgehalten worden und habe nach Neujahr nicht auf Anhieb ein Schiff gefunden, um zu seinen zwei Freunden aufzuschließen. Die glatzköpfige Viper war auch heute noch da und wollte ein paar Monsteraufträge erledigen, bevor sie wieder nach Siofra ging. Es war Hjaldrist egal. Er hatte Lado lieblos ein Zimmer zugewiesen, ihm gleichgültig freie Hand in Ungeheuerdingen gegeben und den Krieger dann noch ein, zwei Mal gesehen. Öfter wollte er das auch nicht. Der Undviker, der die meiste Zeit im Bett verbrachte, wollte allein sein. Ganz allein mit sich, seinem gebrochenen Herz und dem Pechschwarz, das an seiner Zimmerdecke hing und breit lächelte. Und nichts interessierte ihn zu dieser Stunde weniger, als politische Angelegenheiten, Hexeraufträge oder jedwelche Pflichten gegenüber seiner Stadt. Es tat ihm leid, da er gerade zu dieser Zeit als neuer Clananführer brillieren sollte. Aber… aber er konnte nicht.

 

*

 

“Das Schiff gehörte Alrik Eklund.”, beendete die zierliche Frau vor Hjaldrist ihre Ansprache. In Pluderhosen mit grünen Längsstreifen und dunkelblauer Tunika mutete sie nicht an, wie eine verschlagene Spionin. Doch das tat kein Mitglied der Skrugga. Nur dämliche, unfähige Zuträger kleideten sich so, dass man ihnen ihre Profession ansah. Die Blonde mit den halblangen Haaren hatte die Schultern gestrafft und ihr Ton zeugte von Respekt. Den hatte sich der neue Jarl Undviks durch das Stürzen seines größenwahnsinnigen Onkels verdient. Jeder behandelte ihn, als sei er ein großer Held, den man besingen musste. Nur er selbst… fühlte sich irgendwie nicht so. Finster hingen seine Augen auf dem Jarlsschatten vor ihm, als er der kleineren Frau in der Haupthalle der Falkenburg gegenüberstand. Sie war erst vor wenigen Momenten aufgetaucht, um davon zu berichten eine Abtrünnige auf der Insel gesichtet zu haben. Svenja. Und in diesem Zuge hatte der anwesende Schatten auch von der gesprochen, die Skellige vor genau fünf Wochen und zwei Tagen verlassen hatte. Von Arianna. Hjaldrist hatte die ganze Zeit versucht nicht mehr an sie zu denken und er hatte sich vehement dagegen ausgesprochen noch irgendetwas über sie in Erfahrung zu bringen. Alleine der kleinste Gedanke an sie tat unheimlich weh und daher wollte er sie vergessen. Nun aber, stand hier eine pflichtbewusste Skrugga vor ihm und erzählte Hjaldrist, dass Svenja Anna geholfen hätte auf dem Boot seines früheren Vergewaltigers zu verschwinden. Bei Hemdall!

Mehr als nur unzufrieden zuckte einer der Mundwinkel des negativ überraschten Jarls und im Geiste ermahnte er sich drängend zu Fassung. Seine Stimme war kühl, als er sprach und er wirkte gehalten. Doch am liebsten hätte er getobt.

“Alrik lebt noch hier?”, fragte er unwissend. Wie hatte er diesen Hurensohn nur vergessen können? Und warum hatte er gedacht, es gäbe jenen nicht mehr? Als hause er nicht mehr auf Undvik, so, wie früher?

“Ja. Ja, natürlich.”, entgegnete die Spionin in der gestreiften Hose und dem breiten Taillengürtel wirr, als sie dastand, wie eine Eins “Im ehemaligen Haus seiner Eltern gegenüber der Schänke am Hauptplatz. Warum?”

Sie hatte keine Ahnung.

