Kapitel 98 (Buch 4, 1)

Sie war besser, als wegen ein paar Kratzern einzugehen

Man nannte sie die ‘Weiße Hexe’, dieses gefährliche Biest, das in einer kleinen Höhle in den Bergen nahe dem Auslauf der Jaruga hauste. Als junge, unheimliche Frau mit langen, weißblonden Haaren schlich sie beizeiten durch die Ortschaften Lyriens und verschwand daraufhin bald wieder, um sich in ihr eigentliches Heim in der Wildnis zurückzuziehen. Dabei ließ sie stets ein, zwei Tote zurück. Anna hatte der auffallend hellhäutigen Vampirin gut zwanzig Tage lange nachgestellt, Leute befragt, viele Aufzeichnungen gelesen und teure Zutaten für ein gehobenes Vampiröl zusammengesammelt. Und dies war ein harter Wettlauf mit der Zeit gewesen, denn sie wollte einem motivierten Hexer zuvor zu kommen, der ebenso auf die verschriene Bruxa aufmerksam geworden war. Eine Woche nach Anna war dieser Kerl in Spalla aufgetaucht und die stupiden Leute hatten ihn natürlich von der Alchemistin in der rot-schwarzen Jacke erzählt, diese Trottel. Sie hatten ausgeplappert, dass es hier eine ‘böse Hexe’ gäbe und dass sich die ‘Frau mit dem Wolfsmedaillon’ bereits darum kümmere. Dass der neu eingetroffene Mutant ihr doch helfen könne, hatten diese Narren vorgeschlagen, weil sie beide ja vom selben Schlag seien. Aber das waren sie nicht. Dieser Typ, der damit angefangen hatte die Albino-Vampirin selbst für ein hohes Preisgeld erlegen zu wollen, trug ein Amulett der Katzenschule und war demnach sicherlich ein Arschloch. So, wie all seine Brüder. Manche Bauern und Waschweiber hatten ihn furchtsam tuschelnd als den ‘Nachtmahr von Angren’ tituliert und solch eine ekelhafte Bezeichnung kam nicht von ungefähr. Abgesehen davon hatte Anna nicht vor ihre Beute mit irgendeinem dahergelaufenen Hexer zu teilen. Die Bruxa gehörte ihr. Ihr allein. Seit sie das kalte Skellige vor wenigen Monaten verlassen hatte, war sie auf der Suche nach jener gewesen, denn deren Zunge war eine der letzten Zutaten, die man für die geheimen Absude der Kräuterprobe benötigte. Also für die eigentliche Probe, die man für Männer herstellte und deren Rezeptur Anna einst von Adlet bekommen hatte. Die burschikose Frau aus Novigrad hatte sich nach längerem Hin und Her entschlossen: Sie wollte die drei beschriebenen Tränke für sich anpassen und als Grundzutaten die originalen verwenden:

Eine Alraunenwurzel hatte sie noch vom Schnapsbrennen des letzten Jahres über. Spitzwegerich fand man gerade auf nahezu jeder Wiese, denn es wurde Frühling. Zaunrüben hatte sie vorgestern am großen Markt in Lyrien gekauft. Die wertvolle Giftdrüse eines Mantikors hatte sie damals in Serrikanien gefunden. Vor wenigen Wochen hatte sie zudem einen riesigen Gabelschwanz mittels Kartätschen erledigt, die sie in umgedrehten Teigwannen befestigt hatte. Und nun fehlte nur mehr die Zunge einer Albino-Bruxa. Der Kater, der eben jener auch auf den Fersen war, würde Anna den wichtigen Auftrag nicht vor der Nase wegschnappen, oh nein. Dafür war die 25-Jährige ihm nun schon viel zu weit voraus. Sie hatte sich zu sehr ins Zeug gelegt, als dass sie jetzt gegen einen dreckigen Mörder verlieren würde.

