Kapitel 97

Eine Goldmedaille hat immer zwei Seiten

In den letzten zwei Monaten hatte Anna kaum eine Nacht durchgeschlafen. Viel zu selten hatte sie geruht und war stattdessen fortgelaufen, als sei ein riesiger Dämon hinter ihr her. Es war gewesen, als funktioniere sie nurmehr und als habe sie einzig und allein das ‘Ich muss ganz weit weg!’ im Sinn. Seit ihrem Aufbruch von der Falkenburg in Undvik bei Nacht und Nebel hatte sie wenig über das Vergangene nachgedacht und keine wirklichen Pläne mehr geschmiedet. Sie war einfach nur panisch geflohen und das ohne jedwelches Ziel. Dass sie es geschafft hatte Skellige unglaublich schnell und nach Belieben zu verlassen, war dabei kein Zufall gewesen. Natürlich hatte die Frau dabei auf einen gehofft, doch niemand hatte ihr erzählen können, dass es nicht geplant gewesen war, dass Svenja sie damals, vor fast zwei Monaten am Hafen der Winterinsel erwartet hatte. Die ehemalige Spionin war einfach so und wie aus dem Nichts aufgetaucht; Anna hatte sie nicht einmal sofort bemerkt. Die atemlose Trankmischerin war so paranoid gewesen, dass sie sich unglaublich erschrocken hatte, nachdem die Zuträgerin aus den Schatten getreten war. Falsch gelächelt hatte jene dabei, sich eine der Locken um den Finger gekräuselt, und die Novigraderin hatte ihre Waffe mit einem Mal gezogen, als sei sie ein verfolgtes Tier, das man in die Enge getrieben hatte. Selbst ihr neues Pferd aus den Stallungen des Ortes war ruhiger gewesen, als sie. Doch Svenja war nicht da gewesen, um Anna zu töten. Nein, sie hatte ihr ein Angebot gemacht.

“Du willst also von hier fort, Arianna? Das hab ich mir gedacht. Ich habe dich die letzten Tage über beobachtet.”, hatte die Rothaarige verschwörerisch angemerkt und dabei unglaublich überlegen gegrinst. Anna hatte sich gefühlt, als sei sie eine Idiotin, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht einmal geahnt, dass ihre alte Feindin auf derselben Insel war, wie sie. Jedoch hatte sie sich ihre verdatterten Gefühle nicht anmerken lassen. Und es konnte ja auch sein, dass Svenja gelogen hatte. Dieser verschlagenen Frau war doch alles zuzutrauen.

“Was willst du?”, eine Frage, die die trockenen Lippen der gehetzten Alchemistin kaum böser hätte verlassen können. Ihre Stimme hatte gezittert und war heiser gewesen, ihre Kehle noch ganz eng von ihrer vorigen Flucht aus der weit entfernten Burg ihres besten Freundes, die man nun nicht einmal mehr hatte erspähen können. Beinahe hätte sie wegen letzterem geweint, denn es hatte ihr das Herz ganz schwer gemacht.