“Wo ist er jetzt?”, hakte Hjaldrist weiter nach, ohne auf das irritierte Nachfragen seines Gegenübers einzugehen. Haldorn stolzierte unweit mit einem Freund durch die weitläufige Halle, gestikulierte wild und lachte donnernd. Er ignorierte ihn.

“Alrik ist nicht hier. Sein Schiff ist noch nicht wieder im Hafen aufgetaucht. Vermutlich ist er auf einem Beutezug.”, berichtete die Blondine weiter und kratzte sich anschließend unschlüssig am Kinn “Aber... sollten wir uns nicht eher auf Svenja konzentrieren?”

Hjaldrist schwieg. Ja, es war heikel, dass die besagte Rothaarige irgendwo auf Undvik war und man sollte sie auch einfangen und fortsperren. Der neue Jarl würde ihre Anwesenheit nicht dulden. Nicht, nach dem, was sie in der Vergangenheit angestellt hatte. Nur… warum beschäftigte es ihn so viel mehr, dass Alrik Anna von hier fortgebracht hatte? Als wären die Vergehen dieses verkommenen Bastards von vor vielen Jahren nicht genug gewesen, hatte er der Giftmischerin aus Kaer Morhen zur Flucht verholfen. 

Alrik. Dieser widerwärtige Narr. 

Hjaldrist biss die Kiefer so fest aufeinander, dass man deren Muskulatur arbeiten sehen konnte. Tief atmete er durch die Nase durch und wich dem abwartenden Blick des Jarlsschattens nachdenklich aus. Grimmig und voller Missmut fixierte er einen beliebigen Punkt an einer gegenüberliegenden Steinsäule. Da war ein schwarzer Fleck. War das Ruß von den Fackeln?

“Sagt mir Bescheid, sobald Alrik wieder hier ist.”, befahl Hjaldrist mit eisigem Ton, obwohl er eigentlich hatte unberührt wirken wollen. Man musste ihm seinen verhaltenen Hass gerade ansehen und -hören. Das war nicht beabsichtigt gewesen.

“Verstanden.”, nickte die Blonde sogleich “Sollen wir ihn dann zu dir bringen?”

“Nein.”, entkam es dem Mann mit der schlichten Krone am Haupt und der bestickten Tunika in Grün “Ich will, wenn es soweit ist, nur wissen, wo er sich aufhält.”

Die Skrugga schenkte dem verstimmten Hjaldrist einen eigenartigen Blick, doch hinterfragte seine Entscheidung nicht. Sie wollte schon gehen, hielt dann aber doch noch einmal inne.

“Und was ist mit Svenja?”, fragte sie, als sie sich nach ihrem Anführer umsah.

“Findet sie. Sperrt sie ein.”, kam es als kurze, trockene Antwort, als sich der 29-Jährige schon abwendete, um zu gehen. Er wollte raus, irgendwohin, am Meer entlang spazieren. Hier drin würde er gerade nur verrückt werden und zornig im Kreis laufen, denn dieser Alrik ging ihm nun nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht geschah es zum Teil unbewusst, doch er schob diesem Arschloch gerade noch mehr Schuld zu, als es ohnehin schon trug: Die Schuld daran Arianna fortgebracht zu haben. Im verblendeten Hirn des Kriegers, der die Hände zu zitternden Fäusten ballte, war es plötzlich das Vergehen seines ungeliebten Landsmannes, dass sie fort war, denn jener hatte dies überhaupt erst ermöglicht. Oh, und er würde dafür sterben. Nicht nur für das, was er Hjaldrist früher einmal angetan hatte, nein. Sondern auch dafür, dass er die Novigraderin mit den kurzen Haaren auf sein Schiff gelassen und einfach mitgenommen hatte. Diese Tat hatte das Fass nämlich zum Überlaufen gebracht. Ja, wäre Alrik nicht gewesen, wäre Anna doch noch hier, oder nicht? Bestimmt. Er war schuld. Hjaldrist würde diesen Kerl töten, koste es, was es wolle.

