kapitel 99 (Buch 4, 2)

EIN BRIEF

“Hjaldrist. Ich hoffe, mein Schreiben erreicht dich. Ich habe noch nie einen Brief über die weite See verschickt und bete dafür, dass das dumme Federvieh bald bei dir ankommt. Rate mal, wen ich vor wenigen Tagen ganz zufällig angetroffen habe? Arianna. Ja wirklich, ich konnte es kaum glauben! Und, bei meiner Ehre, ich war ganz schön überrascht darüber, dass ihr nicht mehr gemeinsam reist.”

 

Die dunklen Augen des Empfängers dieser Zeilen ließen den Brief in seinen kalten Händen nicht los. Er wusste nicht, wie oft er die Worte, die sich in feiner Schrift über fleckiges Papier zogen, nun schon im Kerzenschein gelesen hatte. Und dennoch konnte Hjaldrist nicht anders, als die Mitteilung vor sich anzustarren, als er da in dem elfisch gezimmerten Stuhl seiner Schreibstube hing. Er war heute, so, wie in den letzten Tagen auch, ohne jegliche böse Vorahnung an sein Tagwerk gegangen. Als Jarl hatte man viel zu tun und ehe Hjaldrist den Brief entfaltet hatte, den er nun festhielt, hatte er seinen jüngeren Bruder Haldorn und dessen Leute auf eine Erkundungsreise auf hoher See geschickt, einem Bauern, der seinen Hof an ein Feuer verloren hatte, eine Hütte nahe der Stadt versprochen und den frischen Rekruten der Wache beim Training im Regen zugesehen. Er hatte den jungen An Craite empfangen, mit jenem zu Mittag gegessen und über Berichten von mehreren Sichtungen von Eisriesen in West-Undvik gegrübelt. Und dann, zwischen all den alltäglichen, lokalen Problemchen und Angelegenheiten, hatte er ein Schreiben von Übersee in die Finger bekommen; datiert vor eineinhalb Wochen und signiert von Ravello, dem Lebemann und seinem alten Freund aus Beauclair. Der Jarl Undviks hätte nicht damit gerechnet so schnell wieder von jenem zu hören, zumal er angenommen hatte, der Ritter und Angsthase wisse nicht, wo Hjaldrist heute war. Doch noch weniger hätte er es erwartet, dass sein treuer Gefährte von früher die Frau treffen würde, die die Skellige-Inseln vor vier Monaten im Alleingang verlassen hatte. Ja, ausgerechnet sie. Es gab so, so viele Menschen auf der Welt und Ravello lief gerade ARIANNA über den Weg? Hjaldrist umklammerte das Papier in seinen feuchten Händen unbewusst fester, als er die geschwungenen Zeilen erneut las. So, als sei der Brief weit mehr als bloß schwarze Tinte auf ein paar Zetteln, die er nun schon seit geraumer Zeit anstarrte. Es fühlte sich so unwirklich an.

 

“Rate mal, wen ich vor wenigen Tagen ganz zufällig angetroffen habe? Arianna.”

 

Der Mann presste die trockenen Lippen fest aufeinander, als seine Miene so finster wurde, wie die verregnete Nacht, die sich längst über seine Heimat gelegt hatte. Und sein Blick blieb an dem Namen seiner ehemals besten Freundin hängen, die ihm vor viel zu vielen Tagen und Wochen einfach so den Rücken zugekehrt hatte. Sie war am eigentlich so illustren Abend seiner Jarlskrönung gegangen und das ohne jeglichen Abschied. Nahezu geflohen war sie während der fröhlichen Feierlichkeiten und hatte damit ein hartes Zeichen gesetzt: Anna hatte mit ihrem abrupten Verschwinden vom eisigen Undvik gezeigt, wie wenig sie im Grunde von Hjaldrist hielt. Dass das, was sie beide vier Jahre lang geteilt hatten, weniger wert war, als gar nichts. Einfach so hatte sie ihre Freundschaft abgetan, auf die der Axtkämpfer doch so viel gegeben hatte. Und sie hatte verächtlich darauf geschissen, dass Hjaldrist ihr damals, zur Neujahreswende törichterweise, doch tapfer, seine aufrichtige Liebe gestanden hatte. Oh, und es hatte wehgetan. Dass Arianna, diese dumme Närrin, gegangen war und sich nicht einmal bei ihrem vermeintlichen ‘Freund’ verabschiedet hatte, hatte irgendetwas in Hjaldrist getötet. Nach und nach war dieses Etwas, diese liebevolle Gutmütigkeit, abgestorben. Sie war die letzten Monate über erloschen, wie eine kleine Flamme im Eissturm. Und das war gut so. Es schützte das Gemüt des Skelligers seiner verflossenen, großen Liebe nicht weiter nachzuweinen und sich irrationale Vorwürfe zu machen. Hjaldrist hatte also geglaubt, den Namen seiner früheren Begleiterin aus dem Norden zu lesen, bewege heute absolut nichts mehr in ihm. Doch er hatte sich leider geirrt. Der Gedanke an die besagte Frau machte ihn vor allem wütend und rüttelte ihn auf. Und gleichzeitig verspürte er eine eigenartige, klammernde Ohnmacht, als seine leicht verengten Augen über die nächsten Absätze des Briefes wanderten. Über die, die davon erzählten, dass Ravello Arianna in Spalla, einer Stadt in Angren, angetroffen habe. Dass der nette Ritter der einzelgängerischen Alchemistin folgte, obwohl sie ihn behandelte, wie ein Stück Dreck:

 

“Unsere Hexerin wirkt unglaublich fremd und weicht mir stets aus, wenn ich sie auf dich anspreche. Was ist nur passiert? Vor zwei Tagen hat sie mir sogar die Nase blutig geschlagen, und geschrien, dass ich verschwinden soll. Dann hat sie mich richtig böse mit ihrem Dolch bedroht und gesagt, ich solle bloß aufpassen, da sie ja eine Mörderin sei. Eine Mörderin? Stell dir nur vor! Grundgütiger, ich dachte, sie bereitet meinem Leben ein jähes Ende! Oh, noch nie war sie so barsch zu mir...