“Was ich will? Dir helfen. Hinten am Pier wartet in ein, zwei Stunden ein Boot auf dich. Und ein guter Freund. Er bringt dich weg von hier.”, hatte die ehemalige Skrugga selbstgefällig gegrinst. Natürlich hatte Anna gewusst, dass das Motiv dieser narzisstischen Schlampe keine Hilfsbereitschaft gewesen war. Doch sie hatte nicht damit angefangen zu diskutieren, sondern sofort ganz dumm nach diesem einen, dünnen Strohhalm gefasst, den man ihr so großzügig hingestreckt hatte. Denn es war doch so gewesen, dass die wasserscheue Novigraderin es niemals über das große Meer geschafft hätte. Nicht allein. Sie wäre mit ihrem neuen Vierbeiner Saov bis zu den langen Stegen am wilden Wasser gekommen, wäre fluchend auf und ab gerannt, hätte sich die braunen Haare mit der fuchsroten Strähne gerauft. Vielleicht hätte sie irgendwo gegengetreten und dann ihrer Ratlosigkeit wegen geheult. Womöglich hätte sie gut und lang nachgedacht, während sie im unbegründeten Verfolgungswahn auf das weite, dunkle Meer gestarrt hätte. Und dann, nach einiger Zeit, wäre sie halb erfroren zu Rist zurückgegangen. Ja. Natürlich wäre sie das. Denn sie hätte es irgendwann geschafft einen klaren Gedanken zu fassen und verstanden, dass man nicht vorhatte sie in einen goldenen Käfig zu sperren, oder? Dass sie frei war und sie niemand einschränken würde, denn sie war nicht mehr zehn Jahre alt und in Kaer Morhen, sondern 25 und auf Skellige. Doch sie war nicht zurückgekehrt. Denn da war Svenja zwischen ihr und der Vernunft gewesen; diese verfluchte Verrückte, deren Kumpel und dessen marodes Boot. Der Name des besagten Undvikers war Alrik gewesen. Anna hatte dies erst herausgefunden, nachdem sie fünf Tage lang mit ihm und seinen Leuten auf hoher See verbracht hatte. Anfangs, da hatte er sich unter einem falschen Namen vorgestellt. Als ‘Harald’. Doch die aufmerksame Giftmischerin hatte ein Gespräch zwischen ihm und einem seiner bärtigen Freunde belauscht und hatte erkannt, dass man sie dreist belogen hatte. 

Alrik. Er war der ruchlose Bastard, der Rist vor Jahren das Schlimmste angetan hatte, das man sich nur vorstellen konnte. Und daher hatte die eigentlich so seekranke und schlaflose Anna nicht lange gezögert. Es war wie im Affekt passiert: Sie hatte ihren teuren Dolch gezogen und war diesem Schwein damit schreiend an den Kragen gesprungen. Silber war schließlich für Monster. Vier von Alrik’s dreckigen Kerlen waren nötig gewesen, um die bleiche Anna auf den schmutzigen Boden zu befördern und dort zu fixieren. Bestimmt waren sie diejenigen gewesen, die damals auch gelacht und gegafft hatten, als ihr Anführer Hjaldrist behandelt hatte, wie eine billige und unwillige Hure. Ach, was hatte die zornige Monsterjägerin getobt und Gift gespuckt. Sie hatte einem der Seeräuber, der sie festhalten hatte wollen, gar einen Finger abgeschnitten und einem anderen die ohnehin schon schiefe Nase gebrochen. Doch noch am selben Tag hatte sie sich grollend fügen müssen und den Abschaum von Skellige nurmehr mit Blicken, nicht mit Silber, töten wollen. Denn man hatte ihr nicht nur angedroht sie in das schwarze Meer zu werfen, sollte sie etwas anstellen, sondern sie einmal tatsächlich so lange mit dem Kopf unter Wasser gehalten, bis sie ohnmächtig geworden war. Man hatte der burschikosen Frau somit klargemacht, wer das Sagen hatte. Jedenfalls auf den Wellen. 

Die darauffolgende, restliche gemeinsame Reisezeit mit den Piraten war schrecklich gewesen. Nervös war Anna gewesen und hatte sich alle möglichen Mordpläne zurechtgelegt, wenn sie einmal nicht gekotzt hatte. Doch Alrik hatte überlebt. Er hatte müssen, denn das heruntergekommene Scheißboot hatte ihm gehört und er war es auch gewesen, der es Svenja versprochen hatte Anna auf seinem ausgedehnten Beutezug unversehrt von Undvik fort zu schaffen. Warum diese ekelhafte Frau nicht befohlen hatte die Hexerstochter einfach zu ersäufen, wie einen räudigen Köter, war Anna bis heute ein Rätsel. Es wäre doch so einfach gewesen.