 

Es dauerte keine drei Tage, bis man die zeternde Svenja in die modrigen Kerker geworfen hatte, und eine Woche, bis Alrik in das verschneite Undvik zurückkam. Während die rothaarige Skelligerin Hjaldrist kaum interessierte - sollte sie doch erstmal im Keller der Burg verrotten -, horchte er sofort aufmerksam auf, als einer seiner treuen Jarlsschatten bei ihm erschien, um ihm davon zu berichten, dass das alte Boot Alriks im Hafen angelegt hatte. Und dass dessen Besitzer nun in der nahen Taverne war, um dort seinen Sieg über irgendein kleines oxenfurter Handelsschiff zu feiern. Hatte Hjaldrist zuvor noch stumm und in Gedanken versunken auf seinem Thron gelehnt und sich gefragt, ob er später mit Pavetta und Merle spazieren gehen sollte, setzte er sich nun sofort gerader hin und wirkte abrupt hellwach. Er stemmte die behandschuhten Hände auf seine Armstützen und lehnte sich mit gespitzten Ohren vor, um seinem Bediensteten aufgeregt zu lauschen.

“Er ist mit sechs seiner Leute dorthin. Und ich denke, er wird auch bis spät in die Nacht im ‘Blauen Kraken’ bleiben.”, schätzte der Zuträger noch, der vor seinem aufgerüttelten Anführer stand. Auf seinem Kopf trug er eine weite Kapuze und seine Schultern zierte ein altes Fuchsfell. Hjaldrist schloss die trockenen Lippen, die ihm zuvor noch einen kleinen Spalt weit offen gestanden waren.

Alrik war also wieder da. Endlich.

Der Jarl erhob sich nach einem kurzen Zögern und fasste nach der wertvollen Familienaxt, die an seiner eher spartanischen Sitzgelegenheit gelehnt hatte. Unter fragenden Blicken und ohne noch ein einziges Wort zu verlieren, verließ er die große Halle dann. Seine Schritte trugen ihn nicht eilig, doch unglaublich selbstsicher über den steinernen Boden der Festung; hinaus auf die große Freiterrasse und bis zur breiten Treppe, die in den Hof führte. Der Blick des Entschlossenen war starr und dunkel nach vorn gerichtet, sein grau melierter Fellumhang Pavettas wurde durch den eisigen Winterwind gebauscht. Hjaldrist’s kalte Finger umklammerten Erlklamm fest. Und vielleicht war er in diesem prekären Moment nicht so recht er selbst. Aber das war er ohnehin seit Wochen nicht mehr.

Es sorgte für Aufsehen, als der Jarl der Insel dann, wenig später, plötzlich in den ‘Blauen Kraken’ kam, als habe ein bedrohlicher Eisriese die Taverne aufgesucht. Hjaldrist war nie ein Mann gewesen, den man auf dem harten Skellige als imposant bezeichnet hatte. Dafür hatte er einfach zu feine Züge, zu wenig Bart und außerdem gehörte er nicht zu den muskelbepackten oder dicken Kerlen, die an massive Schränke erinnerten. Doch in diesem bedeutsamen Moment war dies einerlei. Nun, da er das Oberhaupt auf Undvik war und das Gasthaus mit unglaublichem Zorn im Blick und seiner Waffe in der Rechten betrat, machte jeder große Augen, denn sein ganzes Auftreten war erdrückend. Man sah es ihm an, dass er unglaublichen Ärger mit sich brachte und das Selbstbewusstsein in seinem Handeln ließ ihn um Köpfe größer anmuten. Der bis zum Kinn tätowierte Rausschmeißer des Hauses erhob sich von seinem Platz, doch hielt inne, als er Hjaldrist erkannte, und beobachtete, was geschehen sollte. Er wäre dumm gewesen, hätte er seinem Jarl befohlen die Axt auf der Hand zu geben und keinen Unfrieden zu stiften. Ja, obwohl der Hüne im Dienst der Taverne ein Bär von einem Krieger war, dachte er nicht daran den im grünen Rock auch nur einen Deut herrisch anzusprechen. Daher verharrte er an Ort und Stelle; so, wie es jetzt auch so viele andere taten. Niemand sprach ein Wort, aß oder trank mehr. Selbst der Skalde in der Ecke hatte damit aufgehört auf seiner Sackpfeife zu spielen.