Sonst war es doch immer so lustig mit Anna. Doch macht sie mir heute manchmal nur noch Angst, das sage ich dir. Trotzdem bleibe ich in ihrer Nähe, denn ich will ein guter Freund sein und mache mir große Sorgen.”

 

Eine Mörderin. Ja, es war etwas wie Ohnmacht und Unbeholfenheit, das Hjaldrist erfüllte, als er dies erneut las. Er lehnte sich etwas vor, um einen Ellbogen auf seine hölzerne Ablage zu stützen und fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht. Und zu seinem verhaltenem Zorn und dem Gefühl nichts unternehmen zu können, schlich sich eine schlimme Ahnung, denn…

 

“Anna handelt sich viel Ärger ein, isst zu wenig und hat lebensmüde Pläne. Ihr hübsches Gesicht ist vollkommen entstellt, sie trägt Verbände und ich weiß nicht wieso. Sie erzählt mir ja nichts. Und obwohl sie nicht wohlauf ist, will sie morgen schon weiterreisen, um irgendwo an der Seite Nilfgaards in den Krieg zu ziehen. Mit Nilfgaard, Hjaldrist! In den Krieg!

Bei meiner Ehre, ich glaube, aus dieser halsbrecherischen Schlacht halte ich mich besser heraus. Und ich hoffte so sehr, Anna täte das auch. Aber im Moment lässt sie sich leider von nichts und niemandem aufhalten. Ihre Verbissenheit ist wahrlich verrückt.

Oh, ich wünschte, du wärst hier und brächtest unsere Kumpanin wieder zur Besinnung, denn ich schaffe es nicht. Bestimmt könnte man dann wieder mehr Spaß mit ihr haben. So, wie früher. Fürwahr, ich vermisse diese Zeit mit euch beiden sehnlichst. Alles war so entspannt, du warst noch hier und Anna nicht solch ein Monster.”

 

Ein grauenvolles Bild tat sich längst vor dem inneren Auge des Jarls auf und seine Hände zitterten leicht. Er sah Arianna vor sich, wie er sie einer komplett entstellten Fratze und eiskalten, mordlustigen Augen wegen kaum wiedererkannte. Wie sie mit einer Maske aus dicken Narben und wundem Fleisch gegen eine übermächtige Armee der konservativen Spinner Radovids marschierte. Oh, die Arianna aus Ravello’s ehrlichem Bericht erkannte man kaum wieder. Was war nur aus ihr geworden, dieser Idiotin? Hjaldrist’s Zähne mahlten und er legte den knittrigen Brief Ravellos zögerlich auf den alten Tisch, über dem er mittlerweile gebeugt dasaß. Nur langsam schaffte er es das Schreiben endlich loszulassen und sein starrer Blick suchte wahllos einen kleinen Tintenfleck auf der antiken Tischablage, der irgendwo zwischen dicken Büchern, frischen Verträgen und der abgelegten Jarlskrone verwischt worden war. Hjaldrist fand Arianna, SEINE Anna von damals, in keinem geschriebenen Wort mehr wieder. Sie war ihm so unsäglich fremd. Das enttäuschte ihn auf unerklärliche Weise. Und erneut erlangte sein lauernder Ärger über diese selbstsüchtige Verräterin die Oberhand über die schleichende Angst um sie und den letzten Überbleibseln ihres Ichs. Ach, sollte die stupide Hexerin doch tun, was sie wollte. Sie ritt sich in ihr eigenes Verderben, so, wie sie es schon immer getan hatte, die kopflose Giftmischerin. Ja, womöglich würde sie im überstürzten Kampf gegen die Redanier sogar sterben, so überheblich, wie sie war. Es war Hjaldrist egal. Denn er kannte die ‘Anna’ aus Ravello’s Geschichte nicht. Er wusste kaum mehr, wer diese Frau war. Arianna Nowak von Novigrad war tot. Jedenfalls für ihn.

 

*

 

Es war nichts Neues, dass Hjaldrist schlecht schlief, denn seit weit mehr, als einem Jahr, wachte er regelmäßig schreiend auf. Doch seit drei Tagen ruhte er so gut wie kaum noch. Und dies lag nicht an seinen abscheulichen Träumen oder den Stimmen, die ihm in der Stille oft leise zuflüsterten. Es lag an Ravello’s Mitteilung und an den gierig haschenden Gedanken an die Abenteurerin. Obwohl er die entstellte, aggressive Monsterjägerin aus der Erzählung des Beauclairers nicht wiedererkannte, ging sie ihm nicht aus dem Kopf, und er konnte nichts gegen diesen Umstand tun. Gar nichts. Ach, natürlich war die Besagte dort draußen und nicht wirklich gestorben. Es war Hjaldrist klar gewesen, dass Anna irgendwo und ohne ihn durch die Weltgeschichte zog und ihr Ding tat. Dass sie vielleicht weiter nach der Kräuterprobe für Weibsvolk suche, Ungeheuer erledigte, um jedes Kupferstück kämpfen musste und in laute Prügeleien geriet. Doch nun, nach den bildlichen, sorgenvollen Schilderungen seines Kumpels aus Toussaint, wusste der Axtkämpfer, wo er die burschikose Kriegerin sehr bald finden könnte. Dass sie in der Tat ‘da’ war und man sie sogar wiedersehen könnte, wenn man es nur darauf anlegte: 

 

“Eigentlich wollte unsere Hexerin nach Bogenwald gehen, weil sie dort sehr dringend mit irgendeinem Lando sprechen muss. Worüber weiß ich nicht. Aber jetzt will sie erst einmal mit den Nilfgaardern gehen, bevor es sie dorthin zieht. Offenbar zahlen die wirklich gut.”