Man hatte die Kriegerin aus dem Norden dann, nach zweieinhalb Wochen auf See, in Cintra abgesetzt. Und von dort aus war die Kurzhaarige ohne Umwege gen Osten gegangen. Sie hatte dabei nicht einmal genau gewusst warum, war einfach nur der Jaruga gefolgt und das mit einer, selbst für sie bemerkenswert grimmigen, Sturheit. Ein paar kleine Monsteraufträge hatte sie auf diesem Weg mitgenommen, hatte damit etwas Geld verdient und sich in den harten Kämpfen unglaublich aggressiv abreagiert. Auf eine eigenartige Weise war sie nicht sie selbst gewesen. Die reisende Frau hatte selten in Tavernen geschlafen, weil sie nie genug Münzen in der Tasche gehabt hatte. Und wenn sie in Gasthäusern genächtigt hatte, hatte sie das nur dürfen, weil sie für jene als Rausschmeißerin oder Tellerwäscherin gewaltet hatte. Dies aber nie lange. Denn es hatte sie vorangetrieben. Immer weiter nach Osten und so weit fort von Skellige, als möglich. Wie hypnotisiert war sie voranmarschiert, verbissen und ungnädig zu sich selbst. Im Freien hatte sie genächtigt, ohne Zelt. Auf Märkten hatte sie Essen gestohlen, weil sie ihr Geld dafür zu schnell versoffen hatte. Erst nach drei Wochen an Land hatte Anna dann endlich verstanden, dass man ihr nicht folgte, um sie zurückzuholen. Dass Hjaldrist keine Anstalten machte sie wieder einzufangen und dass ihr daher keine gefährlichen Jarlsschatten auf den Fersen sein konnten. Und es war auf eine Art befreiend gewesen. Anna hatte sich zwar nicht mehr gehetzt gefühlt, sich aber dennoch keine langen Pausen gegönnt. Denn die geschäftige Arbeit und das lange Reiten hatten sie abgelenkt, bis sie sich später ganz, ganz schleppend daran gewöhnt hatte wieder allein zu sein. War dies so lange einer ihrer größten Albträume gewesen, so hatte sie jenen irgendwann irgendwie abgetan und sich jeden Tag eingeredet, dass es schon in Ordnung sei, wie es nun war. Dass sie allein effektiver arbeiten könne und ihren Traum eine katzenäugige Mutantin zu werden schneller erreichen würde, wenn sie sich einsam auf ihn konzentrierte. Genau so, wie auch am Anfang ihrer Reise vor sechseinhalb Jahren. Im Grunde hatte sie doch immer jeder wegen ihres großen Wunsches kritisiert. Selbst Hjaldrist hatte ihre Experimente nicht gutgeheißen und dahingehend immer mehr gegen Anna gearbeitet. Es war also die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen ihn und Undvik hinter sich zu lassen, hatte sie sich gesagt. Denn es war doch so gewesen, dass sie beide stets ihren eigenen Zielen nachgejagt waren, trotz allem. Der eine hatte Jarl werden wollen, die andere eine Hexerin. Und dies waren zwei völlig unterschiedliche Dinge. Es gab keinen Kompromiss dazwischen ein sesshafter Herzog eines Landteils zu sein oder sein Leben zu verlängern, um als Vagabund Monster auf der ganzen Welt zu jagen und irgendwann dabei zu sterben. Hjaldrist und Anna hatten große Gewinner werden wollen, alle beide. Und zu zweit ging so etwas nicht, denn einer verlor in solch einem Kampf doch stets. Auch eine Goldmedaille hatte zwei Seiten und am Podest, ganz oben, stand man am Ende immer allein. Tja. Hjaldrist hatte seinen Thron nun bereits bestiegen und so einsam er darauf saß, so allein würde sich auch Anna irgendwann auf ihrem ganz eigenen niederlassen. Ganz bestimmt. Sie glaubte fest daran und vielleicht war sie damit auch die einzige.