Der grantige Träger von Erlklamm hielt indes nicht inne. Schnurstracks marschierte er auf den zu, den er sofort als Alrik wiedererkannte. Und eben jener konnte sich kaum versehen, da wurde mit ihm der voll beladene Esstisch abgeräumt. Tonbecher klirrten, als sie zu Boden fielen und zerbrachen, Alkohol schwappte, Metall schepperte, Schüsseln voller Eintopf schlugen am Grund auf und verspritzten ihren heißen Inhalt bis auf Kniehöhe. Es roch nach Bier und Suppe, die zwischen die Dielen sickerten. Es stank nach altem Schweiß von Heimgekehrten und scharfem Schnaps von Übersee. Die sechs Männer des angegriffenen Piraten im blauen Hemd sprangen auf und fuhren herum, zogen ihre geschliffenen Messer, doch stockten aberplötzlich in ihrem Tun, als sie verstanden, wer angegriffen hatte und was weiter passierte: Alrik war von Hjaldrist einmal quer über den verschmierten Tisch geworfen worden und hatte sich gerade noch so gefangen, um nicht von dessen Platte auf den harten Boden zu stürzen. Taumelig kam er auf die Beine und wich gerade noch aus, als Erlklamm neben ihm wuchtig und bluthungrig in die Tischplatte geschlagen wurde. Scharf sauste sie darauf nieder, fraß sich mit einem lauten, dumpfen Rumsen in das Holz und spaltete jenes beinahe. Der große, braunhaarige Mann erschrak merklich und riss die Augen auf, wich zurück und stieß dabei mit den Kniekehlen an die lange Sitzbank.

“Du…”, grollte der Jarl Undviks außer sich und fasste ruckartig nach vorn, um seinen Widersacher am breiten Kragen mit der vergilbten Borte zu erwischen. So fest packte er zu, dass er Alrik würgte, und in seiner Raserei war er kräftig genug, um den älteren Bastard sofort auf die abgenutzte Holzbank nieder zu zwängen. Jener war so perplex, dass er bloß starrte, während er in eine sitzende Position gezwungen wurde. Aus geweiteten Augen sah er zu dem auf, den er vor vielen Jahren auf das Übelste bloßgestellt hatte und er keuchte, da er gewürgt wurde. Jetzt, da hatten die beiden Männer die Rollen getauscht, so schien es. Heute, da war der gewaltbereite Hjaldrist derjenige, vor dem der gepackte Alrik Angst bekommen sollte.

“Du hast sie mitgenommen.”, knurrte der Jarl im grünen Mantel wütend und sein Opfer konnte vor Überraschung kaum sprechen. Hjaldrist’s Zähne mahlten vor Ärger.

“W-was…”, presste Alrik hervor und seine vielköpfige Mannschaft gaffte nur nervös. Niemand war so blöde dem bedrängten Kapitän des marodesten Schiffes der Winterinsel helfen zu wollen. Auf Undvik war Hjaldrist schließlich derjenige, der entschied, was geschah. Er setzte fest wer belohnt und wer bestraft wurde, wer in den dunklen Kerker kam und wen man hinrichtete, wem man Auszeichnungen verlieh und wen man öffentlich blutadlerte. Heute, da würde er selbst der Henker sein. Alrik sollte sich geehrt fühlen.

“Wen? S-Svenja?”, wollte Alrik erstickt wissen und der Dunkelhaarige, der ihn noch immer am Kragen festhielt, schnaubte grimmig-amüsiert. Er sagte nichts, doch dem stinkenden Seeräuber mit dem Goldzahn fiel es keinen Atemzug später schon wie Schuppen von den Augen. Er schien einen Teil von dem zu verstehen, was den Jüngeren heute hierher getrieben hatte.