 

Bogenwald. Würde Anna in der Schlacht gegen Radovid’s Leute nicht umkommen, wäre sie in sieben bis acht Wochen dort. Hjaldrist kannte dieses verschlafene Dorf Siofras; er wusste, wie man dorthin kam und dass er nicht so lange bräuchte, um es zu erreichen. Bis vor drei Tagen war ihm Anna also wie ein nebelhafter Schemen erschienen. Wie irgendjemand, der irgendwo war und den man niemals mehr erreichen könnte. Ein Schatten, ungreifbar fern, und gezwungenermaßen für das Vergessen bestimmt. Doch nun war dem auf einmal nicht mehr so. Jetzt mutete es an, als sei die entschwundene Hexerin ganz plötzlich so… so verdammt nah. Und dieses Gefühl raubte Hjaldrist den Schlaf und die innere, grimmige Ruhe, die er seit dem hinterhältigen Verschwinden seiner Kumpanin so mühsam wiedererringen hatte müssen. Es beschäftigte ihn so sehr, dass er sich selbst dafür hasste. Denn warum war ihm Anna’s Verbleib denn nicht vollkommen einerlei? Warum scherte er sich trotz allem noch so sehr um die, die Ravello als verkrüppelte Furie beschrieben hatte? Weil Hjaldrist sich nie von ihr verabschieden hatte können? Es war doch so gewesen, als sei seine beste Freundin damals, nach dem Aufstand in Caer Gvalch’ca, unerwartet verstorben. Als wäre sie auf einmal eine Leiche gewesen, die er vor ihrer Beisetzung weder ein letztes Mal gesehen hatte, noch der er Lebewohl hatte sagen können. Sie beide hatten seit Neujahr ja nicht einmal mehr ein Wort über das Liebesgeständnis des verzweifelten Undvikers verloren, ihre Standpunkte nicht geklärt und alles betreten totgeschwiegen. Es hatte keine Aussprache gegeben, keinen klaren Schlussstrich. Dieser wichtige Abschluss, das endgültige Abhaken, fehlte Hjaldrist heute sehr und umso länger er wach lag und an die dunkle Zimmerdecke starrte, desto mehr sehnte er sich danach einfach ein eindeutiges Ende zu setzen. Das Bewusstsein darüber, dass sich ihm die wahrhaftig einmalige Gelegenheit bot Anna ein allerletztes Mal wieder zu sehen, haschte also mit spitzen Fingern nach ihm, biss ihn und brachte ihn vollkommen durcheinander. Ja, er könnte sie noch einmal sehen, ein letztes Mal mit ihr sprechen. Sie wäre bald in Bogenwald und er müsste sie nur aufsuchen. Es wäre so simpel. Eigentlich, denn: Sieben bis acht Wochen. Mehr blieb dem gerade so wirren Jarl Undviks nicht, wenn er seiner früheren Weggefährtin Lebewohl sagen und damit seinen Seelenfrieden finden wollte. Es war im Grunde solch ein kurzer Zeitraum und der Gedanke daran drohte ihn noch zu zerquetschen. Er müsste handeln und zwar bald.

Hjaldrist setzte sich in seinem Bett voller weicher, wärmender Felle abrupt auf und richtete die Augen starr in die Finsternis vor sich. Munin, einer der großen, zotteligen Familienhunde, der am Bettende ruhte, hob den Kopf kurz verschlafen an, doch senkte ihn gleich wieder und schnaufte müde. Hjaldrist hing das Hemd etwas schief vom Körper und ein kalter Windzug kam von dem einen, geöffneten Turmfenster gegenüber. Es war ihm gleichgültig, denn seine einnehmenden Gedanken rasten in seinem brummenden Schädel wild umher und raubten ihm all das restliche Denken und Fühlen. Hjaldrist’s Blick wanderte, obwohl er im nächtlichen Raum kaum etwas zu sehen vermochte. Und immer wieder gingen ihm die geschriebenen Zeilen Ravello’s durch den Kopf, während er entfernt hören konnte, wie die brausenden Wellen gegen die Klippen vor der Stadt tosten:

 

“Skellige ist sehr weit weg, ich weiß. Doch im Gegenzug zu uns hast du sicherlich die Mittel und das Wissen schnell über das wilde Meer zu kommen. Hast du denn ein eigenes Schiff? Ich weiß nicht, wo die Schlacht gegen die Redanier ausgetragen werden wird, aber vielleicht schaffst du es ja zu Arianna und zu mir aufzuholen, wenn wir danach in Bogenwald ankommen. Ich habe die Landkarten studiert und gesehen, dass es dort in der Nähe einen kleinen Hafen gibt. Wenn alles gut geht - wofür ich jeden Tag bete - sind wir wohl in etwa sieben oder acht Wochen dort. Ich werde versuchen Anna unter Vorwänden in dem Ort festzuhalten, kann dir aber nicht versprechen, dass es funktioniert. Du kennst sie und ihre wankelmütige Reiselust ja. Also beeil dich, in Ordnung?”