 

*

 

Es war ruhig in der Stadt, als die verhalten gähnende Anna Riedbrune bei Nacht erreichte. Ihr geduldiges Pferd zog sie am Halfter hinter sich her, als sie den Blick nachdenklich schweifen ließ. Es sah hier noch genauso aus, wie vor drei Jahren. Oder war es nun schon länger her? Sie wusste es nicht, zog die Brauen leicht zusammen und verlor sich in Erinnerungen. Damals war sie mit Ravello, Joris und Violeta hier gewesen. Ohne Hjaldrist, so wie heute auch. Nur hatte sie damals sehnsüchtigst nach ihrem besten Freund gesucht. Nicht so, wie jetzt, wo sie ihn längst hinter sich gelassen und vergessen hatte.

…Vergessen. Hatte sie das denn? Nein. Sie wollte es inständig, aber konnte es nicht. Viel zu oft dachte sie an den Jarl Undviks und fragte sich, wie es ihm wohl ginge. Besonders nachts, wenn sie lange wach lag. Ob er die Gedanken an sie längst beiseitegeschoben hatte und ganz in seinen neuen Aufgaben aufging? Oh, er war so unglaublich weit fort, dass es einem schwindelig wurde, wenn man nur an die enorme Entfernung dachte. Anna ließ den Blick bei dem bedrückenden Gedankenzug leicht sinken, als sie die abgetretene Straße entlang ging, die hier und da von Fackeln oder Öllampen erleuchtet wurde, die an Hausfassaden befestigt worden waren. Dort, links, war die Schänke, in der Ravello früher einmal großzügig Zimmer für sie alle angemietet hatte. Zwei Stück. Eins für Violeta und Joris, eines für Anna und sich selbst. Die melancholische Giftmischerin hielt inne, als ihre braunen Augen zögerlich den bekannten Taverneneingang suchten, vor dem eine Gruppe halbtrunkener Männer herumlungerte und heiter lachte. Selbst nun, da es schon längst Nacht war, war es hier geschäftig und laut. So war es in größeren Orten eben. Und dennoch fühlte sich Anna gerade so… allein. Sie fühlte sich schrecklich einsam, obwohl sie das nun schon seit Wochen war. Es wollte sie erschlagen. Ganz plötzlich. Obwohl es hier so viele Leute gab und lustiger, schallender Gesang aus dem Gasthaus gegenüber drang, kam es ihr so vor, als sei sie der einzige Mensch hier. Die paar Kerle vor der Taverne sahen nun her, da Anna mitsamt bepacktem Pferd inmitten des Weges stand und starrte. Zuerst muteten sie wirr an, dann prosteten sie ihr nuschelnd zu und fragten amüsiert, ob sie mit ihnen trinken wolle. Die Mörderin gab keine Antwort. Denn in Gedanken war sie ganz weit weg.

Damals... da war sie genau hier herausgelaufen. Sie hatte den Rucksack vollends überstürzt und panisch geschultert gehabt und war orientierungslos die Hauptstraße entlang gerannt. Sie hatte nach Skellige wollen, zu dem, den sie als ihren Seelenverwandten angesehen hatte und war dabei keuchend in die völlig falsche Richtung gehetzt. Sie hatte schlussendlich fest daran geglaubt, dass Hjaldrist noch lebte, dass man ihn entführt hatte und dass sie ihn retten müsse. Anna hatte zu ihm wollen und nur dieser eine Herzenswunsch hatte gezählt. Keine Kräuterprobe, keine lohnenden Monsteraufträge, keine waghalsigen Versuche mit Giften oder dergleichen, waren wichtig gewesen. Nur die Reise gen Westen. Es war ein enorm großes Vorhaben gewesen, das sich haushoch vor der verblendeten Trankmischerin aufgebaut hatte. Klein hatte sie sich gefühlt, mickrig, hilflos, erdrückt. Sie war genau hier, in Riedbrune, schlussendlich verzweifelt. Und da vorn, kurz vor der Ecke mit dem Bäcker, war sie dann völlig zerfahren stehen geblieben. Joris war da gewesen und hatte sie lässig verspottet. Ravello und Violeta hatten Anna rufend eingeholt. Und sie hatte in aller Öffentlichkeit geweint wie ein Schlosshund. Um ihren Rist. Und weil sie sich trotz ihrer drei Gefährten so, so alleingelassen gefühlt hatte. Ihre Knie waren ganz weich geworden, damals. Violeta hatte sie umarmt. Und Anna hatte sich gefühlt, wie der einzige Mensch in dieser großen, gottverdammten Stadt. So, wie jetzt gerade auch.