“Ich-”, fing er an, doch der Axtkämpfer drängte ihn vor Zorn und mit dem Kreuz voran so fest der dicken Tischkante entgegen, dass er ächzen musste.

“Deine Motive sind mir egal, du Abschaum.”, flüsterte Hjaldrist rachsüchtig und stieß Alrik von sich. Dessen Rücken knallte dadurch dumpf gegen die Kante des Tisches. Überfordert wollte sich der Vergewaltiger an seiner Sitzgelegenheit abstützen, als der Vergeltung übende Jarl seine Waffe mit einem Mal wieder aus dem Tisch dahinter zog. Hjaldrist senkte den Blick leicht, überlegte. Dann nahm er rücklings abweichend Abstand und das mit einem finsteren, berechnenden Ausdruck in den sonst so ruhigen Augen. Der Viertelelf würde niemanden töten, der sich nicht wehren konnte. Er wollte kämpfen.

“Boss…”, murmelte einer der Freunde Alriks mit einer unglaublich schlechten Vorahnung im Ton und ein leises Raunen und Staunen ging durch alle Anwesenden. Alle aufmerksamen Blicke der Gasthausbesucher wanderten zu dem, der hier herausgefordert wurde. Erwartungsvoll und gespannt gafften sie. Alrik könnte sich nicht gegen das wehren, was sein Jarl hier tat. Er müsste kämpfen, auch, wenn es ihm vielleicht nicht behagte oder er am liebsten gegangen wäre. Dennoch zögerte er sprachlos und saß auf seinem Platz, wie ein überrumpelter Tor, ein begossener Köter. Das war etwas, das dem aufgestachelten Hjaldrist ganz und gar nicht gefiel. Er holte Luft für eine laute, herrische Aufforderung.

“Komm her!”, tönte der Jüngere kampfeslustig und heiser, während seine Augen auf seinem Gegner hingen. Leicht verengte er sie, böse. Denn er sah hier, vor sich, den verabscheuungswürdigen Grund für das Verschwinden seiner großen Liebe. Hatte er in den letzten Wochen so viel hinuntergeschluckt und geschwiegen, gegrübelt und für sich allein gelitten, so kam jetzt die unhaltbare, unterdrückte Wut hoch. Sie bündelte sich und richtete sich einzig allein auf Alrik, dieses verdammte Arschloch, das Anna über das Meer von hier fortgebracht hatte. Weg von Hjaldrist, ganz weit weg. Oh ja, der Jarl hatte Alrik schon immer abgrundtief gehasst, doch jetzt war die Abscheu jenem gegenüber so groß, dass er es kaum mehr aushielt. Er glaubte noch vor Zorn zu platzen.

Der Sitzende im blauen Oberteil zögerte und sah sich ziemlich verunsichert zu seinen Kollegen um. Etwas, das er vermutlich nicht getan hätte, hätte sein aufgebrachter Gegner nicht den Rang eines Jarls innegehabt. Alrik war schließlich immer ein ungnädiger Schläger gewesen - und schlimmer. Jemand, wie er wartete normalerweise nicht lange, bevor er jemanden attackierte, nicht wahr? Dieses Monster.

“Ich sagte: Komm her!”, befahl Hjaldrist erneut rau und dieses Mal so viel ernster, als noch zuvor. Er biss die Zähne zusammen und während er den Hurensohn ansah, der sich nur schleppend von seinem sicheren Platz erhob, sah er Anna. Wie sie gehetzt davonlief und sich auf ein halb kaputtes Schiff stahl. Wie sie floh, obwohl man nur das Beste für sie gewollt hatte. Und wie sie entgeistert weg linste, nachdem man ihr gesagt hatte, dass man sie liebte. Zuerst, hatte all dies den anwesenden Axtkämpfer traurig gemacht. Was war er nur verzweifelt und was hatte er allein geweint. Wie ein Schlosshund hatte er in den letzten Wochen geheult. Immer und immer wieder. Seine langjährige Freundin zu vermissen war das Härteste, was man sich vorstellen konnte, und noch nie hatte er solch einen extremen Verlust verkraften müssen. Doch… hatte ihn dies zuvor noch in ein schwarzes Loch aus Trauer gezogen und schmerzlich verbittern lassen, so wurde es jetzt zu Wut. Zu bloßem, geballtem Zorn, der sich schließlich einen direkten Weg nach draußen bahnte, grollte und sich einen Sündenbock suchte: Alrik. Er war schuld und musste sterben. 