Die Giftmischerin mit dem zotteligen Schulterfell hielt inne, während sie die Zügel ihres hellbraunen Pferdes mit dem einen weißen Huf an einem Baum nahe der Bruxa-Höhle festzurrte. Und ihr Blick wanderte in die Leere, als ihr Gesicht wie aus Stein gemeißelt anmutete. Hatte sie den Kater, der sich in Spalla tummelte, als schmutzigen Mörder im Kopf? Sie selbst war doch auch so. In Undvik hatte sie einen mächtigen Mann getötet, Hjaldrist’s Onkel. Und das nur, weil ein Geist sie zu Samhain darum gebeten hatte und sie sich dagegen gewehrt hatte, dass sich ihr damaliger bester Freund die Hände mit dem Blut der eigenen Familie besudelte. Sie war irgendwie naiv gewesen, zu aufopferungsbereit und hatte dem größenwahnsinnigen Verwandten Hjaldrists den Silberdolch ins Herz gestoßen. Denn Silber war doch schlussendlich für Monster gedacht. Die nachdenkliche Frau erinnerte sich noch sehr gut daran, wie es sich angefühlt hatte die schmale Waffe festzuhalten. Wie das weiche Fleisch des röchelnden Onkels nachgegeben hatte und wie ihre Klinge zwischen den Rippen hindurch in dessen Organe geglitten war. Anna hatte dabei starr vor sich hin gesehen. Nach Blut hatte es gestunken und nach Wolfsbann. Denn die kluge Kriegerin, die sich mit einem Skrugga in die Festung gestohlen hatte, hatte ihren Silberdolch mit Gift benetzt. Mit viel Gift, denn sie hatte absolut sicher gehen wollen, dass Hjaldrist’s Onkel tatsächlich starb; Dass er auch dann elend an seinem eigenen Speichel ersticken würde, wenn sie ihn nur einmal kurz mit ihrer Schneide streifte. Und sie hatte kalt gelächelt, als der Hurensohn bluthustend kollabiert war. So, wie es eine Katze getan hätte, hatte sie sich verhalten. Widerlich. Hjaldrist und die Anderen hatten derweil gegen die Huskarle gekämpft und den restlichen Widerstand niedergerissen. Haldorn, Hjaldrist’s Bruder, hatte all die Wachen, die dabei gewesen waren Anna als Attentäterin töten zu wollen, wüst angeblafft und sie dazu gebracht sofort inne zu halten. Der Skelliger mit dem lauten Organ hatte die verwirrten Soldaten schreiend und gestikulierend zurechtgewiesen. Sein älterer Bruder in der grünen Tunika war dann erleichtert strahlend zu Anna geeilt. Er hatte sie eng umarmt und sie an sich gedrückt. Und er… hatte ihr noch einmal gesagt, dass er sie lieben würde. Dieser rührselige Idiot. Zwei Tage später hatte Hjaldrist dann den Jarlsthron seines toten Vaters bestiegen. Der Mann hatte alle Vergehen Anna’s auf Undvik als nichtig erklärt, auch die Misere von vor drei Jahren, als sie auf der Suche nach ihm auf die Winterinsel gekommen war. Und er hatte ihr das alleinige Monsterjagdrecht im Norden der Insel einräumen wollen; ein Zimmer in der Festung oder ein eigenes Grundstück irgendwo in Caer Gvalch’ca. Mit Haus und großem Kräutergarten, mit Stall und einem der teuersten Pferde, die die Züchter der Insel hergeben konnten. Anna hatte jedoch abgelehnt, denn anders als der neue Jarl hatte sie ihr angestrebtes Lebensziel nicht erreicht gehabt. Und sie war gegangen. In der Nacht, in der man den Tod des verrückten Onkels gefeiert hatte, war die Schwertkämpferin einfach und unerwartet abgehauen. So, wie sie es in der Vergangenheit immer getan hatte. Sie hatte sich früh vom Tisch entfernt, an dem sie mit Adlet, Märthe und dem betrunkenen Haldorn gesessen hatte. Die Novigraderin hatte sich von niemandem verabschiedet. Schon gar nicht von Hjaldrist, denn sie hätte es nicht über das schmerzende Herz gebracht ihn noch einmal anzusehen und ein für alle Mal ‘Auf Wiedersehen’ zu sagen. Tja. Das einzige, das sie dann neben ihren Sieben Sachen mitgenommen hatte, war das Pferd gewesen, das sie sich in den Stallungen hatte aussuchen dürfen. Nur damit, mit Saov, hatte sie schnell verschwinden können. Vier Hufe trugen einen schließlich hastiger zum Hafen, als zwei Beine. Oh, wie lang war das nun schon her? Es fühlte sich an, als seien es Jahre. Anna schlug die braunen Augen nieder. Sie verkniff sich ein tiefes Seufzen und stöhnte stattdessen entnervt. Die Frau klopfte Saov, ihrem Wallach aus Undvik, noch einmal den Hals und wandte sich dann zum Gehen. Ihr finsterer Blick suchte den Eingang zur Höhle der weißen Bruxa und sie zog ihren langen Dolch, dessen Klinge vor Vampiröl dunkel schimmerte. In einem schmalen Rinnsal tropfte etwas davon gen Grund, besudelte den Stiefel Annas und zog eine Schliere über ihren braunen Mantel. Ihre behandschuhten Hände zitterten leicht, als sie auf das dunkle Loch im Berg zu schritt. Ihr Magen war flau und sie wusste nicht, ob dies ihrer argen Nervosität zuzuschreiben war oder dem Umstand, dass sie gestern Abend einmal wieder viel zu viel getrunken hatte. Das tat sie in letzter Zeit fast jeden Tag. Trocken schluckte die Kurzhaarige und umfasste den Griff ihres silbernen Dolches fester. Ja, sie würde heute nicht mit dem Stahlschwert kämpfen. Auch mit Waffenöl beschmiert wäre jenes zu minderwertig gewesen, um gegen eine Albino-Bruxa zu bestehen. Anna müsste also nah an das bösartige Wesen heran. Zu nah. Doch sie hatte keine andere Wahl. Sie würde heute mit der letzten Zutat für die originale Kräuterprobe zurück in die Stadt reiten oder beim Versuch jene zu erringen sterben. Die Alchemistin war schon immer ein Mensch der Extreme gewesen.

Es war folgend nicht nötig ein Feuer zu entzünden, um in der beklemmenden Höhle am Fuß des Berges etwas zu sehen. Denn vom Innern dieses Loches, das leicht senkrecht abfiel und in den Stein hineinführte, drang warmer Kerzenschein. Den Blick fest auf das tanzende Orange an den Höhlenwänden gerichtet, ging Anna voran. Auf leisen Sohlen tat sie dies und gar darauf bedacht, dass der Stoff ihrer Kleidung nicht raschelte und die stählernen Kettenglieder ihrer Weste nicht metallen klangen. Am feuchten Steinwall hielt sie sich, als sie bedacht über eine Pfütze hinweg stieg und innehielt, um eine Ratte, die unweit an alten Knochen nagte, nicht zu erschrecken. Beiläufig ließ die Frau die Augen über die durchaus menschlichen, schrecklich verdrehten Gebeine wandern. Hier und da waren sie noch überzogen von ausgetrockneter Haut und mottenzerfressenen Kleidern. Ein rostiges Schwert lag neben einer mumifizierten Hand. Es roch nach Moder und Schimmel, nach Regen. Und es war kühl. Ihr gezwungen ruhiger Atem stieg in der Luft als weißer Dunst auf.

Anna verengte den Blick schwach und hob den Kopf erneut, um ihrem Ziel entgegen zu sehen. Mit der freien Hand öffnete sie sich den Verschluss ihres schweren Umhangs und ließ ihn vorsichtig und lautlos zu Boden gleiten. Das gute Stück aus dicker Wolle wäre gleich nur im Weg; sie wollte schließlich beweglich sein. Ihr Medaillon, das sie bewusst verdeckt um den Hals trug, seit der Katzenhexer in der Gegend war, vibrierte leicht unter ihrem weißen Hemd. Und dann trat die Giftmischerin in das Gewölbe im Bauch des Hügels. Es reichte etwa 40 Fuß weit in den Berg hinein und unzählige Kerzen standen hier auf Tischen und schiefen Regalen verteilt umher. Zwei Felsen, die wie Säulen fungierten, ein paar Fässer weiter rechts, keine Nischen in den hohen Wänden, ein altes Bettgestell. Binnen Sekunden hatte Anna den kahlen Raum erfasst und am Ende hefteten sich ihre braunen Augen auf die nackte Frau, die da an einem Tischchen lehnte, auf dem ein paar Flaschen standen, in denen sich eine rötliche Flüssigkeit befand. Blut? Es hätte gepasst.

“Du bist hartnäckig.”, lächelte die Weißhaarige mit zarter Stimme, ohne sich nach ihrer Verfolgerin umzusehen. Sie griff nach einer ihrer kunstvollen Flaschen und entkorkte sie “Du stellst mir schon seit Tagen nach. Ich habe dich in der Stadt gesehen, Hexerin.”

Anna grinste schmal und fühlte, wie sich das Adrenalin explosionsartig in ihrem Körper ausbreitete. Flach atmete sie ein und wieder aus. Scheiße.

“Du bist schlau.”, stellte sie dann trocken fest und ließ sich ihre Nervosität nicht anmerken. Hjaldrist hatte immer gesagt, sie sei eine gute Schauspielerin. Er hatte Recht gehabt. 

“Aber ich habe auch nichts anderes erwartet, um ehrlich zu sein.”, schloss die Frau in der gestreiften, wattierten Jacke.