“Hey Mädel, gehts dir gut?”, einer der Kerle vor der Taverne kräuselte skeptisch die buschigen Brauen und auch eine der nahenden Stadtwachen wurde auf Anna aufmerksam. Die Angesprochene beachtete den vor der Schänke kaum, als er sich vorbeugte und sie mit zusammengekniffenem Blick musterte. Ihre… ihre Hände zitterten. Ihr war schlecht. Und es fiel ihr endlich wie Schuppen von den Augen: Anna hatte einen Fehler gemacht. Tief atmete sie ein und ihre großen Augen begannen zu wandern, als ihre Gedanken losrasten. Unruhig schnaubte Saov in ihrem Rücken und ihr ungleichmäßiger Atem beschleunigte sich. Nein, oh nein. Oh… sie hatte einen riesengroßen Fehler gemacht, nicht wahr? Den verheerendsten ihres Lebens. Sie hätte in Undvik bleiben sollen. Sie hätte bleiben sollen, doch war fortgerannt. Anna war geflüchtet, so, wie immer. Weil eine völlig verdrehte, unergründbare Panik sie eingeholt und betäubt hatte. Weil sie nicht mehr dazu fähig gewesen war richtig nachzudenken. Bei Melitele, sie war vor Rist geflohen. Vor RIST. Und jetzt-... sie vermisste ihn noch schlimmer, als sie es vor drei Jahren getan hatte. Sie VERMISSTE ihn. Das tat sie schon die ganze Zeit, hatte aber versucht es zu verdrängen. Dies hatte auch geklappt. Bis jetzt zumindest, wo sie sich selbst vor drei Jahren sah, angstvoll und mit dem viel zu schweren Rucksack, der an ihren schmalen Schultern zerrte. Mit Violeta, die sie sanftmütig beruhigen wollte und dem mitfühlenden Ravello, der betreten herumstand und nicht mehr wusste, was sagen.

Anna sah aufgescheucht um sich, wendete sich um und sah dem halbdunklen, langen Weg entgegen, den sie gekommen war. Völlig durch den Wind war sie plötzlich, hellwach, nervös. Und das, obwohl Schwäche nach ihr haschen wollte. Unbewusst umklammerten ihre feuchten Finger Saov’s Zaumzeug fester. Die Alchemistin schluckte trocken und blinzelte überfordert. Die Schwere ihrer Taten zertrampelte sie regelrecht und ihr schlechtes Gewissen griff wie ein dunkles, grollendes Biest nach ihr. Die Alchemistin kam damit nicht zurecht und spürte, wie ihr das Herz unruhig bis zum Hals schlug. Was hatte sie nur getan…? Sie musste zurück.

An dem ledernen Halfter ihres braunen Pferdes mit dem weißen Huf ziehend setzte sich die Frau aberplötzlich wieder in Bewegung. Zuerst ging sie die Straße, die sie gekommen war, mit hastigen Schritten entlang, dann lief sie beinahe. Und sie wusste selbst nicht so recht, woher dieser Anflug gerade kam, dieser unglaubliche Antrieb mit einem Hauch finsterer Vorahnung. Vielleicht war es der Punkt, an dem ihr Hirn seit acht, neun Wochen erstmals wieder ordentlich funktionierte. Womöglich war es wie eine Schockstarre, aus der sie erwachte. Und die schmerzliche Erinnerung an Riedbrune, Violeta und die verbissene Suche nach Hjaldrist hatte ausgereicht, um sich aufzurütteln. Es war vollkommen irrational, entrückt, lächerlich. Und dennoch fasste Anna mit fahrigen Händen nach dem Sattelknauf, um sich eilig auf den Rücken ihres Vierbeiners zu schwingen. Sie trieb den müden Saov wie von Sinnen an, nahm den Weg zurück gen Westen und das, als scheuche sie eine unermüdliche Kraft. Als verfolge sie ihr Gewissen, dieses Ungeheuer, und als müsse sie jenem entkommen. 