 

Was sollte der Skelliger bloß tun? Er würde es später bereuen, würde er nicht bald losziehen, um Anna noch einmal zu sehen, nicht wahr? Daher musste er los. Nein, er WOLLTE. Er wollte die Giftmischerin, die ihm verloren gegangen war, treffen. Er gierte nach einem Abschluss von etwas, das ihm schon so lange quälend nagend im Nacken saß. Der Mann wollte ein Ende seiner langen Grübeleien rund um die Frau aus Novigrad. Denn ganz ehrlich? Jene beherrschten ihn manchmal, in einsamen und harten Stunden, noch immer und das viel zu sehr. Sie machten ihm Angst oder Sorgen, schürten den Ärger in ihm und brachten ihn dazu zu hinterfragen: Liebte er Anna irgendwo ganz tief in sich noch? Er hatte keine Ahnung und wollte gar nicht weiter darüber nachdenken. Was Hjaldrist aber wusste war, dass er diese wankelmütige Alchemistin nicht mehr durch einen verzerrten Schleier sah, der sie zu einem unfehlbaren, wundervollen und großen Geschöpf machte. Hjaldrist war nicht mehr so naiv und so heillos verliebt. Sein Denken war klar, wenn er die Fehlbarkeit seiner damaligen Freundin bedachte, ihre Sturheit, das unberechenbare Verhalten und ihr großes Maul, das sie vor ihren eigenen, tiefgreifenden Unsicherheiten beschützte, von denen sie so viele besaß. Und so sehr er Anna auch für ihre manchmal so dämliche Art hasste, so wünschte er ihr am Ende nichts Schlechtes. Ja, der Jarl verfluchte dieses Unglück auf zwei Beinen für das, was es angestellt hatte. Dafür, dass es ihm das Herz ruchlos und selbstsüchtig zertrümmert hatte. Er hasste Anna manchmal nahezu abgöttisch dafür. Und dennoch: Sie sollte ihren Weg finden und glücklich werden. Das wünschte er sich für sie und das wollte er ihr auch zeigen. So viel Scheiße die Kurzhaarige auch gebaut hatte, so schön und unersetzbar war die viel zu kurze Zeit mit ihr auch gewesen. Das gemeinsame Reisen, die Feierlichkeiten in Novigrad oder dem Caed Myrkwid, die Spieleabende in den Tavernen, die feucht-fröhlichen Jagd auf Monster oder die unbeholfenen, doch beruhigenden Worte, nachdem Anna ihren besten Freund einmal wieder aus seinen Albträumen aufgeweckt hatte. 

Hjaldrist hatte sich in den letzten Wochen verändert. Was seine ehemalige Seelenverwandte ihm angetan hatte, hatte ihn verbittern lassen. Und dennoch steckte offenbar noch immer ein viel zu guter, aufrichtiger Kerl in ihm. Einer, der die Anna von früher wertschätzte und dies der andersartigen Anna von heute ein letztes Mal deutlich machen würde. Einer, der seine beste Freundin von damals liebte und die fremde Novigraderin von jetzt missachten wollte. Sein Entschluss stand demnach fest. Jetzt und hier, in seinem dunklen Zimmer, entschied sich der nervöse Undviker nach Siofra zu segeln. Er konnte nichts dagegen tun, dass ihm das Herz bei dem Gedanken daran schneller schlug und er schluckte schwer. Es wühlte ihn sehr auf daran zu denken in das kleine Dorf Bogenwald zu reisen und dort seiner Kumpanin von früher ganz offen gegenüberzutreten. Er müsste sich mental gut darauf vorbereiten, das ahnte er.

Wie Anna wohl reagieren würde, wenn sie ihn sah? Was würde sie sagen? Bestimmt würde sie völlig ignorant so tun, als kenne sie ihn nicht. Oder sie würde versuchen sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Vielleicht würde sie dies ja sogar schaffen und Hjaldrist würde sie überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Fliehen, das konnte diese verdammte Närrin doch so gut. Und wenn sie nicht abhauen würde, davonlaufen, dann würde sie vermutlich wütend werden, patzig und laut. So, wie sie es immer geworden war, wenn man sie in die Ecke gedrängt hatte. Sicherlich würde sie Hjaldrist anschreien und ihn beschuldigen, ihm starrsinnig anblaffen und ihn vielleicht genau so bedrohen, wie sie es mit Ravello getan hatte. Sie würde sich in eine Opferrolle flüchten, in der sie, die arme, bindungsängstliche Frau von einem Mann bedrängt wurde. Von einem, der ihr ihre über alles geliebte Freiheit entreißen wollte, und daher eine immense Bedrohung darstellte. Sie würde ihn von sich stoßen wollen, obwohl er längst nicht mehr danach trachtete ihr noch einmal nah zu kommen. Oh, so oder so, Anna würde ausrasten. Hjaldrist würde sie dafür verabscheuen und im selben Zug froh darüber sein eine endgültige Schlusslinie zu ziehen. Eine Annahme, die sich umso mehr verstärkte, desto länger der Jarl Undviks über die Phrasen im Brief Ravellos nachdachte. Bei Hemdall, die Hexerin hatte doch sogar den armen Kerl aus Beauclair angegriffen und bedroht. Diesen gutmütigen und harmlosen Deppen, der ihr nur helfen wollte, weil er ein guter Freund war. Welch ein grauenvoller Mensch war Anna nur geworden; wie egozentrisch und abwehrend? Ob sie auch so weit gehen würde ihre Waffen gegen Hjaldrist zu erheben? Man würde sehen. 