Die kurvige Dame mit der hellen Haut lachte glockenhell und sah aus dem Augenwinkel verachtend zu dem Eindringling hin. Ihre Pupillen erschienen im Licht der vielen Kerzen so rot, wie das Blut in ihrer Glasflasche, aus der sie just einen Schluck nahm. Gelassen stellte sie das hübsche Trinkbehältnis daraufhin wieder ab und drehte sich ihrer unerwünschten Besucherin zu. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die blutigen Lippen und verwischte das zähe Rot dabei nur. Ihre platinblonden Haare, die ihr bis zur Taille reichten, schmiegten sich an wohlgeformte Brüste über einer Hüfte, die jedem Kerl den Verstand geraubt hätte. Es war jedoch alles nur Schein und die anwesende Monsterjägerin, die beizeiten auch schon mal schönen Mädchen nachsah, verzog keine Miene. Als die Bruxa leise und lasziv lachte, erkannte Anna deren lange, spitze Fangzähne. Und einen Atemzug später brach auch schon der unermüdliche Kampf los. Ohne jegliches Vorzeichen sprang die Bestie in die Höhe und schien zu verschwinden. Anna nahm einen festen Stand ein und fuhr herum, wich einem Hieb durch plötzlich beachtlich lange Krallen aus und wich zurück. Eine Handgeste. Der beruhigende Schimmer von Quen flackerte, baute sich schützend vor Anna auf und der Albino fauchte verärgert. Das Porzellan-Gesicht der weißen Vampirin war nicht länger weich und schön, sondern zu einer monströsen Fratze verzerrt. Ihre zuvor noch so weibliche Figur wirkte hager und sehnig, ihre wallende Lockenpracht wirr, ihre vollen Brüste schlaff. Sie war so, so hässlich.

Anna preschte vor, der schnarrenden Vampirin entgegen und hob mit dem Dolch zu. Harte Klauen wehrten jenen ab, doch die zielstrebige Alchemistin ließ nicht nach. Schreiend stürzte sie auf die Bruxa zu, brachte jene tatsächlich ins Wanken, stieß sie zurück, stach. Die Weißhäutige wehrte sich schnell. Mit den Zähnen schnappte sie nach der Kehle ihrer Widersacherin, doch jene klappten nur ins Leere. Stattdessen traf eine stählerne Armschiene das Gesicht der verfluchten Langhaarigen und sie kreischte erbärmlich auf, ehe sie wieder verschwand. Zurück sprang sie und das mit solch einer unglaublichen Geschwindigkeit, dass Anna ihr kaum folgen konnte. Die gefährliche Vampirin duckte sich in die Schatten, wirkte auf ein Neues wie unsichtbar. Die bedrängte Novigraderin drehte sich suchend um und keuchte angestrengt. Sie fluchte leise. Die unglaubliche Aufregung machte ihr das Sehfeld eng und die Sinne scharf. Sie horchte, versuchte ihren unregelmäßigen Atem zu kontrollieren. Und sie versuchte nicht daran zu denken, wie es wäre, wenn Hjaldrist nun hier wäre. Hätte Anna Unterstützung von dem gehabt, denn sie früher einmal ganz töricht als eine Art Seelenverwandten benannt hatte, wären ihre Chancen zu überleben höher gewesen, als jetzt. Doch der Undviker war nicht hier. Sie würde ihn nie wieder sehen und dieser Gedanke tat manchmal weh, doch es war auch gut so. Komisch, dass sie heute so dachte, nicht wahr? Manchmal überraschte es sie gar selbst.

Ein lauter Schrei ertönte hinter der Monsterjägerin. Er war so schrill, dass er nur so in den Ohren klingelte und einem die Luft zum Atmen mit einem Ruck nahm. Stöhnend taumelte Anna einen Schritt weit vor, versuchte sich wieder zu fangen, doch war wie paralysiert. Die Bruxa erschien an ihrer Seite und versetzte ihr einen Schlag. Quen flammte unruhig auf und das Monstrum hob erneut zu. Es verfehlte die überwältigte Kriegerin, die gerade noch schnell genug reagiert hatte, um abzuweichen. Der Silberdolch fuhr vor und bohrte sich tief in die Schulter der Vampirin, die aufjaulte wie ein gequältes Tier. Wieder zog sie sich zurück. Noch einmal stieß sie vor, wie eine aggressive Schlange, und zerriss Anna’s klirrende, magische Barriere und in Folge auch deren Hemdärmel mit zwei wuchtigen Klauenschlägen. Blutend wichen beide Frauen voreinander ab und starrten einander feindselig an. Die frische Wunde am Arm der Alchemistin brannte wie Feuer und zerrte pulsierend and ihrer aufgeschlitzten Haut, doch sie schmunzelte bloß grimmig. Denn auch die Bruxa blutete stark. Zum Glück. Schwarz tropfte es ihr über die Schulter hinab, über Schlüsselbein, Bauch und Bein. Und sie fauchte wütend. Das Vampiröl breitete sich jetzt in ihrem Leib aus und würde sie enorm schwächen. Gut. Denn anders hätte die schwächere Kämpferin hier nicht bestehen können.

Anna entkam ein rauer Kampfschrei und wie eine Wahnsinnige ging sie wieder auf die Vampirin los, die sich mit allen Mitteln wehrte. Die Giftmischerin wurde gegen die Felswand geschleudert. Sie rappelte sich auf, lief holprig, hob der Bruxa den Dolch in die Seite. Das Monstrum kreischte markerschütternd, verschwand, packte Anna, zog an ihr, wollte beißen. Die gescheuchte Schwertkämpferin schlug zu, blieb im Nahkontakt, fasste in die weißen Haare ihrer rasenden Gegnerin und zerrte deren Kopf daran von sich. Beinahe hätte die Bruxa sie in den Hals gebissen. Hätte die Trankmischerin nicht geistesgegenwärtig reagiert und an dem glänzenden Haar des Albinos gerissen, wäre sie nun tot.

“Stirb!”, keuchte Anna wie im Rausch, trat zu “Stirb, du Bestie!”

Dann hob sie erneut mit dem Dolch nach der grollenden Bruxa. Jene war aber zu schnell und die schimmernde Klinge streifte sie nur. Nichts desto trotz fuchtelte sie wild und krähte schmerzlich herum, denn das dunkle Öl am Silber musste in dem frischen Schnitt brennen, wie ätzende Säure.