Als Alrik nun das Breitschwert zog, zuckten viele Besucher des ‘Blauen Kraken’ zusammen. Und es war totenstill geworden. Der einzige, der dabei zufrieden grinste, war Hjaldrist. Alle anderen hatten erkannt, dass es hier keineswegs um eine gewöhnliche Tavernenschlägerei oder einen gewohnten Kampf aus Spaß ging. Sie wussten, dass hier und heute jemand sterben würde. War nur fraglich wer. Und es war zudem dahingestellt, was geschehen sollte, sollte gar der neue Jarl der Insel das Leben aushauchen. Er wurde als Held betrachtet und daher glaubte wohl kaum jemand wirklich daran, dass er sterben würde, doch die Furcht stand den Leuten dennoch in die Gesichter geschrieben. Ungewissheit schürte oft Angst.

Hjaldrist schritt auf Alrik zu, umfasste seine Familienaxt mit beiden Händen. Und dann ging alles sehr schnell. Erlklamm verfehlte den dreckigen Piratenanführer nur knapp, ein Schwert sauste sirrend durch die Luft. Metallen klirrten beide Waffen aneinander, jemand stieß den anderen zurück, Alrik stolperte beinahe und die Axt seines Gegenübers streifte ihn am Oberarm. Blauer Stoff zerriss, Blut tropfte, der Seeräuber schrie auf und seine Kampfeswut wurde angefacht, wie Glut, in die man blies. Mit voller Kraft warf er sich dem kleineren Jarl entgegen, der zur Seite auswich und nachschlug. Hjaldrist rempelte Alrik gegen einen Schemel und jener stürzte mitsamt dem geschnitzten Möbelstück um. Ein paar seiner widerwärtigen Freunde riefen seinen Namen. Hjaldrist trat zu. Da war noch mehr Blut. Sein Feind drehte sich schmerzlich stöhnend fort und wollte aufstehen. Der anwesende Axtkämpfer lachte freudlos. Denn im Vergleich zu einem Gabelschwanz war Alrik, dieses Schwein, keine Herausforderung. Wenn man an eine wütende Endriage oder einen serrikanischen Mantikor dachte, war er ein Nichts. 

Dieser Hurensohn. Er hatte Anna fortgebracht. 

Hjaldrist spuckte angewidert aus und ließ es zu, dass sich der Widersacher hochrappelte. Und dann folgte auch schon wieder Schwerthieb auf Axtschlag. Immer wieder. Der Jarl schlug die blitzende Schneide Alriks schwungvoll mit dem gewickelten Griff Erlklamms fort, setzte vor, doch etwas zu weit. Der runde, stählerne Knauf des Breitschwertes traf ihn frontal im Gesicht und ein barscher Schubs beförderte ihn von Alrik fort. Für einen Moment sah Hjaldrist weiße Pünktchen, die vor seinem Blickfeld auf und ab sprangen, und leise stöhnend fasste er sich mit der freien Hand an die blutende Nase. Die Leute ringsum gaben entsetzte Laute von sich und wussten nicht, ob sie eingreifen sollten. Die beiden Gegner im stickigen Schankraum, in dem es nach Essen, Waffenöl und Blut roch, suchten kurz feindselig Blickkontakt. Die Augen des getroffenen Hjaldrist waren des pochenden Schmerzes in seinem Gesicht wegen ein wenig glasig geworden, doch er verzog kaum eine Miene und fühlte in seinem Rausch nahezu nichts. Der Mann zog die Nase hoch, schmeckte Blut. Es klebte ihm an den bebenden Fingern, an den Lippen, überall. Egal. Was war denn schon ein fester Knaufhieb? Alrik hätte ihm die schartige Klinge in die Magengrube stoßen können und er hätte nur verbissen daran gedacht diesen Kerl zu töten. Denn er war schuld. Schuld an allem.