 

*

 

Damaryk von den Splitterinseln hatte einen enorm guten Ruf und war der beste Schmied, den man auf ganz Undvik finden konnte, dessen war sich Hjaldrist sicher. Und genau aus diesem Grund stand er nun in dessen kleiner Werkstätte am Rande der Stadt. Der alte Mann, der seinen verwaisten Enkel seit Jahren im Schmiedehandwerk unterrichtete, hatte ausgesehen, als fiele er in Ohnmacht, als er seinen Jarl erblickt hatte. Jener hatte unlängst an seine Türe geklopft. Hjaldrist war allein gekommen, ohne jedwelche, lästige Leibwachen, die er so und so niemals brauchte und störend fand. Es war ein sehr informeller Besuch und der Anführer der Clans der Winterinsel trug noch nicht einmal seinen prächtigen Fellumhang, den ihm seine Schwester Pavetta genäht hatte. Es war, als habe er unbemerkt hierherkommen wollen. Doch war dem tatsächlich so? Vielleicht ein wenig. Bei dem, was er vorhatte, verspürte er eine Art schlechtes Gewissen sich selbst und der Welt gegenüber und er wusste nicht genau, weswegen. Hjaldrist war sich einen Deut unsicher, doch er zeigte es nicht. Tat er hier gerade das richtige? Er hoffte es.

“Mein Jarl!”, entkam es dem alten Schmied mit dem langen, weißen Rauschebart und augenblicklich verfiel er in Hektik, als er sich daran machte seinen Besucher in sein spartanisches Heim zu führen “Was kann ich für dich tun? Und-... oh, Nils, bringe unserem Gast etwas von dem Honigwein! Aber von dem guten, na los!”

Der blonde Junge, der kaum dreizehn Jahre alt war und in der Schmiede vor dem großen Blasebalg stand, horchte auf, nickte eifrig und eilte los, um mit einem ‘Ja, Onkel!’ im Nebenraum zu verschwinden. Die Stimme des Lehrlings mit den wirren Haaren klang wie ein rostiges Ofenrohr und Hjaldrist verkniff sich ein Schmunzeln.

“Das ist nicht nötig.”, warf er ein und steckte sich die Hände in die Manteltaschen “Ich will deinen Schüler nicht von seiner Arbeit abhalten…”

“Was? Ach, schon gut!”, lachte der betagte Schmied ein wenig verunsichert und um die eigenartige Atmosphäre zu brechen, holte der Jarl Luft, um zu reden. Er kam sogleich auf den Punkt.

“Ich will, dass du mir ein Schwert schmiedest, Meister Damaryk. Ein Bastardschwert mit Runengravur, um genau zu sein.”, rückte er mit der Sprache heraus und sah, wie der Ergraute sofort ganz große Augen machte.

“Ein Schwert?”, fragte der verblüffte Handwerker mit der Lederschürze und man sah in seinem wachen Blick, dass sein ungeteiltes Interesse geweckt war. Nicht jeden Tag betrat der Jarl und gefeierte Held der Falchraites sein Haus und bat ihn persönlich darum eine Waffe anzufertigen. Der erfahrene Damaryk ahnte, dass es sich um eine besondere Angelegenheit handeln musste.

“Ein Silberschwert hätte ich gern.”, fügte Hjaldrist seiner vorigen Aufforderung hinzu “Ist das möglich?”

“Ein Hexerschwert?”, staunte der alte Schmied sofort und der anwesende Axtkämpfer spürte, wie ihm das Gemüt leichter wurde. Denn augenscheinlich kannte sich der kluge Alte tatsächlich aus, wenn es um seine Berufung ging. Welch ein Glück!

Nils kam wieder und stellte geschäftig einen Krug und zwei Humpen auf das schiefe Tischchen in einer der Ecken der uralten Schmiede. Viel Platz war dafür nicht übrig, denn überall lagen Werkzeuge, fertige und unvollendete Waffen herum. Die meisten der letzteren waren Äxte jeglicher Art oder Kurzschwerter, wie sie auf Skellige sehr populär waren. Simple, doch gute Stücke.

“Ja, ein ‘Hexerschwert’.”, bestätigte Hjaldrist schmal lächelnd und die Augen des alten Schmiedes glitzerten förmlich. Er mutete an, als wäre er plötzlich um Jahre jünger. Einen Atemzug später begann der Grauhaarige dann schon ausschweifend zu erzählen:

“Mein Urururgroßvater fertigte einst zwei Schwerter für einen der Hexer der Bärenschule an. Für Gerd. Diese Waffen, die mein Ahne schmiedete, sind meiner Familie bis heute in guter Erinnerung!”, lächelte der Schmiedemeister mit stolz geschwellter Brust und erntete dafür einen überraschten Blick seitens seines unangekündigten Besuchers “Es waren ein Zweihänder aus feinstem Meteoritenstahl und ein langes Schwert aus einer noblen Silberlegierung, beschlagen mit Runensprüchen unserer besten Druiden! Jarl Torgeir, der Rote des Clan Tuirseach höchstpersönlich, gab die guten Stücke damals in Auftrag und erzählte, dass Hexer Gerd sein persönlicher Leibwächter sei. Angeblich waren sie beste Freunde und Brüder im Geiste. Es gibt sogar ein Lied darüber.”

Hjaldrist blinzelte erstaunt und wusste zunächst nicht, was sagen. Ein Jarl und ein Hexer waren einst sehr enge Gefährten gewesen? Er hatte noch nie davon gehört und unweigerlich musste er wieder an das barsche Elend aus Novigrad denken. Wie es heute wohl wäre, wäre Anna damals auf Undvik geblieben und nicht weggelaufen? Würde sie noch immer an der Seite Hjaldrist’s kämpfen und grinsend so tun, als sei sie seine Leibwache, damit er seine überflüssigen Wächter abkommandieren könnte? Eine lustige Vorstellung…

Hjaldrist biss die Zähne zusammen und atmete durch die Nase aus, als sein Blick kurz wanderte. Er verdrängte seine lächerlichen Fantasien und die Bilder von früher aus seinem Schädel, denn sie hatten kaum mehr Gewicht. Nur langsam fand er seine Stimme wieder, räusperte sich leise.