Anna holte einmal tief Luft und setzte ihrer Beute lebensmüde nach. Um ein Haar erreichte sie jene auch und wollte es nicht zulassen, dass die hinterhältige Bruxa wieder in die Schatten verschwand. Da kam die Klaue der Hässlichen ruckartig von vorn und traf Anna im Gesicht. Der scharfe Hieb, der sie verheerend an der Wange traf, riss ihr den Kopf herum und fegte ihr fast den Boden unter den Füßen fort. Nur mit Mühe hielt sich die getroffene Frau auf den Beinen, fasste sich verhalten aufkeuchend an das Gesicht und stolperte überfordert zurück, um einem neuerlichen Schlag auszuweichen, der ihre andere Wange knapp unter dem linken Auge streifte. Nur um wenige Zentimeter wurde letzteres verfehlt. Es war mehr Glück als alles andere. Anna fiel der Dolch aus der Hand und dann - sie realisierte erst schleppend, was passierte - landete sie hart am kalten, feuchten Boden. Es war, als vergehe die Zeit plötzlich viel langsamer. Da war ein heißes, nasses Gefühl an ihrer Wange. Ein Gefühl, dass auf einmal als unglaublicher Schmerz explodierte. Anna schrie auf. Mit blutigen Händen rollte sie sich zur Seite, um der Bruxa auszuweichen und dies ganz instinktiv. Erst, als sie auf die weichen Knie kam, verstand sie, was sie tat und versuchte das unglaubliche Brennen und Ziehen zu ignorieren, das ihr durch den ganzen Kopf und den Arm zuckte. Ihre glasigen Augen suchten hektisch nach dem Silberdolch, der irgendwo zu ihren Füßen lag und sie hastete auf jenen zu. Jeder Luftzug in der Höhle fühlte sich an ihrer versehrten Wange an, wie eine Rasierklinge. Jede noch so kleine Bewegung ihres Kiefers schmerzte höllisch. Doch sie bückte sich, fasste nach ihrem Dolch, hastete schwerfällig weiter und auf die Albino-Vampirin zu. Deren Zunge. Sie brauchte sie! Sie lebte dafür, hatte ihr ganzes Dasein dem Plan die Kräuterprobe zu erforschen gewidmet. Und die verbissene Anna würde nicht aufgeben, nein. Sie hatte nicht alles geopfert, um sich nun zurückzuziehen. Eher würde sie hier und jetzt sterben, als ihre wertvolle Beute entkommen zu lassen!

Tief drang der ölige Dolch Momente später in den mager anmutenden Körper der sehr geschwächten, blutenden Bruxa ein; bis zum Heft und es fühlte sich an, wie damals, als die schwer atmende Alchemistin den Onkel des Jarls Undviks ermordet hatte. Ein unpassendes, deplatziert wirkendes und kurzes Auflachen entkam Anna. Sie wirkte kurz gar ein wenig überrascht. Sie zog die geschliffene Klinge zurück, stach erneut zu und hebelte die Schneide ruckartig nach unten. Etwas platschte. Die weiße Bruxa vor Anna kreischte laut und schrill. Diese Stimme war wie eine Druckwelle, die sich bretthart gegen Anna warf, um sie von dem Monster fort zu bugsieren, doch sie krallte sich krampfhaft an dem wilden Biest fest. Jedenfalls, bis die Langhaarige wieder gellend aufschrie und dieses Mal noch viel, viel lauter als alle anderen Male zuvor. Es tat unsagbar weh. Und es fühlte sich an, als wolle der Schädel der gehetzten Monsterjägerin platzen. Sie schrie auf und ihr Dolch entglitt ihr. Die orientierungslose Frau wurde zurückgeworfen und landete rücklings am Boden. Der Sturz auf das Kreuz presste ihr jegliche Luft aus den Lungen und verwehrte es ihr sich zu rühren. Und das hohe Kreischen der Vampirin hallte in ihren Ohren nach. Ein lautes Pfeifen erfüllte Anna’s rechtes Ohr und eine Pein, die sie dazu brachte die Augen gequält zusammen zu kneifen, kam über sie. Sie rappelte sich nur schwerlich auf alle Viere, schüttelte den Kopf und fasste sich qualvoll an das blutende Ohr. Die Vampirin kam derweil von hinten. Wie ein Raubtier stürzte sie sich auf den Menschen und grub jenem die Krallen in die linke Seite. Anna stieß den Atem kehlig aus und ging beinahe nieder. Sie warf sich zur Seite, um die Bruxa abzuschütteln, und die Hellhaarige auf ihr war tatsächlich schon so schwach, dass sie einfach mit fiel. Die Kurzhaarige aus dem Norden wälzte sich auf das knurrende Geschöpf und in ihrem bloßen, adrenalingelenkten Überlebenskampf erfasste sie den Schädel der Bruxa, die mit den nackten Füßen strampelte und dem Vampiröl erliegend verblutete. Anna hob den Kopf des Biestes an und schmetterte ihn dem steinharten Grund entgegen. Einmal, zweimal, immer wieder. Sie schrie zornig und donnerte das Haupt des Albinos auf den Boden, dass es knackte. Die Abenteurerin spürte, wie der Knochen unter ihren Fingern nachgab, wie die Schale eines zerbrochenen Eies. Noch einmal knallte sie den Kopf des toten Monsters nieder. Dann war es still. Auf dem laschen Körper der Bruxa sitzend atmete Anna schwer und ihre Schultern zitterten unkontrolliert. Sie versuchte zu Luft zu kommen, sich auf eine kontrollierte Atmung zu konzentrieren und nicht ihren Schmerzen zu unterliegen. Sie griff mechanisch nach dem Dolch, der noch in der Brust der Bestie steckte und zog jenen aus ihr heraus. Mit einem zugekniffenen Auge und zusammengebissenen Zähnen packte Anna an den Unterkiefer der leblosen Bruxa, öffnete deren Maul. Ihr die Zunge aus dem Rachen zerrend schnitt die Kriegerin und trennte das Organ damit vom Rest des hellen Körpers. Ein kraftloses Lächeln zog an den Lippen der Trankmischerin, deren Hemd seitlich rot getränkt war. Zufrieden steckte sie sich die Zunge der Vampirin in die Tasche und blinzelte benommen. Ein bebender Atemzug folgte, ehe sie auf dem toten Wesen zusammensacken wollte.

 

Anna wusste nicht, wie lange sie besinnungslos auf dem Bruxa-Kadaver gelegen hatte, doch als sie zu sich kam, war es dunkel. Nurmehr sehr wenige Kerzen ringsum brannten noch und die geplagte Frau konnte kaum sehen, als sie sich schwerfällig aufrappelte. Ihr Kreislauf rebellierte, sie erbrach sich. Schüttelfrost hatte sie ungnädig erfasst und brachte ihre Zähne dazu laut zu klappern. Sie war blass und schwach. Ihr war kalt. Doch… doch Anna hatte nun endlich, was sie brauchte. Sie hatte sich die Zunge der Albino-Vampirin geholt und ihr später als kleine Trophäe eine Haarsträhne abgeschnitten. Wie in Trance hatte sie das getan. Die versehrte Alchemistin hatte eines ihrer Trankfläschchen mit dem dunklen Blut der Toten gefüllt. Und… und jetzt müsste sie weg. Ja, sie müsste weg. Ganz schnell. Nur wohin? Ihr war schwindelig und sie hatte Durst. Sie konnte kaum sehen.