Doch Anna kam nicht zu weit. Sie wusste nicht, wie lange sie ihren armen, schnaufenden Wallach angetrieben hatte, doch irgendwann zügelte sie ihn in der Dunkelheit der Neumondnacht und sah aus bitter verengten Augen auf. Denn etwas Entscheidendes war abrupt in ihren viel zu wirren Sinn gekommen: Geld. Wie viel hatte das Übersetzen zu den Inseln damals gekostet? Niemand würde sie umsonst mitnehmen. Die atemlose Giftmischerin rutschte aus ihrem undviker Sattel und eilte um Saov herum, um zu der punzierten Satteltasche zu gelangen, in der sie unter anderem ihr kümmerliches Erspartes aufbewahrte. Ihre Finger zitterten, als sie die messingfarbenen Schnallen der Tasche öffnete, und sie waren kalt. Leise wisperte die 25-Jährige einen Fluch, kramte in ihren wenigen Habseligkeiten herum, fand ihre alte Geldkatze und zerrte das dicke Lederband, dass jene verschloss, auf. Da war eine kurze, vergebliche Hoffnung im glasigen Blick der verzweifelnden Kriegerin.

Drei Kronen. Sie glaubte, sie hatte damals drei Kronen bezahlt und dies war noch billig gewesen, denn man brauchte lange nach Ard Skellig. 

Anna’s Blick fiel auf den offenen Geldbeutel, in dem keine fünfzehn Kupfer und ein paar wertlose Spielsteine lagen. Als brächte es der Schwertkämpferin etwas und als zaubere es mehr Geld herbei, schüttelte sie ihr Lederbeutelchen und kramte suchend darin herum. Doch sie fand natürlich kein Goldstück. Und sie würde solch eines auch nie wieder besitzen, denn seit sie wieder alleine reiste, hatte sie enorme Geldprobleme. Sie… sie konnte nicht gut mit Münzen umgehen und versoff viel, weil sie hin und wieder ganz gerne vergaß. Zudem kostete es nicht wenig ein Pferd zu verpflegen und vorgestern hatte sie sich eine neue Hose kaufen müssen. Die aufgebrachte Frau könnte sich keine kostspielige Überfahrt nach Undvik leisten und sie wusste, dass dem anders wäre, wäre Rist gerade hier. Er hatte immer genug Geld gehabt, mehr Durchblick besessen und vieles geschaukelt, das Anna verplant in den Sand gesetzt hätte. Dies, weil sie ein unsägliches, verdammtes Chaos auf zwei Beinen war. Ja, so war dem doch. Sie war eine Katastrophe und Rist war ihr Halt gewesen, ihr Gewissen, ihre… ihre bessere Hälfte. Und sie war einfach so vor ihm fortgelaufen, hatte ihn eiskalt sitzen lassen und ihn behandelt, als sei er… nichts. Das, obwohl er sich immer so langatmig um sie bemüht hatte. Die Frau hatte sich in den letzten Wochen der einsamen Reise immer wieder eingeredet, sie bräuchte Hjaldrist nicht. Manchmal, oh, da hatte sie sich gar gesagt, sie hasse ihn und wünsche sich, sie hätte ihn nie getroffen. Doch das stimmte nicht. Vielleicht… vielleicht hatte sie das nur gedacht, weil er sie früher besser gemacht hatte, als sie es jetzt war, und weil sie verstehen hatte müssen, dass sie ohne ihn nicht so recht konnte. Dass sie in gewisser Weise von ihm abhängig war und das nicht nur des Geldes wegen, sondern vor allem emotional. Noch immer. Er war schließlich Anna’s Aard gewesen, nicht nur irgendjemand. So oft hatte sie in den letzten Wochen gezweifelt, die Augen aber immer starrsinnig vor dem Eingeständnis verschlossen, dass sie… dass sie einen Fehler begangen hatte. Den allergrößten überhaupt. Und sie hatte wissentlich eine unglaubliche Chance vertan, die einmalig gewesen war. Anna hatte sich selbst angelogen und es geleugnet, dass Rist völlig anders war, als Frieda oder die anderen Mädchen, vor denen sie stets davongerannt war und denen sie die Herzen schamlos gebrochen hatte. Ja, Scheiße, Hjaldrist war doch ihr bester Freund gewesen, der, der ihr immer loyal am nächsten gestanden hatte und das über Jahre hinweg. Sie beide waren erst gute Kumpels gewesen, dann wie unzertrennliche Geschwister und später… irgendwie mehr. Ja, da war viel mehr gewesen. Dieses ‘Mehr’ hatte Anna zuletzt eine Heidenangst eingejagt und sie wusste jetzt nicht einmal mehr so recht wieso. Rist war doch Rist gewesen, der dumme Idiot, mit dem sie sich seit Blandare so verbunden gefühlt hatte. Und sie hatte ihm trotzdem unglaublich und völlig bewusst weh getan. Viel Salz hatte sie in offene Wunden gestreut und dann hatte sie noch einmal ordentlich mit harten Sohlen nachgetreten.