Also setzte sich der Jüngere gleich wieder in Bewegung, parierte einen neuerlichen Schlag, steckte einen harten Hieb ein und spürte einen brennenden Schmerz, der ihm durch die Seite jagte und ihm das Hemd feucht machte. Ein Ausfallschritt, ein Stoß, ärgerliches Zähneknirschen, ein reflexartiges Zuhacken. Der Jarl taumelte, fand wieder einen sicheren Stand und schlug mit Erlklamm zu. Alrik, der den Arm zum Schutz hochgerissen hatte, schrie laut auf. Vier Abgetrennte Finger waren auf den hölzernen Boden gefallen und dort wenige Zentimeter weiter gerollt. Hjaldrist lächelte schief, denn es waren nicht seine. Und sein Gesicht war wie eine dämonische Maske. Oh, er war nicht mehr ‘Rist’. Er war Hjaldrist Halbjørnsson Falchraite, der Jarl der Winterinsel.

Noch ein Axthieb. Alrik war zu verdattert. Das abgenutzte Breitschwert fiel klirrend zu Boden und dessen Besitzer folgte ihm keinen Atemzug später schon. Hart schlug er mit dem Kreuz voran am Holzgrund auf und sein Kopf donnerte so fest gegen diesen, dass er einige lange Herzschläge lang einfach nur benommen liegen blieb. Wertvolle, glorreiche Sekunden, die Hjaldrist nicht verstreichen ließ. Er erwischte den entrückten Alrik an einem Bein und zerrte daran, zog den überfordert ächzenden Mann, der sich schummrig an den Schädel fassen wollte, hinter sich her und aus dem Gasthaus. Der Jarl wollte den Boden der Taverne nicht noch mehr besudeln, denn die armen Schänkenbesitzer konnten nichts für die grauenvollen Vergehen des Seeräubers. 

Die Männer Alriks wechselten hektische Blicke und wussten nicht, was tun. Erst folgte Hjaldrist niemand, dann liefen immer mehr der schaulustigen Tavernenbesucher nach draußen.

Es hatte nachts wieder geschneit. Und dort, wo Hjaldrist Arik hinter sich her gezogen hatte, sah man eine breite Schleifspur im frischen, pulvrigen Weiß. Vereinzelte rote Flecken waren darin zu erkennen und es war schwer zu sagen, wem der beiden schwer atmenden Kämpfer sie gehörten. Denn sie waren verwundet, alle beide.

Der Jarl ließ den abschätzigen Blick auf den Piraten zu seinen Füßen sinken. Jener wollte gerade wieder auf die wackeligen Beine kommen, doch der Jüngere ließ ihn nicht. Er versetzte ihm einen Tritt, bugsierte ihn damit überlegen zurück, und stellte einen Fuß auf den rücklings liegenden Kerl im Schnee. Die Augen des Dunkelhaarigen mit der Axt lagen nun ruhig auf Alrik. Sie musterten jenen gedankenvoll und bestimmt verging die Zeit viel schneller, als es sich gerade anfühlte. Oh. Dieses Übel hier sah aus wie Anna. Wie Anna, die ging und ihren besten Freund auf den Inseln zurückließ - in einem Zuhause, das sich nicht mehr so wie früher anfühlte - und das, ohne noch einmal zurückzublicken. Wie sie ihn eiskalt ignorierte und beiläufig betreten von ihm wegrückte, wenn er ihr zu nah kam oder nette Dinge sagte. Alrik sah aus wie ein gebrochenes Herz, das wehtat und ausblutete. Und wie eine unsagbar schlimme Erinnerung an einen jungen, schreienden Mann, den man in eine dunkle Seitengasse zerrte, um ihn dort die Hose vom Körper zu reißen. Wie eine Gruppe boshaft lachender und grinsender Schaulustiger, die Schwächere verhöhnen und anspucken. Alrik war alles, das Hjaldrist so sehr hasste. Und er war schuld. Schuld an allem.