 

Leise Schritte weckten die braunhaarige Frau. Am feuchten Boden der modrigen Höhle kam sie zu sich, als sich im Halbdunkel jemand mit einer blendend hellen Fackel näherte. Wadenhohe Stiefel, grauer Stoff, zwei lange Messer und ein Silberschwert, eine behandschuhte Hand. Sie spürte, wie sie grob am Oberarm erwischt und lieblos zur Seite gedreht wurde, um genau betrachtet zu werden. Es tat weh. Alles schmerzte. Anna gab einen leisen, gelallten Protest von sich und schaffte es nicht den Kopf mehr als wenige Zentimeter weit anzuheben. Ein Katzenmedaillon, ein abfälliger Blick, ein belustigtes Schnauben. Das Arschloch lächelte kalt und ließ sie wieder los, als habe es soeben Müll angefasst. Die Glieder der verwundeten Alchemistin waren schwer wie Blei, als sie den Kopf wieder zurücksinken ließ und heiser ausatmete. Der Hexer ließ sie einfach liegen. Er würde sich die tote Bruxa holen und das Geld für sie einheimsen, ganz bestimmt.

“Bastard…”, murmelte die nur halb anwesende Kriegerin am Boden leise “Verdammter... Bastard.”

Doch der Kater ignorierte sie.

 

Der Morgen dämmerte schon, als Anna es schaffte die klamme, stockfinstere Höhle zu verlassen. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, während sie bei Saov ankam, der aufgeregt schnaubte und den Kopf hochwarf. Glücklich darüber seine Herrin wieder zu sehen rieb das Pferd die weiche Schnauze an deren Haar. Unverständliches murmelnd berührte die Kriegerin den warmen Hals ihres großen Tieres, erfasste dessen Mähne und wollte sich daran auf den Rücken des wartenden Pferdes ziehen. Doch es klappte nicht. Ihr fröstelnder Körper fühlte sich viel zu schwer an und ihre feuchten Hände waren so kraftlos, dass sie es nicht einmal schaffte die dicken Haare Saovs richtig zu umfassen. Angestrengt jammerte Anna in sich hinein. Kalter Schweiß klebte ihr die Haare an die Stirn und ihre wunden Lippen waren bleich. Sie wollte fluchen, doch fand keinen Atem mehr dafür. Stattdessen traten ihr im Fieber die Tränen in die Augen. Verbände wanden sich um einige ihrer Verletzungen und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass man sie ihr angelegt hatte. Vielleicht war der Kater ja zurückgekommen, um ihr zu helfen. Nur weswegen sollte jemand wie er so etwas tun?

 

Sie wusste nicht wie sie es geschafft hatte, doch nach einer langen Ewigkeit hatte Anna die Stadt erreicht. Die abgekämpfte Frau musste einen ganzen Tag dafür gebraucht haben, denn es war längst Nacht, als sie mit ihrem treuen Pferd am Zügel an den Rand Spallas kam. Sie funktionierte nurmehr, als sie vor Saov dahin wankte und immer wieder überfordert blinzelte und Blödsinn murmelte. Sie war auf ihrem Weg hierher oft umgefallen und hatte Bilder gesehen. Eigenartige Schemen, Monster und Leute, die manchmal flimmernd in der Luft gewabert waren. Sie hatte den schimpfenden Balthar erblickt, den fetten Wirt aus der Schänke in Kaer Trolde, eine lieb lächelnde Violeta und Hjaldrist, der sie umarmte. Waren diese Menschen echt gewesen? Anna wusste es nicht. Sie wusste gerade gar nichts und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Saure Galle stieg ihr in den Mund. Sie wollte schlafen. Wo war sie?

Zwei Stadtwachen liefen scheppernd auf die Blutverschmierte zu und jene bemerkte das nur noch am Rande. Deren Stimmen drangen an sie heran, als befänden sie sich ganz weit entfernt oder als hätte die Kämpferin Watte in den Ohren. Anna ließ die roten Lederzügel zwischen ihren Fingern nicht los, als sie auf ein Knie fiel und unruhig tänzelte ihr Wallach auf der Stelle. Irgendjemand fragte drängend etwas. Die Monsterjägerin konnte am rechten Ohr kaum etwas hören. ‘Kaum’? Nein, sie hörte darauf gar nichts mehr. Blut klebte ihr im Gesicht, am Arm, am Körper, überall. Jemand half ihr hoch und sie wunderte sich darüber, dass ihre Schmerzen plötzlich ganz langsam verflogen. Oh… wurde sie ohnmächtig…? Wahrscheinlich. Egal.

“Geht… geht schon...”, keuchte sie entrückt, als ihre müden Augen zufallen wollten. Mit der Seite voran stieß sie an einen der besorgten Gerüsteten und bemerkte dies nicht einmal. Aber… aber sie würde nicht sterben, nein. Sie würde sich vehement dagegen wehren zu verrecken. Sie war besser, als wegen ein paar Kratzern einzugehen, war dafür zu weit gekommen. Die Novigraderin würde leben und ihrem großen Traum eine Hexerin zu werden bald einen großen Schritt weit näher sein. Ganz sicher.

 

*

 