“Ja. Ja, genau. So ein Silberschwert hätte ich gerne.”, nickte er dann, als er das Standbein unruhig wechselte.

“Oh, ich hätte mir nie erträumt einmal solch eine Waffe schmieden zu dürfen!”, freute sich Damaryk und auch Nils, der den Hals lang gemacht hatte, um den anwesenden Jarl ganz genau zu mustern, staunte mit großen Augen. 

“Bist du auch mit einem Hexer befreundet? So, wie es Jarl Torgeir einst war?”, fragte der zappelige Junge aus dem Hintergrund vorlaut und sofort maß ihn sein Onkel mit mahnenden Blicken. Doch Hjaldrist winkte ab und zwang sich zu einem milden Lächeln.

“Naja… kann man nicht so sagen. Aber es soll dennoch ein Geschenk für einen werden, ja.”, erläuterte er und sein Ausdruck verhärtete sich wieder um ein Stück. Ein Abschiedsgeschenk, dachte er nämlich. Für Anna. Sie hatte sich immer ein Silberschwert gewünscht, jedoch klarerweise nie genug Geld besessen, um sich eines leisten zu können. Nun würde sie eines bekommen, sollte sie nicht voreilig aus Bogenwald fliehen, und es würde ein letztes Andenken an eine längst vergangene, unheimlich gute Freundschaft sein. Ein Memento. Hjaldrist wollte abschließen, sich gebührend verabschieden. Und gleichzeitig wollte er, dass die Frau, deren verwerfliche Taten er verabscheute, in Zukunft besser durch das bedauernswerte Leben kam. Mit einem Schwert aus Silber würde sie das sicherlich. Sie würde damit mehr Münzen verdienen können, da sie effektiver auf Monsterjagd gehen könnte. Und vielleicht würde sie dabei nie wieder in eine heikle Situation geraten, in der ihr ein Untier das Gesicht entstellte, weil es ihr an Reichweite im Kampf fehlte. Denn genau so musste sie sich ihre angeblichen Verwundungen doch zugezogen haben. Kein Mensch hätte es je geschafft jemandem wie ihr Wangen, Kinn und Stirn aufzureißen.

“Ich verstehe. Ein teures Geschenk!”, befand Damaryk lieb, als habe Hjaldrist seine vorigen Gedanken laut ausgesprochen, und riss den dunkelhaarigen Axtkämpfer damit aus seinen unguten Grübeleien zurück in das Hier und Jetzt.

“Mh. Geld spielt keine Rolle.”, entkam es dem Jarl schnell und er musste nicht einmal darüber nachdenken, was er sagte. Geld war tatsächlich nicht wichtig. Nicht mehr, denn er hatte jetzt genug davon. Und obwohl er mit irrsinnig gemischten Gefühlen an die dachte, die ihn allein gelassen hatte, hätte er ihr sein halbes Vermögen geschenkt. Ein Silberschwert war im Gegenzug nichts. Tse. War Hjaldrist ein hoffnungsloser Tor? Vermutlich.

“Ich verstehe.”, der Schmied betrachtete seinen Kunden zufrieden und schlug die schwieligen, rußigen Handflächen froh aufeinander, da er frei arbeiten könnte. Ja, er dürfte die besten Materialien verwenden, um das neue Silberschwert zu fertigen, und würde kaum Einschränkungen erfahren. Er freute sich aus diesem Grund zusehends, denn sein Tagwerk bestand bestimmt daraus nur gewöhnliche Waffen für normale Krieger herzustellen. Keine sündhaft teuren Bastardschwerter für Monsterjäger. Es war eine neue, gute Herausforderung.

“Wie lange wirst du brauchen?”, wollte der Jarl nurmehr wissen.

“Gebe mir zwei Wochen! Und nun setze dich. Trink mit mir. Wir sollten meine Aufgabe, die du für mich hast, ganz genau besprechen.”, bat der Alte und nach einem kurzen Zögern nickte Hjaldrist schließlich. Zwei Wochen. Nach dieser Zeit blieben ihm noch mehr als dreißig Tage, um rechtzeitig nach Bogenwald zu kommen. Für ein Schiff der Skellige-Inseln war das absolut kein Problem. Vor allem nicht für das Boot des Jarls, denn jenes galt zurzeit als das schnellste von allen. Ja, Hjaldrist musste bei dem Gedanken grinsen. Mit der ‘Seefuchs’ würde er es binnen einem Monat ganz locker einmal nach Siofra und wieder zurück schaffen.

 

*

 

“Haldorn!”, Hjaldrist kam seinem jüngeren Bruder in der großen Halle der Falkenburg mit langen Schritten entgegen, durch deren hohe Fenster der erste Sonnenschein seit Tagen hereinfiel. Seine Miene sprach von unglaublicher, befreiender Erleichterung, als er den ruppigen Seemann sah, der just von seiner langen Reise zurückgekehrt war, und sein Mantel bauschte sich leicht im Gehen.