Als Erlklamm voller Wucht auf den ächzenden Mann im Schnee niederging, hielten viele den Atem an. Als sich das scharfe Axtblatt in den zitternden, schwitzenden Körper des tödlich Verletzten grub, stöhnte manch einer entgeistert oder wand sich sofort ab. So tief hob der Jarl die Waffe in den breiten und ungeschützten Oberkörper des Liegenden, dass es knackte und das Blut bei jedem Herzschlag wie in wallenden Strömen aus Brust und Mund quoll. Und die grünlichen Augen Alriks starrten Hjaldrist fassungslos an, ehe sie sich weit verdrehten und der Sterbende am Boden damit begann ein paar letzte erbärmliche Male röchelnd und gurgelnd zu zucken. Das dunkle Blut färbte den weißen Schnee rot und breitete sich schnell zu einer großen Lache aus - in der Eiseskälte dampfte es leicht. Noch bevor der verhasste Pirat ganz tot war, stand der ungleichmäßig atmende Hjaldrist bereits in der zähflüssigen, warmen Pfütze. Und er hatte nicht genug, als er böse und wie von Sinnen starrte. Er zog Erlklamm aus dem Körper am Grund, umfasste deren Griff krampfhaft fest und hackte ein zweites Mal zu, als zerteile er einen dicken Holzstamm. Rippen brachen hörbar, wie die eines Viehs beim Schlachter. Alrik hustete nass und bespritzte die teure Tunika seines Jarls unschön. Egal. Er krampfte kurz, lallte irgendetwas unter einem Schwall von Blut. Und dann war es endlich vorbei. Ganz leise wurde es nach und nach und nur das Rauschen der schäumenden Wellen vor den hohen Klippen Caer Gvalch’cas drang entfernt an die Ohren Hjaldrists heran. Da waren das rhythmische Brausen und das lange Heulen des frischen Windes, der vereinzelte Schneeflocken mit sich brachte. Und Hjaldrist fühlte sich auf einmal so leer, als er den entstellten Leichnam zu seinen Füßen betrachtete, dem der Brustkorb weit aufklaffte. So verdammt leer. Denn als er den blutüberströmten Toten vor sich sah, sah er abermals Anna. Wie sie niemals mehr zu ihm zurückkam und wie sie beide sich niemals mehr wiedersahen. Wie die Hexerin irgendwann viel zu früh starb und der ratlose Hjaldrist nicht einmal davon hörte. Wie man sie lieblos in irgendein fauliges Massengrab warf, obwohl sie eine schöne Gedenkstätte verdient hätte. Wie Hjaldrist nichts dagegen tun könnte. Oder wie sie ihn um viele, viele Jahre überlebte und in keinem einzigen davon mehr an ihn dachte, weil er für sie längst Geschichte war. Wie sie ihn verabscheute und auf ihre gemeinsame Zeit, diese wertvollen vier Jahre, schiss. Hjaldrist sah Anna, wie sie ihn so abwertend taxierte, als sei er ein störender Fremder. Und es war so überwältigend und schrecklich, dass es einen vollkommen taub machte. Dass es einen atemlos, bewegungsunfähig und still zurückließ. Es war eiskalt. Dem Undviker wurde es übel und am liebsten hätte er sich übergeben. Doch er konnte nicht. Die alte Trauer kam zurück und schlug über ihn ein, wie eine Lawine. Er wollte weinen. Aber er konnte nicht.

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