Es dauerte zwei Wochen, bis Anna wieder dazu fähig war aufrecht zu stehen. Die beiden aufgescheuchten Stadtwachen, die sie nach ihrem Kampf mit der weißen Bruxa vor den hohen Mauern Spallas abgefangen hatten, hatten die blutende Frau in das Lazarett der örtlichen Kirche gebracht. Da man nicht gewusst hatte, wer sie genau war und ob sie ihre Behandlung überhaupt bezahlen könnte, hatte man die ohnmächtige und schwerverletzte Monsterjägerin den Schwestern Meliteles übergeben. Diese frommen Weiber heilten schlussendlich umsonst und im Namen der Göttin des Lebens. Anna hatte erst Tage, nachdem sie die Vampirin Angrens getötet hatte, überhaupt realisiert, wo sie war und was geschehen sein musste. Als sie in der Krankenstation zum ersten Mal schreiend zu sich gekommen war, hatte sie gefiebert, aus allen Poren geschwitzt und halluziniert. Beim zweiten Mal hatte man sie davon abhalten müssen sich ganz verwirrt die Verbände abzunehmen, die man ihr um den Kopf, den Arm und die vernähte Taille gewickelt hatte. Beim dritten Mal hatte sie endlich kapiert, dass sie schwer verwundet war und Klosterschwestern über sie wachten. Sie hatte sich beruhigt und nachgegeben, stundenlang einfach nur dagelegen und vor sich hin gestarrt oder geschlafen. Die sanftmütigen Anhängerinnen der Melitele, deren Namen Anna nicht einmal wusste, hatten ihr das Leben gerettet. Und als man sie fünfzehn Tage nach ihrer Begegnung mit der ‘Weißen Hexe’ endlich entlassen hatte, hatte Anna den genügsamen Kirchenleuten ihr letztes Geld gegeben. Als Spende. Und aus Dankbarkeit. Sie war also wieder pleite. Abgesehen von den wertvollen Alchemiezutaten, die sie sich von der Bruxa geholt hatte und nicht verkaufen würde, hatte die Kriegerin nichts für das Erlegen dieser Bedrohung kassiert, denn tatsächlich hatte der verdammte Katzenhexer die horrende Belohnung abgestaubt. Ja, Anna war ihrem Lebensziel wieder einen kleinen Schritt näher gekommen und besaß Trankzutaten von unschätzbarem Wert, doch abgesehen davon war sie mittellos. Um unter einem Dach schlafen zu können und einen Bissen in den leeren Magen zu bekommen, hatte sie demnach als Aufpasserin einer der beiden Tavernen in Spalla angeheuert. Es war todlangweilig stundenlang am Schänkeneingang herumzustehen oder hier und da einmal irgendwelche volltrunkenen Randalierer aus dem Haus zu werfen, doch zumindest brachte es einen kleinen Lohn ein. Man hatte Anna sogar ein winziges Zimmer gegeben, das an eine Abstellkammer erinnerte. Und jenes war gerade groß genug, dass ein schmales Bett hineinpasste. Wenn die Novigraderin nicht arbeitete, saß sie auf eben jener brettharten Schlafgelegenheit und experimentierte herum oder las. Doch ihre Mittel waren sehr beschränkt und sie wusste: In der kommenden Zeit würde sie einen Platz finden müssen, an dem sie besser an ihren Forschungen arbeiten könnte. Sie bräuchte im Idealfall ein Labor, um die Absude herzustellen, die für ihren Körper als Kräuterprobe wirken könnten; Um das Rezept zu befolgen, das sie einst von Adlet bekommen hatte und um jenes für sich abzuändern. Ein schwieriges Vorhaben. Denn Alchemielabore fand man selten und wenn, dann bekam man als Fremder nicht so einfach Zugang zu ihnen. Anna versuchte diesen Gedanken vorerst noch beiseite zu schieben. Denn sie musste erst wieder etwas Geld verdienen, bevor sie überhaupt an das Weiterreisen denken könnte. Nebenher müsste sie sich noch erholen, bevor sie Spalla verließe. Denn nach wie vor schmerzte ihr Gesicht und die Wunden an den Wangen verheilten schlecht. Auch der tiefe Riss an ihrer Seite rebellierte jeden Morgen noch so stark, dass sie lange brauchte, um überhaupt aufstehen zu können. Völlig sicher gegen Monster zu kämpfen war momentan also nicht drin. Und daher war Anna gerade die Rausschmeißerin der ‘Lauschigen Einkehr’ nahe dem Stadttor. Die große Taverne war der erste Anlaufpunkt für alle, die hierherreisten und Informationen oder Verpflegung brauchten. Außerdem verfügte das Gasthaus über ganze zwölf Zimmer. Das war viel. Die Bude war zumeist zum Bersten voll. Besonders abends. Leider waren die Gäste aber auch sehr zivilisiert und die unzufriedene Monsterjägerin, die nahe der Eingangstüre an der Wand lehnte, hatte wenig zu tun. Mit verschränkten Armen stand sie da und beobachtete das Geschehen im stickigen Schankraum, in dem es nach Schweinebraten und Schweiß roch, müde. Es war schon spät und dennoch wurde noch Essen aufgetischt, musiziert und laut gelacht. Einige Händler hatten sich heute für eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier eingefunden und auch zwei, drei Söldner von außerhalb saßen an den Tischen und tranken Bier. Da war eine Bardin mit buntem Hut, die hüpfende Lieder auf einer Holzflöte spielte, und ein Städter, der in einer der dunkleren Ecken mit irgendeinem viel jüngeren Weib herum machte, das auf seinem Schoß saß. Bestimmt hatte er zuhause Frau und Kinder. Anna verzog das Gesicht angewidert und bereute das sogleich, als ihr ein stechender Schmerz durch die rechte Wange zog. Die sich kreuzenden Narben, die sich dort über die helle Haut zogen, waren unschön und meldeten sich immer wieder juckend oder quälend ziehend zu Wort. Die trockenen Lippen zusammenpressend, legte sich die Kurzhaarige die Hand an die versehrte Wange und schlug die Augen genervt nieder. Ihre Haut war ganz warm. Das war nicht gut.

Erst, als die knarrende Tavernentüre aufging und jemand eintrat, blickte Anna wieder auf und linste aus dem Augenwinkel zu dem weiteren Gast hin. Und hatte sie erst desinteressiert ausgesehen, so wurde sie schnell aufmerksamer. Denn sie kannte diesen Typen. Zwei lange Messer, ein Silberschwert. Das war der Hexer, der ihre Belohnung eingeheimst hatte ohne auch nur irgendetwas dafür zu tun. Oder jedenfalls… ohne zu handeln, wenn es um die gefährliche Bruxa ging. Denn die Vagabundin ahnte, nein WUSSTE, dass er sich in irgendeiner Weise um Anna gekümmert haben musste, als sie ohnmächtig in der Höhle der Blutsaugerin gelegen hatte. Ihre Verletzungen waren fatal gewesen und sie hätte schnell verbluten können. Das war sie aber nicht. Sie war nur BEINAHE draufgegangen und in einer hellen Sekunde ihrer Flucht vor dem Tod, hatte sie die frischen Bandagen an ihrem Körper bemerkt: Weiße Verbände um Arm, Taille und Gesicht. Sie hatte also nur Eins und Eins zusammenzählen müssen, um zu verstehen, dass der Kater, der gerade an ihr vorbei hielt, nicht das größte Arschloch war, das sie kannte. Er war ein Hurensohn, ja, aber er hatte ihr auch geholfen. Womöglich hatte er ihr auch das Leben gerettet, wer weiß? Und das hatte sich die 25-jährige Alchemistin gut gemerkt. Die Frau stellte sich wieder etwas gerader hin und ohne den Vatt’ghern anzusprechen, beobachtete sie ihn, als er sich im Gasthaus einen ruhigen Platz suchte. Er nahm seine graue Kapuze dabei nicht ab und Anna fielen Blutflecken an dessen Hose und den Stiefeln auf. Sie waren grünlich rot und stammten daher mit Sicherheit von einem Monster; einem Arachniden oder einer Archespore vielleicht. Offenbar kam der Kater gerade von der Arbeit. Er zog sich die ledernen Handschuhe aus, rieb sich die kalten Finger und widmete sich dann in aller Seelenruhe der fleckigen Speisekarte des Gasthauses. Sicherlich könnte er sich alles bestellen, das darauf stand. Schließlich hatte er für die Albino-Bruxa Silber kassiert; VIEL Silber. Ein Schatten huschte über das Gesicht Annas und sie sah wieder fort. Besser, sie dachte nicht zu viel darüber nach, dass sie arm wie eine Kirchenmaus war, während sich jemand anderes an IHRER ursprünglichen Belohnung bereicherte. Ja, Götter, hätte SIE das Geld für die seltene Vampirin bekommen, stünde sie jetzt nicht hier. Sie müsste nicht ewig als Schlägerin herumstehen, sich fadisieren und niedere Arbeiten verrichten, um irgendwann, in zwei, drei Wochen, genug Münzen beisammen zu haben, um guter Dinge weiterziehen zu können. 