“...Ich kann nicht zurück.”, erkannte die erstarrte Nordländerin leise zu sich selbst flüsternd, während sie auf das viel zu wenige Geld und die Steinchen in ihrer kraftlosen Hand sah, und ihre raue Stimme wollte brechen “Ich kann nicht zurück…”

Sie war allein. Nur der kalte Wind rauschte in den unweiten, nächtlichen Wäldern und trug den Geruch nach Regen mit sich. Wenn man genau lauschte, hörte es sich an wie Applaus und lautes Höhnen.

Anna’s Schultern sanken traurig und sie bemerkte kaum, wie ihr treuer Vierbeiner sie mit der samtenen Schnauze anstieß. Ihr Körper fühlte sich so taub an, als sie besiegt im feuchten Gras verweilte und es war, als stünde die Welt umher quälend still. Ihre Brust tat weh. Es tat so weh. Und Anna wusste: Sie hätte ihren Freund von den Inseln damals umarmen sollen. In Kaer Trolde, zum Jahreswechsel. Sie hätte ihn feste drücken sollen, nachdem er ihr so tapfer seine Liebe gestanden hatte. Und sie, der Trampel, hätte sich auf das besinnen sollen, was dieser Mann überhaupt für sie war. Nämlich verdammt viel. Nein, alles. Doch stattdessen hatte sie die Hände zu Fäusten geballt und entgeistert in das Feuer vor sich gestarrt. Sie hatte Abstand genommen, war Rist’s Blicken vehement ausgewichen. Anna hatte ihn damals, auf Ard Skellig, allein in der Eiseskälte stehen lassen und in ihm später, nach der Misere auf Undvik, ganz plötzlich eine schlimme Bedrohung gesehen. Und warum? Weil… weil sie es doch schon immer so gemacht hatte. Und weil sie geglaubt hatte, so schütze sie sich selbst vor… vor was auch immer. Sie wusste es gerade nicht mehr genau, ihr Kopf war so leer und sie konnte kaum nachdenken. Sie war gestört. So unglaublich gestört. Und Balthar war schuld daran. Ja, er und die anderen Wölfe hatten ihr doch stets vorgelebt, wie man leben sollte: Losgelöst von allen anderen, einsam, verbissen, hart, melodramatisch. Oh...