“Bruder!”, lachte der verdreckte Jüngere mit den dunklen Haaren feixend, als man so aufgeregt auf ihn zulief. Seine Schultern zierte ein braunes, zotteliges Bärenfell, das von seinem Stand erzählte und sein Gewand zeigte die Farben seines Clans: Blau und Grün. Und dennoch hätten die zwei Geschwister, die in der Festung Undviks hausten, nicht unterschiedlicher wirken können. Die Hose des einen war an den Knien vollkommen verdeckt, während der andere ein schlichtes, doch schönes Gewand trug. Der jüngere Bruder ließ sich die strubbeligen Haare stets kurz schneiden, während die des älteren lang und ordentlich geflochten über dessen Nacken fielen. Haldorn war ein rauer Pirat und Schläger, Hjaldrist ein Mann mit feinen Zügen, der eher redete, anstatt zu kämpfen.

“Dass du einmal SO froh wärst, mich zu sehen…!”, staunte der Neuankömmling witzelnd und breitete die Arme einladend aus. Dem Jarl entkam auf diese Äußerung hin ein entnervter Laut, doch dann musste er schief grinsen. Haldorn, der nach seiner wochenlangen Abwesenheit nicht nach skellischem Adel aussah und noch weniger danach roch, schloss Hjaldrist in eine enge, geschwisterliche Umarmung. Er drückte jenen so herzlich, dass er laut ächzen musste.

“Du wirst nicht glauben, was ich während meiner Erkundungen gesehen habe!”, plapperte der gröbere Kerl im Bunde sogleich und ließ seinen älteren, doch zierlicheren Bruder wieder los. Haldorn gestikulierte folgend ausschweifend und biss sich wölfisch lächelnd auf die Lippe.

“Nackte Weiber auf einer Insel! Die haben vielleicht schön gesungen, das sage ich dir!”, tönte der Seeräuber nach einer kurzen Kunstpause “Aber als wir näher kamen-”

“Haldorn.”, unterbrach Hjaldrist sein gesprächiges Gegenüber drängend und klang dabei so ernst, dass der Pirat in seiner Erzählung über säuselnde Nymphen sofort innehielt und aufhorchte “Du musst mir helfen.”

“Wie?”, machte Haldorn mit dunkler Vorahnung im Blick und wollte sich schon die dreckigen Ärmel hochkrempeln “Helfen? Wobei? Hat dich etwa wer verprügelt?”

“Ver-... was?”, schnappte der vor den Kopf gestoßene Jarl pikiert und ballte die Hände unweigerlich zu Fäusten “Nein, du Idiot! Oh, bei Freya’s Titten! Du musst mit mir segeln!”

“Wohin?”, hakte der Schlägertyp gleich neugierig nach und seine Brauen wanderten perplex in die Höhe “Ich bin gerade erst wieder heimgekehrt. Ich war seit dem Tag nach deiner Krönung unterwegs...”

“Ja, ich weiß…”, seufzte Hjaldrist bedauernd und wich dem Blick seines Bruders unwohl aus. Seine geballten Finger lockerten sich wieder ein Stück weit und er fuhr sich mit einer Hand durch den Nacken. Ja, Haldorn war endlich heimgekommen. Und er hatte ihn ganz ungeduldig erwartet, denn sein Plan direkt gen Siofra zu reisen, hatte sich leicht verschoben. Bevor er nach Bogenwald wollte, um Anna zu sehen, hieß es nämlich ein paar redanische Schiffe zu versenken und das kostete Zeit. Zeit, die der Jarl noch vor Siofra unbedingt erübrigen MUSSTE, denn es ging um das Überleben von vermeintlichen Verbündeten. Und: Hjaldrist war zwar ein begnadeter Segler, doch niemand überquerte das Meer so schnell und souverän, wie Haldorn und dessen Mannschaft es taten. Daher hatte er wie auf heißen Kohlen sitzend auf sie gewartet. Diese harschen Kerle verbrachten schlussendlich ihre halbe Lebenszeit auf hoher See und kannten jene demnach in- und auswendig. WENN es Hjaldrist nach einer Seeschlacht vor dem Festland noch rechtzeitig nach Siofra schaffen wollte, dann mit seinem Bruder und dessen verlausten Freunden. Er müsste sie einspannen, sonst könnte er es vergessen zu Ravello und Anna aufzuschließen. Der Mann würde seine einzige Gelegenheit der Hexerin ihr neues Silberschwert zu geben, schlicht verpassen.

“Also?”, Haldorn stemmte sich die behandschuhten Hände erwartungsvoll in die Seiten und beugte sich etwas vor “Was ist nun? Warum so nervös? Wo willst du hin? Raus damit, du Gulaschkessel!”

“Wir müssen an die Küste von Verden. Ein Hilferuf eines Freundes erreichte mich letzte Woche. Und danach… will ich nach Siofra.”, entkam es Hjaldrist dann und er versuchte möglichst entschlossen zu klingen. Er suchte Augenkontakt und überhörte die dümmliche Möchtegern-Beschimpfung des anderen Kriegers todernsten Blickes.

“Nach Siofra-wo?”, wollte der jüngere der Brüder wissen “Nie gehört. Und was ist denn vor Verden? Du bist ja richtig geschäftig.”

“Redanische Schiffe liegen vor Verden. Diese Mistkerle haben vor eine Hexerschule anzugreifen und der Gedanke gefällt mir nicht. Ein Freund von Siofra schickte mir einen Brief, in dem er um Unterstützung bat, da ich der einzige bin, der Schiffe stellen kann. Und dazu lasse ich mich nicht zweimal auffordern.”, eröffnete der Jarl und er bemerkte, wie sich ein ganz bestimmtes Funkeln in den Blick Haldorns schlich. Es war derselbe Ausdruck, der sich auch auf dessen Visage legte, wenn man ihn zum Kampf herausforderte. Der Pirat lachte donnernd auf, denn anders, als Hjaldrist war er ein unsagbar erfahrener Seeräuber. Der junge Jarl selbst war hingegen ein Diplomat und bisher noch nie in eine Schlacht zu Schiff gezogen. Deswegen brauchte er die Hilfe und den Rat Haldorns.