Wieder lugte Anna finster zu dem Hexer, der unweit saß und gerade etwas zu trinken vor die Nase gestellt bekam. Manche der anwesenden Gäste gafften misstrauisch in seine Richtung. Ein dicklicher Mann wechselte sogar den Tisch, um nicht so nah bei dem Anderling sitzen zu müssen. Anna rollte mit den braunen Augen. Sie atmete entnervt durch. Und dann - sie wusste auch nicht so recht, ob es überhaupt eine gute Idee war dies zu tun - setzte sie sich spontan in Bewegung, um auf den Kater zuzugehen, der sein Medaillon ganz offen trug. Sie verließ ihren Platz nahe der Eingangstüre und trat direkt vor den abgegriffenen Tisch, an dem der sogenannte ‘Nachtmahr von Angren’, wie die Leute ihn schimpften, saß. Der Hexer sah nicht von seinen Aufzeichnungen auf, die er gerade las. Das musste er wohl nicht, um zu wissen, dass Anna vor ihm stand. Sicherlich hörte er gut genug, sodass er längst bemerkt hatte, dass sie es war. Mutanten, wie er, waren so. Sie erkannten Leute an deren Gangarten oder anhand von den Geräuschen, die ihre Ausrüstung beim Gehen verursachte. Anna hatte sich das früh von ihren Mentoren abgeschaut und versuchte es seither genauso zu machen, wie sie. Nur waren ihre Ohren bei weitem nicht so fein, wie die eines Hexers. Besonders jetzt nicht, da sie rechts noch immer kaum etwas hören konnte. Nach dem schrillen Schrei der Bruxa, war da nurmehr ein unangenehmes Rauschen in ihrem beleidigten Trommelfell, das sie auszublenden versuchte.

“Hey.”, machte die burschikose Frau, als sie den verfluchten Hexer anstarrte. Sie ballte die Hände leicht zu Fäusten, doch entspannte sie gleich wieder. Der Krieger sah nicht auf. Eine untersetzte Schankmagd brachte ihm sein Essen, doch er rührte es nicht an, sondern las einfach in aller Ruhe weiter. Anna verengte den Blick, griff nach der Stuhllehne der Sitzgelegenheit, die dem Kater gegenüber stand, und zog jene leicht zurück, um sich umgehend darauf niederzulassen. Noch immer wurde sie ignoriert. Das ärgerte sie. Und daher packte sie jetzt nach vorne, um dem Hexer einfach dessen in Leder gebundenes Notizbüchlein wegzunehmen. Ohne einen Blick darauf zu werfen, zog sie es ihm dreist aus der Hand, warf es unter den Tisch und stierte den Scheißhexer auffordernd an. Und dies überraschte den sonst unbehelligten Kater, zu dem ein jeder Abstand hielt, offenbar so sehr, dass er den Kopf tatsächlich hob. Ganz, ganz kurz sah er verdattert aus, doch dann lag Mordlust in den unmenschlichen Augen unter der weiten Kapuze. Viel mehr sah man von diesem Kerl nicht. Bloß einen dunklen Dreitagebart und eine braune, lange Strähne, die ihm irgendwo unter der Kopfbedeckung hervorlugte. Andere Leute hätten sich nun gefürchtet, so böse, wie der verschlagene Mutant gerade gaffte, doch Anna tat das nicht. Sie war unter Hexern groß geworden und von monstergleichen Augen angesehen zu werden, war für sie so normal, wie in das Gesicht eines jeden anderen zu blicken. Irgendwelche unheilverheißenden Titel schüchterten sie ähnlich wenig ein.

“‘Nachtmahr’, was?”, machte sie also herausfordernd “Was hast du angestellt, dass man dich so nennt?”

Der konfrontierte Vatt’ghern schwieg. Und unter dem Tisch zog er sein Buch mit dem Fuß an sich. Seine eisige Miene wurde derweil nicht viel freundlicher. Oh, er hasste Anna jetzt schon, wie? War ihr egal. Sie schnaufte, als sie freudlos lächelte, und sie taxierte den Krieger eingehend. Es war eigenartig. Er hatte dieselbe Ausstrahlung, wie Joris. Diese Erscheinung, die einem irgendwie eine üble Vorahnung aufdrängen wollte. Dabei war Anna doch längst nicht mehr der Meinung, dass sie unbedingt Angst vor den Katzen haben sollte. Sie fürchtete sich auch tatsächlich nicht. Aber irgendetwas hing an diesem Mann, das sich absolut verdreht anfühlte.

“Du bist mutig.”, antwortete der Hexer nach einer Weile der angespannten Stille und sein Unterton war leise drohend “Übermütig, wie ich finde. So etwas tut dir nicht gut, Kleine, wie du vor Kurzem erfahren musstest...”

“Und du bist nicht so ätzend, wie du tust, vermute ich.”, schoss Anna zurück. Auf dies hin verstummte der Typ wieder. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass man ihm nun wegen eines gestohlenen Monsterauftrages blöd käme. Doch darauf war die Novigraderin am Tisch nicht aus. Sie war klug genug sich nicht mit einem unberechenbaren Hexer einer verrufenen Zunft anzulegen. Sie wusste vielleicht teils, wie diese Leute tickten, doch sie wusste auch, wie sie kämpften. Hätte die den Kater angegriffen, hätte der sie schneller fertig gemacht, als sie ‘Bruxa’ hätte sagen können. Ein Aard, ein gezieltes Igni und Anna wäre tot gewesen; ein Klumpen verkohlten Fleisches. Der mysteriöse Vatt’ghern hätte nicht einmal nach seinen Klingen greifen müssen.

“Ich habe kurz darüber nachgedacht, dir ein paar Kupfer für die Verbände vor die Nase zu werfen.”, setzte Anna aufrichtig fort “Aber dann ist mir eingefallen, dass du meine Belohnung kassiert hast und du dir dafür sicherlich genug Bandagen kaufen kannst. Wir sind also quitt, Mistkerl.”

Der bedrängte Hexer kräuselte die Brauen und musterte die Jüngere, als suche er in deren Gesicht nach irgendetwas. Es war unangenehm. Hatte die Alchemistin im roten Gambeson es früher schon nicht gemocht, dass man sie zu lange ansah, ertrug sie es jetzt ob ihrer Narben kaum mehr. Sie trug jene nicht mit Stolz. Sie fand sie hässlich.