Der unbeholfenen Frau entkam ein verzweifelter Laut, als sie damit anfing auf und ab zu gehen, wie ein Tier im Käfig. Im Kreis zu laufen half und frustriert schleuderte sie ihre klimpernde Geldkatze auf den Grund, dass Kupfermünzen und Spielsteinchen auseinanderstoben. Hilfesuchend sah sie immer wieder in die klamme Finsternis, doch da war nichts und niemand, der ihr beistehen könnte. Nur der schadenfrohe Wind im Forst. Sie wollte zurück. Anna wollte zu Rist. Sie musste sich doch entschuldigen. Für alles. Und sie müsste nachholen, was sie zum Jahreswechsel nicht getan hatte: Ihren Freund ehrlich umarmen. Lange. Und dann etwas sagen, wie… wie ‘Ich liebe dich vielleicht auch, ich bin mir nicht sicher.’, denn so war dem doch. Und dann hätte der blöde Kerl mit einem dümmlichen Ausdruck im Gesicht gefragt warum sie sich nicht sicher sei. Und Anna hätte ihm peinlich berührt erklärt, dass sie sich noch nie verliebt hätte und ihre Gefühle deswegen nicht gut einordnen könnte. Dass sie dumm war und sich bescheuert vorkam. Aber dass sie ihn auf alle Fälle auch sehr lieb hatte. Sie hätte sich dabei gefühlt, wie ein kleines Kind. Hjaldrist hätte wohl gelacht und sie deswegen veralbert, sich dann verlegen am Hinterkopf gekratzt. So, wie er es immer getan hatte. Und dann hätte Anna ihn kleinlaut gefragt, ob man jemanden denn liebte, wenn es sich anfühlte, wie Sonnenschein im Frühling, wenn man den jeweils anderen sah. Womöglich hätte sie davor noch zwei, drei Humpen Bier gebraucht. Oder vier. Und einen großen Schluck Schnaps. Aber sie hätte es getan.

Anna hielt mit dem hektischen Umhergehen inne und ihr Kopf sank weit, bevor sie das blass gewordene Gesicht tief in den Händen vergrub. Die Giftmischerin fühlte sich auf einmal so alt, so schwach.

“Ich kann nicht zurück…”, keuchte sie. Nein, nein. Was hatte sie bloß getan? Sie konnte nicht zu Rist, nie wieder. Sie hatte einen finalen Weg gewählt, den sie ganz einsam gehen müsste. Ihr Freund hasste sie jetzt bestimmt und wollte sie niemals wiedersehen. Er hätte guten Grund dazu. Und nur Anna, dieses unglückliche Elend, war schuld daran. Denn sie hatte seine Gutmütigkeit und Gefühle getreten; immer wieder hatte sie darauf herumgetrampelt und geglaubt, man verzeihe ihr am Ende so und so alles. Was für ein närrisches Denken. Anna war ein unglaublich schlechter Mensch und erst jetzt wurde ihr dies schmerzlich bewusst. Es tat ihr so leid. Verloren stand sie in der Nacht, fröstelte und nahm die Hände nicht vom Gesicht fort.

...Liebte Anna Rist denn? Sie wusste es nicht genau, denn sie hatte ihm ihre Frage mit der Frühlingssonne schließlich nicht gestellt. Und sie könnte es auch nie mehr tun, hatte ihre günstige Gelegenheit dafür töricht und impulsiv blind verspielt. Sie war wieder allein und würde es auch bleiben. Die harte Erkenntnis tat weh und Anna wusste, dass jene sie verändern würde. Sie MÜSSTE sich ändern. Denn wie hätte die Kräuterkundige so, wie sie sich gerade fühlte, weitermachen können? Der steinige Weg, der jetzt vor ihr lag, duldete keine heulenden Mädchen, die zu viel an andere dachten und nachts nicht schlafen konnten, weil sie jemanden unglaublich vermissten. Um ein richtiger Gewinner zu werden, musste man hart und kühl sein, denn nur so überlebte man und gewöhnte sich daran irgendwann einsam und allein auf seinem Thron zu sitzen. Eine Goldmedaille hatte leider immer zwei Seiten.

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