“Ha!”, machte der genannte Schläger überwältigt “Du willst einfach so in den Krieg ziehen? Gegen dieses verschissene Redanien? Und das ganz uneigennützig, um unpolitischen Verbündeten zu helfen?”

Hjaldrist linste mit gebeutelten Gefühlen in der Magengegend zu Haldorn hin, schluckte trocken. Er fühlte sich bescheuert und es hätte ihn nicht gewundert, hätte sein Geschwisterteil ihn nun als wahnsinnig bezeichnet. Er holte Luft, um seine Forderung dennoch selbstbewusst fortzusetzen.

“Ja… ich will helfen. Die religiösen Spinner der Ewigen Flamme wollen die Hexerschule niederreißen, weil sie in ihr eine Bedrohung sehen. Du weißt ja, wie diese Nordlinge sind. Jemand sieht nicht so aus oder denkt nicht so, wie sie, und sie kommen mit ihren Hassreden, Fackeln und Schwertern.”, sprach Hjaldrist brummig “Mein guter Freund Lado ist dort. Und nachdem er nach der Belagerung bestimmt zurück nach Bogenwald muss, könnten wir ihn mitnehmen. Ich schulde ihm noch was, denn er bot mir einst sehr, sehr lange Obdach.”

“Bogenwald?”, fragte Haldorn irritiert.

“Äh, ein Dorf auf Siofra.”

“Ach so.”, der ruchlose Pirat runzelte die Stirn, doch hörte nicht damit auf zu grinsen, als er das sagte. Und sein älterer, eigentlich friedlicherer Bruder sah ihn erwartungsvoll an. Denn er wollte Lado und den anderen Vatt’ghern helfen und ein Zeichen setzen. Ein Zeichen dafür, dass Undvik für Gleichberechtigung aller stand und keine Anderlinge ausschloss. Es war eine Herzensangelegenheit. Und… der Jarl wollte danach Anna sehen. Sie und auch Ravello. Unbedingt. Dass die Erstere vielleicht längst im Krieg gegen Radovid gefallen sein könnte, kam dem Dunkelhaarigen dabei nicht in den Sinn. Er MUSSTE schnell nach Bogenwald, nachdem er die Schiffe der Ewigen Flamme versenkt hätte, und dies war das einzige, woran er seit Tagen denken konnte. Er hörte seinen Bruder in sich hineinlachen.

“Bitte, Haldorn.”, endete der ältere der beiden Männer nun seine Ansprache. Und er bat, anstatt zu befehlen, obwohl er der Anführer des hiesigen Jarlshauses war. Schlussendlich sprach er hier mit einem Familienmitglied.

“Hmpf. Also schön, Brüderchen! Das Ganze klingt wie eine Herausforderung für Kapitän Haldorn Falchraite, den größten Seefahrer, den Skellige je gesehen hat!”, maulte Haldorn auf einmal erheitert, holte aus und haute dem keuchenden Hjaldrist beherzt auf das Kreuz “Naja. Und für seinen älteren, aber kleineren Bruder, der viel zu gern liest. Und, ähm, seinen Ersten Maat, der zu oft besoffen ist, dieser elende Kugelfisch. Bestimmt sitzt der Kerl gerade schon wieder in der Schänke.”

Der Gesichtsausdruck Hjaldrists erhellte sich beachtlich, als er den großmäuligen Haldorn betrachtete. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Nein, ein riesengroßer Felsen!

“Wann ziehen wir los?”, fragte der sehr spontane Haldorn voller Vorfreude im Ton und war nicht auf halbe Sachen aus. Das war er nie und deswegen schätzte der Jarl ihn so sehr.

“Am besten so bald, als möglich.”, entgegnete Hjaldrist froh und spürte, wie er ganz aufgeregt wurde. Ein breites Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. Oh, er kam sich vor, wie ein kleines Kind, das seinen Geburtstag nicht erwarten konnte. Dies, obwohl er sehr, sehr unwohlen Angelegenheiten entgegen segeln würde: Einer Schlacht. Und dem grimmigen Abschied von der Frau, die er einmal törichterweise als seine engste Freundin betrachtet hatte. Von der, die er nicht wiedererkennen würde, würde er ihr endlich gegenüberstehen.

“Nehmen wir dein Schiff?”, wollte Haldorn noch langsam wissen und taxierte Hjaldrist mit freudiger Erwartung. Schlussendlich war die Seefuchs das schnellste und beste Wassergefährt, das die Insel hergab; ein wahres Juwel der Bootbaukunst.

“Ja. Nehmen wir. Damit sind wir im Nu in Verden.”, versicherte der Jarl bestimmend und sein Bruder strahlte, wie ein Honigkuchenpferd. Haldorn rieb sich die rauen Hände und gab etwas von sich, das sich wie ein kleiner Siegeslaut anhörte. Noch nie hatte er am Steuer des nigelnagelneuen Jarlsschiffes gestanden und bestimmt war dies längst einer seiner geheimen Träume gewesen. Er fragte ja noch nicht einmal nach, warum Hjaldrist auf der bevorstehenden Reise auch nach Siofra reisen wollte. Es gab keine Bedingungen. Haldorn half einfach, weil er wusste, dass er gebraucht wurde. Er war ein guter Kerl. Vermutlich einer der besten.

“Ho! Wir fahren heute los! Was meinst du? Ich sage Dalgur, dem alten Sackgesicht, Bescheid!”, beschloss der Seemann und lachte triumphierend auf “Pack deine Sachen und gib Mutter noch einen dicken Kuss, wir haben eine lange Überfahrt vor uns!”

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