“Und eine große Klappe hast du auch noch…”, sagte der Kater zögerlich, doch weniger feindselig, als noch zuvor. Anna ignorierte das.

“Kennst du Joris?”, wollte sie direkt wissen und der Mann zog die schmalen Brauen unter der Kapuze noch weiter zusammen.

“Wer fragt das?”

“Eine Freu-... Verbündete.”

Verächtlich und schief lächelte der Vatt’ghern jetzt. Er legte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich Anna ganz leicht entgegen.

“Wenn du nach einem Angriff einer Bruxa beinahe stirbst, solltest du keine Jagd auf Hexer machen, Kleine.”, fand er und ganz offenkundig traute er Anna ganz und gar nicht über den Weg. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.

“Ich habe keine Maske auf… eure Häscher aber schon.”, meinte sie verheißungsvoll und sah den Dunkelhaarigen auf diese Äußerung besonders aufmerksam an. Da war eine kleine, alarmierte Regung in seinem Blick und sein Mundwinkel zuckte pikiert.

“Und nebenher bin ich auf eurer Seite. Du hast mein Medaillon sicherlich gesehen, als du mich verarztet hast.”, ergänzte Anna. Mittlerweile war sie ernst, denn das Thema war ihr wichtig. JORIS war wichtig, denn er hatte ihr einst versprochen ihr zu helfen. In gewisser Weise hoffte sie noch immer darauf die Rezepturen der Katzenschule zu bekommen. Und daher sprach sie hier gerade auch mit dem Mutanten, anstatt ihn einfach nur grimmig anzustarren und ihn für das zu verabscheuen, was er getan hatte. Sie war eigennützig und das bewusst.

“Hast du jemals die Geschichten von Leo Bonhart gehört?”, fragte der Hexer nach.

“Nein.”

“Er hatte zu Lebzeiten auch ein paar Hexeramulette bei sich, obwohl er selbst keiner war.”, kam es seinerseits hintergründig und die anwesende Giftmischerin konnte sich zusammenreimen, was der Kater damit meinte. Dieser Bonhart musste ein Kopfgeldjäger gewesen sein, der Jagd auf Vatt’ghern und dergleichen gemacht und deren Amulette als Trophäen behalten hatte. Er war sicherlich tot, so, wie der brummige Krieger hier von ihm erzählte. Anna gab einen leisen, belustigten Laut von sich.

“Und ich dachte, ich sei manchmal paranoid…”, kommentierte sie. Sollte sie sich vielleicht geehrt fühlen, weil das Kätzchen es ihr zutraute, dass sie einen Wolfshexer getötet hatte, um an dessen Kette zu kommen?

“Joris war einmal einer meiner Gefährten. Das, bis in Toussaint maskierte Psychopathen aufgetaucht sind, die ihn einfangen wollten. Er ist geflohen und ich habe ihn seither nie wieder gesehen. Das ist nun etwa ein Jahr her.”, sagte Anna, als sie sich schwerfällig erhob. Sie sollte an die Arbeit zurückgehen, bevor der Wirt zum Zetern anfing. Er sah schon die ganze Zeit über recht verzwickt her.

“Richte ihm jedenfalls Grüße von mir aus, wenn du ihn siehst. Und erinnere ihn daran, dass er mir etwas versprochen hat.”, schloss Anna ihre sehr einseitige Ansprache noch. Dann wandte sie sich ab und ging wieder an ihren Platz nahe dem Eingang zurück. Dort blieb sie noch ein, zwei Stunden lange, bevor es in der Taverne allmählich immer ruhiger wurde. Langsam verschwanden die Gäste, denn es war längst nach Mitternacht. Und auch der Kater erhob sich, verstaute sein Büchlein in seiner Tasche und sah aus, als ginge er gleich. Anstatt das Gasthaus jedoch sofort zu verlassen, hielt er neben Anna und sah sie nicht an, als er sie unerwarteterweise ansprach.

“Ich weiß nicht, wo er ist.”, gab er zu “Ich habe ihn vor über drei Jahren zum letzten Mal gesehen.”

Anna horchte auf und betrachtete den Älteren abwägend. Es war überraschend wie einerlei ihr dessen Anwesenheit gerade war, obwohl er ihr indirekt sehr viel Geld gestohlen hatte. Sie verkniff sich ein Seufzen.

“Er wollte nach Schrödinger suchen.”, sagte sie und mehr wusste die Frau wahrlich nicht “Falls du weißt, wo der sich aufhält, findest du ihn vielleicht.”

Von der Seite aus sah der Vatt’ghern unter seiner Kapuze her. Und sein Blick sprach davon, dass er genau so viel von Schrödinger’s Verbleib wusste, wie von Joris’. Das war schade; Für ihn, sowie auch für Anna, die es sich erhofft hatte wieder Kontakt zu ihrem früheren Lehrer in Hexerzeichen-Dingen zu bekommen. Denn was sollte sie schon mit dessen Kollegen hier anfangen? Es wäre gutgläubig zu denken, er würde sie in irgendeiner Weise unterstützen wollen. Wie gesagt waren sie beide quitt. Und das wars.

“Wie heißt du?”, wollte der Kater wissen und anders als er, war die Kräuterkundige nicht übervorsichtig. Warum hätte sie das auch sein sollen? Hinter IHR war schließlich niemand her und ihr Name war hier, außerhalb von Undvik, kein großer.

“Anna.”, sagte sie also schlicht. Der Kater nickte ganz schwach.

“Welche Masken hatten die Kopfgeldjäger, die hinter Joris her waren?”

“Tierschädel.”

“Welche genau?”

Anna zögerte auf dieses genauere Nachhaken kurz, doch dann hielt sie die Hand abwartend fordernd auf und schenkte dem neugierigen Kater einen vielsagenden Blick. Er atmete tief durch die Nase aus, doch fasste dann in seine Tasche, um daraus ein paar Münzen hervorzufischen. Der Mann gab sie seiner Gesprächspartnerin tatsächlich. Leicht lächelte die Schwertkämpferin.

“Da waren ein Fuchs oder Wolf… ein Bär und eine Schlange.”, erinnerte sich die Kurzhaarige und überlegte angestrengt “Es gab noch eine Vierte… eine Frau. Ich bin mir bezüglich ihrer Maske nicht mehr ganz sicher, aber sie war eine Magierin.”

Der Kater verengte die Augen, als sage ihm dies was und als gefiele es ihm ganz und gar nicht. Hatte er die Söldner etwa auch schon einmal antreffen müssen?

“Sind sie so, wie dieser Bonhart?”, wollte die Alchemistin mit den Narben im Gesicht noch wissen und der Hexer mit der schweren Kapuze sah fort.

“Nein. Schlimmer...”, murmelte er trocken. Dann ging er.

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